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1. Kapitel
Es gibt Träume die sich erfüllen
Und solche, die man begraben muss damit sie ewig leben
Sie war in der Innenstadt unterwegs, hatte ein paar Besorgungen gemacht und weilte mit ihren Gedanken bei Franz ihrem Lebensgefährten als das Schicksal schlagartig seinen Lauf nahm:
Ein links abbiegender Autofahrer übersah die Frau auf der Honda-Dax und riss sie von ihrem kleinen Motorrad. Schwerverletzte wurde Roswitha auf die Straße geschleudert und erfuhr später, sie sei mit ihren beidseitigen Trümmerbrüchen an den Beinen noch recht glimpflich davongekommen, da bei derartigen Motorradunfällen Querschnittlähmungen
nicht selten das traurige
Resultat bildeten.
Es erforderte mehrere Wochen Krankenhaus und etwa ein Jahr, bis sie wieder
einigermaßen auf
eigenen Beinen stehen konnte.
Sie war sie 36 Jahre alt. Ihre Ehe hatte nur drei Jahre gehalten und war im Grunde von Anbeginn zum Scheitern verurteilt gewesen,
da Roswitha sehr jung geheiratet hatte.
Der Lebensgefährte, mit dem sie danach sechs Jahre lang zusammen war, verließ sie fluchtartig, als sie nach dem Unfall
nicht mehr im Geschäft
mitarbeiten konnte.
Zu allem Überfluss machte sie Tochter Janine auch noch zur Großmutter,
doch Roswitha war vom ersten Augenblick an in diesen kleinen, blauäugigen
Wonneproppen René verliebt.
Als die Krankenkasse sie nach Bad Wiessee zur Kur schicken wollte, verspürte sie nicht die geringste Lust,
dort vier Wochen mit wildfremden
Menschen zu verbringen.
Nach einem Jahr konnte sie nun wieder ohne Krücken gehen. Noch etwas wackelig
aber das normale Leben hatte sie wieder. Endlich!
Was sollte sie also in einer Kur mit wildfremden Menschen. Da war das Angebot ihres
Onkels schon mehr nach ihrem Sinn:
,,Komm doch mit uns in die Türkei”, schlug der Bruder ihre Mutter vor.
Er verbrachte jedes Jahr
drei
Monate mit dem Caravan dort. „Türkei?“ überlegte Roswitha
Vor Jahren war sie in Istanbul gewesen. Besonders gefallen hatte es ihr damals nicht.
Griechenland
hätte da schon mehr ihren Wünschen entsprochen.
“Istanbul ist doch nicht die ganze Türkei”, konterte der Onkel und fing an, in
den höchsten Tönen von diesem Land zu schwärmen. Außerdem warf er ein böte die Türkei auch so eine Art Kururlaub für Roswitha.
Als die Reise dann nach einigem Hin und Her beschlossen war, stellte sich auch schon die Vorfreude darauf ein, und Mamas Wohnwagen wurde startklar gemacht.
Der Abreisetag wurde auf
den 26. März festgelegt.
Etwa zum selben Zeitpunkt bekam Roswithas Schwiegersohn in spe ein in Deutschland aufgewachsener Türke und im Grunde ein lieber Kerl, Schwierigkeiten mit der Polizei und musste für ein paar Monate ins Gefängnis.
Da Roswitha noch einen
wichtigen Termin bei der Versicherung wahrnehmen musste, fuhren Onkel, Tante und
Roswithas Mama mit den zwei Wohnwagen-Gespannen los. Sie selbst flog sie ein paar Tage später mit dem
Flugzeug nach Izmir hinterher.
Die Caravans waren dort auf einem schönen Campingplatz etwas außerhalb
Richtung Çeşme abgestellt.
Schon am nächsten Morgen ging die Reise nun gemeinsam weiter nach
Kuşadası.
Begeistert nahm Roswitha die neuen Eindrücke des Landes wahr: Palmen, wohin man
blickte, Menschen
auf Eseln reitend, sogar Bären tanzten auf den Straßen. Streckenweise waren die beiden
Caravans nahezu alleine auf dem Highway unterwegs. Nur in Stadtnähe wurde der Verkehr etwas dichter.
Die Fahrzeuge an sich waren
sehenswert: Lkws mit Kaminen meist total überladen,
antike Pkws, die der TÜV in Deutschland auf der Stelle aus dem Verkehr gezogen hätte, Mofas auf denen es sich komplette Familien mehr oder weniger bequem gemacht hatten.
Anscheinend hatte ihr Onkelchen Recht wenn er meinte, in der Türkei würde sie sich schon wohl fühlen und richtig erholen.
An einem sehr gepflegten Campingplatz am Stadtrand von
Kuşadası
machten sie Halt.
Am selben Abend machten sie einen ausgedehnten Bummel
durch
das
Städtchen.
Dieser Ort schien ein einziges Einkaufsparadies zu sein.
Sooo billig! Natürlich waren die angebotenen “Marken” nur Imitationen. Doch ob T-Shirt oder Schmuck alles wurde zu Schleuderpreisen angeboten. Da noch keine Saison war, waren nur wenig Touristen in Kuşadası.
Die Preise waren infolgedessen noch normal.
Alles was Roswitha gefiel konnte sie sich hier auch leisten. Nach langer Zeit war sie
wieder so richtig glücklich.
Die nächsten Tage waren super, das Wetter herrlich und Roswitha ging es täglich besser.
Körperlich und seelisch.
Inzwischen war sie richtig froh, in die Türkei gekommen zu sein. Onkelchen hatte ja immer von der Freundlichkeit der Türken geschwärmt... doch so ein Übermaß davon hatte sie nicht erwartet. Auch von dem Land selbdz war sie ganz fasziniert.
Die Türkei stellt geografisch ein sehr interessantes Stückchen Erde dar. Das Land erstreckt sich über die zwei Kontinente Europa und Asien. Gleichzeitig ist sie ein Europäisches, Asiatischen und ein Mittelöstliches Land. Die dreiseitige Umgebung von Wasser macht sie zur Halbinsel.
Sie besuchten Ephesus. Einst die erste und größte Metropole Asiens, in der zeitweise bis zu
300 000 Menschen lebten. Hier stand vor langer Zeit auch der Tempel der Artemis:
Das siebte Weltwunder im 6.Jahrhundert vor Christus erbaut.
Keine andere antike Stadt weist heute noch so viele gut
erhaltene Bauten, Strassen und Plätze auf wie Ephesus.
Hier verkündete anno dazumal Paulus die Lehren Jesus. Paulus wurde in Tarsus
(Südtürkei), geboren.
So war es für ihn nahe liegend, dass er seine ersten Missionen zu den frühen Christen in Anatolien unternahm.
Sie besuchten das "Marienhaus" das sich in unmittelbarer Nähe befand. Die hl. Jungfrau soll dort nach der
Kreuzigung Jesus bis zu ihrem Tode gelebt haben. Für Roswitha ein ganz
besonderer und eindrucksvoller Ausflug.
Nach einer Woche ging die Reise der kleinen Gruppe weiter nach Pamukkale (Baumwollschlösschen).
Auf Grund seiner 35 C warmen Thermalquellen wurde es dereinst „Hierapolis“ genannt Schon damals besuchten Pilger die von König EumenesII.von Pergamon gegründete Stadt, um in den Thermalwässern Heilung zu finden.
Sie kamen durch die Totenstadt Nekropole. Mit ihrer Unzahl an großen und kleinen
Gräbern galt sie als größte Kleinasiens. Hier befand sich auch das berühmte
Hügelgrab, welches als Sinnbild von Macht und Manneskraft mit dem Phallussymbol
geschmückt worden war - was in der unserem Zeitalter gut und gerne als
makaberer Werbegag für "Viagra" gehalten werden konnte..
Gleich dahinter war der Campingplatz auf dem Paul und Annemie jedes Jahr 6
Wochen ihres Urlaubs verbrachten.
Wie alte Bekannte wurden auch Roswitha und ihre Mutter von den Besitzern
begrüßt.
Der Platz war nicht besonders groß und in seiner Mitte befanden sich zwei kleine
Schwimmbecken die mit rotem Wasser gefüllt waren. Daher auch der Name:
„Rostquellen“ Außer ihnen waren noch zwei weitere Caravans da. Ebenfalls
Deutsche.
An diesem Abend gingen sie früh schlafen. Das Wetter war hier abends noch
ziemlich frisch und es hatte
inzwischen leicht zu regnen begonnen.
Obwohl morgens wieder die Sonne lachte war das Klima bei weitem nicht so mild wie in Kuşadası.
Nun
wollte Onkel
Paul mit seinem Harem die Terrassen besichtigen.
Erst musste er aber mit Tante Annemie noch im roten Heilwasser baden. “Komm doch auch
mit, ” lockten sie Roswitha
“Du kannst dir nicht vorstellen, wie gesund dieses
Wasser ist. Besonders für deine Beine”.
Schon der Gedanke bei diesen Temperaturen ins Wasser zu müssen ließ Roswitha
frösteln.
"Geht ihr schon mal vor”,
antwortete sie ausweichend “ich komme dann nach”.
Doch es war entschieden zu kühl zum baden. Außerdem - so gut konnte das
Wunderwasser auch nicht sein.
Die zahlreichen Gräber in unmittelbarer Nähe ließen
vermuten das viele Besucher der Antike ihren Kururlaub hier nicht überlebt
hatten.
Etwas später fuhren die Vier nach Denizli hinunter um Lebensmittel einzukaufen.
Denizli ist keine Großstadt und auch keine Touristenmetropole. Eher ein
ländlicher Ort - jedoch bekannt für qualitative Textilien. Handtücher, Decken
oder Gardinen werden in der Türkei überwiegend dort hergestellt. Nach einem
kurzen Stadtbummel hielten
sie bei den Kalksinterterrassen an,
die ohnedies auf dem Nachhauseweg lagen.
Unzählige weiße Balkone hingen über- und nebeneinander in den Bergen. Wenngleich
man den Eindruck hatte
die Becken seien frisch eingeschneit, wurde man spätestens beim betreten mit nackten Füßen eines Besseren belehrt.
Warm umspülte herrlich blaues Wasser die Beine.
Roswitha hüpfte übermütig in den kleinen, kalkigen Terrassen herum deren Wasser
scheinbar grenzenlos von einem Bassin zum anderen floss wobei sich winzige
Wasserfälle bildeten. Das Panorama war einzigartig. Selbst Kleopatra
nahm seinerzeit aus Ägypten die Strapazen der weiten Reise auf sich um in
Pamukkale ihren Badeurlaub zu verbringen.
Ein kalter Wind brachte nun auch heftigen Regen nach Pamukkale. Sollte Onkel Paul wirklich
6 Wochen hier baden
wollen, würde er sich noch warme Socken besorgen müssen.
Doch der Mensch denkt und Gott lenkt...
Onkelchen und Tante stürzten sich weiterhin unverdrossen in das Heilwasser. Selbst der inzwischen orkanartige Wind
konnte sie nicht von ihrem täglichen Bad
abschrecken.
Einem Touristenehepaar wurde die Witterung zu ungemütlich und sie reisten mit ihrem
Wohnmobil ab. Das andere Pärchen,
in reizendes älteres Ehepaar - Hilde und Helmut - blieb noch und hoffte - wie alle - dass sich das Wetter
in absehbarer Zeit
bessern würde.
Nur ein paar hundert Meter vom Campingplatz entfernt, befand sich das wohl
bekannteste und meist fotografierte Hotel der Gegend. Mit Sicherheit auch durch
seinen außergewöhnlichen Pool auf dessen Grund antike Säulen liegen und seinem Wasser,
dass wie Champagner auf der Haut perlt.
Als sich das Wetter am nächsten Tag nicht besserte, verabschiedeten sich auch Hilde und
Helmut.
“Wir fahren nach Antalya.
Um diese Jahreszeit ist es dort schon richtig warm und man kann im Meer baden”
sagte Helmut.
“Das weiß ich doch“
antwortete Paul etwas mürrisch „Aber erstens kann ich Großstädte nicht ausstehen
und zweitens müssen meine Frau und ich erst unsere Badekur hier beenden”
Natürlich wusste er, dass seine Schwester und seine Nichte liebend gerne ans Meer
gefahren wären. Doch er hatte schon vor Monaten seine Pläne für diesen Urlaub
geschmiedet und so ein bisschen schlechtes Wetter würde ihm diese nicht
durchkreuzen können.
Am Nachmittag wurde aus dem
Sturm ein ausgewachsener Orkan. Roswitha und Mimi bauten vorsichtshalber das
Sonnensegel vor ihrem Caravan ab.
Annemie und Paul hatten sich nach dem Bad etwas hingelegt. Roswitha spielte mit
Mami im Caravan Backgammon.
Andere Zerstreuung gab es auf dem abgelegenen Platz
keine. Notabene
beobachteten sie Pauls Zelt.
Dieses wurde vom immer kräftiger wehenden Sturm heftig aufgebläht und versuchte
sich von seinen lästigen Stangen zu befreien.
Annemies Papierküchenrolle
wollte endlich fliegen lernen und als diese an den beiden Frauen vorbeischwebte
gingen sie hinüber und klopften an Pauls Caravantür “Kommt doch rein, kommt rein”
rief Onkelchen.
Er und Annemie lagen im Bett und jammerten: “So einen Sturm haben wir hier in
all den Jahren noch nie erlebt.
O Gott O Gott ... Das wird ja immer schrecklicher”
stöhnte
Annemie. “Wollt ihr denn nicht wenigstens euer Zelt abbauen?” fragte Mimi. “Bei dem Sturm? - Unmöglich!” antworteten beide gleichzeitig.
“Ja, ja wenn der Wind so weiter tobt und womöglich noch stärker wird, fliegen
uns heute Nacht die Sargdeckel der Totenstadt
um die Ohren” scherzte Roswitha.
Ängstlich zogen die Beiden ihre Bettdecke noch etwas höher.
“Wenn wir alle zusammen helfen, dann haben wir euer Zelt in spätestens einer halben
Stunde abgebaut und verstaut” bot ihnen Mimi nun tatendurstig an. “Meinst du, das
wäre zu schaffen?” fragte Annemie zweifelnd “Wenn uns das wirklich gelingt,
dann
reisen wir hier ab und fahren gleich morgen früh nach
Antalya” versprach Onkelchen.
Sonne, Meer und Antalya - zweifellos Zauberworte die die Arbeit noch leichter
von der Hand gehen ließen.
Nachdem kurze Zeit später alles ordentlich verstaut war, holte Paul seine Landkarte hervor.
“In
Antalya weiß ich momentan keinen Campingplatz - das ist jedoch kein Problem. Man
kann dort unmittelbar am Strand ein paar Nächte campieren. Dann haben wir Zeit,
in Ruhe nach einem geeigneten Stellplatz zu suchen”.
Pünktlich um 8 Uhr morgens waren alle reisefertig. Erstaunlicherweise ließ sich
zum Abschied sogar die Sonne wieder über Pamukkale sehen.
Je näher sie Antalya kamen, so phantastischer wurde das Wetter. Als sie
dann, nach ein paar Stunden zum ersten Mal die Konturen der Stadt erblickten, schien strahlend
die Sonne und die Luft war himmlisch warm.
Roswithas Herz schlug schneller, als sie das tiefblaue Meer entdeckte. Sie war vordem noch nie in Antalya gewesen –
und doch hatte sie das Gefühl nachhause
zu kommen.
Die Wohnwagen wurden fürs erste an den noch menschenleeren Strand abgestellt.
Sofort nach dem Frühstück des nächsten Tages machten sie sich mit Pauls Mercedes
auf, um einen geeigneten Campingplatz zu finden. „In Lara brauchen wir nicht zu
schauen” meinte Paul überlegend „da gibt es zwar einen Platz... doch der ist sehr
klein und auch teuer. Wir fahren Richtung Kemer, da sollen mehrere sein. Wenn
uns keiner davon gefällt...
dann fahren wir morgen weiter nach Alanya”.
Dort war er in den Jahren vorher schon und kannte sich besser aus.
Sie fuhren den Konyaaltı
Strand entlang, vorbei an einem runden Hotel auf einem Berggipfel, durch zwei
Tunnels
und kamen dann zum ersten Campingplatz.
Er war ungepflegt und andere Campers waren keine da. Da das alles nicht ihren
Vorstellungen entsprach,
machten sie sich wieder auf den Weg.
Der nächste Platz war gepflegt und direkt am Meer. Die Preise waren jedoch mit
den deutschen vergleichbar.
Inzwischen war es Nachmittag.
Der nächste Platz war vollständig mit Bäumen zugepflanzt. Der Schatten der Bäume
konnte im Hochsommer ja sehr angenehm sein - doch jetzt im Frühjahr war es
entschieden zu kühl dort.
Auch dieser Camping kam nicht in Frage.
Als sie schon wieder auf dem Rückweg und an der Stadtgrenze Antalyas waren,
entdeckten sie ein
unscheinbares gelbes Schild mit dem handgeschriebenen Logo: “Kaptan Kamping”
.
“Den sehen wir uns jetzt auch noch an“ sagte Paul und folgte dem Wegweiser. Von der Straße aus
war das Anwesen wegen der vielen Obst- und Pinienbäumen nicht sofort als Campingplatz zu
erkennen, weshalb sie am Morgen dort vorbei gefahren waren ohne ihn
gesehen zu haben.
Unmittelbar in Einfahrtsnähe befand sich zur Rechten ein uriges Tarzanhaus
auf einem Baum.
“Das ist genau der richtige
Platz für uns” jubelte Roswitha.
Als sie dann auch noch die Preise von 3 Mark die Nacht und Caravan erfuhren,
waren auch die Anderen schnell überzeugt. Geradewegs wurden die Fahrzeuge zum
nur 3 km entfernten “Kaptan
Kamping” gebracht.
Hilde und Helmut kamen zufällig am gleichen Tag angereist. Onkelchen war
glücklich. Nun war er nicht mehr
der einzige Mann unter 3 Frauen. Das musste
gefeiert werden.
Am Abend kam auch noch ein deutsches Ehepaar aus Hannover dazu.
Alle zusammen gingen sie in das kleine Restaurant,
dass ebenfalls zum Campingplatz gehörte. Reiseerlebnisse wurden ausgetauscht. Je später es wurde und je mehr Rakı
getrunken wurde, umso abenteuerlicher wurden die Geschichten.
Irgendwann setzte sich ein Mann mit stahlblauen Augen dazu: Ali
Er sprach kein Deutsch, versuchte sich jedoch selbstbewusst an der Unterhaltung der Touristen zu beteiligen
Da die Konversation sehr heiter verlief lachte auch er jedes Mal herzhaft mit,
sobald etwas witziges erzählt wurde.
“Wird wohl der Gärtner sein” vermutete Roswitha für sich.
Sein durchlöcherte Pulli und auch die völlig ausgelatschten Gummischlappen
an seinen Füßen bekräftigten diese Vermutung noch. Er trat jedoch sehr selbstsicher
auf und schien
sich in der lustigen Runde außerordentlich wohl zu fühlen.
Roswitha prostete in seine Richtung. "Es muss doch schlimm sein, so gar nichts von
der Unterhaltung verstehen zu können" dachte sie mitleidig. Helmut versuchte es mit italienisch… Ali
gab ihm mit einer Art selbst erfundenen italienischen Arie Antwort. Nichts desto
Trotz schien er tatsächlich ein paar Worte verstanden zu haben.
Und als Mimi mit ihrem Kassetten - Rekorder die Stimmung noch weiter aufheiterte,
war Konversation
ohnehin nur noch nebensächlich.
Ali - inzwischen schon gut angeheitert - forderte Roswitha zum Tanz auf.
Bei einem Walzer machte er ihr einen Heiratsantrag. Bedauerlicherweise verstand
Roswitha kein Türkisch und lächelte zustimmend als er den Hochzeitstermin
festlegte. Ali konnte sein Glück kaum fassen!
Sein Redeschwall war unerschöpflich und das in 5 Sprachen - die er nach eigener
Aussage angeblich sprach!
Ein Kauderwelsch sondergleichen... und da Roswitha dummerweise nicht eine Fremdsprache beherrschte und der Meinung war es wäre unverfänglicher Small Talk, nickte sie freundlich lächelnd bei jeder Frage die der Gärtner ihr stellte.
Nach geraumer Zeit wurde ihr die einseitige Unterhaltung dann zu dumm. Sie entschuldigte sich und ging zurück an ihren Tisch in der Hoffnung, Ali würde sich nun ein anderes Opfer suchen. Doch kaum hatte sie Platz genommen war dieser Ali wieder an ihrer Seite und sprach mit Händen und Füßen auf sie ein. Hartnäckig versuchte er ihr etwas mit zuteilen. Genervt rief sie schließlich: “Helmut... Hilfe! Was will der Idiot denn dauernd von mir?” - “Na, heiraten will er dich” kam die überraschende Antwort,
denn soviel hatte er
verstanden.
“Oh! Wie romantisch” meinte Roswitha baff “Die türkischen Gärtner lassen
aber auch nichts anbrennen".
Ali ließ sich nicht abwimmeln. Nun war er erst richtig in seinem Element und die
ganze Gesellschaft lauschte seinen Ausführungen:
Schon im Koran würde stehen, dass eines Tages eine Deutsche zu ihm kommen würde.
Mit ihr würde er, Ali,
dann die ganz große Liebe erleben. Das war
Roswitha! Und nun war sie endlich da!
Onkelchen war zutiefst beeindruckt. “Ich hatte früher ja auch verdammt gute
Sprüche drauf um ein Mädchen rumzukriegen. Aber die Bibel? Die wäre mir dabei nie
in den Sinn gekommen“ kommentierte er anerkennend.
Für Roswitha wurde Ali ein wenig lästig. Sie wechselte ihren Platz. Doch es gab kein Entkommen.
Ali klebte an ihr wie Uhupapp - Mit vollem Recht... er war ja schließlich ihr Verlobter.
Inzwischen war es weit nach Mitternacht geworden. Das Ehepaar aus Hannover wollte am nächsten Tag weiter nach Alanya. “Eigentlich wollten wir heute ja früh schlafen” lachten sie. “der Abend war aber so herrlich, da fahren wir halt etwas später ab”.
Am nächsten Morgen saß Roswitha mit Lockenwicklern und sehr verkatert beim Frühstück als Ali auftauchte und
Geschenke für sie vorbei brachte: 2 Eier - die er irgendwo auf der Erde gefunden hatte -
2 Zitronen - liebevoll von einem Baum gepflückt - und eine
verblühende Rose aus dem Garten.
Er legte alles auf den Tisch und mehr gestikulierend als sprechend machte er
verständlich, dass er jetzt viel Arbeit hätte,
doch der Abend würde wieder ganz
ihr gehören.
Roswitha schaute ihm entgeistert hinterher. Sie hatte noch nie von einem Mann
Eier und Zitronen als Präsent bekommen. Ob das irgendeine tiefere Bedeutung hatte?
Schließlich waren sie im Orient und da hatte so etwas ja vielleicht einen
Hintersinn???
Mami sah ebenfalls ratlos auf die Geschenke. “Könnten das etwa meine
Verlobungsgeschenke sein?”
rätselte Roswitha
lachend . “Verlobung a la Türkisch-Gärtner.
Muss ich ihm jetzt ein paar Tomaten schenken?“
Onkelchen kam vorbei. “Steht womöglich so im
Koran” kicherte er.
Später sahen sie sich den
Platz genauer an. Er lag direkt an einem kleinen Fluss, dem "Sarısu”.
Am Ufer entlang waren Holzbalkone für die Restaurant- und Campinggäste über das
Wasser gebaut.
Auch etwa 20 Holzhütten gehörten zum Camping -
Bungalows genannt.
Sehr spartanisch eingerichtet - nur wenige davon waren mit Dusche und WC
ausgestattet - doch auf eine eigene Art urig.
Überall gab es Orangen- und Zitronenbäume, die einen betörenden Duft
verströmten.
Das Baumhaus war sehr originell. Man brauchte jedoch eine Portion Mut, wollte
man die
abenteuerliche Treppe nach oben benützen.
Irgendwie mutete der gesamte Platz wie ein Abenteuerspielplatz für Erwachsene an.
Tante Annemie hatte inzwischen Mittagessen gekocht. “Roswitha ... weißt du eigentlich wer dein verliebter Gärtner
tatsächlich ist?” fragte sie. “Keine Ahnung! Ist er denn
nicht Gärtner?”
“Von wegen - er ist hier der Boss! Das Restaurant und der Platz gehören ihm”.
Besonders interessierte es Roswitha nicht, ob der ältere Herr nun Gärtner oder Patron war.
"Wie der Chef
sieht der aber nicht gerade aus" meinte sie nur dazu.
Mit einem Fotoapparat bewaffnet machte sie sich nach dem Mittagessen auf, um ein
paar Bilder von dem Baumhaus zu knipsen. Dort schwang Ali versonnen auf einer
Kinderschaukel hin und her und war überaus erfreut als er Roswitha erblickte.
"Merhaba Ali" begrüßte sie ihn freundlich "Das ist ja eine tolle Idee mit dem Tarzanhaus. Wer hat das denn gebaut?" -
“Ali” antwortete er und klopfte stolz auf seine Brust. 'Das muss ja ein sehr romantischer Mann sein' dachte Roswitha anerkennend wenn er in seinem Alter noch Baumhäuser baute'
Ali ergriff die Gelegenheit und fragte Roswitha, ob sie mit ihm am Abend nach Antalya fahren würde.
Freundlich
aber unmissverständlich sagte sie: “Nein.” Ali ließ nicht locker.
Obwohl er kein Deutsch sprach machte er ihr mit Nachdruck verständlich, ihr nur
Antalya zeigen zu wollen - Sonst nichts!
Bei seiner Ehre. ”Nein!” sagte sie noch einmal und drehte sich um damit er ihr Grinsen nicht sehen konnte.
Natürlich nervte er sie mit seinen Annäherungsversuchen - andererseits fühlte sie sich doch ein wenig geschmeichelt.
Auch wenn die Art von Alis Flirtversuchen etwas grotesk war, wurde doch ihr von langer Krankheit angeschlagenes Selbstbewusstsein wieder etwas aufgemöbelt.
Als sie später lachend den Anderen von Alis Einladung erzählte, war Annemie entsetzt. “Geh bloß nicht mit ihm weg.
Du bist hier in der Türkei und diese Einladung ist gar nicht so spaßig wie du vielleicht meinst. Da bist du, ehe du dich versiehst,
mit ihm verheiratet”.
"Aber Tantchen ... so sieht der bestimmt nicht aus". Darüber diskutierte Roswitha aber auch nicht weiter mit ihr,
denn sie verspürte ohnehin nicht die geringste Lust die Einladung anzunehmen.
Anderntags packte Onkelchen
seinen Harem ins Auto um seinen Frauen Antalya zu zeigen..
Schon die Serpentine über die man in die Stadt gelangte, begeisterte Roswitha
über alle Maßen.
"Seht euch nur dieses tolle Panorama an... " jubelte sie überschwänglich "und die herrlichen Palmen die hier überall wachsen..."
Irgendwie hatte sie wieder
das Gefühl, schon einmal hier gelebt zu haben.
Obgleich Antalya schon fast eine moderne Großstadt war, war sie doch auf ihre
eigene Art orientalisch geblieben.
Parkplatzregelungen wie in Deutschland gab es dort selbstverständlich auch … jedoch schien diese niemand zu kennen denn
kein
Mensch parkte vorschriftsmäßig.
Der Verkehr war chaotisch - dennoch gab erstaunlicher Weise keinen Stau. Und dass, obwohl Ampeln nur
zur Straßendekoration aufgestellt worden waren. Kaum ein Fahrer beachtete diese.
Man verständigte sich lieber mit Handzeichen und Hupe.
Überrascht waren Mimi und Roswitha auch darüber, fast keine verschleierten Frauen zu sehen. Selbst auf Deutschen Straßen fand man davon wesentlich mehr, als hier im Herzen der Türkei. Die Damen waren erstaunlich modern gekleidet.
Besonders die jungen Mädchen gaben sich
äußerst selbstbewusst.
Roswitha hatte immer wieder gehört, dass man in der Türkei als Frau so gut wie
keine Rechte hat.
Das ist falsch.
Die türkischen Frauen bekamen schon 1930 das Wahlrecht - Noch vor vielen
europäischen Frauen.
Im wunderschönen Basar waren sie ganz in ihrem Element. Roswitha und Mami kauften fast von allem etwas.
Angenehm war, dass sie nicht so aufdringlich von den Verkäufern belästigt wurden, wie damals in Istanbul.
Hier waren alle höflich und sehr geduldig.
Nachdem sie ihre Einkaufstüten im Wagen verstaut hatten schlenderten sie am
"Hadrians Tor" vorbei und gelangten durch die malerische Altstadt zum Hafen.
Von einer Stadtmauer umrahmt lag er wunderbar verträumt vor ihnen.
Zahlreiche Restaurants und kleine Bars luden zum verweilen ein.
Bevor sie ihren Stadtbummel anraten hatten Paul und Annemie den beiden Frauen
nahe gelegt, ihren Schmuck und sonstige Wertsachen lieber zuhause zu lassen.
Eine reine Vorsichtsmaßnahme - um niemanden in Versuchung zu bringen.
Sie waren dem Rat gefolgt. Doch Roswitha hatte zu keiner Zeit das Gefühl sich
vor irgend jemanden oder irgend etwas
schützen zu müssen. Sie fühlte sich
überdies
seltsamerweise in der Türkei sicherer als in Deutschland.
Zu diesem Zeitpunkt wusste sie noch nicht, dass sie sich bis in alle Ewigkeit in
dieses Land und seine Menschen
verliebt hatte.
Am Abend wollten sie im “Kaptan Restaurant” etwas essen. Helmut und Hilde
kamen wieder mit.
Sie hatten ihre Bestellung noch nicht aufgegeben, als sich auch Ali zu
ihnen gesellte.
Wie selbstverständlich setzte er sich neben Roswitha und wiederholte ohne
Umschweife seine Einladung, ihr
Antalya bei Nacht zu zeigen.
Nicht ohne Onkelchen zu herzen und zu küssen und ihm per Handschlag zu versprechen, er würde sie "unberührt"
wieder zu ihm zurück bringen.
Als Roswitha immer noch verneinend mit dem Kopf schüttelte nahm er ihre Hand in die
seine "Garantie" sagte er treuherzig
und blickte ihr unschuldig in die Augen.
Mit oder ohne Garantie - Roswitha wurde das langsam wirklich lästig! Sie wollte nichts
von diesem Mann und wenn sie das Nachtleben Antalyas kennen lernen wollte - dann
bestimmt nicht mit ihm.
Im Moment verspürte sie jedenfalls keinerlei Lust auf Disco oder sonstige nächtliche Vergnügungen.
Die nächsten zwei Tage verbrachten sie mit faulenzen. Das Wetter war herrlich - genau richtig zum Sonnenbaden.
Roswitha fühlte sich rundherum wohl. „So muss es im Paradies sein“ dachte sie glücklich.
Die Türkei war
himmlisch.
“Düden Şelalesi”
riss Ali sie da aus ihren Gedanken. Was sollte dass jetzt wieder sein? Abwehrend
hob sie die Arme.
Doch er ließ sich nicht abwimmeln. Aufgeregt lief er zu Mimi. Roswitha sah ihn nach und bewunderte sein
atemberaubendes Outfit: Kurze Hosen, zerfetztes T-Shirt und
die obligatorischen Gummischlappen.
“Mama du komm... Düden
Şelalesi
lucken. Schön, schön”.
Sie begriffen zwar beide, dass Ali ihnen etwas zeigen wollte - verstanden jedoch
nicht,
welche Sehenswürdigkeit er ihnen zu Füssen legen wollte.
Ali sprach gestikulierend weiter. Es sei nicht weit, soviel verstand Roswitha,
in höchstens einer Stunde würden sie
wieder zurück sein.
Also... wenn er auch die Mama mitnahm, konnten seine Absichten so schändlich ja
nicht sein.
Nach kurzem Überlegen
beschlossen die Frauen, diese harmlos anmutende Einladung anzunehmen.
Eine Stunde später stiegen stiegen sie also todesmutig in Alis Talbot.
Freudestrahlend und sauber angezogen fuhr er los.
Sein Fahrstiel war - stark untertrieben gesagt - abenteuerlich. Rote Ampeln
wurden von ihm mit tiefster Verachtung gestraft. Einbahn- Straßenschilder ignorierte er
permanent. Die galten nur für andere Verkehrsteilnehmer. Nicht für Kaptan Ali!
Größtes Vergnügen bereitete es ihm, ständig in die verbotene Richtung zu fahren.
Wenn es die Lage erforderte, auch schon mal mit Vollgas und im Rückwärtsgang. Natürlich nicht ohne dabei kräftig
über die anderen Trotteln in ihren Schrottkisten zu schimpfen.
Das es an seinem Auto auch Blinker gab schien ihm entfallen zu sein.
Mit hoher
Geschwindigkeit wechselte er
fortwährend die Fahrspur und kam dabei schon mal
als Geisterfahrer auf die Gegenfahrbahn.
Dass war selbst den türkischen Autofahrer nicht geheuer. Ängstlich versuchten
sie diesem verrückten Fahrer auszuweichen.
Für Ali war auch das völlig selbstverständlich.
Er fuhr noch den gleichen Stil, als neben ihm ein Polizei- Auto fuhr. Fröhlich winkte er den Beamten zu und diese grüßten -
zur Verwunderung der beiden deutschen Frauen - tatsächlich zurück und fuhren weiter.
Ohne ihn
anzuhalten!?!
Die wichtigsten Instrumente in seinem Auto waren für Ali das Gaspedal und die
Hupe. Dass es keinen Innenrückspiegel gab, störte Ali in keiner Weise. Was
ging ihn denn der Verkehr hinter ihm an?
Inzwischen befanden sie sich auf der Straße in Richtung Flughafen und Ali bog nun
links ein.
Nach etwa 7KM waren
sie schließlich am Ziel.
Roswitha und Mimi - von der Fahrt noch ganz benommen und heilfroh noch am Leben
zu sein - wurden von Ali durch den Eingang geschleust. “Ja, ja - schön, schön” kommentierte Ali
beflissen als sie in einer Grotte standen in deren Mitte sich ein
aus Steinen
angehäufter Turm befand an den ein paar jungendliche Türken Papierschnipsel und
Haare festbanden.
"Das ist eine original türkische Wunschsäule" erklärte er den Frauen. Man müsse seine Haare daran festbinden
und sich dabei etwas wünschen. Der Wunsch würde garantiert sofort erfüllt werden.
Mimi wünschte sich inständig, nicht mehr mit Ali zurückfahren zu müssen. Sie
riss sich jedoch keine Haare aus
und darum blieb ihr Wunsch unerfüllt.
Sie verließen nun die Höhle durch den unteren Ausgang und standen direkt vor einem atemberaubenden Wasserfall.
Ali zeigte darauf “Düden
Şelalesi”.
Das tiefblaue Wasser stürzte mit Getöse etwa 100 Meter in die Tiefe
um sich dort kurzzeitig in weiße Gischt zu verwandeln.
Ein tolles Naturschauspiel.
Sie schlenderten weiter am Fluss entlang und kamen an ein originelles Open-Air Restaurant. Die Fische wurden dort
geradewegs aus dem glasklaren Wasser gefischt und frisch gegrillt den Gästen serviert.
Es grenzte an ein Wunder... doch Ali brachte die Frauen tatsächlich unversehrt an
den Campingplatz zurück. Roswitha sah sich nun den Talbot etwas genauer an. Er
hatte seltsamerweise französische Nummernschilder, doch Scheibenwischer konnte
sie keine entdecken. "Braucht man bei diesem Klima anscheinend nicht" überlegte
Roswitha.
Auch auf Reifenprofil schien man hier keinen Wert zu legen; diese Pneus waren spiegelglatt.
Auf der abenteuerlichen Fahrt hatte sie nur hintergründig wahrgenommen, dass im Innenraum des Talbots fast überall
lose Kabel herunter hingen und sich
gewundert, dass der Wagen überhaupt lief.
Mimi war sofort zu Annemie gegangen. Sie konnte sich immer noch nicht beruhigen
über die selbstmörderische Fahrt.
Sie schwor, nie wieder in ein Auto zu steigen das Ali chauffierte.
Anderntags spazierten die Deutschen zum Meer. Etwa 150 Meter liefen sie durch einen verträumten Pinienwald und kamen an einen malerischen Strand. Er wurde im Sommer hauptsächlich von Einheimischen besucht.
Jetzt im April war er jedoch
menschenleer. Nur eine blonde Frau ließ sich einsam dort sonnen.
Beim näher kommen erkannten sie
Ayşe, die beim Kaptan Restaurant in der
Küche arbeitete.
Ein kurzes “Hallo” und sie
gingen weiter.
Auf der rechten Seite im Meer erblickten sie eine kleine Insel (Ratteninsel) und
links befand sich der
Marinestützpunkt. Unmittelbar daran grenzte
der Yacht Hafen - die “Setur Marina” -
wo teuere Yachten und Gullets leicht mit
den Wellen hin und her schaukelten.
Das Einzige was diese Idylle störte war ein Soldat der auf einer Mauer
patrouillieren musste.
Wieder am Platz zurück gekehrt legte Roswitha sich in ihren Liegestuhl und genoss die Sonne. Sie musste lächeln,
als
sie an ihren Doktor zuhausen dachte. Wie entrüstet er war, als sie ihm erzählte
sie würde in der Türkei Urlaub machen.
“Das ist für sie aber nicht das Richtige” hatte er damals ermahnend zu ihr
gesagt. Er meinte
damit die schwere
Beckenvenen - Thrombose, die sie unmittelbar bei ihrem Unfall hatte. "Das Klima in den Bergen wäre viel gesünder
für ihre Beine als die Hitze
Antalyas“, hatte er noch gemeint.
Wenn der sie jetzt sehen könnte. Sie fühlte sich pudelwohl und völlig gesund.
Ihre Beine waren in Deutschland regelmäßig angeschwollen. Seit sie in der Türkei
war, hatte sie diese Probleme nicht mehr.
Der Arzt würde staunen.
Sie dachte auch an ihre Tochter. Mit ihr hatte sie jahrelang furchtbare Probleme
gehabt. Janine war sehr jung
in schlechte Gesellschaft und in die Drogenszene
geraten.
Obwohl das Mädchen erst 14 Jahre alt war, konnte Roswitha damals niemanden
finden,
der in der Lage gewesen wäre ihre Tochter zur Vernunft zu bringen.
Jugendamt, Drogenberatung - alle zogen dort nur die Schultern hoch und bedauerten,
nicht helfen zu können. Roswitha ging damals bis zum höchsten Jugendrichter in
Augsburg.
Auch er wusste keinen Rat. ”Ich kann ihr Kind nicht einmal in ein
Erziehungsheim einweisen lassen, wenn sie es nicht selbst möchte. Unsere Gesetze
sind nicht mehr die vom dritten Reich.
Ich verstehe sie sehr gut. Sie wollen ihrer Tochter helfen. Doch ich habe leider gesetzlich keine Möglichkeit,
sie dabei zu
unterstützen”.
Bei ihm hatte Roswitha das erste Mal wenigstens das Gefühl, er würde die Sorgen
um ihr Kind verstehen.
Erst als Janine mit 17
Jahren schwanger wurde, schien sie sich zu besinnen. Sie freute sich sehr auf
ihr Baby.
Lächelnd dachte Roswitha an den süßen René. Mit seinen
wunderschönen blauen Augen würde er
seine Mama schon zur Vernunft bringen.
“Sollen wir heute Abend wieder ins Restaurant gehen?” Es war Onkelchen der
Roswitha wieder in die Gegenwart zurückholte” - "Ja, sehr gerne”- "Hilde und
Helmut kommen auch mit"
„Aber diesen doofen Rakı trinke ich heute Abend nicht
mehr. Das letzte Mal hatte ich davon die ganze Nacht Wadenkrämpfe und das muss ich
nicht noch einmal haben” sagte Roswitha.
Getränke waren nun wirklich kein Thema. Jeder, der mit dem Auto durch Bulgarien
in die Türkei kam musste dort Geld in Landeswährung tauschen. Außer Alkohol und
Zigaretten gab es jedoch nicht viele Möglichkeiten dieses Geld wieder
auszugeben. So deckten sich fast alle Touristen mit Alkohol ein.
Vom Krimsekt zum Whiskey
war alles vorrätig.
Das sie ihre Getränke selbst mit in das Restaurant brachten störte dort niemanden.
Patron Ali trank ja schließlich handfest mit.
Er hatte sehr bizarre
Trinkgewohnheiten:
Das Glas wurde bis zum überlaufen gefüllt und anschließend von ihm hinunter
gekippt als wäre es Wasser.
Egal ob es nun Whiskey, Krimsekt oder Wodka war,
“Şerefe”
und weg damit.
Auch an diesem Abend wollte er Roswitha unbedingt
heiraten. Großzügig schenkte er ihr seinen Campingplatz der fortan
“Roswitha Kamping”
heißen sollte. Und dass, obwohl er den Namen nicht einmal aussprechen konnte.
Immerhin... dass war doch schon mal eine Steigerung. Zuerst Eier und Zitronen -
dann ein Campingplatz!
Ali wich keine Sekunde von Roswithas Seite. "Hast du denn keine Frau?" fragte
sie ihn.
Umständlich erklärte er ihr, dass es zwar eine Ehefrau gab, er aber vor kurzem endlich geschieden worden sei. "Kinder?"
Ja 4 Kinder hatte er auch.
Seine Ehe wäre von Anfang an unglücklich gewesen. Jetzt war er aber – Allah sei
Dank - „mit Dokument“ geschieden.
Roswitha wunderte sich ein wenig. Wieso betonte er das so? War es in der Türkei
nicht üblich, eine Scheidung urkundlich bestätigt zu bekommen?
Er sprang auf um seine Scheidungspapiere zu holen.
“Ali - du brauchst mir das nicht zeigen” sagte sie lachend "Ich kann es ja
sowieso nicht lesen". Das war ja witzig!
Was ging es sie denn an, ob er mit
oder ohne Papiere geschieden war? Sie wollte ihn bestimmt nicht heiraten!
23 Jahre hatte er auf einem Passagierschiff gearbeitet, erzählte er weiter.
Beinahe die ganze Welt hatte er bereist: “Barcelona,
Atina,
Marsilya,
Palma de Mallorca, Franca,
İtalya,
Arabistan...”
zählte er stolz auf und strahlte. Zwischen seinen
vorderen Schneidezähnen hatte
er eine kleine Lücke - welche Roswitha ja inzwischen ganz süß fand -.
Durch das ständige durcheinander trinken, wurden sie alle schnell betrunken. Am
meisten trank Ali.
Er schüttete die Getränke in sich hinein, als gelte es einen Rekord aufzustellen.
Fortwährend war er
hauptsächlich mit
Roswitha am prosten.
Onkelchen gab Anekdoten zum totlachen zum Besten. Mittlerweile torkelten auch
die Jungs vom Personal
kichernd im Restaurant herum.
Ali wollte Roswitha
permanent Antalya bei Nacht zeigen. Sie versuchte höflich, ihm eine Absage
zu erteilen. Sinnlos... alkoholisiert wie er war wollte er ihre Einwände schon
gar nicht hören!
Erhob sich Roswitha von ihrem Platz, sprang auch er kontinuierlich auf.
Es war inzwischen nach 2 Uhr morgens und Roswitha wurde müde.
Als sie aus der Toilette kam wartete Ali schon beharrlich vor der Tür auf sie um
sie nun einfach an der Hand zu nehmen
und sie zu seinem - nur ein paar Meter
entfernten - Auto zu führen.
“Antalya” versprach er ihr lallend. „Antalya?“ überlegte sie. Natürlich wollte
sie ihre Traumstadt bei Nacht besichtigen.
Und dieser Ali… der war doch
eigentlich total süß! Da sie eh nicht mehr gut auf den Beinen war setzte sie
sich in den Talbot.
Inzwischen war die Party zu Ende und auch die Anderen schwankten zu ihren
Caravans.
Mimi rauchte noch eine letzte Zigarette vor dem Anhänger. Tamer - der Koch - kam zu ihr und begann ein Gespräch:
“Ali
büyük Problem” meinte er “Sarhoş”.
Selbst hatte er auch zu tief ins Glas geschaut und konnte sich nur schwer auf
den Beinen halten.
“Aha... Ali hat also ein Problem“. Soviel hatte sie verstanden. „Das tut mir
aber leid” antwortete sie bedauernd.
'Was geht mich denn das an?' dachte sie konsterniert.
Der Koch sprach weiter auf sie ein während sie
ihren
Campingtisch abwischte. Sie verstand kein Wort.
Ali hat ein Problem, Ali hat ein Problem... Ja und? Was sollte sie denn da
machen?
Zur gleichen Stunde in Alis Talbot: Er saß - das Lenkrad umklammernd - unbeweglich da, sie neben ihm schläfrig
auf
dem Beifahrersitz.
“Heute fährt er aber gut” dachte sie. Gott sei Dank, denn ihr Magen fing an zu
rebellieren. Keiner von ihnen bemerkte,
dass sie ohne Schlüssel „unterwegs“
waren. Ein Motorengeräusch hätte eh nur beim schlafen gestört. Wortlos und
todmüde saßen sie Wagen nebeneinander und waren der Meinung, sie befänden sich auf
dem Weg nach
Antalya.
“Also, gute Nacht” versuchte nun Mimi Tamer loszuwerden. “Ich gehe jetzt schlafen” - “Ama... Ali ve Roswitha
Antalya’ya gitmek istiyorlar!
Ali Bey cok
sarhoş”.
Mimi verstand zwar immer noch nichts, doch bei dem Wort „Roswitha“ war sie
hellhörig geworden.
Ja… lag die denn nicht schon im Bett?
Sie sah in den Caravan. Roswitha war unzweifelhaft nicht dort. Mit Tamer ging
Mimi zurück zum Restaurant.
Als sie ans Fenster des
Talbot - der unmittelbar vor dem Lokal
geparkt war - klopfte , erwachte Roswitha.
“Hallo Mami, wie kommst du denn hierher?” lallte sie überrascht. "Kommst du auch mit in die Disco?"
“Willst du denn nicht in dein Bett gehen?” fragte Mimi zurück. Roswitha wollte nichts
lieber als dass!
Sofort stieg sie aus dem Auto und
wankte mit Mami nachhause.
Als sie endlich im Bett lag drehte sich alles um sie - Ihr war
gotterbärmlich schlecht. Wie gut, dass sie am Fenster lag,
denn sie musste sich übergeben
- was am
bequemsten durch die geöffnete Scheibe möglich war.
Mama putzte alles sofort wieder sauber. Ali war inzwischen auch erwacht und eilte
ihr mit einem
dicken Wasserschlauch zu Hilfe. Er liebte es, mit dem Schlauch zu
hantieren und war ganz in seinem Element.
Mitten in der Nacht wurde nun der Caravan gefegt. Mimi - selbst alles andere als
nüchtern - putzte und putzte.
Roswithas Kopf, der aus dem Fenster hing, wurde praktischerweise gleich mit geschrubbt.
Ali half gerne dabei.
Der Morgen graute schon als auch Mimi endlich in ihr Bett ging.
Als Roswitha erwachte kam auch langsam die Erinnerung an den vergangen Abend
wieder.
Ja... was war denn bloß in sie gefahren? Wieso hatte sie mit Ali in seinem Auto
gesessen? Und warum wollte sie mit ihm wegfahren? Sie stieg doch nicht einmal in
Deutschland zu einem Mann in den Wagen.
Und jetzt? Mit einem alten, besoffenen, fremden Türken mitten bei der Nacht nach Antalya?
Sie verstand sich selbst
nicht mehr!
Zum Glück war Mama rechtzeitig gekommen. Lebend hätte sie den nächtlichen
Ausflug bestimmt
nicht überstanden.
Ali fuhr ja nüchtern
schon wie ein Wahnsinniger.
Sie sehnte sich nach einer Dusche. Noch immer ganz frustriert über sich
selbst öffnete sie die Caravantür.
“Günaydın”
wünschte ihr da Ali gutgelaunt - er hatte sie schon schmachtend erwartet.
Entsetzt schlug sie die Tür schnell wieder zu, in der Hoffnung er würde sich entfernen.
Ali ließ sich aber durch ihre Unfreundlichkeit nicht vertreiben und wartete
geduldig auf seine "Roswieee".
Ein paar Minuten später nahm sie ihre Duschtasche und wollte mit einem “Guten
Morgen” an ihm vorbei sputen.
Er lief im Laufschritt mit einer Rose in der Hand hinterher. Sie sah aber auch zum verlieben aus:
Die schwarze Schminke vom Abend vorher über das ganze Gesicht verschmiert und die Haare standen vom Kopf ab
wie Blumendraht.
Schnell schloss sie sich in einer Dusche ein. Zuerst dachte sie, aus der Dusche
käme diesen Morgen merkwürdiger Weise dunkles Wasser - doch die schwarze Brühe lief von ihr selbst
an ihrem Körper hinunter.
Mimi hatte sie nämlich in der Nacht kräftig mit Schmutz eingeschmiert indem sie mit
ihrem Putzlappen abwechselnd
den Caravan und dann wieder Roswithas Kopf gewaschen hatte.
Beim Frühstück - Roswitha saß nun mit Lockenwicklern am Tisch - kam der verliebte Ali noch einmal vorbei.
Er erkundigte sich galant nach ihrem Befinden und entschuldigte sich wortstark, nicht mit ihr nach Antalya gefahren zu sein. Darüber war sie ihm jedoch in keiner Weise böse.
Nun wollte er mit Roswitha nach Termessos. Wieder hatte sie keinen blassen Schimmer was das sein sollte. “Nur 10 Km”
zeigte er ihr an seinen Fingern
- Er hatte Hände... so groß wie Schaufeln!
“OK, gehen wir zusammen nach Termessos” gab sie seinem Drängen nach. Ali konnte
sein Glück gar nicht fassen -
sie hatte trotz der nächtlichen Misere “ja” gesagt.
Pünktlich wie verabredet kam er nachmittags um 2 Uhr und holte sie ab.
„Ich muss verrückt sein wieder mit ihm in das Auto zu steigen“ dachte sie als
sie losfuhren.
Etwa 15 Km fuhren sie die gleiche Straße, auf der sie auch von Pamukkale mit den
Caravans gekommen waren.
Dann bog Ali links ein. “Termessos” las Roswitha auf
einem Schild.
„Werden wohl warme Quellen sein“, vermutete Roswitha, die immer noch keine
Ahnung hatte was es dort zu besichtigen gab.
Ali sagte nur immer wieder: “Gut,
gut”. Mehr war von ihm nicht zu erfahren.
Zu Fuß ging es über eine gewaltige Steintreppe nach oben. Diese schien unendlich zu
sein.
“Ali geht das noch lange?” fragte sie ihn atemlos nach einer Weile. Doch auch er hatte keine blasse Ahnung.
„Na ja... vielleicht ist dieses Treppensteigen ja eine gute Übung für meine
Beine“ tröstete Roswitha sich.
Endlich schien der Aufstieg zu ende zu sein. Sie standen nunmehr am Abgrund einer tiefen
Schlucht.
Wer Lust hatte konnte sich ungehindert hinunterstürzen - Absperrungen oder
Sicherheitsmaßnahmen gab es dort jedenfalls keine.
Ali erklärte Roswitha, dass die Römer an dieser Stelle früher ihre Feinde in die
Tiefe gestoßen hätten.
“Ist das Termessos?” fragte Roswitha ihn entgeistert. Verlegen lachte er.
Er war
auch das erste Mal hier und hatte keinen Schimmer was
Termessos
genau
sein sollte.
Sie liefen weiter und erneut befanden sie sich am Fuße einer weiteren Steintreppe die steil
bergauf
führte.
Jeden, den Ali nun auf dem Weg traf fragte er, was es am Ende der Stufen zu besichtigen gab.
Keine Antwort schien ihn zufrieden zustellen und immer
weiter ging es steil bergauf.
“Ali, hier gibt es doch bestimmt Schlangen!?” fragte sie ihn nach ein Paar
Minuten atemlos.
“Ha... dass schon”. Sie bräuchte sich aber darüber keine Sorgen zu machen. Ali
war ja bei ihr. Er nahm einen Stein
vom Boden auf und demonstrierte mit
ungelenken Verrenkungen, wie er damit die Schlangen steinigen wollte.
“Ich würde lieber wieder umdrehen” - "Tamam" stimmte er sofort erleichtert zu. Dass
ihnen dort Schlangen begegnen könnten schien ihm wesentlich mehr Angst einzujagen als ihr.
Wieder an der Schlucht angekommen setzten sie sich nebeneinander auf einen
großen Felsbrocken.
“Wenn du Kapitän warst hast du doch bestimmt studiert?” Er verstand die Frage
nicht.
“Du Universität?”. "Tabi" bejahte er eifrig. Bevor er Kapitän wurde musste er selbstredend erst ein
paar Jahre an der Uni in Istanbul studieren.
Schnell lenkte er von diesem Thema ab und begann von seiner Zeit auf See zu schwärmen.
"Diese Zeit auf meinem Schiff war die schönste meines Lebens" erzählte er mit leuchtenden Augen. Schon deshalb,
weil er da immer weit von seiner ungeliebten Frau entfernt sein konnte.
“Na ja, ganz so schlimm kann sie nicht gewesen sein. Du hast immerhin 4 Kinder mit ihr”.
Verlegen nickte er.
Trotz allem sei sie ja seine Frau gewesen. Wenn er - was selten vorkam - zuhause war und etwas betrunken,
hatte er schon auch mal mit ihr geschlafen. Für was war man denn
verheiratet?
“Jedes Mal ist sie sofort schwanger geworden” regte er sich darüber auf.
Inzwischen lebte er schon über 10 Jahren von ihr getrennt. Sie in Istanbul - er
in Antalya.
Auch er wollte nun von Roswitha wissen, wo denn ihr Ehemann sei. “Ich bin seit ewiger Zeit geschieden. Mit Dokument”
gab sie ihm lachend zur Antwort. Sofort wollte er wieder mit ihr
ausgehen.
Je länger sie sich unterhielten, so besser verstanden sie sich. Die Unterhaltung
wurde immer fließender.
Weder ein Deutscher noch ein Türke hätte etwas von dieser Konversation verstehen können - doch die beiden entwickelten
eine Art eigene Sprache,
was auch irgendwie zu funktionieren schien.
Er selbst war Nichtraucher doch als er sich ihre Zigaretten genauer ansah wusste
er, dass Roswitha sie nicht in der Türkei gekauft hatte. “Nein, am Flughafen in
Izmir”- "Brauchst du welche?" fragte er. “Ist das denn möglich?”
Langsam ging
ihr Zigaretten-Vorrat wirklich zu ende. “No Problem” war die Antwort.
Sie fuhren also zusammen zum Flughafen. Den Polizisten dort war Ali sehr gut
bekannt.
“Hoş
geldin Çakal(Schakal)
Ali” begrüßten sie ihn mit Küsschen.
Ali führte Roswitha zum Büro des Flughafenpolizei-Direktors der ein paar Worte
deutsch sprach und auch sonst sehr nett war.
"Möchten sie sich unseren Tower ansehen?" fragte er beim Tee. Natürlich
wollte sie.
Kurze Zeit später wurden sie dort schon erwartet. Die gesamte Belegschaft stand stramm vor ihrem
Direktor.
Roswitha wurde behandelt
als wäre sie hoher, ausländischer Staatsbesuch.
Beflissen zeigte man ihr alles Sehenswerte.
Nach diesem Besuch ging der freundliche Direktor noch mit zu den
Duty Free Shops
wo
Roswitha zollfrei alles kaufen konnte, was ihr Herz begehrte. Die Beamten
standen vor ihnen stramm als sie und Ali mit ihren vollen Tüten das Flughafen-Gebäude
verließen.
"Ali scheint in Antalya ein einflussreicher Mann zu sein" sinnierte Roswitha anerkennend auf dem Nachhauseweg.
Termessos liegt etwa 1000 m über Antalya und ist eine antike Siedlung. Seinerzeit wohnten ungefähr 30 000 sehr tapfere Menschen dort. Sie galten als unbesiegbar und mit ihren dreifachen Stadtmauern konnte diese Metropole
nicht einmal von Alexander dem
Großen erobert werden.
Schon zu jener Zeit gab es dort ein sehr ausgeklügeltes Bewässerungssystem.
Außerdem hatte die Stadt ein Gymnasium
und mehrere Thermen.
Berühmt war auch das schöne Theater das, kühn auf einen schmalen Felsvorsprung
gebaut, etwa 5000 Besuchern Platz bot.
Wanderte man noch weiter hinauf, erreichte man den Friedhof. Steinsarkophage
und Totenhäuser waren zu besichtigen. Namhafte, tapfere Helden waren dort begraben.
Auf dem Weg vom Flughafen zum Camping bat er sie noch einmal inbrünstig, mit ihm
am Abend nach Antalya zu kommen. “Warum eigentlich nicht?” dachte sie und an
diesem Abend sagte: „Ja“.
Als sie am Platz aus dem Auto stiegen kam eine Frau auf sie zu. Ali stellte sie
als seine Kusine Sakine vor.
Sie arbeitete bei ihm am Camping. War für ein paar
Tage in Istanbul gewesen und nun zurück gekommen.
Seit ein paar Tagen sprach man am Platz immer wieder von einem gewissen Adolf,
der in Kürze ankommen würde.
Alle schienen ihn dort gut zu kennen.
Als gegen Abend ein deutsches Caravangespann ankam, waren auch Roswitha und
Anhang schon gespannt auf diesen Adolf.
“Ach, dieser Idiot ist das”, sagte Paul. “Den kenne ich doch.”
Auch Helmut kannte ihn. Sie hatten sich jedes Jahr einmal in der Türkei
getroffen. Helmut und Hilde, die eigentlich mit allen Leuten klar kamen, waren
auch nicht sehr von diesem Neuankömmling angetan.
Adolf kam mit seiner Frau Lisa. Sie wurden von den Türken herzlich begrüßt.
Einzig der Geschäftsführer,
der deutsch sprach, war etwas zurückhaltend. Er war
der Einzige, der verstand was Adolf sagte.
“Als ich das letzte Mal mit dem zusammengestanden habe” erinnerte sich Paul,
“hatte er zu mir gesagt er würde nach Antalya fahren. Als wir, ich und 3 andere
Caravans überlegten ob wir vielleicht mitkommen, sagte er der Platz auf dem er
stehen würde, wäre bei seinen Freunden und nicht öffentlich. Hierher ist er
damals also gefahren! Er wollte nicht, dass auch andere
Touristen Alis Camping
entdeckten. So eine Unverschämtheit. Ali könnte eine Reklame doch gut
gebrauchen”.
Helmut hatte den “Kaptan Kamping” wie sie zufällig entdeckt. Adolf hatte auch zu ihm kein Wort darüber verlauten lassen.
Er war ein korpulenter alter Mann mit einer Gehbehinderung. Seine Frau Lisa war auch nicht schlank,
jedoch etwas freundlicher als er.
Roswitha machte sich derweil fertig für ihren nächtlichen Ausflug mit Ali.
Gestriegelt und gebügelt kam er sehr pünktlich und holte sie ab.
Es war Ramazan. Durch die Fastenzeit war in Antalya nicht viel
los. Das Nachtleben hielt sich sehr in Grenzen.
Ali fuhr mit Roswitha zum Larastrand. Das Lokal das er auswählte war sehr schön.
Die gesamte linke Front bestand aus Glas
wodurch das Gefühl vermittelt wurde, direkt am Meer zu sitzen.
Sie waren die einzigen Gäste.
Ungefähr 10 Mann
Personal kümmerte sich ausschließlich um Ali und Roswitha.
Kaum hatten sie sich gesetzt wurden auch schon die Vorspeisen serviert.
Eine große Flasche Rakı durfte selbstverständlich nicht fehlen.
Um die Unterhaltung mit Ali in Gang zu bringen fragte Roswitha ihn wie dies oder
jenes auf Türkisch hieß.
“Domates” sagte er. “Tomaten” übersetzte sie. “Gurke” sagte sie. “Salatalık“
übersetzte er. Sie biss nun in ein
Stück Weiskäse “Käse” sagte sie. “Penis”
sagte er - ganz nobel.
Fast blieb ihr das Stück im Halse stecken. Sie musste sich verhört haben!!!
Wieder zeigte sie auf den
Käse. “Penis” sagte er noch einmal und verzehrte genüsslich ein Stück davon.
Das war ja irre das Land - die servierten hier Penis als Vorspeise!
Da sie spürte wie ein schrecklicher Lachanfall von ihr Besitz ergriff, wollte
sie an einen ungestörten Ort..
“Ali gibt es hier vielleicht eine Toilette?” fragte sie ihn flüsternd.
“Toilette” schrie Ali ganz aufgeregt und klatschte dabei lautstark in seine
Hände.
Roswitha saß wie gelähmt vor Schreck neben ihm und hätte sich auch nicht
gewundert,
wenn ihr ein Klo auf einem Silbertablett serviert worden wäre.
5 Ober kamen hurtig im Laufschritt herbeigeeilt -einer zog Roswitha den Stuhl
unterm Hintern weg - Der nächste reichte ihr die Handtasche ein weiterer rückte
den Stuhl wieder an seinen Platz und dann liefen 5 Männer mit ihr im Laufschritt
zur Toilette.
Als Roswitha die Tür hinter sich geschlossen hatte lachte sie, dass ihr die
Tränen kamen. Ein paar Minuten konnte sie sich nicht beruhigen. Dazu kam - das WC war nur ein paar
Meter von ihrem Tisch entfernt. Hätte sie das gewusst,
sie wäre natürlich ohne
männliche Eskorte gegangen.
Als sie sich endlich wieder beruhigt hatte und auch ihr
Make
up und ihre Frisur in Ordnung gebracht war, öffnete sie die Tür - wovor Ali brav
wartend stand.
Wieder am Tisch griff sie
sofort nach dem Rakı und trank kräftig davon. Ali, ganz Gentleman, ließ sie
natürlich nicht alleine trinken und schenkte beflissen die Gläser nach:
Dreiviertel Rakı, ein viertel Wasser. Schlürf... und runter damit.
Im Nu war die erste Flasche leer und Ali bestellte noch eine weitere.
Um 2 Uhr wollte das
Restaurant schließen. Ali und Roswitha machten sich überaus betrunken auf den
Heimweg.
Ehe er losfuhr zeigte Ali ganz stolz seine automatischen Fensterheber im Auto.
Minutenlang erfreute er sich an den sich öffnenden und schließenden Scheiben.
Dann drückte er eine Kassette in das alte Tape und fuhr los.
Lauthals singend chauffierte er den Wagen die Serpentine hinunter als auch der
Talbot fröhlich zu Alis
Schwarzmeer Musik hüpfte.
„Jetzt stampft er auch noch mit dem Fuß auf der Bremse rum“ dachte Roswitha die
kräftig durchgeschüttelt wurde. “Ali... Stopp” rief sie ihm zu als ihr klar
wurde, dass die Ursache des Übels nicht allein Ali sein konnte. Irgendetwas stimmte
da doch nicht.
Er hielt sofort an. Sie liefen um den Wagen und sahen die Bescherung. Der linke Vorderreifen war platt!
Das Gehopse kam also gar nicht von
Alis Song.
“Gel” sagte Ali und setzte sich wieder ans Steuer. Langsam ließ er den Wagen den
Berg hinunter und auf einen Parkplatz rollen.
Er machte nicht die geringsten Anstalten den Reifen zu wechseln. Blieb einfach
am Steuer sitzen.
Roswitha hatte keine Ahnung wie man einen Reifen wechselte - schon gar nicht um
3 Uhr in der Früh. Sie stellte sich deshalb fröhlich winkend auf die Straße und
wartete auf Hilfe.
Schon nach kurzer Zeit kam ein Taxi, dass - mit hoher Geschwindigkeit - vorbei
zu fahren schien,
dann aber eine Vollbremsung machte und zurück setzte.
Es war ein ganz normales Personenauto - dennoch stiegen etwa 10 ausgewachsene
Männer aus dem Wagen.
Roswitha zeigte auf den kaputten Reifen und sofort machten sich die Männer daran, ihn zu wechseln.
Ali saß im Auto und rührte keinen
Finger.
Als Roswitha wenig später neben Mama im Bett lag, musste sie immer noch über den
komischen Abend lachen.
Am nächsten Morgen machte Ali Roswitha wieder die heißesten Liebeserklärungen.
Er erzählte ihr auch ein paar Anekdoten aus seiner Zeit auf dem Schiff.
“Doof kann er doch nicht sein” dachte Roswitha “schließlich ist er ein
studierter Mann”
Sie war ja sonst ein Magnet für Idioten, aber Ali war ein gebildeter Mann. Und
so romantisch. Dass Ali außer
3 Jahre Grundschule nicht die geringste Weiterbildung genossen
hatte, konnte sie nicht ahnen.
Als sie sich in einer Loge etwas zu trinken bestellte, setzte sich Sakine zu
ihr. Sie hätte Ali noch niemals so verliebt gesehen, erzählte sie Roswitha. Sie bestätigte
auch was Ali über seiner Frau gesagt hatte. Über
10 Jahre lebte er von seiner
besseren Hälfte schon getrennt. Seine 6 Kinder seien fast alle erwachsen.
Der jüngste war 12 Jahre alt.
6 Kinder??? Ali hatte doch von 4 Kindern gesprochen. Sakine lachte. Er hätte
wahrscheinlich gedacht,
dass sich 4 Kinder beim ersten Rendezvous besser anhören
würden.
Auch die blonde Frau aus der Küche setzte sich zu ihnen. Roswitha war erstaunt -
Sie sprach deutsch!
Ayşe hatte 5 Jahre in der Nähe von Stuttgart gelebt. Nachdem sie mit ihrem Mann wieder in die Türkei zurückgekehrt war,
ließen sie sich scheiden.
Ayşe musste einmal eine sehr
schöne Frau gewesen sein. Sie war auch jetzt noch hübsch und sehr gepflegt.
Weder die beiden Frauen noch Ali fasteten.
Am gleichen Abend trafen sich wieder alle in dem kleinen Restaurant. Diesmal
waren auch Adolf und seine Frau Lisa mit von der Partie. Sakine setzte sich
dazu. Ali hatte noch zu tun. Roswitha saß neben Paul.
“Na, wie war denn dein Abend mit Ali” fragte er sie. “Lustig! Ich habe Türkisch
gelernt”.
Zum Beweis sagte
sie “Şerefe” (Prost) und stieß mit allen an.
Sakine trank fast genauso schnell wie Ali. Zu den Getränken wurden, wie schon
die Abende zuvor,
jede Menge Vorspeisen und Obst serviert.
"Onkelchen ich werde jetzt mal deine Türkischkenntnisse auf die Probe stellen. Du weißt zwar, dass Brot auf Türkisch Ekmek heißt
und Merhaba guten Tag - aber wie heißt denn der
Käse hier?” gespannt wartete Roswitha auf seine Antwort.
„Keine Ahnung. Wie denn?”. “Penis” antwortete sie
lachend.
“Oh... echt? Das ist ja interessant” meinte er verblüfft. “Penis? Hast du da nicht etwas
falsch verstanden?”
fragte er um dann meckernd wie eine Ziege
haltlos zu lachen. “Nein…
definitiv Penis”.
“Aber Paul!” rief Tantchen empört dazwischen “was hast du denn für ein Gesprächsthema
mit deiner Nichte?
Könnt ihr euch nicht über etwas anderes unterhalten?”
- “Wieso
denn? Wir sprechen doch nur über das türkische Essen”.
Auch Lisa schaute Onkel und Nichte vorwurfsvoll an. Dass war doch kein Tischgespräch.
“Wirklich! Wir unterhalten uns nur über Käse. Sie sind doch auch schon seit Jahren in der Türkei“ richtete Roswitha
nun das Wort an sie „Wissen sie denn, wie Käse auf Türkisch heißt?”
Auch sie
verneinte etwas pikiert.
Ali hatte sich unterdessen dazugesetzt. Sogleich trank er einen Rakı
und bediente sich an den Vorspeisen.
“Ali bu ne?” (Was ist das?) Sie zeigte auf den Käse. “Penis” antwortete er
wie aus der Pistole geschossen
laut und deutlich.
Hilde, die ebenfalls ein Stück Schafskäse gegessen hatte, hätte ihn um ein Haar wieder
ausgespuckt als sie schallend anfing zu lachen. Onkelchen wäre fast von seinem
Stuhl gekippt als er Alis Antwort hörte.
“Dann stimmt es ja wirklich! Ich hätte mich doch mehr mit dieser Sprache
beschäftigen sollen.”
schon allein sein meckerndes Lachen steckte die ganze
Gesellschaft an.
Auch Sakine lachte schallend. Als sie sich einigermaßen gefangen hatte fragte
sie Ali noch einmal:
“Ali Abi” sie zeigte unmissverständlich auf den Käse: “Bu ne?”.
Die ganze Truppe wartete gespannt und Mucks-Mäuschen still auf seine Antwort. “Penis” antwortete er
etwas pikiert.
Er konnte nicht verstehen, was heute an diesem Käse so lustig sein sollte.
Sakine lachte bis sie keine Luft mehr bekam. Als sie sich wieder beruhigt hatte,
sagte sie: “Peynir!
-No
Penis .”
Ali hatte zwar einen starken Karadeniz-Dialekt - doch selbst am Schwarzen Meer
bezeichnet niemand Käse als Penis.
Penis bedeute auch im Türkischen -
Penis. Genau wie im Deutschen!
Ali schien davon nichts zu wissen. Als er noch mal gefragt wurde gab er jedoch
keine Antwort mehr.
Er ergatterte sich wieder den Platz neben Roswitha. “Ali, wie viele Kinder hast
du” fragte Roswitha ihn geradeheraus.
Er druckte ein wenig herum, sah anklagend auf Sakine und antwortete dann leise: “Altı, sechs”.
"Ja aber zu mir sagtest du, es wären 4 Kinder" - “Ja schon... aber 2 davon sind nur Mädchen” meinte er dann schnell.
Es war kurz vor
Ostern als aus Deutschland ein Anruf mit einer freudigen Überraschung kam.
Roswithas Bruder Peter und seine Frau Trixi wollten in Antalya Urlaub machen.
Mimi freute sich sehr, dass ihr Nesthäkchen zu Besuch kam.
Auch Ali freute sich Roswithas kleinen Bruder kennen zu lernen. Er würde ja
sein Schwager werden.
Karfreitag war am 13.April. Ali kam und wollte mit Roswitha Essen gehen. Sie hatte inzwischen keine Bedenken mehr, mit ihm wegzugehen. Er war nicht gefährlich und in seinen Harem wollte er sie sicher auch nicht verschleppen.
Das abenteuerlichste an dem ganzen Rendezvous war mit ihm Auto zu fahren.
Er ging mit ihr in ein Fischlokal. Zwischen Antalya und
Aspendos
direkt an einem Fluss standen etwa 20
Holztische
unter freiem Himmel. In einer provisorischen Baracke wurden die Fische auf einem großen Grill zubereitet.
Es schmeckte hervorragend. Ali kannte
den Besitzer und unterhielt sich mit ihm über die Grundstückspreise der Gegend.
Nach dem Essen gingen sie zusammen mit dem Mann auf einen abgelegenen Acker
mitten in der Pampa. Ali
berechnete
die Quadratmeter des Grundstücks indem er den Acker abging und
seine Schritte zählte. Länge mal Breite.
Auch wenn Roswitha die Sprache perfekt gesprochen hätte, sie hätte das Thema
stinklangweilig gefunden.
Schließlich wollte sie kein Grundstück kaufen. Mit ihren Stöckelschuhen auf einem Acker herumzulaufen fand sie
nicht besonders
romantisch. Was dachte sich Ali denn? Sie wollte nach Hause!
Endlich verabschiedete er sich von seinem Freund.
Die Fahrt ging Richtung Antalya. In der Nähe des Flughafens bog Ali plötzlich
von der Hauptstraße ab. Genervt
und müde
von der anstrengenden Acker-Aktion fragte Roswitha ihn, was sie denn hier wollten. “Arkadaş”
sagte er fröhlich.
"Ach du liebe Zeit" stöhnte sie. Roswitha wollte niemanden besuchen. Ihr Bedarf an Türkischer
Konversation über Grundstückspreise war für heute gedeckt. Sie wollte zurück zum
Camping. Der Mann an ihrer Seite ließ sich aber nicht beirren und setzte seine
Fahrt mit den Worten fort, dass sie nur für ein paar Minuten bleiben würden. Sie
hatte keine Wahl - wohl oder übel musste sie mit.
Alis Ziel war ein Bauernhof. Die ganze Familie kam zur Begrüßung heraus
gelaufen als sie Alis Auto erkannten. Niemand dort sprach oder verstand deutsch.
Sie saßen zusammen im Wohnzimmer. Um was sich die Unterhaltung drehte bekam
Roswitha nicht mit. Sie fühlte sich total fehl am Platze obwohl die Familie
überaus freundlich zu ihr war. Sofort brachte man Tee und es wurde alles
getan, damit sich Roswitha wie zuhause fühlen konnte. Trotzdem...
sie hätte viel dafür
gegeben einfach gehen zu können.
Als das Baby - das bis dahin friedlich geschlafen hatte - erwachte wurde
es sofort in Roswithas Arme gelegt.
Ein süßes pausbackiges Mädchen.
Plötzlich erhoben sich alle. "Dem Himmel sei Dank... Ali hat Wort gehalten und ist wirklich nur für eine halbe Stunde hier eingekehrt" dachte Roswitha erleichtert.
Doch da hatte sie sich
gründlich getäuscht. Nun wurde auf dem Fußboden das Essen serviert.
Roswitha blieb auf dem kleinen Kanapee mit dem Baby sitzen. Hunger konnte auch
Ali nicht haben,
sie hatten ja erst in dem Fischrestaurant reichlich gegessen.
Ali setzte sich sofort mit den Leuten auf den Boden und war der Erste, der
zugriff. Die anderen warteten,
bis sich auch Roswitha zu ihnen gesellen würde. Die versuchte es mit der Ausrede, dass an diesem Tage für Christen ein besonderer Fastentag sei und sie deshalb nicht mitessen dürfe.
Doch ihre
Ausführungen wurden missverstanden.
Die Leute dachten, sie dürfe sich nur nicht mit ihnen auf den Fußboden setzen. Fluchs wurde ein kleiner Tisch herein getragen und vor den Besuch gestellt. Die gesamte Familie setzte sich nun um Roswitha herum an diesen winzigen Tisch.
Erst als ihr Gast etwas von dem Joghurt
probierte, begannen sie selbst auch zu essen.
"So ähnlich muss es auch vor damals 2000 Jahren gewesen sein, als
Gastfreundschaft noch heilig und Geld für nicht so wichtig genommen wurde"
dachte Roswitha gerührt und fühlte
sich plötzlich sehr wohl bei diesen einfachen aber so lieben Leuten.
Was für ein
seltsamer Karfreitag ...
Als sie sich dann nach 2 Stunden verabschiedeten, wurde Roswitha wie eine alte
Freundin von allen geherzt und geküsst.
Ali fuhr zurück zur Hauptstraße. Er bog jedoch nicht, wie von Roswitha angenommen, nach
Antalya ab sondern nahm
die Straße nach Alanya. Roswitha verspürte nicht die geringste Lust, noch einen Freund mit ihm zu besuchen.
Auch wenn er noch so nett sein sollte. Sie wollte endlich nach Hause.
“Ali wohin” fragte sie ihn. “Alanya” antwortete er ihr “Otel”
und starrte dabei krampfhaft auf die dunkle Straße-
"O nein!" Sie wollte mit ihm in kein Hotel.
Genauso wenig wollte sie 100 KM bei
Nacht von ihm durch die Lande gefahren werden. Er war nachtblind!
“Ali“ sagte sie scharf “Nein! ... A n t a l y a”- “Alanya”, sagte er fröhlich.
“Nein!”, schrie sie ihn nun an.
“Meine Mama macht sich sehr große Sorgen wenn ich
nicht nach Hause komme”.
Aber woher denn?
Mama würde sich doch keine Sorgen machen. Schließlich hatte er ihr doch Garantie
gegeben.
Und Roswitha bräuchte sich auch keine Sorgen zu machen. Ali würde sie
beschützen.
Er stieg kräftig auf die Bremse, weil er durch die Scheinwerfer eines
entgegenkommenden Autos überhaupt nichts mehr sah.
“Ali bitte” sagte sie nun wieder ganz ruhig zu ihm - Wenn sie ihn anschrie fuhr er
womöglich noch unkonzentrierter
als er es ohnehin schon tat - “Nicht nur Mama macht sich Sorgen, auch die Anderen.
Wenn ich nicht komme, gehen sie zur Polizei.”
Das wirkte... ängstlich sah er sie an und wendete umgehend den Wagen. Er fuhr
nach Antalya zurück.
Roswitha schickte ein Dankgebet zum Himmel
Nach einer Weile wollte er dann wissen, wann sie denn mit ihm schlafen wollte.
Schließlich war sie ja mir ihm verlobt und die Frau seines Lebens. Da müsste sie
auch irgendwann mit ihm Sex haben. “Später”, antwortete Roswitha.
Sie war überglücklich, die ersten Lichter Antalyas zu erblicken.
Am Sonntag kam Peter mit seiner Frau, Schwägerin und Schwager Hansi. Sie hatten ein Hotel am Larastrand gebucht.
Als Hansi Alis Camping sah mietete er dort einen Bungalow.
“Das Hotel mag ja sehr schön sein, doch hier ist es gemütlicher und im Fluss
kann ich bestimmt massig Fische angeln” sagte er.
Zur Feier des Tages wurde ein großes Grillfest organisiert.
Wie schon an den Wochenenden davor kamen ganze Menschenscharen um beim “Kaptan
Kamping” Picknick zu machen. Anfangs war es vielleicht noch interessant für die
Touristen, die
türkischen Familien zu beobachten. Doch die Menschen spielten Fußball direkt
neben den Caravans und hatten
auch keine Scheu, sich von den Deutschen mal etwas auszuleihen - oder sich auf ihren Liegestühlen häuslich niederzulassen.
Die Fremden wurden begafft wie Außerirdische zudem ließen sie ihre Abfälle einfach überall liegen.
Die
Duschen und Toiletten konnte man an den Wochenenden vergessen.
“Nächstes Wochenende bleiben wir nicht hier”, beschlossen Mimi und ihre Familie
die bis dato gute Mine zu diesem Treiben gemacht hatten
“Wir machen irgendeinen Ausflug - hier kommt man sich ja wie auf dem
Präsentierteller vor.”
Adolf jedoch führte sich auf wie Hitler persönlich. Er schrie mit den Leuten sie
sollten sich gefälligst zum Teufel scheren.
“Pis, Pis” brüllte er sie an: “Dreck!” Das war so ziemlich das einzige türkische Wort das er beherrschte und es war nicht klar,
ob er damit die Menschen - oder den Müll meinte.
Roswitha schämte sich. Die Leute konnten ja nichts dafür, dass Ali Picknick auf
seinem Camping erlaubte.
Als eine türkische Mutter ihr Kleinkind mitten am Platz Pipi machen ließ schrie
Adolf sie so an, dass das arme Kind haltlos zu weinen anfing. Roswitha nahm
ein paar Bonbons und brachte sie dem verschreckten Kind.
Es sollte nicht denken
alle Deutschen seien so böse.
Ali war an jedem gedeckten Tisch zu finden. Er aß und trank überall mit.
Der Abend wurde wieder sehr
lustig. Hansi und Paul unterhielten das ganze Lokal mit ihren witzigen
Geschichten.
Als Peter und Trixi zu ihrem Hotel zurück wollten, gab Mimi ihnen ihr Auto damit
sie kommen und gehen konnten wie
sie wollten. Die beiden waren die einzig
Nüchternen an dem Abend.
Auf dem Weg in das Hotel kam ihnen ein betrunkener Autofahrer in einer
Einbahnstraße entgegen.
Mamas Auto bekam ein paar Schrammen ab. Obwohl weiter nichts passiert war, war Peter dennoch froh als endlich
die Polizei eintraf. Nach gut eineinhalb Stunden war die Sache dann erledigt und Peter und Trixi konnten in ihr Hotel.
Peter brachte Mimis Auto am nächsten Tag zurück. Er wollte sich in der Türkei nicht
noch einmal als Fahrer versuchen.
“Der türkische Chauffeur war so stark betrunken,
dass er nur mit großer Mühe aus seinem Wagen heraus kam” erzählte er noch immer
geschockt. “Ich befürchtete schon in diesem Land eine Strafe zu bekommen,
weil ich nüchtern hinter dem Steuer saß”.
„Das hätte ich dir gleich sagen können“ sagte Onkel Paul trocken. „Ich fahre nie in der
Nacht“ - „Na, ich weiß nicht...
es sieht für mich so aus, als wären die hier auch am Tag
betrunken“ - „Kann schon sein - aber nicht nur deswegen fahre ich nachts nicht. Hauptsächlich wegen
diesen großen Schildkröten.“
„Wie? Du willst doch nicht behaupten, bei Dunkelheit fahren hier Schildkröten
auf den Straßen herum“
fragte nun Hansi
und sah Paul
ungläubig an.
„Aber nein! Die fahren doch nicht... Die fliegen!“
Fliegende Riesenschildkröten? Davon hatte noch keiner von
ihnen gehört.
„Was?... Dass wisst ihr nicht?“ sprach da ihr Türkei Experte mit erhobener Stimme weiter. „Die Tiere machen Nachtwanderungen. Ganze Familien davon überqueren die Straßen. Wenn du - mal angenommen - hinter einem anderen Auto bist das so eine Schildkröte überfährt, dann fliegt diese wie ein Geschoss auf dich zu. Wenn du Pech hast,
schlägt mit der Wucht einer Bombe in die
Windschutzscheibe ein.“
Die armen Tiere! War das jetzt Jägerlatein für Türkeiurlauber? Roswitha sah
Annemie fragend an,
doch auch sie nickte ernst.
„Ist euch denn schon mal eine entgegen geflogen“ fragte Roswitha. Sie hatte Mühe
ernst zu bleiben.
„Nein. Ich fahr ja nachts nicht.“
Nachmittags
wollten die Neuankömmlinge nach Antalya zum einkaufen. Hansi und Marlene,
genannt Leni, Peter, Trixi, Roswitha mit Mama.
Alle waren von dem Basar begeistert. Sie kauften ein wie die Wahnsinnigen. MCM
Koffer und Taschen, Gold, Gürtel
und Geldbörsen. Lacoste T-Shirts und Boss
Jeans. Die Gassen, die durch den Basar führten, waren ziemlich eng.
Die kauflustige Gesellschaft hatte Mühe durchzukommen, mit ihren großen Koffern
und den vielen Paketen.
Die freundlichen Verkäufer dort sind normalerweise sehr darum bemüht, Kundschaft in ihre Läden zu lotsen - diese lachende und lärmende Gruppe aber konnte niemand hinein bitten. Sie hätten in den kleinen Geschäften keinen Platz gefunden,
da sie wie die Packesel aufgeladen waren.
Blieben sie irgendwo vor einem Geschäft
stehen um etwas anzusehen, wurde sofort der gesamte Durchgangs- Verkehr
des Basars behindert.
Um zurückfahren zu können, benötigten sie ein Taxi zusätzlich für ihre vielen
Mitbringsel.
Am Platz angekommen wurden die Sachen sofort ausgepackt, das eine und andere
untereinander getauscht
und etliche Dinge kauften sie sich sogar gegenseitig wieder
ab.
Ali der dazukam, schüttelte den Kopf als er das illustere Treiben beobachtete. “Zu teuer... alles viel zu teuer”
bemängelte er.
Für Roswitha und die Anderen war es überhaupt nicht teuer. Sie wollten ja kein
Geschäft anfangen.
Mussten also nicht mit Pfennigen kalkulieren. Was sollte denn an einem Marken-T-Shirt um 5 Mark oder an einem
MCM Koffer für 40 Mark zu teuer
sein?
Am nächsten Tag wollten Peter und Hansi Schmuck für ihre Frauen kaufen. Ali
sollte mitkommen da er ja angeblich
die besseren Preise aushandeln konnte und es bei Schmuck um größere Summen gehen würde.
“Kemer” sagte Ali
am nächsten Morgen. “Gold ist in Kemer am günstigsten.”
Also ging die Fahrt nach Kemer.
Die Schmuckgeschäfte dort waren wirklich umwerfend. Ausgefallen schöne
Schmuckstücke wurden angeboten...
jedoch um einiges teuerer als in Antalya.
Sobald Peter sich etwas ausgesucht und den Preis ausgehandelt hatte, kam Alis
Auftritt.
Da er zuerst schweigend den Verhandlungen gefolgt war wusste niemand, dass er
Türke war.
Jetzt schacherte und handelte er auf Teufel komm raus mit den überraschten
Leuten.
Als er in einem Geschäft “In Istanbul bekomme ich das viel billiger” sagte,
meinten die Verkäufer
dann solle er doch dort einkaufen und warfen ihn hochkant
aus dem Laden.
Letztendlich ging es bei seinen Verhandlungen immer nur um ein paar Mark.
Wenn schon ein Preis von 2000 DM ausgehandelt war, bekam Ali, nach mindestens
einstündigen Verhandlungen
einen Rabatt von 20 Mark. Im aller günstigsten Fall.
Die Freunde waren am Ende furchtbar genervt von dem stundenlangen Warten auf
ihn.
Er kam nie aus den Geschäften heraus ohne dort Cay getrunken zu haben. Egal ob jemand etwas kaufen wollte oder nicht.
Als er sich beim Mittagessen dann auch noch als Geizhals entpuppte - er machte nicht einmal den leisesten Versuch
seine Geldbörse zu zücken um eventuell seine und Roswithas Zeche zu bezahlen- hatte Roswitha genug von ihm.
Kleinliche Menschen konnte sie auf den Tod nicht ausstehen.
Kein Mensch hätte ihn wirklich bezahlen lassen.Doch das konnte er ja nicht wissen.
Roswitha sagte nichts, zog sich aus seiner Nähe zurück und ging ihm permanent aus dem Weg.
Ali lief von da an sehr bedrückt und unglücklich durch die Gegend. Nach 2 Tagen, als er
sie zufällig allein erwischte
nahm er sie bei der Hand und führte sie zu einer
Loge.
“Was ist passiert?” wollte er traurig wissen. Sie tat, als wüsste sie nicht was
er damit meinte.
“Ich liebe dich” sagte er.
Er wäre zurzeit in einer schwierigen
finanziellen Lage denn im Winter hatte er so gut wie keine Einnahmen. Im Moment
war er total pleite. Aber geizig sei er ganz bestimmt nicht. Er hatte auf seinem
Schiff Millionen Dollar mit Schmuggel verdient und auch wieder verprasst. In ein
paar Monaten würde sie es schon sehen. Sie würde von ihm wie eine Prinzessin
verwöhnt werden.
Er nahm ihre Hand und begann daraus zu lesen: “Dein Leben war bis jetzt ein
einziges auf und ab” begann er“ doch ab jetzt wird es nur noch nach oben gehen.
Ein Mann wird in dein Leben treten und bei ihm wirst du alles finden, was du dir
immer gewünscht hast.”
Schnell zeigte er ihr seine Hand. “Siehst du, bei mir sind die gleichen Linien
wie auch in deiner Hand.” Roswitha musste lachen. Er versprach, für sie die
Sterne vom Himmel zu holen. Sie müsse ihm nur ein paar Monate Zeit geben um
seine Finanzen
in Ordnung zu bringen. "Eigentlich ist er ja doch lieb", überlegte Roswitha.
In finanzielle Schwierigkeiten konnte jeder einmal kommen. Das er 16 Jahre älter war als sie konnte auch ein Vorteil sein.
Im Alter wird man ja
bekanntlich weise und sie könnte vielleicht zum ersten Mal in ihrem Leben einen
Mann zu Rate ziehen, wenn es Probleme gab.
O Mann, o Mann...
Ob es nun der Frühling, die Sonne oder Alis romantischer Platz war, konnte sie später nicht mehr sagen
Das Schicksal nahm seinen Lauf. und Roswitha schlief endlich mit Ali was ihn auf Wolken schweben ließ.
Als sie noch eine Party veranstalteten war das Wetter schon so schön, dass man auch abends draußen sitzen konnte.
In Alis Gartenrestaurant wurde eine feuchtfröhliche Fete
gefeiert.
Mimi brauchte ihren Radio dieses mal nicht mitzubringen. Ali besaß eine moderne
Pioneer Stereoanlage
die an dem Abend zum Einsatz kam.
Zu türkischer und deutscher Musik wurde getanzt. Als um etwa 22 Uhr drei
schwarze Staatskarossen ankamen,
waren alle schon ziemlich gut angeheitert.
Aus dem ersten Wagen sprangen zwei weiß gekleidete Matrosen. Sie liefen zum
mittleren Auto,
rissen die Tür auf und... standen stramm.
Der Mann der dann da ausstieg hatte eine schneeweiße Galauniform an. Von Ali
wurde er auf das herzlichste berüßt.
“Das ist mein guter Freund, unser Deniz Kommutan” stellte er ihn vor. Er
war vom benachbarten
Marine Stützpunkt gekommen und nahm sofort am Tisch der
deutschen Touristen Platz.
Hocherfreut über die üppige Getränkeauswahl, becherte er sogleich mit. Die 6
Soldaten seiner Eskorte standen
wie versteinert stramm hinter ihm und erwarteten
seine Befehle.
Mimi hatte es dem Kommutan besonders angetan.
“Ich liebe deutsche Klassik sehr” vertraute er ihr an. “Johann Strauß! Haben sie
Johann Strauß auf Kassette?”
Mimi verneinte etwas verwundert. Wann war Strauß denn deutsche Klassik
geworden?
„Problem yok.“ Der Kommutan schnippte mit den Fingern und sofort war ein Matrose
an seiner Seite -
er bekam einen
kurzen Befehl , tippte an sein Käppi und rannte zum Auto des Kommandanten.
Kurz darauf erklang aus der Stereo Anlage Walzermusik.
Der Kommutan sprang beim ersten Ton von seinem Stuhl hoch, schlug die Hacken
zusammen und forderte Mimi zum Tanz auf.
Sie war früher
Ballett-Tänzerin und tanzte immer noch für ihr Leben gerne. Doch als sie mit dem Mann
auf der Tanzfläche stand, rührte dieser sich nicht von der Stelle. Das einzige
was er bewegte war sein Oberkörper mit dem er im Takt etwas hin und her wippte. Seine Beine schienen am Boden
angeleimt zu sein. Die Matrosen hatten um ihn und Mimi herum Haltung angenommen.
Mimi war sehr erleichtert als der Walzer zu ende war und sie sich wieder setzen
durfte. Das Tape spielte inzwischen wieder deutsche Schlager. “ Madame... Sie
tanzen ausgezeichnet” sagte der Admiral charmant zu Mimi und noch ehe sie sich
für das Kompliment bedanken konnte, klatschte ihr Verehrer schon wieder in die
Hände.
Sofort wurde die Kassette von den Matrosen gewechselt und noch einmal des
Kommandanten Lieblingssong eingelegt.
Zackig wie beim ersten Mal schlug er auch diesmal die Hacken vor Mimi zusammen und sie musste
noch einmal auf der Tanzfläche mit ihm stillstehen.
Ali krümmte sich vor Lachen. Er hatte ja schon mitbekommen wie Mimi tanzen
konnte.
Als das Lied endlich zu ende war, entschuldigte sich Mimi. Sie flüchtete zum
Caravan in der Erwartung
der Marinekommandant würde seine Tanzleidenschaft vergessen, wenn er sie eine Zeitlang nicht sehen würde.
Diese türkischen Walzer
waren nicht ihr Ding.
Doch er hatte sie während ihrer Abwesenheit schon schmerzlich vermisst. Tanzen mit Mimi war zur Sucht
geworden für ihn. Sofort - nachdem Mimi zurückkam - klatschte er und wieder
hatte sie die Ehre auf dem Podium mit ihm stramm zustehen.
So ging das bis 2 Uhr in der Nacht.
“Es ist spät geworden, ich gehe jetzt schlafen”, verabschiedete sich nun Mimi.
Der Kommutan sprang vom Stuhl hoch und küsste - inzwischen vom vielen Alkohol
ganz wackelig auf den Beinen -
Mimis Hände.
“Ich werde jetzt öfter hier vorbeikommen” lallte er, “um mit ihnen zu tanzen.”
Mimi konnte es kaum erwarten.
“Leute, solange wollten wir eigentlich gar nicht in Antalya bleiben. Wenn ihr
einverstanden seid fahren wir,
wenn die Kinder wieder nach Hause fliegen, auch. Wir haben einen langen Heimweg vor uns.
Ihr wollt sicherlich noch ein paar
andere Städte kennen lernen” sagte Paul am anderen Morgen.
Schweren Herzens war auch Roswitha einverstanden. Onkelchen hatte ja Recht. Es
lagen über 3000 Km Weg vor ihnen
und eine Rallye wollte niemand veranstalten. Am
29. April flog Peter mit Frau und Freunden ab.
Ali war traurig. Er mochte Roswithas Bruder sehr. Überhaupt, er liebte die ganze
Verwandtschaft.
Sein Schiff legte an dem gleichen Tag in Antalya an. Aufgeregt erzählte er
Roswitha davon. Natürlich musste sie mit ihm
seine alten Freunde besuchen. Roswitha liebte Schiffe. Sie kam gerne mit ihm mit.
Die “Karadeniz” war ein mittelgroßes Passagierschiff. Mit großem „Hallo“ wurden Ali und
auch
Roswitha von seinen Freunden begrüßt.
Dort war er also der große Kapitän gewesen. Sofort wurde Tee serviert. Dann
hatten sich Ali und die Freunde viel zu erzählen. Trotzdem, sie hatte das Gefühl, Ali wurde von seinen Freunden
kräftig gefoppt.
Als dann der Kapitän kam und die Beiden begrüßte, hatte Roswitha zum ersten Mal
den Verdacht, dass Ali sie im Bezug auf seine frühere Tätigkeit angelogen haben musste. Er sprach mit dem Kaptan
nicht wie mit einem Kollegen -
sondern wie ein Untergebener.
Obgleich sie die Worte nicht verstand sah sie, wie er katzbuckelte vor dem Mann.
Als sie wieder
zurück waren, lief Sakine sehr traurig durch den Platz. Als Roswitha sie darauf
ansprach brach sie in Tränen aus.
“Es ist dein letzter Abend hier. Sprechen wir nicht von meinen Sorgen. Es ist
nichts”. Als sie wenig später sah,
wie Ali und Sakine miteinander stritten,
ahnte sie, dass Ali Schuld an Sakines Tränen war.
Beim gemeinsamen Abendessen sprachen die Beiden kein Wort miteinander. Sakine,
bis dahin für die Bungalows verantwortlich, war von ihm entlassen worden. Er
hatte ihren Job - ohne Vorwarnung - Adolf gegeben.
Dieser unsympathische Mensch sollte jetzt die Vermietungen übernehmen. Roswitha
versuchte zwischen Ali und Sakine zu vermitteln. Erfolglos. Sakine wollte nicht
länger beim “Kaptan Kamping” bleiben und Adolf als Chef wollte sie schon gar
nicht.
Ali war davon überzeugt, ein Deutscher würde Touristen anlocken. Das konnte
doch nur von Vorteil für den Camping sein.
Dass Adolf den Platz für sich und seine eigene Familie beschlagnahmen wollte, glaubte er nicht.
Sakine packte
ihre Sachen. Nur weil Roswitha am nächsten Tag abfuhr, blieb auch sie noch eine
Nacht.
“Ich gehe nach Tekirova”,
sagte sie zu Roswitha. “Wenn du wiederkommst, dann besuch mich dort”.
Roswitha
versprach es ihr. Sie wollte so schnell wie möglich nach Antalya zurückkommen.
Als sie und Ali alleine waren versprach er ihr, sobald er seine Angelegenheiten
geregelt hatte, ihr nachzureisen um sie noch einmal zu sehen bevor sie nach
Deutschland ging. Außerdem wollte er sie für immer an seinem Camping haben.
Dafür würde er jetzt Tag und Nacht arbeiten. Das sie nicht türkisch sprach, war überhaupt kein Problem.
"Wenn du das nächste Mal kommst, dann können wir uns fließend in Deutsch unterhalten" versprach er ihr.
"Ich bin ein ausgesprochenes Sprachgenie"
In seinem Auto hatte er mehrere Musikkassetten. Auf einer davon war ein Lied, dass Roswitha gefiel.
Sofort schenkte er ihr diese Kassette.
Die türkische Musik ist zwar gewöhnungsbedürftig, doch es gibt durchaus Lieder die auch für europäische Ohren hübsch sind.
Morgens um 9 Uhr fuhren sie ab. Ihr Ziel war Ölü-Deniz, die blaue Lagune der Türkei. Die Landschaft war traumhaft schön. Dieses Mal nahm Roswitha es jedoch gar nicht richtig wahr. Sie war traurig Antalya verlassen zu haben.
Sie hatte immer das
Gefühl gehabt, sie wäre in einem früheren Leben schon einmal dort gewesen.
Nach ein paar Tagen stießen Hilde und Helmut noch einmal zu ihnen. Sie hatten
einen kurzen Abstecher nach Dalyan zu den Schildkröten gemacht. Gemeinsam fuhren
sie nun weiter nach Bodrum. Ali und Roswitha telefonierten täglich miteinander.
Eigentlich wollte er auch schon in Bodrum sein, doch ein wichtiger
geschäftlicher Termin war dazwischen gekommen.
Inzwischen war Muttertag. Nachmittags traf sich alle bei Annemie unter dem
Vorzelt zu einer Kaffeeparty.
Roswitha steckte Alis Kassette in den Rekorder.
Als sie das Band wendete erklang nicht wie erwartet türkische Musik - Nein, eine
Frau machte Ali auf Englisch
eine heiße Liebeserklärung.
Roswitha verstand nur Bruchteile. Annemie meinte grinsend: “Dein Ali scheint im
Bett ein ganz toller Hecht zu sein.
Die Dame ist ja völlig hingerissen von
seiner Potenz”.
Erschrocken über das pikante Abschiedsgeschenk stoppte Roswitha hurtig das Band.
Wer war denn diese Ingrid? Ali hatte ihr doch geschworen, nie eine
Touristin auch nur angeschaut zu haben.
Paul lachte sehr. “So ein Idiot. Gibt er dir doch ein Beweisstück als Geschenk.
Nein, so was Blödes wäre mir nie passiert.
Das gehört ja in ein Witzblatt unter:
Die dümmsten Liebhaber der Welt”.
Roswitha fand das gar nicht witzig. Das war ja eine gelungene Muttertag-Überaschung!
Als wieder jemand
vom Campingplatz kam und ihr mitteilte, sie würde in 5 Minuten am Telefon
verlangt, ließ sie sich verleugnen. Ali bombardierte darauf hin die Leute an der
Rezeption mit seinen Telefonaten und rief stündlich dort an.
Also sprach Roswitha mit ihm. “Wer ist Ingrid” stellte sie ihn sofort, ohne
Umschweife zur Rede.
Diese Frage brachte ihn aus dem Konzept. Wie konnte sie
denn etwas über Ingrid wissen? War sie Hellseherin?
"Wie? Was für eine Ingrid? Ich kenne keine ... ach diese Ingrid meinst du"
er wusste nicht, wie er sich da herausreden sollte.
“Roswitha, damals habe ich dich doch nicht gekannt. Sie ist
niemand über den du dich aufregen müsstest” - “Ich rege mich auf, weil es all die
anderen auch mitbekommen haben” - “Wie das denn?” - “Hast du dir deine Kassette
schon einmal vollständig angehört?” - “Ja - Was hat die Kassette denn damit zu tun?
Allah ... Die Frau die da spricht, ist sie das?”
Er verstand kein englisch und wäre nie auf die Idee gekommen, dass die Kassette
ein Liebesbotschaft für ihn sein könnte.
Er schämte sich. Am schlimmsten war, dass es auch Mimi, seine zukünftige Schwiegermama, mitbekommen hatte.
“Diese Ingrid ist mit ihrem Mann in einem Caravan auf meinen Platz gekommen”
erzählte er nun. “Ich schlief bei mir im Haus und wie du weißt, sperre ich die
Tür niemals ab. Sie
kam und legte sich einfach zu mir in mein Bett.
Ihr Mann schlief seelenruhig im
Wohnwagen. Ob ich wollte oder nicht, ich musste mit ihr schlafen”.
Natürlich! Der kleine, zierliche Ali war quasi vergewaltigt worden. “Das ist doch
schon letztes Jahr gewesen.
Ich kannte dich doch nicht” jammerte er. Um ein Haar
wäre er in Tränen ausgebrochen.
Wenn er wirklich ein raffinierter Don Juan wäre, dann wäre ihm bestimmt nicht
der Fehler mit der Kassette unterlaufen, überlegte Roswitha. Sie beschloss, ihm
zu glauben.
Das Wetter war jetzt schon hochsommerlich. Auch das Meer war angenehm warm.
Roswitha konnte nie genug von dem herrlichen Wasser bekommen. Sie hatte sich
wirklich super erholt. Hatte sie vor 2 Monaten noch sehr stark gehinkt,
merkte jetzt nur noch jemand davon, der von ihrem Unfall wusste.
Am 14 Mai waren sie in Kuşadası
und damit schon halb auf dem Heimweg.
Ali rief wieder jeden Tag an und bei jedem Gespräch versprach er: “Ich komme in 2 Tagen”.
Roswitha glaubte nicht mehr daran.
Dann, am 23. Mai stand er plötzlich vor der Tür und
strahlte über das ganze Gesicht.
Er mietete einen Bungalow direkt am
Campingplatz und zog mit Roswitha dort ein. Am nächsten Tag fuhren sie alle
zusammen nach Selçuk
zum Marienhaus.
Einsam auf einem Berg gelegen befand sich die kleine Kapelle die der heiligen Mutter Gottes
geweiht worden war.
Nach der Kreuzigung ihres Sohnes Jesus, war Maria mit dem Apostel
Johannes in die Türkei nach Ephesus gegangen
und lebte dort bis zu ihrem Tod.
Eine deutsche Nonne hatte darüber viele Visionen und beschrieb den Ort so
detailgenau, dass er bei einer Expedition an der von Frau
Katharina Emmerich besagten
Stelle gefunden wurde.
Auf die Ruine des kleinen Häuschens wurde die Kappelle errichtet.
Im Eingangsbereich stieß man auf zahlreiche Votiv-Täfelchen in den verschiedensten Sprachen .
Danksagungen für wundersame Heilungen die an diesem Ort stattgefunden hatten.
Nicht nur Touristen besuchen diesen Wallfahrtsort.
Da Maria auch im Koran erwähnt und verehrt wird -
nicht als Mutter Gottes
sondern als Mutter des Propheten Jesus - pilgern auch zahlreiche Türken dorthin.
Wanderte man den Berg hinunter so erreichte man an eine kleine, nur noch aus
Grundmauern bestehende Kirche, die die erste Marienkirche der Welt sein soll. Auch
das Grab der hl. Frau wird dort vermutet. Doch die genaue Begräbnisstelle ist
unbekannt.
Es war zu lesen, dass sich auch das Grab des hl. Johannes in der Gegend von
Ephesus befand.
An diesem Tag wurde es von den deutschen Touristen jedoch nicht gefunden. Roswitha nahm sich vor,
bei der nächsten sich bietenden Gelegenheit wieder an diesen Ort zurück zukehren.
Am 26. Mai
verließen sie Kuşadası
und fuhren weiter nach Izmir.
10 Jahre hatte Ali keinen Urlaub gemacht und nun
bereitete es ihm
sichtlich Freude, durch sein Land zureisen.
Einkaufen ging er mindestens so gerne wie Roswitha. Überall auf der Straße hielt er an, um einzukaufen. Vorzugsweise Erik - kleine grüne Pflaumen - die er kiloweise vertilgte.
In Izmir mietete er wieder einen Bungalow am Campingplatz und stellte neiderfüllt fest, dass dieser viel komfortabler als seine eigenen war. “So werde ich meine auch bauen. Warte nur, wenn du wiederkommst wirst du den Platz nicht wieder erkennen.
Für dich werde ich ein großes Restaurant bauen indem wir auch im Winter dann mit bis zu 200 Gästen arbeiten können.
Du wirst in der Türkei mehr Geld verdienen als in Deutschland Tatlım".
Wir werden das glücklichste und erfolgreichste Paar der ganzen Welt werden”.
Dafür gab's
wieder Garantie.
"Er scheint es tatsächlich ernst zu meinen", dachte Roswitha. Sie hatte noch nie
daran gedacht, im Ausland ein Geschäft anzufangen. Ihr gefiel Deutschland - sie
war im Großen und Ganzen zufrieden dort. Ihre große Liebe hatte sie seinerzeit
nicht geheiratet, weil er in Füssen wohnte und sie nicht einmal aus Augsburg wegziehen wollte.
Es war
fürchterlich heiß. Die Nächte beinahe genauso wie die Tage.
Ali und Roswitha fuhren nach Izmir, eine große, überaus moderne Stadt.
Dort sah Roswitha auch das
erste Mal Frauen ohne Begleitung in den Lokalen sitzen.
Der Basar in Izmir war riesengroß, der Hafen wunderschön und doch - nichts davon
war mit Antalya zu
vergleichen fand Roswitha.
Das war etwa wie
Augsburg und München.
Roswitha liebte München. Hätte aber nie dort leben wollen. Augsburg hatte genau die richtige Größe. Antalya auch!
Am Abend war in der Camping- Gaststätte eine original türkische Hochzeit. Den Deutschen Touristen wurde
von der Braut ein paar Stücke von der Hochzeitstorte an den Tisch gebracht. Sie sollten sich dazu gehörig fühlen.
Was auch wirklich der Fall
war.
Als die Bauchtänzerin dann auch noch auf dem Tisch extra für sie tanzte, waren
alle von der Gastfreundschaft tief beeindruckt.
Bis auf Ali. Er würdigte die Tänzerin mit keinem Blick. Schaute nur stur
auf den Boden.
“So ein scheinheiliger Mamaluke", lachte Onkel Paul. Roswitha fand Alis Verhalten
unhöflich.
Das Mädchen tanzte schließlich auch für ihn.
Er ließ sich nicht dazu bewegen, sie anzusehen. Stattdessen rief er verärgert den Ober und
beschwerte sich über die Nüsse -
ein Geschenk des Hauses - weil die angeblich nicht frisch genug waren.
Sie wurden ausgewechselt.
Nach 2 Minuten beschwerte sich Ali darüber, dass im Aschenbecher eine Zigarette
war, und er nicht sofort geleert wurde.
Eine einzige Zigarette! Roswitha war das sehr
peinlich. Was bezweckte er denn damit? Die Garsongs bemühten sich wirklich sehr
um die Deutschen und um Ali. Hatten aber nebenbei noch eine Hochzeits- Gesellschaft zu
bedienen.
Der Abend hätte sehr harmonisch werden können wenn... ja wenn Ali nicht dabei gewesen wäre.
An ihren Tisch gesellte sich nun ein Mann mit sehr guten Deutschkenntnissen. Er merkte sehr
schnell, dass Paul ein richtiger Spaßvogel war. Als Onkelchen der Bauchtänzerin
am Ende Geld zusteckte, fragte ihn der Mann im Scherz,
ob er sie gerne haben wolle. “Kein Problem. Ich kann sie für dich aushandeln” ulkte er. Paul lehnte dankend ab -
er hatte ja schon einen Harem. Noch eine Frau dazu wollte er nicht.
Alle fanden den Scherz lustig... Ali nicht.
Für alle überraschend ließ er den Patron an den Tisch zitieren. Im Beisein der Ehefrau seinem
Freund Paul so ein
sittenwidriges Angebot zu machen wäre eine Beleidigung,
beschwerte er sich wortreich bei dem bedauernswerten Mann.
Der Patron wurde vor Scham immer kleiner. Unzählige Male verbeugte er sich
vor dem großen Kaptan Ali.
Nach einer viertelstündigen Moralpredigt wurde er dann gnädig von Ali entlassen.
Der erst so
lustige Gast
wurde aus dem Lokal gewiesen.
Damit war die Stimmung an dem Tisch der Deutschen ruiniert und sie gingen zurück
zu den Bungalows.
An diesem Abend stritt Roswitha sich das erste Mal richtig mit Ali. Sie konnte nicht
fassen, dass er - wenn ihm etwas an dem Mann nicht gefiel - es ihm nicht gleich
ins Gesicht gesagt hatte sondern vor dem Besitzer des Restaurants die nichtige
Angelegenheit dermaßen breitgetreten hatte.
“So verhält sich ein Feigling”, sagte sie zornig zu ihm. “Feigling?” Roswitha
hatte Deutsch mit ihm gesprochen.
Dieses Wort verstand er nicht.
Am nächsten Morgen ging die Reise weiter nach Edirne. Ali fuhr nach Antalya
zurück.