Kapitel wird geladen...

2. Kapitel

 

 Wer das, was schön war vergisst, wird böse.

Wer das, was schlimm war vergisst, wird dumm.

 

Zurück in Deutschland holte der Alltag Roswitha schneller ein als ihr lieb war. Mehmet genannt Mecki, der Vater von René war inzwischen aus dem Gefängnis entlassen worden. Janine hatte sich von ihm getrennt und lebte mit einem anderen Jungen zusammen.

Roswitha bedauerte das sehr. Mecki hatte sich immer vorbildlich um René gekümmert. Der Kleine war während dem

noch goldiger geworden, ein ausgesprochen hübsches Kind mit blonden Locken und Augen wie zwei Sternchen.

 

Langsam  musste Roswitha jetzt überlegen wie es beruflich weitergehen sollte. Vor dem Unfall hatte sie einen Autohandel

mit ihrem Lebensgefährten - der ein exzellenter Mechaniker war - betrieben. Jetzt hatte sie beides nicht mehr.

Weder das Autogeschäft - noch den Lebensgefährten.

Zudem war sie seit dem Unfall 60% Schwerbehindert, überwiegend durch den beidseitigen Beckenvenenverschluss

welcher zur Folge hatte, dass Ihre Beine dick wie Ballons anschwollen und ständig hoch gelagert werden wollten.
Welche Möglichkeiten blieben da? Ohne Berufsausbildung? Es sah schlecht aus!


Oft dachte sie an ihren Urlaub in der Türkei zurück. Wie ein schöner Traum erschien ihr die Erinnerung an die Zeit dort.

Ali rief beinnahe täglich bei ihr in Deutschland an obwohl eine Unterhaltung am Telefon nur sehr schwierig zustande kam.

Da Mecki fast täglich bei Roswitha vorbei kam, übersetzte er die wichtigeren Themen ab und an.

Ali hatte inzwischen seinen Partner ausbezahlt und plante nun, Roswitha als Teilhaberin nach Antalya zu holen.

“Komm hierher” flehte er täglich am Telefon “Ich kann nachts nicht mehr schlafen und am Tag nicht mehr arbeiten -

sosehr vermisse ich dich.”
Mit der Zeit fing sie an, sich ernsthaft mit diesem Gedanken auseinander zu setzen. "Was hält mich eigentlich in Deutschland?" begann sie sich damals das erste Mal zu fragen.
Sie schwärmte so begeistert von der Türkei, dass ihre besten Freundinnen beschlossen, mit ihr in Antalya Urlaub zu machen.
Mit dem Hintergedanken, wenn sie erst einmal an dem romantischen “Kaptan Kamping” waren würden sie

bestimmt wieder zusammen finden, machte sie Janine und Mecki den Vorschlag, auch mitzukommen.

Mecki war von dem Angebot begeistert.

Er wollte sich ohnehin wieder mit der Mutter seines Sohnes aussöhnen. Janine war jedoch nicht bereit, ihren neuen Freund zu verlassen und mit Mecki in Antalya zu turteln - worüber er wiederum schrecklich traurig war. “Wenn du mir versprichst,

 keine krummen Dinger mehr zu drehen und wenn du Lust auf deine Heimat hast, spendiere ich dir den Flug nach Antalya” schlug Roswitha ihm vor. Sie mochte den Jungen und verstand ihre Tochter nicht. Mecki versprach ihr hoch und heilig:

Keine Gaunereien mehr!

Schon die Aussicht, bald wieder nach Antalya zu kommen machten Roswitha glücklich und ließen ihre Probleme

nur noch halb so tragisch erscheinen. Sie wollte sich alles noch einmal ansehen - doch dieses Mal unter geschäftlichen Aspekten, nicht mit romantischen Augen.

 

Mit der Zeit verblassten auch die negativen Erinnerungen und Ali wurde mehr und mehr zum Prinzen.

Ein etwas reifer Prinz, zugegeben - aber ein Prinz! Sein Schloss war der Campingplatz und sein Reich war Antalya.

Je länger sie darüber nachdachte, so besser gefiel ihr der Gedanke.

Und immer häufiger erwischte sie sich bei der Frage, was sie in Deutschland noch sollte.

Janine ließ sich fast gar nicht mehr bei ihrer Mutter sehen. 7Jahre hatte Roswitha einen Kampf um ihr Kind geführt und wie es nun aussah, hatte sie ihn verloren. Der neuer Lover war Heroinsüchtig und das Mädchen geriet immer tiefer in diese Kreise. Dass Roswitha machtlos dabei zusehen musste hatte sie mit den Jahren inzwischen begriffen -

Doch sie machte sich schreckliche Sorgen um den kleinen René.

 

Als der Reisetermin fest stand rief Roswitha bei Ali an. Er freute sich riesig und er hatte auch gleich eine Liste an Dingen,

die sie ihm aus Deutschland mitbringen sollte.
“An meinem Talbot ist die Kardanwelle kaputt. In der Türkei ist sie nicht aufzutreiben.

Kannst du versuchen sie in Deutschland zu bekommen?”
Natürlich konnte sie das. Sie hatte ja 6 Jahre einen Autohandel betrieben. Das war nicht das Problem.

Eher machte da der türkische Zoll Schwierigkeiten. Eine Kardanwelle war nicht einfach in einem Koffer zu verstecken.

Wie stellte Ali sich das vor?
Über solch typisch deutsche Bedenken konnte er nur lachen. “Problem yok” sagte er, "der Zoll ist von mir schon informiert worden und du kannst dich darauf verlassen, dass es keine Probleme geben wird.

Du weißt doch, dein Ali ist hier ein großer Mann"
Außerdem wollte er noch einen Videorecorder und diverse Kleinigkeiten. Sie nannte ihm den Preis für die Sachen und er versicherte ihr lässig, dass sie sich auch darüber keine Gedanken machen bräuchte.

"Das Geschäft läuft jetzt wirklich gut und deine 2000 Mark bekommst du von mir noch am Flughafen"
Sie vertraute den Worten ihres Prinzen..
. doch manchmal plagten sie dann doch Zweifel.
Was, wenn ihr Traum wie eine Seifenblase zerplatzten würde? Der letzte Abend mit Ali kam ihr in den Sinn als er sich auf der türkischen Hochzeit so ganz und gar nicht edel verhielt.

Doch wie sollte sie herausfinden, ob Ali am ende doch ihr Märchenprinz war wenn sie es jetzt nicht ausprobierte?

So ein Angebot wie Ali es ihr gemacht hatte bekam man im Leben wahrscheinlich nur einmal.

 

Sicherheitshalber schaute sie bei ihrer Kartenlegerin vorbei. Die hatte ihr ja schon lange eine neue Liebe vorhergesagt mit der sich schlagartig ihr ganzes Leben zum positiven verändern würde.
Roswitha wollte nun von ihr wissen, ob Ali der vorhergesagte Prinz auch tatsächlich war.

Die Wahrsagerin legte die Karten aus, schaute Roswitha erstaunt an und fragte sofort: "Hast du jemanden kennen gelernt?"

Als Roswitha diese Frage bejahte jubelte sie:
“Das ist er”  und freute sich ehrlich für Roswitha. “Er ist aber mindestens 16 Jahre älter als ich und lebt in Antalya”

gab Roswitha zweifelnd zu bedenken. Die Frau winkte energisch ab.
“Alles kein Problem - Er ist das große Glück für dich!”
Auch Janine sah sie in den Karten. Dass sie auf einem falschen Weg sei was für René besonders tragisch sei und noch chaotischer werden würde.

Um ihn sorgte sich Roswitha ohnehin fürchterlich. Obwohl sie im selben Haus wohnten ließ Janine sich mit dem Kind

fast überhaupt nicht mehr bei ihr blicken.

Wollte Roswitha den Kleinen sehen - er war sehr gerne bei seiner Oma - wurde sie mit fadenscheinigen Ausreden abgespeist.
Wenn es ihm jetzt wirklich so schlecht ging, wie konnte man ihm helfen?
Janine war inzwischen 20 Jahre alt. Sie konnte mit ihrem Leben machen was sie wollte. Doch der Kleine?
Roswitha war seinerzeit nicht  in der Lage gewesen ihrem eigenen Kind zu helfen.

Wie konnte sie jetzt etwas für ihr Enkelchen tun?

Gemeinsam mit Mecki überlegte sie, was sie für Möglichkeiten hatten.

Da Mecki und Janine nicht verheiratet waren, hatte er auch nicht das geringste Recht auf seinen Sohn. Roswitha war zwar die leibliche Oma - doch ihre Chancen René aus diesem Dilemma herauszuholen standen denkbar schlecht.
 

Am 17. Juni flogen sie von München ab. Mit Mecki und Roswitha flogen noch weitere 6 Personen,

alles Freundinnen von Roswitha und deren Freunde.

Im Urlaubsgepäck befanden sich außer Alis Kardanwelle und dem Videorecorder zahlreiche Geschenke für Tamer,

Sakine und Ayşe.
Als Roswitha beim Landeanflug ihr geliebtes Antalya von oben erblickte war sie vermutlich der glücklichste

Mensch auf Gottes weiter Welt.

Antalya! Wie hatte sie diese Stadt vermisst.

Bei der Pass-Abfertigung hielt sie nach Ali Ausschau und entdeckte ihn - in einiger Entfernung - mit einem Zöllner sprechend. Kam es ihr nur so vor - oder war er wirklich etwas angestaubt?
"Sicher hatte er bis zur letzten Minute gearbeitet und keine Zeit gefunden sich zu stylen" versuchte sie sich zu beruhigen.
Nun hatte er auch sie erblickt, eilte überglücklich auf sie zu um sie dann mit seinem schönsten

Blendax - Lächeln anzustrahlen.

Ihre Knie wurden weich... als sie nämlich mit Schrecken bemerkte, dass ihr Traumprinz seinen oberen Schneidezahn verloren hatte! Und dort, wo eigentlich die Millimeterlücke - die sie so süß fand - sein sollte,

klaffte jetzt eine hässliche große schwarze Lücke!

Stürmisch drückte der lädierte Prinz nun seine sprachlose Prinzessin an die Brust und küsste sie

einmal links und einmal rechts auf die Wangen.
 
“Tak- Tak” begrüßte er freundlich auch die anderen Freunde. Es sollte wohl „Guten Tag“ bedeuten.

Mecki und er begrüßten sich mit Küsschen und Roswitha war angenehm überrascht, wie perfekt ihr

"Schwiegersohn" den türkischen Handkuss beherrschte.

 
Roswitha rang immer noch nach ihrer Fassung. “Letztes Mal hatte er noch alle Zähne” raunte sie ihren Freunden zu als sie auf ihre Koffer warteten. Das Einzige, was dann endlich auf dem Rollband seine Rundreise antrat war... die Kardanwelle.

Alle anderen Gepäckstücke waren fälschlicher Weise im Flugzeug geblieben und nun auf dem Weg nach Istanbul.

Die würden - wie ihnen freundlich versicherte wurde - am nächsten Tag wieder in Antalya eintreffen.
Ali schnappte seine Kardanwelle und spazierte damit gemütlich zum Ausgang woran ihn auch niemand hinderte.

Zum Abschied wurde er von den Zöllnern dann noch einmal abgeküsst.
Er brachte nun die deutschen Gäste zu seinem Auto - ein über 20-jähriger VW Bus - der auf dem Parkplatz abgestellt war.
Im hinteren Teil des Busses befanden sich Holzstühle des Restaurants und liebevoll verstaute Ali die Kardanwelle unter ihnen.
Roswitha setzte sich nach vorne, die anderen nahmen auf den Holzstühlen hinten Platz.
Als Ali schwungvoll die Schiebetür schloss, fiel dieselbe mit einem lauten Knall auf den Asphalt.
Er hob sie auf und verstaute sie - als sei es das Normalste der Welt -  neben seiner Kardanwelle.

Mit offener Tür ging die Fahrt dann endlich los.
Die 25 KM von dem Flugplatz bis zum Camping wurde das erste Abenteuer, dass die Freunde in Antalya erlebten.
Alle, außer Mecki und Roswitha waren zum erste Mal in der Türkei. „Andere Länder, andere Sitten“ meinten sie lachend.

Dass sie die Autotür festhalten mussten, um nicht von ihr erschlagen zu werden fanden sie witzig.
Putzmunter kamen sie etwa 30 Minuten später beim “Kaptan Kamping” an. Roswitha hatte schon erzählt,

dass die Bungalows sehr einfach waren. Trotzdem waren die Freunde dann doch ein wenig enttäuscht,

nicht in jedem Häuschen eine Toilette vorzufinden.
Die gute Laune kam jedoch schnell wieder zurück denn der Platz war genau so, wie Roswitha ihn immer beschrieben hatte.
Ali unterhielt sich angeregt mit Mecki. Von den zahlreichen Telefon-Gesprächen kannten sie sich ja schon ein wenig.

Es war inzwischen dunkel geworden. Da es nichts auszupacken gab, gingen alle zusammen umgehend in das Restaurant.

Die unerwartete Hitze hatte sie durstig gemacht.
Das kleine Lokal wurde jetzt überhaupt nicht mehr genützt da sich der gesamte Restaurant- Betrieb nun im Freien abspielte. Überall blühten herrliche Rosen. Am Flussufer wuchs wilder Oleander und Jasminblüten verströmten einen lieblichen Duft.
Es wurde ein quietschfideler Abend. Ein Tisch voller lebenslustiger Menschen,

die in Urlaubsstimmung zu jedem Schabernack aufgelegt waren.
Das Missgeschick mit den umher fliegenden Koffern fanden sie eher amüsant als ärgerlich. Niemand dachte daran sich über solche Kleinigkeiten aufzuregen. Eine Nacht ohne Zahnbürste konnte man aushalten.

Roswitha wunderte sich etwas über das Personal. Sie waren zwar freundlich - aber doch irgendwie reserviert.

Es konnte nur daran liegen, dass jetzt Alis zweitältester Sohn an der Kasse saß.
Und warum war Ali so ungewöhnlich nervös?
„Der Arme schämt sich bestimmt wegen seiner Zahnlücke“ fand Roswitha gleich die passende Erklärung.

Sicher hatte er ihn sich erst beim Mittagessen ausgebissen und nicht sofort die Zeit gefunden, einen Zahnarzt aufzusuchen.

Er musste ja seinen Besuch vom Flugplatz abholen. 
An ihrem Tisch hatte inzwischen ein Zauberer Platz genommen. Sein Name war “Alkohol”.
Er verzauberte alle Menschen für Roswitha und machte sie wunderschön.
Selbst wenn der Teufel in seiner schrecklichsten Gestalt gekommen wäre, Roswitha hätte  ihn zum anbeißen hübsch gefunden.
Alis Zahnlücke war doch überhaupt nicht schlimm.
Die kleinen Warnglöckchen die bei Roswitha überall läuteten, brachte der Zauberer schnell zum Schweigen.
Glücklich wankten Roswitha und ihr etwas lädierter Prinz zur später Stunde dann zum  Bungalow.


Ali war Frühaufsteher. Als Roswitha erwachte war er schon längst auf seinem Anwesen unterwegs.
Es war ein herrlicher Sommertag. Nachdem alle wach waren machten sie ihr erstes gemeinsames Frühstück in einer Loge über dem Fluss. Da sie alle noch die Kleider vom Vortag trugen waren sie überglücklich, als Ali mit der Nachricht kam:

Die Koffer waren endlich in Antalya gelandet.

Sie wurden zum Campingplatz gebracht.
Auf dem „Kaptans
Kamping“ war jetzt wesentlich mehr los, als bei Roswithas letztem Besuch.

Fast alle Bungalows waren vermietet. Ausschließlich türkische Familien wohnten darin.
Im Restaurant bemerkte Roswitha öfter Frauen mit Kopftüchern, die sich offensichtlich in der Küche wie zuhause fühlten.

Sie gingen ein und aus und nahmen mit, was ihnen nötig erschien.

.
Einen Abend wollten Roswithas Freunde in eine Disko nach Antalya. Roswitha hasste Diskos.

Wenn die Lautstärke so aufgedreht wurde, dass eine Unterhaltung unmöglich war dann hatte Roswitha daran keinen Spaß.
Doch der Club 29 im Hafen von Antalya war eine Open Air Disko in den Felsen über dem Meer.

So eine Disko hatte noch keiner von ihnen - außer in Filmen - je gesehen.
Ali, immer noch ohne Schneidezahn, war mit gekommen. Er stampfte eine Zeitlang tapfer auf der Tanzfläche mit, doch dann langweilte ihn das moderne Gehopse... die Beine weit von sich gestreckt fing er mitten in der Nobeldisco auf seinem Sitzplatz zu schnarchen an.


Am anderen Tag wollte Roswitha von ihm wissen, warum sich der Zahnarzt so lange mit dem Termin Zeit lassen würde.

“Er kann dich doch nicht wochenlang so herum laufen lassen. Hast du da denn keine Beziehungen?”
“Zahnarzt? Welcher Zahnarzt” fragte Ali erschrocken. Er hatte nie in Erwägung gezogen einen aufzusuchen. “Wenn du so herumlaufen willst - dann aber ohne mich. Das ist ungepflegt und ich gehe keinen Schritt mehr mit dir”, Roswitha war sehr ungehalten. “Tamam - Tamam! Aber du musst mitkommen” - “OK… aber  dann sofort morgen früh ”

Am nächsten Morgen fuhren sie zusammen mit Mecki nach Antalya.

Sie saßen also im Wartezimmer eines Zahnarztes und warteten. Ali lümmelte sich auf dem Sofa mit seinen

 vergammelten Short Hosen herum und sah außerordentlich weltmännisch aus.
Außer ihnen warteten noch 3 andere Leute. Roswitha und Mecki rätselten ob sie zu der Praxis gehörten oder Patienten waren. Sie hielten sich zwar im Wartezimmer auf - bedienten sich jedoch ausgiebig aus dem Kühlschrank der angrenzenden Küche mit Getränken.

Nun kamen noch 2 weitere Jungs mit etwa 11 oder 12 Jahren dazu.

 
Die Kinder gingen in ein Zimmer auf dessen Tür "Labor geschrieben stand. Da sie diese Tür nicht wieder schlossen,

konnte man ungehindert in den Raum hineinsehen.  
Was Roswitha sah, kam ihr seltsam bekannt vor und erinnerte sie stark an ihre Autowerkstatt: Zahnräder, Schraubenzieher, Zangen alles war vorhanden. Eigentlich fehlte nur noch eine Hebebühne und es wäre perfekt gewesen.

Etwas deplaziert lagen ungefähr 10 Zahnprothesen auf einem schmutzigen Tisch.
Die beiden Jungs machten sich unverzüglich an ihre Arbeit und bearbeiteten mit großen und kleinen Feilen diese Gebisse.
Mecki hatte - obwohl selbst Türke - so eine Zahnarztpraxis niemals zuvor gesehen.

Fasziniert beobachtete er die beiden Kinder bei ihrer Tätigkeit.
Eine Frau mit weißem Kittel betrat das Wartezimmer und  begrüßte Ali. Sie teilte ihm freundlich mit,

dass der Herr Doktor auf dem Wege sei und jetzt jeden Moment kommen würde.
Diese Nachricht versetzte Ali in Panik - am liebsten wäre er schnellstens aus der Praxis geflüchtet.

Doch Roswitha bestand mit Nachdruck auf einem  Zahn. Nach noch einer halben Stunde des Wartens kam dann endlich

der Doktor höchstpersönlich angewalzt - Im wahrsten Sinne des Wortes.

Das erste was von ihm zu sehen war, war sein riesiger Bauch. Bevor man den Doktor in voller Gänze  erblickte,

hörte man ihn erst mal keuchen.Er war so rund, dass er den gesamten Türrahmen ausfüllte.

Sein schmuddeliges Hemd trug er Bauchfrei und von seinem kahlen Schädel tropften Schweißperlen.

Ali sprang von dem Sofa auf und herzte und küsste den Zahnarzt der sich nicht lumpen ließ, und das gleiche mit Ali tat.

Sie seien uralte Freunde klärten sie Roswitha auf und die war froh, dass dem Ersatzahn nun nichts mehr im Wege zu stehen schien.

Aber der Doc brauchte erst eine Stärkung! Çay und ein Riesentablett Börek wurden serviert.
Ali bediente sich mit den Fingern. Der Doktor-Bey war - wie Ali - vom Schwarzmeer und mit vollem Mund unterhielten sich die beiden über gemeinsame Bekannte in der Heimat.

Sie sprachen überlaut und da sie ständig Essen nachschoben, spuckten sie sich gegenseitig damit an.
Die Börek waren mit Sesam bestreut und ein paar Körner davon hatten sich an Alis große Nase gehängt.

Dort wackelten sie nun lustig herum wenn er plapperte.
Roswitha hatte das Gefühl gleich einen fürchterlichen Lachkrampf zu bekommen als sich die beiden Männer erhoben und ins Behandlungszimmer marschierten.

Mecki und Roswitha lachten derweil im Wartezimmer Tränen. "Das ist ja wie in einem Komikfilm hier" amüsierte sich Mecki.

”Roswieee, Roswieee du komm” ertönte Alis Stimme nun lautstark aus dem Behandlungsraum.
Roswitha wischte sich die Lachtränen aus den Augen und eilte an seine Seite.
Er saß er auf einem Zahnarztstuhl der wohl aus den 50er Jahren gewesen sein musste.

Ängstlich strecke Ali ihr seine Hand entgegen.
Die Sesamkörner hingen immer noch auf seiner Nase und folglich auch in seinen Zähnen.

Roswitha ergriff die Hand um ihn zu beruhigen.
Der Doktor schaute in Alis Mund und warf arbeitswütig einen vorzeitlichen Bohrer an.
Als Ali dieses Geräusch vernahm versteifte er sich und drückte Roswithas Hand so heftig,

dass sie dachte er würde sie ihr brechen. “Yok - hayır istemiyorum”. (Nein, ich will dass nicht) schrie er in Todesangst.
Sofort schaltete der Arzt das Gerät wieder aus. Er wollte Ali keinesfalls ängstigen. Dann bekam er seinen Zahn eben ohne diese furchterregende - für den Zahnarzt ohnehin anstrengende - Bohrarbeit.

Gereinigt wurden die Zähne vorher nicht. Roswitha vergaß staunend ihren Lachanfall.
In null Koma nix hatte ihr Ali wieder einen Zahn im Mund! Und das völlig schmerzlos!
Die von ihr so geliebte Lücke von ein paar Millimetern war jetzt verschwunden. Der neue Zahn - selbst für Alis Mund zu monströs geraten - war an den angrenzenden kurzerhand angeklebt worden.

 Sicher war das nur eine Übergangslösung!?!
Ali war glücklich die Prozedur überstanden zu haben und Roswitha hoffte, dass er keine Infektion bekommen würde.

Ali musste auf dem Nachhauseweg noch beim Schrotthändler vorbei und suchte dort eine halbe Stunde nach einem Stück Blech. Dann stand noch
Ev-Kur auf seinem Plan: Ein ganzes Viertel Second- Hand Läden. Man konnte dort ziemlich alles was es an gebrauchten Waren gab, bekommen. 
Roswitha und Mecki war schlecht. Bei dieser Hitze stundenlang im Auto zu warten, dass war ein zweifelhaftes Vergnügen.

Erst als Roswitha ihren Prinzen energisch aufforderte, sie und Mecki zum Camping zu bringen fuhr Ali endlich Richtung Heimat. Nicht ohne vorher beim Metzger noch Fleisch zu kaufen, dass er schwungvoll zu dem eben erstandenen Schrott in seinen Kofferraum warf.

 

Inzwischen waren 2 Wochen vergangen und Ali hatte immer noch keinen Versuch gemacht,

seine Schulden bei Roswitha zu begleichen. Ja... ganz Gentleman verlor er nicht ein einziges Wort über das Geld.

Je mehr Zeit verstrich, so unverschämter fand sie Alis Verhalten.
Sie beriet sich mit Mecki und kamen überein, dass es wohl das Beste wäre wenn Mecki erst mit ihm sprechen würde. Roswitha wollte nicht sofort schwere Geschütze auffahren.
Er hatte es vielleicht nur vergessen.

Zusammen suchten sie Ali und fanden ihn - mit Hammer und Nägeln - auf einem Baum sitzend. Er kam sofort herunter,

als er hörte um was es ging.
Nein, natürlich hatte er es nicht vergessen. Er sei nur "momentan" in furchtbaren finanziellen Schwierigkeiten. Nicht flüssig eben. Aber Roswitha wäre ja noch 2 Wochen hier und innerhalb der kommenden Woche hätte sie ihr Geld garantiert.

Da müsse sie sich wirklich keine Gedanken zu machen.
Wer machte sich denn Gedanken? Prinzen nahmen doch kein Geld von ihren Angebeteten!
”Wenn er mir die 2000 Mark nächste Woche nicht gibt, mach ich hier einen Aufstand den er so schnell nicht vergisst” zischte Roswitha Mecki zu und ging zu ihren Freunden. Sie ärgerte sich über Ali - aber auch über sich selbst. Es gab 32 Millionen Türken die jünger als 25 Jahre sind. Was hieß, dass die Türkei ein sehr junges Land war. Nur etwa 5 % der Bevölkerung ist älter

als 65. Was wollte sie eigentlich von so einem alten, anscheinend im Mittelalter zurückgebliebenen Idioten? 

Musste sie extra über 3000 km hierher kommen um diesen Irren zu finden?

 
Von dem Urlaub der Freunde waren  nur noch 3 Tage übrig. “Sollen wir heute Abend nach Kemer fahren? Wir könnten dort ein wenig bummeln und abends in die Stranddisco gehen”. Alle waren von Roswithas Idee begeistert. Nur ein Problem gab es:

Mit welchem Auto konnten sie 8 Personen befördern?
Roswitha fragte Ali ob er ihnen den VW Bus ausleihen würde. “Natürlich... sehr gerne. Aber der Bus ist nicht zugelassen”.
Wie war das denn möglich? Das Auto war doch dauernd unterwegs. "Ja… in Antalya ist da überhaupt kein Problem.

Da kenne ich alle Polizisten. Doch in Kemer könntet ihr Schwierigkeiten bekommen" klärte er sie auf.

“Ich kann euch ja meine französischen Schilder an den VW schrauben lassen. Wenn euch wirklich die Polizei kontrollieren sollte sagt ihr die Papiere hättet ihr am „Kaptan Kamping“ vergessen. Die kennen sich mit ausländischen Schildern ohnehin nicht aus”. Da sie nach Kemer wollten, nahmen sie seinen Vorschlag an. Ohne von der Polizei kontrolliert worden zu sein,

kamen sie im Morgengrauen auch wieder am Camping an.

Am nächsten Tag machten sie eine herrliche Tagestour mit einem Gullet. Dann mussten Roswithas Freunde zurück nach Deutschland. Sie blieb mit Mecki am Camping zurück.
Roswitha konnte nicht verstehen, warum Ali kein Geld hatte. Alle Bungalows waren belegt und auch das Restaurant war allabendlich gut besucht. Das Geschäft musste doch Geld abwerfen! Das konnte eigentlich nur an der falschen Organisation liegen.
Das Personal benahm sich noch immer merkwürdig. Als Roswitha das erste Mal hier war rissen sich alle darum,

sich ein wenig mit ihr zu unterhalten. Jetzt waren sie sehr reserviert.
Alis Sohn sagte zwar "Guten Tag" ging Roswitha aber größtenteils aus dem Weg . Das störte sie allerdings nicht besonders.

Nach allem was sie über diese Familie gehört hatte, war sie nicht scharf darauf einen von ihnen näher kennen zulernen.
Ein Sohn sollte im letzten Jahr sogar versucht haben, seinen Vater mit dem Auto zu überfahren -erzählte man sich.

 

Als die letzte Woche ihres Urlaubs angebrochen war, fragte sie Ali noch einmal nach den 2000 Mark.

"Ich gebe es dir morgen", meinte er wieder ausweichend. Irgendwie kam er ihr jetzt überhaupt  nicht mehr wie ein Prinz vor.

Er war sehr zerstreut und ungewöhnlich zappelig.
Mecki - der sich jetzt öfter mit den Garsongs unterhielt - kam dem Geheimnis auf die Spur:

“Da läuft doch immer eine Frau mit einem Kopftuch herum” erzählte er Roswitha.  “Etwa die, die in der Küche ein und ausgeht als wäre es ihre eigene?”- “Genau! Du wirst es nicht glauben - Es ist ihre eigene!

Sie ist Alis Frau und kam am gleichen Tag wie wir hier an”.
"Wieso seine Frau?" fragte Roswitha, die aus allen Wolken fiel. "Er ist doch geschieden!  Mit Dokument!" Das war ja eine Unverschämtheit sie so zu belügen.  Und weshalb hatte Ali ihr nicht gesagt, dass sich seine Frau hier am Platz aufhielt?
Roswitha wollte sofort abreisen - "Aber nicht ohne Geld" dachte sie entschlossen.
Zornig suchte sie Ali und fand ihn wie üblich bei seiner Arbeit. Er pflanzte Bäume.

Es kostete sie viel Selbstbeherrschung ruhig zu bleiben.
Als sie ihn fragte, ob das tatsächlich seine Frau sei nickte er verlegen.
Roswitha befürchtete einen Schreikrampf zu bekommen. Er nahm sie bei der Hand und suchte Mecki.

Mit ihm zusammen setzten sie sich in eine freie Loge.
“Als du das erste Mal hier warst” ließ er von Mecki übersetzen, “hatte ich wirklich mein Scheidungsurteil in Händen.

Ich war so glücklich endlich von dieser Frau geschieden zu sein. Kurz nach dem du abgereist warst bekam ich dann einen Brief vom Gericht in Istanbul worin mir mitgeteilt wurde,  dass meine Scheidung für ungültig erklärt worden war.

Sie wurde in Antalya ausgesprochen. Der Wohnsitz meiner Frau ist jedoch Istanbul.

Du kannst dir meine Enttäuschung nicht vorstellen. Nur um mich zu ärgern ist sie jetzt hierher gekommen.

Diese Frau hat weniger Charakter als ein Staßenköter”.
“Das kann ja alles wahr sein, aber du hättest mir sofort als ich hier ankam reinen Wein einschenken müssen.

Es war sehr unfair von dir mir nicht zu sagen, dass sie hier ist”.
“Ich hatte Angst, du würdest sofort wieder abreisen. Auch im Beisein deiner Freunde wollte ich dieses Thema nicht mit dir besprechen”. “Ali, du wirst mir morgen mein Geld geben und außerdem meinen Bungalow nicht wieder betreten”.

Zornig warf sie ihm noch ihre allerschönsten Schimpfwörter an den Kopf und ärgerte sich, dass sie keines in Türkisch kannte. Am liebsten hätte sie ihn angespuckt. Er saß leichenblass da und sagte kein Wort mehr.
Sie lief zum Bungalow um ihre Koffer zu packen. "Nur weg hier" dachte sie enttäuscht und zutiefst gekränkt.

Später, als sie sich wieder einigermaßen beruhigt hatte, änderte sie ihren Entschluss: Sie wollte sich ihre letzten Urlaubstage nicht selbst verderben. Sie war nach Antalya gekommen, um zu sehen ob die Möglichkeit bestand, hier zusammen mit Ali zu leben und zu arbeiten. Diese bestand nicht! Gut - das hatte sich nun mehr als klar herausgestellt. Besser sie erfuhr es jetzt und nicht wenn es zu spät war. Das war kein Grund, sich ihre kostbaren letzten Urlaubstage vermiesen zu lassen.
Abends fuhr sie mit Mecki in die Innenstadt doch so richtig konnte sie das Nachtleben dort nicht genießen.

Sehr früh am Morgen kam Ali an ihren Bungalow und war noch nervöser als er es die ganze Zeit ohnehin war.

Umständlich erzählte er Roswitha, dass er in Flughafen nähe ein wunderschönes Grundstück besitzen würde was er ihr jetzt gerne schenken wollte.  Was sollte das? Sie wollte kein Grundstück von ihm - Sie wollte ihr Geld das sie für ihn ausgelegt hatte. "Ja, das bekommst du doch heute Abend".
"Das Grundstück ist Bauland und derzeit in etwa 10 000 Mark wert. Die Grundstückspreise steigen hier in der Türkei rapide und sind eine sichere Geldanlage. Du bekommst es von mir geschenkt, brauchst keinen Pfennig dafür bezahlen". 

Roswitha schüttelte verneinend den Kopf. Ali schrieb auf seinen mitgebrachten Schreibblock eine Art "Schenkungsurkunde".

"Du brauchst nur hier zu unterzeichnen und schon bist Besitzerin von 1000 qm Land in Antalya".
Sie wurde ganz zappelig - Sie wollte kein Grundstück für 10 000 Mark von ihm sondern nur ihr Geld!

Nicht mehr und nicht weniger.
Mecki las das handgeschriebene "Dokument" immer wieder durch. “Steht da etwa, dass ich für 2000 Mark ein Grundstück von ihm gekauft habe?”- “Nein. Er schreibt nur, dass er dir den Platz schenkt. Von Bezahlung kein Wort.

Das hat mit dem von dir ausgelegten Geld definitiv nichts zu tun”. 
“Dann weiß ich ehrlich gesagt nicht, was er damit bezwecken will. Mein Gefühl sagt mir aber das ich mein Geld nicht mehr wieder sehen werde"
Ali redete so lange auf sie ein zu unterschreiben bis sie es letztendlich dann auch tat.

So hatte sie womöglich irgendetwas für ihr Geld in den Händen. Ihr Zorn auf Ali wurde immer größer.
“Mecki ich verstehe das nicht. Andere Mädchen küssen einen Frosch und er wird zum Prinzen. 

Ich küsse einen Prinzen und er verwandelt sich in einen Frosch! Warum?”- “Bak, bak” quakte Ali in dem Moment.

“Da...  er gibt auch schon Töne von sich wie ein Frosch - wusste ich es doch”.

Mecki konnte sich vor Lachen nicht mehr halten.
“Ali sagte bak… schau!  Nicht quack!”
Egal, ob bak oder quak: Ali war ein Frosch. Kein Prinz - und schon gar kein Ehrenmann.
Roswitha nahm Alis Auto und fuhr mit Mecki nach Antalya. So schön die Stadt auch war,

mit Ali würde Roswitha kein Geschäft anfangen. Das war klar.

Mecki und Roswitha hatten getrennte Rückflüge. Mecki flog zwei Tage vor Roswitha. Sie brachte ihn zusammen mit Ali zum Flughafen. Als er weg war, kam sie sich richtig verloren vor. Nun war sie ganz allein mit mit Ali - und mit seiner Frau!
Auf der Rückfahrt vom Flughafen machte Ali natürlich wieder halt bei seinem geliebten "Ramschviertel"
Ali zerrte etwas Sperriges zum Wagen. Als er näher kam erkannte sie auch um was es sich dabei handelte:

Wellpappe aus zweiter Hand!
“Ali können wir bitte etwas essen gehen? Ich habe Hunger- “ Magst du gerne Suppe? Gleich um die Ecke ist ein Suppenladen”  Sie war mit dem Vorschlag einverstanden. Ali saß noch gar nicht, als er schon “
İşkembe”, brüllte: Kuttelsuppe.

Roswitha bestellte für sich auch eine. Ununterbrochen beschwerte Ali sich über irgendetwas bei den Garsongs.

Sie fühlte sich ziemlich unwohl. Höflich fragte der Kellner ob sie Kaffe oder Tee haben wollten.

Ali wollte ungeduldig die Rechnung, Roswitha nahm einen Kaffee. “Wenn du das nächste Mal kommst,

ist das neue Restaurant fertig und wir machen einen Vertrag.
50% für dich - 50% für mich. Dann bist du meine gleichberechtigte Partnerin und  bleibst du für immer bei mir.

Meine Frau diese Schlange wird dann nicht mehr wiederkommen. Das garantiere ich dir.

Wir werden zusammen sehr glücklich sein”.

“Was würde mich denn das kosten” fragte sie nur interessehalber. Er überlegte kurz und nannte dann

eine Summe von 30 000 Mark. Das wäre ein totaler Freundschaftspreis - Von jedem Anderen würde er dafür

100 000 DM bekommen.
Roswitha ging nicht weiter darauf ein. "Sag mal Ali wann willst du denn nun endlich deine Schulden bei mir bezahlen?

In 2 Tagen ist mein Rückflug und ich würde mein Geld schon gerne mit nachhause nehmen".

Huch... Das kam ihm jetzt doch etwas unverhofft. Hatte er ihr doch gerade eben 70 000 Mark Preisnachlass in Aussicht gestellt. Nach einigen Ausflüchten rückte er damit heraus, dass er das Geld im Moment nicht hätte. Das neue Restaurant u.s.w.

Er wollte den Betrag in spätestens 2 Wochen nach Deutschland schicken.

Was sollte sie da sagen?
Sie konnte die 2000 Mark nicht aus ihm herauspressen. Eventuell konnte sie die Kardanwelle aus dem Talbot ausbauen lassen.- Aber was sollte sie damit? Den Video konnte sie  sowieso vergessen.

Ihn hatten Alis Söhne und die Kellner schon in sämtliche Einzelteile zerlegt.
 

Zähneknirschend erklärte sie sich mit seinem Vorschlag einverstanden. Was blieb ihr auch anderes übrig? 

“In spätestens 2 Wochen hast du dein Geld” versprach er.

Wieder am Platz wartete schon Sakine auf Roswitha. Sie entschuldigte sich, nicht öfter gekommen zu sein.

Sie hatte ein Lokal in Tekirova eröffnet und arbeitete dort alleine. An diesem Abend hatte sie es geschlossen,

da Ali bei ihr weinend angerufen hatte und sie anflehte zu kommen um mit seiner Roswitha zu sprechen.

“Er hat schreckliche Angst, du könntest nicht wiederkommen”.
“Du weißt sicher, dass Alis Frau hier ist?”

“Ja - Mach dir nichts daraus. Dass sie jedes Jahr in den Ferien herkommt, wollte Ali noch nie. Er kann sie nicht ausstehen.

Doch sie fragt nicht - sie kommt einfach. Ali liebt dich wirklich sehr. Kümmere dich nicht um seine Frau - Ali tut es auch nicht”.
Sakine bestellte Rak
ı. “Aber er hätte mir doch wenigstens sagen müssen, dass sie hier ist" - “Dazu war er zu feige“.

An diesem Abend lernte Roswitha, dass Feigling auf Türkisch "Korkak" heißt. Das war eines der ersten Worte, neben

"Guten Morgen" - "Guten Abend" - "Guten Tag" - "Brot" und "Prost" die sie auf türkisch sagen konnte.

Ihr letzter Urlaubstag war gekommen. Als sie morgens aufstand, klopfte Ayşe an ihre Tür.

“Was machst du? “ - "Eigentlich gar nichts. Mit Packen bin ich fertig”. “Gehen wir zusammen ans Meer?”
Nach ihrer Scheidung, erzählte sie nun Roswitha am Strand liegend, bekam Ayşe damals eine schwere Allergie.

Eine Freundin nahm sie mit nach Antalya und so kam sie zum „Kaptan Kamping“.

Ihre Allergie besserte sich dort schnell und sie fing an, in der Küche zu arbeiten.
“Ali ist kein schlechter Mensch” sagte sie. “Er liebt dich sehr - doch er hat große Probleme mit seiner Familie.

Das hat aber nichts mit dir zu tun. Mit seiner Frau lebt Ali wirklich schon 10 Jahre nicht mehr zusammen”.
Nachmittags setzten sie sich zusammen in das Restaurant. Tamer - der Koch - kam dazu und trank mit ihnen einen Rak
ı.

Er lebte auch schon einige Jahre auf dem Camping.
Ganz allein hatte Ali angefangen. Zuerst baute er für sich eine Hütte und arbeitete Tag und Nacht daran, seinen Campingplatz aufzubauen. Als er später einen Imbiss eröffnete, kam Tamer zufällig zu ihm und blieb.

Er war aus Samsun - Ali aus Rize beide Orte liegen am Schwarzen Meer.
Tamer war leidenschaftlicher Angler. Sogar nachts ging er zum Tauchen ans Meer um die Fische mit einer Harpune zu jagen, erzählte er Roswitha.

Ab und an setzte sich jemand von den Kellnern an ihren Tisch. Sie taten alles, damit sie nicht das Gefühl hatte alleine zu sein.

Die letzten Tage waren sie wieder so, wie sie sie bei ihrem ersten Urlaub kennen gelernt hatte.
Ali schwirrte irgendwo herum. Das kleine Restaurant diente jetzt als Personalkantine. Die Kasse,

an der Alis Sohn saß, war im Innenbereich. Von Zeit zu Zeit stürzte Ali dort hinein und brüllte dort wie ein Löwe.

Das es auch die Gäste mitbekamen schien ihm völlig gleichgültig zu sein. Im Gegensatz zu ihnen hatte Roswitha nicht die geringste Ahnung worüber er sich so aufregte.
Anscheinend war das Gezanke nichts ungewöhnliches, denn keiner störte sich sonderlich daran.
Jetzt stürmte Ali an Roswithas Tisch um dort mit Tamer weiter zu schreien. Dieser brüllte noch lauter zurück. Ali drehte

auf dem Absatz um und entfernte sich wieder.

“Was hat er denn?” fragte Roswitha irritiert. “Kopfschuss” meinte Tamer respektlos. “Problem Yok ”.
Bei der Gelegenheit erfuhr Roswitha von dem Koch, dass die französischen Nummernschilder auf Alis Talbot nur eine Verzierung waren. Das Auto war - überhaupt nicht zugelassen!

Weder türkisch noch französisch!

Da es die letzte Nacht war wollte Ali unbedingt wieder mit Roswitha in den Bungalow. Nach etlichen Rakıs,

ließ sie ihn dann auch hinein.

Als sie am Morgen erwachte, war Ali schon weg und irgendetwas pickte sie in den Rücken.

Sie sprang hoch um nachzusehen was es denn war… und traute ihren Augen nicht:

Sie hatte auf einer Zahnprothese gelegen. Igitt!
Ali war zwar selbst nicht da - aber seine Zähne... Diese hatten sie zärtlich in den Rücken gebissen.

Roswitha wusste bis dato gar nicht, dass er falsche Zähne hatte.
Ob er ihr die absichtlich dagelassen hatte? Sollte sie etwa damit seine Frau beißen?
Ihr Magen rebellierte und ihr Haar stellte sich auf.
Da polterte auch schon Ali ins Zimmer. “Günaydin
Yavrum” grinste er sie ganz lieb an.
Tatsächlich - sein Unterkiefer war zahnlos. Wortlos zeigte Roswitha auf die Zähne.
Er griff sich mit der Hand an seinen Mund - Als er dort keine Beißerchen finden konnte,

nahm er die aus Roswithas Bett und steckte sie hinein.
Roswitha konnte sich nicht entscheiden, ob sie nun lachen oder weinen sollte.

Beim Abschied fragte Ayşe “Roswitha wirst du wieder kommen?”- “Ich glaube nicht” antwortete sie. “Aber ehrlich gesagt:

Ich weiß es selbst nicht”. “Du liebst die Türkei so sehr. Du wirst wiederkommen”.

Im Flugzeug waren Roswithas Gedanken damit beschäftigt, was sie wohl zu Hause erwarten würde.

Was machte Janine und der kleine René? Auf ihn freute sie sich am meisten.

 

<-  1. Kapitel                           3. Kapitel  ->

 

© 2004/2005  www.Antalya-07.de

Alle Rechte vorbehalten.

 Nachdruck (auch Teilweise) und Veröffentlichung nur mit meiner ausdrücklichen Genehmigung möglich!