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3. Kapitel

 

 

Nicht da ist man zuhause wo man wohnt,

sondern da wo man verstanden wird

 

Sie fing als Vertreter für Bettwäsche zu arbeiten an und hatte dadurch oft in der ehemaligen DDR zu tun.
Dieses freie und ungebundenes Leben genoss Roswitha, wenngleich diese Vertretertätigkeit nicht gerade ihrem Traumberuf entsprach

Die Zeit in Antalya sah sie als ein Geschenk des Himmels der ihr erlaubt hatte, für ein paar Wochen einen schönen Traum zu erleben.

Das richtige Leben war aber kein Traum - und Prinzen kamen darin schon gar nicht vor.

Die Probleme mit ihrer Tochter Janine waren noch massiver geworden.
Sooft es nur irgend möglich war, versuchte Roswitha wenigstens den kleinen René von ihr zu bekommen.
Durfte er - was selten vorkam - zu seinem Vater, so kam dieser mit dem Kleinen bei Roswitha vorbei,

kam der Kleine zu ihr, kam Mecki um mit ihnen zusammen etwas zu unternehmen.

Das Kind war zum Schreier geworden und wirkte zu der Zeit sehr verstört. 
Roswitha entschloss sie sich noch einmal zum gleichen Jugendrichter zu gehen, bei dem sie vor Jahren schon  Janines wegen war. Viel Hoffnung hatte sie jedoch nicht etwas zu erreichen. Doch wollte sie sich später nicht den Vorwurf machen müssen,

nicht alles versucht zu haben.
Der Richter empfing Roswitha und sie erzählte ihm von den Schwierigkeiten mit Janine. “Dieses Mal geht es aber nicht um meine Tochter, sondern um deren Sohn - meinem Enkel. Er ist noch keine 2 Jahre alt und kann sich  nicht selbst helfen. Bevor nun das Kind in ein Heim eingewiesen wird, würde lieber ich für ihn sorgen” - “Sie sind die Frau die vor Jahren so für ihr Kind gekämpft hat - Ich erinnere mich noch sehr gut an sie. Damals hätte ich vielleicht doch etwas tun sollen” meinte der Richter nachdenklich.

“Ich habe noch oft an sie und ihre Tochter denken müssen. Ich werde die Sache mit ihrem Enkel überprüfen lassen.

Wenn es sich so verhält, wie sie es mir schildern, werde ich umgehend eine richterliche Verfügung erlassen und das Kind bis auf weiteres in ihre Obhut geben. Ist ihnen das recht?” “Ja - natürlich” sagte Roswitha perplex - Dass hatte sie nicht erwartet!

Sie setzte sie sich in ein Kaffee und brauchte eine Zeit um zu begreifen,

was der freundliche Richter eben zu ihr gesagt hatte und - was es bedeutete.  
Das hieße ja - sie würde den kleinen René in nächster Zeit bekommen!? !
Ein Anflug von Panik überkam sie. Ein Kleinkind!!! Ob sie das überhaupt schaffen würde?
Abgesehen davon dass sie keine Übung mehr im Windelnwechseln hatte... sie hatte immer noch mit den Unfallfolgen zu kämpfen.

"Darüber brauche ich mir jetzt noch nicht den Kopf zu zerbrechen" beruhigte sie sich selbst "noch ist es nicht so weit".
Sie fuhr zu einer Kartenlegerin. Die hatte ihr - damals als sie sehr krank war - viel Mut gemacht.

Im Gegensatz zu den behandelnden Ärzten war die Wahrsagerin wie Medizin für Roswithas angeschlagene Psyche.
“Ich sehe einen neuen Mann und so wie es aussieht, werden sie für ein paar Jahre zu ihm ins Ausland gehen” begann sie nun die Karten zu deuten. Sie sah eine wunderschöne, glückliche Zukunft mit einem Mann den sie beschrieb, als hätte sie Ali schon einmal gesehen. "Ich dachte eine Zeitlang wirklich daran, in die Türkei zu gehen - doch daraus ist leider nichts geworden" -

"Auch wenn sie es mir heute nicht glauben, sie werden gehen! Es ist ihr Schicksal" Eigentlich war Roswitha ja gekommen um etwas über ihr Enkelchen zu erfahren, doch die Kartenlegerin sagte überhaupt nichts über ihn.

"Dann wird schon nichts Aufregendes mit ihm sein" dachte sie.

Wieder zuhause rief sie Mecki an. Er konnte nicht glauben, dass es doch eine Möglichkeit geben sollte

seinen Sohn zu bekommen. “Warten wir einfach ab was passiert” meinte Roswitha.
 

Ein paar Tage später rief ein Mann vom Jugendamt an und wollte wissen, ob sie in etwa zwei Stunden zuhause wäre.

"Ihr Enkel ist im Moment mit seiner Mutter in einer - na sagen wir mal - sehr schlechten Gesellschaft.

Es handelt sich dabei um dem Jugendamt gut bekannte Drogensüchtige und wir wollen René dort sofort wegholen"
Etwa eine Stunde später stand der Kleine mit einer Frau und einem Mann vom Jugendamt vor ihrer Tür.

Als er Roswitha sah, hörte er sofort auf zu schreien und streckte seine dünnen Ärmchen nach ihr aus.

Er klammerte sich an ihr fest und war glücklich als die beiden Fremden gingen, ohne ihn wieder mitzunehmen.

 

Da der Kleine schreckliche Schreiattacken hatte, suchte sie mit ihm eine Kinderärztin auf die fragte, ob sie René von einem Kinder-Psychologen behandeln lassen sollte.
“Nein! Das ist nicht nötig. Der Kleine hat viel durchgemacht und alles was er braucht ist viel, viel Liebe”.
Die hatte Roswitha. Sie liebte ihn mehr als alles andere auf der Welt.
Die erste Zeit mit ihm war nicht leicht. Roswitha hörte wieder auf zu arbeiten und flog mit René nach Lourdes in dem festen Glauben, die Mutter Gottes würde dem Kind und auch ihr helfen. Nach der Lourdesreise wurde es tatsächlich besser mit ihm. Gott sei Dank, denn Roswitha war nicht mehr weit von einem Nervenzusammenbruch entfernt gewesen.
 

Ali rief immer noch beinahe täglich bei Roswitha an. Die 2000 Mark hatte er jedoch noch nicht überwiesen.

"Das bringe ich dir persönlich vorbei" versprach er. Erfreut teilte er ihr dann wirklich eines Tages mit,

dass sein Deutschlandvisum genehmigt worden war.  

Zu dieser Zeit begann der Irak-Krieg und Ali durfte nicht aus der Türkei ausreisen.
Nachdem Saddam am 18. Januar Haifa bombardierte, befürchtete Roswitha der 3.Weltkrieg hätte angefangen. Deutsche,

die in der Türkei Urlaub machten, wurden aufgefordert auszureisen.
Ali - der bis dato zu diesem Thema “Problem yok” sagte - schlotterte vor Angst.

 

Bei einem von Ali obligatorischen Anruf erzählte sie ihm, dass sie seit einiger Zeit nicht mehr alleine leben würde.

 “Anderer Mousieu?” rief er entsetzt. “Ja- aber nur ein ganz kleiner... René lebt jetzt bei mir” -

“Schön! Ich werde auch ihn lieben Ein Kind ist für mich überhaupt kein Problem.

Leider kann ich im Moment nicht nach Deutschland kommen, bitte komm du mit René hierher sobald es dir möglich ist.”

 

 

Es verging über ein Jahr.
Von Zeit zu Zeit besuchte Roswitha ihre Wahrsagerin und die sagte ihr noch immer eine wunderschöne Zukunft voraus und meinte, auch wenn Ali das Geld an sie noch nicht zurückbezahlt hatte:

Sie und auch René würden in der Türkei sehr glücklich werden.
Nun war Roswitha wieder hin und her gerissen. Sie zweifelte, ob die Entscheidung - nicht nach Antalya zu gehen - richtig war. Seit beinahe 3 Jahren verdiente sie nichts. Zuerst konnte sie wegen des Unfalls nicht arbeiten, später brauchte René ihre ganze Zeit und Aufmerksamkeit. Doch
sie musste  wieder etwas tun um ihren Lebensunterhalt zu verdienen.

Die Geldreserven gingen langsam aber sicher zu Ende.
In Antalya mit dem Kleinen zu arbeiten schien ihr deshalb immer verlockender. Andererseits hatte sie eine Stinkwut auf Ali. Wenn er wirklich in Geldnöten war, dann sollte er es halt offen und ehrlich sagen. Im Grunde ging es Roswitha gar nicht um dieses Geld - sie konnte nicht begreifen, dass der große Patron Ali sich wegen dieser paar Mark so eine Blöße gab. Und sein

"Ich komme nächst Woche" - " Ich komme in

3 Tagen" trieb sie auf die Palme. Das letzte Mal war angeblich seine Mutter krank geworden und er kam deshalb wieder mal nicht.

 „Komm du hierher und wir fliegen zusammen zurück. Mein Visum ist fertig“ flehte er bei jedem Anruf.
Roswithas Bruder wollte Silvester 1991/1992 in Antalya verbringen. Er buchte für sich und seine Familie ein wunderschönes Hotel am Larastrand. Roswitha buchte Nur-Flug für sich und René da sie bei Ali wohnen wollten.
.

René und er verstanden sich sofort. Obwohl der Kleine kein türkisch sprach unterhielten sie sich hervorragend.

Damals sah Roswitha das Kind zum ersten Mal herzhaft lachen.

Das neue Restaurant war wirklich gebaut worden - auch wenn noch Kleinigkeiten bis zur vollständigen Fertigstellung fehlten, hatte Ali  in dieser Sache wenigstens nicht gelogen.
Für aber eben diese Kleinigkeiten brauchte er Roswithas Geld noch ein bisschen. "Als Sicherheit hast du ja ein Grundstück von mir bekommen. Du wirst es nicht glauben, es ist schon wieder im Wert gestiegen" meinte er.

Das neue Restaurant baute er ja schließlich auch für sie und René.

Der Urlaub wurde wunderschön und auch an Ali gab es diesmal eigentlich nichts auszusetzen.
Nach 2 Wochen flogen sie zusammen nach Deutschland zurück.

Roswithas Wohnung hatte leider keinen Garten den Ali hätte umgraben oder bewässern können und da er ein überaus fleißiger Mensch war und Müßiggang hasste, suchte er sich eine Beschäftigung: Einkaufen!

Schon am frühen Morgen zog er mit Roswitha los, um für sein neues Restaurant Messer und Gabeln zu kaufen.

Am ersten Tag erstand er 30 Stück. Dann konnte er nachts nicht schlafen weil er noch mal 30 davon haben wollte.

Ungeduldig stand er am Morgen vor dem Kaufhaus und wartete bis es endlich öffnete damit er seine Traummesser kaufen konnte

Kaum zuhause fiel ihm ein, dass er unbedingt noch Gabeln brauchte und wieder standen sie in aller Herrgottsfrüh vor dem Geschäft. Diesmal kaufte er 50 Gabeln. Als er das gleiche Spiel auch am nächsten Tag abziehen wollte,

streikte Roswitha und fuhr mit ihm und René nach Neuschwanstein.

Das Schloss gefiel Ali zwar sehr gut - doch in Gedanken war er längst wieder bei Karstadt und dem Besteck.

René liebte Ali doch um die Fernbedienung des Fernsehers gab es regelmäßig Streit, da Ali mit Vorliebe deutsche

Parlament-Übertragungen - er verstand immer noch so gut wie kein Wort deutsch - ansehen wollte und René lieber Micky Maus.

Dafür machte Ali mit dem Essen nie Umstände. „So viel Schweinefleisch wie ich schon gegessen habe,

kannst du in deinem ganzen Leben nicht verspeisen“ meinte er und biss in das Schweinsbratwürstel.
Beim Frühstück vermanschte er Kalbsleberwurst, Eier, Marmelade, Honig, Schinken und Butter zu einem Brei und tunkte ihm mit seiner Brezel aus dem Teller.

„Alibaba kann aber noch nicht schön essen“ meinte René dazu.

Da Ali auch seinen Bruder in Würzburg besuchen wollte, fuhren sie am Wochenende los. Alis Bruder war das ganze Gegenteil von ihm. Obwohl er erst 5Jahre in Deutschland war, sprach er ein nahezu fehlerfreies Deutsch.

Als Geschäftsmann war er sehr korrekt und mit ihm verstand sich Roswitha auf Anhieb.
Auch seine Frau war sehr lieb und unbeschreiblich fleißig. Die Beiden betrieben eine sehr gut gehende Gastwirtschaft.

Als Ali auch mit seinem Bruder einkaufen ging und mit einer Motorsäge wiederkam fragte Roswitha

"Wie willst du denn all die Sachen im Flugzeug unterbringen?" Doch Ali sah darin kein Problem und kaufte weiter ein.

Als sein 6wöchiger Urlaub dann zu ende war, hatte er etwa 60 kg Übergepäck.

Erstaunlicher Weise nahm die Fluggesellschaft ihn mit ohne einen Aufschlag dafür zu berechen.
 

René und Roswitha genossen die Ruhe, die nach Alis Abreise wieder in ihr Leben eingekehrt war.

 

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