|
|
![]() |
|
|
|
|
|
|
|
|
|
||||||||
|
|
|
|
|
|||||||||||||||
|
|
|
|
|
|
|
|
|
|
||||||||||
|
|
|
|
|
|
|
|
|
|
|
|
|
|
|
|
|
|
|
|
4. Kapitel
Damit das Mögliche entsteht, muss immer wieder das Unmögliche versucht werden
Aus René und Roswitha war inzwischen ein richtig gutes Team geworden. Da er eines Tages damit begonnen hatte sie
"Mama" zu nennen erklärte sie ihrem Liebling, dass Janine seine Mama sei und sie die Oma. "Das weiß ich doch“ meinte er.
„Aber für mich bist du meine Mama“.
Damit war dieses Thema für ihn erledigt.
Alis häufigen Telefonanrufe waren inzwischen auch fester Bestandteil in ihrem Leben.
„Ich vermisse dich und auch René fürchterlich“ sagte er immer wieder zu Roswitha. „Bitte komm mit ihm hierher“.
Sie spielte immer öfter mit dem Gedanken, doch nach Antalya zu gehen. Mit dem Kleinen wäre das die beste Lösung
da sie dort arbeiten und sich problemlos um das Kind kümmern könnte. Ganz abgesehen davon,
dass ihr die Arbeit dort sehr viel Spaß machen würde. Dann wollte sie aber mit dem Kind weder in Alis Haus,
noch in einem der Bungalows wohnen.
René brauchte ein gewisses Maß an Ordnung.
So fragte sie Ali eines Tages ob es denn möglich wäre, einen Wohnwagen auf seinem Platz
abzustellen und ihn auch
längere Zeit dort stehen zulassen. „Problem yok“ sagte er begeistert von der Idee. „Das mit dem Zoll regle ich mit links.
Beim
Gümrük habe ich schließlich
viele Freunde“.
Also kaufte Roswitha einen gebrauchten Anhänger und machte ihn startklar für die
Türkei.
Mimi war von der Idee auch fasziniert. Roswitha sprach mit Ali und als er meinte, er
würde auch Mimis Caravan durch den Zoll bekommen stand für die Mama fest, dass
sie in der Türkei mindestens 3 Monate im Jahr campieren wollte.
3 weitere Monate verbrachte sie ohnehin auf Teneriffa wo sie schon seit Jahren eine Eigentumswohnung besaß.
Eigentlich mussten Fahrzeuge nach spätestens 6 Monaten aus der Türkei wieder ausgeführt werden.
Doch Ali würde diese Zollbestimmung schon irgendwie umgehen können.
In Jugoslawien war Kriegsluft. Um mit den Wohnwagen in die Türkei zu kommen war das aber immer noch der beste
und günstigste Weg. Beim ADAC bekamen sie die beruhigende Auskunft, dass die Durchfahrt noch möglich sei
und auch die Kraftstoffversorgung
problemlos funktionieren würde.
Am 26. März 1992 um 9 Uhr morgens sollte die Reise losgehen - eine Stunde vorher kam ganz
überraschend Mecki
mit einem großen Koffer und fragte, ob er auch mitkommen könne.
„Ist denn etwas passiert?“ fragte Roswitha ihn besorgt.
„Nein, nein doch im Moment habe ich sowieso keine Arbeit und da kann ich ein paar Wochen in die Türkei“.
"Ja wenn das so ist - dann komm mit". Sie möchte Renes Vater und es war bestimmt nicht das Schlechteste,
wenn auf der langen Reise ein Mann dabei war. Besonders in dem unruhigen Jugoslawien.
René freute sich, dass sein Papa mitkam.
Sie fuhren bis Wien. Mecki war die ganze Strecke fürchterlich nervös im Gegensatz zu René,
der es liebte mit dem Auto unterwegs zu sein. Er war ein sehr
guter Beifahrer. In Wien lag Schnee.
Am nächsten Tag ging es weiter nach Szeged in Ungarn. Mit 18 Grad war es dort schon
um einiges wärmer als in Österreich.
Nun ging die Fahrt weiter durch Jugoslawien, die schwierigste Strecke dieser
Reise. Als sie nach dem Mittagessen ihre
Fahrzeuge auftanken wollten stellten sie bestürzt fest, dass die Auskunft, die sie vom ADAC
erhalten hatten, nicht ganz den Tatsachen entsprach. An den Tankstellen dort hatten
sich lange Warteschlangen gebildet. Menschen warteten in ihren Autos oder auf auf Traktoren und machten Brotzeit.
Es war offensichtlich, dass sie schon länger auf Benzin hofften.
Roswitha und Mimi hatten zwar je einen Reservekanister mit 10 Liter Diesel dabei, doch bis zur bulgarischen Grenze würde das keinesfalls reichen. Ursprünglich hatten sie vor gehabt, in Jugoslawien zu übernachten.
Jedoch war es ihnen nun zu unsicher auf diesen wahnsinnig überfüllten Parkplätzen zu campieren.
Jugoslawien wollten sie so schnell wie nur
möglich hinter sich lassen.
Langsam wurde es dunkel und die Straße führte durch eine traumhafte
Berglandschaft die jedoch keiner von ihnen
so richtig bewundern konnte - die Kraftstoffnadeln waren im roten Bereich!
Sie tuckerten hinter 2 türkischen Lastern her. „Ich fahre ihnen solange hinterher“ sagte Roswitha
zu Mecki. „bis sie irgendwo anhalten - sei es auch nur um auf die Toilette
zu gehen. Von den Fahrern bekommen wir mit Sicherheit Diesel“.
Mecki war skeptisch - er hatte nicht dieses uneingeschränkte Vertrauen zu seinen Landsleute wie es Roswitha hatte.
Nach etwa 50 km Berg- und Talfahrt blinkte endlich der vorausfahrende Laster und hielt an einer Fernfahrer Kneipe an.
Es parkten schon etliche andere Lkws dort.
Türkische und auch Bulgarische.
Das kleine Lokal glich einem Piratennest, wie es oft in alten Seeräuber Filmen
zu sehen war.
Außer der Bedienung waren ausschließlich Männer dort, die das Mädchen jedoch
ganz gut unter Kontrolle hatte.
Was vielleicht auch etwas an ihrem superkurzen Minirock und
dem tiefen Dekolleté lag.
Die beiden deutschen Frauen, Mecki und René setzten sich an den einzig noch freien Tisch
und bestellten etwas zu Essen.
Als sich der Wirt freundlich nach ihrem Befinden erkundigte, fragten sie ihn ob sie die Nacht auf dem Parkplatz stehen bleiben könnten. "Ja natürlich und macht euch keine Sorgen wegen des Diesels.
Davon könnt ihr morgen früh von den Fahrern mehr bekommen als ihr brauchen werdet."
Das würde er schon in organisieren.
Das war sehr beruhigend. Als sie zu ihren Fahrzeugen kamen stellten sie erfreut fest, dass die Fahrer mit ihren Trucks eine regelrechte Wagenburg um ihre 2 Gespanne gebildet hatten. „Damit ihr ruhig schlafen könnt“ meinten sie freundlich lächelnd.
Der nette Wirt wollte den Frauen zur Sicherheit eine Pistole zur Verfügung stellen. Dankend lehnte Roswitha ab.
Sie und Mimi fühlten sich sicher. Mecki hätte die Pistole gerne gehabt. Ihm war das Ganze nicht geheuer.
Mimi und Roswitha konnten ihn dann davon überzeugen, dass sie mit so vielen Aufpassern absolut sicher waren.
Der nächste Tag war der 29. März - Renés 3. Geburtstag!
Roswitha küsste ihn morgens so lange, bis er lachend nach Luft schnappte.
„Deinen Kuchen
bekommst du heute Nachmittag in der Türkei“ versprach sie ihm.
Die Autos wurden bereitwillig von den türkischen Fahren betankt - sie kamen dadurch zu einem Extratrinkgeld.
Ohne Zwischenfälle verließen sie Jugoslawien, fuhren
Nonstop
durch Bulgarien und waren am frühen Nachmittag
in Edirne - Türkei.
Nachdem die Caravans auf
einem Campingplatz abgestellt waren, machten sie einen Stadtbummel.
René bekam ein paar Geschenke und eine Geburtstagstorte mit 3 Kerzen darauf..
Stolz sah Roswitha ihren kleinen Liebling an
Er hatte sich seit seinem letzten Geburtstag sehr verändert. Aus ihm war ein
aufgewecktes, glückliches Kind geworden.
Am
nächsten Morgen ging die Reise weiter nach Burhaniye und von da nach Kuşadası.
Das Wetter wurde stetig besser, das Klima immer milder. Die Türkei zeigte sich
seinen Gästen von seiner besten Seite.
In Ephesus fuhren sie zum Marienhaus. Zusammen mit René legten sie ein
großes Rosenherz an die Stelle,
wo einst das Grab der Muttergottes gewesen sein
soll.
Diesmal fanden sie auch das Grab des hl. Johannes das sich in Selçuk befand.
Von Kuşadası ging es am 3. April direkt weiter nach Antalya.
Ali war
außer sich
vor Freude, als sie ankamen und auch René war überglücklich, seinen Alibaba und
den Camping wieder zusehen. Ali hatte einen Platz direkt neben dem Schwimmbad
für Roswithas Caravan vorgesehen.
Mama wurde ein Stück weiter links davon abgestellt. Die Kellner waren bis auf einen,
alle neu.
Da Adolf abgereist war verwaltete Bedirhan - Alis Sohn - jetzt Restaurant und Camping.
René fühlte sich in seinem Caravan richtig wohl.
Im Fernseher konnte er jetzt auch seine geliebten Mickey Maus Filme sehen.
Es störte ihn nicht besonders, dass die Comicfiguren hier türkisch sprachen und Roswitha war glücklich ein eigenes Heim in Antalya zu haben.
Ali hatte wie immer sehr viel zu tun. Obwohl er an einem traumhaft schönen Meer
wohnte,
fand er nie die Zeit darin auch mal zu schwimmen.
Sein Tag begann schon vor 6 Uhr morgens. Er lief mit einem Wasserschlauch durch
seinen Platz und goss als erstes die Rosen - richtiger gesagt - er ertränkte die armen Pflanzen fast.
Dann wurden die Obstbäume mit Wasser versorgt.
Dabei kam es regelmäßig vor, dass Ali den dicken Schlauch einfach auf die Erde warf und ihn dort dann vergaß.
Da er
auch vergaß, dass Wasser abzudrehen wurde in der Regel der gesamte Campingplatz
überschwemmt und ein einziges Schlammfeld war das Ergebnis.
Anfangs dachte Roswitha, Ali hätte dafür bestimmt seine Gründe - weil etwa der
Boden vollständig ausgetrocknet war -
wurde aber dann eines Besseren belehrt: Als eines Tages ein kleines Zweimannzelt mit einem jungen holländischen Ehepaar
am Platz campierte, legte Ali seinen monströsen Wasserschlauch direkt vor deren Eingang und ging frühstücken.
Die jungen Leute konnten in ihrem Zeltchen schwimmen -
innerhalb kürzester Zeit war es mit Wasser voll gelaufen - frühmorgens um 6 Uhr! Da spätestens war klar,
hinter Alis Treiben konnte kein logisches System
stecken!
Alles was die beiden Touristen besaßen tropfte vor Nässe.
„Dieser Mann ist ein Verrückter“
sagten sie und nachdem sie ihre Habseligkeiten getrocknet hatten, reisten sie sofort ab.
„Ali, warum tust du denn dass?“ wollte Roswitha von ihm wissen. „Ja um alles muss ich mich hier selbst kümmern.
In meinem Kopf sind so viele Dinge“ dabei schlug er sich kräftig mit der Faust gegen die Stirn „Wie kann ich da auch noch an so unwichtige Nebensächlichkeiten denken?“. "Ah ja... Das solltest du aber! Du vertreibst dir ja deine wenigen Gästen selbst damit" - "Die kommen schon wieder. Hier ist doch das Paradies... die müssen einfach wiederkommen denn so etwas wie hier finden sie in der ganzen Türkei nicht mehr" - "Da kannst du Recht haben: So etwas wie dich gibt es so schnell nicht wieder".
Mecki kam - als Ali gegangen war - und gestand Roswitha ein, dass seine Türkeireise kein Urlaub war. Er musste aus Deutschland flüchten nachdem er dort von der Polizei gesucht wurde. „Ein Bekannter hat Scheiße gebaut und als er erwischt wurde, da hat er mich als Zeugen angegeben.
Mit meiner Vorstrafe glaubt mir doch niemand, dass ich mit der Sache nichts zu tun habe.“
„Und was willst du denn jetzt machen?“ - „Das weiß ich selbst noch nicht. Doch zurück nach Deutschland kann ich auf keinen Fall! Ich habe zwar Verwandte in Izmir - die kenne ich aber so gut wie gar nicht “. „Wenn du willst, spreche ich mit Ali. Da du Deutsch, Englisch und Türkisch sprichst kann er dich hier bestimmt gebrauchen“ bot Roswitha ihm an,
als sie sich vom ersten Schrecken
wieder erholt hatte.
„Das wäre echt super“ antwortete er erleichtert.
Ali erklärte sich sofort einverstanden und stellte Mecki als Kellner ein.
Roswitha freute sich denn sollte sie wirklich am „Kaptan Kamping“ anfangen,
war das nur von Vorteil für sie. Mecki war erstens auf ihrer Seite und zweitens sprach
er Türkisch.
Außerdem hätte René dann seinen Vater in der Nähe.
„Ali, wie geht das jetzt mit den 2 Caravans weiter?“ fragte Roswitha nach etwa 2 Wochen. Ali, der die ganze Zeit lässig „Problem Yok“ gesagt hatte - druckte plötzlich verlegen herum. „Alle meine Freunde beim Zoll sind letzte Woche versetzt worden. Ich weiß im Moment nicht, ob sich da was machen lässt“ rückte er dann verlegen mit der Sprache heraus.
„Ali…" schrie sie ihn an "meine Mutter und ich sind 3000 KM hierher gefahren nachdem du uns mehrmals versichert hast, die Wohnwagen wären überhaupt kein Problem für dich. Ist dir eigentlich bekannt, dass in Jugoslawien Krieg ist? Glaubst du,
wir fahren den ganzen Weg wieder mit den Anhängern zurück?“ - "Ihr seid ja noch länger hier. Bestimmt fällt mir eine Lösung ein. Ich muss erst mal sehen wie die neuen Zöllner so sind. Vielleicht kenne ich ja einen von ihnen.
Falls nicht - ja dann weiß ich auch nicht" meinte er
zerknirscht.
Das waren ja mal klare Aussagen...
Roswitha war bestürzt. Nie im Leben wollte sie die gleiche Strecke noch einmal
fahren.
In Jugoslawien tobte inzwischen ein furchtbarer Krieg.
Als Mimi von Alis Schwierigkeiten erfuhr, wäre sie beinahe hysterisch geworden. „Da siehst du doch,
dass der Mann ein Idiot ist! Lässt uns mit einem Kind durch
Kriegsgebiet fahren und teilt uns dann seelenruhig mit, wir müssen mit den
Anhängern wieder zurück“ - „Jetzt wart doch erst einmal ab. Vielleicht findet er
ja doch einen Weg“ - „Das hat damit gar nichts zu tun.
Wie oft hast du ihn am Telefon gefragt? Reichen 10 Mal? Immer hat er doch gesagt, es wäre ein Leichtes für ihn die Caravans hier zu lassen. Und jetzt?
Dieser Mann ist ein Narr! Und ein verantwortungsloser dazu“.
Natürlich hatte Mimi Recht. Roswitha wusste es. Doch jetzt galt es für das
Problem eine Lösung zu finden…
Ab Mai fuhr die Fähre von Antalya nach Venedig. Durch Jugoslawien mussten sie auf keinen Fall noch einmal.
Nur... So war das ursprünglich ganz und gar nicht geplant gewesen.
Für ein paar Wochen hatten weder Mimi noch Roswitha die Caravans in die Türkei
geschleppt.
Was hatte Ali sich dabei nur gedacht?
Sie machte sich jedoch nicht so verrückt, wie ihre Mama das tat. Roswitha hatte sich der türkischen Mentalität schon etwas angepasst. Zusammen mit Ali fuhr Roswitha zum Zoll.
Mit den neuen Zöllnern tranken sie Tee. Roswitha -
die in Deutschland einen Türkischkurs besucht hatte - verstand nur Bruchteile der
Unterhaltung. Doch soviel war klar: Wenn die Caravans in der Türkei bleiben
sollten, gab es nur eine Möglichkeit: Sie mussten erstmal beim Zoll eingestellt werden.
Mimi war fassungslos als Ali ihr diesen Vorschlag machte. Das kostete Geld! -
und wenn der Caravan
nicht innerhalb eines halben Jahres wieder ausgelöst werden würde, ging er in Besitz
des türkischen Staates über.
Das war ihr zu unsicher! Sie war sehr ärgerlich auf Ali. „Bei zwei Caravans ist es
sowieso sehr schwierig“ sagte Ali zu Roswitha. „Einen könnte man eventuell ja
mal vergessen. Aber zwei...?“ „Das hättest du aber gleich sagen können.
Bevor wir zwei hierher geschleppt haben.“ - „Vor ein paar Wochen wäre es wirklich kein Problem gewesen.
Doch jetzt hat sich vieles geändert. Nimm den Caravan von
Mimi wieder mit nach Deutschland. Ich besorge euch billige Tickets für die Fähre
nach Venedig. Deinen stellen wir nur dieses Mal beim Zoll ein. Später brauchst
du das nicht mehr. Da du hier arbeiten wirst, wird kein Mensch noch einmal nach
diesem Caravan fragen. Das verspreche ich dir“.
Obwohl sie genug von seinen Versprechungen hatte, ging sie doch auf diesen Vorschlag ein.
Den Caravan hatte sie für Antalya extra gekauft - Mitnehmen wollte
sie ihn auch nicht mehr.
Sie ging zu Mimi die immer noch vor Wut kochte „Du kannst ja machen was du
willst - aber ich lasse meinen auf keinen Fall hier bei
diesem Idioten. Er soll das mit der Fähre klar machen“.
Roswitha fuhr mit Ali nach Antalya. Er war sehr nervös, die Sache mit dem Zoll
schien ihm doch ans Eingemachte zu gehen. An einer Kreuzung fuhr
er einen Fahrradfahrer von seinem Rad herunter.
„Kein Problem“ sagte er zu Roswitha, „der Polizeipräsident ist mein Freund“ - „Ali, der Radfahrer hat vielleicht ein Problem.
Halt doch wenigstens kurz an“.
Er fuhr einfach weiter. Was konnte so einem unwichtigen Radler denn schon groß
passiert sein?
Roswitha sah zurück. Der Mann war wieder auf sein Rad gestiegen und
fuhr laut schimpfend weiter.
René war sehr glücklich am „Kaptan Kamping“. In der Küche war er genauso zu finden wie an den diversen kleinen Baustellen die Ali an allen Ecken und Enden hatte. Er half fleißig überall mit und war an allem überaus interessiert.
Das
Personal liebte ihn und sogar Alis Sohn war von dem kleinen, blonden Mann sehr
angetan.
Seltener war René in der Nähe seines Vaters zu finden.
Die meiste Zeit verbrachte er mit Ali zusammen.
An seiner Seite gab es immer lustige Sachen zu tun.
Bevor sie wieder nach Deutschland zurück fuhren wollte
Roswitha noch ein paar Sachen für René kaufen und nahm ihn
mit nach Antalya.
Bei einem Juwelierladen der gerade umbaute, entdeckte der Kleine einen Berg weißer
Marmor-Kieselsteine.
Begeistert stopfte er sich damit seine Hosentaschen voll. „Die kann mein Alibaba
gut gebrauchen“ meinte er.
Mimi erstand einen original türkischen Schuhputz Kasten für Peter. „Wenn ich
schon meinen Caravan wieder mitnehme,
kann ich ihm den mitbringen. So einen
wollte damals schon konnte ihn im Flugzeug aber schlecht transportieren“.
Nach dem Stadtbummel suchte René sofort Ali, um ihm seine Geschenke zu
bringen.
Er fand ihn mit ein paar Freunden in einer Loge sitzend.
„Schau mal Alibaba - ich hab dir aus Antalya etwas mitgebracht“ mit diesen
Worten streckte er ihm die tollen Steinchen entgegen. „Das ist mein kleiner Sohn“ stellte Ali
ihn stolz seinen Freunden vor - Nahm die handvoll Steine,
steckte sie zu Renés großer Verwunderung in seinen Mund und - schluckte sie hinunter.
René gab ihm noch eine Hand voll davon. Er sollte sie doch nicht essen, sondern etwas tolles damit bauen.
Als Ali auch diese
Steine aufaß lief René zu Roswitha.
„Na, hat Ali sich über deine Steinchen gefreut“ wollte sie von ihm wissen. „Ich
weiß nicht - Er hat sie aufgegessen“ -
„Was? Steine kann man doch nicht essen“ - „Ich weiß das schon - aber Alibaba wusste es nicht. Er hat sie gegessen.
Wenn der morgen
auf die Toilette geht, dann scheppert dass aber“. Bei dieser Vorstellung
musste er sehr lachen.
Ali hatte gedacht, René hätte ihm
Leblebi
geschenkt. Das sind weiße Nüsse.
Da er sie ohne zu beißen
hinunterschluckte, bemerkte er
den Irrtum nicht.
René fand seinen Alibaba schrecklich lustig.
Er, der sich in Deutschland nicht länger als höchstens eine halbe Stunde freiwillig von Roswitha entfernte,
war hier den ganzen Tag unterwegs.
Sie musst ihn jeden Abend suchen um ihn ins Bett zu bekommen. Er war immer in
Aktion.
Im Restaurant war allabendlich Live- Musik und auch dem Pianisten hatte es
der Kleine angetan. „Er wird bestimmt einmal Musiker“ meinte der zu Roswitha
denn er hatte
schnell bemerkt, wie musikalisch das Kind war.
Der Pianist war der Schwager von Ferhat, einem
sympathischen jungen Mann der für die Bar zuständig war.
Die letzte Urlaubswoche war angebrochen und Ali besorgte die Billets für die Fähre am 13.
Mai.
Es war die erste im Jahr 1993, die von Antalya nach Venedig ging.
Als Ali zurück kam hatte er - zum Entsetzen Roswithas - Pullmannsitze
für sie gebucht..
„Ali, ich kann doch nicht mit meinem Kind 2 Nächte in einem Sessel schlafen.
Meine Mama bringt dich um, wenn sie davon hört" - “Ihr bekommt eine schöne
Kabine zum gleichen Preis wie die Pullmannsitze.
Auf der Fähre arbeiten viele
meiner alten Freunde die das für mich regeln. Vertrau mir“.
Roswitha vertraute ihm nicht sehr. Sie wusste aber, auf der Fähre waren fast
keine Passagiere.
Also konnten sie notfalls selbst eine Kabine beim Zahlmeister
buchen. So war die Reise auf jeden Fall billiger.
Am 12. Mai stellte sie ihren Caravan beim Zoll ein. Die letzte Nacht verbrachte
sie mit René und Ali in einem Bungalow.
„Wann kommst du wieder“ fragte Ali traurig. „Das kann ich nicht sagen. Ich muss erst
Geld verdienen“.
„Du kannst jederzeit hier anfangen. Das weißt du. Vergiss Deutschland - Hier verdienst du viel mehr“
„Was wird dann mit deinem Sohn? Willst du ihn hinauswerfen?“ „Er ist streng gläubige Moslem und liebt die Arbeit im Restaurant überhaupt nicht. Mit Alkohol will er kein Geld verdienen. Ich werde ihn ausbezahlen und er sucht sich in Istanbul eine andere Arbeit die ihm mehr liegt. Du siehst es ja selbst, mit der richtigen Organisation wäre hier viel Geld zu machen. Mein Sohn ist aber nicht der Richtige dafür“ „Da müsste zuallererst das Picknick abgeschafft werden. Damit vertreibt ihr euere Camping- und die zahlenden Restaurantgäste“ „Das kannst du dann machen, wie du willst. Ich mische mich in nichts ein.
Wenn du einverstanden bist, bist du hier der absolute
Boss. Dann habe ich endlich Zeit mich um andere Dinge zu kümmern“.
Das Angebot war verlockend. Darüber nachdenken konnte man ja mal ganz unverbindlich.
René jedenfalls hätte in Antalya eine Kindheit wie im Bilderbuch.
„Weißt du eigentlich, dass es so eine Liebe wie die unsere unter Millionen nur
einmal gibt?
Diese Liebe ist uns von Allah geschenkt worden. Die darf man nicht einfach so beenden.
Du weißt es vielleicht nicht, aber ich bin mir sicher, dass du hier arbeiten und sehr glücklich werden wirst“.
Am nächsten Tag fuhren sie zur Fähre. Sie lag keine 800 m vom Campingplatz
entfernt im
Hafen. Alles was man für 3 Tage brauchte, hatten sie in Taschen gepackt da
man während der Überfahrt nicht mehr an die Fahrzeuge kam.
Ali kannte tatsächlich eine Menge Leute auf dieser Fähre. Viele hatten mit ihm zusammen auf
dem gleichen Schiff gearbeitet. „Sobald ihr abgelegt habt, zeigt euch dieser Arkadaş euere Kabine" Der Mann nickte zustimmend. „Kein Problem! Ali
guter Freund ... Bandit“ sagte er lachend und schlug Ali dabei kräftig auf den Rücken. Beim
Abschied konnte Ali seine Tränen nur schwer zurückhalten. Verstohlen wischte er sich immer wieder über
die Augen. Er ging als letzter von Bord.
Fast pünktlich legten sie ab.
Nach etwa einer Stunde wurde ihnen eine schöne
Außenkabine mit Fenster zugeteilt. Ali hatte also Wort gehalten.
Mimi war
trotzdem noch
immer schlecht auf ihn zu sprechen.
René fand an Bord einen Freund der etwa in seinem Alter war. Die Eltern des
Jungen, er Türke, sie Deutsche wollten sich bei Alanya niederlassen um dort
Wassersport zu betreiben. Doch sie hatten große Schwierigkeiten mit dem türkischen Zoll.
Für ihre 2 Sportboote und ihre Jet Skis sollten sie Unsummen bezahlen. „Da brauchen wir gar nicht erst zu beginnen
Für diese horrenden Beträge müssten wir mindestens 3 volle Jahre völlig umsonst in der Türkei arbeiten“ erzählten sie.
Roswitha schlug ihnen vor sich doch einmal mit Ali in Verbindung zu setzen.
„Zum Zoll hat er gute Kontakte. Vielleicht kann er euch ja
helfen“.
Sie freundeten sich etwas an auf dieser 3-tägigen Seereise - die sehr angenehm
verlief,
da die Fähre mit nur wenig Passagieren von Antalya ausgelaufen war.
Das Schiff hatte von Anfang an stake Schlagseite. Ibo, der Vater des kleinen Freundes von
René, fragte einen Stuart warum das denn so sei. „Als wir ablegten hatten wir
die Wassertanks - die das Schiff stabilisieren - noch nicht alle gereinigt.
Da erst eine Seite mit Wasser gefüllt ist, legt sich das Schiff auf diese Seite. Doch bis wir in Venedig ankommen sind wir mit dieser Arbeit fertig und unser Schiff läuft aufrecht in den Hafen“ meinte er zuversichtlich.
Zum Glück war das
Wetter während de gesamten Überfahrt gut.
Roswithas neue Freunde vermieteten in Deutschland mehrere Häuser über die
Gemeinden an Aussiedler
und verdienten damit ihr Geld.
Nach 3 Tagen und 2 Nächten legten sie endlich in Venedig an. Nach einer kurzen
Zolluntersuchung an Mimis Caravan
-
der Schuhputzkasten hatte das Interesse der Zollbeamten geweckt - konnte die Heimfahrt angetreten werden.
Kaum in ihrer Wohnung angekommen, klingelte auch schon Roswithas Telefon. Ali
wollte wissen, ob das mit der Kabine auch klar gegangen war. „Das
Feribot
kommt jetzt jede Woche hier her. Da
sehe ich die Jungs öfter"
Roswitha erzählte ihm von dem Ehepaar das sie kennen gelernt hatte.
"Sie sollen das nächste Mal zu mir kommen. Das regle ich schon"
Als Roswitha mit Ibo und Ida - die Freunde vom Schiff - telefonierte, hatten sie schon das nächste Problem
„Wir müssen im Juli unseren Jeep in die Türkei bringen. Du wirst es nicht für möglich halten, doch wir bekommen keinen Platz mehr auf der Fähre. Sie ist für Monate ausgebucht“ erzählte Ibo Roswitha.
„Ich werde mal Ali fragen, vielleicht kann er ja etwas organisieren“ - „Das wäre echt super. Doch viel Hoffnung habe ich nicht. Ich hab hier ja auch Freunde in mehreren Reisebüros - da geht überhaupt nichts mehr meinten die“ -
„Ich habe bis jetzt die Erfahrung
gemacht, dass nichts unmöglich ist in der Türkei“ antwortete sie ihm
zuversichtlich.
Als sie Ali am Abend anrief und ihn fragte, ob er einen Platz auf dieser Fahre
organisieren könnte gab er seine
obligatorische Antwort
„Problem yok“
Eine Woche später hatte er dann tatsächlich einen Platz für den Jeep auf dem Schiff gefunden. "Das ist doch nicht möglich" jubelten die Feunde. Roswitha hatte sich inzwischen richtig mit ihnen angefreundet. „Hast du nicht Lust den Jeep nach Antalya zu bringen Roswitha?“ fragte Ibo sie nun überraschend. „Die Unkosten zahlen wir natürlich“.
"Das muss ich erst mit Ali absprechen, denn euer Jeep wird ja dann vom türkischen Zoll in meinen Pass eingetragen"
Ali sagte wie erwartet: „Kein Problem“
Im Juli fuhren Roswitha und René früh um 4 Uhr von Augsburg nach Venedig.
René war so aufgeregt wieder
an seinen geliebten Camping zu kommen, dass er die
ganze Fahrt über nicht schlafen konnte.
Die Fähre war dann tatsächlich bis auf den letzten Platz voll ausgebucht.
Es hatte sich eine nicht enden wollende Autoschlage vor dem Schiff gebildet. Roswitha bekam als eine der ersten Passagiere ohne
Probleme ihre Schiffspassage und ging an Bord.
Die meisten Offiziere kannten sie
noch. „Du bist heute Abend mit René zum „Kaptans- Dinner“ eingeladen“ sagte Alis
Freund der Zahlmeister nach der Begrüßung zu Roswitha.
Sie bekam auch diesmal wieder eine schöne Kabine.
Endlich - nach 3 Tagen - legten sie in Antalya an. Ali erwartete sie schon sehnsüchtig mit Mecki zusammen am Hafen.
Nachdem auch die Zoll Formalitäten für den Jeep erledigt waren
- die Problemlos über die Bühne gingen - fuhren
sie zusammen los und holten Roswithas Caravan aus dem Zollverschluß.
Und abends war noch einmal Kaptans Dinner denn der Kapitän der Fähre und seine Offiziere
waren in Alis Restaurant gekommen.
Nach ein paar Tagen kamen Ida und Ibo aus Deutschland. Der Jeep wurde nun in Ibo‘s Pass eingetragen und die Sache war für Roswitha erledigt. Ali fand
Roswithas neue Freunde gleich sympathisch. Gern wollte er ihnen bei ihren
Problemen behilflich sein. Dabei ging es um ein Sportboot, dass die Beiden aus
Amerika in die Türkei eingeführt hatten. „Ich habe bei meinen Freunden schon vorgefühlt, ihr
müsst mit dem Boot nach Zypern. Das ist die einzige Möglichkeit“. Ibo kaufte
eines von Alis kleinen Ruderbooten und dieses wurde auf einen Trailer geladen. Mit
Alis Mercedes - gegen den er seinen Talbot inzwischen eingetauscht hatte -und
einem Zöllner auf dem Rücksitz
ging es
damit nach Mersin.
Das kleine, morsche Boot wurde nun auf die Fähre nach Zypern gebracht - Offiziell als teueres Motorboot deklariert -
und damit war das Boot amtlich aus der Türkei
ausgeführt.
In Zypern wurde es dann einfach irgendwo abgestellt. Ibo und Ida reisten ohne
einen Eintrag im Pass wieder in die Türkei ein.
Sie hatten nun kein Sportboot
mehr, dass in der Türkei versteuert werden musste. Zumindest nicht offiziell.
Roswitha und René genossen ihren restlichen Urlaub in Antalya. Es war
erstaunlich, wie schnell das Kind die Sprache zu verstehen begann. Roswitha tat
sich damit entschieden schwerer.
In diesen 8 Wochen war Ali sehr lieb. Es gab nichts auszusetzen an ihm. René
liebte er mehr als seine eigenen Söhne.
Er bekam alles von ihm und er hatte alle Rechte.
René war der unumstrittene Boss beim „Kaptan Kamping“.
Das neue Restaurant war nun so gut wie fertig und auch Mecki hatte sich gut eingelebt. Er arbeitete inzwischen als Chefgarsong und Ali war sehr zufrieden mit ihm. Ayşe hielt sich viel bei Roswitha auf.
Sie frischte ihr Deutsch bei ihr auf und
Roswitha lernte ihrerseits von der blonden Frau Türkisch.
Für die allabendliche Live-Musik war ein neuer Pianist verpflichtet worden:
Ahmet
Besonders mit ihm freundete René sich sehr an. Ahmet ließ ihn oft auf seinem
teueren Keyboard spielen.
Der hübsche junge Mann sprach etwas deutsch und war tagsüber meistens bei Roswitha zu finden.
Sie gingen mit René schwimmen ans Meer und nach Programmschluss häufig mit Mecki zusammen nach Antalya,
Suppe
essen oder in die Disco.
Ahmeds Mutter wäre wohl gerne Chefin vom „Kaptan Restaurant“ geworden.
Wie eine Schlange versuchte sie Ali zu hypnotisieren indem sie permanent abends
- zu Ahmets Musik - um ihn herumtänzelte.
„Wenn sie die einzige Frau auf der ganzen Welt wäre, die würde ich nicht wollen“ sagte Ali eines Abends zu Roswitha,
als
die Dame ihn wieder becircen wollte. Und er war gewiss kein Kostverächter!
Ahmets Oma jedoch war eine süße alte Dame. In Mekka war sie vor vielen Jahren Hadschi
geworden.
Eine ihrer Töchter lebte schon viele Jahre in Deutschland.
Eines schönen Tages kam eine türkische Familie aus Innsbruck nach Antalya. Die Schwester dieser Frau hatte auf Alis Camping einen Bungalow aufstellen lassen. Wenn sie im Urlaub kam, wohnte sie selbst darin.
Die restlichen Monate sollte Ali ihn vermieten und
Halbe-Halbe mit ihr die Miete teilen.
Jetzt wohnten Nermin - die Schwester - mit Mann und 2 Töchtern in diesem Bungalow. Die Familie wollte in diesem Jahr ein Haus in Antalya kaufen. Ali fand in der Altstadt etwas Günstiges. Ein kleiner Laden, ein Restaurant,
eine Wohnung und ein Teegarten standen dort für umgerechnet 170
000 Mark zum Verkauf.
„Was meinst du?“ fragte das Ehepaar Roswitha mit ihrem gemütlichen österreichischen
Dialekt.
„Wenn ihr später in die Türkei zurückkehren wollt, hättet ihr hier eine Existenz. Teuer ist es nicht und die Lage finde ich auch super“ antwortete sie ehrlich. Die Beiden arbeiteten in Innsbruck im Gaststätten- Gewerbe.
Schon am anderen Tag wurde beim Notar der Kauf perfekt gemacht. Das eben erstandene Haus war teilweise noch vermietet.
Nach 8 Wochen flog Roswitha mit René ende August wieder nach Deutschland.
Ab September hatte René einen Platz im Kindergarten. Roswitha fing wieder zu
arbeiten an. René ging zwar widerspruchslos in seinen Kindergarten - doch glücklich
war er dort nicht. „Wissen sie eigentlich, dass er ein exzellentes Musikgehör
hat?
Sie sollten dieses Kind ausbilden lassen. So etwas ist sehr selten“ sagte die
Erzieherin zu Roswitha.
Auch Roswitha machte ihre Arbeit nicht wirklich Spaß. Sie fuhr jeden Tag nach München
und musste sich meist richtig hetzen, um René pünktlich abzuholen.
Silvester war Eröffnung des neuen Restaurants am „Kaptan Kamping“. Begeistert rief Mecki bei Roswitha an.
„Ali hat ja schon viel Mist gemacht, aber dieses Lokal hat er wirklich ganz super hinbekommen.
Überlege es dir doch noch einmal. Du könntest hier wirklich etwas verdienen. Ali vermisst dich fürchterlich“.
Im
Frühjahr fragte sie dann René, ob sie für eine Zeitlang zusammen in der Türkei
arbeiten wollten.
Er war hellauf begeistert. Da auch Mecki dort war, würde Roswitha die erste Zeit keine
Verständigungsprobleme haben.
Denn - ein so großes Unternehmen zu führen, ohne die Landessprache zu beherrschen, war eigentlich unmöglich.
Doch inzwischen war Mecki ja sehr gut eingearbeitet und hatte auch seine Türkischkenntnisse wieder vervollständigt.
Roswitha entschloss sie sich - erstmal für ein Jahr
- nach Antalya zu
gehen.
Ihren Caravan fand sie genauso vor, wie sie ihn
verlassen hatte.
Ali hatte ihn in ihrer Abwesenheit nicht einmal betreten.
Das Restaurant war wirklich sehr schön geworden.
Dass noch immer Alis Sohn dort
arbeitete, wusste Roswitha. Ali brauchte Geld um ihn auszahlen zu können.
Am 4. August machte Ali mit Roswitha einen Vertrag auf 5 Jahre und überschrieb
ihr den Campingplatz.
„Damit meine Familie an diesem Vertrag nicht rütteln kann, habe ich hineingeschrieben,
dass du mir dafür 30 000 Mark gegeben
hast“ sagte er.
Damit war Roswitha ganz offiziell Campingplatz- Pächterin in Antalya, ihrer
Märchenstadt. Sie war glücklich und ihr kleiner Prinz René auch. Das Einzige was
er dort vermisste, war sein heiß geliebter Mercedes, den sie in Deutschland
zurück gelassen hatten.
Als erstes musste Roswitha rückständige Telefonrechnungen für den Platz bezahlen. Über ein Jahr waren diese Rechnungen nicht beglichen worden. Roswitha fing an, die Bungalows zu reparieren. Mecki half ihr dabei. Er arbeitete zwar
hauptsächlich im Restaurant, verbrachte aber jede freie Minute bei ihr.
Sie verstanden sich sehr gut und fanden den ganzen Tag immer etwas worüber sie sich amüsierten.
Meistens war Ali mit seinen sonderbaren Aktivitäten das unfreiwillige Opfer ihrer Lästereien. Aber er war auch derjenige,
über den
sie sich am meisten ärgerten.
„Ali, das mit dem Picknick haben wir ja schon besprochen. Da brauche ich jetzt
deine Hilfe. Du musst endlich mit deinen Freunden sprechen. Du kannst ihnen ja
bei einem Abendessen im Restaurant erklären, dass hier kein
Picknick mehr veranstaltet wird. Sie verstehen sicher, dass es für dein Geschäft
besser ist“ sprach
Roswitha ihn zum wiederholten Mal auf das leidige Thema an.
Ali sah sie entsetzt an. „Aber an dem Picknick verdienen wir doch auch“
„Ja, an 20 Leuten 3 Mark.
Dafür verschmutzen sie die sanitären Anlagen, reißen die Rosen ab und plündern deine Obstbäume.
Liebling, sie vertreiben die zahlenden Gäste auf dem Campingplatz und im Restaurant. Wir waren uns doch darüber einig:
Kein Picknick mehr!“.
„Ja -
schon. Doch so von heute auf morgen geht das nicht. Das muss ich meinen
Freunden langsam beibringen“.
Im Restaurant fanden jetzt jeden Dienstag Türkische Abende statt. Oft kamen von der Fähre Touristen.
Sie saßen dann neben türkischen Familien, die ihre Brotzeit und ihren Rakı selbst mitgebracht hatten.
Ali schien das toll zu finden. Doch er war auch der Einzige.
Ein anderes Problem waren die Toiletten und die Duschen. Die Türen schlossen nicht, oder es waren keine vorhanden.
Roswitha ließ sie reparieren. Neue
Spülkästen mussten installiert werden. „Ali kannst du die nötigen Teile dafür besorgen?“ fragte
Roswitha ihn. „Selbstverständlich meine Süße. Dich würden sie sowieso über den Tisch ziehen
und viel Geld verlangen“.
Sofort fuhr er los um die Sachen zu kaufen. Als er nach Stunden wiederkam
zeigte er Roswitha stolz, was er erstanden hatte.
Sie hätte beinahe einen Anfall bekommen, als sie dann sah was er eingekauft hatte: schmutzige, gebrauchte Klodeckel,
alte unbrauchbare Spülkästen und verkalkte Duschköpfe mit porösen Schläuchen . „Aber ich habe das doch so günstig bekommen“ sagte er. „Neue Sachen sind teuer“.
„Dafür funktionieren sie aber auch“.
Roswitha nahm sein Auto und fuhr mit Mecki ins Industrie-Viertel, ins „Sanayi“.
Sie fanden alles, was sie brauchten und wurden überaus zuvorkommend bedient.
Kein Mensch wollte sie betrügen.
Das Duschgebäude wurde mit Kalk geweißelt und die neuen Sachen montiert.
Eine Toilette war mit einem Vorhängeschloss verschlossen. „Die gehört Adolf“
sagte Ali. Roswitha ließ sie aufbrechen und herrichten. Sie fanden in Alis
zahlreichen Depots passende Türen. Diese wurden lackiert und schon sah alles
sauber und gepflegt aus.
Dann mussten sie feststellen, dass in den eben liebevoll restaurierten
Sanitäranlagen kein Wasser floss, das heißt,
Wasser kam schon - Übers Dach plätscherte es herunter und überschwemmte die Duschen und Toiletten.
Ein Ambiente, als würde es vor der Toilette ständig regnen - Nur aus den Wasserhähnen kam kein Tröpfchen „Problem yok“ meinte Ali locker und stieg höchstpersönlich auf das Flachdach.
Die Wasserleitungen dort waren verrostet und in den Wasserspeichern waren Löcher und Risse.
„Dort
repariert er schon seit Monaten“ erzählte Mecki
„Da er die Rohre aber beim
Schrotthändler kauft, wird das nie etwas“.
Die Campinggäste waren ja im Großen und Ganzen tolerant. Eine Trockendusche und
wasserlose Toiletten waren jedoch ein unzumutbarer Zustand auf einem Campingplatz. „Ali, wir lassen einen
Installateur kommen und alles ordentlich herrichten“.
'Also -
diese Deutschen sind schon ein übergenaues Volk' dachte Ali. 'Für jede
Kleinigkeit wollen die gleich einen Fachmann'
Laut sagte er: "Güzelim - Für diese Arbeiten bin ich der
Usta. Du wirst in ganz Antalya niemanden finden der das so gut kann wie ich.
Was glaubst du denn, wie teuer so ein Mann sein würde? Nein... das erledige ich
selbst"
Er fuhr nach Antalya, kaufte Zement und mauerte auf das Flachdach einen etwa 20
cm hohen Sockel.
Das Wasser konnte jetzt an diesen Stellen nicht mehr herunter laufen
Verliebt betrachtete er nach getaner Arbeit sein Werk und beglückwünschte sich
zu der nahezu genialen Idee.
Die kaputten Rohre hatte er - für seine Begriffe fachmännisch - mit alten Schlauchteilen und Draht zusammengeflickt.
Für Ali war nun alles in bester
Ordnung.
Nach ein paar Stunden tropfte das Wasser durch alle Decken des Duschgebäudes.
Ein ganz anderes Problem war die Stromversorgung der Campinganlage. Mindestens einmal am Abend viel der Strom am gesamten Platz aus. Ali hatte stinknormale Stromkabel einfach in die Erde eingegraben.
Auch diese Kabel hatte er aus zweiter Hand erstanden und an unzähligen Stellen zusammengestückelt.
Das war Lebensgefährlich! „Ali, wir lassen einen Elektriker kommen. Du hast hier kein Privathaus, sondern einen öffentlichen Campingplatz mit Restaurant. Wenn irgendjemanden etwas passiert, kommst du ins Gefängnis“. Das wirkte anscheinend.
Am nächsten Tag kam er mit einem Mann an. „Elektrikçi“ sagte er zu Roswitha.
Außer einem Schraubenzieher hatte dieser Elektromeister kein Werkzeug mitgebracht. Er montierte ein paar
Leuchtstoff-Röhren, trank eine Flasche Rakı und ging wieder.
Durch den Krieg in Jugoslawien - der voll im Gange war - kamen kaum noch Caravan-Touristen
nach Antalya.
Die Anreise in die Türkei war für sie zu teuer und umständlich geworden. Obwohl die
Türkei selbst sehr billig war blieb zu viel Geld auf der Strecke.
Nur ganz treue Türkei-Liebhaber reisten noch mit dem Wohnmobil an. Die Bungalows
waren hauptsächlich mit
türkischen Gästen belegt.
Roswitha war sehr glücklich zu der Zeit - Sie konnte arbeiten und sich ganztags um René kümmern.
Unter Palmen und an einem traumhaften Meer.
Obwohl der Campingplatz nicht schlecht lief, blieb von den Einnahmen so gut wie nichts übrig. Es mussten viele Dinge neu angeschafft werden oder die vorhandenen repariert werden. Da Roswitha an Ali nur wenig Pacht bezahlt hatte,
war das in Ordnung für sie.
Im nächsten Jahr würden diese Unkosten nicht mehr anfallen und mit ein paar Verbesserungen und Reklameaktionen könnte der Umsatz verdoppelt werden. Dann würde man von den Einnahmen gut leben können.
„Ich dachte deine Mumie kommt nicht mehr“ stellte Roswitha Ali zur Rede als Mitte Juli Alis Frau mit einer Schar Freundinnen und seinem jüngsten Sohn in Alis Haus einzog. „Ja was soll ich denn machen?
Ich hatte ihr gesagt, dass ich dir den Platz übergeben habe und wir zusammen leben. Anscheinend stört sie das nicht.
Solange mein Sohn hier im Restaurant arbeitet wird auch sie kommen“ „Das hast du mir aber vorher so nicht gesagt“.
„Weil ich es nicht wusste. Sie hat eben keinen Charakter“.
„Wie lange wird sie bleiben?“
„Keine Ahnung. Ich habe sie nicht gefragt“.
Damit war das Thema für ihn erledigt. Roswitha war sauer.
Am Abend nach dem Programm ging sie mit Mecki und ihrem Freund Ahmet in die
Disco und anschließend Suppe essen.
In Deutschland geht man nach einer Disconacht noch irgendwo einen Kaffee trinken, in der Türkei wird ein Teller Suppe „getrunken.“
Als sie nach Hause kam, war die Sonne schon aufgegangen. Ali verlor kein Wort
über ihre nächtlichen Ausflüge.
Ahmet verbrachte meist den ganzen Tag mit René, Mecki und Roswitha. Da der Caravan direkt
neben dem Schwimmbad stand, tranken sie auch zusammen Kaffee wenn Ahmet am Pool
badete.
Und weil es sich auf Roswithas Liegestuhl bequemer lag als auf dem Fliesenboden
des Schwimmbads, befand sich Ahmet stundenlang unter Roswithas Vorzelt. Sie störte der
fröhliche junge
Mann nicht im Geringsten.
Ali kam immer häufiger vorbei um dann missbilligend auf Ahmet zu blicken. „Hast
du zu Hause kein eigenes Bett?“ fragte er ihn angriffslustig eines Tages.
„Natürlich habe ich ein eigenes Bett. Doch hier gefällt es mir eben besser als
dort“ antwortete er uneingeschüchtert von Alis schroffen Ton.
„Roswitha -
ich glaube der ist auf mich eifersüchtig“ meinte Ahmet grinsend als Ali gegangen
war. „Das kann ich mir zwar nicht
vorstellen - er ist nie eifersüchtig - aber schaden würde es ihm nicht.
Schließlich ist seine Frau ja auch hier und er findet das völlig in Ordnung“.
Für
Ahmet war das Ganze einfach nur lustig. Mit Mecki lachten sie viel über den
eifersüchtigen Ali.
Ahmet erschien nun noch früher bei Roswitha als
üblich. Ali sagte nichts mehr dazu, schaute nur immer wieder grimmig um die Ecke
um sich dann kommentarlos zu entfernen.
Der Musiker trank gerade genüsslich seinen Nachmittags-Kaffee, als Ali
unvermutet mit
dem Auto vor dem Caravan hielt und hupte.
„Du...“ er konnte sich nie die Namen seiner Angestellten
merken, „komm einmal mit. Ich muss dir etwas zeigen“.
Ahmet sah sich um wer damit gemeint sein könnte um dann ungläubig zu fragen?: „Ich?“ „Ja du! Komm schnell“.
„Was willst du mir
denn zeigen?“ - „Das wirst du gleich sehen. Also... cabuk“.
Es war sehr heiß an diesem Tag. Missmutig trottete Ahmet zum Auto. Kaum saß er,
drückte Ali aufs Gas und fuhr mit Volldampf und Ahmet von dannen.
Nach etwa 2 Stunden wurde er direkt vor Roswitha wieder abgeladen. Mit
weichen Knien, käsebleich und furchtbaren Kopfschmerzen taumelte dieser zu
seiner Freundin. „Gib mir bitte schnell 2 –3 Aspirin...
Dass glaubst du nicht... Er ist bis jetzt mit mir nur Auto gefahren. Ich glaube, ständig im Kreis - mit Vollgas!
Es hätte nicht viel gefehlt und ich hätte mich übergeben müssen“.
So leid ihr Ahmet auch tat, sie konnte nicht anders - sie lachte schallend los. So eine
komische Art von Eifersucht hatte sie noch nicht erlebt. Mit einem mutmaßlichen
Nebenbuhler 2 Stunden bei glühender Hitze im Kreise zu fahren…
diese Folter musste einem erst einmal einfallen
"Ist das
Eifersucht auf türkisch?" fragte sie immer noch herzhaft lachend.
"Das ist nicht türkisch - sondern idiotisch! Kein
anderer Mann, besonders kein Türke, zeigt Eifersucht so blödsinnig wie Ali"
Jetzt musste er selbst auch mit mitlachen.
„Der Mann ist total verrückt“ meinte er und sprang mit einem Kopfsprung in den
Pool
Die Mumie - Roswitha nannte sie so, weil sie stets streng verschleiert zwischen den
halbnackten Campinggästen herumlief - schien sich wirklich nicht daran
zu stören, dass ihr Gatte mit einer anderen Frau zusammenlebte.
Alis jüngster Sohn freundete sich mit René an und die Beiden wurden unzertrennlich.
Als Roswitha ihre Freunde Ida und Ibo in Alanya besuchte, nahm sie auch Alis
jüngsten Sohn mit.
Die Freunde hatten sich an einem Hotelstrand kurz vor Alanya mit ihrem Wassersport
niedergelassen.
Mit 2 neuen Jet Skis und
Paragliding versuchten sie Gäste
anzulocken was dort jedoch keinen großen Anklang fand.
„Wir waren erst an einem viel besseren Platz. Da bekamen wir aber massive
Schwierigkeiten mit der einheimischen Mafia. Wären wir nicht freiwillig
gegangen, hätten sie unsere Boote zerstört“ erzählte Ibo.
Auch mit der Ersatzteil- Beschaffung für die Boote gab es Schwierigkeiten.
Es lief alles
nicht so, wie die Freunde es sich vorgestellt hatten.
Da war Roswitha mit ihrem Camping bei weitem besser dran. Die paar Problemchen die
sie mit Ali hatte -
was war das schon.
Ibo und Ida blieben noch ein paar Monate. Als sie Tausende Mark
draufzahlen mussten, brachen sie ihre Zelte in der Türkei ab und kehrten nach
Deutschland zurück.
„Ali, wenn ich länger hier bleibe werde ich ein Visum brauchen“ sagte sie abends zu ihm: „Mach dir keine Sorgen, dein Ali macht das schon“ antwortete er ihr. „Viel mehr Probleme macht mir dein Caravan.
Doch auch dafür werde ich eine
Lösung finden“.
Roswitha hatte gedacht, dass mit ihrem Anhänger wäre erledigt. Was redete Ali denn
da?
Nermin kam aus Österreich. Dieses Mal ohne ihren Ehemann Kazım. Ihre beiden Töchter
waren mitgekommen.
Nermin wohnte wieder in dem Bungalow ihrer Schwester.
Sie hatte Schwierigkeiten mit ihren Mietern in dem neu gekauften Haus in der
Altstadt. Diese
bezahlten weder Miete,
noch zogen sie aus. „Ali Bey fährt morgen mit mir um nach dem Rechten zu sehen. Er wird das schon in Ordnung bringen.
Wir fahren schon um 8 Uhr morgens
los“ sagte sie zuversichtlich zu Roswitha.
Als diese am nächsten Morgen um 9 Uhr ins Restaurant kam um für René Brot zu
holen, saß Nermin da und wartete auf Ali.
„Er hatte einen dringenden Termin“
erzählte sie - Mittags saß sie immer noch dort und wartete auf Ali.
„Nermin, ich gehe ans Meer. Komm doch mit. Es ist doch schon zu spät um nach
Antalya zu fahren.
Wer weiß wann Ali kommt“. Roswitha hatte Mitleid mit ihr.
Inzwischen wusste sie, dass Ali überhaupt kein Zeitgefühl besaß. Wenn er sagte, er würde in einer Stunde kommen
war es leicht möglich, dass Alis Stunde
von morgens bis abends dauerte.
Nermin wollte lieber weiter auf ihn warten.
Als Roswitha vom Baden zurückkam, saß Nermin immer noch wartend im Restaurant.
„Das ist doch mein Urlaub. Er kann mich doch
nicht den ganzen Tag bei dieser Hitze hier warten lassen“ schluchzte sie und Roswitha bestellte
einen Rakı zur Beruhigung Sie trank ihn und schon war ihr Kummer vergessen.
„Ihm wird etwas dazwischen gekommen sein“ sagte sie.
Endlich kam Ali an. Der Kofferraum seines Autos war voll gepackt
mit alten Blechteilen, gebrauchten Ziegelsteinen und Zement.
Als er Nermin sah fiel ihm schlagartig ein, dass sie eigentlich verabredet
gewesen waren. „Kein Problem“ sagte
er zu ihr
„wir erledigen das morgen“. Er hatte sie und ihre Mieter einfach vergessen.
Am nächsten Morgen kam Nermin zu Roswitha und wartete dort vollständig angezogen
und mit Handtäschen auf Ali.
Bei über 40° Hitze!
Es wurde Abend. Als er endlich kam, sagte er: “Morgen“.
Am nächsten Tag fuhr Ali dann endlich mit einer glücklichen Nermin in
die Stadt.
Als sie nachmittags zusammen wiederkamen, waren beide sehr
aufgeregt.
Nermin hatte zu ihrem Haus ein paar Mafiosi gratis dazu bekommen. Mit ihnen
hatte sie nun massive Schwierigkeiten.
"Sie wollen weder Miete bezahlen, noch ausziehen. Die Wasser - und
Stromrechnungen laufen auf mich und ich muss jetzt alles aus meiner Tasche
bezahlen". Nermin weinte schon wieder. "Roswitha das ist doch furchtbar
oder was meinst denn du dazu?"
Es war nicht viel los im Lokal. Nur 2 weitere Tische waren mit Gästen besetzt.
Nermin war noch immer fassungslos über ihre unverschämten Mieter als ein Auto kam und Alis dicker Freund -
ein Bankdirektor - mit einem Begleiter daraus ausstieg.
„Ich wusste gar nicht, dass der Herr Bankdirektor schwul ist“ flüsterte Roswitha
Nermin zu.
Der Herr an seiner Seite war unübersehbar vom anderen Ufer.
Die beiden Männer setzten sich an einen Tisch in der Nähe des Pianisten und bestellten eine Flasche Rakı
und
ein paar Vorspeisen.
"Sie mal Nermin, der heiße Freund des Bankdirektors lässt sich das Mikrofon
geben. Hoffentlich hat er auch flotte Songs drauf" - "Ach... noch langweiliger
als es eh schon ist kann es gar nicht mehr werden" meinte sie deprimiert.
Mit dem Auftritt dieses Gastes änderte sich die Stimmung im Restaurant nun schlagartig.
Der junge Mann hatte eine herrliche Stimme und Power ohne Ende! Er sprach so lieb mit den anwesenden
Gästen und machte sie gekonnt zu einem Teil seines Programms, dass diese sich
ohne Ausnahme plötzlich auf der Tanzfläche
befanden. Auch Roswitha, Ali und Nermin.
„Ali, diesen Mann solltest du fürs Programm hierher verpflichten. Der ist genau richtig für dein
Lokal“.
„Mal sehen“ - „Frag ihn doch gleich! Bestimmt sucht er Arbeit. Er ist für dieses
Restaurant ideal und das Restaurant für ihn“. Als der Künstler nach einer Stunde
seine Einlage beendete, waren die Gäste darüber enttäuscht.
Sie hätten gerne noch mehr von ihm gehört.
Ali hatte kurz darauf ganz andere Sorgen als erneut ein Wagen vor dem Lokal parkte und die 6 finster aussehenden Männer
die daraus ausstiegen, unfreundlich nach Ali und
Nermin fragten.
Nermin, die bis dato wieder sehr fröhlich gewesen war, hatte jetzt erneut Tränen
in den Augen.
„Wenn doch bloß mein
Mann hier wäre“ jammerte sie.
Ali schlich erst mal aus sicherer Entfernung um die Herren herum bevor er zögernd
an ihrem Tisch Platz nahm.
Es waren Nermins Mieter und auch sie musste sich notgedrungen an den nun beginnenden, schwierigen Verhandlungen beteiligten.
Letztendlich einigten sie sich dahingehend, dass Nermin die angefallenen Kosten übernehmen und den Mietern eine gewisse Summe - sozusagen eine Ablöse - zahlen musste. Obgleich ursprünglich Nermin von den Mietern Geld zurück haben wollte,
war sie nun mit deren Vorschlag einverstanden. Sie fürchtete sich sehr vor diesen Männern. Da Ali die hohe Ablösesumme noch etwas heruntergehandelt hatte, wurde er von ihr als Verwalter des Hauses eingesetzt und für den dazugehörigen kleinen Laden bekam er von Nermin einen Mietvertrag
2 Jahre brauchte er dafür keine Miete zu bezahlen.
Was er mit dem Laden anfangen sollte, wusste Ali nicht. Die Hauptsache war, ihn
zu besitzen.
Im Juni bei strömenden Regen - ist selten, kommt aber auch mal vor - vermietete Ali einen Bungalow an einen Mann aus Istanbul. Er arbeitete als Kapo einer Istanbuler Firma die am Hafen zwei riesige Betonsilos baute.
Nachdem sich
diese Arbeiten ein paar Monate hinziehen würden, war der Bungalow damit langfristig vermietet.
Nach einigen Tagen zog auch seine Frau dort ein, die er aus Istanbul hatte nachkommen
lassen.
Da ihr Mann den ganzen Tag arbeitete, lief die blonde, etwas korpulente Frau einsam am Platz umher und wusste nicht so recht, wie sie sich den Tag vertreiben sollte. Manchmal versuchte sie Fische aus dem Fluss zu angeln, was ihr jedoch nur sehr selten gelang.
An
Roswithas Caravan war teilweise mehr Betrieb als im Restaurant. Das Campingleben spielte sich überwiegend
unter ihrem Vorzelt ab.
Und auch
Mimi kam aus Deutschland und zog in einen Bungalow ein.
"Roswitha sei mir bitte nicht böse, wenn ich dir jetzt einfach noch einen Gast mitbringe - doch sie hat mir so leid getan"
Ayse hatte die Blonde Dauermieterin im Schlepptau und Roswitha war nicht böse sondern stellte auch ihr eine Tasse Kaffe hin.
Obwohl Mimi kein Türkisch sprach, verstand sie sich
sofort mit Emine, der Frau aus Istanbul.
Die war ein lustiger Kerl und zu jedem Schabernack aufgelegt. Emine konnte zwar
nicht schwimmen, doch sie hatte nicht die geringste Angst vor dem kühlen Nass und brachte
es sich innerhalb 2 Wochen selbst bei.
Mit René alberte sie wie wild im Meer
herum. Sie war sehr kinderlieb, selbst konnte sie leider keine bekommen.
René sprach täglich besser türkisch und auch Roswitha konnte sich schon ganz gut
verständlich machen,
wenn sie auch noch vieles falsch interpretierte oder nicht verstand. Nobody ist perfekt
Mit großer Begeisterung lernte sie jeden Tag ein paar Worte dazu. Im Gegensatz zu Ali.
Während der
ganzen Zeit hatte er seinen deutschen Wortschatz um kein einziges Wörtchen
bereichert.
Emine war traurig, als Mimi nach 3 Monaten wieder in die Heimat zurück flog denn
sie waren inzwischen sehr gut befreundet.
Serdar - ihr Mann - war Roswitha sehr dankbar, dass sie Emine als Freundin
angenommen hatte und half ihr am Camping wo er nur konnte. Er war zwar kein gelernter
Elektriker, verstand aber wesentlich mehr von der Materie als die von Ali angeschleppten
angeblichen "Elektromeistern" „Wenn ich gutes Kabel hätte, wäre es natürlich viel
besser und sicherer“, sagte er zu Roswitha. „Ali Bey bringt aber immer nur
unbrauchbares Zeug“.
Emine kam schon morgens zum Kaffeetrinken und verbrachte den ganzen Tag bei Roswitha
und René.
Als sich
dann herausstellte, dass sie auch aus dem Kaffeesatz lesen konnte,
verbrachten sie Stunden damit in die Zukunft zu schauen.
Roswitha und Emine wurden unzertrennlich. Abends im Restaurant tranken sie
zusammen Wodka und tanzten manche Nächte durch. Sie bummelten zusammen in Antalya und fanden immer
etwas, worüber sie lachen konnten.
Oft gingen sie nachts noch in die Disco mit Serdar, Mecki und dem Personal.
Ali war da meist schon längst irgendwo
eingeschlafen und bekam es gar nicht mit.
„Ich weiß nicht... Ali Bey scheint kein richtiger Türke zu sein. Ein türkischer
Mann wäre furchtbar eifersüchtig auf die vielen Männer die immer um dich herum
sind. Ihm scheint das gar nicht zu stören. Undenkbar bei einem türkischen Mann!“
meinte Emine
- „Wenn er eifersüchtig wäre, würde
ich ihn wahrscheinlich sofort verlassen, weil eifersüchtige Männer furchtbar
sind.
Er kennt mich halt und vertraut mir“.
„Nein! Du kennst die türkischen Männer nicht. Ali ist keiner! Das kann ich dir versichern“.
Die Ferien gingen zu Ende und auf dem Campingplatz und im Restaurant wurde es ruhiger.
Verdient war so gut wie nichts mehr.
Aber etwas Gutes hatte das Saisonende doch: Alis Frau fuhr nach Istanbul zurück!
„Mecki warum funktionieren denn die Telefone nicht mehr?“ - „Gesperrt“ antwortete er, als wäre das zu erwarten gewesen. „Warum denn?“ - „Die Rechnungen sind seit Monaten nicht bezahlt worden“ - „Ja aber das Geschäft war doch bis jetzt gut“ - „Die sind doch so blöd hier. Die haben so viele unnötige Unkosten, dass kannst du dir nicht vorstellen.
Das Geschäft war auch nicht so gut wie es aussah. Du darfst dich nicht davon beeindrucken lassen,
dass es hier immer voll aussieht.
Die meisten Leute sind Picknickgäste und an denen ist doch nichts verdient. Und
die, die ihre Speisen und Getränke nicht selbst mitbringen, dass sind meist Alis
Freunde und die zahlen hier nichts“.
Das leidliche Picknick-Thema war immer noch nicht abgeschlossen. Roswitha hatte zwar
durchgesetzt,
dass für die Picknickleute der Campingbereich verboten wurde - doch Picknick im Restaurant gab es nach wie vor.
Roswitha verstand Ali nicht. Warum
ruinierte er damit denn sein eigenes Geschäft?
Er wollte jetzt rigoros, dass Roswitha auch das Restaurant übernahm. Doch sein
Sohn forderte Geld für die
2 Jahre die er dort gearbeitet hatte. Auch wenn er im Grunde alles herunter gewirtschaftet hatte.
Zumal er von diesem Geschäft keinen
blassen Schimmer und auch nicht das geringste Interesse hatte.
Fast täglich hörte Roswitha Ali fürchterlich mit seinem Sohn an der Kasse herumbrüllen. Es ging
immer um eines: Geld.
Ali wollte täglich Geld aus der Kasse nehmen. Vom Sohn bekam er keines und weil die
Saison zu ende war, war die Kasse ohnehin chronisch leer.
Für Roswitha musste ihr Visum beantragt werden und sie fuhr mit Ali nach Antalya. Nachdem der Antrag abgegeben war, gingen sie zusammen für das Lokal einkaufen. In jedem Geschäft das sie betraten, hatte Ali oder sein Sohn Schulden.
Alleine beim Gemüsehändler ein paar Tausend Mark.
Ali traf überall Bekannte und jedermann lud er herzlich ein, beim "Kaptan
Kamping" Picknick zu machen.
„Ali wir hatten doch ausgemacht, dieses Picknick ganz aufzuhören. Warum
machst du jetzt für Picknick Reklame?“ fragte Roswitha ihn zornig im Auto. „Das verstehst du nicht. Wenn die Menschen erst einmal den Platz gesehen
haben, kommen sie auch als zahlende Gäste wieder“ - „Nein - Genau das Gegenteil
ist der Fall, dass ist doch derzeit das Problem. Deine zahlenden Gäste sehen, dass man sich dort auch kostenlos
amüsieren kann und bringen ihre Brotzeit beim nächsten Besuch selbst mit ins Lokal“, schrie sie ihn an.
Dass sie ihm immer wieder das Gleiche predigen musste, machte sie langsam
wahnsinnig.
Erschrocken von ihrem unerwarteten Wutausbruch versprach er hoch und heilig, er werde es sich
nun merken und spätestens wenn
sie auch das Restaurant übernommen hatte, würde es kein Picknick mehr geben.
„Hast du eigentlich den goldigen Sänger von damals gefragt, ob er bei uns arbeiten würde? Jetzt kommt der
Winter und mit ihm könntest du auch in dieser Zeit wenigstens so viel verdienen,
dass du über die Runden kommst“
„Ich habe mit meinem Sohn gesprochen und er will keinen Schwulen als Solisten“.
"Ach so... Da macht er lieber wieder einen Winterschlaf und noch mehr
Schulden".
Die Unkosten waren im Winter nicht
wesentlich niedriger als im Sommer!
Aber das konnte Roswitha ja egal sein. Noch ging sie das Restaurant nichts an. „Die
sind so doof hier“
sagte auch Mecki als sie ihm von Alis Picknick-Kampagne erzählte. „Von diesem Geschäft verstehen sie überhaupt nichts.
Du musst dir einmal die Unkosten ansehen.
Mit einer richtigen Geschäftsführung könnten sie mindestens um die Hälfte gesenkt werden. Wenn sie dann noch mit diesen Picknicks aufhören würden, könnte hier richtig viel Geld verdient werden. Die begreifen das nicht“.
Der Winter war sehr mild. Bis November konnte man baden und an Weihnachten ließ sich Roswitha im Bikini sonnen.
Es regnete ab und zu, doch die Temperaturen lagen
bei 15 – 20 Grad. Sie vermisste weder die Kälte in Deutschland noch den Schnee.
Der Camping machte einen Winterschlaf.
Selten kamen Rucksack-Touristen für ein paar Tage. Drei oder vier Bungalows
waren an Dauermieter vermietet. Unter ihnen auch ein Deutscher. Er war früher
Fernfahrer gewesen und jetzt genoss er seine Rente in der Türkei.
Zwei weitere waren an Zöllner vermietet.
Roswitha hatte nicht viele Einnahmen zu der
Zeit, doch sie hatte auch keine Unkosten.
Tamer der Koch hatte geheiratet und war inzwischen Vater einer süßen Tochter
geworden.
Seine Familie lebte nun mit ihm beim "Kaptans" in einem Häuschen direkt an der
Einfahrt.
Der nette
Flughafendirektor, den Roswitha bei ihrem ersten Urlaub kennen gelernt hatte,
war inzwischen befördert worden und hatte jetzt im Polizeipräsidium Antalya
einen hohen Posten.
Zur Silvesterfeier brachte er das Visum - das Roswitha beantragt hatte - ins
Restaurant mit.
„Du hast es jetzt nur für 3 Monate bekommen“, sagte er. „Das ist reine
Formalität.
Das nächste Visum ist dann
für 6 Monate und dann wird es für ein
Jahr und länger ausgestellt“. Er und seine Familie kamen öfter um Roswitha zu
besuchen denn sie waren inzwischen sehr gut miteinander befreundet.
Im Frühjahr bekam Roswitha einen Anruf von ihrem alten Freund Helmut. Seine Frau
Hilde war damals kurz nach dem sie nach Deutschland zurückgekehrt waren, an
Krebs
gestorben.
Lange hatte Helmut um sie getrauert, doch jetzt hatte er sich entschlossen
wieder mit seinem Wohnmobil in die Türkei zu reisen. Roswitha freute sich sehr, denn er wollte im
Herbst zum „Kaptan Kamping“ kommen und den Winter dort verbringen.
Auch andere alte Bekannte kamen in diesem Frühling wieder: Adolf und seine Frau!
Einer der Bungalows war an eine deutsche Lehrerin mit ihrem türkischen Freund
vermietet.
Der Mann - ein Diplomat - war verheiratet mit einer türkischen Frau, lebte
jedoch ein paar Monate im Jahr mit seiner Freundin - der Lehrerin - zusammen.
Adolf war etwa eine Woche am Platz, als die Lehrerin zu Roswitha kam. „Ich reise
in 2 Tagen ab. Würden sie mir bitte die Rechnung fertig machen“, bat sie Roswitha.
Nachdem sie bezahlt hatte, unterhielten sie sich noch ein wenig. „Ich möchte ihnen noch etwas sagen",
meinte sie dann zum Abschied und Roswitha sah ihr an, dass ihr das nicht leicht
viel. "Ich
wohne ja jetzt über 4 Wochen hier und habe nie etwas Unrechtes ihrerseits
gesehen. Adolf und seine Frau erzählen jedoch jedem der es hören will... oder
auch nicht, nur Schlechtes über sie.
Unter
Anderem, dass sie sehr flatterhaft seien und Ali nur ausnehmen wollten.
Wie schon gesagt, ich habe jetzt 4 Wochen hier gelebt und von ihnen ganz und gar nicht diesen Eindruck.
Im Gegenteil! Ich seh doch, dass sie es mit Ali nicht leicht haben und bewundere, wie sie sich hier durchsetzen.
Doch nehmen sie sich vor Adolf und
Lisa in Acht!!! Denen sind sie
anscheinend ein Dorn im Auge“.
Oooch... Roswitha waren die Zwei auch ein Dorn im Auge! Sie bezahlten keine müde
Mark und führten sich auf, als gehörte der Platz einzig und allein ihnen. Schon dass sie mit 4
großen Hunden angereist waren, war eine Zumutung für die anderen Gäste. Überall
am Camping waren Hundehaufen und beim aufstellen eines Zeltes musste der Stellplatz sehr sorgfältig
ausgewählt werden, wollte man nicht genau über so einem campieren.
Wütend erzählte Roswitha Ali, was sie gerade erfahren hatte. "Die rennen hier herum und machen mich überall schlecht". Nachdem er tief Luft geholt hatte, stieß seine übelsten Flüche aus und war sehr empört!
Damit hatte sich die Sache dann auch schon. Bei Adolf verlor er nicht ein einziges Tönchen über die Sache.
Im Gegenteil, Roswitha sah ihn mit den Beiden fröhlich herumschäkern als er sie kurze Zeit später unter ihrem Vorzelt besuchte...
Sie hatte ja nicht erwartet, dass er den alten Mann schlagen würde ... doch ihn zur Rede stellen und diesen Gerüchten Einhalt zu gebieten wäre eigentlich schon angebracht gewesen.
Als Roswitha nun sah, dass ihr edler Ritter nicht gewillt war ihre Ehre zu verteidigen, beschloss sie sich selbst zu wehren -
und zwar mit etwas, was diesen Albert am meisten treffen würde.
Sie stellte ihm eine gesalzene Rechnung aus! Mit Freude wurde diese von Mecki an
ihn überbracht.
"Wie?
25 Mark am Tag wollt ihr von mir haben? Ich hab doch hier noch nie was bezahlt!" schrie er ungläubig und lief zähneknirschend
mit dem Stück Papier in seinen Händen zu Ali.
„Tut mir leid Adolf, das sind die neuen Preise! Ich habe mit dem Camping nichts mehr zu schaffen.
Du weißt doch, dass ich ihn an Roswitha übergeben habe“, sagte dieser zu ihm.
Er wusste, hätte er auch nur einen Pfennig Rabatt gegeben - Roswitha hätte ihn sofort aus ihrem Bett geworfen.
Außerdem bekam er ja auch die
Hälfte des Betrags und konnte das Geld gut gebrauchen. Gerade gestern war Zement
wieder teuerer geworden.
Noch in der gleichen Stunde baute Adolf sein Vorzelt ab, sammelte die bellenden
Hunde ein und verließ wütend den Platz.
Das Personal atmete auf. Sie waren froh, diesen unangenehmen Zeitgenossen
nicht mehr bedienen zu müssen.
Am meisten freute sich Sakine darüber, als Roswitha es ihr am Telefon erzählte.
Die Rosen begannen zu blühen und die Obstbäume hingen voll saftiger Orangen und Zitronen die einen lieblichen Duft verströmten.
Roswitha machte den Camping für die Saison fertig.
Um alles richtig ordentlich hinzubekommen, hätte man natürlich die ganzen Hütten
abreißen und neu aufbauen müssen.
Doch dazu fehlte erstens das Geld und zweitens wusste Roswitha ja nicht, ob sie wirklich mehrere Jahre in Antalya leben würde bzw. wollte.
So versuchte sie das Beste aus dem zu machen, was vorhanden war.
Ali kam ganz aufgeregt vorbei. „Dieser Vural! Er hat schon wieder die Toiletten nicht geputzt.
Ich fand ihn
total betrunken bei Erwin am Bungalow. Und dass am frühen Vormittag“.
Ali regte sich jeden Morgen über seinen Gärtner auf. Er schrie dann fürchterlich
mit dem Mann herum.
Das war seine Art von Frühsport. Der Gärtner schrie in der Regel noch lauter zurück.
„Wenn er nicht arbeiten will, musst du dir eben jemanden Anderen besorgen. So einfach ist das“, sagte Roswitha zu ihm.
„So einfach ist das eben nicht mein Liebling. Hier ist die Türkei und nicht Deutschland.
Gutes Personal findest du nicht an jeder Ecke“.
Roswitha verstand nicht, was an diesem Vural so gut sein sollte. „So einen Besoffenen
kannst du überall finden mein Schätzchen. Auch in der Türkei. Vural arbeitet nur, wenn er Lust dazu hat.
Aber er macht hier ja anscheinend bezahlten Urlaub.
Von seinen Unverschämtheiten dir gegenüber
will ich gar nicht sprechen“.
Roswitha wunderte sich schon seit langem, wie respektlos das Personal mit Ali
umging. Keiner von ihnen schien ihn ernst zu nehmen. Warum Ali sich das gefallen
ließ, war ihr ein Rätsel.
Im
Mai - pünktlich zum Saisonanfang - kam Mimi für 3 Monate.
Und auch Emine kam. Da ihr Mann
Serdar nun in Istanbul arbeiten musste, kam sie diesmal ohne ihn.
Roswitha und Mimi freuten sich sehr, ihre alte Freundin wieder zusehen. Und René
freute sich schon aufs herumtollen mit ihr.
„Wo bekomme ich jetzt nur einen anderen Gärtner her“ jammerte Ali. Er hatte sich
am Morgen wieder fürchterlich mit Vural gestritten und dieser hatte - für Ali
völlig überraschend - den Camping mit samt seinen Habseligkeiten verlassen. „Schätzchen
es gibt so
viele Arbeitslose in Antalya,
dass kann doch kein Problem sein“, meinte
Roswitha tröstend.
"Das glaub ich nicht. Du wirst schon sehen, so einen guten Mann wie Vural finde ich nie mehr"
Er fuhr mit seinem Mercedes weg und kam nach ein paar
Stunden mit einem Mann zurück.
Dieser sah - wenigstens auf den ersten Blick - nicht wie ein Trinker aus. Der
Schnellste schien er jedoch nicht zu sein.
Doch er er gab sich die größte Mühe Ali zufrieden zu stellen.
Seine Arbeit bestand darin, die Toiletten zu putzen und
Ali bei seinen diversen Tätigkeiten zur Hand zu gehen.
Ein "Gärtner" brauchte beim
„Kaptan Kamping“ von Gartenarbeit keine Ahnung zu haben.
Da Roswitha keine Lust hatte, den Gästen auch in diesem Jahr immer wieder das Gleiche predigen zu müssen,
schrieb sie eine Campingplatz-Ordnung.
Mecki
übersetzte diese ins englische und ins türkische.
Diese Regeln wurden in allen Bungalows angebracht.
Unter anderem stand da: "Es ist nicht erlaubt, in den Bungalows Feuer zu machen
oder zu grillen"
In Deutschland hätten sich die Gäste über diesen Satz gewundert weil ohnehin niemand auf so eine absurde Idee gekommen wäre, doch am "Kaptans" wäre in der letzten Saison 2-mal fast der ganze Platz in Flammen aufgegangen,
weil jemand der Meinung war ein selbst gebrutzeltes Mahl käme billiger als ein Essen im Restaurant.
Dass die Leute dabei nicht selbst gegrillt wurden war reine Glückssache.
Dass ein verloren gegangener Zimmerschlüssel mit 30 Mark ersetzt werden musste, wurde auch vermerkt
Davon waren im letzten Jahr etwa 50 Stück nicht wieder abgegeben worden.
Jedes mal
mussten dann die Schlösser ausgetauscht werden. Es kam auch nicht selten vor, dass Männer
die Schlüssel
absichtlich nicht abgaben, um sich dann nachts mit ihren Freundinnen in dem Bungalow
heimlich und unentgeltlich zu vergnügen.
Das war sowieso ein Problem für sich. Es kamen ständig Männer, die ein
Häuschen für eine Stunde mieten wollten.
Ali hatte das so eingeführt. Roswitha
wollte in der Türkei keinesfalls als Puffmutter arbeiten und lehnte jedes Mal
empört ab - was Ali gar nicht Recht war.
Auch am Schwimmbassin wurde von Roswitha eine große Tafel mit Regeln angebracht.
Unter
anderem konnte man dort lesen,
dass man sich bitte abduschen sollte, bevor man ins
Wasser ging.
Oder das nicht mit Kleidung und Straßenschuhen geschwommen werden durfte.
Auch dass war im letzten Jahr häufig vorgekommen. Alle 2 Tage musste das Wasser erneuert werden, weil es dadurch völlig verschmutzt und unhygienisch geworden war. Roswitha hatte monatelang versucht den Pool sauber zu halten.Doch kaum war sie außer Sichtweite, vergaßen die Badegäste ihre Ermahnungen und das Wasser musste wieder abgelassen werden. Besonders Alis Picknick-Gäste hatten die unglaublichsten Ideen, wie der Pool am besten von ihnen zweckentfremdet werden konnte.
Die fanden es besonders schick ihre Brotzeit im Pool einzunehmen. Oder ihre Getränke, Melonen und Trauben hineinzuwerfen, um sie dort zu kühlen.
Für ihren Wohnwagen wählte Roswitha in diesem Frühjahr einen anderen Stellplatz.
Sie hatte keine Lust mehr, als Bademeister zu fungieren. So sah sie
wenigstens nicht, was die Leute am Pool alles trieben und musste sich nicht
ständig darüber aufregen.
An ihrem neuen Standplatz wollte sie neben ihrem Caravan wieder eine
eigene, separate Wasserleitung haben.
„Mach ich dir doch sofort“ sagte Ali in bester Laune.
Diese Arbeiten liebte er besonders. Er zog sogleich eine weiße Schnur von dem
Wasseranschluss
inmitten des Platzes,
zu der Stelle neben dem Caravan wo Roswitha den Anschluss haben wollte. Dann beauftragte er den neuen Gärtner
für das Rohr einen
Graben auszuheben. Er selbst fuhr nach Antalya um die nötigen Utensilien zu
besorgen.
Der Mann fing gehorsam zu graben an.
Als René die schöne weiße Schnur auf der Erde liegen sah - die Alis neuer
Mann fürchterlich schmutzig machte indem der genau an ihr entlang grub und die
ausgehobene Erde auf sie warf - zog er sie ein Stück zur Seite. Als
René eine halbe Stunde später wieder des Wegs kam, grub der dumme Mann erneut
dort, wo er kurz vorher das Seil vor ihm in Sicherheit gebracht hatte. Wieder
nahm René den Strick um ihn diesmal noch weiter entfernt und in die andere
Richtung zu legen.
Das Spiel wiederholte sich noch einige Male.
Ali kam nach 2 Stunden aus Antalya zurück und - traute seinen Augen nicht: Der
Mann hatte den Graben im Zickzack ausgehoben!
Er war stets - ohne auch nur einmal aufzuschauen - der weißen Markierung gefolgt! Wäre Ali nicht gekommen,
der Gärtner hätte wahrscheinlich den ganzen Platz umgegraben.
Über so viel Dummheit musste sogar Ali herzhaft lachen. „Siehst du“ meinte er
später, „Vural wäre das nicht passiert.
Schade das er gegangen ist“. Roswitha verstand immer noch nicht, warum er diesem Alkoholiker so nachtrauerte.
Jeder
Andere wären
froh gewesen ihn los zu geworden zu sein.
Aber sie verstand vieles nicht was er tat. Picknick fand nach wie vor immer noch statt.
Es schien, als würde Ali es noch mehr lieben als das zahlende Publikum.
Immer öfter und heftiger bekam Roswitha deswegen mit ihm Streit. Er kam aber
jedes Mal mit dem Argument,
wenn sie erst das Restaurant übernommen hätte, würde er auch das Picknick abschaffen.
"Das Restaurant soll doch gar nicht so viel Geld abwerfen" meinte er augenzwinkernd "erst wenn du es übernommen hast,
dann verdienen wir Geld und dann wird es auch kein Picknick mehr geben"
Alis Sohn - ganz Geschäftsmann - hatte sich indessen mit einem Freund auf ein lukratives
Nebengeschäft als
Obst- und Gemüsehändler eingelassen - was jedoch gründlich in die Hosen gegangen war.
Jetzt hatte er 10 000 Mark Schulden. Wenn er die nicht bezahlen konnte, musste er ins Gefängnis.
Er hatte einen datierten Wechsel unterschrieben!
„Er würde dir jetzt liebend gerne sofort das Restaurant überlassen, wenn
er nur seine Schulden bezahlen könnte.
Wenn du mir 15 000 Mark für das
Restaurant gibst, gehört es zur Hälfte dir“ bot Ali Roswitha an.
Sie hatte das Geld nicht vollständig doch Mimi erklärte sich bereit ihr den
fehlenden Rest zu
borgen.
„Wie es aussieht kommst du ja doch nicht so schnell nach Deutschland
zurück. Da komme ich eben jedes Jahr für
3 Monate zu dir. Nächstes Mal bringe ich mir aber ein eigenes Zelt mit“. Roswitha
küsste ihre Mami.
Sie wollte das Restaurant und so günstig würde sie nicht wieder dazu kommen.
Da
Bedirhan freiwillig darauf verzichtete war dann ja wohl mit Schwierigkeiten
seinerseits nicht zu rechnen.
Ali war sehr froh, seinen Sohn endlich auszahlen zu können. Und sofort machte er
mit Roswitha eine Vertrag.
5 Jahre waren sie und Ali Partner zu 50 Prozent. "Ich habe hineingeschrieben,
dass du mir für das Restaurant 50 000 DM bezahlt hast. Damit wird uns auch meine Familie in Ruhe lassen Tatlım.
Wir werden hervorragend zusammen arbeiten. Du wirst reich werden in Antalya“
Er freute sich wirklich aus ganzem Herzen.
Na, reich werden wollte Roswitha gerade nicht. Doch man konnte wirklich sehr
gutes Geld verdienen, wenn man er richtig anpacken würde.
Emine sah in Roswithas Kaffeesatz. "Du wirst das alles ganz super managen - doch
du wirst auch sehr viele Schwierigkeiten und Hindernisse zu bewältigen haben.
Schau mal hier - sieht aus als würde Ali Bey am Boden liegen. Er wird wohl krank
werden ...
ist aber dann nicht so schlimm wie es im ersten Moment aussieht"
Na ja ... alles musste ja nicht stimmen. Ali erfreute sich bester Gesundheit.
"Eines Tages wirst du sehr reich sein" fuhr sie mit etwas erfreulicheren
Prophezeiungen fort.
Als Roswitha den Kopf schüttelte, sagte sie: „Das kommt ganz unverhofft und von
einer Stelle, an die du niemals gedacht hättest. Wie ein Geschenk des Himmels“.
Roswitha nahm das Ganze nicht so ernst. Die Wahrsagerei war ein schöner
Zeitvertreib.
Manchmal besser als ein Besuch beim Psychiater, aber mehr nicht.
Sein Leben musste schon jeder selbst in die Hand nehmen.
Laut Vertrag lief das Restaurant ab dem 17.Juni auf Roswitha. Mit allen Rechten und Pflichten.
Das war ein guter Zeitpunkt denn die Saison begann.
Da sie die Erfahrung gemacht hatte, dass in der Türkei alles immer ein bisschen länger dauerte sagte sie nichts,
als Bedirhan auch noch 2 Tage danach an der Kasse des Restaurants saß und die Einnahmen kassierte.
Auf ein paar Lira kam es ihr wirklich nicht an.
Als dann der junge Mann nach einer Woche immer noch nicht daran dachte das Lokal zu übergeben wurde sie sauer.
Sie hatte 15 000 Mark an Ali bezahlt und er hatte das gesamte Geld seinem Sohn gegeben.
Sie sprach Ali darauf an woraufhin er zu seinem Sohn ging um die Kassenschlüssel von ihm zu fordern.
Ohne Erfolg! Auch diesen Abend saß Bedirhan
an der Kasse als wäre es selbstverständlich.
Nun platzte
Roswitha der Kragen. Sie stritt sich mit Ali. "Ich habe einen rechtsgültigen
Vertrag mit dir - nicht mit deinem Sohn. Würdest du also bitte dafür sorgen,
dass er nun endlich das Lokal an uns übergibt? Wenn ich morgen nicht die Schlüssel für die Kasse bekomme,
will ich mein Geld zurück und erkläre den Vertrag für ungültig. Weißt du, wenn
du deinem Sohn Geld schenken willst, tu das - dann aber bitte dein eigenes"
Ali erhob sich von seinem Stuhl um nun endlich die längst fällige Übergabe von
Bedirhan zu erzwingen.
Ein paar Sekunden später waren die erregten Stimmen der sich grauenvoll
streitenden Männer im Gartenrestaurant zu hören.
Ali und sein Sohn stritten um die Kassenschlüssel die Bedirhan - aus welchen Gründen auch immer - nicht herausrücken wollte. Abrupt war war dann plötzlich Totenstille - die kurze Zeit später durch Tamers lauten Ruf: „Roswitha komm schnell!
Ali Bey ist ohnmächtig geworden“ jäh unterbrochen wurde.
Sie stürzte hinein und sah ihren armen Ali hilflos am Boden liegend. Sein Körper hatte sich merkwürdig verkrampft und seine Augen waren so im Kopf verdreht, dass es sich unmöglich um eine schauspielerische Leistung hätte handeln konnte.
„Herzinfarkt“ dachte Roswitha
erschüttert. Sie lief zur Kühltruhe und schnappte sich von da einen Beutel mit
Eiswürfeln.
Bedirhan - Alis Sohn und Verursacher des Unglücks - stellte sich zwischen sie und Ali. „Das hast du ja gut
gemacht“ zischte Roswitha ihn an und wollte schnell an ihm vorbei zu dem am
Boden liegenden Ali.
Mit einem Schritt kam er ihr so nahe, dass sie seinen Atem in ihrem Gesicht spüren konnte.
Er hob die Hand und holte zum Schlag aus.
Roswitha - die kampfbereit die Tüte mit dem Eis umklammert hielt - schrie: "Ja komm doch her wenn du dich traust" und hätte ihm den 2kg Beutel Eis ohne Zögern um die Ohren geschlagen, wäre nicht Ferhat - der Junge aus der Bar - dazwischen gegangen.
Er zog Bedirhan
von Roswitha weg und beschimpfte
ihn fürchterlich.
Sie massierte nun Alis Herz abwechselnd mit Eis und mit Essig.
„Ruft einen Notarzt!“ befahl sie. Ali lag noch immer unnatürlich verkrampft am Boden.
„Wir fahren ihn mit unserem Bus ins Krankenhaus“, sagte jemand von den Zöllnern
die zwischenzeitlich dazu gekommen waren. "Nein! Ali brauch sofort
professionelle Hilfe. Ein Rettungswagen hat Sauerstoff und die nötigen
Medikamente an Bord" .
Sie befürchtete, dass er den
Transport andernfalls nicht überleben würde.
Emine sah ihre Freundin an und erschrak. Roswitha war nicht blass, sie war gelb
wie eine Zitrone geworden.
„Rege dich bitte nicht so auf. Du kippst ja gleich selbst um. Dass habe ich doch in deiner Tasse gesehen, erinnerst du dich?
Es ist
nicht so schlimm wie es aussieht. Glaube mir!“.
Es war seltsam - Emines Worte wirkten sehr beruhigend auf Roswitha. Genau... die
Tasse! Da stand nichts davon,
dass er sterben würde. Langsam
konnte sie wieder klar denken.
Sie massierte weiter Alis Herz mit Eis. Als nach einer Ewigkeit endlich der
Krankenwagen eintraf, war Roswitha darüber sehr erleichtert. Ali wurde von 2
Sanitätern sofort auf eine Bahre gelegt. Er war zu dem Zeitpunkt schon
etwa eine ¾ Stunde ohne Bewusstsein.
Sie brachten ihn zum Notarztwagen und Roswitha kam mit. Dieses
Auto musste auf er Fahrt Straßenräuber in die Hände gefallen sein welche alle
medizinischen Geräte geraubt hatten. Anders konnte Roswitha es sich nicht erklären was
sie da sah.
Außer
dieser Trage mit Ali war da - nichts! Kein Sauerstoffgerät und auch sonst
nichts womit man erste Hilfe hätte leisen können!
Der bewusstlosen Ali wurde von der mitgekommenen Krankenschwester keines Blickes
gewürdigt.
Sie nahm im Fond des Wagens bei ihren Kollegen Platz.
"Da hätten wir ihn ja wirklich mit unseren eigenen Autos ins Krankenhaus bringen
können -
Das wäre
wesentlich schneller gegangen" dachte Roswitha bestürzt.
Ali kam auch während der Fahrt ins Krankenhaus nicht zu sich. Roswitha - die
neben ihm saß - machte sich schreckliche Vorwürfe. "Warum bin ich nicht mit ihm
zu Bedirhan gegangen? Vielleicht hätte ich es ja verhindern können".
Aber wie hätte sie ahnen sollen, dass sich der Streit so zuspitzen würde? Sie konnte auch jetzt nicht begreifen,
wie so etwas passieren konnte. Der eigene Sohn ...
Als ihn der Doktor im Krankenhaus ansah, fragte er sofort:
„Wer hat diesen Mann so aufgeregt?“ Bedirhan - der mit Alis Mercedes hinterher gefahren war - meldete sich.
„Sie sollten jetzt gehen“
sagte der Arzt leise aber bestimmt. Wortlos verließ Alis Sohn das Zimmer.
Ali bekam eine Infusion. Danach entspannte er sich langsam und kam wieder zu sich. „Wo
bin ich?“ fragte er.
„Du bist im Krankenhaus“ antwortete Roswitha ihm. „Hier stinkt es. Ich will nach Hause“.
Roswitha fragte den Arzt ob sie Ali mitnehmen
könnte. "Diese Nacht muss er im Krankenhaus verbringen und wenn keine
Komplikationen auftreten kann er morgen früh entlassen werden".
Roswitha blieb die Nacht über bei ihm. Ali fürchtete sich dort. Er war zum ersten Mal in
seinem Leben in einer Klinik.
Am Morgen konnte sie ihn dann wieder mitnehmen. Auf die Frage, was den die
Ursache für den Kollaps war
sagte man ihr: "Eine Nervensache". Die Leute vom Schwarzmeer wären davon besonders
betroffen.
Zum Abschied ermahnte der Arzt Ali noch, sich nicht wieder so stark aufzuregen. Er könnte einen Gehirnschaden davon tragen.
Er
bekam starke Beruhigungsmittel und zuhause schlief er sehr viel.
Bedirhan ließ sich nicht in seiner Nähe blicken. Aber Ayşe kam und als sie Ali so
hilflos liegen sah,
bekam sie einen Weinkrampf. Roswitha fragte Emine was der Arzt denn damit
gemeint hätte, diese Krankheit sei am Schwarzen Meer besonders häufig?.
Das war ihr auch neu. Ihr Serdar war zwar auch vom Karadeniz, doch so etwas hatte er noch nie.
Das es sich um einen epileptischen Anfall
gehandelt hatte, bekamen sie erst viel später heraus.
Ali war nach 2 Tagen wieder völlig OK. Bedirhan übergab ihm nun endlich die
Kasse. Wollte aber noch mehr Geld von ihm.
Das er seinen Vater beinahe
umgebracht hatte, schien ihm überhaupt nicht zu berühren.
Da betete dieser Mensch 5 Mal täglich doch von Vater und Mutter ehren hatte er wohl
noch nie etwas gehört.
Roswitha übernahm mit 10 Tagen Verspätung das Restaurant. Den jungen Mann, der schon bei Bedirhan an der Kasse saß, wollte Ali auch weiterhin dort beschäftigen. „Ist Verwandtschaft von mir“ meinte er. Roswitha wollte keine Verwandten an der Kasse! Weder ihre, noch seine! „Sobald ich ihm auf eine Unkorrektheit komme, geht er“ die mit Ali keinen Streit wegen dieses Mannes beginnen wollte. Ihr saß immer noch der Schreck über seinen Zusammenbruch in den Gliedern.
„Ja, natürlich. Doch du wirst sehen, er ist ein anständiger
Mensch“.
Wieder einmal verstand sie Ali nicht. Das war der Freund seines Sohnes. Was
hatte er denn nun an ihrer Kasse zu suchen?
Bis jetzt hatte er und Bedirhan das
Restaurant immer tiefer in die roten Zahlen geführt.
Der Einzige, den sie vom ganzen Personal gerne übernahm, war Ferhat - Er
war immer an ihrer Seite.
Ganz unaufdringlich und wie selbstverständlich - Er war im gleichen Alter wie ihr kleiner Bruder und hatte das Gefühl,
Roswitha
beschützen zu müssen.
Mecki blieb natürlich Chefgarsong. Alle Änderungen besprach sie zuerst mit ihm
und zusammen teilten sie es dann dem übrigen Personal mit.
Der oberste Punkt auf der ersten Personalversammlung war natürlich die Abschaffung des
Picknicks.
Bis auf Tamer und Ali waren alle glücklich darüber.
Ein weiterer Punkt des Meetings: Das Verhalten des Personals Ali gegenüber. „Ali ist euer
Boss. Wer ihn respektlos behandelt kann seine Sachen packen und sofort gehen“,
machte Roswitha den Jungs ihren Standpunkt klar. Nach der Versammlung sagte Mecki zu Roswitha: „Das ist nicht so
leicht wie du dir das vorstellst. Ali behandelt das Personal sehr mies.
Und er
macht manchmal ganz unsinnige Dinge. Das wirst du selbst auch noch erleben“.
Nach einer Woche drückte sich Bedirhan noch immer auf dem Platz herum. Er
bereute jetzt, das Restaurant aufgegeben zu haben. Täglich stritt er sich mit seinem Vater.
Wieder und immer noch ging es um Geld.
„Willst du deinen Papa jetzt mit Gewalt umbringen?“ sie stellte sich empört zwischen ihn und Ali
als beim Frühstück ein Streit der Beiden eskalierte und Bedirhan die Hand gegen
seinen Vater erhob. „Reicht es dir denn
immer noch nicht?
Willst du,
dass er einen Schlaganfall bekommt?“ brüllte sie ihn erbost an.
Eingeschüchtert ließ die Hand wieder sinken. Wenig später packte er seine Sachen
und verließ endlich,
endlich den Platz. Ali atmete erleichtert auf. Warum ließ er sich- ein Fels von einem Mann - so viel Unverschämtheiten von seinem eigenen Sohn gefallen?
Am Tag darauf kam der ältester seiner Söhne- ein unsympathischer, blasser Mensch - und wollte mit Roswitha sprechen.
„Es sind viele Schulden zu bezahlen. Wie wollt ihr das jetzt machen?“ - „Wenn ich in Ruhe arbeiten kann, wird dein Vater hier Geld verdienen und seine Schulden auch bezahlen können. Einmischen darf sich allerdings von eurer Familie hier niemand.
Ich
habe nicht 80 000 Mark bezahlt, um mich auch noch mit euch herumschlagen zu
müssen“.
Er hatte eine Liste, wo und wie viel Schulden zu bezahlen waren. Etwa 30 000
Mark. Dies waren jetzt Alis Schulden.
Roswitha fragte sich, wofür Bedirhan von Ali eigentlich Geld bekommen hatte. Er
hätte lieber seine Schulden damit bezahlen sollen.
Cahit - Alis Sohn - versprach, die Familie
würde sich aus allem heraushalten. Auch Bedirhan würde er am anderen Tag mit nach Istanbul
nehmen. Er war immer noch in Antalya und wohnte dort bei einer Freundin
Auf der Schuldenliste von Cahit
fehlten die immensen Telefonrechnungen.
Fast 2000 Mark waren von den
Restaurant-Rechnungen nicht bezahlt worden.
Roswitha fuhr mit Ferhat zur Post - und bezahlte obwohl das eigentlich nicht
zu ihren Verpflichtungen gehört hätte.
Es machte jedoch einen sehr unseriösen Eindruck bei den Gästen, wenn alle 14 Tage sämtliche Anschlüsse gesperrt werden würden. Wieso sie bei diesen Rückständen immer wieder geöffnet worden waren, war sowieso rätselhaft.
Etliche der offenen Telefonrechnungen waren schon beinahe 1 Jahr
alt!
Als sie von der Post zurückkam, war wieder Picknick im Restaurant.
Etwa 15 Leute verzehrten mitten im Lokal Köfte,
Pirzola
und Rakı.
Alles hatten sie selbst von zuhause mitgebracht.
Nur ein einiger Salat und zwei Wasser
standen auf ihrer Rechnung.
Roswitha fragte den Jungen an der Kasse, ob er denn nicht bei der
Personalversammlung gewesen sei.
Dort wurde ausdrücklich gesagt: Picknick ist verboten! „Das musst du Ali Bey
sagen. Er hat es erlaubt“.
Sie ging zu Ali. „Das ist der Postdirektor. Er macht hier schon seit Jahren sein Picknick. Wenn ich nein sage, sind sofort unsere Telefone gesperrt“ - „Ich habe soeben alle Rechnungen bezahlt. Du kannst deinen Direktor zum Essen einladen, doch sage ihm bitte, ab jetzt ist hier ein Restaurant und kein Picknickplatz“. „Aber er kommt doch immer hierher.
Dass muss ich ganz langsam angehen lassen“ - „Willst du das deine Schulden in Zukunft bezahlt werden oder nicht?
An deinem Picknick verdienen wir
nichts“.
Mit hängenden Schultern trottelte er zu den Picknickgästen und setzte sich zu
ihnen.
Wieder kam ein Auto an und wieder wollten die Leute Picknick machen. Das
Personal übernahm die Aufgabe,
die Gäste daran zu hindern. Die Gäste ließen sich nicht so leicht abwimmeln und wollten mit
Ali sprechen. Dieser erklärte ihnen nun traurig,
dass jetzt eine Deutsche das Lokal
leiten würde und Picknick nicht mehr gestattet sei.
Zu Alis großer Verwunderung verstanden das die Leute. „Wir haben uns immer schon
gewundert, dass sie in ihrem schönen Restaurant Picknick veranstaltet haben. Für
uns ist es natürlich ungünstig. Doch für ihr Restaurant wird es bestimmt von
Vorteil sein“.
Ali war etwas enttäuscht. Er hatte mit viel mehr Protest gerechnet.
Dieses Picknick ging Roswitha gewaltig auf die Nerven. Es schien
unmöglich zu sein, es völlig abzuschaffen.-
Was jedoch nicht an den Gästen,
sondern an Ali lag.
Roswitha ließ - wenn nicht viel los war - den Platz aufräumen. Das Personal räumte
Alis gesammelten Schrott weg, die überall herumliegenden Blechteile, riesige alte
Öltonnen, durchlöcherte Wasserdepots, morsches Holz, alte Kabel, und
ausrangierte,
übel riechende Kühlschränke. - Auch Verkehrsschilder,
die Ali irgendwo gemopst hatte, mussten weggeschafft werden.
Eigentlich hätte man mehrere Laster gebraucht, um diese Mengen abzutransportieren. Doch Ali wollte sich von keinem seiner gesammelten,
vergammelten Schätzen trennen. So wurde alles wieder hinter die Bungalows oder in einem
Depot verstaut.
Kaum sah es einigermaßen ordentlich aus, brachte Ali neue alte Sachen und
stellte sie genau vor den Eingang des Restaurants. Damit die Gäste seine tollen
Errungenschaften bewundern konnten.
Ali hatte überdies auch eine ausgeprägte, philosophische Ader. Mitten bei der
Nacht küsste ihn oft -
die Muse! Er sprang dann wie von einer Tarantel gestochen aus dem Bett, um seine genialen Eingebungen zu Papier
zu bringen. Am Morgen schrieb er seine Gedichte dann eigenhändig auf rostige Blechtafeln und mit Draht band er
diese an den unmöglichsten Stellen im Campingbereich oder im Lokal fest.
Allein die Rechtschreibfehler waren schon Kunst pur.
Doch Ali litt nicht an Minderwertigkeitskomplexen.
Wenn die Leute beim Lesen Mühe hatten, den Sinn
eines Gedichtes zu enträtseln, freute er sich wie ein Kind welche
Aufmerksamkeit seine Lyrik verursachte. Pumuckl wäre
vor Neid erblasst.
Einer dieser Geistesblitze: „Hayırsız Evladın var, Neylesin Baba Malı. Hayırlı
Evladın var, Neylesin gene Baba Malı“.
Was jedoch am meisten daran störte war, wie und wo er die Blechtafel platzierte.
In direkter Augenhöhe festgezurrt stellten seine Verse eine echte Gefahr dar. Es kam
nicht selten vor,
dass sich Gäste die Köpfe daran blutig schlugen.
Für Ali war das kein Problem. Er fand das eher zum schreien komisch.
Besonders amüsant fand er es auch, die Bodenfliesen im Restaurant gerade dann mit
seinem Schlauch abzuspritzen,
wenn die meisten Gäste dort waren. Und wenn dann jemand fürchterlich auf der spiegelglatten Fläche ausrutschte,
bog Ali sich vor Lachen.
Der Postdirektor, der an den Wochenenden mit seiner Familie Picknick machte, kam
unter der Woche mit seinen verschiedenen jungen Freundinnen. Er bezahlte niemals
seine Restaurantrechnungen, die wurden als „Kredi“
in der Kassenschublade gesammelt. Er verlangte nach einem ausgiebigen Essen
jedes Mal von Ali einen Bungalowschlüssel, um sich mit seiner jungen Begleiterin
dort "auszuruhen".
Regelmäßig bekam Roswitha dann mit Ali heftigen Streit. Nicht nur,
dass dieser Mann dachte ihr Camping wäre eine Absteige, seine unbezahlten
Rechnungen summierten sich ganz schön. Ali fand das jedoch völlig in Ordnung.
Solche „Kredi“
waren an der Tagesordnung. Nicht nur vom Postdirektor.
Alis Freunde hatten so ziemlich alle die Angewohnheit, ihre Zeche Ali zu
überlassen. Roswitha sprach mit ihm darüber.
„Schau Ali, du hast eine Menge Schulden.
Wenn unsere Gäste ihre Rechnungen nicht bezahlen, können wir unsere logischer
Weise auch nicht
bezahlen. Außerdem hast du jetzt einen Partner - nämlich mich - und ich sehe nicht
ein, warum ich für deine Freunde hier arbeiten soll“ - „Das verstehst du nicht.
In der Türkei ist das eben so. Wenn ich das nicht so mache, wird das alles hier
geschlossen. Das sind doch lauter wichtige Männer“.
So sahen sie aber ganz und gar nicht aus.
Gerade am Tag vorher war einer von Alis Schrotthändlern gekommen. Er hatte eine Rechnung
von fast
200 Mark nicht bezahlt. „Sag Ali einen Gruß von mir“ war sein einziges
Argument.
„Ali so geht das nicht“ sagte Roswitha. „Wir müssen unser Zeug auch bezahlen. So
kann niemand hier etwas verdienen“.
"Du hast ja so recht meine Süße" sah er ein. Er gelobte, von jetzt an die Kredite ein für allemal zu unterbinden.
Doch Roswitha hatte in normaler Lautstärke mit ihm gesprochen und es schien als hätte er sie nicht verstanden den schon beim nächsten "Freund" ließ er wieder bereitwillig aufschreiben.
So schrie sie immer öfter und immer lauter mit ihm.
Eines Abends, das Restaurant war relativ gut besucht, fuhren 5 Personenwagen hintereinander vor und stoppten mit quietschenden Reifen vor dem Lokal.
Etwa 30 dunkle Männer stiegen aus und setzten sich in eine große Loge über den Fluss. Sie bestellten ein paar Flaschen
Rakı
und verlangten Ali zu sprechen.
Einen Mann davon kannte Roswitha. Es war der Gemüsehändler bei dem Ali und sein
Sohn täglich für das Lokal eingekauft hatten. Da er aber viel zu hohe Preise
hatte,
kaufte Roswitha - seit sie das Lokal übernommen hatte - lieber bei einem anderen
Manav (Gemüsehändler) ein. Das
waren drei kurdische Brüder, die ihr
die allerbesten Waren zum niedrigsten Preis verkauften. Sie wurde dort immer
sehr korrekt und überaus nett bedient.
Ängstlich schlich Ali nun um die gefährlich aussehenden Männer in der Loge herum und beobachtete
sie erst einmal aus sicherer Entfernung.
Die Männer tranken Flaschenweise Rakı und wurden dadurch noch aggressiver als sie es ohnehin schon
waren. Nach einer Stunde drohten sie, das gesamte Restaurant kurz und klein zu
schlagen, wenn Ali sich nicht augenblicklich sehen ließe.
Notgedrungen setzte dieser sich nun zu den Männern. Er hatte etwa 8000 Mark
Schulden bei dem Gemüsehändler und die wollte dieser nun mit seinen Freunden
eintreiben.
Als Ali das neue Restaurant baute hatten sich er und sein Sohn das Geld von ihm
geliehen.
Der vereinbarte Rückzahlungstermin war
seit mehr als einem Jahr verstrichen. Roswitha verließ das Lokal und setzte sich mit Emine vor deren Bungalow.
Alis Schulden gingen sie schließlich nicht das Geringste an.
Emine und sie unterhielten sich gerade darüber, wie Ali es wohl fertig gebracht
hatte an allen Ecken und Enden Schulden zu machen, als dieser wie eine Rakete
an ihnen vorbeizischte. Hinter ihm rannten etwa
20 der wütenden Männer.
Ali sauste um sein Leben und wäre seine Zeit gestoppt worden... er hätte eine Medaille bekommen.
Es zahlte sich jetzt aus, dass er Nichtraucher war. Er hängte sie
alle ab.
Keuchend gaben die Männer die Verfolgung auf und gingen zurück an ihren Tisch.
Sie ließen Ali bestellen, sollte er nicht innerhalb einer Woche seine Schulden
bezahlen, würden sie zuerst sein Restaurant in Schutt und Asche legen und dann
ihn umlegen. Mit Vollgas fuhren sie ein paar Minuten später die Einfahrt hinaus.
Erst nach gut einer Stunde ließ Ali sich vorsichtig wieder blicken.
Er war noch immer weiß wie ein Geist. „Das waren Kurden“ sagte er, und seine Stimme
zitterte.
„Die machen keine leeren Drohungen. Die meinen das ernst“. „Dann wird dir nichts anderes übrig bleiben mein Schatz,
als deine Schulden zu bezahlen“.
„Aber ich
habe doch kein Geld“, schrie er. „Ja... dann Hayatim (mein Leben) bist du ein toter Mann“ sagte
Roswitha trocken zu ihm.
„Können wir nicht aus dem Restaurant...“ „Nein mein Süßer, dass können wir
nicht. Die Kasse ist dank deines geliebten Picknicks und deiner Freunde, die
nicht bezahlen - leer“ - „Dann bezahlen wir eben eine Woche dem Personal nichts“
-
„Weder das Personal noch ich werden deine Schulden bezahlen“ - „Die Kurden werden
mich erschießen“ schrie er mit weinerlicher Stimme. "Ach Hayatim - dir wird
schon eine Lösung einfallen"
Am nächsten Morgen fuhr Roswitha mit Emine zu dem Gemüsehändler Ali so in
Schrecken versetzt hatte. „Ich kenne
deine Situation Roswitha, du wirst auch nur von Ali ausgenützt. Von dir will ich ja auch
gar nichts. Doch ich habe ein krankes Kind das operiert werden muss.
Für diese Operation brauche ich nun dringent das Geld, dass ich Ali geliehen habe. Außerdem ... du kaufst nichts mehr bei mir ein“ - „Das ist richtig! Doch du hast mir deine Waren doppelt so teuer verkauft wie mein neuer Manav“ - „Ja - irgendwie musste ich doch versuchen, an mein Geld zu kommen. Aber ich mache dir einen Vorschlag: Du kaufst wieder bei mir ein und ich mache dir gute Preise.
Dafür pfeife ich meine Freunde zurück. Nur... beim Kartoffelhändler habe ich etwa 1000 Mark Schulden.
Die müsstet ihr übernehmen. Ich schicke ihn bei euch vorbei. Er ist bestimmt mit einer Ratenzahlung einverstanden. Du musst halt mit ihm verhandeln. Und Roswitha - bezahle nichts aus deiner eigenen Tasche. Zieh Alis Geld aus dem Geschäft. Wie ich so sehe läuft es ja, seit du übernommen hast“ - „Ali hat nicht nur bei dir Schulden...“
„Du brauchst mir nichts zu erzählen" unterbrach er sie, "ich kenne ihn länger als du“ - „Noch etwas. Ich bin mit meinem neuen Manav inzwischen gut befreundet. Ich werde also bei ihm und bei dir einkaufen.
Und die Preise genau vergleichen!“
„Wenn einer es schafft
Alis Geschäft hoch zubringen, dann du. OK!
Ich bin einverstanden“.
Als Roswitha Ali von der Abmachung erzählte meinte er, die Männer hätten ohnehin nur
geblufft und außerdem - er hätte sie alle erledigen können... wenn er nur gewollt hätte.
Doch so viele Leichen hätten dem guten Ruf seines Platzes geschadet.
Ein paar Tage später kam ein Metzger - den Roswitha noch nie gesehen
hatte- und setzte Ali eine Pistole an die Schläfe.
Mitten im Lokal!
Auch er wollte Geld, dass Ali ihm seit langer Zeit schuldete. Roswitha
vereinbarte auch mit ihm Ratenzahlungen.
Langsam
musste sie sich Gedanken machen, in welche Schule sie René schicken
wollte. Es gab in Antalya eine gute Privatschule, die aber jährlich etwa 3000
Mark kostete. Die staatlichen Schulen waren im Prinzip sehr gut,
nur das er dort in
Deutsch nicht unterrichtet werden würde.
Roswitha beriet sich mit Mecki. Da er selbst niemals eine türkische Schule
besucht hatte, wusste er keinen Rat.
Noch war Zeit, doch Roswitha wollte sich
schon einmal umhören und die in Frage kommenden Schulen auch
ansehen.
Als sie aus Antalya zurück kam sah sie wie üblich die Einnahmen des Tages durch. Bei den Ausgaben stutzte sie.
Mehrere
Hundert Mark waren an Bedirhan ausbezahlt worden.
„Für was habe ich das bezahlt?“, fragte sie Erhan, der an der Kasse saß.
„Bedirhan hat mich angerufen und gesagt ich solle ihm 600 Mark nach Istanbul überweisen“.
„ Ach... wie praktisch. Ein Anruf beim „Kaptan Restaurant“ genügt und das Geld kommt mit der Post ins Haus. Arkadaş -
du arbeitest nicht mehr für Bedirhan. Aus dieser Kasse wird dieser Mensch bestimmt kein Geld mehr bekommen.
Da du das nicht zu begreifen scheinst, bist du hiermit
fristlos gekündigt“.
Unmittelbar nach diesem unerfreulichen Disput ging sie an die Bar und fragte Ferhat, ob er schon einmal als Kassierer
gearbeitet hatte. Er hatte!
So wurde für die Bar ein anderer Junge eingeteilt und Ferhat saß ab sofort an der Kasse. Bei ihm konnte Roswitha sicher sein, dass er
nicht für Alis Familie arbeitete. Er mochte sie genauso wenig wie sie selbst.
Ali war sauer! Schließlich war Erhan mit ihm verwandt. Doch dass er einfach Geld
aus der Restaurantkasse an Bedirhan geschickt hatte, konnte er schlecht für gut befinden. Er
versuchte dennoch, Roswitha zu überreden Erhan noch eine letzte Chance zu
geben. Als sie darüber furchtbar wütend wurde, gab er diesen Gedanken auf.
Ferhat machte seine Arbeit sehr gut. Da er sich an der Bar auskannte war es nicht leicht,
von dort etwas verschwinden zu lassen ohne das er es bemerkte. Die Kontrolle an der Bar war leicht...
Die der Küche unmöglich! Was da rein und raus ging war nicht zu kontrollieren. Sooft Ali nach Antalya fuhr,
brachte er
irgendwelche Lebensmittel oder Obst mit. Ob es nun gebraucht wurde oder nicht.
Am liebsten minderwertige Ware, die meist gleich in der Mülltonne landete.
Ayşe hatte - bevor Roswitha das Restaurant übernahm - aufgehört in der Küche zu
arbeiten, da sie sich mit Tamer nicht mehr arrangieren konnte. „Der geht nur
noch zum fischen und wenn er dann in die Küche kommt ist er betrunken und
stänkert herum. Das machen meine Nerven nicht mehr mit“, hatte sie damals zu
Roswitha gesagt. Immer wieder kam sie jetzt zu ihr und meinte, sie solle sich
mehr um die Küche kümmern.
„Was da weggeschafft wird...
du machst du dir keine
Vorstellung davon“.
Roswitha wusste natürlich, dass im Küchensektor einiges nicht ganz reell zuging.
Sie wollte aber zuerst den Restaurantbereich richtig organisieren. Damit hatte
sie im Moment genug zu tun. Und dann dieses Picknick...
Ali war da keine Hilfe.
Eher ein Hindernis.
Mecki wurde immer nervöser und unzuverlässiger. Da er jetzt in seiner Heimat
lebte, war er dort auch wehrpflichtig.
Es machte ihn verrückt, dass er praktisch sofort zum Militär eingezogen werden konnte.
Er fing zu trinken an.
Roswitha flog mit Ali und René nach Deutschland um ihre Wohnung aufzugeben.
Sie
wollte weitere 5 Jahre in Antalya bleiben. Ihr Entschluss war jetzt endgültig.
Janine hatte in inzwischen noch ein Baby bekommen - Ein Mädchen
Ihr Mercedes sollte nun auch mit nach Antalya, darum mussten sie mit der Fähre
zurück in die Türkei.
Als sie in Venedig einstiegen, nahm sie der Zahlmeister in Empfang. Wie konnte
es anders sein?
Ein alter Freund Alis.
Yilmaz Bey war ein sehr eleganter Mann. Die ganze Überfahrt kümmerte er sich
sehr aufmerksam um sie.
„Ali - so einen Mann könnten wir bei uns am Camping gut als Direktor gebrauchen“ sagte Roswitha.
Ali sagte es lachend zu Yilmaz und der
erwiderte, er würde in ein paar Wochen in Rente gehen und wäre gerne bereit
diesen Job zu übernehmen.
In Antalya verabschiedeten sie sich. Er versprach, in spätestens 4 Wochen hätten
sie einen erfahrenen Direktor an ihrem Camping.
Roswitha war froh wieder ‚zu Hause’ zu sein. Jetzt hatte sie sogar ihr eigenes
Auto das jederzeit funktionierte.
Es vergingen die Monate und sie waren sehr glücklich am „Kaptan Kamping“.
Eines Tages wollte Ali von ihr einen Bungalowschlüssel. Ein Neffe von ihm war gekommen.
Roswitha hatte eigentlich genug von seiner Verwandtschaft und zögerte
etwas.
„Er ist ein ganz guter Junge“, sagte Ali „studiert in Antalya und kann, wenn er
nicht zur Uni muss an der Bar helfen“.
Mit gemischten Gefühlen gab Roswitha ihm den Schlüssel.
Sie sah wenig später einen jungen Mann mit langen Haaren und einer
ausgeflippten, durchlöcherten Jeans in den Bungalow einziehen.
Ab und an sah sie ihn an der Bar aushelfen.
Roswitha sprach nicht viel mit ihm doch René kam ganz begeistert und sagte: „Der
Davut ist ein ganz lieber Mensch.
Er ist hier jetzt mein allerbester Freund“.
René besaß eine gute Menschenkenntnis, wenn er ihn lieb fand war er es
mit Sicherheit.
Als sie sich mit Ferhat über die neue Bar- Hilfe unterhielt meinte dieser, Davut wäre
ein Spion Alis.
„Na, dann soll er mal spionieren. Was könnte er Ali denn schon erzählen?“. Roswitha
hatte nichts zu verbergen.
René arbeitete nicht mehr so gerne mit Ali.„Der macht nur Quatsch“, sagte er.
Viel lieber war er in Davuts Nähe.
Für den hatte Ali täglich Extraarbeiten. Ob Strom- oder Maurerarbeiten,
für alles holte er den Jungen.
Abends ging dieser zur Uni und wenn er zurückkam, fuhr er die Künstler des Abendprogramms nach Antalya zurück.
Dafür wohnte er mietfrei.
Mecki arbeitete überhaupt nicht mehr. Nachdem Roswitha das Restaurant übernommen
hatte, wollte er von ihr plötzlich mehr Geld. Und dass, obwohl er immer weniger
arbeitete!
„Bei Bedirhan warst du mit den 10 % vom Umsatz zufrieden. Ich habe hier noch
einmal nicht richtig angefangen, und du willst von mir
mehr Geld
. Ich muss erst
einmal selbst sehen wie es läuft. Später können wir über eine Gehaltserhöhung
gerne noch einmal reden".
Roswitha war maßlos enttäuscht von ihm. Sie zog seinen Sohn groß und er wollte von ihr
mehr Geld als von irgendeinem Fremden - Genau in dem Augenblick wo sie ihn
dringend an ihrer Seite gebraucht hätte.
Er arbeitete - wenn überhaupt - nur noch im Restaurant. Am Camping, wo er auch mit
10% beteiligt war,
rührte er keinen Finger.
„Mecki redet sehr schlecht über dich“ hörte sie von allen Ecken. Auch bei Erwin,
dem Deutschen hatte er die übelsten Ausdrücke gebraucht als er über Roswitha
sprach. Sie war entsetzt!
Was war den plötzlich in ihn gefahren?
Irgendwie verstand keiner warum Mecki Roswitha plötzlich anfeindete. Am allerwenigsten Roswitha selbst.
Sie war darüber sehr traurig und enttäuscht. Wenn er aber dachte, sie würde auf Knien vor ihm rutschen,
dann hatte er sich gewaltig
getäuscht. Sie würde es auch ohne ihn schaffen.
Als sie am 1. August Geburtstag hatte, gratulierte Mecki ihr nicht. René war
sehr traurig. Warum sein Papa seine Mama plötzlich nicht mehr leiden konnte,
begriff er nicht. Zog sich aber immer mehr von ihm zurück.
Wie versprochen, kam Yilmaz Bey und fing als ‚Müdür’ im Restaurant an. Roswitha
war erleichtert.
Da sie nicht mehr mit Mecki sprach, musste sie sich bei den Abrechnungen und Kontrollen völlig auf Ferhat verlassen.
Sie sprach zwar täglich
besser Türkisch, doch für die Buchführung reichte es noch lange nicht aus.
Mit Yilmaz ging sie die ganzen Rechnungen und Schulden durch. Es sah
katastrophal aus!!!!
Die Auslagen waren bedeutend höher als die Einnahmen. „Das
scheint jetzt schlimmer als es in Wahrheit ist. Nachdem sich hier bis jetzt
niemand um eine ordentliche Buchhaltung gekümmert hat, sind natürlich viele
Dinge vergessen oder einfach ignoriert worden. Mach dir aber deshalb keine Sorgen. Gemeinsam
bekommen wir das schnell in den Griff“.
Roswitha war völlig seiner Meinung. Und er war ihrer Meinung, dass mit dem
Picknick Schluss sein müsste.
Damit war er ihr natürlich noch sympathischer als
er es ohnehin schon war. „Kampf dem Picknick“ war ihre gemeinsame Parole.
Täglich verlangte der neue Direktor eine korrekte Abrechnung der Bar und auch
der Küche.
Mecki konnte den neuen Direktor nicht ausstehen. Bei jeder sich bietenden Gelegenheit
versuchte er ihn lächerlich zu machen oder brach wegen nichtiger Kleinigkeiten
einen Streit vom Zaun.
Das Personal plötzlich war in zwei Lager geteilt. Die eine Hälfte stand hinter
Roswitha und Yilmaz,
die andere hinter ihrem Chefgarsong.
Ali stand dazwischen, auf der Seite des Picknicks, dass von beiden Parteien
boykottiert wurde.
Eine auf Dauer unhaltbare Situation.
Ali bekam plötzlich schreckliche Zahnschmerzen. Der Zahn, den er sich damals von seinem dicken Freund einsetzen ließ,
hatte nicht viel ausgehalten. Nach ein paar
Wochen fiel er aus und Ali musste sich noch etliche Zähne dazu ziehen lassen.
Jetzt hatte er also wieder Probleme mit seinen Beißerchen.
Roswitha kannte in Antalya einen guten Zahnarzt. „Diesmal lässt du deinen Freund
aber nicht rumpfuschen.
Ich bringe dich zu meinem Arzt“ sagte Roswitha zu ihm. „Ob der mir Kronen machen kann?“ fragte Ali zweifelnd.
„Wie viele echte Zähne hast du denn noch?“ - „Sechs“ - „Natürlich kann er dir da Kronen und Brücken anfertigen.
Sogar sehr gute. Das kostet dich zwar etwas, doch dafür hast du dann aber auch deine Ruhe“.
Alis Schmerzen schienen sehr stark zu sein. Er kam ohne Widerrede mit zum Zahnarzt.
Ängstlich saß Ali dann dort auf dem Stuhl.
So eine
moderne Praxis schien er noch nie gesehen zu haben. „Ja lieber Kaptan, leider
muss ich ihnen sofort 3 Zähne ziehen“ meinte der Zahnarzt bedauernd nach einer
kurzen Untersuchung. „Mach dir nichts daraus Ali, du hast ja dann immer noch 3
übrig“ sagte Roswitha tröstend. Der Zahnarzt sah sie verwundert an und meinte
dann: „Gnädige Frau - ich muss ihm 3 Zähne ziehen! Mehr hat er nicht mehr“
- „Er
sagte mir doch, dass es noch 6 sind“ meinte sie verblüfft. „Tut mir leid. Sehen
sie selbst“. Ali öffnete seine Mund nur ungern, doch er hatte wirklich nur noch
3 Zähne darin. Selbst da hatte er sie angelogen.
Vielleicht hoffte er ja, der Zahnarzt würde es nicht bemerken und ihm seine
Kronen doch noch anfertigen.
Nur... über welche Zähne denn?
Mecki arbeitete nun massiv gegen das Lokal und gegen Roswitha. Und damit auch
gegen seinen eigenen Sohn.
An Meckis Geburtstag am 16. August stieß er die wildesten Flüche aus, weil
Roswitha nicht an seiner Feier teilnahm.
Die Party war ohnehin von kurzer
Dauer, da sich niemand anhören wollte wie er Roswitha hinter ihrem Rücken
maßlos beleidigte. Auch für Ali fand er nur Beleidigungen. Die Schimpfwörter für
ihn waren sehr deftig.
Das war also sein Dankeschön dafür, dass Ali ihn damals sofort aufgenommen
hatte als er nicht wusste,
wie er sich in der Türkei über Wasser halten sollte. Was war nur in ihn gefahren? Warum kam er nicht und sprach mit Roswitha? Da sie nicht miteinander redeten, wurden nun die wildesten Gerüchte von einem zum anderen getragen.
Die Situation spitzte sich immer mehr zu.
Es verging nun kein Tag mehr an dem er nicht über Ali oder Roswitha loszog -
Oder über beide.
Ein anderes Thema gab es nicht mehr für ihn. Was er eigentlich konkret damit
erreichen wusste er in der Zwischenzeit auch nicht mehr. Roswitha reichte es jetzt allmählich. Inzwischen
"arbeitete" er auch im Restaurant nur noch, um Unfrieden zu stiften.
Was wollte er eigentlich noch beim „Kaptan Kamping“? Wenn er - aus welchen
Gründen auch immer -
etwas gegen sie hatte und nicht arbeiten wollte - Dann sollte
er doch verschwinden!!!
Er trank Unmengen Alkohol, den er nicht zu vertragen schien.
Ali sagte nichts dazu. Er hätte Mecki gerne als Ober behalten. Auch wenn er
dauernd betrunken war und am liebsten auf Roswitha und ihn eingeschlagen hätte.
So groß war sein Hass.
Roswitha wurde - nachdem sie ihre Phase der Enttäuschung hinter sich hatte - immer
wütender auf Mecki.
Einige Abende später saß sie mit Emine an ihrem Tisch. Das Restaurant war nicht schlecht besucht,
doch mit dem Pianisten war Roswitha gar nicht zufrieden. Er trank viel zu viel und sprang dann sehr unhöflich mit den Gästen um.
Als Roswitha zufällig zur Küche blickte, schaute aus der Meze-Vitrine Meckis Kopf heraus. Anscheinend fand er nicht die Vorspeise die seinen Ansprüchen genügte und zwängte sich darum höchstpersönlich in die Kühltheke hinein.
Das war eine Unverschämtheit! - Und das Tröpfchen, dass das Fass zum überlaufen brachte!
Vor
Zorn außer sich, rannte Roswitha in die Küche.
„Wenn du schon nicht mehr hier arbeitest und mich außerdem nicht leiden kannst, dann
lässt du in Zukunft auch mein Essen in Ruhe ...du... du Parasit...“, schrie sie ihn
vor Wut bebend an.
Er drehte sich - überrascht von ihrem
unerwarteten Angriff - zu ihr hin und wankte mit erhobener Hand auf sie zu. In
einem Reflex schnappte Roswitha nach dem großen Küchenmesser - das neben ihr auf einem Hackstock
lag - und schrie ihn angriffslustig an: „Schlag zu und ich steche dich auf der
Stelle ab“
Ferhat, der plötzlich aus dem Nichts auftauchte hielt Mecki fest und verhinderte
damit die hautnahe Konfrontation.
„Mecki, ich rate dir: Verschwinde von hier sonst passiert ein Unglück. Ich will dich nie wieder sehen“,
sagte Roswitha nun mit vor Zorn zitternder Stimme zu ihm. Er wurde von Ferhat unsanft nach draußen
gezerrt.
Dort bekam er von Ali eine
Ohrfeige, die ihn taumeln ließ. Von 2 männlichen Gästen bekam er obendrauf noch ein
paar kräftige Schläge ins Gesicht.
Nun mischte sich Davut - der plötzlich
aus dem Nichts auftauchte - ein. Er zog Mecki von den aufgebrachten
Männern weg.
„Ich weiß nicht was hier geschehen ist. Ich habe den Vorfall nicht gesehen da ich
erst vor ein paar Minuten aus der Uni gekommen bin.
Doch ihr solltet euch schämen zu Viert auf einen einzelnen Mann einzuschlagen ... das ist Unrecht“, sagte er zu den erzürnten Männern und brachte Mecki in sein Zimmer.
Am nächsten Morgen verlies Mecki den Platz.
Roswitha war erleichtert. So hätte es nicht mehr lange weitergehen können.
Das Leben ging jetzt, nachdem Mecki weg war, wesentlich ruhiger weiter am „Kaptan Kamping“.
Vom Personal wurden 2 Kellner entlassen. Sie hatten sich zu sehr auf Meckis Seite geschlagen und ebenfalls mit dem Trinken begonnen. Roswitha hatte keinen Bock mit betrunkenen, aufsässigen Kellnern zu arbeiten. Ali jammerte:
„Wo willst du jetzt neues Personal bekommen? So schlecht waren sie auch wieder nicht“ sie verstand ihn nicht.
Warum hatte er immer Angst davor, neue Leute
einzustellen-
Mit Ferhats Hilfe fanden sie sofort 2 Neue. Einer davon hieß Faruk. Ein
ausgezeichneter, höflicher Kellner.
Die Gäste waren von seinem Service begeistert
und er bekam mehr Trinkgeld als alle anderen.
Ali war nie mit dem einverstanden, was Roswitha tat. Auch nicht, wenn es eine
Verbesserung bedeutete.
War sie mit jemandem aus dem Personal zufrieden, weil er gut arbeitete, wurde der automatisch Alis Feind.
War sie mit jemandem
unzufrieden, schlug er sich auf dessen Seite.
So auch bei dem Pianisten. Er machte keine schlechte Musik… solange er nüchtern
war.
Das war er höchstens eine Stunde nachdem er mit dem Programm angefangen hatte.
Dann pöbelte er auf primitivste Weise die Gäste an.
Hatte jemand einen Musik-Wunsch streckte er sofort die Hand aus: „Gib mir 100
000 Lira und ich spiele dein Lied“.
So etwas war unmöglich und eine Schande für
das gesamte Lokal und - seine Besitzer.
Roswitha hätte den unverschämten Musiker sofort entlassen. Doch Ali fand ihn in
Ordnung. Sie hatte immer an zwei Fronten kämpfen. Erst musste sie fürchterlich
mit Ali streiten und danach konnte sie sich erst mit dem eigentlichen Problem
auseinander setzen.
Ali hatte anfangs versprochen er würde sich in ihre Arbeit nie einmischen und
was sie für richtig hielt,
würde auch er befürworten. Das war nun ja überhaupt
nicht der Fall.
Inzwischen war er beinahe ihr Feind geworden. Er arbeitete regelrecht gegen sein
eigenes Restaurant.
Abend für Abend nahm er Geld aus der Kasse und fragte nie,
was am nächsten Tag bezahlt werden musste.
Wenn Roswitha mit ihm die Tageseinnahmen und die Ausgaben besprechen wollte,
hatte er immer etwas Dringendes zu erledigen und verschwand. Es interessierte
ihn nicht.
Nur wenn Roswitha etwas verändern, oder neues Personal einstellen wollte,
mischte er sich ein und war gegen alles.
Fast täglich stritten sie sich wegen dem Picknick. Er schleppte immer noch Leute
an, die er regelrecht zum Picknicken animierte. Roswitha hatte, als sie anfing
im Restaurant zu arbeiten, mit allerlei Schwierigkeiten und Problemen gerechnet.
Doch das gerade Ali selbst ihr derart in den Rücken fallen würde - Damit nicht!
Ursprünglich wollte sie doch an Alis Seite gegen den Rest der Welt kämpfen....
Doch wenn er dachte, sie würde klein beigeben dann täuschte er sich gewaltig.
Wenn er gegen sie Krieg spielen wollte würde er schon sehen wie weit er damit
kam. Sie fürchtete sich nicht vor einer Konfrontation mit ihm.
„Wer kämpft kann verlieren. Wer nicht kämpft hat schon verloren“.
Auch im Orient.
Das Restaurant lief täglich besser. Endlich konnten sie dort
schwarze Zahlen schreiben.
Eines Nachmittags hielt eine 6-türige Mercedes Limousine vor dem Restaurant. Als
René dieses Auto sah,
war er hingerissen. „Mama das ist mein Traumauto. So eines wollte ich schon immer haben. Kannst du es mir kaufen?“ -
„Dazu müsste ich wissen, wie viel es kostet. Schau, die Besitzer sitzen in Loge 6. Frag sie doch einfach nach dem Preis.
Dann werden wir sehen, ob wir es uns leisten können“.
René schlich um die Loge. Die Leute ansprechen traute er sich jedoch nicht. Er ging noch
einmal zurück zu dem Auto.
„Mama, der ist super. Er hat sogar Autotelefon und Funk. Kannst nicht du fragen,
was sie dafür wollen?“.
„Du willst doch das Auto kaufen. Außerdem bist du der Mann in unserer Familie.
Dir machen sie bestimmt einen besseren Preis als mir“.
Das leuchtete ihm ein.
Mit den Händen in den Taschen seiner Short schlenderte er wieder bei den Leuten
vorbei.
Da kam ihm eine Idee: - Alibaba! Er sollte sich um den Autokauf kümmern.
Aufgeregt berichtete er auch ihm von dem tollen Auto. Ali der sich mit Freunden
unterhalten hatte,
wurde einfach von ihm an der Hand genommen und zu dem
Mercedes geführt.
„Wenn wir dieses Auto kaufen wäre das auch eine sehr gute Reklame für unser
Restaurant. Meinst du nicht auch?“ versuchte er seinen Alibaba zu überzeugen.
„Da hast du völlig Recht. Dieses Auto müssen wir natürlich kaufen“.
„Gut, da
drüben sitzen die Besitzer. Frag sie, wie viel sie dafür wollen“.
Ali ging mit ihm zu den Leuten und zusammen setzten sie sich zu ihnen an den
Tisch.
Aufgeregt kam René kurz darauf wieder zu seiner Mama. Er nannte ihr die Summe.
„Liebling, das sind hunderttausend Mark“ - „Ist das viel? Aber Mama, für das Auto ist das doch nicht zu teuer.
Hast du es dir schon angesehen?“
Er nahm sie bei der Hand und zog sie zu dem Mercedes. Wie ein Autoverkäufer
erklärte er ihr alle Vorzüge und Extras und versuchte ihr den Kauf schmackhaft
zu machen.
„Liebling ich sehe das ja alles und du hast Recht, dass Auto ist das Geld
wirklich wert.
Doch ich habe keine hunderttausend Mark“ - „Haben wir nicht?... Das macht nichts.
Dann nehme ich das Geld aus der Kasse“.
Er ging zu Ferhat. „Ich brauche Geld“, sagte er. Ferhat öffnete die Kasse. „Wie
viel brauchst du?“.
Als René ihm die Milliardensumme nannte, zeigte er ihm
bedauernd die Tageseinnahmen. „So viel habe ich leider nicht in der Kasse“.
„Nicht?“
Es schien doch mehr zu sein, als er dachte. Er überlegte kurz und hatte dann die
Lösung. „Dann muss Alibaba eben einen Scheck schreiben“. Wieder suchte er Ali.
Der war sofort bereit ihm das Auto mit Scheck zu kaufen.
„Doch die Leute müssen
mit dem Wagen erst noch nach Hause und ihn ausräumen“.
Das sah René ein, obwohl es ihm lieber gewesen wäre, sie hätten seinen Mercedes
gleich da gelassen.
Aber was sein musste, musste sein. „Morgen früh bringen sie
ihn dir“, sagte Ali zu ihm.
„Wie willst du ihm Morgen erklären, dass er das Auto doch nicht haben kann?“
fragte Roswitha Ali als sie alleine waren.
„Da fällt mir schon etwas ein. Aber unser Sohn ist ein toller Geschäftsmann“, sagte er stolz.
Das Kind liebte er
wirklich sehr.
Am anderen Morgen stand René schon früh auf. Er suchte Ali um mit ihm auf sein
Auto zu warten. „René ich muss dir jetzt etwas sagen. Als ich gestern den Antalya
Sender angesehen habe, zeigten sie einen Unfall bei Kemer in den Nachrichten.
Stell dir vor, es war unsere Limousine. Den Leuten ist nichts passiert, doch das
Auto hat sich ein paar Mal überschlagen und ist jetzt kaputt. Ich habe heute
schon ganz früh mit dem Besitzer telefoniert -
Er ist ganz traurig“.
René war auch traurig. Seine schöne Limousine. „Hast du ihnen den Scheck schon
gegeben?“ - „Nein, dass wollte ich doch heute erledigen“ - „Zum Glück. Sonst wäre
unser Geld vielleicht auch noch weg“ - „Da hast du Recht. Sei nicht traurig.
Wir
finden ein anderes Auto“ - „Aber so ein schönes nicht mehr. So ein Depp, dieser
Fahrer. Er war bestimmt betrunken“.
Roswitha fuhr mit ihm in die Stadt und kaufte ihm zum Trost ein paar von seinen
geliebten Spielzeugautos.
Auch eine schwarze Limousine war dabei.
Gegen
Abend war ein Caravan angekommen. Das deutsche Ehepaar war direkt aus
Izmir nach Antalya durchgefahren und wollte sich jetzt richtig ausschlafen,
bevor sie dann Antalya besichtigten.
„Wir sind in Izmir so viel herum gelaufen, jetzt brauchen wir mindestens 2 Tage
Erholung“.
„Hier ist es aber abends ein wenig laut, da wir Live- Musik im
Restaurant haben“ warnte Roswitha schon mal vor.
„Das macht uns nichts aus, wir haben einen gesunden Schlaf. Dieser Platz ist ja
wunderschön.
Hier werden wir es bestimmt eine Woche bleiben“.
Sie gingen zum Lokal um etwas zu essen. Seit neuestem standen auch Schnitzel auf
der Speisekarte. Da zu Tamers Entlastung noch ein Koch von Ali eingestellt
worden war, hatte Roswitha das in der Küche durchgesetzt, um die langweilige
Speisekarte etwas zu bereichern.
Auch der neue Koch war ein hoffnungsloser Alkoholiker. Warum in der Küche zwei
Köche benötigt wurden, war Roswitha sowieso ein Rätsel. Den niedrigste Umsatz
machten sie zu der Zeit mit ihrem Essen.
Die angebotene Speisen war aber ehrlich gesagt, nicht das, was man gute Küche nennen konnte.
Die Hähnchenschnitzel
schmeckten jedoch sehr gut und wurden von den Gästen immer öfter
verlangt.
Am nächsten Morgen erwachte Roswitha von einem fürchterlichen Lärm. Der VW Bus
fuhr knatternd durch den Platz.
Dann machte es tak... boing...
schepper...bums... tak... peng ...knall.
Als sie aus dem Caravan kam, traute sie ihren Augen nicht.
Unmittelbar neben den Deutschen Touristen - die eigentlich lange schlafen
wollten - riss Ali mit Davut jene kleine Mauer ein,
die Restaurant und
Campingbereich auf der Flussseite trennte.
Jeder Ziegelstein wurde einzeln mit Schwung und Getöse in den Bus hinein
geschmissen.
Die armen, müden Touristen schauten verschlafen aus ihrem Wohnmobil, schüttelten
den Kopf und reisten eine halbe Stunde später ab.
Roswitha war sehr wütend. Es war 7 Uhr morgens!!!
„Warum reißt du die Mauer überhaupt weg? Es war doch gut so wie es war. Was
sollte das? Wollen wir etwa keine Campinggäste? Oder warum hast du die Leute
verjagt?“ schrie sie ihn an.
Ali konnte keine ihrer Fragen beantworten.
Davut, mit dem Roswitha bis dahin, außer „Guten Tag“ immer noch kein Wort
gesprochen hatte, stand bedrückt daneben.
Immer noch zornig ging Roswitha zum Caravan zurück und setzte ihren Kaffee auf.
Auch René erwachte von dem lauten Gepolter und dem Geschrei.
„Aber der Davut ist lieb, gel Mama“ - „Ich weiß es nicht. Ich kenne ihn ja kaum. Aber wenn du ihn magst,
dann muss er ja lieb sein“.
Es dauerte nicht lange, und Davut kam bei ihnen vorbei. Mit gepackter
Reisetasche. „Ich gehe. Was bin ich für den Bungalow schuldig?“ fragte er. „Wie
kommst du darauf? Du bist gar nichts schuldig. Du hast doch hier gearbeitet.
Ich hoffe, dein Onkel hat dich wenigstens dafür bezahlt“ - „Nein... ich wollte kein Geld.
Er sagte mir, dass er natürlich keine Miete für den Bungalow verlangt - aber du. Ich bin jetzt 6 Wochen hier. Also -
was bin ich dir schuldig?“
„Ich habe so etwas nie zu Ali gesagt - über dieses Thema haben wir nie
gesprochen" erwiderte sie
"Du hast bei mir wirklich keine Schulden.
Aber weshalb willst du so überstürzt gehen? Gab es irgendein Problem?“
„Seit 6 Wochen arbeite ich jetzt an Onkel Alis Seite - Er ist übrigens gar nicht mein echter Onkel.
Wir sind nur ganz entfernt miteinander verwandt.
Ich begriff oft nicht, weshalb er manche Arbeiten machte, doch ich habe nichts
gefragt und ihm einfach nur geholfen.
Bis heute Morgen. Erst weckt er mich um 6 Uhr Früh auf um diese Mauer einzureißen. Warum? Ich weiß es nicht.
Vor einer Stunde kam er wieder und wollte, dass ich ihm helfe die Mauer wieder so aufzubauen wie sie vorher war.
Das ist mir echt zu blöd. Ich arbeite ja gern, doch solch sinnlosen Quatsch mache ich nicht länger“.
„Wenn du gehst, wird René
aber sehr traurig sein, dass weißt du sicher“ - „Ja... ich weiß. Er ist hier mein
einziger,
echter Freund. Ich liebe ihn sehr“.
Sie fragte, was er denn jetzt vorhätte und er wusste es noch nicht genau.
Eigentlich wollte er nur von Ali weg. Roswitha überredete ihn, doch noch zu
bleiben.
Von da an unterhielten sie sich täglich miteinander. Bei jedem Problem half er
ihr, wo er nur konnte.
Er konnte sich sehr gut ausdrücken. Sein Türkisch war ganz anders als das von Ali. Oft hatte sie Mühe ihn zu verstehen.
Das kam daher, dass
er einen viel größeren Wortschatz hatte als Ali. Aber er hatte sehr viel Geduld
mit ihr..
Davut kam aus Ankara und dort sprach man ein feines Türkisch. „Du hast einen
richtigen Karadeniz Slang.
Als ich hier ankam, sprach auch René so. Ich weiß
nicht ob es dir aufgefallen ist, sein Türkisch ist jetzt viel besser“. Das
stimmte.
Roswitha und Davut saßen oft stundenlang zusammen und sie lernte sehr viel von
ihm über die Türkei,
die Sprache und den Islam.
Und... er konnte im Kaffeesatz lesen.
Er und Ferhat waren am „Kaptan Kamping“ die Einzigen auf die sie sich immer
verlassen konnte.
Eines Tages kam aus Roswithas Faxgerät in ihrem Caravan ein fast 1 Meter langes
Fax.
Es war aus Istanbul von Bedirhan. Ein handgeschriebener Brief. Roswitha
konnte ihn nur schlecht entziffern da ihr Türkisch nicht so perfekt war, dass
sie auf Türkisch hätte schreiben und lesen können.
Sie zeigte das Schreiben Davut. Er machte ihr verständlich, was Bedirhan damit zu sagen hatte:
Er wollte das Geschäft wieder zurück haben und schrieb im Namen der ganzen
Familie!
Roswitha kochte vor Wut. Bis jetzt gab es keinen Sommer, in dem Alis Familie
nicht am Camping Urlaub machte. Monatelang! Nicht nur, dass niemand daran dachte
auch nur einen Pfennig zu bezahlen, sie mischten sich in alles ein und
kritisierten den ganzen Betrieb. Das Personal wusste schon nicht mehr, welchen
Anweisungen sie zu folgen hatten.
Ali und Roswitha hatten sowieso die unterschiedlichste Auffassung von Geschäftsführung.
Und von Alis Familie hatte jedes einzelne Mitglied noch einmal eine andere Meinung.
In dieser Zeit gab es
unter dem Personal nicht die geringste Spur von Disziplin. Wie auch?
„Davut setz dich hin und schreibe für mich die Antwort an Bedirhan“. Sie begann
mit: „Geliebter Bedirhan“.
„Willst du wirklich, dass ich das so schreibe?“
fragte Davut etwas irritiert. Sie wollte!
Sie diktierte, dass sie ihm das Geschäft mit Freuden wieder zurückgeben wollte.
Dank seines Papis und seiner lieben Familie war sowieso keine Mark zu verdienen.
Sie hätte inzwischen schon sehr bereut ihr gutes Geld in dieses marode
Unternehmen gesteckt zu haben und bedankte sich herzlich bei ihm für sein
überaus gönnerhaftes Angebot.
Sie bat ihn die 80 000 Mark, die sie Ali für 5 Jahre an Pacht bezahlt hatte,
schnellstmöglich auf ihr Konto zu überweisen.
Sobald das Geld bei ihrer Bank eingegangen sei, würde sie umgehend ihre Zelte in der Türkei abbrechen und überglücklich
nach Deutschland zurückkehren.
Sollte er jedoch nicht gewillt sein, diese Summe
zu überweisen, verbat sie sich in Zukunft jegliche Einmischung von ihm und
seiner Familie. Schon bei dem geringsten Versuch würden sie von Roswithas
Anwalt eine gesalzene Schadensersatzklage bekommen. Sie schloss den Brief mit:
„In Liebe euere Roswitha“ und faxte noch die beiden Verträge mit Alis
Unterschrift durch.
Von da an behandelte Alis Familie Roswitha sehr respektvoll und in geschäftliche
Angelegenheiten mischte sich -
zumindest eine Zeitlang - niemand mehr ein.
Ali arbeitete immer intensiver gegen sie. Ob es um das Picknick oder die Einstellung eines neuen Pianisten ging, er war immer auf der anderen Seite. Auch die Küche durfte von Roswitha weder kritisiert noch kontrolliert werden. Warum?
Das würde wohl für immer sein Geheimnis bleiben. Es ging dabei doch auch um sein Geld, dass da
verloren ging.
Im Großen und Ganzen lief das Geschäft gut. Die Menschen waren
neugierig auf alles Neue und leicht zu begeistern.
Nur... vom Essen war niemand
hingerissen.
Meist gingen die Gäste erst in ein anderes Restaurant um zu speisen und kamen
dann zum „Kaptans“, um sich da zu amüsieren. Aber das Restaurant würde erst
Gewinn abwerfen wenn die Küche ordentlich arbeitete. Wenn nicht freiwillig, so
würde Roswitha Mittel und Wege finden. Auch ohne Ali.
Bisweilen kam sie sich wie
der Guerillakämpfer Rambo in Antalya vor.
Roswitha
engagierte
einen zusätzlichen Koch. Er hatte vorher in einem 5 Sterne
Hotel gearbeitet und sein Essen war erstklassig. Nach ungefähr 2 Wochen aber,
fing auch er zu trinken an und saß faul in der Küche herum. Tamer hatte zu ihm gesagt,
je besser das Essen wäre, um so mehr müssten sie sich in der Küche abrackern.
Das wäre nicht gut. Der Mann sah das sofort ein.
Roswitha entließ ihn wieder.
Sie versuchte noch ein paar Mal, einen guten Koch aufzutreiben. Fand auch
welche, aber nach spätestens
2 Wochen Gehirnwäsche Tamers wurden sie wie er:
Stinkfaul und betrunken.
René hielt sich fast den ganzen Tag beim Personal auf. Er saß neben den Jungs
und manchmal vergaßen sie,
dass das Kind ihrer Unterhaltung folgte.
Sie unterhielten sich über ihre Freundinnen und alles was sich am Camping so
abspielte. Wollte Roswitha etwas erfahren, brauchte sie nur den Kleinen fragen. Er
kannte alle Geheimnisse des Personals. Das er manchmal von seinen Freunden
geärgert wurde, war für René nicht weiter schlimm. Der Kleine ließ sich
nichts gefallen. Kam er dann mit Worten nicht weiter,
prügelte er auch schon mal auf sie ein.
Ferhat griff dem Kleinen ab und zu an seinen Pipi und sagte er müsse prüfen, ob
er schon gewachsen war.
Das konnte René auf den Tot nicht ausstehen. Er sann auf
Rache.
Als Ferhat eines Tages mit zwei Mädchen zusammen an einem Tisch saß und
flirtete, setzte sich René dazu.
Ferhat hatte die Mädchen gerade soweit, dass sie sich mit ihm in der Stadt
verabredete. Jetzt war Renes Stunde gekommen:
Aus heiterem Himmel griff er dem jungen Mann zwischen die Beine, schüttelte sein bestes Stück und sagte:
„Ferhat Abi, lass mal sehen ob er schon gewachsen ist“.
Die Mädchen liefen rot an und Ferhat schämte sich schrecklich.
Von da an wollte er nie wieder wissen, wie groß Renes Pipi war.
„Ich habe ein Schreiben vom Finanzamt bekommen" kam Ali schon am frühen Morgen zu Roswitha.
"Wenn wir nicht sofort die rückständigen Steuern bezahlen, schließen sie das Restaurant“ - „Dann werden wir jetzt nach Antalya fahren und sehen wie wir das am besten regeln können“.
Ali sprach von etwas von 6000 Mark, die sofort bezahlt werden müssten. „Das ist
doch überhaupt kein Problem für uns Süßer.
Die Kasse ist voll mit unbezahlten Kreditrechnungen
deiner Freunde. Wenn nur die Hälfte davon bezahlt wird, reicht das locker. Wenn es wirklich
deine Freunde sind - wie du immer sagst - werden sie für deinen Engpass Verständnis haben“
meinte sie sarkastisch zu ihm. Er
murmelte etwas Unverständliches vor sich hin und sie fuhren zusammen los.
Die Abteilung für rückständige Schuldner
war im 3. Stock.
Dort wurden sie in das Büro des Direktors geführt. Er und Ali begrüßten sich
freundschaftlich.
„Das ist meine neue Partnerin Roswitha - Deutsche“ stellte Ali stolz vor.
Der Direktor freute sich sehr es mit einer Deutschen zu tun zu haben. In Deutschland waren alle Menschen reich!
Ein paar tausend Mark Steuerschulden waren unter diesen
Umständen dann ja wohl ein Klacks.
Roswitha wollte als erstes wissen wie viel Steuern denn insgesamt fällig waren. Der Müdür
holte eine Akte hervor und nannte dann eine Summe von umgerechnet ca. 4000
Mark. „Für welchen Zeitraum?“ fragte sie nun.
Die Schulden waren für über 3
Jahre vor Roswithas Zeit am „Kaptans“.
Sie erklärte dem Mann mit ihrem Tarzantürkisch, dass sie einsehe das die Steuern bezahlt werden mussten.
Doch erstens waren es nicht ihre Schulden und zweitens würde sie wenigstens einen Zahlungsaufschub brauchen.
Sie könne
bestenfalls monatliche Raten zu je 1000 Mark bezahlen.
Der Müdür schüttelte energisch den Kopf - Ali auch. Er war völlig solidarisch - mit
dem Mann.
Dieser zeigte Roswitha nochmals die Akte. „Sehen sie, die eigentliche Schuld ist ja gar nicht so hoch.
Doch mit den Jahren ist eine Menge Zins angefallen. Darauf haben wir nun lange genug gewartet.
Jetzt müssen sie schon sofort und
die gesamte Summe bezahlen“.
Ali nickte beipflichtend mit dem Kopf und lümmelte sich gemütlich in den Sessel.
Roswitha versuchte noch einmal einen Zahlungsaufschub zu bekommen. Ohne Erfolg.
Auch Ali erklärte ihr, dass eine Ratenzahlung keinesfalls möglich sei und diese Steuern sofort und auf der Stelle
ausgeglichen werden mussten.
Das machte Roswitha rasend.
Auf wessen Seite war er eigentlich?
Sie erhob sich abrupt von dem Stuhl, auf dem sie gesessen hatte.
„Dann wünsche
ich ihnen noch einen schönen Tag Müdür Bey. Los Ali - steh auf... Wir gehen!“.
Bestürzt sahen die beiden Männer Roswitha an. „Wohin gehen wir denn?“ fragte Ali
zaghaft.
„Nachhause Tatlım
(mein Süßer) Wenn ich bis Freitag 4000 Mark verdienen muss habe ich keine Zeit
noch länger hier herumzusitzen. Ich muss Geld verdienen!“
Der Direktor starrte mit offenem Mund entgeistert auf Roswitha. So etwas hatte er nicht
erwartet.
Vielleicht einen Kniefall
- oder Tränen. Oder geringstenfalls eine
Einladung ins "Kaptans".
Aber nicht dass...
Langsam erhob sich Ali und steckte dem Mann seine Hand zum Abschied hin. Der
Müdür übersah sie einfach.
„Aber gnädige Frau, beruhigen sie sich doch. Vielleicht kann ich ihnen ja doch
entgegen kommen“. Er drückte auf seine Sprechanlage und bestellte Tee für alle.
Dann rechnete er in Windeseile schnell noch einmal alles durch um dann zu der
Ansicht zu gelangen, dass er doch alles so verantworten könnte wie Roswitha es eine Stunde vorher vorgeschlagen hatte.
"Na Tatlim?
Was sagst du? Hab ich das nicht gut hinbekommen? Ich hab dir doch gleich gesagt,
dass du dir keine Sorgen machen musst" sagte Ali erleichtert auf dem Heimweg zu
Roswitha. „Der
Müdür ist ein ganz alter Freund von mir“
-
„Ach ja?
Hast du deshalb 2000 Mark
auf deine Steuerschulden aufgeschlagen? Warum bist du eigentlich nie auf unserer Seite? Auf der Seite
deines eigenen Restaurants?“ fragte sie ihn. Doch sie waren inzwischen bei einem Schrotthändler
angekommen und er wollte dort noch schnell irgendwelche
gebrauchte Rohre kaufen. „Du fährst mich jetzt sofort zum Camping. Ich habe
keine Lust, stundenlang bei dieser Hitze im Auto auf dich zu warten. Ich habe
dafür keine Zeit denn ich muss
für deine Schulden arbeiten“. Er schaute sie nachdenklich an und fuhr dann ohne
Umwege nachhause.
Sie ging mit René und Emine zum Meer. Das Wasser war so glatt wie ein Spiegel.
Ihr ganzer Frust über Ali und dessen scheinbar nicht enden wollenden Schuldenberg verflog bei diesem herrlichen Anblick.
Wieder zurück beim Restaurant warteten schon ein paar männliche Gäste auf sie.
Sie waren von irgend einer Gewerkschaft und wollten beim „Kaptans“ eine Party feiern. Sie
wurden sich einig und ein paar Tage später sollte die Feier mit 200 Gästen
stattfinden - Mit mindestens 2 Bauchtänzerinnen! Das war kein Problem. Ferhat
hatte scharenweise Freundinnen die diesen Beruf ausübten.
Am selben Abend kam Tamer an Roswithas Tisch und erzählte ihr, dass es
nachmittags im Marine Camp gebrannt hatte.
„Ist jemand verletzt worden“ fragte
sie erschrocken.
„Nein, niemand. Aber von einem Wohnheim ist das komplette Dach abgebrannt“.
„Na Hauptsache es ist kein Mensch zu Schaden gekommen“.
Sie ließ sich mit dem Kommutan
verbinden und fragte ihn, was denn passiert sei. "Ist nicht weiter schlimm.
Mach dir keine Gedanken Roswitha. Es ist nur ein materieller Schaden und den bezahlt der türkische Staat.
Aber herzlichen Dank für deine Anteilnahme. Ich soll dir
liebe Grüße von meiner Frau ausrichten"
Tamer, wie immer betrunken, war der Meinung, man dürfe an diesem Abend keine
Musik spielen. „Warum? Ist denn Staatstrauer?“ fragte Roswitha erstaunt. Sie
hatte davon gar nichts gehört. „Nein! - das nicht.
Wegen des Feuers beim Militär. Da müssen wir unseren Nachbarn Respekt erweisen“. Roswitha blickte ihn erstaunt an.
„Das meinst du doch jetzt nicht im Ernst? Anlässlich ein paar verbrannter Dachziegel soll ich unser Programm ausfallen lassen?“ fragte Roswitha verständnislos. Er drehte sich um und wankte zu seiner Küche um sich mit seinem auch schon betrunkenem Kollegen zu unterhalten.
"Was hat der Alkohol bloß aus ihm gemacht" dachte Roswitha etwas wehmütig. Sie hatte ihn früher sehr gut leiden können und hatte ihm nie vergessen, dass er ihr wahrscheinlich das Leben gerettet hatte als sie damals in Alis Auto gesessen hatte. Doch mit den Jahren war aus ihm ein unzufriedener Mann geworden, der etwas anderes sein wollte, als er tatsächlich war. Im Grunde konnte er doch zufrieden sein. Seine Arbeit warf zwar keinen Spitzenverdienst ab, doch er konnte seine Familie davon sehr gut ernähren. Sein Lohn beim "Kaptans" entsprach in etwa dem eines türkischen Beamten. Und überarbeiten musste er sich dafür nun wirklich nicht, im Gegenteil war seine Tätigkeit eher ein bezahlter Urlaub.
Er hatte eine ganz liebe Frau - auch wenn sie um die 200 kg hatte - und eine süße Tochter.
Was wollte er denn eigentlich?
An diesem Abend kam der Pianist schon mit einer roten Nase als er sein Programm
beginnen sollte.
Das hieß, er war blau.
Na das konnte ja lustig werden, wenn die 200 Gewerkschaftler kamen und das
Personal mitsamt Pianist schon um 20 Uhr betrunken war .Da musste Roswitha noch
ein ernstes Wörtchen mit ihnen sprechen.
Der Pianist setzte sich nun an sein Keyboard und spielte so leise, dass man ihn kaum
hören konnte.
Das Restaurant war gut besucht und die Gäste waren hauptsächlich
der Musik wegen gekommen.
Sie schickte Ferhat. Er teilte dem Pianisten mit, dass man ihn und seine Musik
im Lokal nicht hören
konnte -
Er tat, als ginge ihn das nichts an.
Roswitha ging darauf hin selbst zu ihm. „Dreh deine Orgel endlich auf, sonst
laufen uns die Gäste davon“.
Er nickte mit dem Kopf, spielte aber genauso leise
weiter wie gehabt
Immer wieder blickte er zur Küche wo Tamer ihm triumphierend zunickte.
Aha - das war also ein Komplott!
Roswitha stellte sich kampflustig vor den Pianisten. „Mach laut!“ befahl sie ihm
scharf
„Roswitha Hanim
- das Feuer heute - Tamer meinte...“ „Von wem bekommst du jeden Abend dein Geld?
Von Tamer oder von mir? Wer ist hier eigentlich dein Patron? Tamer? Ich sage es dir zum letzten Mal:
Mach sofort die Musik lauter“ schrie sie ihn nun kampfeslustig an.
Er schaute auf Tamer in der Küche und brüllte mutig zurück: „Nein!“
„Dann verschwinde ganz schnell von hier. Mit so einem Pianisten wie dir arbeite ich
nicht zusammen“.
Jetzt drehte er doch leicht an dem Lautstärke-Regler. Zu leicht! „Du bist
gekündigt“ sagte Roswitha und zog den Stecker aus seinem Keyboard.
Er nahm das nicht so ernst. Wusste er ja, in 2 Tagen würde Roswitha unbedingt
einen Pianisten benötigen.
Und so kurzfristig würde sie niemanden anderen finden können. Das war völlig
unmöglich!
Er marschierte in die Küche und gesellte sich zu den betrunkenen
Köchen.
Roswitha sprach mit Ferhat und mit Davut. „Wir werden jemanden finden. So
respektlos darf hier niemand mit dir sprechen“ beruhigten sie die aufgebrachte
Chefin. Sie hängten sich sofort ans
Telefon und riefen alle möglichen Leute an.
„Verlass dich darauf, du bekommst
einen neuen Musiker“. Sie halfen mit Freude dabei, den unverschämten Pianisten
schnellstens los zu werden.
Wie nicht anders erwartet: Ali stellte sich natürlich auf die Seite des Musikers.
„Er ist ein guter Mann. Du kannst ihn doch nicht einfach fristlos entlassen. Na
gut, er hat sich ein bisschen daneben benommen. Aber das ist doch kein Grund für
eine fristlose Entlassung“.
„Wenn dir gefällt, dass dich deine Angestellten wie einen Idioten behandeln,
dann ist das dein Problem Ali.
Mit mir macht das hier niemand“ schrie sie ihn an. „Er geht! Das garantiere ich dir. Wenn dir das nicht passen sollte, dann kannst du deinen Mist hier in Zukunft selbst machen - Dann gehe ich. Mit solchen Leuten arbeite ich nicht“. Verängstigt meinte er: „Aber die Sendika Party! Wir brauchen doch einen Pianisten...
Er soll wenigstens noch den einen Abend hier spielen...“ „Keine einzige Minute wird dieser Mann länger hier arbeiten.
Und wenn ich René an die Orgel setzen müsste“.
Ali ging zum Pianisten und meinte: "Sie beruhigt sich schon wieder! Morgen hat
sie das Ganze unter Garantie vergessen.
Sie ist halt sehr temperamentvoll".
Sie beruhigte sich nicht! Da kannte er sie schlecht.
Sie setzte alle Hebel in Bewegung, einen neuen Musiker zu finden.
Ihre beiden Freunde Davut und Ferhat halfen ihr mit großem Eifer dabei.
Zwei Tage gab es nur Musik von der Stereoanlage beim „Kaptan Restaurant“. Am Tag, an dem die große Party stattfand,
war dann endlich - wider aller Erwartungen - ein Pianist gefunden.
Er kam
am Nachmittag und Roswitha führte mit ihm das Einstellungsgespräch.
„Ich kannte dieses
Restaurant überhaupt nicht" Der junge Mann kam aus einer sehr guten Familie und
hatte bis jetzt nur in Hotels gespielt. "Was sind hier denn für Gäste“ - „Wir sind ein
Familienrestaurant. Alles sehr angenehme Leute - auch die Gäste“.
Nun kamen sie auf seine Gage zu sprechen. Pascha wollte 1Million pro Abend.
Roswitha bot ihm 800 000 TL. Sie verhandelten immer noch, als plötzlich Ali
neben ihnen stand.
„600 000 und keine Lira mehr“ brüllte er und klopfte energisch mit dem Finger auf den
Tisch. Weiter hatte er nichts zu dem Thema beizusteuern und entfernte sich
wieder, bevor jemand seinen Vorschlag ablehnen konnte. 700 000 TL bekam der jetzige
Pianist ja schon und der hatte Kost und
Wohnung
frei.
„Allah, Allah... wer ist der Opa?“ dachte Pascha erschrocken.
Roswitha sah an seinem Gesichtsausdruck was in ihm vorging. „Er ist der Besitzer
des „Kaptans“ und mein Partner“ erklärte sie ihm kurz. „OK Hör zu: Ich zahle dir deine Million.
Sollte dich aber Ali Bey nach deiner Gage fragen,
dann sagst du ihm nur 500 000 TL“ sagte sie.
Pascha war verwirrt über Roswithas plötzliches Einverständnis. Er hatte mit
höchstens
900 000 gerechnet. Das mussten ja kuriose Partner sein. Doch ihm konnte es egal
sein. Nachdem sie sich geeinigt hatten,
fuhr Davut mit ihm nachhause um dort seine Instrumente
zu holen.
Es war Eile geboten. In ein Paar Stunden begann das größte Fest, das jemals beim
„Kaptans“ stattgefunden hatte.
Als der alte Pianist die neue Orgel auf dem Platz sah, den er noch als den seinen
betrachtete,
war sein Gesicht gar nicht mehr siegessicher. Jetzt bekam er plötzlich
Angst doch seine Arbeit zu verlieren.
Roswitha hoffte inständig, Pascha - der neue Musiker - würde wenigstens einigermaßen gut sein.
Ansonsten müsste sie sich nach jemanden Anderen umsehen müssen. Sie fand Pascha
sehr sympathisch.
Und das er
nicht trank war das Allerbeste.
Erleichtert setzte sie sich zu
ihren Heinzelmännchen, Ferhat und Davut und bedankte sich für ihre Hilfe. "Das
vergesse ich euch nie". "Haben wir doch gerne gemacht. Diesen überheblichen
Pinkel konnten wir noch nie leiden".
Pascha war mit dem Aufbau noch nicht ganz fertig, als auch schon die ersten Gäste
der Feier eintrafen.
Erstaunt sah er, wie sich das Restaurant mit immer mehr Männern füllte. Das sollte ein Familien
Restaurant sein?
Außer Roswitha sah er nicht eine einzige Frau.
So wie es aussah würde er heute den ersten und gleichzeitig den letzten Abend
hier spielen.
Das war nicht ganz und gar nicht sein
Milieu!
Pünktlich fing er mit dem Programm an. Schon nach den ersten Tönen war für alle klar: Er war ein ausgezeichneter Musiker! Überdies sprach mit den Gästen überaus
höflich und erfüllte ihnen mit Freuden jeden Musikwunsch.
Ohne dafür die Hand
aufzuhalten! Roswitha konnte aufatmen.
In der letzten Loge waren noch 2 Gäste, die nicht zu der Party gehörten.
Sie waren schon am Nachmittag gekommen und ihre Rechnung betrug über 150 Mark.
Als die Kellner die nun kassieren wollten, riefen sie nach Ali. Es waren
Bekannte von ihm und er war sofort damit einverstanden, die Rechnung auf „Kredi“
schreiben zu lassen.
Roswitha die an der Kasse saß, fragte ihn wie lange er das denn noch so machen
wollte.
„Das sind Freunde von mir und die hatten halt das Geld gerade nicht einstecken“.
„Und mit was bitte schön soll ich die Steuerschulden bezahlen wenn keiner deiner Freunde seine Rechnung begleicht?“.
„Was weiß ich denn? Soll ich etwa mit meinen Freunden deswegen Streit anfangen?“.
„Du brauchst nicht zu streiten Ali. Du sollst ihnen nur sagen, dass du jetzt
einen Partner hast und wenn sie nicht bezahlen,
du aus deiner eigenen Tasche
ihre Rechnungen begleichen musst“ - „Was? Ich soll das bezahlen?“ schrie er
völlig außer sich.
„Natürlich du! Oder glaubst du etwa ich?“ brüllte sie zurück.
Zum Glück spielte Pascha so laut, dass nur die Gäste, die in nächster Nähe der
Kasse saßen,
den lautstarken Disput mitbekamen.
„So steht das nicht in unserem Vertrag“ schrie Ali. „Hayatim,(mein
Leben)
für jedem Kredi, der von heute an von deinen Freunden nicht bezahlt wird, nehme
ich die gleiche Summe für mich aus der Kasse“. „Dann können wir die
Steuerschulden niemals bezahlen. Dann wird alles hier versteigert“ schrie er so
laut, dass sich seine Stimme überschlug. „Es sind
deine Schulden und es sind deine Freunde. Sorge dafür, dass sie in Zukunft
bezahlen“ übertraf sie ihn noch an Lautstärke. „Keine Lira wirst du aus dieser Kasse nehmen“
brüllte er und schlug
mit der flachen Hand auf die Kasse, dass die Kugelschreiber hüpften.
„Und wer sollte mich daran hintern? Du etwa?“ schrie sie zurück.
Blitzschnell schnappte sie den kleinen Spieß, an dem die Bestellzettel der Gäste
aufgespießt waren - und warf damit nach Ali welcher panisch die Flucht ergriff..
Pascha hatte die Szene von seinem Podium aus beobachtet. Nein, hier würde er auf
keinen Fall arbeiten.
Die beiden Chefs schienen verrückt und äußerst aggressiv
zu sein. Und erst die Gäste...
Die Bauchtänzerin wurde vor seinen Augen fast zerrissen von den vielen betrunkenen Männern.
In was für eine Spelunke war er denn da geraten? Jetzt kam die deutsche Chefin auch noch direkt auf
ihn zu.
„Denk dir nichts“ sagte sie mit einem beruhigenden Lächeln, „es ist nicht jeden Tag so ein Chaos hier“.
Sie stellte ihm ein Glas Rakı
hin und strahlte ihn freundlich an.
„Die sind hier alle balla balla“ dachte er und nahm, gegen seine Gewohnheit,
einen Schluck Alkohol.
Als die Feier um 2 Uhr morgens zu Ende ging, kam der Mann der mit Roswitha den
Preis ausgehandelt hatte zur Kasse.
Er wollte seine Rechnung, die Ferhat schon erstellt hatte. Sie belief sich auf 2000 Mark.
Eigentlich war der Mann mit der Absicht gekommen, den Preis noch etwas herunterhandeln. Er hatte aber
mitbekommen,
wie heftig sich Roswitha mit Ali gestritten hatte und traute sich nun nicht so recht.
Umständlich redete er um die Sache herum.
Roswitha stellte ihm ein paar Flaschen Rakı hin. „Das ist alles was ich für dich tun kann. Ali hat hier so viele Schulden die bezahlt werden müssen. Außerdem hast du von mir sowieso einen sehr guten Preis bekommen“.
„Ich bezahle dir jetzt die Hälfte in bar, für die andere Hälfte gebe ich dir einen datierten Scheck.
Den kannst du in 4 Wochen einlösen“. So war das ursprünglich nicht ausgemacht. Doch was sollte sie machen?
Den Leuten die Mägen auspumpen?
„Der neue Pianist ist übrigens sehr gut. Ich werde jetzt viel öfter herkommen“.
Na ja, dann hatte sie wenigstens ein paar Gäste mehr. Das war doch ein Wort.
Ali war inzwischen betrunken und tanzte mit ein paar Männern zu seiner geliebten
Schwarzmeer Musik.
Dann war das Programm zu Ende und Pascha packte seine Instrumente ein.
Davut fuhr ihn nach Hause. Im Allgemeinen war er sehr zufrieden mit dem Abend.
Da er fast jeden Musikwunsch erfüllt hatte, hatte er auch jede Menge Trinkgeld
bekommen.
„Aber noch einmal spiele ich dort nicht“ sagte er zu Davut. Der versuchte ihn
zum Bleiben zu überreden.
Stundenlang unterhielten sie sich vor Paschas Haus. Roswitha, versuchte Davut
ihn zu überzeugen, sei eine Klassefrau.
Sie hätte nur große Schwierigkeiten mit Ali, seiner Familie und seinen Schulden.
Ali sei wirklich etwas verrückt, jedoch
harmlos.
Der Morgen graute schon, als sich Pascha entschloss, am nächsten Tag wieder zu seiner
neuen Arbeit zu erscheinen..
Der alte Pianist - der bis dahin immer noch nicht glauben wollte, dass er tatsächlich seinen Job verloren haben sollte -
sah am nächsten Tag, als Pascha
wiederkam, seine Felle endgültig wegschwimmen.
Zuerst versuchte er Ali zu überreden noch einmal mit Roswitha zu sprechen. Der
war aber viel zu feige und befürchtete,
wieder mit Spießen beworfen zu werden.
Also probierte er es selbst. Unterwürfig und katzbuckelnd kam er zu ihr. „Bitte! Versuch es noch einmal mit mir.
Ich habe eingesehen, dass ich einen großen Fehler gemacht habe. Ich verspreche dir, so etwas wird nie wieder vorkommen“. „Nein, das wird es bestimmt nicht. Es tut mir sehr leid, doch mein Entschluss steht fest. Ich bin mit Pascha überaus zufrieden. Dazu kommt, dass er mich um einiges billiger kommt als du. Er bekommt seine Gage und ansonsten habe ich keine weiteren Unkosten. Er trinkt nicht und er belegt auch keinen Bungalow bei uns. Und er respektiert mich als Patron“.
Sie stand auf. Das Thema war abgeschlossen.
Nach ein paar Tagen, Pascha hatte sich inzwischen gut eingelebt und mochte Roswitha sehr, fragte sie ihn ob er nicht einen guten Solisten für ihr Programm kannte.
Er
wollte sich umhören wer seiner Bekannten zurzeit ohne Engagement war.
„Letztes Jahr ist hier mal jemand aufgetreten - der wäre ideal. Leider weiß ich
nicht wie er heißt und wo er arbeitet“.
Als Roswitha ihn beschrieb wusste Pascha,
wen sie meinte.
Er wollte sich erkundigen wo er derzeit arbeitete.
Roswitha wollte ein Super Programm auf die Beine stellen. Den Pianisten dafür hatte sie. Jetzt musste
noch ein guter Sänger gefunden werden. Und eine sensationelle Bauchtänzerin.
Sorgen machte ihr die Küche. Da ging nichts so, wie es sollte. Mit Ali hatte sie
da überhaupt keine Hilfe.
Er war mit dem Essen sehr zufrieden. Es interessierte ihn nicht im Geringsten,
dass laufend Beschwerden seitens der Gästen kamen.
Als Roswitha am Fluss entlang schlenderte und wieder einmal hörte, wie sich ein paar Gäste untereinander über das
schlechte Essen aufregten,
ging sie zu ihrem Personal das sich um die Kasse
versammelt hatte.
Sie erzählte ihnen aufgebracht: "Müşteriler
Yemek
için
İntihar
ediyorlar (Die Gäste beschweren sich
übers Essen)“.
Erschrocken schrieen alle: „Nerde?“ (Wo?) „In Loge 8“ antwortete Roswitha verwundert, dass plötzlich alle aufgeregt in diese Richtung rannten.
Als sie wieder zurück kamen
fragte sie: "Was ist denn passiert? Gab es ein Problem?".
„Ja - wir dachten doch, unsere Gäste würden Selbstmord begehen“ -
„Selbstmord? Wie kommt ihr denn darauf?“ „Du sagtest
İntihar,
das heißt Selbstmord. İtiraz
(beschweren)
wolltest du wahrscheinlich sagen“. Umbringen wollten sich die Gäste natürlich
nicht wegen des miserablen Essens. Sie wechselten lieber das Lokal.
Von solchen kleinen Missverständnissen einmal abgesehen, konnte sich Roswitha
aber sehr gut verständigen.
Davut sagte einmal: „Dein Türkisch ist am besten, wenn du dich mit Ali streitest. Dann sprichst du nahezu fehlerfrei“.
Ja dann musste sie
natürlich mit ihm weiterhin schreien. Schließlich war sie täglich darum bemüht
ihr Türkisch zu verbessern.
Roswitha war, trotz aller Schwierigkeiten immer noch sehr glücklich. Probleme
waren da, um gelöst zu werden.
Und sie hatte sogar Spaß daran. Sie hatte das Gefühl, dass die ganze Welt ihr
gehören würde und es nichts gab,
was für sie unmöglich gewesen wäre. Sie ging oft noch nach dem Programm nach
Antalya mit ihrem Personal und amüsierte sich ausgelassen wie ein glückliches
Kind. Oder sie schwamm noch nachts in ihrem geliebten Meer.
Das Leben war herrlich. Sie hatte eine rosarote Brille aufgesetzt und was sie nicht sehen wollte, sah sie einfach nicht.
Außerdem war das Leben zu kurz, um es sich mit unangenehmen Dingen zu versauen.
Sie sprühte vor Optimismus und Lebensfreude.
"Was ist denn jetzt passiert?" dachte sie verwundert als sie ins Restaurant kam und feststellen musste, dass dort alle Telefonanschlüsse gesperrt worden waren. Und dass, obwohl alle Schulden bei der Post bezahlt waren. „Ali was ist los?
Warum gehen die Telefone schon wieder nicht?“
„Was weiß ich... Wahrscheinlich weil du verboten hast, dass der Postdirektor hier Picknick macht“.
„Deswegen kann er doch nicht grundlos die Telefone lahm legen. Das muss
einen anderen Grund haben“.
Für Ali waren gesperrte Telefone nicht ungewöhnlich. Er regte sich darüber nicht
sehr auf und unternahm auch nichts,
der Sache auf den Grund zu gehen.
Als Davut mit dem Frühstück fertig war, riefen sie zusammen bei der Post an.
„Wir haben damit nichts zu tun“ bekamen sie die verblüffende Antwort. „Ihre Anschlüsse sind von der
Sozialversicherung gepfändet worden.
Vermutlich haben sie dort Schulden“.
Mit Davut fuhr Roswitha nach Antalya. Sie erfuhren bei der Versicherung, dass
auch dort über 3 Jahre vor Roswithas Zeit bis zum jetzigen Zeitpunkt, nie eine Lira bezahlt
worden war. „Wir haben ihre Telefone gepfändet und wenn sie innerhalb der
nächsten 14 Tage die Schulden nicht bezahlen können, wird auch am „Kaptan Kamping“
gepfändet werden.
So leid es mir tut - Dann müssten sie zumachen!“.
Wieder waren es mehrere Tausend Mark. Wieder war dieses Geld nicht auf
Çahits Liste, die sich fast täglich erweiterte. Gemeinsam verhandelten Davut und
Roswitha mit dem Mann.
Er war sehr verständnisvoll und entgegenkommend und erklärte sich bereit, den
vordatierten Scheck als Anzahlung anzunehmen und die Telefone zu öffnen. Der
Rest konnte in Raten abgestottert werden.
Roswitha hatte keine andere Wahl. Sie musste diese Schulden bezahlen, wenn sie
weiter am
"Kaptan Kamping" arbeiten wollte.
Das wäre normalerweise auch kein Problem gewesen - aber Ali...
Er blockierte ihre Arbeit indem er immer noch mit diesem Picknick weitermachte
und die Küche dermaßen in Schutz nahm,
dass es hochgradig Geschäftsschädigend
war.
Stundenlang unterhielt sie sich mit Davut darüber. Auch ihm war Alis Verhalten
ein Rätsel.
Doch so sehr sie auch darüber sprachen, es änderte nichts an der
Tatsache.
Als sie vom einkaufen nachhause kamen, war wieder Picknick. Ferhat war sehr
wütend auf Ali.
„Er hat
diese Leute eingeladen und ich konnte es nicht verhindern“.
Roswitha suchte Ali und fand ihn beim Picknick. „Kann ich dich einen Moment
sprechen“ sagte sie zu ihm.
„Natürlich Tatlım(Süße)“ sagte er und folgte ihr wie ein geprügelter Hund. „Ali, ich komme gerade von der Sozialversicherung. Dort hast du mehrere tausend Mark Schulden. Kannst du mir erklären, wie du die bezahlen willst mit deinem Picknickscheiß?“ „Güzelim, dass ist ein sehr wichtiger Mann. Ein... ein Minister... Da konnte ich unmöglich nein sagen“
„Deinen Minister kenne ich zufällig. Das ist ein ganz ordinärer Schrotthändler mit seinem Liebchen.
Es reicht jetzt. Ich habe keine Lust, deine Schulden zu bezahlen und mich auch noch obendrein mit dir auseinander setzen zu müssen. Du kannst ja mal mit deinen Ministern sprechen. Vielleicht erlassen sie dir ja deine Schulden beim Finanzamt und bei der Versicherung. Ich mache so nicht weiter mein Freund“.
Damit ließ sie ihn stehen und ging zum Caravan um ihre Sachen zu
packen.
Ferhat hatte den Streit mit angehört und war sehr traurig. Er wollte nicht, dass
Roswitha und René gingen.
Er mochte die beiden sehr. Am liebsten hätte er Ali verdroschen. Ayşe kam angelaufen und als sie Roswitha beim packen sah, fing sie zu weinen an. „Weine nicht. Für mich ist es viel besser, wenn ich gehe. Wenn ich hier weiterarbeite,
bin ich noch ein viel größerer Idiot als Ali einer ist. Seit über einem Jahr muss ich mich jetzt mit Alis Picknick herumschlagen.
Dann soll ich auch
noch seine Schulden bezahlen, die nie enden werden. Ja wie denn?“
Ayşe nahm Roswitha in den Arm. „Ich verstehe. Aber willst du es dir nicht noch
einmal überlegen?
Du liebst doch Antalya so sehr. Sprich doch noch einmal mit
Ali“.
In diesem Moment kam er um die Ecke. Roswitha warf zornig mit allem was in ihrer
Reichweite stand nach ihm.
Ayşe ergriff ängstlich die Flucht.
„Tatlım beruhige dich doch“ sagte er und wehrte die auf ihn fliegenden
Tassen und Gabeln ungeschickt ab.
„Darüber können wir doch reden“. „Wir haben genug geredet. Hat
es etwas gebracht?
Wir haben jetzt Picknick mit Ministern!
Du mischt dich in alles ein, doch deine Schulden darf ich alleine bezahlen.
Die Saison geht zu Ende und ich habe kein Geld. Die Einnahmen sind deutlich niedriger sind als die Ausgaben.
Ganz klar, deine Freunde amüsieren sich hier ja auf Pump. In der Küche darf nichts verändert werden, weil Tamer dein guter Freund ist. Siehst du denn nicht, dass er mit voller Absicht versucht das Geschäft kaputt zu machen?
Wenn die Gäste sich dann über das schlechte Essen beschweren, schiebst du die Schuld auf unsere Kellner.
Tut mir leid, ich verstehe dich nicht. Ist der Pianist respektlos, muss ich mich zuerst mit dir streiten, bevor ich ihn entlassen darf. Wenn jetzt nichts geändert wird, verlierst du diesen Winter alles. Wenn du es so haben willst: Bitteschön!
Ich habe keine Lust da mitzumachen“.
„Ich versteh dich schon, nur mit dem Picknick kann ich nicht von heute auf
morgen einfach aufhören.
Aber ich verspreche dir, ich schaffe es nun endgültig ab. In der Küche kannst du machen, was du für richtig hältst.
Und das Personal
ist in Zukunft allein deine Angelegenheit. Damit du siehst, wie ernst es mir diesmal
ist, gebe ich dir mein Versprechen schriftlich“. Er zog sie mit sich fort, zum
Restaurant.
Yilmaz setzte ein Schriftstück auf, worin geschrieben stand, dass die alleinige
Leitung des Personals uneingeschränkt
von Ali an Roswitha übergeben wurde. Er
unterschrieb.
Roswitha packte wieder aus. Ali schien diesmal wirklich Nägel mit Köpfen zu
machen und nicht nur leere Versprechungen.
Am Abend wurde
nach dem Programm
gefeiert. Die Kellner waren heil froh, Roswitha
als alleinigen Boss zu haben.
Ali schaute grimmig drein. Er bereute schon wieder unterschrieben zu haben. Und jetzt wurde dass auch noch gefeiert...
Als er dann von den Jungs auf die Tanzfläche gezogen wurde, tanzte er fröhlich zu seinen geliebten Schwarzmeerklängen und war wieder zufrieden.
Es
war ende August geworden. Das Restaurant war in dem Jahr sehr gut gelaufen und
seine Umsätze konnten sich sehen lassen. Nur die Küche dachte nicht daran, etwas
zu verändern oder den Alkoholkonsum einzuschränken. Roswitha hatte dem Personal verboten,
während der Arbeit zu trinken. Das betraf das Küchenpersonal genauso wie die
Kellner.
Da sich keiner von ihnen an das Verbot hielt, verbot Roswitha nun auch die
Ausgabe von Alkohol ans Personal.
Weder vor, noch nach getaner Arbeit.
Wenn sie schon saufen wollten, dann sollten sie sich ihren Schnaps wenigstens selbst und auf eigene Kosten besorgen und nicht die Bar beim "Kaptans" plündern. Etwa 15 Mann Personal waren dort beschäftigt.
Nur 1 Einziger davon war praktizierender Moslem
und nahm keinen Alkohol zu sich. Alle anderen tranken was sie bekommen konnten.
Selbst wenn einmal wenig Gäste kamen, die Spirituosen mussten täglich aufgefüllt
werden, da das Personal an manchen Tagen mehr davon verzehrte als die zahlenden
Gäste.
Am schlimmsten hatte das stickte Alkoholverbot die Köche getroffen, die sich nun eine neue Methode
ausdachten um an ihr geliebtes Feuerwasser zu kommen. Sie machten das
Personalessen so ungenießbar, dass außer Ali kaum jemand davon essen konnte. Wollte
dann jemand
etwas genießbares haben, wurde getauscht. Schnaps gegen Köfte. Die Garsongs
verdünnten den Rakı
der Gäste mit abgekochtem Wasser und den daraus
entstehenden Überschuss bekam das Küchenpersonal.
Es dauerte eine Zeitlang, bis Roswitha dahinter kam. Sie veranstaltete ein
furchtbares Donnerwetter in der Küche.
Ali
stellte sich auch bei diesem Streit wieder voll hinter
seinen Tamer. Er glaubte ihm seine fadenscheinigen Ausreden und meinte noch
obendrauf, dass Personalessen sei jederzeit delikat gewesen.
Es hatte sich auch mit seiner Unterschrift überhaupt nichts geändert. Hielt
Roswitha ihm den Wisch unter die Nase meinte er nur: „Was willst du damit? Ich
bin der Boss hier und kann unterschreiben, was ich will“
Picknick gab es nach wie vor. Mit dem feinen Unterschied, dass Ali die Leute
nun heimlich in den Platz schmuggelte und sie an den unmöglichsten Orten
platzierte. Unzählige Male hatte Roswitha sich deswegen wieder mit ihm
gestritten.
Die Kredit Rechnungen wurden erst dann etwas reduziert, als sie damit anfing,
wirklich identische Summen für sich aus der Kasse zu nehmen. So kam sie
wenigstens zu ein paar tausend Mark.
Ein riesiges, amerikanisches Wohnmobil mit deutschen Kennzeichen fuhr die Einfahrt herunter.
Am Steuer saß eine zierliche blonde Frau deren Mann es sich auf dem Beifahrersitz bequem gemacht hatte.
Das Personal amüsierte sich darüber. „Der Opa lässt die kleine Oma dieses große Auto fahren. Der
hat Mut“.
"Wir würden gerne hier auf ihrem Platz überwintern. Sie haben doch den Winter
über geöffnet?" fragten sie Roswitha als sie sich den Camping und die Duschen
angesehen hatten. Die Eheleute hatten in früheren Jahren als Tropenärzte in den verschiedensten Ländern gearbeitet.
Nun genossen sie ihr Rentendasein und reisten mit dem Wohnmobil durch die
Welt,
was ihnen sichtlich großen Spaß machte.
Als sich Roswitha ein paar Tage später mit dem reizenden Ehepaar unterhielt und davon sprach,
dass sie für René eine geeignete Schule suchen würde, beruhigte sie die freundliche Ärztin.
"Ich habe selbst 5 Kinder die alle die Grundschule fern der Heimat besucht haben
weil wir zu der Zeit ausschließlich im Ausland gearbeitet haben.Einer meiner
Söhne hatte hier in der Türkei seine Einschulung. Er ist heute
Professor an einer Universität in Tokio. Bis zur vierten Klasse ist das überhaupt kein Problem
für ihren René.
Danach sollte er dann auf eine deutsche Schule gehen“.
Nach diesem Gespräch sah Roswitha der Schulzeit ihres Lieblings etwas gelassener
entgegen. Sie hatte sich wirklich Sorgen gemacht, die Schulen der Türkei könnten vielleicht nicht gut
genug für ihn sein. „Soll ich ihn denn
wirklich nicht auf einer Privatschule anmelden?“. „Nein, das Geld können sie sich
mit ruhigem Gewissen sparen. Die staatlichen Schulen sind hier sehr gut. Sie werden das
selbst feststellen können. Schicken sie ihn aber nach Antalya denn eine Dorfschule ist
nicht sehr empfehlenswert. Sie werden sehen, das Schul- System hier ist mindestens so
gut wie zuhause.
Ab der 5 Klasse jedoch sollte er in Deutschland weitermachen“,
legte sie ihr noch einmal ans Herz.
Roswitha hatte sich schon über ein paar Schulen erkundigt. Immer wieder war der
Name „Barbaros“
gefallen.
Mit Davut und René zusammen sahen sie sich diese Schule an. Sie war leicht zu erreichen denn sie befand sich unmittelbar hinter der Serpentine auf der Hauptstraße über die man in die Innenstadt gelangte.
Von den Fenstern der Schule konnte man ungehindert aufs Meer hinunter blicken. „Mein Sohn“ sagte sie zu René.
„Hast du ein Glück. Schule mit Meerblick. Das ist doch toll“. René fand es gar nicht toll.
Was hatte er in der blöden Schule zu schaffen?
Er wäre viel lieber an seinem Campingplatz geblieben. Aber es nützte nichts. Er wurde angemeldet.
Wieder einmal war Roswitha sehr froh, Davut an ihrer Seite zu haben. Die ganzen Formalitäten ...alleine hätte sie da
niemals den Durchblick behalten.
Heimlich hatte sie auch etwas Angst, man könnte René dort nicht annehmen. Er hatte ja
einen anderen Nachnamen als sie selbst. Oder wenn eine Genehmigung vom
bayrischen staatlichen Schulamt verlangt würde?
Doch die Anmeldung klappte ohne Probleme. Niemand fragte etwas was nicht
beantwortet werden konnte. Es genügte,
dass
sie der Patron des „Kaptan Restaurant“ war. Der Direktor war auch etwas stolz,
dass ein deutsches Kind an seiner Schule eingeschult wurde. Das kam nicht so oft
vor. In seiner ganzen Laufbahn war es mit René das erste Mal. Nachdem dann ein
paar Millionen für die Schule beim Sekretariat einbezahlt waren, wurde René
offiziell als Schüler der Klasse 1-i eingeschrieben.
Roswitha fiel ein großer Stein vom Herzen. Die Türkei war ein herrliches Land.
Nichts war unmöglich.
Mecki arbeitete beim „Döner Kasino“ über dem „Kaptans Restaurant“. Ab und zu kam er vorbei und besuchte Tamer,
den er früher - als er noch Chefkellner war - am liebsten sofort entlassen hätte.
Jetzt verstand er sich ausgezeichnet mit ihm.
René freute sich, wenn er seinen Vater wieder sah. Er hatte akzeptiert, dass
Mecki jetzt nicht mehr im Kaptans Restaurant arbeitete. Dort hatte er ja Pascha
und Davut.
Immer öfter sang René nun vor Publikum im Restaurant. Er, der vor kurzer Zeit
noch furchtbare Hemmungen hatte,
stellte sich mit dem Mikrofon auf die
Tanzfläche und sang.
Roswitha war schrecklich stolz auf ihn. Er hatte aber auch wirklich eine schöne
Stimme.
Die Gäste waren begeistert von ihm und René bekam bei seinen Auftritten tosenden Beifall.
Als sein erste Schultag gekommen war wurde der Kleine von Roswitha und Davut in sein Klassenzimmer gebracht.
Auch der nette Lehrer freute sich sehr, einen
Deutschen in seiner Klasse zu haben und war überaus freundlich zu ihm.
Da die Schule einen überaus guten Ruf hatte, hatte sie auch eine große Anzahl an
Schülern.
Damit die Klassen nicht zu groß wurden, war der Unterricht auf 2 Schichten gelegt worden.
René war im ersten Jahr ‚öğlenci‘.
Das hieß, sein Unterricht begann kurz nach 12 Uhr mittags und endete um 17 Uhr.
Die andere Gruppe Schüler kam morgens um 7 Uhr. Ihr Unterricht endete um 12 Uhr
mittags.
Als Renes Lehrer die Liste mit den zu besorgenden Heften und Bücher aushändigte,
war Roswitha sehr froh Davut an ihrer Seite zu haben. „Önlük“
stand da auf der Liste. "Was um Himmels Willen ist das denn?" fragte sie ihn
verzweifelt.
Davut fuhr in die Stadtmitte und zeigt Roswitha die blauen Schuluniformen, die
jetzt überall in den Geschäften hingen.
René sah sehr süß damit aus. Er war nun ein "original türkischer Erstklässler"
der sich in nichts von seinen Klassenkameraden unterschied. Selbst an der
Sprache konnte niemand feststellen, dass er eigentlich Deutscher war. Er sprach
inzwischen ein schönes, fehlerfreies Türkisch.
Als Roswitha ihn erstmals am Freitagmittag zu Schule brachte, stand er mit seiner Klasse auf dem Schulhof stramm und sang die türkische Nationalhymne und das Erste was er im Unterricht auswendig lernen musste war: „Ne mutlu Türküm diyene“.
Was frei übersetzt etwa heißt: „Ich bin glücklich ein Türke zu sein.“
Nach einer Woche schien es, als habe er sich mit der Schule abgefunden.
Nach zwei Wochen wollte er dann nicht mehr hingehen. „Ich vergeude nur meine
Zeit dort. Auf dem Camping lerne ich viel mehr. Kannst du meinem Lehrer nicht
klar machen, dass meine Arbeit hier wichtiger ist als seine Schule?“
Roswitha
brauchte ihre ganze Überredungskunst um ihn zu überzeugen, dass er nicht wegen
seines Lehrers zur Schule ging, sondern für seine eigene Zukunft.
Er war zwar immer noch skeptisch, doch immerhin ging er seiner Mama zuliebe noch mal.
„Roswitha kannst du mal in Loge 5 gehen? Da sitzt ein Deutscher. Ich denke, er will einen Bungalow anschauen.
Genau habe ich ihn nicht verstanden, “ sagte
Faruk.
Roswitha begrüßte den Landsmann und setzte sich zu ihm. „Ich habe eine
Segelyacht in der "Setur Marina" die überholt werden muss“, erzählte er. „Für
diese Zeit würde ich eventuell einen Bungalow hier mieten.“
Nachdem er davon einen besichtigt hatte meinte er, sobald er Bescheid wüsste wann die
Arbeiten an seinem Schiff beginnen, würde er für ein paar Tage ihr Gast werden.
Er war früher Admiral bei der deutschen Marine gewesen und genoss nun
sein Rentnerdasein - was er meistes auf seiner Segelyacht tat .
Er kam auch am darauf folgenden Tag. Wieder setzte sich Roswitha zu ihm. Sie gab
einen Rakı aus,
den zweiten spendierte dann er. „Ich bin der Michael“ meinte er kameradschaftlich. Sie tranken Brüderschaft.
Nach dem dritten Schnaps hatte er
schlagartig nur noch ein Thema: Sex!
Irritiert von der schnellen Veränderung vom Gentlemen zum Sexidioten stand sie
auf und ließ ihn alleine sitzen.
Was war dass denn für ein drolliger Admiral? Sie kicherte immer noch vor sich
hin als Ali kam.
„Heute Vormittag waren ein paar Männer vom Zoll hier und haben nach deinem
Mercedes und dem Caravan gefragt.“
Er war sehr aufgeregt. „Ich war selbst leider nicht hier, Ferhat hat es mir berichtet. Ich fahre jetzt und versuche heraus zubekommen, wer diese Männer sind. Wenn ich Glück habe, kenne ich jemanden davon.“ „Bis jetzt hat sich doch nie einer dafür interessiert. Was ist passiert?“ „Es hat dich jemand angezeigt. Wenn ich diesen Hundesohn erwische, bringe ich ihn um.“
„Und was machen wir nun?“ „Ich fahre jetzt. Alles andere besprechen wir später.“
Er war sehr aufgeregt und verunsichert. Warum verstand Roswitha eigentlich nicht. Er hatte
doch immer gesagt, es wäre nun alles in bester Ordnung und schlimmsten Falls
könnte alles mit ein paar Hundert Mark geregelt werden.
Warum also jetzt diese Panik?
Was
Roswitha viel mehr interessierte war, wer sie angezeigt haben könnte.
Als Ali nach 2 Stunden wiederkam, war er immer noch bleich, doch nicht mehr ganz so panisch.
„Stell dir vor, einer der Zöllner kommt aus demselben Dorf wie ich. Sie werden morgen noch einmal hier vorbeikommen.
Das Beste ist, du bist dann mit
deinem Mercedes nicht hier.Erst will ich mit ihnen alleine sprechen“.
Also fuhr Roswitha am nächsten Tag mit Davut nach Antalya.
Sie setzten sich in einen Pide Salon
und bestellten Türkische Pizza.Nach dem Essen schaute Davut in den Kaffeesatz.
„Wegen deines Autos brauchst du dir keine Sorgen zu machen. Da passiert überhaupt nichts.
Du wirst sehen. Und später sehe dich sehr glücklich und reich“. „Das Geld kommt aber mit Sicherheit nicht vom ‚Kaptans‘.
Dort stopfe ich ein Schuldenloch zu und ein größeres tut sich wieder auf. Reich kann ich da bestimmt nicht werden“.
„Das Geld, dass ich hier sehe, kommt völlig unerwartet und von einer Quelle, an die du nie gedacht hättest.
Wie ein Himmelsgeschenk“.
Hatte ihr Emine nicht einmal genau das Gleiche prophezeit? Doch daran glaubte Roswitha immer
noch nicht.
Wenigstens nicht wirklich. Wo sollte so ein großer Geldsegen denn
schon herkommen?
Sie unterhielten sich noch eine Zeitlang über Gott und die Welt. Von Davut
erfuhr sie eine Menge über den islamischen Glauben. Den Koran kannte Davut sehr gut.
Bis zum neuen Testament waren Koran und Bibel beinahe identisch. Erst ab Christi Geburt unterscheiden sich die Bücher.
Jesus wird im Koran als Prophet verehrt.
Anstelle der 10 Gebote der Bibel gibt es im Koran die 5 Säulen des Islams:
1) Wie auch in der Bibel geloben die Moslems, nur an einen Gott, den Gott
Abrahams, an Allah zu glauben.
Aus diesem Grunde wird Jesus auch nicht als
Gottes Sohn, sondern als ein Prophet verehrt.
(Es wären sonst ja 2 Götter)
2) Gebetet wird 5 Mal am Tag: Bei Sonnenaufgang, mittags, nachmittags, bei
Sonnenuntergang und zuletzt in der Abenddämmerung.
3) Gefastet wird im Ramazan, (Ramadan) dem 9. Monat des islamischen
Mondkalenders.
4) Jeder wohlhabende Moslem muss den Armen ein Vierzigstel seines jährlichen
Verdienstes abgeben.
5) Einmal im Leben sollte jeder Moslem eine Pilgerfahrt nach Mekka machen.
Jedoch nur, wenn seine finanzielle und gesundheitliche Situation
das auch zulässt.
Eine große Sünde ist es, über jemanden Gerüchte in die Welt zu setzen und eine
noch größere, solche Gerüchte auch noch zu verbreiten.
Heilige Pflicht eines jeden Moslems ist, anderen in der Not beizustehen und zu
helfen.
Über fast alles gibt es Regeln im Koran. Es gibt Suren über die Kleidung
genauso, wie über die Schrift und das Schreiben. Minutiös ist die Zeit des
Fastens beschrieben.
Vor jedem Gebet hat sich ein Moslem gründlich zu waschen. Dafür gibt es ein
bestimmtes Reinigungsritual,
dass von jedem gläubigen Moslem praktiziert wird.
Selbst wie man sich nach einem Geschlechtsverkehr zu waschen hat, ist im Koran
genau festgelegt.
Zu beinahe jeder Frage des täglichen Lebens gibt es im Koran eine Antwort.
Gewalt im Namen Allahs auszuüben ist nicht erlaubt.
Sollte jedoch einem Moslem verboten werden, seinen Glauben ungehindert zu
praktisieren darf er sich zur Wehr setzen und für seine Religion auch kämpfen.
Aber nur dass wäre ein Grund.
Der Islam ist eine sehr friedliche und tolerante Religion.
In manchen Fragen mehr, als der Katholizismus.
Inzwischen war es 17 Uhr geworden und
Davut holte mit Roswitha René von der Schule ab und fuhren mit ihm nachhause.
„Roswitha - Ali sitzt mit den Zollfahndern im Restaurant und sagte, du sollst
auch kommen“
sagte Ferhat als sie wenig später vor dem Restaurant vorfuhren.
Als sie die 5 Männer mit Ali sitzen sah dachte sie:
„Die schauen aber finster drein“.
Sie begrüßte sie und Ali stellte einen großen, hageren Mann als
Selçuk
Bey vor.
Er war der Chef dieser Männer. „Selçuk ist erst vor ein paar Tagen aus Istanbul
hierher versetzt worden“ klärte Ali Roswitha auf. Sie gratulierte ihm. „Sie
sind wohl sehr glücklich, in so einer schönen Stadt wie Antalya zu arbeiten?“
„Eigentlich habe ich meine Arbeit in Istanbul sehr geliebt. Wenn sie meinen, ich
müsste froh sein, hierher versetzt worden zu sein... so habe ich das noch gar
nicht betrachtet“ meinte er nachdenklich. Er hatte seine Versetzung bis zu
diesem Moment eigentlich mehr negativ gesehen. Er machte ihr Komplimente „Es ist bewundernswert, wie gut
sie türkisch sprechen“
und erwähnte mit keinem Wort weder ihren Mercedes noch ihren
Caravan.
Nach einer Stunde angeregter Unterhaltung verabschiedeten sich die Männer. Sie
bedauerten nicht mehr Zeit zu haben doch sie hatten noch einen dringenden Termin.
Ali war sehr erleichtert. „Selçuk will in Kürze seine Familie aus Istanbul
nachkommen lassen. Ich habe ihm angeboten, mein Haus zu mieten“. „Wow... Das wäre ja
die Lösung. Dann kommt deine Mumie vielleicht nicht mehr hierher “ meinte
Roswitha, begeistert von dieser genialen Idee. „Wenn das Haus vermietet ist, wird sie
nicht mehr kommen wollen.
Ich glaube nicht, dass sie in einen kleinen Bungalow
einziehen wird, der offiziell an mich verpachtet ist“.
Alis Frau kam bis dato nach wie vor und verbrachte die Schulferien am „Kaptan Kamping“.
Und dass, obwohl jetzt keiner ihrer Söhne dort arbeitete! Jedes Mal brachte sie
noch zahlreiche Gäste mit, die sich alle aus der Restaurantküche verpflegten.
Das sie Alis Frau samt Anhang mit verhalten musste, war eine Zumutung und ärgerte Roswitha schon lange. Obwohl die Mumie sie immer freundlich grüßte, wenn sie ihr begegnete.
Ali hatte
ja von seiner Ehe die reinsten Horrorgeschichten
erzählt - Nein, Roswitha wollte mit ihr nichts zu tun haben.
„Mal sehen“, meinte Ali. „Selçuk muss das Haus erst seiner Frau
zeigen“.
Ein paar Tage danach sah Roswitha ein Wohnmobil in den Camping einfahren, das
ihr irgendwie bekannt vorkam.
Sie hatte zwar überhaupt kein Personengedächtnis, doch an Autos konnte sie sich gut erinnern.
Und dieses Wohnmobil gehörte
- Helmut.
Erfreut lief sie ihm entgegen. „Das ist schön, dass du doch noch kommst. Ich
hatte eigentlich früher mit dir gerechnet“
begrüßte sie ihn lachend und
umarmte ihn stürmisch.
„Leider bin ich schon auf dem Heimweg und warte hier nur auf die Fähre nach
Venedig“.
„Ja... wo warst du denn bis jetzt?“ fragte sie ihn enttäuscht. „In Alanya. Dort
habe ich Adolf getroffen.
Der erzählte mir, dein Platz hier würde nicht mehr
existieren. Du hättest angeblich Alis gesamtes Vermögen beim Roulett verspielt
und
Ali würde jetzt - völlig verarmt - Limonade auf der Straße verkaufen“.
Das war ja eine bodenlose Verleumdung! Sie musste erst einmal tief Luft holen um
diese Lügen verdauen zu können.
Das Ali Limonade verkaufte, war im Prinzip richtig. Er fuhr jede Woche, wenn die
Fähre aus Venedig ankam, mit René und einem Kellner zum Hafen. Dort verkaufte er
kalte Getränke an die bei den Zollformalitäten wartenden Touristen.
Er wollte damit die Leute auf seinen Camping aufmerksam machen.
Alle Neuankömmlinge bekamen eine Visitenkarte von seinem Platz zugesteckt!
Ein Mordsspaß auch für René, der Cola an Deutsche verkaufte.
Und Roswitha hatte
in ihrem Leben noch kein Spielkasino von innen gesehen.
„Warum hast du denn nicht hier angerufen?“ wollte Roswitha nun von Helmut
wissen. „Habe ich ja. Euere Telefone waren gesperrt. Da habe ich angenommen,
Adolf hätte die Wahrheit gesprochen und bin in Alanya geblieben.
Wenn ich diesen Lügner noch einmal treffe, dann werde ich ihm die Meinung stecken.
Und
anschließend spreche
ich nie wieder mit ihm“.
Arm in Arm schlenderten sie zum Restaurant wo sich Ali aufhielt. Hocherfreut begrüßte er den alten Freund.
Die Lügen die Adolf verbreitete und das er die anderen Touristen davon abhielt
bei ihnen zu campen, fand er überhaupt nicht schlimm.
„Schade das er nicht mehr kommt“ bedauerte. Helmut und Roswitha blickten sich verständnislos an.
„Das ist nicht schade, das ist ein Glück. Es erspart mir, ihn hinauswerfen zu
müssen, “ fuhr Roswitha ihn rabiat an.
Als die Fähre 2 Tage später ablegte, winkte Roswitha Walter betrübt hinterher. Er hatte aber versprochen,
im nächsten Jahr mindestens 6 Wochen beim „Kaptans“
zu verbringen.
Sie freute sich schon auf ihn.
Wieder zurück entdeckte sie Michael an einem Tisch. Freundlich winkte er ihr und bat sie, bei ihm Platz zu nehmen.
Misstrauisch sah sie ihn an. Er schien
nüchtern zu sein also setzte sie sich zu ihm.
Diesmal hielt er sich mit seinen Rakıs zurück und die Unterhaltung verlief
normal. Noch einmal wunderte sie sich,
was der Alkohol mit den Menschen
anstellen konnte. Wenn Michael nüchtern war, war er nämlich ein sehr guter
Gesprächspartner mit einer guten Allgemeinbildung. Seine Erlebnisse bei der
Bundeswehr oder seine Reiserzählungen waren mehr als interessant.
Doch nach spätestens 3 Schnäpsen entwickelte er sich zum Schrecken aller Frauen.
An diesem
Tag verlief die Unterhaltung jedoch ohne dass Michael ausrastete.
Wieder kam ein Wohnmobil aus Deutschland gekommen.
Davut brachte Roswitha die Pässe an die Kasse. Neugierig auf die Neuankömmlinge
ging Roswitha zum Campingplatz.
Das Wohnmobil war unbeleuchtet. Die Leute
schienen sich schon hingelegt zu haben.
Roswitha trug die Daten aus den Ausweisen in ihre Bücher ein und ging wieder
zurück ins Restaurant.
Den Deutschen bekam sie erst am nächsten Morgen zu Gesicht. Sie begrüßte ihn und
lud ihn auf eine Kaffee ein.
„Wie lange werden sie voraussichtlich hier bleiben?“ wollte sie von ihm wissen. „Das weiß ich noch nicht genau.
Kommt darauf an, wann ich ein Schiff finde“. „Wenn sie die Fähre meinen - die fährt heuer nicht mehr von Antalya ab“.
„Nein, ich warte nicht auf die Fähre. Ich möchte hier eine Yacht kaufen. Können sie mir vielleicht sagen,
an wen ich mich da wenden kann?“
„Ach... sie suchen ein Boot? Da sind sie bei uns genau richtig. Gleich 800 m von hier ist
die Marina.
Da finden sie bestimmt etwas passendes“. „Ich spreche aber weder englisch noch türkisch. Könnten sie mir bei der Sache vielleicht behilflich sein?“ „Gerne. Was suchen sie denn. Wie groß soll die Yacht ungefähr sein? Möchten sie ein Motorboot oder lieber eine Segelyacht?“ „Ich kann nicht segeln - Nein, ein Motorboot mit Kabine soll es sein. Damit möchten meine Frau und ich nach Mallorca fahren“. „Und in welcher Preislage?“ „Der Preis ist völlig unwichtig. Wichtig ist, dass ich das Boot sofort bekommen kann“.
„Gut! - Ich werde mich nach etwas Passendem für sie
umhören“.
Roswitha fragte Ali. „Kennst du jemanden, der seine Motoryacht verkauft?“
„Mehrere Bekannte wollen ihre Boote verkaufen. Warum?“ „Was willst du, wenn du
mir so eine Yacht findest?“ „Ein Autoradio“, sagte er. „Ich kenne jemanden der
ein Boot kaufen will. Da können wir etwas verdienen. Wenn du etwas
Entsprechendes findest, bekommst du die Hälfte des Gewinnes davon kannst du dir
leicht selbst ein Autoradio kaufen“. Ali war Feuer und
Flamme.
Sofort klemmte er sich an das Telefon und rief seine Bekannten an.
Schon am Nachmittag hatte er einige Boote zur Auswahl. Das interessanteste
Angebot kam von einem Mann,
der ein sehr gepflegtes Holzboot verkaufen wollte.
„Das Boot ist locker 35 000 Mark wert, doch er will sich von seiner Frau trennen
und gibt mir das Schiff, wenn ich es schnell kaufe, für 22 000 Mark“.
Zusammen mit Ali sah Roswitha sich das Schnäppchen in der Marina an. Es war wirklich bis in die
kleinste Ecke sehr gepflegt.
Der Dieselmotor war überholt worden und so gut wie
neu.
Am Abend sagte Roswitha dem Deutschen Bescheid. „Wir können, wenn sie Lust haben
morgen früh hinfahren und es ansehen“. Begeistert sagte der Mann zu. „Und ich
kann wirklich sofort damit losfahren?“ „Ja, sobald die Formalitäten erledigt und
der Kaufpreis bezahlt ist“. Der Mann war ganz weg vor Freude.
Schon um 9 Uhr früh wartete er ungeduldig auf Ali und Roswitha. Zusammen
mit Ali besichtigten sie dann die Yacht.
„Wir haben die Schlüssel. Sie können gerne eine Probefahrt damit machen“. „Nein, nein, das ist nicht nötig.
Das Boot ist genau dass,
was ich gesucht habe. Was soll es kosten?“ „Der Besitzer wollte erst
35 000 Mark. Doch wir haben ihn auf 33 000 herunter gedrückt“. „Wirklich? Ich
hatte mit mehr gerechnet.
So wie der Kahn dasteht...“ - „Hatten sie eigentlich schon einmal ein Boot?“ „Vor Jahren habe ich mir einmal eines gekauft. Ich schlief eine Nacht darauf. Als ich am nächsten Morgen Kaffee machte, gab es eine Explosion. Gott sei Dank bin ich von der Druckwelle nach draußen geschleudert worden. Außer ein paar Prellungen ist mir nichts passiert. Von der Yacht blieb so gut wie nichts übrig. Danach hatte ich erst mal genug von Booten.
Doch jetzt
will ich mit meiner Frau nach Mallorca. Mit meinem eigenen Schiff. Meine Freunde
warten dort schon auf uns“.
Roswitha fragte ihn nicht, ob er überhaupt einen Bootsschein besaß. Das war
nicht ihr Problem.
„Wann kann ich das Schiff haben?“
„Im Prinzip sofort. Doch sie müssen erst bei einem Notar den Kauf legalisieren lassen. Sie brauchen schließlich doch etwas in den Händen, dass sie das Schiff rechtmäßig erworben haben“.
„Eigentlich brauche ich außer dem Schlüssel überhaupt nichts. Wenn sie wollen,
können sie das Boot ja später für mich umschreiben“.
Roswitha fragte Ali ob das problemlos mit einer Vollmacht möglich wäre. "Ja
natürlich... das bekommen wir schon hin"
meinte er und wunderte sich über den
Deutschen, der anscheinend keinen Wert auf Formalitäten legte.
Sie fuhren zurück zum Restaurant. Der Mann zückte die Brieftasche und legte 33
Tausender auf den Tisch.
Ali wären fast die Augen heraus gefallen. Bis dahin wusste er nicht, wie viel Roswitha von dem Deutschen verlangt hatte.
Sie schrieb den Kaufvertrag und der Mann bekam die Schlüssel. „Wenn sie mit dem Boot die Türkei verlassen,
müssen sie ihr Wohnmobil vorher beim Zoll einstellen“, klärte ihn Roswitha auf.
„Mein Gott, dass ist mir zu zeitraubend. Kann ich es nicht auf ihrem Platz hier stehen lassen? In ein paar Monaten hole ich es wieder ab. Sie können damit so lange machen was sie wollen. Meinetwegen vermieten sie es. Betrachten sie es als ihr eigenes“.
Zum Beweis, dass er es ernst meinte, legte
er Brief und Schein auf den Tisch.
Das Wohnmobil war nagelneu. Roswitha wusste nicht, was sie davon halten sollte.
Erklärte sich aber einverstanden, dass der Wagen auf dem Platz blieb. Das
einzige Risiko bestand darin, dass es schlimmstenfalls vom Zoll beschlagnahmt
werden würde. Aber das war ja sein Problem. Das dass Wohnmobil in seinem Pass eingetragen
war, auch.
Dem Mann waren diese Kinkerlitzchen völlig egal.
Roswitha wunderte sich darüber, dass seine Frau das Boot noch nicht einmal besichtigt
hatte. Sie ließ sich erst am nächsten Tag blicken. Zusammen mit ihrem Mann
räumte sie alles, was sich im Wohnmobil befand auf das Schiff um.
„Morgen fahren
wir los. Nach Mallorca, “ sagte der Mann.
„Ich würde an ihrer Stelle lieber noch warten. Das Wetter ist sehr schlecht. Der
Wetterbericht sagte,
erst in 2 Tagen würde sich der Sturm legen“. „Das bisschen
Wind macht uns keine Angst. Wir fahren morgen“.
Wirklich, am nächsten Tag übergab er ihr seine Autoschlüssel und ging an Bord
seiner neu erworbenen Yacht.
Als er weg war, teilte Roswitha mit Ali das Geld. 5500 Mark für jeden. Ali lachte sich kaputt.
„Was war das denn für ein komischer Vogel?“
Das konnte Roswitha ihm auch nicht beantworten. Sie hatte aber noch nie erlebt,
dass jemand auf diese Art etwas so kostspieliges kaufte.
Einen Tag später, es war 7 Uhr morgens, klopfte es an Roswithas Tür. Verschlafen
öffnete sie und da standen...
Der Deutsche mit seine Frau!
„Nanu, seid ihr doch nicht in See gestochen? War auch besser so! Mit dem
Sturm der zur Zeit tobt ist auf See nicht zu spaßen“ - „Wir sind
schon wieder zurück! Gestern sind wir planmäßig losgefahren. Aber jetzt gibt es
die schöne Yacht nicht mehr.
Wir bräuchten nun doch wieder unsere Autoschlüssel...“
„Wie meinen sie das: Die Yacht gibt es nicht mehr?“ fragte sie völlig perplex.
„Sie ist abgesoffen“.
Erst jetzt fiel Roswitha auf, dass die Beiden keine Schuhe an ihren Füssen
hatten und der Mann steckte in einem Hemd,
dass ihm viel zu klein war.
Sie gab ihnen die Autoschlüssel. „Wie ist denn das passiert?“ fragte sie
nun neugierig geworden. „Gestern Abend haben wir irgendwo auf See den Anker geworfen und dann
gemütlich ein paar Bierchen getrunken. Heute früh sind wir dann im Wasser
erwacht. Der Sturm hat das Schiff auf eine Betonplatte vor einem Hotel
geschmissen.
Alles was wir hatten ist mit ihm untergegangen.
Das Personal des Hotels hat uns ein paar Sachen zum Anziehen gegeben. Wir waren
als das alles passierte in Unterhosen.
Jetzt müssen wir erst einmal in die Stadt und uns neu einkleiden. Zum Glück habe ich mein Geld nicht verloren“.
Er zeigte Roswitha
seine gerettete Geldbörse. Sie war dick gefüllt mit Tausendern.
Als Roswitha Ali erzählte, was den Beiden widerfahren war, hob er sich den
Bauch so lachte er.
„So ein Idiot hat das schöne Schiff innerhalb 24 Stunden versenkt“.
Später fragte Roswitha, wo genau denn der Unfall gewesen war. „Das wissen wir
nicht. Ich kann mich nur erinnern, dass vor diesem 5 Sterne-Hotel ein Schild
war: „Antalya 100 km“ stand darauf. Mehr weiß ich auch nicht.
Doch... in der anderen Richtung stand: Alanya“ erinnerte er sich.
Was hatte er in Alanya zu suchen, wenn er nach Mallorca wollte?
Am nächsten Tag reisten sie ab. „Wenn sie wollen, besorge ich ihnen ein anderes
Boot“ schlug Roswitha ihm vor.
„Nein danke. Mein Hund hat einen Schock bekommen. Den bekomme ich nicht mehr aufs Wasser.
Wir fahren jetzt mit dem Wohnmobil nach Mallorca“.
Nachdem sie weg waren, fuhr Roswitha mit Ali Richtung Alanya. Sie fanden das
Hotel mit den
5 Sternen.
Niemand konnte sich dort erklären, wie das Boot an ihrer künstlichen Betoninsel
hatte zerschellen können.
„Er hatte mit Sicherheit nicht die geringste Ahnung von einem Boot und wie wir das einschätzen auch kein Kapitänspatent“
war die einzige Erklärung die sie fanden.
Von der Yacht waren nur noch Trümmer übrig. Die Teile davon waren an den Hotelstrand geschwemmt worden. Unter Anderem auch ein Aktenkoffer. Aus den durchgeweichten Akten die sich darin befanden, konnte Roswitha entnehmen, dass der Mann in Deutschland eine Firma hatte und seine Geschäftspartner wohl um ein paar Hunderttausende betrogen hatte.
Er befand sich auf der Flucht vor ihnen
.
Ein paar Abende später war das Restaurant bis auf den letzten Platz voller
Gäste und es herrschte eine Bombenstimmung. Erstens machte Pascha hauptsächlich nur
fröhliche Musik und zweitens waren die meisten Gäste schon mit der allerbesten
Laune angekommen.
Die Tanzfläche war fast immer überfüllt. Da auch ein paar Bekannte von Roswitha
und Ali da waren,
sah man auch die Beiden öfter auf derselben.
Ali kippte den Rakı nur so in sich hinein. Roswitha trank hier und da ein
Schlückchen.
Kurz nach 22 Uhr, betrat eine Frau das Lokal. Alleine! Ali stürzte sich sofort
erfreut auf sie und wollte sie auf die Tanzfläche zerren. Roswitha wusste, dass er
immer gerne den Casanova spielte, nahm seine Eskapaden jedoch nicht allzu ernst.
Sie hatte aber schon des Öfteren mit mit ihm darüber gesprochen.
„Wenn du dich schon mit anderen Frauen amüsieren willst, dann tu das bitte in Antalya. Nicht in unserem Restaurant und nicht vor den Augen unseres Personals. Und noch was: Wenn du deine Freundinnen schon einladen willst, dann auch auf deine eigene Rechnung. Und nicht als Kredi getarnt auf die meine“. Er hatte ihr entrüstet versichert, dass er keine andere Frau auch nur ansehen würde. Der Kredi, auf den sie gerade angespielt hätte, wäre von der Frau eines einflussreichen Politikers gewesen. Bestimmt käme er demnächst vorbei um diese Rechnung zu bezahlen.
Natürlich war das gelogen. Doch wie gesagt, Roswitha sah das nicht so eng.
Als er sich an diesem Abend jedoch wie ein Gockel aufführte, nahm sie ihn beiseite und
sagte:
„Ali, ich sage es dir noch einmal: Nicht hier und nicht vor unserem
Personal. Wer ist sie überhaupt?“
„Was du wieder denkst meine Süße. Sie ist doch nur die Freundin eines Freundes
von mir, der kommt etwas später.
Er rief mich an und sagte, ich solle mich etwas um sie kümmern bis er kommt“.
„Aha…na, dann kümmere dich mal“.
Ali platzierte die Frau an einen Tisch an dem Bekannte von ihm saßen.
„Eigentlich gehört sie ja zu Ahmet“, sagte er später zu Roswitha. Als die etwas
später mit Ahmet tanzte, fragte sie ihn: "Wer ist denn die Frau an deinem
Tisch?" -
„Die kenne ich gar nicht. Ali hat sie ungefragt zu uns an den Tisch gesetzt“.
Als Ali die Frau immer wieder zur Tanzfläche führte, beobachtete Ferhat besorgt
Roswitha.
Wie würde sie reagieren?
Die beachtete Ali und seine Bekannte nicht besonders. Sie hatte Besseres zu tun
-
Sie amüsierte sich köstlich.
Als eine Weile später Ali wieder mit ihr tanzte, sagte sie nur zu ihm: „Hör zu,
es reicht jetzt. Und lass dir ja nicht einfallen mit ihr nach Antalya zu
fahren. Ich warne dich Hayatim“. „Aber so etwas würde mir doch nie in den Sinn kommen Tatlım.
Was du gleich denkst, “ protestierte er. „Na
- dann ist es ja gut“.
Inzwischen interessierte sich auch Yilmaz für die Dame. Roswitha sah, wie er
unter dem Tisch
an ihren Schenkeln herumfummelte und ihr dabei einen Zettel zusteckte.
Kurz vor 2 Uhr morgens stand sie auf und ging nach draußen. Roswitha hielt
Ausschau nach Ali. Auch er war verschwunden. Sie ging nach draußen und sah gerade
noch, wie Ali mit der Frau weg fuhr. Am meisten ärgerte sie dabei,
dass Ali sie im
Spiegel genau gesehen, aber trotzdem aufs Gas getreten und mit der Dame davongebraust
war. „Nicht mit mir, mein Liebling“ sagte sie und lief zu ihrem Caravan um die
Mercedes Schlüssel zu holen. „Den ramme ich! In seinem Auto!“ schon die
Vorstellung daran bereitete ihr Vergnügen. "Na warte - an diesen Abend werden du
und deine Nutte noch lange denken".
Als sie den Wagen aufsperrte, standen plötzlich Ferhat und Deniz - ein Kellner -
daneben.
„Wo willst du hin?“ fragte Ferhat, der genau wusste was sich in ihr abspielte.
„Ich werde ihm nachfahren und sein Auto zu Schrott verarbeiten“.
„OK, dann kommen wir auch mit“. Sie akzeptierten
Roswithas "Nein" nicht und stiegen ein.
Ihr Auto war schneller als das von Ali. Doch sie hatte Zeit
verloren.
Sie drückte das Gaspedal durch. Es regnete und die erste Kurve nahm sie auf zwei Reifen.
„Willst du nicht etwas langsamer fahren“ fragte Ferhat der neben ihr saß,
behutsam. „Warum? Hast du Angst?“
„Nein.. natürlich nicht“.
Es war dunkel und Roswitha hielt verbissen Ausschau nach Alis gelben Mercedes.
Sie kamen an die Verkehrsinsel an der es nur rechts zum Hafen und nur links
nach Antalya geht. Geradeaus trennte ein Maschendrahtzaun die Straße vom Meer.
Wo war der untreue Ali? War er nach rechts oder nach links gefahren?
Mit mindestens 60 Stundenkilometer fuhr sie geradeaus weiter... schnurstracks auf die Verkehrsinsel
die blödsinniger Weise dort aufgestellt worden war. Mit einem
fürchterlichen Knall rammte der Mercedes den hohen Randstein dieser Insel um
dann mit einem kräftigen Ruck und einem lauten Knall zum stehen zu kommen.
Genau zwischen zwei hohen Eisenstangen. Auf der rechten Stange war ein blaues
Schild mit der Aufschrift:
‚Yat Liman‘ auf der linken stand: ‚Antalya‘.
Zwischen den Masten und dem Auto waren keine 5 cm Seitenabstand. Wie durch ein
Wunder hatten weder der Lack noch die Insassen des Wagens keinen einzigen Kratzer abbekommen . Starten ließ sich das Auto
jedoch nicht mehr.
Die Drei hatten Mühe aus dem Auto auszusteigen da die Stangen der
Verkehrsschilder genau neben den vorderen Türen deren öffnen verhinderten Endlich
draußen sah Roswitha auf der Erde einen schwarzen
Fleck.
„Was ist dass denn? Läuft da etwa Wasser aus dem Kühler?“
Roswitha fuhr mit der Hand in dem feuchten Zeug hin und her. Es war Motoröl.
Ein Autofahrer hielt an und fragte, ob er helfen könne. „Wenn sie uns mitnehmen
könnten bis zum ‚Kaptan Restaurant‘ wären wir ihnen sehr dankbar“, sagte Deniz
zu ihm.
„Ferhat du musst doch gesehen haben, dass ich direkt auf diese Insel zufuhr.
Warum hast du denn nichts gesagt?“
„Natürlich hab ich es gesehen. Hätte ich geschrieen, hättest du doch geglaubt, dass ich Angst hätte“.
Fast hätte
Roswitha lachen müssen.
Kaum waren sie am Restaurant angekommen, kam auch Ali zurück.
Roswitha kochte vor Wut auf ihn. Die Seitenfenster seines Mercedes waren offen. Roswitha griff
hinein und schüttelte den
perplexen Ali fürchterlich durch. Yilmaz in seinem weißen
Anzug ging dazwischen.
„Roswitha beruhige dich doch. Natürlich war es falsch von Ali. Doch jetzt müssen
wir überlegen, was wir mit deinem Auto machen“. Roswitha stieß ihn von sich.
„Lass mich los. Alles ist seine Schuld“.
Aufs Neue griff sie Ali an,
der
inzwischen aus seinem Wagen ausgestiegen war.
Da Roswithas Hände völlig mit Altöl verschmiert waren, bekam jeder den sie
anfasste, schwarze Hand Abdrücke von ihr verpasst. Der weiße Anzug des Müdür war
ruiniert.
Ali war sehr bestürzt, als er von dem Unfall erfuhr. Roswitha zerrte noch immer wütend an ihm herum.
Sein schöner neuer Pullover hatte ebenfalls schwarze Ölspuren.
„Ich habe sie doch nur nach Hause gefahren und bin sofort wiedergekommen“, sagte
er zerknirscht.
„Das interessiert mich nicht. Schade, dass jetzt mein Auto kaputt ist und nicht
deines, so wie ich es eigentlich geplant“.
Sie drehte sich um und ging zu ihrem
Caravan.
Nach einer ausgiebigen Dusche legte sie sich ins Bett - Und war sehr wütend auf sich
selbst. "Warum musste ich auch besoffen hinter Ali herjagen??? Das hast du jetzt
davon - geschieht dir ganz recht!" schimpfte sie mit sich selbst.
Das Einzige was zu Schaden gekommen
war, war Gottlob nur ihr Wagen.
Doch wie leicht hätte es Verletzte geben können.
Als sie daran dachte, wurde ihr ganz schlecht. Wäre den beiden Jungs etwas
geschehen, sie hätte es sich niemals verziehen.
„Nie wieder fahre ich mit einem
Tropfen Alkohol im Blut. Und nie wieder werde ich mich über Alis
Damenbekanntschaften aufregen. Soll er doch machen, was er will“ schwor sie
sich.
Ali hatte in aller Frühe schon einen Mechaniker erreicht und der sah sich den Benz an. „Es wird eine Menge für mich zu tun geben. Doch keine Sorge, ich bringe ihn wieder hin, “ meinte er beruhigend zu Roswitha.
Er nahm das Auto auf seinem Abschleppwagen gleich mit. "In ungefähr einer Woche ist er wieder so gut wie neu"
meinte er zum
Abschied.
In Deutschland wäre es höchstwahrscheinlich ein Totalschaden gewesen.
In der
Türkei kostete der ganze Spaß keine 2000 Mark. Ali bezahlte freiwillig die
Hälfte.
„Vielleicht war es auch ein Wink des Himmels“ überlegte Roswitha. Erst kam der
Zoll und dann der Unfall.
"Ich werde das Auto in Deutschland verkaufen und mir dann hier ein anderes Auto kaufen" überlegte sie.
Mit einem türkischen Wagen hatte sie keine Probleme mit dem Zoll. Auch wenn Selçuk ihr bei seinem letzten Besuch vor zwei Tagen versichert hatte:
„So lange ich in Antalya bin, hast du mit dem
Gümrük
keine Probleme. Auch nicht, wenn dein Mercedes jahrelang hier bleibt“ war es
immer ein Risiko.
Es war inzwischen ende November. Von Antalya ging keine Fähre mehr nach Venedig.
Aber von Izmir.
Ali wollte sie nach Augsburg begleiten und in 10 Tagen sollte die Reise losgehen.
3 Tage bevor sie nach Izmir fuhr kamen am Abend 15 Deutsche ins Restaurant zum Essen - Und Michael!
„Meine Freude kannten dein Restaurant überhaupt nicht und so habe ich sie überredet den Abend hier zu verbringen“.
„Das ist lieb
von dir. Dafür gebe ich an
der Bar einen für dich aus“. Erfreut nahm er ihr Angebot an.
Er war nüchtern. "Ich bin gestern erst von Deutschland zurück gekommen weil es
in meiner Fabrik, die in meiner Abwesenheit meine Schwester leitet, Probleme
gab". Nachdem er dort alles regeln konnte kam er wieder um auf seiner Yacht zu
leben.
„In Deutschland haben sie ein furchtbares Wetter. Kein Schnee aber viel Regen.
Ich bin froh, dass ich jetzt wieder hier bin“.
Plötzlich - völlig zusammenhangslos - fing er wieder an: „Ich möchte in deinen
Busen beißen und ganz
wilde Dinge mit dir treiben. Ham... Ham“
Roswitha hätte sich beinahe vor Schreck an ihrem Wasser verschluckt, dass sie
gerade trank.
Der Mann war tatsächlich wie Dr. Jekyll und Mr. Hyde. Von einer Sekunde zur anderen verwandelte er sich zum Monster.
"Du Michael - ich danke dir noch einmal für die Gäste die du mir heute mitgebracht hast, Doch ich muss wieder was arbeiten.
Ich fahre in 3 Tagen nach Deutschland" damit ging sie an ihren Tisch, wo auch
Ali saß.
Sie sprachen über ihre bevorstehende Reise, als Michael sich auf den Stuhl neben
Ali plumpsen ließ.
Der begrüßte ihn und machte freundlich Prost mit ihm. Der Sexprotz schenkte ihm seine Aufmerksamkeit nur flüchtig.
Leidenschaftlich
und voller Euphorie machte er seiner Angebeteten unsittliche Avancen:
„Heute Nacht werden wir es treiben. Stundenlang werde ich dich verwöhnen, “
versprach er ihr mit einem wilden Gesichtsausdruck.
Ali - der sich auch an der angeregten Unterhaltung beteiligen wollte - nickte
begeistert. „Ja, ja...“ stimmte er Michaels sittenwidrigen Ausführungen zu.
Michael strafte ihn mit einem vernichtenden Blick. „Mit dir will ich doch keinen
Sex“ wies er Ali in seine Schranken.
Michael fuhr damit fort Roswitha
seine außergewöhnliche Potenz
in den höchsten Tönen anzupreisen.
„Da haben wir beide nur ein ganz kleines Problem“, sagte Roswitha nach ein paar
Minuten zu ihm.
„Was machen wir inzwischen mit dem armen Ali?“
Mit glasigen Augen sah Michael ein paar Sekunden Ali an, zuckte dann mit den
Schultern „Was weiß denn ich“ brüllte er den erschrockenen Kaptan an. „Was geht
denn der uns an?“
Roswitha stand auf und setzte sich neben Ferhat an die Kasse. Als sie ihm
erzählte, was sie gerade mit
Michael erlebt hatte, schüttelte er sich vor Lachen. „Ich hätte eigentlich Lust ihm dafür die Nase einzuschlagen.
Doch Ali Bey scheint ja mit allem
einverstanden zu sein“ sagte er grinsend.
Unauffällig drehten sie sich um, um zu sehen was Michael gerade tat. Er saß
immer noch neben Ali und versuchte lautstark ihm seine ungeheuere Potenz zu
verdeutlichen. Der ergriff die Flucht. Er hatte keine Ahnung, wovon der Deutsche
sprach.
Roswitha setzte sich ein paar Minuten zu ihren deutschen Gästen. "Ja... der
Michael. Der ist ein Unikat, “ sagte eine Frau.
„In der Marina gehen wir ihm aus dem Weg wenn er trinkt. Vor ein paar Wochen ist er einer Frau sogar in die Damendusche der Marina gefolgt. Doch er ist harmlos. Von Sex spricht er nur.
Mehr ist wohl nicht mehr drin bei ihm. Ein Chauvinist eben“.
Als Michael an den Tisch kam, verabschiedete sich Roswitha augenblicklich. Die
Deutschen hatten schon bezahlt und machten sich auf den Heimweg - Mit
Michael!
Ali war schon schlafen gegangen. Roswitha rechnete die Kasse ab und ging zum
Caravan. Sie legte sich neben den schon schnarchenden Ali.
Sie schlief schnell ein und hatte einen verrückten Traum: Wo sie auch hinging,
es verfolgte sie ein sehr schmutziger Hund.
Blieb sie stehen, leckte der unappetitliche Köter mit seiner schlotterigen, nassen Zunge ihren Arm ab.
Sie
ekelte sich so sehr, dass sie erwachte.
Als sie die Augen aufschlug, erstarrte sie. An ihrem Bett saß... Michael!
Inbrünstig küsste er ihre Hand und schmatzte sich hinauf bis zu ihrer Schulter.
Mit einem Ruck saß sie im Bett und entzog ihm angewidert ihren Arm. „Michael!
Wie kommst du denn hier herein?
Bist du denn total übergeschnappt? Verschwinde
sofort aus meinem Caravan “ brüllte sie ihn an.
Ali, von ihrem Geschrei aufgeschreckt sprang erschrocken hoch und saß - für
Michael völlig überraschend - nun
neben ihr.
Sein Anblick versetzte dem verhinderten Don Juan einen abgrundtiefen Schock.
Dass die beiden ein Paar waren, hätte er niemals vermutet.
„Ksch...ksch, “ sagte Ali und mit der Hand
machte er eine Bewegung, als wollte er ein lästiges Insekt verscheuchen.
Vor Entsetzen wäre Michael beinahe nüchtern geworden.
Bei seiner Flucht - zur Caravantür hechtete er regelrecht hinaus - stürzte er
ein paar Mal und schlug sich die Nase blutig.
Mitleidslos stand Roswitha auf und verriegelte ihre Tür. „Was macht der Idiot in
deinem Bett“, fragte Ali.
„Dass Hayatim,
(mein Leben) musst du ihn schon selbst fragen“.
Ali hörte ihre Antwort nicht mehr. Er war sofort wieder eingeschlafen.
Bei ihr war es vorerst mit dem Schlaf vorbei. Sie wurde von Lachkrämpfen
geschüttelt. Sie lachte über Michael und noch komischer fand sie, wie tapfer Ali
ihre Ehre verteidigt hatte. „Ksch... ksch“, war gewissermaßen Ausdruck seiner
rasenden Eifersucht.
Dass musste sie unbedingt Emine erzählen.
Als sie am Morgen bei ihr anrief und von ihrem nächtlichen Besuch erzählte, meinte diese lachend:
„Ich habe es dir doch gesagt: Ali ist kein Türke. Jeder
Andere hätte dem verrückten Michael die Zähne in den Hals geprügelt“.
Am Tag ihrer Abreise nach Izmir erfuhr Roswitha, dass Michael fluchtartig das
Land verlassen hatte.
Er fürchtete sich wohl vor Alis schrecklichen Rache. Der hatte den Vorfall jedoch längst vergessen.
Bevor Sie nach Deutschland abreisten, hatte Roswitha noch alles für Silvester organisiert.
Auch den Sänger hatte sie engagiert, welchen sie schon seit einem
Jahr haben wollte.
Mit Ferhat und Davut war sie zu dem Restaurant gefahren in dem er auftrat.
„Tut mir Leid gnädige Frau, aber dort arbeite ich nicht. Dieser Bedirhan ist ein schrecklich unhöflicher Mensch“
schlug er damals ihre Bitte an Sylvester ein Gastspiel im "Kaptans" zu geben, ab .
Als er dann aber hörte, dass nicht Bedirhan, sondern Roswitha seine Chefin sein würde, sagte er sofort zu.
Erst einmal für den
Jahreswechsel und wenn sie sich einigen konnten, auch für länger.
Roswitha war zufrieden. Die Silvesterfeier würde ein Erfolg werden und wenn er
danach noch bei ihr auftrat,
brauchte sie sich um Gäste nicht zu sorgen.
Ihre neue Errungenschaft hatte gutes Stammpublikum, die ihm in jedes
Restaurant folgten in dem er arbeitete.
Sein Programm war wirklich gut. Davon konnte sie sich an diesem Abend erneut überzeugen.