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5. Kapitel

 

 

 Wer in der Zukunft lesen will, muss in der Vergangenheit blättern

 

Sie übergab dem Mann die Autoschlüssel und somit war der Verkauf perfekt.

Sie war froh darüber denn mit dem Mercedes hätte sie in der Türkei nur Probleme bekommen.

 Das Weihnachtsfest verbrachte Roswitha mit Ali bei ihrer Familie.Danach wollten sie schnellstens zurück nach Antalya. Zwischen Weihnachten und Silvester stellte sich das als äußerst schwierig heraus. Alle Flüge waren ausgebucht.
Täglich telefonierten sie mit dem Flughafen in München und dem in Antalya- Auch mit dem Restaurant hatten sie täglich Kontakt. „Wie sieht es aus? Habt ihr noch Reservationen für die Silvester Party bekommen?“

„Macht euch keine Sorgen. Wir haben an Sylvester ein volles Haus.

Hier läuft alles bestens“. Irgendetwas an Ferhats Stimme gefiel Roswitha nicht.
Endlich, mit viel Glück und Alis Beziehungen fanden sie am 30.Dezember doch noch 3 freie Plätze in einem Flugzeug.

 

Als sie in Antalya landeten, war Ferhat schon da um sie abzuholen. „Ist am Platz alles in Ordnung?“ wollte Roswitha sofort von ihm wissen. „Ja... schon. Nur die Reservierungen die wir hatten - wurden alle storniert.. Wie es aussieht werden wir morgen Abend nicht einen Gast haben" -  „Wie kam denn dass? Als ich abflog, hatten wir das Lokal doch schon halb voll?“ - 

„Ja weißt du - der Yilmaz Bey..., “ Ferhat wollte ihr die Hiobsbotschaft möglichst schonend beibringen. „Er hat überhaupt nie fürs Restaurant eingekauft. Wir haben im Moment nicht eine Flasche Bier in unserer Bar“ -  „Warum dass denn? Hattet ihr die ganze Zeit über denn keine Gäste?“ -  „Gäste hätten wir genügend gehabt - anfangs... Doch der Yilmaz Bey ging jede Nacht ins Spielkasino und am anderen Morgen hatte er kein Geld mehr übrig, um einkaufen zu können. Die Leute wollten bei uns Rakı trinken - doch wir hatten keinen! Sie wollten etwas essen -  aber in der Küche waren keine 100 g Fleisch zu finden.

Am Ende wollte ein Gast wenigstens eine Scheibe Brot und eine Zwiebel ... Nicht einmal dass konnten wir auftreiben.

Du kannst dir vorstellen, dass da keiner mehr Lust hat zu uns zu kommen.“ beendete er seinen Bericht niedergeschlagen.
Roswitha war erst einmal sprachlos. Ali sagte zu dem ganzen Desaster nur: "Yilmaz ist mein Freund!

Er ist ein sehr guter Mann. Aber deine Kellner ... Roswitha die haben überhaupt keine Disziplin... "
„Ja Ali Bey - Die Kellner hat der Yilmaz am Schluss auch ins Kasino mitgenommen. Damit sie sich dort satt essen konnten.

Im Kasino gibt es Essen und Trinken gratis und bei uns gab es nicht einmal mehr Lebensmittel für ein einfaches Personalessen.“
Roswitha war entsetzt und enttäuscht. Sie mochte ihren Direktor. Doch was er getan hatte,

war grober Vertrauensbruch und ... ja was war das eigentlich? Eine bodenlose Unverschämtheit!
Als sie vom Flughafen am Platz ankamen, fuhr gerade die Limousine des Casinos hinaus die Yilmaz nachhause gebracht  hatte. Ferhat hatte also die Wahrheit gesagt.
Roswitha war dann sehr froh, als der Direktor selbst - sofort nach der Begrüßung - um ein paar Tage Urlaub bat.

Das ersparte ihr, ihn entlassen zu müssen. 

Es war viel zu tun. Das Lokal war weder für Sylvester dekoriert, noch gab es irgendetwas

was man den Gästen hätte anbieten können. Vorausgesetzt - es würden überhaupt Gäste kommen.
Ali und Roswitha riefen bis in die Nacht hinein sämtliche Freunde und Bekannte an und versuchten von der

Neujahrs-Party zu retten was zu retten war.
Wieder einmal war Roswitha angenehm überrascht wie schnell sich die Leute überreden ließen.
Was in Deutschland undenkbar gewesen wäre... in Antalya klappte sogar das Unmögliche.
Die Gäste, die eigentlich längst in einem anderen Lokal Plätze reserviert hatten,

disponierten ein paar Stunden vor Jahreswechsel um und reservierten im „Kaptans“
Ein nicht unerhebliches Lockmittel war natürlich der neue Sänger.

 

Das Restaurant war trotz aller Hindernisse dann doch recht gut gefüllt und das Programm dank Roswithas neuer

Errungenschaft Bora Kücüker exzellent.
Der Junge war sein Geld wirklich wert. Er war ein ausgezeichneter Conferencier und hatte eine wunderbare Stimme.

Er verstand es, die Leute mit seiner guten Laune in Stimmung zu bringen.

Die Gäste waren von ihm begeistert.
Selbst Ali musste zugeben das Bora gut war.
„Aber er ist viel zu teuer! Hättest du mich mit ihm verhandeln lassen, ich hätte ihn für die Hälfte engagiert.“

 „Natürlich Hayatim, das hättest du.“
Sie hatte sich damals auch mit anderen Solisten unterhalten. Die waren nicht einmal halb so gut wie Bora,

wollten aber für 2 Stunden Show den doppelten Preis. Es war nur einmal im Jahr Sylvester.

 

Im kommenden Jahr lief das Restaurant sehr gut. Oft gab es keinen freien Tisch mehr weshalb nun viele Gäste erst telefonisch reservierten bevor sie kamen. Solch einen Boom hatte es in Alis Restaurant noch niemals vorher gegeben.
Die Beliebtheit des "Kaptans" war unter Anderem auch dem Umstand zu verdanken ,

dass ein neuer Koch engagiert worden war.
Nachdem im letzten Herbst das Küchenpersonal nur noch betrunken am Arbeitsplatz erschien war,

hatte Roswitha eine Anzeige aufgegeben und einen Koch gesucht. Ali wehrte sich mit Händen und Füßen.
Als jedoch eines Abends eine Frau - sie war Camping-Gast - etwas zu essen bestellte

und die beiden Köche keine Lust hatten zu arbeiten schickten sie den Kellner zur Kundin zurück.

„Tut mir leid gnädige Frau. Die Küche sagt,  Melemen (Rührei mit Tomaten) gäbe es nur zum Frühstück“.
Die Dame wollte aber ihre Rühreier jetzt haben und nicht bis zum Morgen darauf warten.

Als der Garsong abermals mit einer Absage an ihren Tisch kam, stand sie empört auf und lief selbst zu den Köchen.
Über die Kühltheke sah sie hinein in die Küche:
„Hören sie einmal - Ich bin hier Gast! Wenn ich jetzt nicht sofort mein Rührei von ihnen bekomme, werde ich mich bei Ali Bey beschweren“. Der Koch nahm nun doch lustlos eine Bratpfanne in die Hand.
„Na also “ sagte die Frau zufrieden. „Warum denn nicht gleich so? Euch muss man wohl erst mit euerem Boss drohen“

schimpfte sie weiter über die Theke in die Küche hinein.
Der Koch schwang darin stillschweigend die Bratpfanne in der Luft und - völlig unerwartet -

schlug er sie der Dame mit den Worten:

„Da hast du deine Rühreier du blöde Kuh“ - auf den Kopf!
 
Die Frau bekam einen Nervenzusammenbruch und wurde von den Kellnern an ihren Tisch zurück gebracht wo sie stundenlang heulte.

Endlich hatte Roswitha einen Anlass, diesen Koch zu entlassen. Nicht einmal Ali konnte da noch sagen, dass er

"ein guter Mann" wäre.


Als im Frühjahr der neue Koch eingestellt wurde war Tamer nicht sehr erfreut darüber und als Roswitha den Neuen

auch noch zum Küchenchef beförderte fasste er dies als eine Kriegserklärung auf.

Es waren ja schon öfter Köche eingestellt worden, die jedoch alle nach kurzer Zeit wieder entlassen werden mussten,

weil sie von ihm eine Art Gehirnwäsche erhalten hatten und dann relativ schnell seine Arbeitsmoral -sprich Faulheit - übernommen hatten.
Nicht so Ibrahim. Seit er in der Küche arbeitete, kamen die Gäste gerne zum Essen ins "Kaptans".

Seine Obstpyramiden waren Spitzenklasse und das ‚Saç Kavurma‘

(eine Art Gulasch, dass auf einer brennenden Pfanne am Tisch serviert wurde), war der Renner des „Kaptans“.
Zum ersten Mal verdiente auch die Küche Geld.
Ibrahim brachte nach einiger Zeit seine Frau und seine beiden Mädchen vom Schwarzen Meer nach Antalya und war froh, endlich mit seiner Familie am gleichen Ort leben und arbeiten zu können. Er ließ sich nicht von Tamer beeinflussen.

Und er rührte keinen Tropfen Alkohol an. Wenigstens nicht, solange er in seiner Küche arbeitete.
Nicht allein wegen des Geldes das nun das Lokal abwarf, war Roswitha zufrieden.

Das Erfolgserlebnis war mindestens genauso wichtig für sie. In dem Jahr lag der Umsatz im Schnitt bei 2000 Mark am Tag.

Und das war - zumindest in der Türkei - außergewöhnlich gut!
Dennoch - oder vielleicht gerade deswegen - wurde Ali immer unausstehlicher. Er tyrannisierte das Personal, pfuschte rein wo er nur konnte und vertrieb die Gäste. Er hätte viel lieber wieder sein Picknick gehabt.

Da kannte er noch jeden Gast. Jetzt war ein völlig anderes Publikum in seinem Lokal, dass es nicht sehr schätzte wenn er sich auf ihre Kosten und an ihren Tischen den Bauch voll schlug. Sie kürzten dann die Rechnungen. „Der Patron sollte uns etwas ausgeben - nicht wir ihm“, argumentierten sie. Und das er ihre Freundinnen so plump anmachte tolerierten sie erst recht nicht.
Gemeinsam mit Tamer trauerte Ali vergangenen Zeiten nach.

Roswitha musste in die Stadt und ihre Steuern bezahlen. Inzwischen kannte sie sich im Finanzamt sehr gut aus.

Mit vielen der Angestellten war sie befreundet. Auch mit der Frau Direktor in der Abteilung für rückständige Steuern.

Der frühere Chef war in eine andere Stadt versetzt worden.
Die Leute dort feierten gern und oft und wenn Party angesagt war, kamen sie immer öfter zu Roswitha ins Restaurant.

Sie bekamen „Finanzamt Preise“ und Roswitha freute sich immer, wenn sie mit 10 oder mehr Leuten kamen, denn diese Gruppe war stets sehr gut gelaunt.
An diesem Tag hatte sie jedoch keine Zeit auf einen Plausch, sie musste für eine am Abend stattfindende Feier noch die nötigen Dinge besorgen.
Sie schickte Ferhat mit dem Geld nach oben. „Bestell allen viele Grüße, ich komm ein anderes Mal wieder zum Tee“.

Roswitha wartete im Auto. Ferhat kam mit Mustafa Bey - einem Angestellten - wieder ans Auto zurück. Er begrüßte Roswitha und bedauerte, dass sie keine Zeit hatte mit nach oben zu kommen. „Bestimmt hast du uns heute dein ganzes Geld gebracht und stehst jetzt ohne einen Pfennig da. Hier, nimm 5 Millionen zurück. Wir können dich doch nicht ausquetschen wie eine Zitrone“ -  „Das ist lieb von euch. Aber mach dir keine Sorgen. Das Geschäft läuft zurzeit nicht schlecht. Ich hab schon noch ein paar Lira“ antwortete sie lachend und gab ihm das Geld zurück.

Als sie weiterfuhren meinte Ferhat: „Du hast dich wirklich gut eingelebt in der Türkei. Du liebst die Menschen hier und sie merken das und lieben dich auch. Denn ich habe bis jetzt noch nie gehört, dass jemandem vom Finanzamt Millionen nachgetragen wurden, weil er vielleicht kein Geld mehr einstecken hat“.

Selim - der neue Kellner - war aus Alis Heimat, also ein Schwarzmeerler!

Er arbeitete fleißig und die Gäste wurden von ihm immer überaus freundlich bedient.

Von seinen Kollegen wurde wegen seiner Einfältigkeit gerne gefoppt, doch er steckte das locker weg.  
 

Inzwischen hatte Roswitha ihre Aufenthaltsgenehmigung für ein Jahr bekommen. Wegen einer Arbeitserlaubnis war sie mit Ali in Ankara gewesen. Dafür mussten eigentlich
50 000 Dollar bei einer Bank hinterlegt werden. Ali bekam sie, ohne eine einzige Mark dafür zu bezahlen.

 
Nun konnte sie sich als Direktor am „Kaptans“ bei der Sozialversicherung und der Krankenkasse anmelden.

Soweit war alles in Ordnung. Ali hatte aus dem Geschäft eine GmbH gemacht. Das hatte angeblich Steuervorteile.

Bei der Gelegenheit erfuhr Roswitha, dass die Genehmigung des Restaurants nach wie vor auf Bedirhans Namen lief.

„Ich bin doch wegen meiner Schmuggelei auf dem Schiff im Gefängnis gewesen.

Als Vorbestrafter bekomme ich keine Konzession für ein Lokal“ erklärte Ali. „Aber dann kann ja Bedirhan jederzeit das Restaurant zumachen lassen. Kannst du nicht auf jemanden anderen die Genehmigung bekommen?“

„Nein - Dass ist unmöglich.

Der Platz hier ist kein Bau- sondern Grünland. Alles was hier steht, habe ich schwarz gebaut.

Durch Beziehungen habe ich trotz alle dem die Konzession für meinen Sohn bekommen. Aber noch einmal und auf eine anderen Namen bekomme ich sie auf keinen Fall. Doch mach dir keine Sorgen. Bedirhan unternimmt da nichts“.
Da war sich Roswitha gar nicht sicher. Außerdem hatte Ali ihr doch immer erzählt, er hätte das Restaurant locker an andere Pächter - zu horrenden Preisen - verpachten können. Aus Liebe hatte er es Roswitha zu einem - wie er sagte - Spottpreis überlassen. Jetzt fragte sie sich, wer außer ihr sein gutes Geld in ein Unternehmen gesteckt hätte, dass von der Willkür Bedirhans abhängig war. Theoretisch konnte der seine Konzession zurückziehen und das Restaurant wäre dann kein Restaurant mehr.

Oder aber, der Gemeinde fiel es plötzlich ein, dass alles was sich auf dem Platz befand, illegal gebaut worden war.

Dann würde das Restaurant und sämtliche Bungalows innerhalb von ein paar Stunden mit Planierraupen niedergewalzt werden.

So etwas sah man immer wieder im türkischen Fernsehen....
 

Ali benahm sich immer mehr wie der sprichwörtliche Elefant im Porzellanladen. Wo es nur ging boykottierte er Roswithas Arbeit. Es kümmerte in überhaupt nicht, dass er sein eigenes Geschäft damit kaputt machte.

Mit Bora und seinem Freund hatte er sich ständig in den Haaren. Je mehr Gäste von dem Solisten begeistert waren,

so schlimmer wurden Alis Sabotage-Attacken gegen ihn. Und er hatte einen Verbündeten: Tamer!
Dem war die Arbeit in der Küche zuviel geworden. Jetzt gab es dort nämlich wirklich etwas zu tun.

Roswitha war sehr froh darüber, dass ihr Koch Ibrahim so konsequent gute Arbeit leistete und sich nicht dazu hinreisen ließ, Tamers Arbeitsstil nachzuahmen. Er liebte seine Arbeit und freute sich, wenn die Gäste zufrieden waren und er von ihnen für sein ausgezeichnetes Essen gelobt wurde. Er hatte mit den Kellnern einen Deal dahingehend, ihn am Trinkgeld zu beteiligen.

Was für die Jungs auch völlig in Ordnung war. Zufriedene Gäste ließen schließlich ja auch mehr springen. Außerdem brauchten die Garsongs nun nicht mehr um jedes Essen, dass sie in der Küche bestellten zu streiten. Zum ersten Mal arbeiteten Kellner und Küche einträchtig mit- und nicht gegeneinander.

 
Ali passte das alles gar nicht. Worüber sollte er sich jetzt denn aufregen? Er fuhr täglich in die Stadt und kaufte die unmöglichsten Dinge. Hauptsächlich und mit Vorliebe: Schrott. Damit seine schönen rostigen Schätze auch von jedermann gesehen wurden, lagerte er sie direkt am Eingang des Restaurants. So, dass die Gäste darüber steigen mussten.

Roswitha ließ das Zeug täglich wegräumen, doch Ali war unermüdlich.

Sobald der Eingang wieder frei und gepflegt aussah, mietete er einen Kleinlaster und legte noch mehr Schrott ab.
Immer noch vermietete er heimlich Bungalows stundenweise an die unmöglichsten Leute.
Mit Bora verstand sich Roswitha sehr gut. Er hatte zwar auch seine Macken - doch er war ein herrlicher Mensch.
Er hatte 5 Geschwister. Eine Schwester davon war geistig behindert. Seine Mutter war nach einem Schlaganfall gelähmt und wohnte mit Bora in seinem Apartment . „Mein Mütterlein würde ich nie jemand anderem geben. Ich pflege sie gerne.

Sie war immer für mich da, als sie noch gesund war. Jetzt ist doch selbstverständlich das ich für sie da bin“.

„Du hast doch aber noch 2 gesunde Schwestern. Kümmern sie sich nicht auch um ihre Mama? Wenigstens zeitweise könnten sie dich doch etwas entlasten“ -  „Weißt du Roswitha Hanim, für meine Geschwister wäre es nur eine lästige Pflicht sich um ihre kranke Mutter kümmern zu müssen. Mein Mütterlein soll aber niemals das Gefühl haben, sie wäre eine Belastung.

Ich mache das wirklich sehr gerne. Ich bin um jeden Tag froh, an dem sie noch bei mir sein kann. Und sie spürt das“.

Roswitha hatte sehr große Hochachtung vor diesem Menschen. Sie wusste, dass er das alles nicht nur so dahin sagte.

Er meinte jedes Wort davon ehrlich.

 

Den ganzen Tag kümmerte er sich liebevoll um sein Mütterlein. Er färbte ihr die Haare, machte ihr Dauerwellen und cremte sie von Kopf bis Fuß liebevoll ein. War sie einmal depressiv, bekam sie eine private Show von ihm und sah dann die Welt wieder um einiges heiterer.

Das auch der Vater - ein Alkoholiker - bei ihm lebte, war für Bora selbstverständlich. Manchmal kam er abends zum "Kaptans" und war schwermütig, weil es seiner Mama wieder mal schlecht ging.  Doch sobald er mit seiner Show begann, vergaß er alles was ihn trübsinnig hatte werden lassen.

Auf der Bühne war er der fröhlichste und schillernste  Mensch, den Roswitha je gesehen hatte.

Hätte er seine Mutter nicht gepflegt, er wäre bestimmt ein großer Star in der Türkei geworden.

Doch um kein Geld der Welt hätte er seine geliebte Mama alleine gelassen.
Durch ihn kamen nun auch viele Künstler zum „Kaptans“. Bora holte sie alle für eine Einlage auf die Bühne.

Nur ...zu viel durften sie natürlich nicht zeigen. Bora war da sehr, sehr eifersüchtig.
Ständig befürchtete er, ein anderer Solist könnte besser beim Publikum ankommen als er selbst.
Roswitha ließ jeden Abend mehrere Flaschen Sekt für ihn knallen oder ihn mit Rosenblättern überschütten.

Wenn sie es wirklich einmal vergaß, weil sie Stress mit Ali oder andere Probleme hatte,

zweifelte er sofort die Qualität seiner Show an. Er befürchtete dann, sie hätte einen anderen Solisten ins Auge gefasst.
 

Wurde im Restaurant eine neue Bauchtänzerin oder eine Volklore-Truppe gebraucht. Bora kannte die Besten in Antalya.

Das Abendprogramm immer wieder neu zu gestallten, dass machte Roswitha den allermeisten Spaß.
Doch auch in anderen Dinge konnte sie Erfolge verbuchen. So gab es einen Großmarkt in Antalya: Tespo.

Das war so etwas wie die Metro, nur kleiner. Roswitha sprach mit dem Direktor und bekam von ihm einen Kredit von 5000 Mark eingeräumt. So konnte sie großzügiger für das Restaurant einkaufen. Auch wenn einmal nicht so viel Geld in der Kasse war,

weil andere wichtige Rechnungen bezahlt werden mussten. Außerdem bekam sie dort für alles eine Rechnung die sie wieder beim Finanzamt absetzen konnte. Als sie Ali bat, mit ihr hinzugehen und mit dem Direktor über den Kredit zu sprechen,

lachte er sie nur aus.

„Dort bekommst du doch keinen Kredit. Du bist ja lustig!!!

Hier ist die Türkei und nicht Deutschland“. Davut war es, der ihr bei diesem Problem zu Seite stand.
Als sie Ali dann stolz mit der Nachricht überraschte, den Kredit doch bekommen zu haben, meinte er:

„Natürlich. Warum auch nicht? Der Platz hier ist schließlich mehrere Millionen Mark wert“. Er änderte seine Ansichten schneller als ein Chamäleon seine Farben. Dass Roswitha die schwierigsten Probleme anscheinend spielend bewältigte erfüllte ihn nicht mit Stolz. Im Gegenteil: Er wurde immer mürrischer und unzufriedener.

Sie freute sich wie ein Kind, dass sein Geschäft endlich aus den roten Zahlen kam und langsam ein Treffpunkt für die gehobene Gesellschaft wurde. Doch Ali wurde immer eifersüchtiger. Ja...

Auf ihren geschäftlichen Erfolg war er furchtbar eifersüchtig.
Und er fing an, auch auf Davut zu eifern. „Er ist von Früh bis Abend mit dir zusammen. Was sollen denn da die Leute denken? Das ist unmöglich! Was will er eigentlich von dir?“ -  „Er will mir helfen. Es ist auch dein Restaurant Ali, für das er sich engagiert. Also sei nicht undankbar.“ -  „Du erzählst Blödsinn. Er ist verliebt in dich.“ -  „Du spinnst wohl. Was sollte der Junge von mir wollen? Erzähl bloß Davut nichts von deinen kranken Vermutungen. “ -  „Er ist verliebt in dich!“ behauptete er stur.
Auf diesen Gedanken wäre Roswitha nie gekommen. Davut war ihr Freund. Mit ihm konnte sie über alles sprechen und er erzählte ihr alles. Fast alles!  Was sie mit ihm anfing  klappte dann auch - Ganz im Gegensatz zu Ali.

Aber warum sollte er plötzlich verliebt in sie sein? Ali war verrückt.

Mimi war gekommen. Roswitha machte ihr nach ein paar Wochen den Vorschlag für ein paar Tage mit ihr in ein Hotel zu gehen. René liebte Luxushotels und Roswitha brauchte ab und zu etwas Abstand von Camping und Restaurant.

Außerdem wollte sie sich das Hotelprogramm ansehen. 
Zusammen mit der Mama und René fuhren sie nach Manavgat. Dort gab es ein 5 Sterne Hotel

von dem Roswitha nur Gutes gehört hatte: „Club Ali Bey“. 
Das Hotel war tatsächlich purer Luxus. Überall im Garten waren aus teuerem
Kütahya- Porzellan riesige Springbrunnen und Figuren gebaut worden. Auf dem Boden befanden sich aufwendige Mosaiken, die von wahren Meistern zu Kunstwerken verlegt worden waren. Mimi war begeistert.
Am Abend sahen sie sich zusammen das Programm an was sich in der  Hauptsache aus Varietee zusammen setzte. „Weißt du“, sagte Mimi,  „das ist ja alles sehr schön. Doch ich weiß hier nicht, ob ich in Mallorca, Teneriffa oder in Amerika bin. Diese Hotels sind auf der ganzen Welt gleich. Ich will dir ja nicht den Spaß verderben, aber können wir nicht morgen wieder zurückfahren?“ - „Natürlich können wir das. Ich dachte nur, du willst vielleicht einmal etwas anderes als nur immer den Campingplatz sehen“ -  „Das dachte ich auch. Doch weißt du was? Dein Campingplatz... dass ist die Türkei!

Wenn ich schon in diesem Land bin, dann will ich auch etwas vom türkischen Leben sehen. Und das habe ich auf dem Platz:

Die echte Türkei. Mit allem was dazugehört“.

Vor Monaten war ein neuer Gärtner von Ali eingestellt worden, der all seine Arbeiten sehr schnell und gewissenhaft erledigte. Abbas war ein lieber Mensch. Seine Eltern waren - für türkische Verhältnisse - sehr wohlhabend. Der Vater war Lkw-Fahrer und die meiste Zeit in Deutschland unterwegs. Abbas liebte seine Mutter und seine Geschwister sehr. Seinen Vater jedoch fürchtete er. Aus diesem Grunde war er von Istanbul weggegangen um in Antalya zu finden. Oft tröstete ihn Roswitha wenn er weinend seine Sachen packte und gehen wollte, weil Ali ihn mal wieder fürchterlich angebrüllt hatte.

Obwohl der Junge wie 3 Männer arbeitete.

Inzwischen hatte René die erste Klasse beendet. Die Ferien begannen und lachend erinnerte Roswitha sich daran, wie er seine ersten Winterferien hatte und ihr erklärte, er müsse an dem letzten Tag nur in die Schule kommen um sein
Karne abzuholen.
„Liebling was ist denn das - ein Karne?“ „Das weiß ich auch nicht. Alle Kinder bekommen heute so etwas“.

 „Brauchen wir denn das?“ „Nö... ich glaube nicht“. Erfreut den letzten Tag nicht zur Schule zu müssen, ging er ins Restaurant. Nach ein paar Minuten kam er jedoch nachdenklich zurück. „Vielleicht sollten wir doch hingehen“ meinte er.

„Alle Kinder holen heute dieses Ding ab“. „OK, dann holen wir deines auch. Ich bin ja gespannt, was dass sein soll“.
Als Davut kam fragte sie ihn, was so ein Karne denn sei. Nach einer umständlichen Erklärung von ihm hatte sie endlich begriffen... Zeugnisse! Es gab Zeugnisse. Es war schon einige Zeit her, dass Roswitha ein Schulpflichtiges Kind hatte.

Dass es auch Zeugnisse gab, hatte sie völlig vergessen.
Schnell fuhr sie mit Davut und René zur Schule. Natürlich wollte sie das allererste Zeugnis ihres Lieblings sehen.

Der Lehrer war wie immer sehr freundlich. Roswitha hatte sich schon öfter bei ihm über Renes schulische Leistungen informiert. Stets war der Pädagoge von René sehr begeistert gewesen. „Das liegt eben daran, dass er das Glück hatte einen so guten Lehrer wie sie zu bekommen“, moserte Roswitha ihn. „Nein, ganz im Gegenteil.

Ich hatte großes Glück, einen Schüler wie René in meine Klasse zu bekommen.“
 
Sie ging mit dem Zeugnis in ihrer Hand ohne einen Blick darauf geworfen zu haben. Erst im Auto sah sie es an.

„René jetzt verstehe ich überhaupt nichts mehr. Dein Lehrer sagt dass du ein sehr guter Schüler bist.

Aber du hast ja lauter Fünfen.“ René sah befremdet sein Zeugnis an und meinte, "Ich verstehe das auch nicht".

Davut der die Aufregung der Beiden beobachtet hatte, warf einen Blick auf das Dokument. „Na, so ein gutes Karne habe ich ja schon lange nicht mehr gesehen. René - meinen Glückwunsch.“  - „Wieso gut? Er hat nicht eine Eins“.

Davut musste lachen. „Einser soll er haben? Das wäre aber schlecht!!! René hat in allen Fächern ‚Sehr gut‘ bekommen.

Besser geht es gar nicht“.
Langsam begriff sie, dass in der Türkei die beste Note eine Fünf und die schlechteste die Null war. Irgendwie logisch.

Wenn man gar nichts wusste, war man eine Null.
Nun war auch René sehr stolz auf sein Zeugnis. Allen am Camping zeigte er es und überall wurde er beglückwünscht.
Jetzt, beim Abschlusszeugnis hatte er wieder seine Fünfen. Doch diesmal hatten sie keine Probleme damit.

Roswitha war sehr stolz auf den kleinen Mann.
 

Selçuk - der Zöllner - war im Frühjahr mit seiner Familie in Alis Haus eingezogen.
Mit ihm verstand sich Roswitha sehr gut. Auch mit seiner Frau Gül die jedoch fruchtbar viel redete.

Anscheinend hatten sie massive Eheprobleme.
Ali überschwemmte noch immer Touristen die am Camping zelteten. Und noch immer schleuste er heimlich seine Picknickgäste ein. Mit dem Rechnen hatte er auch seine Schwierigkeiten. Roswitha versuchte immer wieder,

ihm die Kassenabrechnung zu erklären. Erfolglos!

 

Er nahm ständig Geld aus der Kasse und es kümmerte ihn nicht, ob die Telefonrechnung oder die Steuer bezahlt werden musste.
Damit er die Abrechnung besser verstehen konnte, schrieb Roswitha die Einnahmen mit einem schwarzen Stift,

die Ausgaben mit einem Roten. Was übrig blieb, blau.
Ali langweilte die Buchführung seines Geschäfts zu Tode. Entweder nickte er bei der Abrechnung ein oder er schrie ungeduldig mit dem Personal herum. "Ihr seid zu blöd, die Toiletten zu putzen. Ihr hättet mal auf meinem Schiff arbeiten sollen. Da herrschte eine andere Disziplin als hier...Soll ich euch mal vormachen wie man eine Toilette putzt?" Warum sollte er sich mit diesen Abrechnungen quälen? Ihn interessierte nur, wie viel Geld er aus der Kasse für seine Einkäufe beim Schrotthändler erbeuten konnte. Das Geld das für die Löhne bezahlt werden musste, tat ihm in der Seele weh.

Der Einzige, der seinen Lohn zu Recht bekam war - seiner Meinung nach - Tamer.

Alle Anderen sollten doch froh sein, überhaupt an so einem schönen Ort arbeiten zu dürfen. Am liebsten hätte er von ihnen noch Geld dafür verlangt. Dass das Restaurant jetzt endlich Gewinn abwarf war einzig und allein ihm, Ali, zu verdanken.

Das Personal hatte damit nicht das Geringste zu tun und somit nicht wirklich Anspruch auf Bezahlung.
Immer wieder kam er mit unmöglichen Solisten an, mit denen er Boras Programm boykottierte. Dass dieser sehr eifersüchtig war, kümmerte ihn überhaupt nicht. Selbst einen Mann mit einer Ut schleppte er eines Tages an. Einem türkischen Instrument,

dass für Trauerfeiern ideal ist.
Das Publikum langweilte sich tödlich.
An diesem Abend zahlten sie Boras Gage völlig umsonst. Er sang zwei seiner Lieder und dann war Alis Mann an der Reihe.

Er hörte mit seinen Trauergesängen erst wieder auf, als auch der letzte Gast deprimiert gegangen war.

Um hinterher Bora dazu zu bringen seine ausgesprochene Kündigung zurück zu nehmen musste sie seine Gage erhöhen.
Nur ein paar Tage später - Im Restaurant gab es nicht einen einzigen freien Platz - schnappte sich Ali die Bauchtänzerin.

Er vermietete sie - kurz vor ihrem Auftritt im „Kaptans“ - an einen Yachtbesitzer. Dass in seinem eigenen Restaurant die Leute ungeduldig auf den Auftritt der Tänzerin warteten, war ihm völlig gleichgültig.

Verdiente er doch ein paar Lira extra mit ihr. Roswitha stritt daraufhin furchtbar mit ihm.
„Mach doch deinen Mist alleine“, sagte sie am Schluss der Debatte.
Erst war er gar nicht so unglücklich darüber. Als er jedoch sah, dass das Personal nur noch widerwillig zur Arbeit erschien,

(kein Wunder, Ali bezahlte sie ja nicht) kam er auf Knien an. Er versprach, sich nie wieder in ihre Arbeit einzumischen.

Sie hatte sich nur eine Woche nicht um das Restaurant gekümmert und doch waren viele der Gäste ausgeblieben.

Da Alis Mercedes entweder von Tamer oder Alis Familie beschlagnahmt worden war, entschloss sich Roswitha wieder ein eigene Auto anzuschaffen. Der VW Bus war immer kaputt und der Honda, Alis neueste Errungenschaft,

verlor diverse Ersatzteile mitten auf der Straße.
Sie hatte einen roten Jeep ins Auge gefasst, den sie bei der Nähe ihres Lieblingsgeschäftes Tespo gesehen hatte.

Da sich hinter seiner Windschutzscheibe: ‚Satılık‘ (Zu verkaufen) zu lesen war,

setzte sie sich mit dem Besitzer in Verbindung und vereinbarte einen Besichtigungstermin.
Zusammen mit Davut und René fuhr sie ins
Sanayi wo sie sich das Auto ansahen.

Der Besitzer pries seinen Wagen in den höchsten Tönen an. "Wenn sie diesen Wagen kaufen, dann machen sie ein echtes Schnäppchen und werden viel Freude mit ihm haben, denn ich habe ihn technisch und optisch immer gut in Schuss gehalten".

Nur wegen momentaner Geldschwierigkeiten würde er sein geliebtes Auto verkaufen.
Roswitha wollte ihn trotzdem von einem Freund - einem Automechaniker - dessen Werkstatt nur ein paar Meter entfernt war, ansehen lassen.

 „Wenn du dir diesen Jeep kaufst, musst du dir auch gleich einen Esel dazu besorgen“, meinte Davut plötzlich. Sie waren ein paar Meter hinter dem Jeep hergefahren als Davut diese Bemerkung machte. "Wie meinst du das?" fragte sie ihn deshalb.

"Ja sieh doch, der Freund des Besitzer zieht den Wagen an der vorderen Stoßstange!" Tatsächlich! Nun sah Roswitha es auch. Der Mann zog das Auto durch die Straße!

Von hinten schieben wäre wesentlich einfacher gewesen.

Doch dann hätten die potenziellen Käufer ja bemerkt, dass der Motor nicht lief.
Nun saß also der Besitzer lässig am Steuer und tat so, als bewege sich der Jeep aus eigener Kraft. Roswitha und Davut amüsierten sich königlich. Mindestens 1 km machten sie die Komödie mit. Dann hielten sie an und erlösten den armen Mann an der Stoßstange von seinen Qualen. „Tut mir leid, aber ich möchte schon mit meinem Auto auch mal alleine fahren können.

Ihr Freund wird wohl nicht immer die Zeit haben, mich durch Antalya zu ziehen.“

Der Besitzer beteuerte, es würde nur an den Zündkerzen liegen. Sobald er es in Ordnung gebracht hätte,

wollte er sich wieder melden.
Das nächste Auto das sie besichtigte war ein alter 180er  Mercedes Diesel. Baujahr 1953.

Sehr gepflegt und Tip-Top in Schuss. Jede einzelne Schraube war noch original.

5000 Mark wollte der Besitzer dafür haben. Noch Jahre danach, bereute Roswitha dieses Auto nicht gekauft zu haben.
Doch sie verliebte sich in einen anderen Wagen.
Ein Murat Baujahr 1972 in Bursa zum Kapriole umgebaut. 

Das Verdeck fehlte zwar, doch das war nicht so wichtig. Erstens war es ja noch Sommer und zweitens würde sie es sicher für ein paar Mark angefertigt bekommen. Roswitha war glücklich mit ihrem neuen Wagen.

Er war wahrscheinlich weltweit der Einzige seiner Art. Sofort ließ sie auf das kleine Auto überall

„Kaptan Restaurant“ schreiben und auf die Kühlerhaube „Bora Kücüker“, den Name ihres Stares.
Das auffällige Auto war eine ausgezeichnete Reklamefläche. Überall wo es auftauchte, erregte es Aufsehen.
Auch Ali gefiel das kleine Kapriole. Zusammen mit Roswitha fuhr er damit zum Basar.

Dieser fand täglich in einem anderen Stadtviertel Antalyas statt und man konnte auf diesen Märkten sehr günstig einkaufen.
Ali fuhr - wie immer - mit dem Auto mitten hinein ins Getümmel.
In den meist engen Strassen hatten die Händler ihre Verkaufsstände aufgebaut. Es herrschte überall heilloses Gedränge.

„Abi, hier ist heute die Durchfahrt verboten, “ sagte ein Verkäufer freundlich. „Was kosten deine Tomaten?“ fuhr Ali ihn barsch an. Der Mann nannte seinen Preis und Ali schrie:

„Du spinnst ja! Das ist viel zu teuer“ und drückte aufs Gaspedal. „Mann bist du blind?“ brüllte er aus dem offenen Auto einen Mann an, in der Straßenmitte Eier feil bot. Ungeduldig drückte Ali auf die Hupe-

„Ich glaube, du bist blind. Oder hast du noch nicht bemerkt das du dich mitten im Basar befindest?“

Dennoch machte er nun schimpfend die Straße frei und Ali fuhr weiter. Mit ihren großen Einkaufstaschen hatten die Leute Mühe, an dem Auto vorbeizukommen.

„Kannst du nicht, wie wir auch, draußen parken?“ schrie ein Mann zornig und schlug mit der Faust auf die Kühlerhaube.

„Dieser Bora Kücüker ist ein unkultivierter Idiot“, meinte er zu seinem Freund.
Obwohl alles sehr peinlich war, musste Roswitha jetzt doch Lachen. Die Leute dachten,

Ali wäre der Star des „Kaptan Restaurant“ da dessen Name auf dem Auto geschrieben stand.

    
Es war inzwischen Herbst geworden und Roswitha stellte fest, dass die Heizung in dem kleinen Auto nicht funktionierte.

Sie fuhr zu ihrem Freund dem Autoelektriker ins Sanayi. „Kannst du einmal nachsehen warum die Heizung nicht geht?“

Sofort ließ er seine Arbeit liegen und kam mit Roswitha zu ihrem Auto.
Zuerst drehte er das Gebläse auf volle Leistung und als immer noch kein Lüftchen wehte, nahm er einen Schraubenzieher in die Hand und öffnete, fröhlich pfeifend die Kühlerhaube. Überrascht starrte er in den Motorraum.
„Roswitha kannst du bitte einmal schauen?“ sagte er dann irritiert.

„Welche Heizung soll ich denn reparieren? Hier ist gar keine Heizung!“
 

Wieder ein Mal musste Roswitha ihr Visum verlängern. Da René seit über einem Jahr nicht mehr in Deutschland war,

hatte auch er kein Visum. Roswitha ging zu ihrem Freund Nazim - dem Polizeipräsidenten - und fragte, was da zu tun sei.

„Es ist ein neuer Kommissar bei der Ausländerstelle den ich ziemlich gut kenne. Er wird das für dich erledigen“. Hilfsbereit rief er sofort seinen Freund dort an. "Um für René ein Visum beantragen zu können braucht er eine Bestätigung für seinen Schulbesuch in Antalya. Die musst du dir von der Schule besorgen und dann bei meinem Freund vorlegen".


Sofort besorgte sie mit Davut das Dokument was vom Schuldirektor problemlos ausgestellt wurde.

Am nächsten Tag ging sie damit zur Ausländerpolizei.
Der Kommissar hatte sie schon erwartet. Zuerst legte ihm Roswitha die Unterlagen für ihr eigenes Visum vor.

 „Da sie schon ein Visum für ein Jahr hatten, gibt es auch diesmal keine Schwierigkeiten“, meinte er zuversichtlich.
Dann kam die Sprache auf René. Roswitha legte seinen Pass und die Bestätigung der Schule auf den Schreibtisch.

Nachdenklich sah der Mann nun die Papiere an. „Er lebt ohne Visum hier?“ fragte er dann vorsichtig.

„Ja ich weiß. Das will ich ja jetzt in Ordnung bringen.“ „Ich nehme mal an Gnädige Frau das sie nicht wissen,

dass ihr Sohn die Schule hier illegal besucht?

Man hätte ihn offiziell gar nicht in einer türkischen Schule annehmen dürfen.

Das man ihnen jetzt auch noch dieses Schriftstück für ihn ausstellte, ist mir unverständlich“.
„Ja ... und was kann ich jetzt tun“, fragte sie erschrocken.

Der Mann lächelte sie freundlich an und sagte: „Nehmen sie ganz schnell ihre Unterlagen wieder mit und  lassen sie alles so wie es ist.“ „Und wenn ich mit ihm nach Deutschland möchte?“ -  „Haben sie das in der nächsten Zeit vor?“

„Nein, eigentlich nicht.“ -  „Wenn es soweit ist kommen sie wieder zu mir. Dann werde ich sehen, was ich tun kann“.
Sie atmete erleichtert auf und lud den Mann ins „Kaptans“ zu einem Essen ein.


Als sie am späten Nachmittag nachhause kam, war es im Restaurant noch ziemlich ruhig.

Ein Tisch war mit 5 Frauen besetzt um die Ali wie der Hahn im Korb herum goggelte.

Als Roswitha am Abend René ins Bett brachte wurde plötzlich der gesamte Campingbereich dunkel.

Stromausfall - wie das täglich vorkam - konnte es nicht sein denn im Caravan hatte sie Strom und auch vom Restaurant hörte sie Paschas Musik.

Sie machte sich darüber keine weiteren Gedanken und sah einen Film an, der im Fernseher lief.
Am nächsten Morgen kam Davut - wie immer - zum Kaffee. "Bist du heute mit dem falschen Fuß aufgestanden?" fragte sie ihn nach einer Weile - er wirkte etwas bedrückt.

"Nein ... mit geht es gut - aber..." Er starrte schweigsam auf seine Kaffeetasse. „Wenn ich dir irgendwie helfen soll, musst du mir schon sagen um was es geht. Also?...“ -  „Roswitha ich habe kein Problem. Doch ich würde dir gerne etwas erzählen und weiß nicht, wie ich beginnen soll. Du musst mir versprechen dich nicht darüber aufzuregen und es auch nicht Ali Bey zu erzählen“ -  „Da ich nicht weiß um was es sich handelt, kann ich auch nichts versprechen.

Außer - dass ich dich nicht bei Ali verraten werde“.

Jetzt war Roswithas Neugier geweckt und sie fragte ihn immer eindringlicher was er wusste und sie noch nicht.

Doch Davut zierte sich wie eine Filmdiva.

Nun wusste Roswitha, dass die türkischen Männer - und insbesondere Davut - sehr große Tratschtanten sind und wenn er sein Geheimnis nicht loswerden konnte, würde er daran ersticken.


Als er nach einer halben Stunde noch immer um den heißen Brei herumredete, tat Roswitha uninteressiert:

„Gut - Wenn du es nicht erzählen willst, dann behalte es für dich. Wird wohl nichts Wichtiges sein“.

"Es ist schon was Wichtiges und ich finde, dass du es wissen solltest " sprudelte es nun aus ihm heraus.

 „Also ... Ich hatte gestern Abend - als du René ins Bett brachtest - noch meine Hausaufgaben für die Uni in Alis Haus gemacht. Ich saß im hinteren Zimmer und hatte gerade das Licht gelöscht, weil ich damit fertig war.

Da kam Ali Bey mit einer Frau ins Haus!

Mit ihr setzte er sich ins Wohnzimmer, in dem nur eine schwache, rote Lampe brannte. Wenig später versuchte er dann,

die Frau in sein Schlafzimmer zu zerren.
Da Selçuk mit seiner Familie zurzeit in Istanbul ist, dachte er wohl sie wären allein im Haus“.

Gespannt und ohne ihn zu unterbrechen hatte Roswitha zugehört. Das war ja wirklich eine interessante Geschichte. "Und weiter?" fragte sie. „ Sind sie denn in sein Schlafzimmer gegangen?“ -  „Die Frau hatte wohl Angst vor Entdeckung und wollte nicht so recht" fuhr er fort. "Aber Ali versuchte es mit allen Mitteln.

Roswitha glaub mir, ich hatte nicht die Absicht die Beiden zu belauschen. Du kennst mich und weißt, dass ich so etwas nie machen würde. Die ganze Situation war wirklich zu peinlich.

Als ich mich unbemerkt aus dem Haus entfernen wollte und durch das hintere Fenster hinaus stieg,  stieß ich mit dem Fuß an einen Gegenstand der mit einem Knall umfiel. Dieses Geräusch haben Ali und die Frau gehört sich sehr erschrocken. Ali Bey ist sofort nach hinten gelaufen um nachzusehen wer sich  außer ihnen im Haus aufhält. Die Frau flüchtete zur Tür hinaus.

Mich hat keiner von ihnen gesehen“.
So ein alter Casanova! "Schade - du hättest länger bleiben sollen. Es hätte mich echt interessiert wie die Story weiter gegangen wäre, wenn du sie nicht gestört hättest".
„Ich verstehe nicht, warum Ali Bey so etwas macht. Er hat eine super Frau. Was will er da mit Anderen? Noch dazu mit so einer Dicken? Die hatte locker 200kg“. „Das musst du ihn schon selber fragen“.

„Warum macht er überhaupt so etwas wenn er doch so eine Angst hat, er könnte von dir dabei erwischt werden? Bevor er nämlich mit der Frau ins Haus ging, ließ er von Selim sämtliche Sicherungen am Camping herausdrehen. Schließlich musste er unbemerkt mit der Frau direkt an deinem Caravan vorbei “. "Ach... das war also der Grund für den Stromausfall gestern Abend! Du sagtest Selim hat ihm dabei geholfen?“.

„Ja! Und auch mit der Restaurant Rechnung: Die findest du als Kredit in der Kasse ...!“
Roswitha wartete bis Ferhat kam und machte mit ihm die Abrechnung des letzten Abends. Tatsächlich!

Die Rechnung der Frauen war von Ali als Kredit deklariert worden.

Roswitha nahm sich die gleiche Summe - die auf der Rechnung stand - aus der Kasse.

„Wenn Ali etwas dazu sagt, dann schicke ihn zu mir. Ich bin zu Hause“. Ferhat grinste. Er wusste um was es da ging.
Sie musste nicht lange auf ihn warten. „Roswitha, du hast das Geld für den Kredi aus der Kasse genommen?

Das waren ganz bedeutende Gäste und für unser Geschäft sehr wichtig. Also sozusagen Geschäftsunkosten“ -  „Ich weiß Liebling, “ sagte sie freundlich  „deshalb hast du also gestern Abend diese wichtige Person mit in dein Haus genommen?

Ich hatte schon die absurdesten Vermutungen ... aber jetzt ist ja alles klar“.
„Wieso? Wie meinst du das? Was soll ich gemacht haben?“ - „Ja - dass frage ich dich. Wer war denn diese  ungemein wichtige Frau? Eine Ministerin?“ -  „Was für eine Frau?“ schrie er nervös. „Wo kommt denn dieses Thema überhaupt her?“

Hätte er sie doch bloß nichts wegen dieser blöden Rechnung gesagt.
Roswitha beobachtete ihn amüsiert. „Schau Ali - ich sage ja gar nicht, dass du mit ihr etwas Unrechtes getan hast. Ich frage dich ja nur: Was wolltest du mit dieser Frau in deinem Schlafzimmer?“ -  „Ich weiß gar nicht von was du da sprichst. Was für eine Frau denn? Und wieso Schlafzimmer? Du weißt genau, das ich nur dich liebe. Du glaubst immer gleich alles was man dir erzählt. Du sollst keinem Ahmet und keinem Mehmet vertrauen, sondern nur mir. Ich lüge dich doch nie an“ -  „Dann schau“ sie zeigte auf ihre Augen. „Das ist Ahmet und das ist Mehmet.

Ich habe dich und die Frau nämlich mit meinen eigenen Augen gesehen!“ -  „Das war ich nicht. Du hast mich verwechselt, “ versuchte er sich herauszureden. „Nein, Hayatim ich habe dich gesehen. Und beinahe hättest du auch mich gesehen.

Kannst du dich an das Geräusch im hinteren Zimmer erinnern? Das war ich“, bluffte sie.
Ali verschlug es für ein paar Sekunden die Sprache. „Liebling - Bevor du dir jetzt weitere Lügengeschichten ausdenkst, sage mir doch einfach nur was du mit der Frau in deinem Zimmer gemacht hast. Wolltest du vielleicht mit ihr im Koran lesen? Oder wolltet ihr zusammen Handarbeiten?“ -  „Ich war das nicht“, brüllte er und wusste doch, dass er in der Falle saß.

„So eine Unverschämtheit. Wer kann so was von mir behaupten? Alles gelogen“.
Jetzt wurde Roswitha doch langsam böse. Obwohl er der Meinung war, Roswitha wäre tatsächlich im Haus gewesen,

log er frech weiter.

„Ja mein Schatz, wenn du meinst, dass alle lügen nur du nicht, dann machen wir das anders.
Ich weiß zufällig, dass die Frau verheiratet ist. Mich kannst du ja anlügen so lange du willst. Aber mal sehen, was du ihrem Ehemann erzählen wirst. Den rufe ich jetzt nämlich an. Bin sehr gespannt darauf, was er dazu meint, wenn seine Frau mit dir in deinem dunklem Zimmer herumsitzt und sich betatschen lässt“.

Ali sprang wie von der Tarantel gestochen vom Stuhl auf als sie nach dem Telefon griff.

„Nein! Das kannst du nicht tun! Der fragt mich erst gar nichts - der erschießt mich“ -  „Ist doch Klasse! Dass erspart mir diese Arbeit. Ich frag dich jetzt noch einmal: Was wolltest du mit ihr im Haus?“ -  „Und ich sage es dir zum letzten Mal:

Ich war das nicht!“.

 „Na dann komm mit ins Restaurant. Wir fragen Selim“. Roswitha war jetzt richtig zornig geworden. "Selim? 

Was hat denn Selim damit zu tun?“ -  „Das weißt du besser als ich mein Einziger. Komm mit!“  

Selim war ein gläubiger Moslem. Im Großen und Ganzen war er ehrlich. Sein Vater legte nie bei der Bank Geld an,

weil es der Koran verbietet, sich an Zinsen zu bereichern.
„Selim komm einmal her. Du brauchst keine Angst zu haben. Ich weiß eh schon über die Sache Bescheid und mache dir keine Vorwürfe. Also: Warum hast du gestern Abend die Sicherungen am Camping heraus gedreht?“ fragte Roswitha den Kellner.
Der Junge schaute erschrocken auf Ali der heftig mit dem Kopf schüttelte. „Roswitha Hanim ich weiß nicht wovon du redest. Welche Sicherungen?“ -  „Schau -  ich will dir wirklich  keine Vorwürfe machen.

Ali ist dein Boss und ich weiß, du musst tun was er dir sagt. Aber ich erwarte jetzt, dass du mir die Wahrheit über den gestrigen Abend sagen wirst. Warum hast du die Lichter ausgemacht?“. Immer noch bestritt er, etwas darüber zu wissen.

„Ach so ist das“, schrie ihn Roswitha an. „Das Personal hier arbeitet nebenbei auch als Zuhälter für den Chef. Du kannst heute noch deine Sachen packen und von hier verschwinden“. Als Ali protestieren wollte, fuhr sie ihn an: „Du bist ganz still.

Das hat er dir zu verdanken. Hundertmal habe ich dir gesagt, du sollst deine Weiber nicht hierher auf den Platz bringen.

Kein weiterer Kommentar: Selim verschwindet hier! Auf der Stelle!“.
Jeder auf dem Platz wusste von Alis nächtlichem Abendteuer. Roswitha konnte nicht anders handeln,

wollte sie den Respekt ihres Personals nicht verlieren.
Als Selim seine Sachen gepackt hatte, kam er bei Roswitha vorbei und entschuldigte sich. „Du hattest Recht, ich habe mich als Zuhälter missbrauchen lassen. Das hat Ali aus mir gemacht. Dafür verachte ich ihn. Dass ich dich anlügen musste,

ist mir besonders schwer gefallen. Doch Ali Bey ist doch auch vom Karadeniz wie ich“.
Berückt kam Davut vorbei als Roswitha wieder alleine war. „Du hast mir doch versprochen, die Sache für dich zu behalten“, meinte er. „Ich habe nur versprochen dich aus der Sache raus zuhalten. Und das Versprechen habe ich auch gehalten.

Niemand wird je davon erfahren, dass du es warst der mir davon erzählt hat“.
Zwei Tage später kamen die Frauen noch einmal. Ali ergriff - als er sie erkannte - blitzartig die Flucht.

Da sie von ihm nichts spendiert bekamen, bestellten sie nur Obstsaft. Als sie dann von Ferhat die Rechnung bekamen wurden sie bleich. Er hatte ihnen für ein paar Gläser Orangensaft umgerechnet 20 Mark verrechnet. Zähneknirschend bezahlten sie und gingen.
„Die wirst du hier nicht noch einmal sehen“, sagte er zu Roswitha, als die ihn bei der abendlichen Abrechnung fragte,

von wem er denn eine solch überhöhte Rechnung kassiert habe.

 

Sylvester in dem Jahr war ein voller Erfolg. Ibrahim konstruierte einen Wagen mit der er dann mitten im Restaurant das Mitternachtsmenü zubereitete. Überall waren Luftballons aufgehängt worden die mit Konfetti befüllt waren.

Zum Jahreswechsel wurden diese zum platzen gebracht und das Neue Jahr mit einem bunten Konfettiregen begrüßt.
Auch wenn auf der Tanzfläche für die 160 Personen nicht genügend Platz war, die Leute tanzten auf den Tischen zu Boras liebevoll vorbereitetem Programm. Als dann noch die Bauchtänzerin mit Fackeln und einer Sänfte - die Abbas gebaut und Roswitha mit Goldlamee dekoriert hatte - herein getragen wurde, war selbst der letzte Nörgler überzeugt, auf der schönsten Sylvesterparty seines Lebens zu sein.
So auch Helmut, der wie jedes Jahr ein paar Monate bei Roswitha verbrachte. Als er so viel getrunken hatte,

dass ihm das Laufen schwer fiel wurde er mit dieser Sänfte zu seinem Caravan getragen.

“Ich wurde schon einmal in eine Schubkarre gesetzt und heimgefahren. Doch das mit der Sänfte - das war schon einsame Spitze. Ich hab mich wie ein König gefühlt“ meinte er am nächsten Morgen stolz.

 

Als sie ein paar Tage später aus Antalya vom einkaufen zum Lokal zurück kam, wartete dort ein Mann auf sie der sich selbst als Baba‘ vorstellte. "Ein wunderschönes Restaurant haben sie hier gnädige Frau. Das ist genau das, was ich für meine geschäftlichen Besprechungen brauche". Er war Immobilien Makler und nach eigenen Angaben hatte er zahlreiche Geschäftspartner die er in Zukunft zum "Kaptans" bringen wollte. Er wollte nun - da er ja dann quasi Stammgast sein würde - einen Preisnachlass seiner zukünftig anfallenden Rechnungen aushandeln. Nach kurzer Zeit wurden sie sich einig, dass er auf alle Speisen und Getränke 10% bekommen sollte. Roswitha stellte den beleibten Herrn auch Ferhat vor und setzte ihn von der Abmachung in Kenntnis. Der Winter war lange und gute Gäste in dieser Zeit rar.

„Ich komme eigentlich aus Ankara“ plauderte er redselig  mit Roswitha. „Habe dort auch ziemlich viel zu tun.

Doch die meiste Zeit verbringe ich hier in Antalya.

Ich habe 5 Frauen und 7 Kinder. Da brauche ich schon etwas Zerstreuung am Abend“ meinte er lachend und schlug sich dabei auf seinen überdimensionalen Bauch.
 

Da Roswitha eine Nacht mit dem Flugzeug nach Zypern musste versäumte sie Babas ersten Besuch im Restaurant.
„Na, wie war denn unser neuer Gast?“ fragte sie Ferhat als sie zurückkam und bei der Abrechnung seine Rechnung in den Händen hielt. „Als Bora seinen Auftritt hatte, ist er in ohnmächtig vom Stuhl gekippt.

Er musste von uns ins Krankenhaus gefahren werden“. „Was fehlte dem Armen denn?“ „Nichts Schlimmes anscheinend.

Er konnte das Krankenhaus sofort wieder verlassen. Entweder hatte er sich überfressen oder es war der Kreislauf“.

 „Oder er war von unserem Bora so entzückt dass er die Besinnung verlor“, witzelte Roswitha.

Baba kam von nun an fast täglich. Er machte zwar keine überwältigenden Zechen, wie er es versprochen hatte,

kam jedoch regelmäßig.
Dass er mit einem Colt im Gürtel auf der Tanzfläche herumhüpfte, war für Roswitha sehr abstoßend.

 „So ein Angeber. Wir sind hier doch nicht in Texas“, schimpfte Roswitha empört und auch Ferhat war absolut ihrer Meinung.
Dann kam der verhinderte Cowboy etwa 2 Wochen gar nicht. Er wurde nicht sonderlich vermisst, denn seine Restaurantrechnungen waren nicht so bombastisch wie es anfangs von ihm versprochen waren war.
Als er dann doch wieder auftauchte saß Roswitha mit Emine im Restaurant.

Roswitha begrüßte Baba an seinem Tisch. Er war mit einem Mädchen und einem Mann gekommen.
„Hoş geldin Baba. Du warst ja lange nicht mehr hier“, begrüßte sie ihn freundlich. „Hoş bulduk“, antwortete er.

„Ich hatte ein paar Tage in Ankara zu tun, deshalb kam ich nicht. Setz dich doch ein bisschen zu uns und trink einen Rakı“. Roswitha setzte sich auf den freien Stuhl neben dem dicken Baba. „Ich habe mir schon Sorgen gemacht und dachte,

du wärst vielleicht krank“. Sie spielte auf seine Ohnmacht am ersten Abend an.

 „Oh ja... krank bin ich auch“. „Das tut mir aber leid. Hoffentlich nichts Ernstes?“

„Bende bir Boğahastalik var“erzählte er ihr mit einem traurigen Gesicht.
Roswitha war etwas verunsichert denn inzwischen sprach sie zwar sehr gut Türkisch,

doch von so einer ‚Stierkrankheit‘ hatte sie noch nie gehört. Sie hatte aber auch keine große Lust seine Krankheitsgeschichte anzuhören und wollte den Tisch schnell wieder verlassen.
„Fass einmal da hin“, sagte Baba nun und zeigte auf eine Stelle über seinem Nabel. „Nein danke - nicht nötig! Ich glaube dir auch so, dass du krank bist“ -  „Du kannst dir ja nicht vorstellen, wie schlimm das ist. 

Schau ...genau hier“.
Er schnappte nach ihrer Hand und legte sie auf die - wie Roswitha glaubte - Schmerz verursachende Stelle

etwa eine Handbreite über seinem Bauchnabel.
Tatsächlich spürte Roswitha dort eine weiche Geschwulst. Sie drückte vorsichtig darauf.

War das etwa ein Bruch?
Sie drückte noch einmal... die weiche Geschwulst wurde merklich härter - Ungläubig drückte sie noch einmal - Und begriff jäh, an was sie da so mitfühlend herumdrückte:
An seinem - Schniedel! 

Fassungslos sah sie in Babas stolz erfülltes Gesicht.
Abrupt stand sie auf und ging zu ihrem Tisch zurück an dem immer noch Emine saß. „Sag mal, weißt du was eine Stierkrankheit ist?“ Emine schüttelte den Kopf. Noch niemals hatte sie davon gehört. „Ich weiß es jetzt.

Das ist ein mindestens halben Meter langer Penis“ -  „Was? Wer hat dir denn so einen Unsinn erzählt“, wollte sie neugierig wissen. Für solche Themen war sie immer offen. Roswitha erzählte, was ihr gerade an Babas Tisch passiert war.
Inzwischen musste sie so lachen, dass es ihr schwer fiel zu sprechen. Als Emine endlich begriff, schrie sie:

„So ein Schwein!“ Außer sich sprang von ihrem Stuhl auf um diesem Baba in sein überdimensionales Ding zu treten.

Roswitha musste sie mit Gewalt daran hindern. „Beruhige dich wieder! Das ist nicht deine Aufgabe.

Ich erzähle es Ali. Mal sehen was der davon hält“.

Emine begriff nicht, was Roswitha so komisch fand. „Und deinen Ali... den kannst du vergessen! Das weißt du doch.

Vielleicht macht er wieder ‚Ksch...ksch‘, aber dem Mann da gehört eine richtige Tracht Prügel“.

Roswitha erholte sich allmählich wieder von ihrem Lachanfall und als sie Ali in der Nähe der Kasse erblickte,

ging sie zu ihm und erzählte ihm mit ernster Mine den ominösen Vorfall.

Ali fand es sehr lustig. Kichernd wollte er immer wieder wissen, wo denn genau Roswitha gedrückt hätte. Emine, die dazugekommen war schrie ihn an und fragte, ob er dem Mann nicht wenigstens endlich Lokalverbot geben wolle. Gott bewahre... Nein! Der hatte doch eine Waffe. Außerdem war ein guter Gast.

Es hätte nicht viel gefehlt und die wütende Emine hätte Ali ins Gesicht gespuckt.

Ferhat, der die Sache auch mitbekommen hatte ging Kommentarlos an seine Kasse und schrieb Babas Rechnung. Diesmal ohne
İndirim. Er brachte sie an dessen  Tisch mit der dringenden Bitte, das Lokal sofort zu verlassen und nicht mehr wiederzukommen. Ali war geflüchtet und als Baba das Grundstück verlassen hatte, stürzte sich wieder voll in seine Arbeit.

Mit Abbas - dem fleißigen Gärtner - grenzte er Bäume mit Steinen ein. Um jeden einzelnen Baum wurde ein Kranz aus großen, spitzen Steinen gelegt. Das war für die Restaurant- Gäste, die überwiegend betrunken wegfuhren, nicht ungefährlich.

Wenn sie die Bäume gerade noch erkennen konnten, die hohen, spitzen Steine die am Boden lagen sahen sie nicht.

Im günstigsten Fall bekam nur das Auto ein paar Kratzer ab.
 

Eigentlich gab es am "Kaptans" keine Giftschlangen. Aber Ali brachte mit Abbas die Steine von einem abgelegenen Grundstück an den Campingplatz. In einem dieser Steine hielt eine Viper ihren Mittagsschlaf. Durch das gepolter im alten VW Bus erwachte sie und versteckte sich ängstlich in einem Seil, dass auf dem Fahrzeugboden herumlag.  Als Abbas am Camping nun diesen Strick hochheben wollte, schnellte sie blitzschnell aus ihrem Versteck und ehe der Junge sich sich versah spürte ihre spitzen Zähne in seinem Finger.

Abbas zu lief zu Roswitha und fragte sie völlig ruhig "Hast du ein Verbandspflaster für mich?" -  „Ja natürlich. Hast du dich verletzt?“ „Nein, nein. Es hat mich nur eine kleine Schlange gebissen“.

„Wie? Eine Schlange? Abbas wir fahren sofort ins Krankenhaus. Ist die Schlange noch da? Die müssen wir dem Doktor mitbringen, damit er weiß, welches Serum er dir geben muss. Wo kam die Schlange eigentlich her?“ Roswitha redete wie ein Wasserfall was sie meistens tat, wenn sie sich sehr aufregte.
Sie hatte keine Erfahrung mit Schlangenbissen doch irgendwo hatte sie einmal gelesen, dass es am besten sei wenn man dem behandelndem Doktor sagen konnte um welche Art von Schlange es sich handelt.
Zusammen mit Abbas - der ihr immer wieder versicherte, dass er in Ordnung war und ein Arzt unnötiger Luxus sei, gingen sie an die Stelle an der er gebissen worden war. Die Schlange war tatsächlich noch dort und bewegte sich ständig im Kreis. Anscheinend war Abbas der Erste, den sie in ihrem Leben je gebissen hatte und deshalb vollführte sie einen Freudentanz.
Mit ein paar Zöllnern, die im Restaurant zu Mittag essen wollten, jagte Abbas das Tier.

Am Ende wurde es von den 4 Männern totgeschlagen. Das Reptil war nicht sehr groß,

nur etwa 30 cm lang, dünn und grau. Sie wurde nun eilig in eine Plastiktüte mit Zippverschluss gesteckt und gemeinsam mit Davut fuhren Roswitha, Abbas und die Schlange ins staatliche Krankenhaus

(Devlet-Hastane) nach Antalya.
Nachdem die Formalitäten erledigt waren durften sie in das Sprechzimmer eintreten.

Am Schreibtisch dort saß eine junge Krankenschwester. „Was kann ich für sie tun?“ fragte sie etwas herablassend.

Roswitha legte ihre Tüte mit der Schlange direkt vor das Mädchen auf den Tisch.
„Die hat ihn gebissen“, sagte sie nervös und zeigte auf Abbas den das Mädchen jedoch überhaupt nicht wahrnahm. Wie gelähmt starrte sie auf das Tütchen vor ihr und kreischte hysterisch: „Iiihh... lebt die noch?“

Plötzlich sprang sie so schnell auf, dass der Stuhl hinter ihr mit einem lauten Knall zu Boden fiel.

„Nehmen sie das Tier vom Tisch herunter. Nehmen sie die Schlange da weg!“. Ihre Stimme überschlug sich förmlich.

„Aber sie müssen sich die Schlange doch erst mal ansehen. Sie müssen schließlich wissen, welches Serum Abbas braucht. Außerdem ist sie tot “ antwortete Roswitha.

Zitternd vor Angst nahm das Mädchen einen Rezeptblock und schrieb hastig etwas darauf. „Besorgen sie das in der Apotheke gegenüber und kommen sie dann wieder hierher. Ohne ihre Schlange bitte“.
Roswitha war fassungslos. Was war dass denn? Die schrieb einfach irgendein X-beliebiges Serum auf? Ohne zu wissen, um welches Gift es sich überhaupt handelte? „Abbas komm! Wir fahren zu einem anderen Arzt, “ sagte sie entschlossen.

„Roswitha Hanim glaube mir: Ich brauche keinen Doktor. Mir fehlt nichts“. „Wenn dich ein Doktor angeschaut hat und danach bestätigt, dass dir nichts fehlt - dann gehen wir nach Hause. Aber erst dann ...und keinen Augenblick eher“. 
Inzwischen war seit dem Biss mehr als eine Stunde vergangen. Roswitha wurde immer nervöser. Sie hoffte inständig,

dass es sich um keine Giftschlange handelte. Wenn doch, dann zählte jede Minute.

 „Wohin jetzt?“ fragte Davut.

„Zur Poliklinik. Schnell!“
Dort kümmerte man sich sofort um Abbas. Auch in dieser Klinik zeigte Roswitha die Schlange in der Plastiktüte.

Der Doktor sah sie an und sofort wurde Abbas in ein Bett gelegt. Er bekam eine Infusion mit Gegengift.
Roswitha saß derweil wartend im Gang. In ihrer Hand befand sich immer noch der Klarsichtbeutel mit der Schlange den sie krampfhaft festhielt. Nach ein paar Minuten kam der Doktor und fragte sie:

 „Wie ist der Name?“ Roswitha sah auf die Schlange und antwortete genervt über die Frage:

„Den weiß ich nicht. Sie hat Abbas gebissen, aber wie sie heißt hat sie uns nicht erzählt“.

Der Doc sah sie perplex an und ging zurück ins Krankenzimmer.
Nach einer Weile kam er gutgelaunt wieder und sagte „Kartal - Der Name ist Kartal“ -  „Oh, da muss ich zu hause sofort in meinem Wörterbuch nachschauen. Kartal sagten sie? Was das wohl für eine Schlangenart ist? War sie denn giftig?“ - 

„Die Schlange? Oh ja! Sehr giftig sogar. In der Türkei gibt es nur noch eine Art, die gefährlicher ist als diese. Die ist grün und nicht grau wie ihre.

 Ein paar Stunden später und ihrem Freund wäre nicht mehr zu helfen gewesen.

Übrigens - der Name des jungen Mannes ist Kartal. (Falke) Ich wollte vorhin seinen Namen von ihnen wissen ...Nicht den der Schlange“.

 
Abbas musste noch ein paar Stunden in der Klinik bleiben. Als er entlassen wurde, bedankte er sich viele Male bei Roswitha.

„Du hast mir das Leben gerettet“ sagte er. Roswitha war heilfroh, dass er außer Gefahr war.
Am Platz fing Ali sofort zu schreien an. „Wo warst du denn so lange mit Abbas? Wir haben noch so viel Arbeit“ brüllte er. Als Roswitha ihm erzählte, dass die Schlange von der er gebissen worden war sehr giftig gewesen sei, zuckte er nur gleichgültig mit den Schultern.

Wenig später wurde Roswitha ans Telefon gerufen. Der Deniz-Kommutan wollte sie sprechen, um sie und Ali am Wochenende einzuladen ihn und seine Frau im Marine Stützpunkt zu besuchen. Gerne nahm Roswitha die Einladung an.

Er war ein sehr ruhiger, lieber Mensch. Seine Frau dagegen eine sehr dominante, exzentrische Frau.

Der arme Kommutan hatte nicht viel zu sagen in ihrer Gegenwart.
Sie wohnten in einem kleinen Bungalow im Camp, nur wenige Schritte vom Meer entfernt. Der Strand dort war wunderschön. Direkt an das Marinecamp grenzte Antalyas Yachthafen, die Setur Marina.
Die Dame des Hauses zeigte Roswitha stolz ihre Einrichtung. „Den Stoff für die Wohnzimmergarnitur habe ich extra aus Italien kommen lassen“, betonte sie mehrere Male. Roswitha bewunderte alles höflich.
Ali hatte sich schon gemütlich auf dem italienisch überzogenen Sofa niedergelassen. „Was dürfen wir euch zu trinken anbieten?“ fragte der Kommutan gastfreundlich. „Whiskey“ verlangte Ali etwas unverschämt. Roswitha wollte lieber nur einen Kaffee haben. Der Kommutan stellte eine volle Flasche Whiskey auf den Tisch. „Die werde ich leer trinken“ meinte Ali und schenkte sich gleich selbst sein Glas ein. Er füllte es bis zum Rand.
Als der Kaffee fertig war unterhielten sich die beiden Frauen. „Soll ich in ihre Tasse schauen?“ fragte

Nur Hanim freundlich. „O ja, das wäre sehr schön. Ich wusste gar nicht, dass sie das können“. „Natürlich kann ich es.

Alle meine Freundinnen wollen von mir die Zukunft wissen. Bei mir trifft alles zu 95% ein.

Ich bin überhaupt sehr künstlerisch veranlagt - malen kann ich auch sehr gut“. Sofort zeigte sie Roswitha einige ihrer Bilder.
Inzwischen schenkte sich Ali schon das dritte Glas Whiskey ein. Die Flasche war nicht einmal mehr halb voll.

Der Kommutan trank nicht mit. „Ich habe Probleme mit meinem Herzen und der Arzt hat mir Alkohol strikt verboten“, entschuldigte er sich dafür bei Ali. "Auch gut - ich schaff die auch alleine" 
Ali hatte Plätzchen auf dem Tisch entdeckt und stopfte sich damit voll. Da er ununterbrochen redete,

fielen eine Menge Brösel aus seinem Mund. Auf Nur‘s gepflegtes Sofa mit dem italienischen Bezug!

Roswitha wurde immer zappeliger.
Nur nahm nun Roswithas Tasse und begann darin zu lesen. „Sie haben eine sehr schöne Zukunft...“ „Natürlich, sie hat ja mich. Nicht wahr Tatlım?“. Liebevoll fuhr er mit seiner vom Whiskey und den Plätzchen klebrigen, großen Hand in Roswithas lange Haare und zerzauste sie. Sie saß nun wie eine Hexe neben ihm und schämte sich schrecklich.

Nicht wegen der Frisur sondern über Alis unmögliches Benehmen.
„Sie werden es jetzt nicht glauben, doch es kommt etwas auf sie zu und dann werden sie sehr, sehr viel Geld verdienen und furchtbar glücklich werden...“ „Was soll das heißen?“ unterbrach Ali unhöflich Nurs Weissagung. “Sie verdient doch bei mir Geld. Und glücklich ist sie sowieso. Ach... da ist ja Schokolade.

Ich liebe Schokolade“.

Roswitha fürchtete ernsthaft um die Möbel des Kommutan.
„Ali, ich würde jetzt gerne wieder nach Hause fahren. Ich muss mich um das Restaurant kümmern und glaube,

der Kommutan hat auch noch einen wichtigen Termin“ -  „Die Flasche ist aber noch nicht leer“.

Wieder nahm er einen großen Schluck. „Roswitha hat Recht. Wir müssen wirklich in einer halben Stunde in Antalya sein“

 sagte der Kommutan, Roswithas Wink dankbar aufgreifend.
Ali benahm sich fürchterlich ungehobelt. Er schien tatsächlich die Absicht zu haben die Flasche Whiskey auszutrinken.

Damit es schneller ging, schenkte sich nun auch der Kommutan ein Glas ein. „Şerefe Ali Bey“, sagte er und trank.

Der Arme vertrug tatsächlich keinen Alkohol und wurde urplötzlich kalkweiß. „Geht es ihnen nicht gut?“ fragte Roswitha besorgt. „Nein, nein mir fehlt nichts“, sagte er tapfer.

„Ali bitte, steh endlich auf. Wir müssen jetzt wirklich zurück“ fuhr Roswitha ihren charmanten Begleiter unsanft an.

Der sah auf die Whiskeyflasche. „Da ist aber noch etwas drin“, lallte er und... füllte sein Glas noch einmal voll.

Da er inzwischen alles dreifach sah schüttete er die Hälfte daneben. Vom Tisch tropfte nun der Whiskey auf den -

bis dahin blitzblanken - Boden.

Von den Bröseln, die um Alis Füße lagen einmal abgesehen. Auch das letzte Glas trank er vollständig aus.

Er hatte doch tatsächlich die ganze Flasche niedergemacht.
Endlich erhob er sich und wankte hinaus. Sein Auto stand direkt vor der Tür. „Gib mir deine Schlüssel. Ich fahre“, sagte Roswitha. „Ha, ha... Bin ich vielleicht betrunken?. Nein meine Schöne - Ich fahre selbst!“
Roswitha wollte so schnell wie nur möglich nachhause. Um ihn umstimmen zu können, hätte sie ihn jetzt fürchterlich anschreien müssen. Alles andere hätte in seinem Zustand nichts genützt. Ali hatte sie für diesen Abend schon genug blamiert.

Da konnte sie nicht gut auch noch hysterisch in der Gegend herumbrüllen.
Bis zum Camping waren es ja nur ein paar hundert Meter auf einer nicht öffentlichen Straße, überlegte sie.

Um noch mehr Aufsehen zu vermeiden, diskutierte sie nicht länger mit ihm und ließ ihn ans Steuer.

Sie hatte nur den einen Wunsch:

So schnell wie möglich zu verschwinden.
Nachdem er die Freunde kräftig geküsst hatte, drückte Ali fröhlich auf das Gaspedal.
Die Einfahrt zum Camping registrierte er in letzter Sekunde. Er fuhr mit quietschenden Reifen und ohne vom Gas zu gehen,

in die Haarnadel Kurve. Vor dem Restaurant kam er letztendlich nur zum stehen,

weil er dort gegen einen Baum fuhr.
Er knallte beim Aufprall mit dem Kopf gegen die Windschutzscheibe, setzte sich blitzschnell wieder gerade hin und sagte grinsend zu Roswitha: “Problem yok“.
Das Programm fand inzwischen wieder im geschlossenen Restaurant statt. Durch den Knall des Aufpralls aufgeschreckt,

kam das Personal herausgelaufen. "Nehmt eueren Boss und bringt ihn ins Bett“, sagte Roswitha völlig genervt zu ihnen.

Sie ging ins Restaurant und setzte sich an die Kasse zu Ferhat. „Was ist denn mit Ali Bey passiert?

Wie konnte er denn in so kurzer Zeit so betrunken werden?“.

„Nach einer ganzen Flasche Whiskey ist das ganz normal“.
Ali wurde zur Tür hereingeschleppt. Tamer stützte ihn rechts, ein Garson links.

Es waren nicht viele Gäste da an diesem Abend. An einem Tisch in der Ecke saßen etwa 10 junge Leute.

Junge Mädchen mit ihren Freunden.
Ali befreite sich von seinen Helfern und wankte auf genau diesen Tisch zu. „Guten Abend“, lallte er und schlug einem jungen Mann so kräftig auf den Rücken, dass dieser um ein Haar vom Stuhl gerutscht wäre. Ferhat, der Angst hatte Ali würde gleich eine Tracht Prügel beziehen, lief schnell an seine Seite.
„Es ist alles in Ordnung. Darf ich vorstellen: Das ist Ali Bey unser Patron“. Dann zog er Ali mit sich fort.

Der war damit beschäftigt gewesen, sich aus den Haaren eines Mädchens zu befreien in denen er sich mit den immer noch klebrigen Händen verfangen hatte. Dieses Mädchen hatte nun dieselbe Frisur wie vorher schon Roswitha.
Ferhat zerrte Ali mit sich und setzte ihn an einen Tisch.
„Ich habe Hunger“, schrie Ali und schlug mit der Hand auf die Tischplatte. „Tamer ...mach mir 10 Eier“.

Dann nickte er ein. Windschief saß er schlafend auf seinem Stuhl - immer kurz davor - herunterzufallen.
Die jungen Gäste verlangten die Rechnung und verließen das Lokal.
Tamer brachte die gewünschten Eier an den Tisch und weckte Ali. Der bewaffnete sich mit einer Gabel und versuchte damit den Teller zu treffen - was ihm nicht gelang. So sehr er sich auch anstrengte, die Gabel machte einfach nicht, was Ali wollte.

Kurz entschlossen knallte er sie auf den Tisch und stopfte sich die Eier mit der Hand in den Mund.
Von dem anstrengenden Kampf mit den Eiern wurde ihm schlecht.

2 Kellner schleppten ihn nach draußen. Kurz bevor sie mit ihm die Toilette erreichten,

musste er sich übergeben. Mit dem Whiskey, der Schokolade und den Eiern fielen auch Alis Zähne aus seinem Mund.

Was einen vorbei laufenden Hund sehr glücklich machte. Er schnappte sich das Gebiss und rannte mit ihm auf und davon.
„Stellt ihn unter eine kalte Dusche und legt ihn dann ins Bett. Aber ich warne euch... Nicht in meines“, sagte Roswitha .

„Bana para verin“, (gebt mir Geld), lallte Ali noch bevor er endgültig weggeschleppt wurde.

Ihm war eingefallen, dass er an diesem Tage die Kasse noch gar nicht geplündert hatte.

 

Am darauf folgenden Tag stand Ali wieder sehr früh auf. Da Roswitha ihm verboten hatte die Touristen zu überschwemmen, hatte er jetzt eine andere Beschäftigung gefunden.
Er zündelte. Ali machte jeden Tag an einer anderen Stelle offenes Feuer auf dem Platz.
Abgesehen davon, dass es fürchterlich qualmte und stank: Es war auch äußerst gefährlich.

Das trockene Holz der Bungalows würde, wenn auch nur ein kleiner Funken übersprang, sofort lichterloh brennen.

Und das konnte leicht geschehen. Ali achtete nie darauf, aus welcher Richtung der Wind wehte.
Da Roswitha schon öfter deswegen mit ihm gescholten hatte, machte er an diesem Tag sein Feuer außerhalb ihres Kontrollbereichs am Eingang. Unmittelbar neben der Mobil Tankstelle.
Als es schön brannte fiel ihm plötzlich ein neuer Pumuckel-Spruch ein. Den wollte er schnell zu Papier bringen bevor er diese brillante Eingebung wieder vergaß: „Akşam yattınmı o işine, Sabah kalktınmı gene o işine“. (Wenn ich mich Abend schlafen lege, habe ich diese Arbeit. Wenn ich morgens aufstehe, wieder die gleiche Arbeit).

Ergriffen von diesem genialen Geistesblitz las er ihn immer und immer wieder durch.
Das Feuer brannte inzwischen unbeaufsichtigt weiter. Die Flammen loderten immer höher und entflammten schließlich eine meterhohe Palme. Diese wuchs gefährlich nahe an dem Benzindepot der Tankstelle.
Ali schaute sich noch einmal entzückt sein soeben verfasstes Gedicht an, als René aufgeregt schrie:

„Alibaba Feuer! Die Tankstelle brennt gleich ab“.
Zusammen mit dem Kind rannte Ali zum Brandherd wo zwischenzeitlich das Feuer schon die zweite Palme erfasste.

Die Leute der Tankstelle eilten aufgeregt mit Schläuchen herbei und versuchten das Inferno zu löschen.

„René bring Wasser. Schnell!!!“ brüllte Ali verzweifelt. René rannte los um seine Mama zu suchen.

Ganz außer sich erzählte er ihr was Ali wieder angestellt hatte. „Jetzt soll ich ihm Wasser bringen. Aber wie?

Keiner unserer Schläuche ist so lange“. Roswitha war bestürzt.

Sollte die Tankstelle Feuer fangen, dann würde vom Camping nichts mehr übrig bleiben. Nicht weit entfernt befand sich ein riesiges Benzinlager! Sollte sich der Brand bis dahin ausweiten ... dann gute Nacht Antalya!
War Ali jetzt von allen guten Geistern verlassen?
Der hatte entsetzliche Angst ... nein, nicht nur Angst - er hatte Panik. Schreiend sprang er hin und her und  weckte das Personal. „Feuer! -  Feuer!“ schrie er verzweifelt.

Hilflos zerrte er an den Schläuchen und da sie nicht bis zur Brandstelle reichten, versuchte er sie in die Länge zu ziehen. Damit schien er auch Erfolg zu haben.

Der Schlauch reichte plötzlich tatsächlich bis zur Tankstelle. Ali hatte so lange an ihm gezogen, dass der altersschwache Wasserschlauch in 2 Teile zerriss. Gewaltige Wassermassen schossen aus dem an der Leitung angeschlossenen Teil und

im Nu waren die Duschräume mit klebrigem Schlamm voll gelaufen. 
Das Personal des Platzes und das der Tankstelle schafften es gemeinsam, den Brand in letzter Minute unter Kontrolle zu bekommen.
Als der Besitzer der Tankstelle davon erfuhr, machte er Ali ein furchtbares Donnerwetter. Ali musste ihm sein Wort geben,

nie wieder auch nur in der Nähe der Tankstelle ein Feuer zu entfachen. Auch kein klitzekleines.

Andernfalls würde er sofort gerichtlich gegen ihn vorgehen.

Man könnte denken, Ali hätte nun begriffen wie gefährlich seine Aktivitäten waren doch 2 Tage später hätte er dann beinahe seine eigenen Bungalows angezündet. Nur einem glücklichen Zufall war es zu verdanken,

dass dieses Feuer rechzeitig entdeckt wurde.

Einige Tage nachdem brannte es beim Personal.

Diesmal ohne Alis Mitwirkung. Jemand war mit der Zigarette in der Hand eingeschlafen. Diesmal war es Ali,

der das Feuer sah und schnell löschte. Das niemand verletzt wurde, war reines Glück.
Als Dankeschön an Allah, dass bei den zahlreichen Bränden niemand zu Schaden gekommen war,  lud Ali das halbe Altenheim zum „Kaptans“ ein. Er organisierte einen Musiker am Nachmittag und spendierte Tee und Gebäck für die alten Menschen.
Für die betagten Leute war das eine herrliche Abwechslung ihres Alltags. Sie amüsierten sich köstlich.

Roswitha hatte bis dahin gar nicht gewusst, dass es ein Seniorenheim in Antalya gab. Die Leute himmelten Ali dankbar an.

„Sie haben hier ein wahres Paradies Kaptan. Wir sind ihnen ja so dankbar einen Tag hier verbringen zu dürfen“.

Ali nahm das alte Mütterchen in den Arm und drückte es an sich. Dann erzählte er Geschichten aus seiner Zeit auf dem Schiff. Gebannt hörten die Senioren zu. Sie waren glücklich über die unerwartete Abwechslung in ihrem tristen Alltag und Ali war es auch. Immer wieder musste er erzählen, wie er ganz alleine den „Kaptan Kamping“ nur mit Hilfe seiner starken Arme erbaut hatte.

Bewundernd hingen die Leutchen an seinen Lippen. Unermüdlich führte Ali die alten Damen zur Tanzfläche und schlenzte sie übermütig herum.
Das war eine ganz neue Seite an Ali. Er schien ja doch ein Herz für andere zu haben.
René hatte inzwischen mit einem Kellner Streit bekommen und schrie fürchterlich herum. Dann fing er an

mit Gläsern zu werfen. Roswitha schnappte ihn und lief mit ihm an der Hand in Richtung Caravan.

„Wenn du jetzt nicht zu toben aufhörst, bekommst du eins auf deinen Popo“, schimpfte sie mit ihm.
„Aber, aber! So einen süßen Arsch darf man doch nicht schlagen“, sagte da jemand in Deutsch mit schwäbischen Akzent. Roswitha drehte sich erstaunt um und erblickte eine alte, gepflegte Dame. „Sind sie Deutsche?“ fragte sie.

„Und ob. Ich komme aus der Nähe von Ulm“. „Und wie sind sie zu uns gekommen?“.

 „Ich lebe in diesem Altenheim“. „Sie als Deutsche? Ist das denn möglich?“

„Ich war beinahe 50 Jahre mit einem Türkischen Mann verheiratet. Wir führten eine sehr glückliche Ehe.

Leider ist er vor ein paar Jahren gestorben. Da bin ich ins Altenheim gezogen“. „Warum sind sie denn nicht zurück nach Deutschland gegangen?“. „Ich habe dort nur noch eine Schwester. Sie fragt mich auch immer, ob ich denn von der Türkei nie genug bekomme. 50 Jahre lebe ich jetzt hier. Aber genug habe ich nicht. Kann man den von diesem schönen Meer je genug bekommen? Oder von den herrlichen Menschen hier?

Ein anderer Aspekt ist das Finanzielle. In Deutschland würde ich ein paar Tausend Mark hinblättern müssen wenn ich in einem Altersheim wohnen wollte. Hier habe ich für 250 Mark im Monat ein Einzelzimmer direkt am Meer. Mit Vollpension!

O nein! Ich will nicht zurück.

Die Türkei ist meine Heimat geworden und hier werde ich auch sterben“.
Die Dame war beinahe 80 Jahre alt und hatte in dem Heim noch einen Verehrer gefunden. Einen ehemaligen Offizier mit vorbildlichen Manieren und einem eigenen Auto. Die Beiden machten jeden Tag Ausflüge zusammen.
 

Auch die Oma ihres alten Freundes Ahmet lebte inzwischen in diesem Altenheim. Roswitha kannte sie als fröhliche, lebenslustige Frau. Doch jetzt war sie sehr bedrückt. Wenn sie etwas erzählte, schossen sofort Tränen in ihre Augen. Ihr ging es bei weitem nicht so gut wie der Deutschen Elsa. „Außer Ahmet kümmert sich niemand mehr um mich“ erzählte sie einmal, als Roswitha sie im Heim besuchte. Sie hatte eine Zimmergenossin mit der sie einfach nicht zurecht kam. „Du hast doch eine gute Rente.

Nimm dir doch ein Einzelzimmer wie Elsa“ -  „Das würde ich ja gerne - doch ich besitze keinen Pfennig mehr.

Meine Rente wird von meiner Tochter kassiert. Sie geht jeden Abend damit ins Spielkasino.

Nein -  das Leben ist nicht mehr schön für mich“.

Roswitha nahm das Mütterchen in den Arm und drückte es, sie hatte großes Mitleid mit ihr.
Dass man die Alten jetzt auch in der Türkei ins Altenheim abschob war schrecklich. Das war einer der Nachteile wenn die Frauen der Familien arbeiteten mussten.
Alles war teuerer geworden. Ein Verdienst reichte auch in der Türkei nicht mehr aus. Wollte man einigermaßen gut Leben mussten - wie in Europa auch -  zwei Personen der Familie arbeiten. Für die alten, kranken Leute blieb da keine Zeit mehr.
Ein paar Wochen später kam die Oma mit Ahmet zum Camping. „Ich wollte dich noch einmal sehen bevor ich sterbe“, sagte sie. „Geht es dir denn jetzt nicht besser? Ich habe gehört du lebst jetzt wieder bei deiner Tochter und nicht mehr im Altenheim.

Als ich dich besuchen wollte, hat man es mir dort gesagt“.

„Das ist auch richtig.  Meine Tochter hat wieder geheiratet - einen hoffnungslosen Spieler.  

Das Altenheim war den Beiden zu teuer und sie haben mich in ihr Haus geholt. Doch soll ich dir etwas sagen?

Im Heim war es noch besser als dort. Sie streiten sich von früh bis spät und sind immer betrunken.

Das ist nichts für eine alte Frau wie mich. Allah wird mich bald erlösen“.
2 Wochen nach diesem Besuch erfuhr Roswitha, dass sie gestorben war.

 

Wieder war die Zeit des Ramazan gekommen.

Roswitha bewunderte die Menschen die jedes Jahr einen Monat für ihren Allah hungerten. Da es auch bei den Christen eine Fastenzeit gibt - an die sich jedoch nur noch wenige erinnern - wollte Roswitha dieses Mal mit fasten.

Fasten - wie ging das eigentlich? Am Karfreitag kein Fleisch zu sich nehmen und sich stattdessen mit Dampfnudeln voll stopfen? Nirgends in der Bibel wird genau erklärt, was man unter dem Begriff Fasten zu verstehen hat.
Als Roswitha den Türken einmal erzählte in Bayern gäbe es Mönche, die sich in der 40tägigen Fastenzeit ausschließlich von Starkbier ernährten, lachten sie sich kaputt. „So würden wir liebend gerne monatelang fasten“.
 

Die ersten Tage waren hart! Sobald die Sonne aufging durfte weder gegessen, geraucht noch etwas getrunken werden.

Nicht ein Schlückchen Wasser war erlaubt.
Bis 2 Uhr Nachmittags war es sehr gut auszuhalten. Danach dachte Roswitha nur noch daran, was sie am Abend essen wollte. Nach ein paar Tagen gewöhnte sich der Körper dann daran und es wurde besser.
Ja nicht nur das - Roswitha fühlte sich sogar richtig wohl dabei.
Ali hatte nur in dem, Jahr als er Roswitha kennen lernte, nicht mit gefastet. Später hielt er sich im Ramazan genauso an die strengen Regeln, wie jeder gläubige Moslem. Sie bewunderte ihn dafür. Wusste sie doch genau, wie gerne er das Essen liebte.
Er arbeitete auch im Ramazan weiter wie ein Besessener. Viele Leute werden in dieser Zeit außergewöhnlich nervös.

Nicht so Ali. Er veränderte sich kein bisschen.
Manchmal musste sie Ali am  Abend suchen lassen.

Er vergaß über seine Arbeit sogar die Essenszeit (İftar zaman).

Am schönsten für Roswitha war, dass die ganze islamische Welt zur gleichen Zeit, nach einem Gebet,
(„In deinem Namen und für dich, haben wir heute gefastet. Wir danken dir für diese Gnade“)

miteinander zu essen begann.

So oft es ging kochte Roswitha für das Personal mit. Sie saßen dann alle zusammen wie eine große Familie.

Das sie den Tag über gemeinsam gefastet hatten, war wie ein unsichtbares Band durch das sie miteinander verbunden waren.

Dennoch -  manchmal hatte sie das Gefühl, als ginge der Monat nie zu Ende. „Nächstes Jahr mache ich nur
1 Woche mit“ dachte sie dann oft. Sie hatte dem lieben Gott aber dieses Mal den ganzen Monat versprochen und konnte ihr Versprechen nicht einfach brechen -  So gerne sie das manchmal auch getan hätte.
Als dann endlich das Ende des Ramazans kam war sie überglücklich, doch durchgehalten zu haben.

Es wurde ein großes Fest gefeiert, das Zuckerfest (Şeker bayram).
Die Augen der Menschen glänzten, als sie nach 4 Wochen das erste Mal wieder beim Frühstück zusammen saßen.

Eine Woche vorher war Alis Bruder Nuri mit seiner Tochter zu Besuch gekommen. Roswitha verstand sich mit ihm sehr gut. „Wenn mein Bruder dich nicht gut behandelt, brauchst du es nur zu sagen. Dann verprügle ich ihn.

Eine Frau wie dich hat er gar nicht verdient“, sagte er halb im Scherz, halb ernst zu ihr.
 

Zwei Monate später wurde Kurban Bayram gefeiert. Ein Fest das vom Alten Testament übernommen wurde.

Das Schlachtfest soll daran erinnern, wie Abraham seinen einzigen Sohn für Gott opfern wollte.

An dessen Stelle aber - mit Gottes Erlaubnis - ein Widder geschlachtet werden durfte.
Aus diesem Grunde wird zu diesem Fest von jeder Familie ein Tier geopfert. Wer es sich finanziell leisten kann, kauft ein großes  Tier. Ein Hammel ist üblich, doch es werden auch Kühe geopfert. Je nachdem wie wohlhabend man ist oder scheinen will.
Das Kurban Et (Opferfleisch) ist heilig und der größte Teil davon wird an die Armen verschenkt.
Dieses Fest dauert 4 Tage.
Am vorletzten Tag kamen ein paar Männer auf den Campingplatz die Roswitha vom ersten Augenblick an sehr unsympathisch waren.

Ali schien sich vor ihnen zu fürchten und ging ihnen wann immer es ging aus dem Weg. Diese Männer amüsierten sich allabendlich köstlich im Restaurant und bezahlten nie. Auch den Bungalow hatten sie gratis.
„Ali, ich weiß zwar nicht was du mit dieser Mafia zu tun hast und es interessiert mich auch nicht besonders -   aber wenn ich sie verköstigen muss, dann hört der Spaß auf. Sage bitte deinen Freunden, dass du eine Partnerin hast die Restaurant- sowie die Campingrechnungen abkassiert. Auch von ihnen“ Roswitha fand die Männer mehr als unverschämt. 

„Das sind weitläufige Verwandte von mir.

Da kann ich doch kein Geld verlangen“ warf Ali händeringend ein. „Du vielleicht nicht - Ich schon!

Du kannst ihnen ausrichten: Ab heute werde ich von Ferhat jede ihrer Rechnungen abkassieren lassen.

Wenn sie kein Geld haben, dann sollen sie gefälligst anderswo hingehen. Mir reicht es nämlich jetzt.

Die trinken und essen nur vom Feinsten und keiner denkt ans bezahlen“. „Ich kann kein Geld von ihnen verlangen.

Der Kleine mit der Glatze hat ein Schriftstück von mir worin geschrieben steht, dass der halbe Platz sein Eigentum ist“ sagte er kleinlaut. Roswitha dachte sie hätte ihn falsch verstanden.

Doch es war die Wahrheit.
Ali hatte vor Jahren ein paar Wohnungen in Istanbul gekauft. Da sein Bargeld nicht ausreichte, versetzte er die Hälfte seines Campings als Sicherheit. Später bereute der Verkäufer das Geschäft jedoch und Ali gab ihm die Wohnungen zurück.

Die schriftliche Abmachung die es damals gab, verlangte er von seinem Freund nicht zurück als das Geschäft rückgängig gemacht wurde. Das lag Jahre zurück und der Mann war inzwischen verstorben.

Die Männer, die jetzt zum "Kaptans" gekommen waren, waren seine Erben. Beim durchsehen der persönlichen Papiere des Verstorbenen stießen sie auf Alis Pfändungsurkunde. Nun waren sie angereist, um zu sehen, was sie damit geerbt hatten.
Roswitha wunderte sich zwar, dass der große Ali so leichtsinnig seinen geliebten Camping verpfändet hatte,

doch im Grunde ging sie das nichts an. Wenn Ali den Platz an sie abtreten musste, dann sollte er das tun.
Doch bis dahin war sie sein Partner. Und sie sah nicht ein, dass diese Leute auf ihrer Tasche lagen.
Sie ging zu Ferhat und informierte ihn darüber, dass er von nun an auch von diesen Leuten zu kassieren hatte.

„Du hast sicher gehört weshalb die hier sind?“, fragte er. "Ja - Ali hat es mir vor einer Stunde erzählt"

 „Weißt du auch, dass die andere Hälfte des Grundstücks Alis Bruder gehört? Er hat sich vor Jahren Geld von ihm geliehen und ihm den halben Platz dafür gegeben. Das Geld hat er bis heute noch nicht zurückbezahlt“.
Das wurde ja immer noch schöner. Der Platz war Alis Leben!!! Nichts auf der Welt liebte er so wie ihn.

Was ihn aber nicht davon abzuhalten schien, ihn überall zu verpfänden.

 

Roswithas Türkisch wurde immer besser und je mehr sie verstand, umso heftiger stritt sie mit Ali.

Er quasselte den ganzen lieben langen Tag nur Blödsinn und fluchte wie ein Stallknecht. Sie bekam regelrechte Schreianfälle wenn sie versuchte sich mit ihm zu unterhalten. Er schien nichts von dem zu verstehen, was sie ihm sagen wollte.

Bei so einer Streiterei erfuhr sie auch, dass Ali niemals studiert hatte. Die einzige Schule die er besucht hatte war die in seinem Dorf am schwarzen Meer. Insgesamt 3 Jahre.

 

Der unsympathische Kahlkopf wohnte noch immer in einem der Bungalows auf dem Camping. Nachdem Ferhat mit ihm gesprochen hatte, bezahlte er nun die täglich anfallenden Restaurantrechnungen. Zähneknirschend!
An ihrem Geburtstag gab Roswitha eine große Party. Alle Freunde und viele Bekannte hatte sie dazu eingeladen.

Das Personal hatte überall Luftballons aufgehängt und die Tische waren besonders schön gedeckt worden. „Nach der offiziellen Feier feiern wir noch zusammen“, versprach sie den Jungs.

Sie hatten zusammengelegt und für Roswitha wunderschöne goldene Ohrringe gekauft.
Davut fuhr mit dem Kapriole in die Stadt um die Geburtstagstorte zu besorgen. Ein fünfstöckiges Kunstwerk verschwenderisch mit großen, roten Rosen verziert. Alle versuchten ihr Bestes, um den Abend zu etwas ganz Besonderem werden zu lassen.
Die Gästeliste fing mit dem Polizeidirektor und endete beim Gärtner. Auch Bora hatte sein Programm etwas geändert.

Er sang nur Lieder zu denen man auch tanzen konnte weil er wusste, Roswitha mochte die traurigen Songs nicht besonders.
Der unsympathische Kugelkopf saß mit einem Freund an einem Tisch.
Roswitha amüsierte sich prächtig und diese Männer beachtete sie nicht weiter. 
Ali setzte sich ab und zu an deren Tisch. Er beschwerte sich bei ihnen darüber, dass ihm seine „Deutsche“ zu wenig Geld geben würde. Da das Geschäft hervorragend lief, war den Männern unverständlich, wieso Ali nie Geld hatte. Sie hatten ihm vor ein paar Tagen angeboten, für eine gewisse, nicht unerhebliche Summe von

50 000 Mark,  die Pfändungsurkunde an ihn zurück zu geben. Doch Ali hatte das Geld nicht. Dass er gar nicht bezahlen wollte, erzählte er nicht sondern schob alles auf seine deutsche Geschäftspartnerin.


Langsam ging der offizielle Teil der Feier zu Ende. Die Gäste bedankten sich für den schönen Abend und fuhren nach hause.
Der Kahlköpfige ließ Ferhat an seinen Tisch rufen. „Als du gestern eine Rechnung von mir kassieren wolltest,

hast du mich damit vor meiner Freundin blamiert" schrie er plötzlich wie von Sinnen.

Ferhat, der darauf antworten wollte spürte nur noch einen furchtbaren Schmerz bevor alles schwarz wurde.

Der Mann hatte ihm - ohne Vorwarnung - einen Aschenbecher mit voller Wucht mitten ins Gesicht geschlagen.

„Noch einmal blamierst du mich nicht“, schrie er der Kahlköpfige mit einem Gesichtsausdruck als wäre er tollwütig geworden.
Roswitha - die erst jetzt den Streit mitbekam - sprang von ihrem Tisch auf und lief zu Ferhat.

Aus seinem Mund schoss das Blut regelrecht heraus und sein oberer Schneidezahn fehlte.

Roswitha drückte Eis auf die Wunde. Ferhat tat ihr in der Seele leid und gleichzeitig kochte sie vor Wut auf diesen brutalen Mann.
Als Ferhat sich vom ersten Schock erholt hatte, wurde er wahnsinnig aggressiv. „Ich bring ihn um“ schrie er.

„Ich bringe diesen Sohn einer Hure um“.
Roswitha zerrte ihn ins geschlossene Restaurant. Sie und ein paar Kellner hielten ihn dort fest.
Draußen fuchtelte der Kahle mit seiner Pistole herum. „Wo ist er? Ich schieße diesem Hundesohn in die Beine“.

Auch sein Freund hatte plötzlich eine Pistole in der Hand. Roswitha umklammerte drinnen Ferhat.

Am liebsten hätte sie geweint so leid tat ihr das Ganze und sie wusste: Seinen Zahn hatte er ihretwegen verloren.
Bora hing an Ferhats Hals und schluchzte entsetzlich. Dann rannte er plötzlich nach draußen und spuckte dem Mann mit dem Kugelkopf vor die Füße.Der war von diesem Angriff so überrascht, dass er noch regungslos dastand und auf die Pistole in seiner Hand starrte als Bora längst wieder an Ferhats Hals hing und herzzerreißend heulte.

Bora war ein Homosexueller und gewiss kein Schläger. Doch er als Einziger zeigte keine Furcht.

Alle die anderen - so genanten Männer - zitterten vor Angst und waren nicht in der Lage, den beiden Mafiosos  ihre Waffen abzunehmen.
Ali war von der Bildfläche gänzlich verschwunden. Er kam erst wieder zum Vorschein als sich die Situation halbwegs beruhigt hatte und die Männer das Lokal und den Platz längst verlassen hatten. Laut brüllend  machte er Ferhat Vorwürfe.

„Ich habe dir doch gesagt, du sollst bei ihm nicht kassieren. Das hast du jetzt davon ...“
„Wenn du hier nicht ganz schnell verschwindest, bist du der Nächste dem ein Aschenbecher ins Gesicht fliegt“ schrie Roswitha ihn hysterisch an.
Wie konnte er Ferhat in dem Moment Vorwürfe machen? Der Junge hatte nur seine Pflicht als Kassierer erfüllt. Es war ja nicht Ferhats Geld für das er einen Zahn verloren hatte. Warum gab Ali der Glatze kein Platzverbot?

Jetzt hätte er einen guten Grund dafür gehabt.
Ali dachte nicht im Traum daran - im Gegenteil: Er stellte sich auf die Seite der gegnerischen Partei.

Wie immer!

Als Roswitha wieder nach draußen ging nahm Serdar Roswitha beiseite. „Du lebst hier sehr gefährlich. Ali ist anscheinend nicht für, sondern massiv gegen dich “.

 „Oh, dass weiß ich nur zu gut. Er ist ja auch gegen sich selbst“. „Willst du denn nicht aufgeben und wieder nach Deutschland zurückgehen? Versteh mich richtig -  wir wären alle sehr traurig darüber. Nach dem heutigen Abend habe ich jedoch Angst um dich. Mit Ali kannst du nicht rechnen wenn es gefährlich wird“ -  „Ich werde nicht nach Deutschland gehen.

Und du brauchst keine Angst zu haben.

Mir passiert nichts! Aber - ich brauche einen Bodyguard hier. Kennst du da jemanden?“ Er überlegte kurz.

“Ich habe einen Freund in Istanbul. Er ist erst letzte Woche aus dem Gefängnis entlassen worden. Soll ich ihn anrufen?“ - „Weswegen hat er denn gesessen?“ -  „Er hat einen Mann erschossen. Ist aber ein zuverlässiger Freund und geht für mich durchs Feuer“ -  „OK! Ruf ihn an! Ich hab keine Angst um mich, sondern um Ferhat“.
Ali kam käseweiß zu dem Gespräch dazu. Der Schreck des Abends saß ihm noch in den Gliedern.

 „Mein Freund hat gesagt, er will Ferhat in Zukunft nicht mehr an dieser Kasse sehen“.
„Ach nein! Hat er den Platz hier schon übernommen? Dann soll er mir seinen Vertrag zeigen“ -  „Nein, nein.

Er sagt -  weil Ferhat ihn so bloßgestellt hat“. „Süßer" sagte sie scharf zu ihm "wer hier an meiner Kasse sitzt lasse ich mir von niemandem vorschreiben. Weder von dir, noch von sonst jemanden. Wenn deinem Freund das Personal in diesem Laden nicht passt, dann soll er gefälligst wo anders hingehen und sich da wie ein Wilder aufführen. Hier bei mir nicht mehr“.

 

Als Roswitha am nächsten Morgen ihren Kaffee trank sah sie den dicken Amischlitten der Mafiamänner vor deren Bungalow

der ihrem Caravan genau gegenüber war. Die Mafiosos waren also wiedergekommen!!!
Roswitha saß draußen an ihren Tisch, trank Kaffee und beobachtete diesen Bungalow.

Ihre maßlose Wut hatte sich immer noch nicht gelegt. Im Gegenteil! Sie kochte innerlich.
Nach einiger Zeit ging endlich die Tür der Hütte auf und einer der Männer kam nach draußen.

Als er in sein Auto wollte stellte er bestürzt fest, dass er am Abend die Schlüssel im Wagen stecken gelassen hatte.

Immer wieder sah er fassungslos durch das geschlossene Fenster und überlegte angestrengt,

wie er nun an diese Schlüssel kommen könnte.
Auch sein Freund war inzwischen aufgestanden und nach draußen gekommen um ebenfalls ratlos auf das verschlossenes Auto zu blicken.
Nun fing Roswitha laut zu singen an: „Onun arabasi var...“. Das Lied war neu herausgekommen und handelte von einem Mann, der mit seinem Auto fürchterlich angab.
Misstrauisch blickten die Männer zu der singenden Frau hinüber. Dass Roswitha sie provozieren wollte hatten sie sofort begriffen. Aber dann musste sie auch Hintermänner haben. Denn dass sie sich ganz alleine mit zwei bewaffneten Mafiabossen anlegen wollte -  dass war undenkbar!
Sie ließen die Schlüssel Schlüssel sein, holten ihre Pistolen aus ihrer Hütte und schlenderten auf dem Platz umher.

Dabei schauten sie unauffällig hinter jeden Busch und in jede Ecke. Das sie trotz intensiver Suche niemanden entdecken konnten, verunsicherte sie vollends. Sie spazierten nun gemächlich zum Restaurant.
Eine halbe Stunde später suchten sie noch einmal nach den vermeintlichen Heckenschützen. Diesmal mit Tamer dem Koch,

den sie quasi als Spurenleser dazu gerufen hatten. Er kannte unstreitig jeden noch so versteckten Winkel am Platz und wenn es dort Heckenschützen geben sollte - woran sie nicht den geringsten Zweifel hatten - dann würden sie von ihm gefunden werden.
Roswitha amüsierte sich königlich und - sang jetzt noch lauter "Onun arabasi var... immer und immer wieder.
Das brachte die Männer völlig aus dem Konzept und Tamer bekam es mit der Angst zu tun. Er wusste, Roswitha war nicht zu unterschätzen! Er hatte sie schon ein paar Mal erlebt und traute ihr alles zu. Besonders wenn sie so wütend war wie jetzt!

Ihre Männer schien sie gut versteckt zu haben! Zu gut - denn sie konnten beim besten Willen niemanden finden.

Wie sollten sie sich verteidigen, wenn sie keine Ahnung hatten gegen wen?

Und dass da bewaffnete Männer auf sie zielten -  konnten sie direkt hautnah spüren.

Nur... wo? Wo waren die denn? Und… wie viele? Sie kamen zu dem Schluss, dass nur ein Platz als Versteck in Frage kam:

Der Caravan! Da passten eine Menge bewaffnete Leute rein! Und wer wusste, wo die sonst noch überall lauerten?
Plötzlich schlug einer der Männer genervt die Scheibe des Amischlitten ein, rief seinen Freund und mit quietschenden Reifen verließen sie zusammen den Platz.
 

Roswitha, die immer noch ganz alleine ihren Kaffee trank, lachte sich halb tot. Sie wusste ja schon längst, dass sie nicht singen konnte. Dass aber zwei ausgewachsene Männer erschreckt von ihrem Gesang panisch die Flucht ergriffen, so schrecklich war ihre Stimme nun auch wieder nicht. Oder doch?

Zwei Tage später traf der bestellte Bodyguard ein. Ein düster dreinschauender, dunkeler Typ mit einer Pistole, die er im Gürtel am Rücken trug. Roswitha hatte niemandem etwas davon erzählt aber die Kunde, dass sie einen Killer engagiert hatte verbreitete sich dennoch wie ein Lauffeuer.

Ali sah sich den Mann erst einmal aus sicherer Entfernung an.

Er machte sich schier in die Hosen vor Angst. Dachte er doch, Roswitha hätte den Bodyguard seinetwegen gerufen. „Hayatim, für dich brauch ich doch keinen Killer zu engagieren. Dich muss ich doch nur laut anschreien und schon bibberst du vor Angst. Nein -  der Mann soll mein Personal vor deinen Freunden beschützen. Denn noch einmal passiert hier so eine Schweinerei nicht mehr“. „Bist du jetzt völlig verrückt? Wenn mein Freund das hört gibt es hier ein Blutbad“, schrie er mit angsterfüllter Stimme.

„Ja ... schon möglich! Aber dieses Mal wird es das Blut deiner Freunde sein und nicht dass der meinen“.
Roswitha wusste -  gar nichts würde geschehen!

Die zwei Männer waren Feiglinge. Von Tamer hatten sie im nachhinein erfahren, dass sie sehr gute Freude sowohl beim Militär als auch bei der Polizei hatte. Das war ein zu großes Risiko für sie.

 

Nach ein paar Tagen Urlaub setzte sich Ferhat wieder an die Kasse. Und er kassierte nach wie vor auch von Alis Freunden die Rechnungen ab. Ferhat war kein Feigling... Und er stand voll hinter Roswitha.

Er fragte nie, ob sie Recht oder Unrecht hatte. Er war ganz einfach immer an ihrer Seite.
 

Die beiden Männer, die ihm den Zahn ausgeschlagen hatten, kamen nicht wieder. Ihre im Bungalow zurückgelassenen Utensilien ließen sie bei Nacht und Nebel abholen.
Zwei Wochen später bekamen diese Männer in einer Disco in Antalya Streit und schossen auf einen

Mann und dessen Freundin. Danach mussten sie aus der Stadt flüchten.

Alis Frau war natürlich auch in diesem Jahr wieder für 2 Monate gekommen. Immer wieder versuchte sie mit Roswitha ins Gespräch zu kommen. Aber die  hatte nicht die geringste Lust
auf ein gemütliches Kaffeekränzchen mit Alis Mumie.

Was hätte es auch zwischen ihnen zu besprechen gegeben?
Doch die Dame war überaus hartnäckig.  Als Roswitha ihr immer wieder auswich, hängte sie sich nun an Ibo, den Bodyguard.
Sobald sie ihn irgendwo alleine sah, drängte sie ihm ein Gespräch auf.
„Die Frau erzählt mir ihre ganze Familiengeschichte. Ich bekomme Kopfschmerzen davon. Kannst du denn nicht - nur ein einziges Mal - mit ihr sprechen? Dann lässt sie mich vielleicht in Ruhe“, stöhnte Ibo.
Der arme Mann war nach Antalya gekommen und dachte, er müsste sich hier mit einer gefährlichen Mafiabande auseinandersetzen. Stattdessen hing ihm nun eine aufdringliche Mumie am Hals.
Roswitha hatte Mitleid mit ihm. „Also gut -  sag ihr wir treffen uns heute Nachmittag zum Kaffeeklatsch“.

Erleichtert überbrachte Ibo die Freudenbotschaft.
Roswitha kam etwas verspätet zum Mumientreffen da sie erst nach Ali suchen musste, den sie bei dem Gespräch dabei haben wollte.
Das Erste, was Alis Frau zu ihr sagte war: „Was willst du eigentlich von diesem Teufel mein Mädchen?“

Roswitha starrte sie irritiert an. Die Frau tat ja so, als wäre sie ihre Mutter.

Ali schrie wütend: "Was willst du von ihr? Sie ist nicht dein Mädchen".
Er hüpfte nervös mit einem Holzscheit in der Hand hin und her und entspannte sich erst etwas, als Ibo sich dazu setzte.

Er hatte nicht die kleinste Idee, was seine beiden Frauen mit ihm besprechen wollten und bekam ein furchtbar schlechtes Gewissen. Hatte er etwas angestellt?

Er eröffnete das Gespräch indem er seiner Mumie erstmal ein paar deftige Ausdrücke an den Kopf schmiss.

Sie holte tief Luft und erwiderte seine Liebenswürdigkeiten mit: „Allah ..." dieses Allah sprach sie im Brustton tiefster Verachtung aus um  nach einer schöpferischen Pause mit den Worten "wird dich dafür bestrafen. Allah ...wird dir großes Unglück schicken“  ihren Verwünschungen Ausdruck zu verleihen. 
Da auch Ibo anwesend war, wurde Ali  noch wagemutiger und schmiss ihr seine allergemeinsten Sonntagsausdrücke an den Kopf. „Allah ...wird dich dafür mit Unglück bestrafen“, sagte die Mumie immer wieder erschüttert.

"Allah ... wird dich in der Hölle schmoren lassen".

Roswitha schaute sich das fast eine Stunde lang an. Dann wurde es ihr zu blöde. „Also - du wolltest etwas mit mir besprechen. Um was geht es?“ fragte sie die Frau. Diese schmiss ihrem Ali noch einen bitterbösen Blick zu und drehte sich dann zu Roswitha. „Meine Tochter, du lebst ja schon einige Zeit mit diesem Satan zusammen. Du weißt in der Zwischenzeit, dass er nichts als Lügen erzählt. Du kennst auch meine Kinder und verstehst dich mit ihnen. Glaube mir, wenn du mit diesem Höllenhund glücklich bist,

bin ich die Letzte die dir das missgönnt.

Aber sei mir nicht böse - verstehen kann ich es nicht“.
Immer wieder unterbrach Ali sie mit seinen Flüchen. „Ali, lass doch bitte deine M...“ beinahe wäre ihr Mumie heraus gerutscht, „deine Frau einmal ausreden. Du kannst ja später weiterfluchen“.

Die Mumie fuhr fort. „Wie du ja weißt, ich lebe in Istanbul. Ali muss an mich Unterhalt bezahlen. Doch er schickt mir nie Geld“ -  „Was willst du denn? Du verfrisst doch schon meine ganze Rente“ schrie Ali sie blindwütig an. Roswitha verstand auch nicht so recht. „Was hat das denn mit mir zu tun? Willst du jetzt von mir eine Art Miete haben? Weil ich deinen geliebten Mann abnütze? Oder was?“ Ibo fing lauthals zu lachen an.
Die Mumie sah Roswitha entsetzt an. „Nein! Du verstehst das völlig falsch. Ich will nur, dass Ali seinen Unterhalt pünktlich an mich bezahlt. Er gibt mir zwar immer sein Wort, aber er schickt nie Geld.

Ich weiß, dass du die Hand auf der Kasse hast. Das Geschäft läuft gut und ich dachte, du könntest jeden Monat von dem Geld, dass er hier verdient meinen Unterhalt gleich abziehen und an mich überweisen.

Von seinem Anteil! Nicht von deinem! Du weißt, ich habe noch zwei schulpflichtige Söhne. Es sind auch Alis Kinder

und er muss für sie bezahlen. Die Rente von der er gesprochen hat ist so klein, davon kann kein Mensch leben".
„Dann friss Dreck“, brüllte Ali sie an. „Allah... wird dir deine gerechte Strafe schicken“, fingen die Beiden von neuem an. Roswitha unterbrach sie. Irgendwie hatte sie Mitleid mit der Frau. „Du weißt aber, dass dieses Geschäft total verschuldet ist. Auch durch die Schuld deines Sohnes
Bahadır. Bis jetzt haben weder Ali noch ich eine Mark verdient. Die Schulden nehmen kein Ende“. Nachdenklich schaute die Frau sie an. „Wenn Ali mir das sagt, dann glaube ich ihm kein Wort. Aber ich weiß, dass du nicht lügst mein Mädchen. Du hast ein gutes Herz" -  „Was geht dich ihr Herz an“ kreischte Ali. „Ali jetzt reicht es“  fuhr Roswitha ihn unwirsch an. „Pass auf“ sagte sie zu der Frau, „sobald Ali hier Geld verdient, erinnere ich ihn an deinen Unterhalt. Ob er dir dann das Geld auch schickt, kann ich nicht versprechen.

Aber mehr kann ich nicht für dich tun“. Mehr wollte sie auch gar nicht. Ali schien ja wirklich ein toller Vater zu sein.

Als die Beiden wieder lauthals zu streiten anfingen, ließ Roswitha sie allein. Es wurde jetzt über die Summe verhandelt.

Nicht zum ersten Mal. Durch die ständige Inflation mussten alle paar Monate neue Konditionen ausgehandelt werden.

Das war auch bei den Restaurantpreisen nicht viel anders.  

 

Es kam ein Wohnmobil aus Istanbul. Der alleinreisende Besitzer war vom türkischen Campingclub.

„Ich erstelle zur Zeit eine Broschüre über die schönsten Campingplätze der Türkei“, sagte er zu Roswitha.

Wenn ihm der „Kaptan Kamping“ gefiel, würde er auch über ihn in seiner Reklame-Aktion berichten.
Der Mann wollte nur eine Nacht bleiben und sich alles genau ansehen. Roswitha lud ihn zum Kaffee ein und sie hatten ein sehr interessantes Gespräch. Der Gentleman - von Beruf Journalist - war sehr gebildet.

Als Ali vorbei kam stellte Roswitha ihn vor. Als er etwas von einer Broschüre über seinen Campingplatzt hörte, sprach er ununterbrochen davon, wie herrlich sein Platz doch sei. „Ich habe hier mit nichts angefangen und ganz alleine dieses Paradies geschaffen. Nur mit diesen Händen.“ Er hielt seine große Hand - an der noch Erde klebte - dem Mann vors Gesicht.

„Damals gab es nicht einen einzigen Baum. Inzwischen sind es über 2000. Jeden einzelnen davon habe ich selbst geboren.

Ja - sie sind meine Kinder“. Erstaunt sah der Mann auf Ali. Bäume hatte er geboren? Interessant!
In Gedanken versunken fuhr Ali fort: „Jawohl geboren habe ich sie. Ich weiß gar nicht wie ich so etwas fertig gebracht habe, aber ich habe sie wirklich entbunden“. Der Mann beglückwünschte ihn zu dieser Leistung und verabschiedete sich etwas irritiert.
„Spinnst du oder sind dir die Bäume wirklich aus dem Arsch gewachsen?“ fragte Roswitha als sie alleine waren.

Doch Ali streichelte - anstatt eine Antwort zu geben -  verträumt über einen Eukalyptusbaum.  
Mit dem Herrn vom  Campingclub sah Roswitha sich während des Essens das Programm an.

„Auch wenn es für ihre Campinggäste ein bisschen laut ist, ihr Musikprogramm ist wirklich hochkarätig gnädige Frau“.

Roswitha bedankte sich für sein Kompliment und fragte ihn, ob er den Platz schon begutachtet hatte. „Ja das habe ich. Und ich kann ihnen jetzt schon sagen - über diesen Camping werde ich gerne berichten. Sobald die Broschüren ausgearbeitet sind,

schicke ich ihnen ein paar Exemplare zu“.

.
An diesem Tag kam noch ein Wohnmobil aus Istanbul. Die Frau war tiefschwarz verschleiert.

Der Mann 75 Jahre alt - dass konnte Roswitha an seinem Ausweis fest stellen - und sehr schlank. Das Alter der Frau war schlecht zu schätzen da sie sehr korpulent und zudem eine Mumie war. Abends setzte sie sich alleine ins Restaurant und trank dort genüsslich ein Bier. Ihr Mann hatte sich hingelegt. „Er ist zu geizig, sich hier ein Bier zu kaufen“, erzählte sie dem Kellner der sie bediente.

 „Dabei hat er soviel Geld, dass er stinkt. Leider gibt er davon nichts aus. Wir sind noch nicht lange verheiratet.

Ich bin ja schon seine dritte Frau und dass er viel älter als ich sieht man ja.

Bei fast 35 Jahren Altersunterschied tut sich im Bett fast so gut wie gar nichts mehr mit ihm“.
Der Kellner entfernte sich irritiert. Warum erzählte die Frau ihm denn solche intimen Dinge? Sie kannte ihn doch gar nicht.
Als Ali sie so alleine sitzen sah, gesellte er sich zu ihr. Auch ihm erzählte sie, dass der Mann im Bett eine totale Niete sei

und sein Geiz unerträglich. Ali interessierte das natürlich brennend.

Insbesondere die sexuelle Seite des Problems.

 

Die Frau erzählte alles. Sie hätte gerne noch mehr erzählt, aber ihr greiser Gatte gab zu diesem Thema

leider nicht viel her. Mehrmals betonte sie das ausdrücklich.
Ali hatte Mitleid mit ihr. „Soll ich mich nach einem richtigen Mann für dich umsehen?“. „Wenn du das für mich tun könntest Ali Bey. Ich würde meinen Mann auf der Stelle verlassen und jemanden anderen heiraten. Aber vermögend soll er schon sein. … und wenn es geht -  jung!“ Ali versprach, sich etwas für sie zu überlegen. Überglücklich torkelte die Frau zu ihrem Wohnmobil. Nach 3 Tagen reisten sie ab.

Die Evastochter war auf Männersuche und davon musste schließlich noch die halbe Türkei informiert werden.

Der Herbst kam und mit ihm auch Helmut. Er blieb den ganzen Winter. Inzwischen war er 80 Jahre alt und fuhr jedes Jahr allein mit seinem Wohnmobil über Griechenland in die Türkei zu Roswitha.
Manchmal tauschten die beiden Kochrezepte aus oder lästerten über Alis sonderbaren Aktivitäten.

Stundenlang spielten sie Backgammon. Er war wirklich ein echter Freund.
Als er nach 5 Monaten nach Hause fuhr, flog Roswitha mit René nach Istanbul.
 

Wieder zurück in Antalya erfuhr sie das Ferhat keinen Führerschein hatte. Das war erstaunlich, denn er war wirklich ein ausgezeichneter Fahrer. Außer Davut durfte nur er mit ihrem geliebten Auto fahren.

„Ferhat, du machst jetzt sofort deinen Führerschein“, sagte sie zu ihm. „Dafür muss ich aber nach Korkuteli“.

„OK, dann gebe ich dir Urlaub und du fährst da hin“.
Zwei Tage später machte sich Ferhat mit seinem Bruder auf den Weg. Auf halber Strecke wurden sie von einer Polizeistreife angehalten. „Fahrzeugkontrolle“, sagte der Beamte, „die Fahrzeugpapiere und den Führerschein bitte“. Ferhat reichte ihm die Fahrzeugpapiere. „Führerschein“, forderte der Polizist. „Ja ...leider habe ich noch keinen - aber er besitzt einen“ sagte Ferhat schnell und zeigte auf seinen Bruder, der auf dem Beifahrersitz saß.

„Freund -  wenn dein Bruder einen Führerschein hat und du nicht, dann muss dein Bruder das Auto fahren und nicht du“ sagte der Polizist belehrend.
" Ist klar Memur Bey. Unser Vater ist übrigens auch Polizist".. Als er den Namen nannte, kannte der Beamte ihn.

„Ich werde keine Anzeige machen. Doch ab jetzt fährt dein Bruder weiter. Habt ihr mich verstanden?“

Die Brüder tauschten sofort die Plätze.
Das Polizeiauto mit den Polizisten wartete - Warum fuhren die beiden Brüder denn jetzt nicht endlich los?

Nach Minuten ungeduldigen Wartens ging der Polizist erneut zu dem Wagen "Warum fahrt ihr denn nicht endlich los?

Wollt ihr doch noch eine Anzeige von mir haben?" -  „Nein- natürlich nicht. Doch wir haben ein Problem“ sagte Ferhat kleinlaut. "Und welches?" - „Ja - Mein Bruder hat zwar einen Führerschein... Doch er kann nicht Autofahren“.
Der Junge wusste nicht einmal, wie er den Wagen starten sollte. „Dann wechselt schnell wieder die Plätze und macht euch aus dem Staub. Ich habe nichts gesehen“  Ferhat setzte sich schnell wieder ans Steuer und fuhr nach Korkuteli.

Dort bekam er dann endlich seinen eigenen Führerschein.

Das Frühjahr kam, die Rosen blühten und Roswitha war sehr glücklich. Sie konnte da leben, wo andere Leute Urlaub machten. Mit ihrem "Söhnchen" wohnte sie an einem wundervollen Meer, hatte gute Freunde und war Chefin eines Campingplatzes,

der wirklich das Paradies hätte sein können. Wenn man die kleinen Schönheitsfehlerchen großzügig übersah.

Manchmal erinnerte sie sich daran, wie sie das erste Mal zum "Kaptans" kam. Sie glaubte nicht an Zufälle und war felsenfest davon überzeugt, dass dieser Sturm damals in Pamukkale - von dem sie wie auf einem fliegenden Teppich nach Antalya getragen wurde -  vom Schicksal bestellt worden war. Und wenn sie den glücklichen René ansah, dann wusste sie warum.

Auch wenn sie sich mit Ali ab und zu ärgern musste... sie war zufrieden mit ihrem Schicksal.

 
Genau richtig zum Saisonanfang kam ein Filmteam auf den Platz, um mit Seda Sayan einen  Videoclip zu drehen.

"Mahsun Kırmızıgül ist auch hier bei uns" jubelte René der ein Fan von ihm war und dessen Lieder sehr mochte.
Das Lied - wofür am Camping der Clip gedreht worden war -  wurde ein Erfolg und kam ein paar Wochen auf

die Nummer 1 der Hitlisten. Jedes Mal wenn nun das Lied ‚Ah geceler‘ im Fernseher gespielt wurde war auch der

 „Kaptan Kamping“ zu sehen. Eine tolle Reklame!

Doch Ali ließ sich immer wieder etwas Neues einfallen um das Geschäft zu ruinieren.
Eines Morgens kam er mit 100 Gänsen an die er für 2000 Mark gekauft hatte. Eigentlich wollten die Tiere ja auf dem Fluss schwimmen, doch Ali lockte sie dort heraus und fütterte sie täglich inmitten des Campingplatzes. Die Gänse verursachten einen enormen Lärm und hinterließen ihre Spuren überall wenn sie laut schnatternd hinter Ali herwatschelten.
 

Jetzt hatten die Campinggäste nicht nur den Lärm in der Nacht -  nein, jetzt wurden sie auch noch am frühen Morgen mit Gänsegeschnatter aus dem Schlaf gerissen. Gottlob dauerte es nicht lange, bis es sich bei den Leuten herumgesprochen hatte, dass es am Sarı su seit neuestem kostenlosen Gänsebraten gab.

Die Menschen ließen sich am gegenüber liegenden Ufer nieder, heizten ihre Grills, fingen sich eine schöne Gans und hatten ein königliches Picknick -  Mit gegrillten Gänsen.
Ali hätte noch 100 Stück kaufen können, sie wären alle gegessen worden. Halb Antalya wusste davon. Als die Gänse immer weniger wurden, prügelten sich die Leute sogar um das letzte Federvieh.
Aber mit den Tieren war auch Alis Geld weg. Er hatte die Gänse auf Pump gekauft und jetzt, als sie bezahlt werden mussten, war keine mehr da.
Da er mit den Gänsen großen Verlust gemacht hatte, musste er sehen wo er das Geld auftreiben konnte, um seine Schulden zu bezahlen.
Roswitha saß mit Davut und Ayşe am Tisch vor dem Caravan und dachte an nichts Böses, als Ali kam.
„Ohhho… hier ist es aber gemütlich. Gib mir auch einen Kaffee“, verlangte er. Er trank eigentlich nicht gerne Kaffee - 

viel lieber war ihm die Büchsenmilch die Roswitha aus Deutschland mitgebracht hatte.

 „Tatlım (Süße)“ begann er das Gespräch, „du weißt, dass wir einen Vertrag zusammen haben. Wir sind Partner zu 50%.

Das heißt auch, dass die Hälfte aller Schulden von dir bezahlt werden müssen“. „Natürlich - Birtanem (mein Einziger)!

Alles was nach Vertragsabschluss zu zahlen ist, wird zur Hälfte von dir und zur Hälfte von mir bezahlt“.

 „Ja schon. Was ich damit sagen wollte -  Auch die alten Schulden müssen zur Hälfte von dir bezahlt werden“.

Roswitha fragte ihn -  noch ganz sanft - ob er denn einen Sprung in der Schüssel hätte. Aber er verfolgte dieses Thema weiter und bohrte solange, bis Roswitha am Ende einen Schreikrampf bekam. „Ja glaubst du denn, ich wäre in die Türkei gekommen um euere gesamten Familienschulden zu bezahlen? Habe ich davon nicht schon genug übernommen.

Schau dir mal die Abrechnungen an! Hast du überhaupt eine Ahnung, wie viel Geld du mir dadurch schon schuldest?“
Ayşe wäre jetzt liebend gerne gegangen, doch der Schreck über den unerwarteten, heftigen Streit ließ sie erstarren.

Davut machte sich indessen auf ein Handgemenge gefasst - bei dem er selbstverständlich Roswitha verteidigen wollte.
„Ich schulde dir Geld? Ich dir? Hast du das vielleicht geträumt“, polterte Ali seinerseits los.
„Natürlich hast du Schulden bei mir! Oder was dachtest du denn, von wem deine Schulden bis jetzt bezahlt worden sind?

Aus der Restaurantkasse! Und davon gehören 50 % mir. Dieses Geld bist du mir schuldig“, schrie sie noch lauter zurück.

„Du kannst doch in deine albernen Bücher schreiben, was du willst. Das Geld bekommst du nie. Schließlich hatten wir das so ausgemacht. Du übernimmst 50 % aller meiner Schulden “ brüllte er wie von Sinnen "50 Prozent!"
„Und du Idiot bekommst jetzt 100 % Kaffee von mir“ mit diesen Worten schüttete sie Ali ihre volle Tasse Kaffe mitten ins Gesicht! Ayşe lief schreiend davon.
Ali saß regungslos - wir versteinert - auf seinem Stuhl. Davut erhob sich langsam und zog Ali hoch um ihn zum Waschbecken zu führen. Dort wischte er ihm die braune Brühe aus seinem Gesicht.

Ali machte nicht einmal den Versuch sich selbst abzuwaschen. Als er wieder frisch war, verließ er ohne Worte Roswithas feuchtfröhlichen Kaffeeklatsch. Davut sah ihm nach an und grinste.

„Du hast Mut“ sagte er zu Roswitha, „und Ali ist ein erbärmlicher Feigling“.

"Und ich weiß immer noch nicht, was er eigentlich von mir wollte"

 

Es war Anfang Mai als ein deutsches Ehepaar mit dem Caravan auf den Platz kam. „Wir haben ein Segelschiff in der Marina das repariert werden muss. Für diese Zeit - etwa 3 Monate - würden wir gerne hier campen“. Als sie sich mit Roswitha über die Platzmiete geeinigt hatten, stellten sie den Wohnwagen ab. „Unser Boot war bis jetzt in Bodrum. Aber dort haben sie nur unqualifizierte Arbeiter. Nachdem ich mich hier bei der Setur Marina umgeschaut hatte, entschlossen wir uns das Boot hierher nach Antalya zu bringen“. „Hoffentlich erfüllen sich ihre Hoffnungen auch. Ich weiß nicht wie es bei der Setur zugeht. Doch hier auf meinem Camping komme ich auf keinen grünen Nenner“. „Das ist schon möglich, doch ich bin ein sehr guter Organisator. Schon von Berufs wegen! Da habe ich überhaupt keine Bedenken. Ich habe mir die Marina angeschaut und bin überzeugt,

mein Boot ist in 3 Monaten so gut wie neu“.
 „Geben sie lieber noch ein paar Wochen dazu. Hier ist die Türkei. Das ist beileibe nicht böse gemeint,

aber hier dauert halt alles ein bisschen länger als in Deutschland. Man braucht etwas mehr Geduld“.

„Ich habe alles bis in das kleinste Detail berechnet. Gute Organisation klappt immer. Selbst hier in der Türkei!

Sie werden es schon erleben“. 
„Wenn er es wirklich schafft nach seinem Plan zu arbeiten, dann mache ich etwas falsch“, dachte Roswitha bei sich.

Vielleicht musste man hier wirklich ein Mann sein um Erfolg zu haben. „Wenn er seinen Plan tatsächlich durchziehen kann,

dann packe ich meine Sachen zusammen und kehre sofort zurück nach Deutschland. Denn dann bin ich hier völlig fehl am Platze“ vereinbarte sie mit sich selbst.

Die erste Woche waren Rolf und Lisa sehr zufrieden. Alles lief exakt nach Rolfs Plan. Stolz zeigte er ihr seinen Wochenplan und hackte alle erledigten Arbeiten zufrieden ab. In der zweiten Woche lief es nicht ganz so gut - Rolf war dennoch zufrieden.

"Nur der Schreiner ist nicht ganz fertig geworden, aber kleine Verzögerungen habe ich ja mit eingerechnet.

Im Grossen und Ganzen ist auch diese Woche planmäßig verlaufen“.
Roswitha und das Paar hatten sich angefreundet und saßen öfter Abend zusammen im Restaurant.
Das Ehepaar verstand sich prächtig. Manchmal schämte sich Roswitha, weil sie fast täglich mit Ali lautstarke Auseinadersetzungen hatte.

"Da brauchst du dir wirklich nichts zu denken" meinte Rolf, "ich seh doch selbst wie er hier alles durcheinander bringt.

Ich verstehe sowieso nicht, wie eine intelligente Frau wie du mit diesem Mann zusammen leben kann".
Ali hatte ja immer behauptet er spräche 5 Sprachen -  Nur Deutsch beherrschte er bedauerlicher Weise nicht.
Lisa war Fremdsprachen- Korrespondentin bei einem deutschen Fernsehsender und sprach fließend Englisch, Französisch, Spanisch und Italienisch. Sie versuchte, sich mit einer dieser Sprachen mit Ali zu verständigen.

Er verstand nur Bahnhof. „Roswitha -  der spricht außer Türkisch keine Sprache“, sagte sie lachend. „Türkisch scheint er auch nicht gut zu sprechen. Wenn ich mit ihm zusammen etwas erledigen muss, fragen die Leute mich, was er denn gesagt hätte.

Er spricht mit starkem Dialekt“, erklärte Roswitha grinsend.

 
Rolf verbrachte täglich etliche Stunden bei seinem Boot.

In der vierten Woche fingen die Probleme an. Nichts war so geworden, wie Rolf sich das vorgestellt hatte. „Jetzt habe ich aus Deutschland extra das teuerste Fiberglas mitgebracht und diese Schwachköpfe können nicht damit umgehen.

Als ich fragte, ob sie das Material überhaupt kennen, haben sie so getan als hätten sie schon unzählige Schiffe damit gemacht. Von diesem Zeug kostet der Quadratmeter 80 Mark und die versauen es, als wäre es wertlos.

Ich könnte es ja selbst verkleben doch ich sehe nicht ein, dass ich für mein gutes Geld auch noch mitarbeiten soll“.
Er sah den Arbeitern zu und wurde dabei immer nervöser. Die Arbeiter auch!
Sein mit so viel Genialität ausgearbeiteter  Plan kam völlig durcheinander. Er erklärte den Arbeitern nichts - er schrie sie cholerisch an. Die meisten verstanden zwar kein Deutsch, doch schon durch Rolfs ständiges Gebrüll wurden die Arbeiter zusehends lustloser.

Dadurch ging die Arbeit noch langsamer voran. 

„Versuch es doch mal mit Geduld. Ich habe hier die Erfahrung gemacht, dass man zum Beispiel mit kleinen Geschenken viel erreichen kann. Probier es doch einmal so“. „Was? Diesen Hohlköpfen soll ich auch noch Geschenke machen? Wofür?

Dass sie mein Schiff ruinieren? Nein!

Wer gut arbeitet, der bekommt etwas von mir, aber nur der. Diese Leute mit Sicherheit nicht!“
Sie versuchte ihm zu erklären, dass die Menschen für einen sehr geringen Lohn arbeiten mussten. Sie freuten sich über ein Packet Zigaretten. Doch er blieb stur. Am Tag darauf sprach er mit dem Direktor. Dieser versprach ihm die Leute ins Gebet zu nehmen. Rolf gab ihm eine Liste mit sämtlichen unerledigten oder falsch gemachten Arbeiten.

Das schien nicht wirkungslos gewesen zu sein  Am nächsten Tag arbeiteten die Leute schneller als bisher. Sie schliffen jetzt das Boot, dass in Kürze lackiert werden sollte. Doch Rolf fand wieder etwas, was nicht seinen Wünschen entsprach und schrie die Arbeiter erneut fürchterlich an.
An dem darauf folgenden Tag wurde sozusagen in Zeitlupe gearbeitet. Rolf war der Verzweiflung nahe.

Immer öfter stritt er sich jetzt auch mit Lisa. Er war schon fast einen Monat über seinem Zeitplan und es war noch lange kein Ende in Sicht.
„Vielleicht fange ich schon zu spinnen an aber ich glaube langsam, dass Schiff sieht jetzt schlimmer aus als am Anfang“ sagte er am Abend deprimiert.
Er und Lisa flogen ein paar Tage nach Deutschland. Sie mussten sich von den Strapazen in Antalya erholen. Rolf sah nicht ein, dass er seine hochgesteckten Erwartungen so nicht durchzusetzen konnte wie er sich das vorgestellt hatte.
Roswitha hatte viele Bekannte, die ihre Schiffe in der „Setur“ reparieren ließen. Die meisten waren dort sehr zufrieden.

Alle wurden sehr zuvorkommend bedient und kamen auch vom Preis her wesentlich günstiger weg, als beispielsweise in Deutschland. Etwas Nachteiliges hatte Roswitha bis dahin eigentlich von niemandem gehört.

Selbst Michael hatte damals regelrecht geschwärmt, wie gut und günstig sein Boot dort renoviert worden war.

Wieder einmal kam Roswithas Geburtstag. Diesmal gab es keine Feier. „Weißt du was Emine? Wir gehen heute Abend mit René zum Chinesen. Später können wir ja noch etwas zusammen trinken“. Sie freute sich.

Emine hatte noch nie chinesisch gegessen.
Als es Abend wurde kam Ali im Anzug an. „Na meine Süße, wie viele Leute kommen denn heute Abend zu deinem Geburtstag? Vergiss nicht den Direktor der Ausländer Polizei einzuladen“. „Hayatim, ich habe gar niemand eingeladen.

Es findet nämlich keine Geburtstagsparty satt“. „Was?“ brüllte er, „Das kannst du doch nicht machen.

Alle kennen inzwischen dein Geburtstags-Datum. Es ist eine große Blamage für uns wenn du niemanden einlädst“.
„Du hast wohl die Party letztes Jahr vergessen? Da hat ein Freund von mir seinen Zahn verloren. Das passiert nicht noch einmal. Dafür garantiere ich“. Ali drehte sich wütend um und ging. Er hatte sich so auf die Feier gefreut.

Doch Roswitha blieb bei ihrem Entschluss.
Abends fuhr sie mit Emine und René in Richtung Antalya. Im Rückspiegel sah sie, dass Ali ihnen in seinem Mercedes folgte. „Bestimmt denkt er, wir hätten uns mit ein paar Männern verabredet“ vermutete Roswitha belustigt.

Sie fuhr an die Tankstelle weil sich die Kraftstoffnadel schon ziemlich im unteren Bereich bewegte. 
Ali kam mit Karacho angefahren und brachte mit quietschenden Reifen sein Auto genau vor Roswithas kleinem Murat zum stehen. Er sprang aus seinem Wagen und lief zur Straße. Dort kratzte er - nach alter türkischer Tradition - genussvoll sein bestes Stück und wartete.


„Was hat der denn vor?“ überlegte Roswitha perplex. „Vielleicht will er - wenn wir losfahren - in unser Auto hüpfen?“ rätselte Emine. „Unwahrscheinlich! Das könnte er doch jetzt viel einfacher haben“.
Gespannt warteten sie ab und beobachteten ihn. Ali würde bestimmt gleich irgendeine Aktion bringen.

Doch er starrte immer noch angespannt in die gleiche Richtung.

 

Vom Kratzen war er zwischenzeitlich zu einer entspannenden Massage übergegangen.

Roswitha bezahlte das Benzin. „Weißt du was Roswitha?“ sagte Emine plötzlich fassungslos.

 „Der hat uns überhaupt nicht gesehen... Ali wartet dort - auf uns!!!“.
Das konnte nicht gut sein. Das rote Kapriole war schlecht zu übersehen. Besonders dann, wenn man es suchte.
Doch es war tatsächlich so. Obwohl Roswitha vor ihm hergefahren und er nicht überholt hatte,

vermutete er sie nun hinter sich. Jetzt wartete er darauf, seine strenggeheime Verfolgung fortsetzen zu können.
Sie fuhren hupend an ihm vorbei und winkten ihm lachend zu. Sein Gesichtsausdruck sprach Bände.

Es war ihm völlig unverständlich wie Roswitha - von ihm unbemerkt - an die Tankstelle kommen konnte.

Er hatte die Straße doch keine Sekunde aus den Augen gelassen. Konnte der Murat etwa fliegen?
Dank Ali wurde das Essen beim Chinesen außerordentlich lustig. Den ganzen Abend wurde über Ali gelacht.

So einen James Bond hatten sie noch nicht einmal in einem Lustfilm gesehen.

 

Ein paar Tage später kam der Deniz Kommutan mit seiner Familie. „Ich bin nach Ankara versetzt worden“, sagte er traurig.

„Das ist bestimmt die Schuld dieses neuen Mannes der dein Nachfolger wird“, seine Frau war richtig wütend.

„Bestimmt hat er da etwas gedreht. Mein Mann hat seine Arbeit hier immer gut gemacht. Niemals würde er versetzt werden wenn nicht jemand daran gedreht hätte“. “Du weißt doch selbst, dass wir alle paar Jahre versetzt werden.

Das ist doch ganz normal“ warf ihr Mann ein.

„Ach - du weißt doch überhaupt nichts. Sei still! Roswitha für dich tut es mir leid. Die Neuen sind ganz eingebildete Leute.

Die geben dir bestimmt keine Erlaubnis mehr, an unserem Strand zu baden. Wir haben dort doch alles so gepflegt.

Wenn diese Leute hierher kommen, dann wirst du dort bald nichts mehr wieder erkennen. Schließlich hat mein Mann seine Anweisungen immer von mir bekommen und deshalb ist dort alles so schön gemacht worden“.
Man sagt immer, in der Türkei hätten die Frauen nichts zu reden.

In dieser Familie hatte der Kommutan nicht das Geringste zu melden.
Einmal hatte Nur bei einer Militär-Parade ihren Mann angeschrieen und ihn vor den anwesenden Soldaten gefragt: „Bist du ein Mann oder eine Maus?“ Für die strammstehenden Matrosen ein überaus peinliches Zwischenspiel.

Die Matrosen liebten ihren Kommandanten.
Die Frau wollte nicht nach Ankara. Hätte es eine Möglichkeit gegeben, sie hätte alles getan um in Antalya bleiben zu können.
Roswitha machte sich nur Sorgen darüber, ob die Neuen sich auch über die laute Musik - die aus ihrem Restaurant im Marine Camp zu hören war -  beschweren würden. Dann würde es Probleme geben.

Schon der bisherige Deniz Kommutan hatte - obwohl sie mit ihm befreundet waren - beinahe jeden Abend angerufen und verlangt, dass die Musik leiser gemacht wurde. „Meine Tochter kann ihre Hausaufgaben bei diesem Lärm nicht machen“ Oder: „Meine Frau hat Kopfschmerzen“, gab er als Grund an. Er hätte jedoch genauso gut verlangen können, dass die Musik ganz eingestellt wurde. Roswitha war klar, dass der Kommutan immer auf Befehl seiner Frau angerufen hatte.

 Wenn nun die Neuen wirklich so unausstehlich waren wie Nur Hanim sagte,  würden sie im Restaurant womöglich ihr Programm nicht mehr durchziehen können.
Zähneknirschend räumte Nur einige Tage später den Bungalow aus. Dass darin bald eine andere Familie wohnen sollte machte sie rasend.

Lisa und Rolf kamen wieder. Rolf hatte diverse elektronische Geräte für sein Boot mitgebracht.

„Die baue ich selbst ein. Das traue ich hier keinem zu.“
Als er sein Schiff besichtigte, bekam er einen Wutanfall weil in seiner Abwesenheit nichts daran gemacht worden war.

Er lief wieder zum Direktor. Dieser versprach, er würde sich nun selbst darum kümmern und sein Möglichstes tun,

damit Rolfs Schiff endlich seetauglich werden würde.
Ali schleppte ein paar kleine Boote an. Alle reparaturbedürftig.
Nachdem Roswitha ein paar Mal mit Rolf in der Marina war, war ihr eine Idee gekommen.

Sie wollte auch ein Boot. Sie wohnte schließlich am Meer und mit einem Boot kam man überall hin.

Auch nach Antalya.
Begeistert machte sie sich auf die Suche. „Ich habe einen Motor für dich“, sagte Rolf. „Den gebe ich dir billig und du kannst ihn von meiner Campingrechnung abziehen. Der Motor ist sehr gut. Auf ihn kannst du dich verlassen“.

Jetzt fehlte nur noch ein Boot.
Ali besaß ein Schlauchboot. Die paar Löcher die es hatte, ließ Roswitha in Antalya von einem Spezialisten flicken.
Abbas half ihr bei jedem Problem. Roswitha mietete einen Liegeplatz in der Marina. Als sie das erste Mal mit dem Motorboot hinausfuhren waren René und Roswitha so richtig glücklich.
 

Der Kleine hatte sehr schnell heraus wie er das Boot steuern musste und Roswitha ließ sich von ihm auf dem Meer herumfahren. Auch Anlegen konnte er schon bald besser, als so mancher erwachsene Freizeitkapitän die sie in der Marina beobachten konnten. Schnell  kannte jeder dort den kleinen Kapitän und er hatte überall Bewunderer.

Nur und ihr Mann waren nach Ankara gegangen und der neue Kommutan hatte seinen Dienst angetreten.

Roswitha kannte mehrere Matrosen und fragte, wie sie mit ihrem neuen Vorgesetzten zurechtkamen.

„Er ist ein sehr strenger Kommutan. Er gibt uns einen Befehl und wenn wir nur den kleinsten Fehler machen müssen wir das so lange wiederholen, bis es absolut korrekt ist. Vorher gibt er keine Ruhe.

Mit unserem alten Kommutan war es viel gemütlicher. Er hat viele Augen zugedrückt. Aber jetzt weht ein anderer Wind“. Respekt, dachte Roswitha. Der neue Mann wollte Disziplin.
Als sie ihn dann kennen lernte war sie überrascht. Er war ein hübscher, nicht sehr großer Mann der genau wusste was er wollte. Aber keinesfalls ein auf Prinzipien herumhackender Pedant. Für alle Probleme hatte er ein offenes Ohr. Ob es die eines kleinen Matrosen waren oder die eines Generals. Wenn er eine Möglichkeit hatte zu helfen, dann tat er das auch ohne Umschweife. Seine Frau war ein ganz natürlicher, lieber Mensch, der immer lachte. Mit ihr Freundschaft zu schließen, war nicht schwer.

Sie liebte alle Menschen.

Ihre 2 Kinder waren vorbildlich erzogen und wurden schnell Renes Freunde.
Metin - der neue Kommutan - überließ Roswitha im Meer einen "Parkplatz" für ihr Boot. Sie bekam von ihm die Erlaubnis in der Militärzone eine Boje ins Meer setzen. Dieser Platz durfte von niemandem anderen benutzt werden.

Nicht einmal daneben wurde ein anderes Schiff geduldet. Die Wasserschutzpolizei vertrieb alle, die dem kleinen Boot zu nahe kamen. Beschwerte sich jemand darüber dass Roswitha dort stand wurde ihm erklärt sie sei die Schwester des Kommutan und hätte das Recht dazu.
„Stört euch eigentlich unsere Musik am Abend?“ fragte Roswitha
Şirin. „Aber nein“, lachte sie.

„Wir lieben das“. Da sich der Kommutan nicht beschwerte, sagten auch die Offiziere und ihre Familien nichts.

Das Problem mit der Musik hatte sich erledigt.

Ein paar Wochen später, auf dem Weg von Antalya zum Platz, sah sie dann eines Tages genau das Boot,

dass sie sich vorgestellt hatte.
5, 20m lang und schön breit. Mit Davut führ sie noch einmal zurück um sich nach dem Preis zu erkundigen.

Als auch der mit ihren Vorstellungen überein stimmte, kaufte sie es auf der Stelle.
Rolf  überprüfte das Boot fachmännisch. Er zeigte Abbas, was und wie repariert werden musste.

„Das Fieberglas kannst du von mir haben“, sagte er und zeigte Abbas wie er es verarbeitet sollte.

„Der Junge ist wirklich sehr geschickt Er lässt sich etwas sagen. Im Gegensatz zu den anderen Türken hier.

Kannst du ihn mir mal für ein paar Tage leihen?“ Roswitha fragte den Jungen, ob er für ein paar Tage an Rolfs Boot arbeiten wollte. Erfreut stimmte er sofort zu.
Roswitha lies auf ihr neues Boot ein Sonnendach montieren, taufte es ‚René‘ und war glücklich, als es endlich ins Wasser gelassen wurde. Es verging kein Tag, an dem sie nicht mit ihrem geliebten Dingi unterwegs waren.
Mit der Zeit kannten fast alle das „Kaptans“ Boot und seinen kleinen Kapitän.

Sogar große Kreuzfahrtschiffe wie die „Aida“ die jede Woche kamen, tuteten freundlich und René winkte ihnen zu.

Mit den Lotsenbooten veranstaltete er regelmäßig richtige Wettrennen.

An  Rolfs Boot hatten inzwischen die Lackierarbeiten begonnen. Die 3 Monate waren längst um doch Rolf war noch weit von seinem Ziel entfernt. Ein paar Abende später kam er aufgebracht von der Marina zurück und war vor Zorn weiß im Gesicht geworden. „Diese Idioten haben mit dem Lackieren begonnen. Obwohl sie mit dem Schleifen noch nicht fertig sind!

Vorne Spritzen sie, hinten wird geschliffen. Jetzt ist meine Farbe auch noch hinüber. Der gesamte Schleifstaub klebt darin.

Die müssen jetzt alles wieder abwaschen. Mindestens eine Woche Zeit habe ich dadurch verloren“.
Er war der Verzweiflung nahe und wurde täglich aggressiver. Roswitha konnte ihn gut verstehen,

doch so kam er bestimmt nicht zu seinem Ziel. Er konnte ein guter Organisator sein, ein Diplomat war er nicht!
Als er dann auch noch selbst mit dem Jeep den eigenen Hund überfuhr, hasste er die Türkei.
Der arme Hund war schon krank und altersschwach gewesen. Doch das Rolf ihn überfahren hatte,

war alleine die Schuld der Setur Marina. Schließlich hatten sie ihn dort so nervös gemacht.

 

Roswitha machte sich zu der Zeit ein bisschen Sorgen um René. Sein Türkisch war inzwischen super. Er sprach ein reines Hochtürkisch - was mit Sicherheit auch daran lag, dass er sich täglich ausgiebig mit Davut unterhielt - Doch sein Deutsch war miserabel. Er sprach die Sprache nur mit Roswitha und das reichte eben für ein perfektes Deutsch nicht aus.
Türkisch ist eine der weit verbreiteten Sprachen der Welt. Von etwa 200 Millionen Menschen wird sie von Jugoslawien bis nach China gesprochen. Finnisch und Ungarisch ist dem Türkischen am nächsten.

1932 ordnete Kemal Atatürk an, das Alphabet vom Arabischen ins Türkische übersetzt wurde.

Es gibt 29 Buchstaben. Anstatt Q, W und X gibt es Ç, Ğ, I, und Ş.
Bestimmt war es nicht schlecht, dass René diese Sprache so gut beherrschte. Doch dass er sie besser als seine Muttersprache sprach, war nicht so ideal. Roswitha entschloss sich ein deutsches Fernsehprogramm anzuschaffen. Damals nicht einfach.

Um den Satelliten Astra empfangen zu können, brauchte man mindestens eine Karbolschüssel von 4 Metern. Besser waren 5m. Aber so große Antennen wurden ausschließlich in Istanbul oder Ankara verkauft. Nur die ganz großen Hotels hatten dafür Verwendung. Deshalb war der Preis auch ziemlich gesalzen.

Etwa 10 000 Mark.
Sie fragte Rolf was für Möglichkeiten es sonst noch gab. „Du brauchst so eine Antenne. Ohne die geht nichts“.

„Das ist mir aber zu teuer. Schade, dann klappt es eben nicht“. „Du kannst sie dir selbst bauen“.
„Ganz bestimmt. Schließlich mache ich ja nichts anderes als Satelliten-Schüsseln zu basteln. Das Einfachste was es auf der Welt gibt, “ antwortete sie ironisch. „Ich helfe dir dabei. Als damals die Dinger konstruiert wurden war es meine alte Firma, die sie als erste auf den Markt brachte. Dein Abbas arbeitet gut. Mit ihm könnten wir das hinbekommen.

Ich habe einen Freund in Griechenland und der hatte das gleiche Problem wie du hier.

Zusammen bauten wir für ihn eine 5 Meter Schüssel. Sie funktioniert einwandfrei“.
Roswitha war von der Idee begeistert. Wer hatte schon die Möglichkeit, so etwas zu machen?
Sogleich sah sie sich mit Davut um, wo so eine Riesenschüssel stand. In der Nähe von Kemer wurden sie fündig-.

Der Technikdirektor des Hotels erlaubte ihnen, die Schüssel auszumessen.

 Davut befolgte dabei genau die Anweisungen die er von Rolf erhalten hatte. Mit diesen Daten fuhren sie zusammen mit Rolf nach Antalya ins Sanayi. Dort gaben das Gerüst in Auftrag. Es musste in 2 Teilen angefertigt werden, da es ansonsten nicht transportfähig gewesen wäre.
Nach 2 paar Tagen war das Gerüst fertig. Eine gewaltige Rohrkonstruktion.
Jetzt brauchten sie jemanden, der leichtes Alublech in eine Form von Käseecken schnitt.

Rolf gab genaue Instruktionen.
 

An seinem Boot konnte er im Moment nichts tun.  Der Bootslack musste bis auf die Grundierung komplett entfernt werden.

Den Verantwortlichen für diesen Pfusch konnte er nicht ausfindig machen. Die Schuld wurde von Einem auf den Anderen geschoben. Er war schon weit über seinem Zeitplan und hatte immer noch keine Aussicht auf ein Ende der Arbeiten an seinem Boot. „Eigentlich wollten wir ja schon seit ein paar Wochen auf See sein“, sagte Lisa demoralisiert. „Wie es jetzt aussieht, sitzen wir noch einmal 4 Monate hier“, jammerte auch Rolf. „Jetzt weiß ich auch, warum die mit dem lackieren so flink waren.

Als sie die Farbe wieder runter schliffen, kam zum Vorschein, dass der Polyesterspachtel völlig unsachgemäß verarbeitet worden ist. Er fiel von selbst ab.

Diese Vollidioten können noch nicht einmal spachteln“.

Er war außer sich. Am liebsten hätte er die ganze Marina verklagt. Er konnte nicht fassen, dass sein schöner Zeitplan hier nicht klappte. Er war einfach nicht in der Lage, die Leute dazu zu bewegen eine saubere Arbeit zu fabrizieren.

Er schrie nur noch wie ein Choleriker in der Marina herum.
Inzwischen langweilte das die Leute. Keiner nahm ihn dort noch ernst. Von dem Technischen Direktor wurde er nur immer wieder vertröstet. Man entschuldigte sich auch bei Rolf für den Ärger den er hatte. Doch mehr geschah nicht.

Rolf war der Verzweiflung nahe.

Das Gerüst der Satelliten Antenne war inzwischen auf dem Campingplatz angekommen.

Als die zwei Teile zusammengeschraubt waren, mussten die dreieckigen Alustücke angenietet werden.

Auf dem Flachdach von Alis Haus keine fazile Arbeit. Es war immer noch sehr heiß.

Doch ein paar Tage später stand dort wirklich und wahrhaftig -  ein riesiger Satellitenspiegel.

Roswitha war zufrieden. Sogar ein Fernsehteam von ATV kam vorbei, filmte die monströse Antenne und machte ein Interview mit der Eigentümerin.
Rolf installierte ein LNB und begann mit der Suche nach dem Satelliten Astra. Die Antenne funktionierte fehlerlos.

Diverse Satelliten konnten empfangen werden.

 

„Der Asta liegt nur etwa ein paar Millimeter neben diesem Sender hier. Mit dieser gigantischen Schüssel ist Millimeterarbeit jedoch schwer“, meinte Rolf. Mit Abbas und Davut wurde die Antenne immer wieder in eine andere Position gebracht.
Nach ein paar Tagen kam Rolf zu dem Ergebnis, dass das LNB war zu schwach sei. „Ich muss sowieso nach Deutschland fliegen und bringe von dort eines mit einem Feethorn mit. Das arbeitet mit Strom und ist wesentlich leistungsstärker“.

Er ging noch zu seinem Schiff, schrie kräftig mit den Leuten und flog dann ab.
 

Ferhat hatte sich zu der Zeit sehr zum Nachteil verändert. Der Grund war die hübsche blonde Bauchtänzerin in die er sich unsterblich verliebt hatte. Er hatte nur noch Augen für sie. Seine Arbeit an der Kasse vernachlässigte er sträflich. Er mietete mit seiner Freundin eine Wohnung in Antalya und kam dann nur noch unregelmäßig zur Arbeit. Hatte das Mädchen ihren Auftritt, wurde es von Ferhat eifersüchtig beobachtet und da er diese Situation ohne Alkohol nicht ertragen konnte trank er viel zu viel.

Am liebsten hätte er alle männlichen Gäste verdroschen, wenn sie seine schöne Bauchtänzerin einen Moment zu lange ansahen.
Vorsichtig meinte Davut einmal: „Du vertraust Ferhat sehr, nicht wahr? Du solltest trotzdem die Abrechnungen einmal genauer ansehen“. Roswitha wollte davon nichts hören. „Er ist mein Freund! Er würde mich niemals hintergehen.

Außerdem bezahle ich ihm ein sehr gutes Gehalt. Betrügen hat er nicht nötig“.
Trotzdem sprach sie mit Ferhat. „Du kommst in letzter Zeit immer unregelmäßiger. Das kann ich so nicht tolerieren.

Selbst bei dir nicht! Ich habe jeden Tag deinetwegen mit Ali Stress und diesmal ist er sogar im Recht. So kannst du nicht weitermachen. Ich verstehe, dass du dich verliebt hast. Doch verstehe bitte auch mich“.

Er gelobte Besserung. Eine Woche hielt er sich mit dem Alkohol zurück.

Dann bekam er Streit mit seiner Liebsten und trank noch mehr als vorher.
Roswitha entschloss sich, die Bauchtänzerin auszutauschen. Sie sprach mit Bora. Er brachte nach ein paar Tagen ein Mädchen mit. Sie nannte sich
Ayşegül und hatte vordem noch nie als Tänzerin gearbeitet.

Doch Bora meinte, mit der Zeit würde sie routinierter arbeiten.
Die Show mit ihr war nicht das, was Roswitha sich vorgestellt hatte. Doch das Mädchen war nicht teuer und bis sie etwas Besseres gefunden hatten, sollte sie eben auftreten.
Ali wollte eine Sängerin engagieren. „Immer nur dieser Schwule. Er geht mir auf die Nerven“, meinte er jetzt immer öfter.

Ab und zu brachte er auch eine "Künstlerin" mit doch seine so genannten Sängerinnen waren meistens käufliche Damen,

die an den Tischen mit den Männern um ihr Honorar feilschten.
Eines Tages jedoch brachte er eine Frau, deren Stimme wirklich gut war. Wegen eines Unfalls - den sie vor Jahren erlitten hatte - hinkte sie leicht. 2 Jahre hatte sie nicht mehr gearbeitet. Das Schicksal der Frau berührte Roswitha und sie hätte sie auch liebend gerne angestellt. Doch die Musik, die die Dame bevorzugte  war schwer und tränenreich. Für jeden einzelnen Gast des Restaurants wurde von ihr ein eigenes Lied gesungen. Das sie an manchen Abenden dafür 48 Stunden singen hätte müssen, schien sie nicht zu begreifen.
Sie bekam von den Gästen sehr oft Whiskey spendiert, wohl auch um ihre Stimmung ein wenig zu heben. Obwohl Roswitha an der Bar Bescheid gesagt hatte, für sie nur ganz wenig Alkohol und viel Cola einzuschenken, meinte es eines Abends der Barmann besonders gut mit Azize und schenkte ihr doppelte Whiskeys ein. Schwankend stand nun die Solistin vor den Gästen vor deren Tisch und wollte ihren Song anstimmen, als die Stimme versagte. - Was kein Wunder war, nach 6 Doppelten innerhalb einer Stunde -  Sie entschuldigte sich höflich bei den Leuten und...

klappte gleich einem Schweizer-Taschenmesser vor ihnen zusammen. Gleich einem Putzlappen lag sie mitten im Lokal auf dem Fußboden. Die Gäste starrten konsterniert auf sie hinunter.
Von 2 Kellnern wurde
Azize eilig aus dem Lokal gezogen.
„Ein Skandal! Nicht wahr Roswitha Hanim? So etwas ist doch unmöglich. Da siehst du Mal, wie disziplinlos diese Sängerinnen arbeiten“ meinte Bora, froh die lästige Nebenbuhlerin endlich los zu sein.

„Bora kennst du vielleicht eine gute Solistin, die wir in dein Programm einbauen könnten?“
Er hatte eine sehr talentierte Bekannte.
Bevor Ali wieder einer seiner Damen anschleppte, brachte Bora lieber seine Freundin mit. Sie hatte eine herrliche Stimme -

Aber eine fürchterliche Mutter. Das Mädchen passte ausgezeichnet in Boras Show.

Sie war genauso lustig wie er. Doch ihre Mutter wollte das Mädchen allabendlich an die anwesenden männlichen Gäste verkaufen. Roswitha war über eine Mutter, die ihr eigenes Kind zur Prostitution zwang entsetzt und gab ihr Lokalverbot.

 „Derya du kannst, wenn du nicht zu deiner Mama nach Hause willst gerne hier wohnen“, bot sie dem Mädchen an.

„Ich muss nach Hause, sonst schlägt sie mich grün und blau“, lehnte sie traurig das gut gemeinte Angebot ab.
 

Die Gäste waren begeistert von dem Mädchen worüber nun Bora sehr eifersüchtig wurde. Sobald sie  nur eine Minute über der Zeit auf der Bühne war als vereinbart, beschwerte er sich sofort bei Roswitha.

 „Das macht sie mir zum Fleiß. Nur um mich zu demütigen singt sie jetzt noch ein Lied. Da...  da hörst du es selbst.

Das ist ein Lied aus meinem Programm“ -  „Aber Bora, ein Gast hat es sich von ihr gewünscht.

Sie wollte dich damit bestimmt nicht verärgern“.

„Du kennst sie nicht. Sie will hier der Star werden.

Und du hilfst auch zu ihr. Ich kündige!“. Mit Tränen in den Augen lief er davon. „Davut bitte, beruhige du ihn.

Ich kann nicht, denn ich müsste ihm ins Gesicht lachen“.
Fast jeden Abend ging das nun so. Die beiden Solisten beschimpften und beleidigten sich bis aufs Blut.

Sie betitelte ihn als „Schwulen“ und er schrie ihr „Nutte“ nach. Nach dem Programm gingen sie jedoch meistens einträchtig Arm in Arm zusammen nach Antalya in diverse Bars.
Eines Abends kam Bora tränenüberströmt zur Arbeit. Seine geliebte Mama war gestorben. Er war aus tiefstem Herzen traurig. Keine Minute dachte er daran, dass sein Leben jetzt etwas leichter sein würde.

Er hätte seine Mama mit Freuden noch jahrelang gepflegt. Ein paar Tage überließ er seiner jungen Kollegin das volle Programm.

Doch dann trat er wieder auf. Erstens um sich abzulenken und zweitens hätten die Gäste ja Derya mehr bewundern können als ihn.
 

Zu dieser Zeit kam fast jeden Abend eine liebenswürdige Familie die Fans von Bora waren. Der Mann und die Frau tanzten immer sehr verliebt zu Boras Liedern, obwohl sie so vertraut miteinander waren, dass Roswitha sie für ein schon lange verheiratetes Ehepaar hielt.. Sie hatten eine fast erwachsene Tochter, die meist mit ihnen zusammen kam.

Das war sehr ungewöhnlich.

Bis dahin hatte Roswitha die Erfahrung gemacht, dass es die türkischen Ehemänner mit der Treue nicht sehr genau nahmen.

Am Wochenende führten sie ihre Familien zum Picknick und unter der Woche kamen sie mit ihren jungen Freundinnen zum „Kaptans“ und amüsierten sich dort für teueres Geld mit ihnen.
Doch dieses Paar schien ein perfektes Familienleben zu haben. Roswitha fand das so sympathisch, dass sie für das ganze Restaurant neue Vorhänge bei den Beiden bestellte.
Sie hatten ein Gardinen-Geschäft mitten in Antalya.
Dann kam die Familie ein paar Wochen nicht mehr ins Restaurant.
„Bora weißt du, was mit den Beiden passiert ist?“ fragte Roswitha. „Ich habe Arif Bey vor ein paar Tagen gesehen. Er sah sehr schlecht aus - Schien mir, als hätte er große Probleme. Aber was er für Kummer hat konnte ich leider nicht von ihm erfahren“.
2 Tage nach diesem Gespräch kam Arif Bey, und an seiner Seite war jetzt... eine andere Frau.

Roswitha war bitter enttäuscht. Arif Bey also auch! Das hätte sie nie von ihm gedacht! Einer der wenigen Männer von dem Roswitha dachte er führe ein glückliches Eheleben, ging nun auch fremd.
Sie begrüßte den Mann diesmal nicht. Strafte ihn mit Verachtung. Die arme Ehefrau hatte bestimmt keine Ahnung, dass ihr Mann sich mit einer Anderen vergnügte. Noch dazu in dem Lokal, dass er immer mit ihr besucht hatte.
Einige Tage später kam Bora und setzte sich neben Roswitha. Er kannte so gut wie alle Gäste und wusste auch großteils über ihre Familienverhältnisse Bescheid. „Der arme Arif Bey“, begann er die Unterhaltung,

„er hat schon mehrere Kilo abgenommen vor Kummer“ -  „Warum? Hat seine Frau etwa von seinem Seitensprung erfahren? Geschieht ihm ganz recht“ Roswitha hatte überhaupt kein Mitleid mit diesem untreuen Mann, obwohl sie ihn eigentlich immer sehr gemocht hatte. „Aber nein Roswitha Hanim. Die Beiden sind doch gar nicht miteinander verheiratet. Sie hatten aber seit Jahren ein Verhältnis miteinander.

Nun hat ihn die Frau von Heute auf Morgen verlassen und einen Anderen geheiratet. Arif Bey wäre vor Kummer beinahe gestorben“ -  „Wie? Die beiden sind nicht verheiratet? Und die Tochter?“ -  „Sie ist aus erster Ehe der Frau.

Arif Bey hat das Mädchen geliebt wie seine eigene Tochter. Jetzt hat diese undankbare Frau aus heiterem Himmel einen anderen Mann geheiratet. Ohne jede Vorwarnung“.

O je, da hatte Roswitha dem Mann aber schwer Unrecht getan.
Gleich am folgendem Nachmittag fuhr sie nach Antalya und besuchte ihn in seinem Geschäft.
Arif Bey sah wirklich schlecht aus. Dicke Tränensäcke waren unter seinen Augen. Roswitha entschuldigte sich bei ihm.

Traurig winkte er ab. „Es ist doch verständlich! Du musstest ja denken ich würde mich mit  der Anderen amüsieren.

In Wirklichkeit war da überhaupt nichts. Ich habe meine Freundin doch über alles geliebt. Meine Frau wusste über sie Bescheid und war damit einverstanden. Für mich war es die ganz große Liebe. Ich habe sie an meinem Geschäft hier beteiligt und ihr eine Eigentumswohnung geschenkt. Meine Frau hat übrigens auch eine von mir bekommen. Dann plötzlich, wir hatten nicht einmal Streit, teilte sie mir mit, dass sie einen anderen Mann geheiratet hat! Einfach so. Jemanden der nicht einmal eine zweite Hose am Hintern hat“. Mit Tränen in den Augen erzählte er seine Geschichte. „Ich dachte, wenn ich einmal mit einer anderen Frau ausgehe, ginge es mir besser. Doch es ist nur noch schlimmer geworden“.

Er dachte inzwischen daran, sein Geschäft aufzugeben. Roswitha überredete ihn es nicht zu tun. "Die Frau ist es nicht wert,

dass du dein gut gehendes Geschäft wegen ihr aufgibst". Arbeitskräfte gab es genug in Antalya. Das Leben ging weiter.

Wegen so einer gab man doch nicht seine Existenz auf.

 

Eine fürchterliche Mückenplage plagte die Menschen in Antalya und da das "Kaptans" direkt an einem Fluss lag, war es dort besonders schlimm. Allabendlich wurde von Tamer eine Pumpe mit Diesel und einem Schuss Insektengift gefüllt und mit dieser Mischung nebelte er das gesamte Gelände ein. Meist gerade dann, wenn die Restaurantgäste beim Essen saßen.

„Das ist doch Schwachsinn.Wenn man mit Diesel Schnaken töten könnte, dann bräuchten wir doch nur den Motor von Alis Mercedes laufen zu lassen. Ob ihr das spritzt oder nicht, die Mücken sind davon nicht weniger geworden.

Für uns Menschen ist das wesentlich schädlicher“ versuchte Roswitha diese unsinnigen Aktionen zu beenden. 

Aber Tamer bereitete es großen Spaß, mit dem Gerät auf dem Rücken alles einzuräuchern.

Leider brachten seine Aktivitäten nicht den geringsten Erfolg Am Tag waren es die schwarzen Fliegen - die die Menschen quälten -  ihr Stich konnte ganz schön schmerzhaft sein - und nachts die Moskitos. Von diesen schwarzen Steckfliege wurde Roswitha eines Tages ins Bein gestochen. Es juckte so fürchterlich, dass sie dachte, sie würde wahnsinnig werden.
Drei der Stiche entzündeten sich vom ständigen Kratzten. Roswitha
schenkte den Wunden erst keine Beachtung -

es waren ja nur ganz alltägliche Insektenstiche.

Als Mimi aus Deutschland kam, bestand sie darauf die Stiche von einem Arzt ansehen zu lassen.
Der Doktor der Poliklinik war der Ansicht, dass es wahrscheinlich von dem Insektenmittel so schlimm geworden war und verschrieb eine Salbe. „Wenn sie das nächste Mal wieder so eine Infektion haben,

dann warten sie bitte nicht erst 3 Monate bevor sie es behandeln lassen“, meinte er zum Abschied. Mit der Salbe würde es nun besser werden, jedoch auch nicht von Heute auf Morgen. Roswitha hätte eben früher kommen müssen.
Nach weiteren 6 Wochen war aus einer Wunde ein etwa 5 Markstück großes Loch geworden. Nun bekam Roswitha Panik.

Sie befürchtete ein offenes Bein zu bekommen. Davut bestand darauf sie zu ihrem Freund - einem Chirurgen der lange Jahre in Deutschland praktizierte - zu bringen.
Besorgt sah er sich das Bein an. Die Salbe hatte das Ganze noch verschlimmer. „Die Wunde muss jetzt erst einmal desinfiziert und dann peinlichst sauber gehalten werden“.
Mit einer Zahnbürste machte er sich daran, die Salbenreste aus der Wunde zu entfernen.

Bei dieser Behandlung wäre Roswitha am liebten vor Schmerzen an die Decke gesprungen.
Tagtäglich fuhr Davut sie nun zu diesem Doktor.
Als nach Wochen immer noch kein Anzeichen von Besserung zu sehen war, verzweifelte Roswitha.
Sie fing an, mit dem lieben Gott zu verhandeln.
„Wenn du meinen Fuß wieder zuheilten lässt, dann werde ich auch diesen Ramazan für eine Woche mit fasten“.
Nach einer Woche, es war immer noch keine Besserung zu erkennen erhöhte sie ihr Angebot an den lieben Gott:

„2 Wochen“, versprach sie ihm. Das Bein wurde eher schlimmer.
Auch der Doktor war inzwischen mit seinem Latein am Ende.

Wieder betete Roswitha zum lieben Gott und erhöhte ihr Angebot. Diesmal versprach sie 3 Wochen.

Doch der liebe Gott ließ nicht mit sich handeln:
„Lieber Gott, wenn du mein Bein zuheilen lässt, dann werde ich den ganzen Ramazan mit fasten...
4 Wochen“ versprach sie nun total verzweifelt.
Nach diesem Versprechen - Roswitha konnte es selbst kaum fassen - konnte man zusehen, wie die Wunde täglich kleiner wurde. Innerhalb von ein paar Tagen war sie vollständig geschlossen.
Von da an fastete Roswitha jeden Ramazan mit. Dem lieben Gott schien es zu gefallen.   

Das Schiff von Rolf und Lisa war immer noch nicht fertig. Dafür aber Rolf und Lisa. Mit den Nerven nämlich.

Eines Tages kam Rolf zufrieden an und meinte: „Nächste Woche wird mein Boot nun endlich ins Wasser gelassen.

Es ist zwar immer noch nicht fertig, aber die noch anstehenden Arbeiten können auch im Wasser erledigt werden“.
Zwei Tage bevor das Schiff zu Wasser gelassen werden sollte, erleichterten sich ein paar schwarze Wolken von ihren Wassermassen. Es regnete wie aus Kübeln.

Nach etwa 2 Stunden schien wieder die Sonne.
Rolf fuhr zur Setur und kam aufgelöst wieder zum "Kaptans" zurück. „Diese Idioten. Ich verklage sie... Alle! Stell dir vor, dass Regenwasser lief in mein Boot. Das ist ja normal. Doch, dass muss man sich mal vorstellen: Beim Rumpf lief der Regen wieder heraus! Weißt du, was dass bedeutet? Das Boot ist undicht! Hätten wir es ins Wasser gelassen, es wäre abgesoffen wie ein Stein“. Er hatte Tränen in den Augen. „Wir wollten doch heuer ein paar Monate auf unserem Boot verbringen“, weinte nun auch Lisa die inzwischen nervlich völlig am Ende war. „Jetzt sitzen wir hier fest“ stellten sie demoralisiert fest. Sie beschlossen, in Deutschland mit ihrer Versicherung zu sprechen. Vielleicht konnte die ja bei der Marina Druck machen.

„Wenn ich wiederkomme, mache ich deine Antenne fertig.

Es ist ja nur noch eine Einstellungssache“, versprach er. Und: „Ich begreife nicht wie du mit diesen Leuten arbeiten kannst.

Du bist doch eine intelligente Frau. Was suchst du eigentlich hier?“.

„Weißt du, ich liebe das Land, das Meer und ich liebe diese Menschen“ antwortete sie. "Wie kann man diese Idioten lieben" 

 

Seit Boras Mutter gestorben war, machte er noch mehr Dedikodu (Klatsch) als vorher.
Kam ein Mann einmal mit einer neuen Freundin zum „Kaptans“, rief er sofort die betrogene Freundin an und berichtete ihr die Neuigkeit. Er entwickelte sich immer mehr zur Tratschtante.
Auch über Roswitha und Davut zerriss er sich den Mund. Angeblich hatte er die Beiden gesehen, wie sie sich in einer dunklen Ecke geküsst hätten.

Als Davut davon hörte, wurde er sehr traurig. Roswitha erzählte er nichts von diesem erfundenen Gerede. Er wollte sie damit nicht belasten. Doch er begann, darüber nachzudenken, wie er eigentlich zu ihr stand. Und zog sich langsam zurück.
Roswitha wunderte sich, dass ihr Freund immer unzuverlässiger wurde. Auch René war traurig darüber, das Davut nicht mehr jeden Tag zum Camping kam. Er vermisste ihn. Jeden Tag nach dem Aufstehen rannte er zu Davuts Bungalow und hoffte, er würde ihn dort finden.
Als Roswitha ihn eines Tages fragte,  ob er Probleme hätte wich er ihren Fragen aus. Sie lies ihn dann in Ruhe.

Irgendwann würde er schon von selbst darüber sprechen wollen.

Rolf kam nach ein paar Wochen noch einmal. Diesmal kam er ohne Lisa - sie war zu Hause geblieben.

Er wohnte nicht am Campingplatz, sondern in einem Hotel in der Nähe. Mit seiner Versicherung hatte er inzwischen gesprochen.

Dort gab man ihm den Rat, die ca. 30 000 Mark für die Reparatur des Schiffes schnell zu begleichen. „Wenn sie die geforderte Summe nicht bezahlen, können sie ihr Boot unter Umständen vergessen. Die Leute werden ihr Eigentum beschlagnahmen bis ihre Schulden abgegolten sind. Und dazu sind sie berechtigt. Sie haben dann keine Möglichkeit, ihr Schiff aus der Türkei auszuführen. Das Beste ist, sie bezahlen und nehmen ihr Boot mit.

Reichen sie dann die Rechnungen bei uns ein, und sie bekommen sie die Summe von uns zurück erstattet“.

Zähneknirschend bezahlte Rolf.
Als er dann später das Geld von der Versicherung zurück haben wollte, teilte man ihm mit, dass die Arbeiten ja nur teilweise erledigt worden waren. Die Versicherung weigerte sich, zu bezahlen. Roswitha sah Rolf und Lisa nie wieder. Irgendwann hatten sie ihr Boot aus der Marina geholt ohne noch einmal beim Camping vorbei zuschauen. Rolf hatte keine Lust mehr, die Antenne fertig zu stellen.

Trotzdem hätte Roswitha sich gefreut, wenn die Beiden sich wenigstens von ihr verabschiedet hätten.

 

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