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6. Kapitel
Damit das Schlechte in
der Welt siegt,
braucht es nur genügend
gute Menschen die nichts tun
Wieder einmal war es Herbst geworden. Und wie stets in dieser Jahreszeit war das Geschäft ruhig-
Doch dieses Jahr deckten die Einnahmen wenigsten die anfallenden Unkosten. Diese waren auch nach Saisonende nicht unerheblich, denn es mussten unter Anderem 10 Angestellte bezahlt sowie verköstigt werden.
Als ein Mann aus Deutschland um Quartier für die Wintermonate nachfragte war Roswitha froh darüber.
Das bedeutete zusätzliche und regelmäßige Einnahmen für die sauere Gurken-Zeit.
"Ich bin Mediziner und bis vor kurzem bei den 'Ärzten ohne Grenzen' in Jugoslawien gewesen" erzählte erzählte der hagere,
etwa 40-jährige hektische Mann.
Nachdem er
etwa 4 Wochen auf dem Camping wohnte, brachte er eine türkische
Freundin mit und von da an hausten sie zusammen in dem kleinen Hüttchen.
Das Paar
stritt sich ununterbrochen, was sich meistens sehr lustig anhörte denn er
schimpfte auf Deutsch und sie Türkisch mit ihm. Keiner sprach die Sprache des
Anderen.
In der
Regel
hielten sich die Beiden bei Selçuk und Gül auf.
Diese Familie war sehr gastfreundlich. Permanent zwei Gäste zu bewirten fiel
ihnen jedoch nicht leicht, denn der geringe Lohn
Selçuks
reichte kaum für sie selbst. Der "reiche" deutsche Doktor und seine Freundin
nahmen darauf aber nicht die geringste Rücksicht.
Und noch ein weiterer Dauergast hatte sich im Herbst eingefunden. Mit einem zum Wohnmobil umgebauten Bus reiste ein über 70-jähriger Türke an. Seine Familie war über seine Abwesenheit nicht sehr traurig denn er war rettungsloser Alkoholiker.
Vor vielen Jahren hatte er in Istanbul - die zur damaligen Zeit - erste Fahrschule
der Türkei eröffnet.
Inzwischen hatte er dieses Geschäft seinen mittlerweile erwachsenen Söhnen
übergeben.
Er freundete sich sofort mit Baris an, welcher auch schon mehr als 2 Jahre beim „Kaptans“
in seinem Caravan wohnte und dessen morgendliches Frühstück aus einem Glas Rakı
bestand.
Bariş
arbeitete mit der Telekom kollektiv zusammen und stellte auf Dörfern die alten
Telefonsysteme
-
die bis dahin noch von Hand gestöpselt werden mussten - auf
Computer um.
Dieser Mann war so vernarrt in René, dass er ihm eines Tages einen nagelneuen PC schenkte.
Bariş war seit vielen Jahren verheiratet und hatte große Kinder. Da seine Frau jedoch in Ankara lebte und nur selten zu ihm nach Antalya kam, vergnügte er sich die übrige Zeit hemmungslos mit ständig wechselnden Vertreterinnen des schönen Geschlechts.
Er war ein sehr guter Restaurantgast und bezahlte seine Rechnungen nicht allabendlich sondern immer pünktlich am Monatsanfang. Und er war Alis heimliche Geldquelle. Der fand immer einen Vorwand, Bariş anzupumpen -
wovon Roswitha aber
keinesfalls erfahren durfte.
"Können wir
uns in der Stadt treffen?" Es war Davut der anrief und von dem Roswitha
bis zu diesem Telefongespräch schon wochenlang nichts mehr gehört hatte.
"Ich würde mich so gerne einmal wieder mit dir unterhalten" Er klang so verzweifelt, dass sie seine Bitte nicht ablehnen wollte.
„Natürlich können wir uns sehen. Ich muss ohnehin etwas erledigen und bin in
etwa 1 Stunde in Antalya"
Sie verabredeten sich in der Stadtmitte bei einem
"Çorbacı" (Suppenrestaurant).
Roswitha versuchte ihr Erschrecken zu verbergen als sie Davut wiedersah. Er war unnatürlich blass!
Die dunklen Ringe unter den Augen ließen ihn schwer krank aussehen.
„Ich kann dir nicht sagen, wie ich dich und die Gespräche mit dir vermisst habe“, begann er leise zu sprechen.
„Mein lieber Freund, du wusstest genau wo ich zu finden bin. Du hättest dich ja mal wieder sehen lassen können“ antwortete sie etwas barsch.
Als sie ihren Freund so überaus deprimiert sah ersparte sie ihm die Vorwürfe - die sie eigentlich machen wollte -
weil er René ohne eine Erklärung einfach im Stich gelassen
hatte und hörte ihm zu.
„Du hast sicher schon erfahren, dass ich mit Ayşegül zusammen bin? Sie ist
schrecklich eifersüchtig auf dich
und darum dachte ich, es sei besser wenn ich eine Zeitlang nicht zum ‚Kaptans’ komme“.
„Eifersüchtig? Auf mich? Ist die nicht ganz dicht? - Wie ein Frischverliebter siehst du aber auch nicht gerade aus.
Habt ihr Probleme?“ - „Roswitha glaube mir: Ich bin und ich war niemals verliebt in sie. Das ich mit ihr zusammen bin hat ganz andere Gründe - worüber ich aber jetzt nicht mit dir sprechen will.
Eigentlich wollte ich mich schon nach einer Woche wieder von ihr trennen. Doch sie klebt an mir wie eine Zecke!
Sobald ich das Thema Trennung nur anschneide, droht sie mir sich das Leben zu nehmen.
Sie ist eine Verrückte! Ich traue ihr das durchaus zu“.
„Weißt du Davut - Mädchen wie sie bringen sich nicht wegen eines Mannes um“. Er
nahm die Frau sofort in Schutz.
"Ayşegül ist nicht so schlecht wie du vielleicht denkst. Sie hat außer mir niemanden mehr seit ihre Mutter vor ein paar Wochen plötzlich gestorben ist" versuchte er seine Freundin zu verteidigen.
Roswitha ließ ihn reden und gab dazu keinen Kommentar mehr ab. Nach einer Weile fragte sie:
"Wie geht es dir auf der Uni? Oder bist du inzwischen fertig mit deinem Studium?
„Das Diplom habe ich verpatzt - ich besuchte die Schule nur noch selten nachdem ich bei euch ausgezogen war.
Ich könnte jetzt in Kürze die Prüfung wiederholen, - doch ich werde nicht hingehen.
Hab keine Lust mehr“.
"Wie? Du
willst jetzt aufgeben? Du kannst doch nicht 3 Jahre Studium hinschmeißen, nur weil dir im
Moment die Lust vergangen ist! Bitte tu das nicht! Das würdest du später
bestimmt sehr
bereuen".
Über eine Stunde redete Roswitha auf ihn ein! "Glaub mir - dass ist keine Frau
wert". Sie ließ nicht eher locker,
bis er ihr versprach bei der Prüfung sein Diplom als Maschinentechniker zu
schaffen.
Sie wusste, wenn Davut ihr sein Wort gab dann konnte sie sich darauf verlassen, dass
er es hielt.
„Was sagt eigentlich deine Familie dazu, dass du mit einer Bauchtänzerin zusammen lebst?“ - „Nichts!
Sie mischen sich in mein Leben nicht ein“ - „Das sollten sie in diesem Fall aber lieber tun. Du machst, sei mir nicht böse wenn ich das sage, einen todunglücklichen Eindruck. Deine Familie sollte mal nach dir sehen".
„Lass gut sein. Ich habe dir versprochen das ich weitermachen werde und sobald ich mein Diplom habe muss ich
sofort zum Militär.
Spätestens dann erledigt sich die Sache mit
Ayşegül
von selbst“.
„Dann schau, dass du so schnell wie möglich deinen Militärdienst antreten
kannst. Ich glaube, es ist das Beste was dir in deiner Situation passieren
kann". Kurz darauf verabschiedete sie sich.
"Wenn du wieder einmal reden willst - ruf mich an!
Für dich habe ich immer Zeit. Und ... iss ein bisschen mehr! Du bist ja nur noch Haut und Knochen“.
Obwohl das Restaurant gut lief, blieb unterm Strich nichts übrig. Ali fand immer einen Weg die Kasse zu plündern und es für die unmöglichsten und unnötigsten Dinge zu verschwenden.
Außerdem mussten zu viele Parasiten miternährt werden. Immer wieder kamen
Alis Freunde, die er kostenlos verköstigte und beherbergte. Und die Freunde -
von denen er doch Geld kassierte - bekamen von ihm einen Preisnachlass, wenn sie die
Rechnung im Restaurant als Kredit offen ließen und die Zeche an ihn persönlich bezahlten.
Ein so genannter bester Freund, der momentan in einem der Bungalow logierte, war
ein hoffnungsloser Alkoholiker.
Ali und er kannten sich noch vom Schiff. „Er hatte früher eine nette Familie doch dann wurde er zum Spieler.
Seine Frau
verließ ihn, als er außer Schulden nichts mehr hatte. Seit dieser Zeit trinkt er“,
erzählte Ali.
Er stellte ihn als Gärtner ein. Da er von diesem Freund kein Bargeld zu erwarten
hatte, sollte er mit dieser Arbeit für
seinen Unterhalt am "Kaptans" aufkommen. Meistens lag der Mann jedoch irgendwo
herum und schlief seinen Rausch aus.
Wenn er dann einigermaßen ernüchtert wieder aufwachte, war das Leben zum arbeiten - seiner Ansicht nach -
viel zu trostlos und nüchtern, also betrank sich aufs Neue.
Zu dieser Zeit war auch Vural wieder reumütig zurück gekommen. Von einem glücklichen Ali wurde er auf der Stelle mit einer Gehaltserhöhung wieder eingestellt. Er trank jetzt noch hemmungsloser als früher.
„Kann ich ihnen irgendwie helfen?“ fragte Roswitha die Leute, einen blonder Mann und eine dunkelhaarige Frau,
die offensichtlich jemanden suchten - auf Türkisch. Die Frau sah sie unsicher an.
„Es kann nur sie sein". meinte sie auf Deutsch zu ihrem Begleiter. "Sind sie Deutsche?" die Frage war an Roswitha gerichtet. „Ja. Und sie?“ - „Wir auch! Sie müssen die Roswitha sein. Dann sind wir hier richtig denn nach ihnen haben wir gesucht“ -
„Ja, die bin ich. Kenne ich sie vielleicht? Sie müssen entschuldigen, ich habe ein furchtbar schlechtes Personengedächtnis“ - „Nein, wir kennen uns nicht" - "Und woher wissen sie meinen Namen?" - " Wir sind heute Vormittag aus Deutschland angekommen. Als wir ratlos auf dem Flughafen standen - wir sind zum ersten Mal in der Türkei - hat uns ein uns unbekannter Mann angesprochen. Er gab uns ihre Adresse und meinte, auf diesem Campingplatz fänden wir eine deutsche Frau,
die uns weiterhelfen würde“ - „Ja ...
und
wie kann ich ihnen helfen?“
fragte Roswitha verwundert.
„Wir haben weder ein Zelt, noch einen Wohnwagen. Brauchen aber für etwa eine
Woche eine Unterkunft“. „Da habe ich ganz zweifellos etwas für sie. Was sagen
sie zu einem romantischen Bungalow?“ fragte Roswitha lächelnd.
Erleichtert atmete die Frau auf. „Genau
so etwas haben wir uns tatsächlich vorgestellt“.
Die beiden Frauen waren sich auf Anhieb sympathisch. Nachdem sie gemeinsam die
Bungalows angesehen hatten, übergab Roswitha den Schlüssel an die beiden neuen
Gäste. „Es
könnte sein, dass noch Freunde von uns hierher kommen möchten. Hätten sie denn noch ein freies
Häuschen?“ - „Ja natürlich. Es ist jetzt nicht mehr viel los auf dem
Camping“.
Viel Gepäck hatte das Paar nicht - zwei kleine Reisetaschen war alles was sie in ihrem Bungalow unterbrachten.
Etwas später traf Roswitha das deutsche Paar im Restaurant wieder. „Ich bin das erste Mal in der Türkei" erzählte dir Frau. "Leider haben wir nur eine Woche Urlaub. Ich bin mir aber sicher, dass ich auch meine nächsten Ferien in der Türkei verbringen werde. Alles was ich bis jetzt von Antalya gesehen habe ist sehr schön. Und die Menschen sind hier so ganz anders,
als die Türken bei uns in Deutschland. Viel moderner. Das hatte ich nicht erwartet“. Sie wollten noch wissen,
wie sie am nächsten Tag nach Antalya kommen könnten.
„Wenn
euch 8 Uhr morgens nicht zu früh ist, dann könnt ihr mit unserem Koch Ibo mitkommen. Er geht jeden
Tag um diese Zeit auf den Markt. Ich gebe ihm Bescheid, dass er
morgen zwei Mitfahrer haben wird“. Dankbar wurde dieses Angebot angenommen
Irgendetwas war mysteriös an den Beiden. „Ob die ihren Ehepartnern
durchgebrannt sind?“ fragte sich Roswitha schmunzelnd. Es war ihr rätselhaft,
wie gerade solche Menschen immer wieder den Weg zu diesem Platz fanden.
Da das Geschäft gut war und es Ali aus diesem Grunde gar nicht gut ging, wollte
er das ändern und legte sich täglich mit Ibrahim dem Koch an.
„Der bescheißt uns“ wollte er Roswitha weiß machen. „Aber Ali ...
lass doch endlich Ibo in Ruhe.
Er macht seine Arbeit wirklich gut.“ versuchte sie ihn zu beruhigen. „ Die Gäste sind jetzt das erste Mal mit dem Essen hier zufrieden. Außerdem rechne ich jeden Tag mit ihm die Auslagen genau ab. Du wirst es nicht gerne hören, doch seit er einkauft, kommen wir wesentlich günstiger weg als zu der Zeit als du eingekauft hast.
Wenn du der Ansicht bist, dass er betrügt - dann musst du das auch beweisen können. Bitte hör doch endlich mit deinen ungerechten Anschuldigungen gegen ihn auf".
„Ich krieg den! Den krieg ich schon noch“, er konnte den Mann nicht ausstehen und jedes Mittel war ihm Recht
ihn los zu werden.
Am nächsten Abend wollte Freya - die Frau aus Deutschland - noch einen zweiten Bungalow.
„Für meine Freundin und ihre zwei Kinder“ Roswitha übergab ihr die Schlüssel.
Die Neuankömmlinge bekam sie an diesem Abend nicht zu Gesicht.
Erst 2 Tage danach kamen Freya und ihr Freund wieder ins Restaurant. „Wir haben
mit unserer Freundin und den
Kindern einen Ausflug nach Ankara gemacht“, erzählten sie. Die Beiden machten einen sehr gestressten Eindruck und wieder beschlich Roswitha das Gefühl, dass sie nicht die Wahrheit sagten.
Am anderen Morgen wurde sie von einem markerschütternden Kindergeschrei geweckt.
Die Freundin des deutschen Paares saß mit ihren beiden Kindern am Pool und ihr etwa 2 Jahre alte Sohn traktierte mit einem lautstarken Tobsuchtsanfall seine - sehr nervös wirkende - Mutter. Das Schwesterchen des Schreihalses - ein Mädchen in Renés Alter - versuchte mit einer Engelsgeduld den Kleinen zu beruhigen.
Im Restaurant traf Roswitha Freya und ihren Begleiter Eddy beim Frühstück. Sie setzte sich zu ihnen an den Tisch. Nach kurzem Small- Talk fragte Roswitha geradeheraus:
„Sagt mal Kinder - was ist los mit euch? Seid ihr etwa eueren Ehepartnern davongelaufen? Oder habt ihr ein anderes Problem?“
Die Beiden sahen sich kurz an. „Ist das so offensichtlich? Nein, unsere Ehepartner haben damit nichts zu tun. Aber wir haben tatsächlich ein großes Problem wie du richtig erkannt hast - Das heißt nicht wir, sondern unsere Freundin.
Ach Eddy - was soll's - erzählen wir ihr alles“.
Der Freund nickte zustimmend. „Also: Die Frau im Bungalow ist Irakerin. Ihr Mann
ist vor ungefähr
1½ Jahren vom Irak nach Deutschland geflüchtet, nachdem seine politische Meinung nicht mehr mit dem Regime Saddams übereinstimmte. Nach seiner Flucht kamen dann täglich Saddams Soldaten zu seiner Frau um sie nach dem Aufenthaltsort ihres Mannes zu befragen. Als sie anfingen, sie und die Kinder zu schlagen und ihre Verhaftung nur noch eine Frage der Zeit war, flüchtete die Frau mit ihrer Familie über die Berge hierher in die Türkei. In Antalya kam sie bei entfernten Verwandten ihres Mannes unter. Über ein Jahr wohnten sie dort. In diesen ganzen Monaten trauten sie sich nicht,
die Wohnung für auch nur eine Minute verlassen.
Darum schreit der Kleine auch so.
Vor 2 Wochen nun rief sie ihren Mann in Deutschland an und teilte ihm völlig verzweifelt mit, dass seine Verwandten sie und die Kinder nicht mehr länger verstecken konnten - oder wollten. Angeblich hatte dort die Polizei mehrmals nachgefragt, wer sich alles in dieser Wohnung aufhalten würde.
Und nun beginnt die eigentlichen Geschichte. Ihr in Deutschland lebender Mann - er wohnt in unserer unmittelbaren Nachbarschaft - erzählte uns völlig am Boden zerstört von dem Schicksal seiner Familie.
Der Iraker ist sehr verzweifelt und macht sich große Sorgen um seine Frau und seine Kinder. Schließlich kennen sie hier -
außer die in Antalya lebenden Leute - sonst niemanden .
Der Mann hatte selbst nicht den Mut - und auch nicht die Mittel, etwas zu unternehmen“ - „Ja - und was wollt ihr jetzt hier?
Ich habe keine Ahnung, wie man der Familie helfen könnte. Und die Politik verstehe ich schon gar nicht - weder die deutsche noch die türkische. Was passiert denn, wenn sich deine Freundin hier der Polizei stellt?
Vielleicht bekommt sie ja mit ihren Kindern eine Aufenthaltgenehmigung?“
„Mit Sicherheit nicht! Zuerst würde man die Frau verhören - und mit politischen Flüchtlingen sollen die Türken ja nicht gerade zimperlich verfahren - ja und dann würde sie in den Irak ausgewiesen werden.
Dort warten Folter und die sichere Hinrichtung auf sie. Sie will ja ohnehin kein Visum für die Türkei.
Die Familie hat ein deutsches Visum. Deshalb waren wir doch in Ankara beim Konsulat. Ich kann dir sagen - dass war vielleicht eine Fahrt in diesem Bus! Er hatte einen Unfall und wir mussten Stunden auf der Straße warten. Immer mit der Angst,
die Polizei würde die Papiere der Frau kontrollieren“. Sie bekam jetzt noch Gänsehaut wenn sie an diese Stunden dachte.
„Das heißt ja, ihr kanntet die Frau bis jetzt auch nicht!“
„Nein. Wir sind zu der angegebenen Adresse in Antalya gegangen und erst dort haben wir sie zum ersten Mal getroffen“ - „Und wo ist jetzt das Problem? Ich verstehe nicht ganz. Sie hat doch für Deutschland ein Visum“ - „Ja! Für Deutschland ist alles klar. Doch sie ist illegal in die Türkei eingereist und hat über ein Jahr illegal hier gelebt. Wir wissen jetzt nicht, wie das mit der Ausreise abläuft. Nach dem Frühstück werden wir heute in Antalya versuchen, Tickets für die Frau und die Kinder zu bekommen.
In Deutschland haben das Rote Kreuz und die Kirche Geld gespendet, um die Frau mit ihren Kindern hier heraus und nach Deutschland zu bringen. Es hat sich jedoch dort niemand gefunden, der bereit gewesen wäre hierher zu fliegen und die Familie abzuholen. Da haben wir - Eddy und ich - uns zur Verfügung gestellt.
Ich habe zwar keine Ahnung, ob und wie wir es schaffen - doch es geht um 3 Menschenleben.
Wir müssen es einfach versuchen“.
„O Gott!“, stöhnte Roswitha. „In was bin ich da wieder hineingeraten. Hört zu:
Der Bruder meines Kochs arbeitet am Flughafen. Mit seiner Hilfe werde ich versuchen, euere Tickets zu bekommen.
Ihr wartet so lange hier und rührt euch nicht vom
"Kaptans" weg“.
Roswitha erklärte Ibo in groben Zügen den Fall der Irakerin. Er war
sofort bereit zu helfen und rief seinen Bruder an.
Zufällig hatte der seinen freien Tag und kam etwa eine Stunde später zum Campingplatz
„OK, besorg ihre Pässe und dann
versuchen wir es“.
Zu dritt fuhren sie los. „Kann ich die Pässe einmal sehen?“ fragte Ibrahims Bruder während der
Fahrt. „Meine Freundin sitzt heute am Schalter. Von ihr werden wir die Tickets
sicher bekommen“. Als er sich dann die Pässe eingehend ansah, war sein anfänglicher
Optimismus wie weggeblasen. „Damit können wir nichts anfangen!
Sobald wir die vorzeigen, werden wir alle auf der Stelle verhaftet. Wenn du,
Roswitha als Deutsche keinen Einreisestempel hast,
bekommst du schlimmstenfalls eine Geldstrafe. Dies gilt aber nicht für Iraker.
Für sie sind die Bestimmungen ganz andere. Sie werden hier sofort als Terroristen
eingestuft“.
Sie notierten sich die 3 Namen auf einem Blatt Papier und versteckten die Pässe.
Das Mädchen am Schalter der Fluggesellschaft meinte bedauernd "Ohne Pässe darf ich leider keine Tickets ausstellen".
Ibo‘s Bruder sprach eindringlich noch einmal mit der Freundin worauf sie mit ihrem Vorgesetzten telefonierte.
"Ihr könnt die Flugscheine in 10 Minuten hier abholen" sagte sie anschließend.
"Na, wer sagt's denn?" Roswitha war
erleichtert.
Doch schon 5 Minuten später kam ein Anruf: "Die
Tickets können doch nur nach Überprüfung der Pässe herausgegeben werden".
Enttäuscht fuhren sie zurück zum "Kaptans"
„Freya ... so kann das sowieso nicht klappen!" sagte Roswitha. "Selbst wenn
wir die Tickets bekommen hätten,
müsste die Familie am Flughafen durch die Polizei-Kontrolle. Spätestens da bekämen sie massive Probleme.
Das Beste ist, du rufst noch einmal den deutschen Konsul in Ankara an und fragst ihn, was wir hier für diese Frau tun können“.
„Bei ihm waren wir doch schon. Ich glaube nicht, dass er uns helfen kann - oder will“.
„Dann gib mir seine Telefonnummer“.
Deprimiert suchte sie die Nummer aus ihrer Handtasche. „Ehrlich gesagt habe ich in Deutschland nicht großartig darüber nachgedacht, auf was ich mich da einlasse. Doch mit solchen Schwierigkeiten habe ich niemals gerechnet.
Das Nächste Problem ist, dass ich für die ganze Aktion nur eine Woche Zeit habe.
Mehr Urlaub bekam ich nicht von meinem Chef“.
Roswitha rief den Konsul in Ankara an. Das Gespräch war von kurzer Dauer. "Ich habe mich um das Deutschland-Visum der Familie gekümmert". Damit hätte er seine Pflicht als Diplomat in dieser Angelegenheit erfüllt.
Wie die Frau aus der Türkei herauskam wäre nun ihr Problem - nicht dass eines deutschen Konsuls.
"Was würde denn mit der Frau geschehen wenn sie von der türkischen Polizei verhaftet würde?" fragte Roswitha.
„In der Türkei passiert ihr nichts - oder zumindest nicht viel.
Doch sie wird mit Sicherheit in den Irak abgeschoben werden. Das wäre dann ihr sicheres Todesurteil.
Es tut mir leid, aber bedauerlicher Weise kann ich in diesem Fall nicht mehr tun“.
„Genauso habe ich ihn eingeschätzt“, meinte Freya niedergeschlagen als Roswitha den Hörer aufgelegt hatte. Natürlich war ein deutscher Konsul nicht für solche Dinge zuständig, dass war Roswitha schon klar.
Aber er hatte bestimmt eine Möglichkeit - wenigstens mit einem guten Rat - zu helfen.
Es war nicht ungefährlich die Frau auf dem Campingplatz zu verstecken. Besonders jetzt, nachdem sie versucht hatten,
Tickets für sie zu bekommen. Außerdem - es wohnte Selçuk am "Kaptans".
Er arbeitete als verdeckter Ermittler bei der "M I T", der berüchtigten türkische Geheimpolizei.
Da die Frau und die Kinder kein türkisch sprachen hatte Roswitha ihm erzählt, es handle sich um eine deutsche Familie.
Aber es war
nur eine Frage der Zeit, bis er die Wahrheit heraus bekommen würde.
„Freya, ihr habt nur eine Möglichkeit mit dieser Frau nach Deutschland zu
auszureisen:
Legal und mit offizieller Hilfe!
Dafür müsst ihr mit ihr und den Kindern noch einmal nach Ankara" sagte Roswitha nach dem sie einige Minuten nachgedacht hatte. " Was sollen wir denn in Ankara? Da waren wir doch schon und wurden wieder weg geschickt. Du hast doch selbst mit dem Mann gesprochen - er will doch gar nicht helfen" - "Das kommt erst noch auf. So einfach machen wir es ihm dann doch nicht. Wie gesagt: Ihr geht in Ankara noch einmal schnurstracks und so rasch wie möglich zum deutschen Konsulat.
Da für die Frau und ihre Kinder bereits ein deutsches Visum ausgestellt wurde ist sie dort, aber auch nur dort,
vor der türkischen Polizei sicher.
Wenn euch dieser Diplomat nicht empfangen will - was zu erwarten ist - dann setzt ihr euch direkt vor sein Büro- wenn es sein muss, auf den Boden. Und ihr bleibt so lange da, bis diesem Mann eine Lösung einfällt! Er wird sich mit Sicherheit schnell etwas ausdenken, denn das Gebrülle des Kleinen wird ihn den Amtsschimmel schnell vergessen lassen -
Da gehe ich jede Wette mit euch ein!
Außerdem seid ihr - du und Eddy - in der Botschaft ebenfalls in Sicherheit. Außerhalb des Konsulats läuft ihr Gefahr,
verhaftet zu werden
solltet ihr mit der Frau zusammen erwischt werden".
Unsicher sah Freya erst ihren Freund Eddy an, dann Roswitha. „Du hast Recht. So
könnte es klappen!
Gleich morgen früh fahren wir los“, sagte sie
- wieder voller Zuversicht.
2 Tage später erhielt Roswitha von Freya einen Anruf
“Wir haben es exakt so gemacht, wie du es uns geraten hast. In wenigen Minuten besteigen wir nun ein Flugzeug nach Deutschland. Mit der Frau und ihren Kindern! Vom Konsulat aus wurden wir direkt mit einer Polizeieskorte zum Flughafen und durch die Kontrollen gebracht. Nicht einmal Strafe mussten wir bezahlen. Ich kann es noch immer nicht glauben.
Wir haben es geschafft! Roswitha wir haben es tatsächlich
geschafft!“ jubelte sie.
„Ich möchte dir noch einmal ganz herzlich für deine Hilfe danken. Ohne dich
wären wir bestimmt alle im Gefängnis gelandet.
Ich weiß nicht, wer dieser Mann am Flughafen in Antalya war - Er kann nur ein Engel gewesen sein.
Denn er war es, der uns zu dir geschickt hat.
Ali war immer noch damit beschäftigt, Ibrahim rauszuekeln. Wann immer es ihm
einfiel schrie er mit dem armen Mann herum, kritisierte und ...nannte ihn immer
häufiger einen Dieb.
Auch Roswitha und Ali stritten sich tagtäglich. In immer kürzer werdenden
Abständen wurde er mitsamt
seinen Sachen von ihr vor die Tür gesetzt. Er schlich dann wie ein geprügelter
Hund nächtelang um ihren Wohnwagen und schlief in einem Liegestuhl vor dem
Caravan - Oder einfach sitzend irgendwo auf einem Stuhl. Nach ein paar Tagen
bekam sie dann Mitleid -
und sie ließ ihn wieder in ihr Bett.
Doch jedes Mal mit größerer Abneigung. Was war nur aus ihrer großen Liebe geworden?
Auch jetzt war es wieder mal so weit:
Sie hatte ihn nach einem fürchterlichen Streit hinaus geworfen. Schon über 2
Wochen schlief Ali irgendwo im Freien.
Er war nächtelang nicht
nachhause gekommen und wenn er dann kam war er unausstehlich - weil er viel Geld
beim Spielen verloren hatte.
Auch an diesem Tag kam Ali erst am Morgen aus Antalya und brüllte nun fürchterlich im Restaurant herum. Spätestens wenn die Sonne aufging und die Schrotthändler ihre Pforten öffneten, tat ihm das verlorene Geld in der Seele weh und
er musste Dampf ablassen.
Als Roswitha ins Restaurant kam saß Ali mit der Einkaufsliste in seiner Hand an der Kasse.
„Tamer, wie viel Kilo Yoghurt hat Ibrahim heute mitgebracht?“. „Ich weiß es nicht genau. 4 vermutlich. Keine Ahnung“ -
„Und auf der Abrechnung stehen 6 Kilo! Ibrahim das heißt doch 6 Kilo oder
nicht?“
„Ali Bey" schrie
Ibrahim
bis aufs äußerste
gereizt "Jetzt ist es genug!" Er schlug mit der Faust in die Scheibe
der Mezevitrine,
die mit einem lauten Knall zersprang. "Ich bin kein Dieb! Und ich habe es nicht nötig, 2 Kilo Yoghurt von dir zu stehlen.
Ich kündige! Tamer ist erst vor ein paar Minuten gekommen. Er kann gar nicht wissen, was von mir in die Küche geliefert wurde“.
„Aber hier stehen 6kg auf der Rechnung und im Kühlschrank sind nur 4 Kilo. Ich habe das selbst kontrolliert“ Ali hatte seine Stimme gedämpft und fürchtete, gleich eine Ohrfeige zu bekommen. „Ja, das ist richtig" antwortete Ibo etwas ruhiger
"Du hast dich nicht
verzählt. Hättest du mich gefragt, hätte ich das ganz schnell aufklären können:
2 Kilo von diesem Yoghurt wurden von mir für die Vorspeisen verwendet. Ich
bin in deiner Küche nämlich schon lange am arbeiten“.
„Welche Vorspeisen hast du...“. „Ali! Es reicht jetzt“, schrie Roswitha ihn an. „Du wirst dich sofort bei Ibrahim entschuldigen“ - „Einen Dreck werde ich. Er hat meine schöne Vitrine kaputt gemacht.
Die wird er mir natürlich bezahlen“, in seinem Kopf hatte er schon eine horrende Summe, die er von Ibo kassieren wollte.
Exakt den Betrag, den er in Antalya vergangene Nacht an seine Freunde verloren hatte.
„Ibrahim es tut mir sehr leid. Bitte nimm deine Kündigung wieder zurück“, bat Roswitha
den Koch. „Roswitha du weißt, wie gerne ich für dich arbeite. Doch
das dieser verrückte Mann mich nun schon seit Wochen als einen Dieb bezeichnet -
dass kann ich nicht
länger tolerieren.
Nein! Tut mir leid aber ich gehe! Ich werde ein paar Tage brauchen bis
ich eine eine Wohnung
für
meine Familie gefunden habe“.
Roswitha konnte den Freund gut verstehen, auch wenn sie über seine Kündigung
sehr traurig war.
„Wenn Ibrahim geht, dann habe ich auch keine Lust mehr hier weiter zuarbeiten Ali. Du kannst dein Restaurant in Zukunft alleine führen. Ich kümmere mich nur noch um meinen Campingplatz. Wie du weißt, läuft dieser Vertrag alleine auf mich.
Und genau an diese Vereinbarung werde ich mich in Zukunft halten“.
„Du weißt genau, dass ich den Vertrag nur wegen meiner Familie auf dich geschrieben habe.
So war das nicht ausgemacht“, schrie er.
„Tut mir leid! Es war so vieles ganz anders vereinbart als es dann umgesetzt
worden ist.
Wenn Ibrahim geht, gehört der Camping alleine mir. So wie es in meinem
Vertrag steht“.
Nach diesem Gespräch holte sie die Kassenbücher des Restaurants und übergab sie
Ali. Ratlos saß er davor.
„Viel Erfolg“ wünschte sie ihm und zum ersten Mal hatte sie echte
Hassgefühle.
Ein paar Tage später zog Ibrahim mit seiner Familie in die Stadt. Er ließ sich
auch von Ali nicht umstimmen, der sich dann doch halbherzig bei ihm
entschuldigte und fragte ob er sich das Ganze nicht noch einmal überlegen wolle.
Doch im Grunde seines Herzens war er froh, Ibo los zu sein.
Im Gegensatz zu Roswitha. Sie war sehr traurig als Ibo ging. Das Restaurant war so gut gelaufen mit ihm ...
Und auch sonst war er ein guter Freund. Natürlich würde sie an seiner Stelle jemanden anderen einstellen können. -.
Doch sie hatte keine Lust mehr, den Kampf wieder von vorne beginnen zu müssen. War ja doch alles sinnlos.
Ali und Tamer - die allem Anschein nach kein Geld verdienen wollten - würden
immer wieder zum alten Trott zurückkehren.
Aber Roswitha wollte welches verdienen. Wie sollte sie nach Deutschland
zurückkehren?
Es war noch sehr früh als Ali ein paar Tage später an Roswithas Caravan
klopfte. „Bitte komm raus.
Ich muss mit dir sprechen“. Sie hatte die ganze Nacht eh nicht schlafen können und stand sofort auf um zu hören,
was Ali ihr so Wichtiges am frühen Morgen
mitzuteilen hatte.
Sie setzte sich zu ihm an den Tisch. „Was verschafft mir die unerwartete Ehre
mein Prinz?“ - „Mir ist heute Nacht etwas ganz Seltsames passiert“, antwortete er
und sie merkte ihm an, dass er tatsächlich ganz durcheinander war. „Hast du ausnahmsweise beim Kartenspiel gewonnen
mein edler Ritter?“
- „Nein.
Ich war nicht in Antalya. Hör mir bitte nur 5 Minuten zu.
Ich schlief gestern Abend im Restaurant ein.
Die Sonne war noch nicht aufgegangen als ich von ... ich kann dir nicht sagen was es war, dass mich aufweckte - aber es war etwas ganz Seltsames.
Benommen blickte ich mich um und sah dort, wo sich unsere Tanzfläche befindet ..." er stockte
"... ich sah dort 3 Männer mit langen, weißen Bärten auf schneeweißen Pferden sitzen und die haben mich durch ihr ihre bloße Erscheinung zu Tode erschreckt.
Sie sind dort einfach so - aus dem Nichts - aufgetaucht".
Roswitha hörte ihm sprachlos zu. Was wollte er denn mit diesem Märchen
bezwecken? Er glaubte nicht an
übersinnliche Geschichten, dass wusste sie.
„Ja und was passierte weiter?“ fragte sie ihn gespannt auf die Pointe.
„Der Bärtige in der Mitte sah mich mit einem Blich an, von dem ich jetzt noch
Gänsehaut bekomme.
Er schrie mich an: „Du Elender - warum behandelst du Roswitha so schlecht? Merke
dir:
Sie steht unter meinem besonderen Schutz. Wenn du dich
nicht heute noch besinnst, werde ich dich erbarmungslos bestrafen!“.
Dann ... zog er seinen Säbel und zeigte damit auf eine Stelle im Boden ... und dort
sah ich plötzlich ein Mann - glaub mir, der war bis dahin nicht dort gewesen -
der bis zum Hals
in die Erde eingegraben worden war.
Er schrie fürchterlich vor Schmerzen" Ali stand unter Schock und musste immer wieder kurze Pausen einlegen um sein Erlebnis in Worte fassen zu können.
"Nur sein Kopf mit dem entsetzlich entstellten Gesicht schaute heraus" erzählte er nach einer kurzen Pause weiter
„So wie dieser Sünder ... so wirst auch du von mir erbarmungslos gerichtet werden“, sagte der Bärtige drohend zu mir.
Dann war alles plötzlich wieder wie ein Spuk verschwunden. Roswitha du kannst mir glauben, ich habe
das nicht geträumt.
„Tja - du musst du dich halt jetzt ändern“ Was sollte sie dazu sagen? Das konnte
ja nur ein Alptraum gewesen sein.
Oder hatte ihn etwa sein Gewissen geplagt?
„Roswitha, bitte lach nicht darüber! Dass ist kein Scherz! Zuerst dachte ich ja auch, es könne nur ein
schlechter Traum
gewesen und wollte weiterschlafen doch dann kam mein Freund, der so schnell
gerannt war, dass er fast einen Infarkt bekommen hätte.
Er war fürchterlich aufgeregt und - frisch geduscht“.
„Ja, das ist allerdings ungewöhnlich. Was ist ihm denn widerfahren?“
„Er hatte die gleiche Erscheinung wie ich. Stell dir vor, er sah genau die
Männer, die auch ich wenige Minuten vorher gesehen hatte. Seine Beschreibung von
der Erscheinung die er hatte war mit meiner genau identisch. Zu ihm sagte der Bärtige
"Erhebe dich sofort von deinem Lager. Wasche dich! Und dann wirst du beten" Mein Freund sprang aus seinem Bett und ist zur Dusche gerannt. Dann betete er - nach vielen Jahren das erste Mal.
Als er damit fertig war hat er mich gesucht.
Ich habe natürlich mit keinem Wort erwähnt, dass ich diese Männer auch gesehen
hatte. Doch ich schwöre dir:
Es war kein Traum! Roswitha - Verzeih mir was ich getan habe! In Zukunft werde ich dir nie, nie wieder schaden.
Du hast mein Wort".
Er meinte das in dem Moment wirklich und wahrhaftig ernst. Roswitha, die eigentlich nicht auf den Mund gefallen war,
hatte es die Sprache verschlagen. Ali so reumütig zu sehen, dass war etwas ganz Neues.
"Warum stehst du unter seinem Schutz? sinnierte er vor sich hin "Du bist eine außergewöhnliche Frau Roswitha.
Weißt du das eigentlich?“ meinte er sehr nachdenklich.
Ein paar Tage benahm sich Ali wirklich sehr anständig. Dann machte er wieder weiter
wie gehabt. Der Bärtige hätte ihm wahrscheinlich jede Woche erscheinen müssen.
Da er aber nicht wieder kam, vergaß Ali ihn sehr schnell.
Sein Freund verließ den Camping -
aus Angst,
der Bärtige könnte ihm dort noch einmal begegnen -
noch am selben Tag.
Pascha der Pianist, wurde zum
Militär eingezogen. Dank Metin Bey dem Admiral, der für ihn seine Beziehungen spielen ließ, hatte er eine angenehme Zeit dort. Da er studiert hatte, wurde er anstatt
der 18
Monate nur 8 Monate eingezogen.
In dieser Zeit sprang sein Vater beim „Kaptans“ ein. Er war Musiklehrer und
spielte seine Musik perfekt.
Doch er hatte nicht Paschas Einfühlungsvermögen und
von modernem „Türkpop“ kannte er nur wenige Songs.
Roswitha kümmerte sich nicht mehr um das Restaurant und nicht mehr um die Kasse.
Sie setzte Ali davon in Kenntnis,
dass von ihr noch ein paar Tausend Mark in der
Kasse waren und sie dieses Geld nun herausziehen würde.
Er schrie wie ein Wahnsinniger, doch Roswitha konnte viel lauter brüllen als
er. Und wenn sie damit loslegte ...
dann flüchtete Ali so schnell er konnte.
Da jetzt wieder Tamer kochte und Ali für das Restaurant einkaufte, waren die
Unkosten der Küche weitaus höher als der Gewinn den sie abwarf. Die Gäste hatten
schnell bemerkt, dass das Essen nicht mehr schmeckte und gingen woanders zum
Essen.
Alles war wieder wie früher. Roswitha die dachte, sie wäre endlich auf dem Weg
nach vorn, befand sich nun wieder am Start. Wie beim Monopoly-Spiel. Nur dass sie hier
leider keine 4000 Mark einziehen durfte.
Das Personal wurde immer unzufriedener. Von Ali bekamen sie, wenn überhaupt ihr
Geld nur sehr unregelmäßig.
Da das Geschäft immer schlechter wurde, verdienten die Kellner nicht annähernd die Hälfte von dem, was sie vorher hatten. Immer häufiger kamen sie zu Roswitha um sie zu überreden, doch wieder das Lokal zu übernehmen.
Aber Roswitha ließ sich - auch wenn ihr
die Kellner leid taten - nicht erweichen.
Sie fragte sich immer öfter, warum sie eigentlich nicht nach einfach ihre sieben
Sachen zusammen packte und
nach Deutschland
zurückging.
Für den Anfang würde ihr Geld in Deutschland reichen.
Aber dann? Sie hatte keine Idee, was sie in der Heimat anfangen sollte.
Also blieb sie wo sie war. „Kommt Zeit, kommt Rat“, dachte sie.
Und wenn sie René ansah, wie glücklich er in Antalya war...
Sie freuten sich schon beide auf die Zeit, in der sie mit ihrem Boot wieder aufs Meer
raus fahren konnten-
Dann, eines Tages kam Ali mit den Kassenbüchern und warf sie knallend vor sie
auf den Tisch.
„Wenn du nicht wieder übernimmst, dann sind wir in den nächsten
Tagen Bankrott“, sagte er.
„Ich werde von allen beschissen und außerdem - dass weißt du genau - habe ich
keine Ahnung von diesem Geschäft“
Wenn er das selbst zugab, musste es wirklich ernst um das Geschäft stehen.
„Und warum mischt du dich dann immer wieder ein? Es lief doch alles bestens.
Warum hast du Ibrahim raus geekelt?“
„Ich habe ihn nicht entlassen. Er ist doch von selbst gegangen“ - „Ja, nachdem du ihn
wochenlang als Dieb beschuldigt hattest“ das wollte er jetzt nicht hören. „Übernimm das Geschäft wieder oder es
geht alles den Bach runter. Du liebst doch das Lokal. Wenn du dort arbeitest
dann läuft es auch. Wenn du heute nicht anfängst, legt das gesamte Personal die Arbeit nieder.
Was soll ich dann machen?“ er war den Tränen nahe. „Neues einstellen, mein Schatz!!!
Du warst doch immer schon der Meinung, unsere Jungs wären stinkfaul. Du wolltest
doch alles viel besser machen. Also...
Dann mach mal!“
„Roswitha, lass das jetzt gut sein. Ich komme nicht mehr weiter. Allein die
Abrechnung .... ich habe keine Ahnung davon.
Ich will das auch nicht machen!" Sie weigerte sich und als das Thema wieder auf das Picknick kam, meinte er:
"Übernimm wieder oder
lass es. Aber dann verlieren wir in Kürze alles. Fang
wieder zu arbeiten an. Bitte!“
Als er gegangen war, sah Roswitha sich die Kassenbücher an. Er hatte sie in den
ganzen Wochen nicht einmal angesehen.
War Geld in der Kasse, nahm er es und kaufte seinen geliebten Schrott damit.
War keines da, schrie er mir Ferhat. Das war seine Art von Buchführung.
Schecks waren geplatzt, weil vergessen worden war sie fristgerecht zu bezahlen.
Widerwillig begann sie dann doch wieder mit ihrer Arbeit.
Das Restaurant stand
tatsächlich kurz vor dem Ruin.
Sie übernahm das Lokal zwar wieder, doch lange nicht mehr mit dem Ehrgeiz und
der Begeisterung wie früher.
Auch das Personal war durch das ständige hin und her
mürbe geworden.
Ferhat kam nur noch zur Arbeit, wann er Lust dazu hatte. Roswitha hatte ihn
mehrfach verwarnt doch genützt hatte es nichts. Für ihn gab es nur noch seine
Bauchtänzerin. Dass er sich einmal so verlieben würde, hätte Roswitha nie von
ihm gedacht.
Sie sah eigentlich immer nur den Luftikus in ihm. Sehr schnell entflammt, doch
genauso schnell wieder gelöscht.
Diesmal jedoch hatte es ihn wirklich erwischt. Leider ertränkte er seine
Eifersucht und seinen Liebeskummer immer häufiger und immer gründlicher in Alkohol.
Davut rief aus Mersin an. Er war inzwischen dort als Gendarm stationiert.
„Und? Wie ist es denn so als Soldat“, fragte Roswitha neugierig. „Nicht ganz
so schlimm wie ich es mir vorgestellt hatte.
Doch schön ist es nicht. Ich habe aber Glück mit meinem Kommandanten.
Er ist ein netter Mensch und als sein Chauffeur geht es mir soweit ganz gut. Ich bin zwar offiziell Gendarm aber inoffiziell zur Terroristenbekämpfung eingeteilt. Inkognito!“ - „Was wurde denn aus deiner Bauchtänzerin?“ - „Ich habe keine Ahnung.
Schon ein paar Wochen bevor ich zum Militär kam, habe ich mich von ihr getrennt und ging nach Ankara zurück.
Seitdem habe ich nichts mehr von ihr gehört“.
Er sprach noch mit René und versprach ihm, sobald er seinen ersten Urlaub bekam,
nach Antalya zu kommen um ihn zu besuchen.
Faruk - der Kellner - war ans Schwarzmeer in seine Heimat gefahren. Roswitha vermisste ihn
richtig, denn er arbeitete sehr zuverlässig. Als er endlich nach 2 Wochen
zurückkam, war sie froh ihn wieder an ihrer Seite zu haben.
Manchmal wurde Roswitha richtig melancholisch und bedauerte, dass sich die
Türkei so rasend schnell veränderte.
Nichts und niemand war mehr so, wie zu der Zeit, in der sie das
erste Mal in dieses herrliche Land gekommen war.
Mit einer Ausnahme: Ali. Er hatte sich kein bisschen geändert und er würde sich
auch niemals ändern.
Faruk war gerade wieder einen Tag zurück, als er mit Ali und Roswitha zusammen sprechen wollte.
„Ich hoffe nur, dass er nicht kündigen will“, sagte Roswitha zu
Ali.
Ihre Sorge war unbegründet. Faruk wollte etwas ganz anderes: „In meinem Dorf
habe ich einen Freund.
Der hat unter seinem uralten Haus einen Schatz gefunden
den er nun verkaufen will“.
Erst einmal verschlug es Roswitha die Sprache. Was war das jetzt für ein verrücktes
Märchen? „Ich dachte mir, weil Ali Bey früher auf seinem Schiff viel
geschmuggelt hatte, wärt ihr vielleicht daran interessiert.
Mein Freund meinte, wenn ihr wollt, könnt ihr euch das Zeug jederzeit ansehen“.
Ali redete von großem Risiko und ...und ...und
Ab einem bestimmten Zeitpunkt hörte
Roswitha nicht mehr richtig zu. Siedensheiß waren ihr plötzlich ihre Wahrsager
eingefallen.
Was hatten die ihr jahrelang prophezeit? Viel Geld!!!
Von einer Stelle, an die sie nicht einmal im Traum denken würde? Dass war es
doch!!!
Ganz klar! Das war ihr Schatz! Vom Schicksal vorherbestimmt und ihre große
Chance. „...und wie könnten Roswitha und ich das Geschäft sich selbst überlassen? Das
geht auf keinen Fall“ sagte Ali
gerade zu Faruk.
„Wir werden einen Weg finden“, mischte sich nun Roswitha wieder in das Gespräch ein.
„Ruf deinen Freund an und frage ihn, wann wir die Sachen sehen können“.
Ali sah sie erstaunt an. Er wusste, dass Roswitha eigentlich nie etwas machte,
was außerhalb der türkischen Gesetze war.
Sie hatte auch tatsächlich - nicht einmal im Traum - an so etwas gedacht. Doch sie
hatte auch einsehen müssen, dass sie am „Kaptans“ auf keinen grünen Zweig kam.
Dennoch - im Normalfall hätte sie über das Angebot nur herzlich gelacht, wenn...
Ja wenn da nicht ihre zahlreichen Wahrsager gewesen wären.
Alle - und das jahrelang, hatten ihr das Gleiche vorhergesagt. Da brauchte man doch nicht überlegen!
Da
musste man einfach zugreifen.
Faruk sprach mit seinem Freund der meinte, sie könnten sofort kommen um die
Schätze zu begutachten.
„Ali besorge zwei Flugtickets. Wir fliegen ans Schwarze Meer. Memleketin Ali... Heimat“.
Ali bekam nur zwei Hinflüge.
Die Flugzeuge waren mit Soldaten ausgebucht die
in Samsun
zu einem Manöver mussten.
„Die Rückflüge buchen wir dann eben von dort“.
Emine blieb bei René in Antalya um auf ihn aufzupassen.
Roswitha - die sich seit einiger Zeit große Sorgen um ihre Zukunft gemacht hatte
-
war jetzt wieder ein lachender,
glücklicher Mensch.
Das Leben war doch wunderbar. Noch vor zwei Tagen befand sie sich in einer
nahezu aussichtslosen Situation und jetzt war sie auf dem Wege, stinkreich und glücklich zu
werden. Endlich würde sie nun doch noch einen Erfolg verbuchen können.
Das sich damals schon klammheimlich eine schwere Depression bei ihr eingeschlichen hatte die ihre Sinne vernebelte -
dass wäre das Letzte gewesen woran sie in diesen Tagen gedacht hätte.
Faruk fuhr mit dem Bus voraus, um mit dem Schatzgräber alles klar zu machen.
Von ihm wurden sie am Flughafen in Samsun zusammen mit einem Freund in einem Taxi
abgeholt. Sie fuhren durch eine Landschaft wie im Märchen. Die Berge hatten die
unterschiedlichsten Farben. Vorbei an einem wunderschönen, glasklaren See.
Unverbaute Natur pur. Kein Hotel, kein Haus behinderte die Sicht. Dort schien es
sich noch nicht herumgesprochen zu haben, das Seegrundstücke sehr begehrt sind.
Faruk brachte sie nach Artvin, einer sehr bergigen Stadt. Das Treffen mit dem
"goldigen" Freund war für den nächsten Tag vereinbart.
Sie gingen am Abend noch ein wenig in dem Städtchen spazieren.
Die Türkinnen dort waren fast ausnahmslos schwarz verschleiert.
"Was sind das da für Mädchen? Die da drüben herumstehen als wären sie
Touristen?" Ihr waren ein paar junge Frauen aufgefallen, die in diese ländliche
Idylle mit den schwarzen Mumien überhaupt nicht passen wollten. Ihre Kleidung
war mehr als freizügig. „Das sind
Nataschas. Mädchen und Frauen aus Russland die hier ihr Geld als käufliche Damen
verdienen.
Zur russische Grenze sind es nur wenige Kilometer“
erklärte Faruk der sich in der Nataschszene gut auszukennen schien.
Das Hotel in dem Ali und Roswitha wohnten war ziemlich ausgebucht. „Ich sehe
hier überhaupt keine Touristen.
Wieso ist das Hotel trotzdem so voll?“ fragte Roswitha darüber erstaunt. „Es gibt hier im Sommer sehr viele Fremde.
Doch die Gäste jetzt, sind
türkische Männer und ihre Nataschas“.
"Aha - wir residieren also in einem Stundenhotel" meinte Roswitha trocken.
„Alle Bars, Hotels und Restaurants verdienen hier an den Russinnen. Es gibt aber
auch eine Schattenseite:
Viele türkische Familien sind durch diese Mädchen in die Brüche gegangen. Die Männer hier wussten bis vor ein paar Jahren nicht, dass es solche Mädchen überhaupt gibt. Viele haben sich in eine Natascha verliebt und Frau mit Kindern verlassen.
Nicht wenige haben mit den Mädchen ihr gesamtes Vermögen verprasst. Du darfst nicht vergessen,
hier leben überwiegend ganz
einfache Leute. Viehzüchter und Bauern“.
Am nächsten Morgen ging die Fahrt - über 3 Stunden durch Berge und Täler - zum Goldschatz los.
Ihr Ziel war ein sehr abgelegenes Dorf in dem sich die Menschen noch auf Eseln fortbewegten und das Auto eine kleine Sensation war. Faruk parkte den Wagen vor einem winzigen Häuschen. Ein hagerer Mann begrüßte sie und bat sie ins Haus. Dann führte er sie in ein karg eingerichtetes Zimmer das nur mit einem Bett und 2 Stühlen ausgestattet war.
Ali
schmiss sich sofort auf dieses Bett und machte es sich dort bequem.
Roswitha und Faruk nahmen auf den Stühle Platz. „Das ist nur mein Sommerhaus“
entschuldigte sich der Mann für die spartanische Einrichtung.
„Ich bin Lehrer und arbeite in der Stadt. Dort habe ich ein großes Haus, indem auch meine Familie lebt.
"Was darf ich ihnen anbieten? Tee,
Kaffee oder vielleicht etwas kaltes?“
„Wo sind denn jetzt die Sachen? Zeig mir das Gold“ brummte Ali unhöflich in
seinen 3-tage Bart.
Der Mann sah ihn befremdet an. „Wie bitte?“ - „Das Gold! Dein Schatz! Bring ihn
endlich her“.
Roswitha rutschte nervös auf ihrem Stuhl hin und her.
Ali war Türke und musste eigentlich wissen, dass man nicht so mit der Tür ins
Haus fiel. Es wurden immer zuerst Höflichkeiten ausgetauscht. Niemand kam in der
Türkei sofort zum Thema. Nicht ohne vorher wenigstens einen Tee zu trinken. Der
Mann ging hinaus. „Der hat doch überhaupt kein Gold“, sagte Ali zu Faruk. „Ali
Bey du kannst es mir glauben. Er hat es!
Vor zwei Tagen habe ich es mit meinen eigenen Augen gesehen. Mir
und meinem Freund hat er es gezeigt. Ganze Berge hat er davon“.
Der Hausherr kam mit einem Tablett wieder. Er servierte Tee. Roswitha fing mit
ihm ein Gespräch an.
Deutschland interessierte ihn sehr. Er hatte einen Sohn,
den er am liebsten in Deutschland studieren lassen wollte.
Ali schlürfte geräuschvoll seinen Tee auf dem Bett. Nach einiger Zeit
platzte er wieder in das Gespräch.
„Also Freund... Jetzt bring das Zeug schon
her. Ich will nicht die ganze Woche in diesem Kaff vertrödeln“.
Nachdenklich sah der Mann ihn an und erhob sich dann. Mit ein paar
Kupfertabletts und 5 winzigen Messingmünzen kam er wieder zurück. Entzückt starrte Ali
die alten Tabletts an.
„Die ganz Gleichen habe ich auch in Antalya“, meinte Ali fast gerührt. Er
stimmte, der gesamte Camping war übervoll mit diesem Tand. „Seit wann ist dieses
Zeug denn so gesucht?“
Faruk sprang vom Stuhl auf „Was soll das Onkel? Die Beiden sind extra aus
Antalya angereist um mit dir ins Geschäft zu kommen. Warum zeigst du ihnen jetzt
solch einen Mist?“ - „Was wollen sie denn sehen? Ich verstehe nicht,
was Herr Ali von mir zu sehen wünscht“. „Zeige ihnen dass, was du mir gezeigt hast“.
„Ich weiß nicht von was du sprichst. Was soll ich dir denn gezeigt haben?“
Als Faruk sich erregt auf den Mann stürzen wollte hielt ihn Roswitha zurück.
„Wenn der Herr sagt, er hat nichts anderes, dann hat er eben nichts“. Ihr war
klar, dass er niemals an Ali verkaufen würde.
Es war sinnlos, weiterzureden oder gar den Onkel zu verprügeln. Der Mann hatte einfach Angst, durch Ali aufzufliegen.
„Aber er hat es mir doch selbst
gezeigt. Frag meinen Freund. Der hat es auch gesehen“, schrie Faruk der
leichenblass geworden war. „Er
sagt aber, dass du dich getäuscht hast. Komm, lass uns gehen“.
Am Auto entschuldigte sich der Mann bei Roswitha, dass sie den weiten Weg wegen
eines Missverständnis gemacht hatte.
„Mit ihnen hätte ich gerne Geschäfte
gemacht, aber...“ sagte er und blickte dabei viel sagend auf Ali.
Sie fuhren zurück nach Artvin. „Ich habe das Zeug gesehen! Warum er jetzt mit wertlosem Blech gekommen ist, verstehe ich nicht“. Roswitha sagte nichts. Der Schatz war der ihre - egal was der Mann ihnen gezeigt hatte!
Sie war sich da völlig sicher. So viele Wahrsager konnten sich einfach nicht irren.
Anderntags wollten sie zurück nach Antalya fliegen. Doch es gab nicht einen
einzigen freien Platz im Flugzeug.
Sie mussten mit Faruk zusammen 24 Stunden im Bus den Heimweg antreten.
In Antalya kam Faruk ein paar Tage später zu Roswitha und erzählte, der Mann
hätte ihn angerufen und gesagt, mit Ali würde er so ein gefährliches Geschäft
unter keinen Umständen durchziehen. „Er hat Angst aufzufliegen.
Solche illegalen Antiquitäten-Geschäfte sind sehr gefährlich. Leute die man
erwischt kommen dafür jahrelang ins Gefängnis.
Mit Menschen wie Ali wäre das vorprogrammiert.
Doch an dich würde er verkaufen. Nur - du sollst jetzt ein bisschen abwarten, damit Ali davon nichts mitbekommt“.
„Wie lange soll das sein?“ „Bis
Februar. Da sind Schulferien und da hätte er Zeit, sich um diese Dinge zu
kümmern“. „OK“.
Es war wieder Kriegsluft im Irak. Clinton und Saddam konnten sich offensichtlich
nicht
ausstehen.
Immer wieder bekamen sich die Beiden in die Wolle. Roswitha hoffte, dass sich die Wogen wieder glätten würden.
Sie musste ja erst noch ihren Schatz bergen, bevor die Welt untergehen würde.
Ein paar Tage später hatte sie den unwiderlegbaren Beweis, dass Ferhat Geld aus der Kasse
stahl.
Auch wenn sie es längst geahnt hatte - Für Roswitha war es wie ein Schlag
ins Gesicht.
Immer öfter hatte sie seinetwegen beide Augen zugedrückt, weil sie es einfach nicht
wahrhaben wollte. Nachdem er aber schon monatelang seine Arbeit mehr als unzuverlässig erledigte
hatte, hatte sie -
nachdem er sich zu allem Überfluss nun auch noch als Dieb entpuppte - keine andere Wahl mehr:
Sie musst
ihn entlassen!
Nach der Abrechnung des Abends mit Ferhat sagte sie "Komm
morgen früh um 9 Uhr zu mir an den Caravan.
Ich muss etwas mit dir unter vier
Augen besprechen"
Er kam schon eine halbe Stunde früher als ausgemacht. Die ganze Nacht hatte er
nicht geschlafen, weil er ahnte um was sich diese Unterhaltung drehen würde. „Roswitha ich möchte kündigen"
begann er, bevor sie ihn zur Rede stellen konnte.
"Ich weiß, dass meine Arbeit hier für dich nicht mehr akzeptabel ist. Aber ich möchte mich sowieso verändern und mich selbstständig machen"
Sie hatte ihm schweigend zugehört aber nun fragte sie ihn. „Ferhat,
warum hast du das getan? Du hattest hier das Gehalt
eines Bankdirektors. Hattest du das denn nötig? Du weißt, ich habe in dir immer
meinen kleinen Bruder gesehen.
Warum hast du mich betrogen?“
"Wie meinst du? Ich weiß gar nicht, wovon du sprichst" antwortete er
...besann sich
aber dann. Stumm sah sie traurig an.
Auf ihre Frage wusste er keine Antwort - oder wollte ihr keine geben. Was hätte er erwidern können? - Lügen? Das hatte sie nicht verdient. Es war so schon schlimm genug. Sie saßen noch eine Weile schweigend nebeneinander, dann verabschiedete er sich. „Meine Sachen habe ich heute Nacht schon gepackt.
Pass auf dich auf“.
Als er gegangen war, kam ein Auto und hielt genau vor Roswitha. Erstaunt
erkannte sie den Polizeidirektor: Nazims Nachfolger. Sie begrüßte ihn und sagte
Ali Bey wäre im Restaurant. „Ich wollte nicht zu ihm, sondern zu dir“.
Roswitha wunderte sich ein wenig.
Außer „Guten Tag“ und „Auf Wiedersehen“ hatte
sie sich mit ihm nie viel unterhalten.
Er war ein überdurchschnittlich großer, attraktiver Mann der sich dessen auch
bewusst war. Doch sympathisch war er nicht besonders.
Sie lud ihn höflichkeitshalber auf einen Kaffee ein und setzte sich zu ihm um zu
erfahren, was er von ihr wollte.
„Ich habe ein Anliegen. Bevor ich aber beginne, möchte ich dich bitten,
niemandem von unserem Gespräch zu erzählen.
Vor allem nicht Ali Bey“, begann er
nach einiger Zeit zu sprechen. Sie wunderte sich zwar, versprach ihm aber, zu
schweigen.
„Es geht darum, dass wir einem großem Rauschgift Ring auf der Spur sind. Um die
Bande endgültig zu dingfest zu machen, bräuchten wir nun einen deutschen
Mittelsmann. Weißt du jemanden?“. „Wenn es darum geht Dealer zu fangen, helfe
ich gerne. Kann das auch eine Frau sein? Wenn ja, stehe ich sofort zur
Verfügung“. „Das ist außerordentlich mutig von dir.
Doch es muss ein Mann sein. Wir haben nämlich gestern Abend ihren deutschen Kurier verhaftet und an seiner Stelle müsste der Mann zu dem vereinbarten Übergabe Treffpunkt auftauchen. Natürlich sind wir schon vorher da und für den Deutschen bestünde überhaupt keine Gefahr. Er muss auch nicht alleine dahin.
Er bekommt einen Polizisten als
Begleitung“.
Roswitha überlegte. Der deutsche Doktor fiel ihr ein.
Als
Tamer vorbei kam stutzte er. Was wollte Antalyas Polizeidirektor
denn von Roswitha?
Schnell lief er zu Ali um ihm seine außergewöhnliche Beobachtung mitzuteilen.
„Ich habe vielleicht jemanden für dich. Ob er dazu bereit ist, kann ich aber
jetzt nicht sagen. Ich werde mit ihm sprechen“ sagte Roswitha. „Dann schaue ich
heute Nachmittag noch einmal bei dir vorbei.
Vielen Dank für alles, auch für den
ausgezeichneten Kaffee“.
Ali kam zu spät - er sah den Mann nur noch wegfahren. Begierig wollte er nun
wissen, was dieser einflussreiche Mann mit Roswitha zu besprechen gehabt hatte.
"Geheimsache" war die einzige Auskunft, die er von ihr bekam. Tamer und er
platzten vor Neugierde. Besonders als
sie ihn am gleichen Tag noch einmal bei Roswitha sitzen sahen.
„Der Doktor ist einverstanden. Dafür erhofft er sich aber, von dir irgendeine
Arbeit zu bekommen. Er will in der Türkei bleiben und sucht nach einer
Möglichkeit“. „Darüber können wir gerne reden. Bestelle ihm, meine Leute holen
ihn morgen Nachmittag so gegen 16 Uhr ab. Sie melden sich zuerst bei dir. Ist
das in Ordnung?“. „Ja natürlich“.
Der Doktor hatte furchtbar Angst. Er forderte eine Pistole, Personenschutz, kugelsichere Weste und noch einiges mehr.
Am liebste die komplette James Bond Ausrüstung. Roswitha versuchte ihn etwas zu beruhigen.
„Die Sache ist doch schon so gut wie gelaufen. Du brauchst nur hinzugehen und 2 Sätze sagen. Dann ist es für dich erledigt“.
Er schlotterte trotzdem. „Wenn du dich so fürchtest, warum hast du dann überhaupt zugesagt?“ „Das ist doch keine Angst.
Ich muss nur alles genau organisieren“ - „Das musst du eben nicht. Die Polizei hat doch schon alles bis ins kleinste Detail geplant. Wenn du es dir aber wieder anders überlegt hast, dann rufe ich an und sage du kannst nicht.
Das ist überhaupt kein Problem“ - „Nein, nein, ich
mach das schon“.
Als sich am nächsten Tag 2 Geheimpolizisten bei Roswitha meldeten, besprachen
sie zusammen mit dem Doktor - der kein türkisch verstand -
was er zu tun hatte. Dann fuhren sie mit ihm los.
Es war eine Sache von wenigen Minuten. Schon nach 2 Stunden wurde der Doktor
wieder zurück gebracht.
„Alles sehr erfolgreich verlaufen“, berichteten die Männer und gingen. Sie waren
froh, den aufgeregten Deutschen wieder los zu sein. Der erzählte nun die
abenteuerlichsten Geschichten.
Obwohl der Großteil davon frei von ihm erfunden wurde, hörte ihm Roswitha
geduldig zu und bewunderte ihn für seinen Mut.
Je mehr er erzählte, so furchtsamer wurde er. Seine erfundenen Schilderungen versetzten ihn derart in Panik das er sich plötzlich einbildete Rauschgift Dealer wollten ihn „fertig machen“. Sein Verfolgungswahn artete sich so schlimm aus,
dass er einen Nervenzusammenbruch bekam.
Roswitha wusste über die Polizeiaktion genau Bescheid. Mit der Absicht
Rauschgiftschmuggler zu fassen wurde diese in die Wege geleitet. Am Ende wurde
dabei nur eine Ladung Antiquitäten
gefunden, die ins Ausland
verschoben werden sollte.
Aus Artvin hatte sich Roswitha einen Kellner mitgebracht. Er fiel ihr dort auf,
weil er stets außergewöhnlich gut gelaunt war und die Gäste sehr zuvorkommend
bediente. Als sie mit ihm ins Gespräch kam stellte sich heraus, dass er der
Bruder einer ihrer Kellner beim "Kaptans" war. Sein Name war Ahmet.
Er war ein sehr fröhlicher Mensch, der nichts und niemanden ernst
nahm. Er fand noch an der traurigsten Situation etwas zu lachen. Und er fand
auch Alis Geschrei zum totlachen.
Obwohl er der ältere der beiden Brüder war, machte er immer den Eindruck, er sei
um etliches jünger als sein ernster Bruder Mehmet.
Er arbeitete nun schon mehrere Wochen im Restaurant und Roswitha bereute nicht,
ihn eingestellt zu haben. Ahmet konnte sich nur schwer daran gewöhnen, dass die
Küche so gar nicht mit dem übrigen Personal harmonierte und das
miserable Essen war für ihn auch gewöhnungsbedürftig.
Die Gäste kamen wie schon vor Ibrahims Zeit, nachdem sie gegessen hatten ins "Kaptans".
Als sie den Jungs an
diesem Abend ihre Prozente auszahlte, gab sie noch ein Bierchen für alle aus.
„Roswitha ist dir eigentlich bekannt, dass Ahmet ein hervorragender Koch ist?“
fragte Faruk als sich ihre Unterhaltung wieder einmal um die Küche gedreht hatte. Roswitha
verneinte überrascht und wollte gerade vorzuschlagen, er könne ja dann
bei Bedarf dort aushelfen, sprach Faruk weiter:
„Das ist sein erlernter Beruf den er ausübte bis zu dem Tage - an dem ein Gast
in Artvin seine Kochkunst nicht überlebt hat“.
Entgeistert fragte sie Ahmet „Im Ernst? Stimmt das denn?“ - „Ja schon -
aber ganz so wie sich das jetzt anhört war es
nicht!
Ich arbeitete damals in Artvin in einem Hotel als Koch. Eines Tages kam italienischer Arzt und buchte ein Zimmer bei uns.
Er wohnte schon 2 Tage in unserem Hotel und an dem Abend wollte er Eier mit Reis als Abendessen. Ich habe es für ihn zubereitet und persönlich an seinen Tisch gebracht. Du kennst mich- natürlich machte ich mit ihm ein paar Späße und -
nachdem er ein paar Löffel von diesen Eiern gegessen hatte - ist er ganz plötzlich von seinem Stuhl gekippt.
Direkt auf meine Füße.
Ich dachte, dass sei ein Scherzchen seinerseits.
Aber als er mir sein Gesicht zuwandte, war es blau angelaufen und seine letzten Worte - bevor der Mann endgültig das Bewusstsein verlor - waren: 'Doktor! Schnell einen Doktor!' So hab ich es jedenfalls verstanden - der Mann sprach Italienisch"
"Um Gottes Willen Ahmet! Setz ja keinen Fuß in unsere Küche. Bis jetzt hat Tamer wenigstens mit seinem Essen noch niemanden umgebracht.Der Mann ist wirklich an dem Essen - das du zubereitet hast - erstickt?“ fragte Roswitha entgeistert.
„Ja - das war mein erster Gedanke als mein Chef mich vom Krankenhaus - in den er ihn sofort gebracht hatte - anrief und mir ganz aufgeregt erzählte, der Mann sei mausetot .
Wir hatten an diesem Tag alle Lebensmittel frisch eingekauft, daran konnte es nicht gelegen haben.
Mein Chef bestand nun aber darauf, dass ich sofort alles in die Mülltonne werfen sollte. Insbesondere Eier und Reis.
So schnell habe ich noch nie eine Küche leer geräumt wie an diesem Tag.
Und meine Koch-Schürze kam auch gleich mit in den Abfall.
Nie wieder wollte ich als Koch arbeiten. Auch nicht, als es sich später herausstellte,
dass dieser Mann an einem Infarkt - und
nicht an meinem Essen - gestorben ist“.
Inzwischen war es kühl geworden. Ali hatte in den vorhergehenden Jahren ein
rostiges altes Ölfass - das als Heizung fungierte - mitten ins Lokal
auf die Tanzfläche gestellt.
Das monströse Ofenrohr - dass aus dem Fass herausragte - wurde von ihm quer durch den ganzen Raum
gezogen.
Diese extravagante Konstruktion war nicht nur eine Schande - sie war auch gefährlich!
„Das Rohr gibt zusätzliche Wärme ab“ meinte er fachmännisch als Roswitha ihn darauf ansprach.
Abgesehen von dem permanenten Gestank qualmte es verheerend aus den zusammengestückelten Rohren .
Sobald der Raum etwas aufgeheizt war, mussten Fenster und Türen aufgerissen
werden, um eine Rauchvergiftung zu vermeiden.
Diesen Winter nun hatte sich Ali eine elegantere Lösung einfallen lassen. Die Idee, mit
romantischen Kaminen das Restaurant zu heizen, fand Roswitha ausgezeichnet …nur
diese Kamine hätte Ali im Sommer bauen sollen!
In der Saison wurde das geschlossene Restaurant ohnehin nicht genutzt.
Jetzt aber spielte sich der ganze Betrieb dort ab.
Doch für Ali stellte das kein Problem dar und er fing an, seine Kamine unmittelbar neben den Gästen zu errichten.
Die sollten ruhig sehen, wie er sich für sie abrackerte. „Ali mach doch erst einmal einen Kamin. Wenn er funktioniert,
dann kannst du ja die Anderen bauen“ versuchte Roswitha ihn etwas zu bremsen.
Doch er sah das nicht ein.
Gleichzeitig wurden 3 Restaurantecken
zur Großbaustelle umgestaltet.
Mit Schubkarren wurde Zement mitten ins Restaurant gerollt. Es staubte
katastrophal da Ali Wasser erst kurz vor Gebrauch und unmittelbar neben den
Gästen dazu mischte.
Zum Glück regnete es viel und es kamen nicht viele Besucher. Wenn sich doch welche verirrten, drehten sie meist an der Tür um.
„Wir wussten
gar nicht, dass ihr geschlossen habt“, bedauernden sie und fuhren wieder.
Endlich, nach einer Woche waren Alis Kamine soweit fertig, dass man sie
ausprobieren konnte.
„Anzünden“ befahl er mit stolz geschwellter Brust. „Erst nur einen“ rief
Roswitha den Kaminbaukünsten Alis misstrauend.
„Du bist ein Angsthase Güzelim“ meinte Ali belustigt und... ließ alle Kamine gleichzeitig anzünden.
Innerhalb von 2 Minuten war das gesamte Restaurant so verqualmt, dass man die
Hand nicht mehr vor den eigenen Augen sah. Eine Flucht ins Freie war die einzige Rettung
vor einer drohenden Rauchvergiftung.
Ali rannte am schnellsten und sah gerade noch rechtzeitig, dass das Restaurant an
einem seiner neuen Kamine,
Feuer gefangen hatte und lichterloh brannte. Zum Glück
konnte das Feuer in letzter Minute noch gelöscht werden.
Am selben Abend wurden Alis Kunstwerke wieder eingerissen...
Und anderntags erneut aufgebaut.
Ein paar Tage später wurden auch sie nach dem ersten Probefeuer wieder abgerissen. Diesmal brannte es zwar nicht mehr,
doch es qualmte genau wie beim ersten Versuch.
Nach tagelangem Dauerregen schüttete es an nun wie aus Kübeln. Da keine Gäste mehr zu erwarten waren,
gingen Ali, Roswitha und René
zum Caravan.
Ali - von dem ständigen Mauer einreißen und wieder aufbauen todmüde - schlief sofort ein.
Roswitha beobachtete vom Fenster aus den Sinnflutartigen Regen. Um 10 Uhr weckte sie Ali
"Ich glaube, wir saufen hier heute Nacht ab“ - „Problem yok Güzelım. Bis es hier eine Überschwemmung gibt,
steht erst ganz Antalya unter Wasser“
brummte er und
schlief sofort weiter.
Als sie 2 Stunden später auf ihre Toilette ging, kam das Wasser dort schon beim
Abflussrohr herauf.
So etwas hatte sie in all den Jahren noch nie erlebt. Der Fluss war über die
Ufer getreten und kam mit Blitz und Donner besorgniserregend schnell immer näher
an ihren Caravan. Sie
weckte Ali noch einmal.
„Tamer muss mit ein paar Männern zum Meer und dort die
Flusseinmündung frei machen“.
Es war schon öfter vorgekommen, dass bei starkem Seegang die Einmündung
des Flusses
mit großen Felsbrocken verstopft wurde.
Die Männer räumten dann die
Steine weg und der
Fluss konnte wieder ungehindert ins Meer fließen.
Lustlos stand Ali vom Bett auf und trottete zum Lokal. Etwas später fuhren Tamer und ein paar
Männer mit Alis Mercedes weg. Er selbst legte sich wieder schlafen.
Am Abend war ein deutscher Caravan gekommen. Als Roswitha nun bemerkte, dass dessen
Reifen schon fast vom Wasser bedeckt waren ging sie hinüber, um die ahnungslosen
Leute zu wecken. Bis zu den Knien stand sie im Wasser als sie kräftig gegen die
Tür klopfte.
Das Ehepaar hatte einen gesunden Schlaf. Erst nach 5 Minuten intensiven Klopfens
öffnete der Mann die Caravantür.
Dann jedoch brauchte Roswitha nicht mehr viel zu erklären, er sah mit einem Blick was sich da anbahnte.
Innerhalb weniger Minuten
waren die Touristen reisefertig und verließen den Platz.
Der große Autobus des alten türkischen Mannes war auch gefährdet. Roswitha
versuchte nun den Opa aufzuwecken.
Der gute Mann hatte jedoch über den Tag beinahe 2 Flaschen Rakı niedergemacht.
Er hörte weder ihr klopfen noch ihre
Schreie.
Als es zu allem Überfluss noch zu hageln anfing - Hagelkörner groß wie
Hühnereier - sah Roswitha nach ihrem eigenen Auto, dass in unmittelbarer
Flussnähe geparkt war. Da war beim besten Willen nichts mehr zu retten.
Das
Wasser war schon ins bis über die Sitze ins Wageninneren gelaufen.
Sie ging zurück zu ihrem Caravan. Der Fluss kam unaufhaltsam immer näher.
Alis
Mercedes kam vom Meer zurück.
„Da können wir nichts tun. Die Flussmündung ist durch riesige Rohre einer Kanalisationsfirma unzugänglich.
Ich weiß nicht wo die vor dem Regen gelagert
waren- Jetzt liegen sie jedenfalls genau in der Mündung“ berichtete Tamer.
Roswitha hatte solche Rohre schon gesehen. Seit Monaten waren etliche davon im
Meer abgelegt worden.
Riesendinger mit einem Durchmesser von über einem Meter.
"Mindestens 50 Stück davon liegen jetzt quer in der Mündung. Die kann kein Mensch einfach so auf die Seite legen"
Tamer half Roswitha alles was unter der Pergola auf der Erde abgestellt war, hochzustellen.
Na, das konnte ja heiter werden diese Nacht.
Nun doch beunruhigt beobachtete Ali das immer näher kommende Wasser. Es war
inzwischen bis etwa
20 cm unter die Caravantür angestiegen. Ein Wohnwagen hat ja bekanntlich Reifen - mit deren Hilfe man ihn aus der Gefahrenzone hätte herausziehen können. Doch durch die Stützepfeiler der Pergola konnte der Wagen nicht mehr gedreht werden.
An der Stirnseite wuchs ein großer Baum und das Heck grenzte an eine dichte Hecke durch die der Caravan eingesperrt war.
Roswitha begann nun alles was möglich war, im Caravan von unten nach oben zu
stapeln. Die Überflutung war nicht aufzuhalten und wie hoch das Wasser steigen würde, konnte niemand abschätzen.
Sie nahm Geld und Pässe und sagte zu Ali „Das Wasser geht jetzt bis zu
dieser Markierung“, sie zeigte auf eine Stelle an der Tragsäule ihrer Pergola.
„Wenn es bis zu diesem Stein geht“, eine etwa 20 cm höher gelegene Stelle „dann
gehen wir!“.
Sie wusste zwar noch nicht wohin sie gehen sollte. Doch spätestens dann mussten sie dort weg, wollten sie nicht aus dem Caravan hinausgespült werden.
„Ja - wir ziehen ins Baumhaus“, meinte Ali von der Idee begeistert. „Da bringst du mich nicht hinauf. Vielleicht kommt ein Sturm. Dann stürzen wir mit samt deiner Tarzanhütte herunter. Außerdem ist es da oben eiskalt. Nein, ich werde mit René in ein Hotel gehen“ - „Ich weiß nicht wie es auf den Straßen aussieht. Es ist sehr gut möglich, dass auch sie überschwemmt sind.
Dann kommen wir hier nicht weg“.
Den Wasserstand an der Säule zu verfolgen erübrigte sich inzwischen. Das Wasser
drang ins Wageninnere ein.
„Nichts wie weg hier, “ sagte Ali entschlossen. „Mach René fertig
wir gehen zu Tamer“.
Seine Wohnung lag im ersten Stock. Da schien es im Moment wirklich noch am
sichersten.
Ali nahm René auf den Rücken und rannte mit ihm durch den Regen. Roswitha räumte noch die restlichen Sachen hoch.
Kurz darauf kam Abbas mit einem Boot bis an die Caravantür und holte sie ab.
In dieser Nacht konnte man Tamers Wohnung bequem mit dem Tretboot erreichen.
Der Campingplatz war zu einem See geworden.
„Alles in Ordnung? Hallo! Alles in Ordnung?“ Es war der deutsche Doktor der
verängstigt auf Tamers Balkon herumhüpfte. „Natürlich ist alles in Ordnung"
beantwortete Roswitha seine Frage "Von so einem bisschen Wasser lassen wir uns
hier doch nicht unterkriegen“ - „Abbas fahr noch einmal bei Attila Bey
vorbei und versuche ihn aufzuwecken.
Der schläft immer noch in seinem
Wohnmobil“.
Das Wetter dachte nicht daran sich zu beruhigen. Gnadenlos regnete es immer weiter.
Etwa 14 Personen saßen nun in einem Zimmer mit etwa 15 qm. Auch Selçuk und Gül
waren mit ihrem jüngsten Sohn gekommen.
Opa Attila war endlich aufgewacht und
Abbas hatte ihn mit dem Boot zu den Anderen gebracht.
Ali hatte sich auf Tamers kleines Sofa geschmissen und zu schnarchen angefangen.
Der Doktor und seine Freundin waren die ersten gewesen, die sich dort in
Sicherheit gebracht hatten.
René fand das Abenteuer lustig und kuschelte sich neben Ali aufs Kanapee. Er unterhielt sich mit seinem Freund.
Die beiden Jungs malten sich den nächsten Tag aus. „Morgen können wir ganz toll mit dem Boot auf dem Camping herum fahren“.
Plötzlich sprang der Doktor auf - schnappte nach seinem Arztkoffer, der gefüllt war mit Pillen in allen Farben und Größen -
griff hinein um dann jedermann ein paar von den bunten Tabletten unter die Nase zu halten.
Die Anwesenden nahmen sie - um den Herrn Doktor nicht zu beleidigen - und schluckten sie widerspruchslos.
Als er dann auch René von seinen Pillen anbot, protestierte Roswitha heftig.
„Das sind doch nur Beruhigungspillen“ meinte er leicht säuerlich. „René ist aber überhaupt nicht beunruhigt.
Er wurde nur aus dem Schlaf gerissen. Ein wenig später wird er - ganz ohne deine Tabletten - von selbst wieder einschlafe
Das im Moment etwas schwierig... bei diesem Qualm hier drin“
Das Einzige, was für René und
seinen Freund wirklich unangenehm war, war der dicke Zigarettenqualm im Zimmer.
Es waren 14 Menschen in diesem Raum. Jeder davon, außer Ali, rauchte. Am meisten
der Arzt.
Er zündete die eine mit der anderen Zigarette an. Alle außer ihm - dem angeblichen Kinderarzt - rauchten von da ab auf dem Balkon weiter. Docktorchen steckte ohne Rücksicht auf die Kinder weiterhin eine nach der anderen im Zimmer an.
Dabei stritt er sich unaufhörlich und lautstark mit seiner Freundin Raşide.
Roswitha hätte dem Herrn Doktor liebend gerne eine
überdimensionale Beruhigungsspritze in seinen Hintern gedrückt.
Die Anderen warteten sie Situation sehr gefasst ab. Es konnte ja letztendlich nur abgewartet
werden. Irgendwann würde der Regen aufhören und erst dann konnte
abgeschätzt werden, welchen Schaden er angerichtet hatte.
Roswithas Caravan war inzwischen überschwemmt worden. Doch das würde wieder trocknen.
Auch alle Schäden im Restaurant würden reparabel sein.
Bis Sylvester konnte - mit ein bisschen Glück - alles wieder in Ordnung sein.
Ali schnarchte. Das regte den Doktor auf. „Der liegt da seelenruhig und schnarcht. Unverschämtheit!
Das ist doch eine Frechheit. Und
warum kommt eigentlich keine Polizei um uns zu retten?“
Da er deutsch sprach verstand ihn - außer Roswitha - niemand. Sie ließ ihn ohne
Kommentar reden.
Er war sehr panisch und dadurch hysterisch geworden.
"Wann kommt denn endlich der Strom wieder? Wir brauchen Licht. Ich will jetzt nicht mehr im Dunkeln hier herum sitzen"
brüllte er. Roswitha sprach mit ihm wie mit einem Kleinkind.
„Die türkische Elektrik ist schon bei normaler Witterung gefährlich. Jetzt, bei Hochwasser ist es lebensgefährlich,
den Strom einzuschalten. Da könnte leicht das ganze
Gelände unter Strom geraten“.
"Oh" - dass hatte er nicht bedacht. "Sind die Sicherungen alle rausgedreht?
Macht um Himmels Willen nur kein Licht an".
Plötzlich sprang er auf und stürzte wortlos nach draußen.
5 Minuten später kam er - schlotternd und bis in die Haare durchnässt - wieder
zurück.
„Ist das Wasser jetzt schon so weit angestiegen?“ fragte Roswitha ihn verwundert. An Stelle
einer Antwort riss sich mitten im Raum die nassen Kleider von seinem
ausgezehrten, schneeweißen Leib - eine starke Ähnlichkeit mit Willhelm Buschs
Schneider Böck war unbestreitbar - und stand splitternackt inmitten der
überraschten Anwesenden.
Dass da auch Frauen und Kinder waren störte ihn nicht. „Ich bin im Schlamm
ausgerutscht und hingefallen“ erklärte er seine sonderbaren Aktivitäten. „Roswitha, dein Caravan steht
schon bis zur Decke im Wasser“.
Sein Popo leuchtete im Kerzenschein schneeweiß. Raşide
beschimpfte ihn auf das Abscheulichste - .
Hätte Selçuk nicht ein paar von den Pillen geschluckt, er wäre
fuchsteufelswild geworden.
Seine Frau Gül hatte außer ihm noch nie einen nackten Mann gesehen. Jetzt stand einer unmittelbar vor ihrer Nase!
Die Pillen hatten tatsächlich eine
äußerst beruhigende Wirkung.
Raşide wickelte ihren feuchten Doktor nun eigenhändig in ein Handtuch ein.
Das hatte Tamer
-
auch völlig beruhigt - für ihn gebracht.
Was er eigentlich da draußen im Regen gesucht hatte wusste er inzwischen selbst
nicht mehr.
Er setzte sich mit seinem Handtuch auf einen Stuhl. Nach Minuten
intensivsten Nachdenkens sprang er vom Geistesblitz getroffen
hoch!
„Suppe“, brüllte er hysterisch - Sein Handtuch fiel zu Boden - „Wir brauchen
heiße Suppe“.
Er bückte sich und umständlich bedeckte er sich wieder mit dem Handtuch.
„Und Unterhosen" schrie er "Wo um Gottes Willen bekommen wir jetzt trockene Unterhosen her?
Die Geschlechtsteile sind nämlich Weichteile - Jawohl Weichteile... da bilden
sich schnell Bakterien. Unterhosen! - Wir brauchen alle trockene Unterhosen“
schrie er ganz außer sich. Wieder verlor er sein Handtuch und sein Weichteil
baumelte zittrig zwischen den Beinen herum.
Etwa eine halbe Stunde hielt er einen Vortrag indem Notfallregeln aufgestellt
wurden:
Regel 1: Keine Panik! Regel 2: Suppe kochen! Regel 3: Trockene Unterhosen!
Andächtig hörten alle im Raum dem deutschen Doktor zu.
Eingeschüchtert fragte Gül: „Roswitha warum regt er sich denn jetzt so auf? Gibt es ein Problem?“ -
„Aber nein - Er will nur eine heiße Suppe und trockene Unterhosen für uns alle“ - beruhigte sie die Frau.
Verständnislos starrte Gül den Doktor an.
Außer ihm selbst hatte doch jeder eine trockene
Unterhose.
Dem Arzt fiel nun das Handy von Opa Attila ein. Zusammen riefen die Beiden ganz
aufgeregt die Polizei an.
Der eine Deutsch, der andere
Türkisch. „Imdat! ... Hilfe! ... Imdat“.
Alle Anwesenden sahen erschrocken auf die beiden Männer. Unentwegt brüllten sie
völlig panisch
das Telefon an. Als die Polizei - die sie nach mehreren Versuchen endlich erreicht hatten - genervt auflegte,
wurde die Feuerwehr angerufen.
Von den
Hilfeschreien und dem lauten Gekreische erwachte auch Ali
Vom Schlaf aufgeschreckt dachte er, dass Wasser stünde ihm schon bis zum Hals
und sein letztes Stündchen hätte nun geschlagen.
Unwirsch riss er dem - von der Attacke völlig überraschtem - Doktor das Handy mit einem Ruck aus der Hand um dann mit
weinerlicher Stimme hinein zu schreien:
„Imdat - Imdat... Rettet mich! Ich bin's doch - euer Ali Kaptan “. Er hatte keine Ahnung mit wem er da eigentlich gesprochen hatte, doch seine Todesangst ließ ihm Tränen in die Augen schießen. In völliger Panik lief er nach draußen und hätte dabei fast den nackten Doktor überrannt. Der wurde ganz steif vor Schreck: Dass hatte mit Sicherheit Schreckliches zu bedeuten.
Das Wasser hatte inzwischen seinen Höchststand erreicht.
Als Ali sah, dass das Hochwasser noch über 3 Meter von seinem derzeitigen Aufenthaltsort entfernt war,
ging er wieder hinein
und schlief sofort weiter.
Zuletzt rief der Doktor beim deutschen Konsulat in Antalya an. Es war inzwischen
4 Uhr morgens. Es gab dort für dringende Fälle eine Notruf Nummer auf der jedoch
weder Deutsch noch Englisch verstanden wurde. Der Doktor schrie wieder
„Hilfe wir ersaufen. Rettet uns“. Die Dame am anderen Ende meinte auf Türkisch, er solle die Polizei anrufen und legte auf.
Jetzt war der Doktor fertig. Insbesondere, weil nun auch noch der Akku des Handys leer war.
Todesmutig sprang er auf und stürmte erneut nach draußen.
Wenn er schon dachte, der ganze Platz wäre am absaufen ...nur 50 m entfernt war die Tankstelle.
Die Hauptstraße war nicht überschwemmt. Die Autos fuhren von und nach Antalya.
Am nächsten Tag konnte man immer noch mit dem Boot auf dem Platz fahren. Der
Camping war zum See geworden.
Für René und seine Freunde ein tolles Abenteuer.
Als erstes fuhr Roswitha zu ihrem Caravan. Sie war auf das Schlimmste gefasst.
Der Doktor hatte ja in der Nacht berichtet:
bis zum Dach voll Wasser.
Jetzt war Roswitha angenehm überrascht. Es war zwar Wasser hineingelaufen, doch
höchstens 30 cm. Das reichte natürlich auch, doch ihr Fernseher und die ganzen
anderen Dinge die sie hoch geräumt hatte, hatten die Überschwemmung unbeschadet
überstanden.
Das Restaurant war bis zu den Tischplatten mit Wasser voll gelaufen. Aber auch dort gab
es nichts, was nicht wieder in Ordnung gebracht werden konnte.
Die Hauptsache war, dass keine Menschen zu Schaden gekommen waren.
Metin und Inçi kamen um zu sehen, wie sie helfen könnten. „Du kannst nicht hier
bleiben“ meinte Inçi zu Roswitha, „da ist der Schlüssel zu meinem Häuschen. Du
kannst dort wohnen, so lange du willst. Wir sind jetzt in unserer Wohnung in
Antalya und das Haus im Marinecamp steht sowieso leer“ - „Ich habe am Tor Bescheid gesagt das
du kommst.
Die Soldaten werden gut auf René und dich acht geben“ sagte Metin.
Auch Nazim Bey kam vorbei. „Das ist ja schrecklich, was hier passiert ist. Wie
ist so etwas nur möglich?“. Ali erzählte ihm von den Riesenrohren und Nazim war
sehr betroffen. Auch er bot ihnen ein Zimmer in seinem neuen Haus an.
Nachdem er gegangen war, nahm Roswitha ihre Videokamera und fuhr mit Tamer zur Flusseinmündung.
Alis Mercedes stand zwar auch im Wasser, doch er fuhr. Das war
eben deutsche Wertarbeit.
Was sie dann an der Flussmündung sah, erschreckte Roswitha sehr.
Etwa 60-70 Rohre lagen quer, übereinander geschoben in der Mündung. Dadurch
hatte der Fluss keine Chance ins Meer abzufließen. Etwas später kamen die
Arbeiter der Kanalisations-Firma und fragten ganz erstaunt
"Wie sind die denn da hin gekommen?"
"Also...
wir haben sie bestimmt nicht hinein geworfen! Unser Camping ist heute Nacht
durch diese Dinger überschwemmt
worden. Da sich diese Monster noch immer in der Flussmündung befinden, werden wir beim
nächsten Wolkenbruch erneut überschwemmt werden. Und da uns das Wasser jetzt schon bis
zu Hals steht, werden wir dann höchstwahrscheinlich dort ertrinken müssen. Also bitte -
sehen sie zu, dass die Flussmündung unverzüglich frei gemacht wird" sagte Roswitha.
Die Arbeiter verstanden diese Bedenken voll und ganz. Im Moment sei es jedoch
unmöglich den Kran heranzuschaffen,
da er schon auf dem Weg im durchnässten
Boden einsinken würde. Und ohne diesen Kran gäbe es keine Chance diese Rohre
abzutransportieren. "Sobald das Wasser zurück geht, werden wir unverzüglich mit
den Aufräumarbeiten beginnen" sagte der Arbeiter tröstend.
Das waren ja schöne Aussichten.
Ganz, ganz langsam ging das Wasser zurück. Die Restaurantküche war völlig
überschwemmt worden. Sämtliche Lebensmittel waren unbrauchbar. Gäste
waren keine zu erwarten. Das Personal aber, musste wenigstens notdürftig,
verköstigt werden.
Da Roswithas Auto noch bis zum Radio im Wasser stand, sagte sie zu Ali:
„Du musst in der Stadt für das Personal Lebensmittel einkaufen. Zuminderst Brot,
Käse und Tee“ -
„Ich habe kein Geld. Mit was soll ich einkaufen? Mein ganzer Platz ist überschwemmt und ich soll mich auch noch um das Personal kümmern?“ - „Ja sollen die armen Jungs jetzt bei uns verhungern? Dann gib mir dein Auto und ich gehe selbst“ -
„Nein, gib du mir Geld und ich erledige das“ Er wusste genau, dass in der Kasse kein Geld sein konnte. Die letzten Tage hatte er die Gäste ja mit seinen qualmenden Kaminen verjagt.
Roswitha gab ihm welches aus ihrer
Privatkasse.
Den armen Jungs war nicht ein trockenes Kleidungsstück geblieben. Da sollten sie
wenigstens einen heißen Tee bekommen.
Es kam ein Fernsehteam um das ganze Dilemma zu filmen. Am Abend wurde es in den
Nachrichten ausgestrahlt.
Ali fuhr in die Stadt, Roswitha schaute nach ihrem Caravan. Man konnte immer noch mit dem Boot bis an die Tür fahren,
doch es was kein Wasser mehr im
Inneren.
Alles was in den Sitzkisten verstaut war, konnte nur noch weggeworfen werden.
„Abbas, sobald das Wasser weg ist, sägen wir sofort den Baum ab, durch den ich
den Caravan nicht mehr herausfahren konnte“ - „Kein Problem Roswitha. Hoffentlich
ist Ali Bey auch einverstanden. Du weißt, die Bäume sind seine Kinder“ meinte
er grinsend. „Das lass nur meine Sorge sein. Sein Kind wird gefällt! Nächstes
Mal bleibt mein Anhänger hier nicht stehen.
Er hat ja Räder“.
Der Regen war Gottlob vorbei.
Am nächsten Tag schien die Sonne. Das Wasser war vollständig zurückgegangen und
der
Fluss wieder in sein Bett zurück gekehrt. Roswitha hatte inzwischen alles aus dem Caravan
hinausgeräumt und spritzte mit dem Gartenschlauch den ganzen Anhänger aus.
Stundenlang.
Nach 2 Tagen war alles soweit in Ordnung, dass Roswitha und René wieder in ihren
eigenen Betten schlafen konnten.
Im Restaurant durfte nichts sauber gemacht werden. "Das muss alles so bleiben
wie es ist - bis die Versicherungsleute den Schaden aufgenommen haben"
begründete es Ali.
2 Tage sagte Roswitha nichts dazu. Dann fragte sie Ali "Sag mal - zahlt deine
Versicherung auch unseren Geschäftsausfall?" - „Natürlich nicht! Nur die Sachen die durch
das Wasser kaputt gegangen sind, werden bezahlt“ - „Dann sage mir bitte, wie wir bis
Sylvester wieder alles in Ordnung bringen sollen, wenn wir jetzt nicht anfangen
können? Alle Stühle müssen neu überzogen werden. Das sind über 100 Stück! Wie
stellst du dir das vor?“. “Es bleibt alles so, wie es ist!“ sagte er noch
einmal.
Der Fluss hatte überall eine dicke Schlammschicht hinterlassen. Man kam nicht
einmal in die Nähe des Restauranteingangs ohne auf dem Schlabberzeug
auszurutschen. Die Gäste die jetzt kamen um für Sylvester zu reservieren,
drehten sofort wieder um wenn sie diesen Matsch sahen. „Bis zum Jahreswechsel
schafft ihr das nie“, war berechtigte Befürchtung und sie suchten sich ein anderes
Lokal für die Feier.
Da in dem Jahr genau der 1. Tag des Ramazan auf Sylvester fiel, rechnete niemand
mit einem so vollen Haus wie im letzten Jahr. Doch wenn sie jetzt nicht
anfingen, das Lokal sauber zu machen, würde überhaupt niemand kommen.
Roswitha zündete an ihrem Advents-Kranz die 3. Kerze an. Doch von
besinnlicher Weihnachtsstimmung war sie meilenweit entfernt.
Sie war
weiterhin am putzen und versuchte den Schlamm zu besiegen den das Hochwasser
überall hinterlassen hatte.
Auch im Restaurant durfte, nachdem die Leute von der Versicherung schließlich da waren, endlich geputzt werden.
Eine Woche nach der Überschwemmung!
Und sie hatte ihr Auto wieder das im Sanay repariert und geputzt worden war.
Der deutsche Doktor hatte nach der Überschwemmung fluchtartig den Platz verlassen. Nazim Bey kam vorbei und fragte nach ihm. „Ich weiß nicht, wo er jetzt wohnt.
Seine Rechnung für den Bungalow hat er nicht bezahlt. Darum glaube ich nicht,
dass er noch einmal hierher kommt. Warum fragst du?“ - „Ja, er kam und hat sich
100 Mark für seine Autoreparatur von mir geliehen“ - „Für sein Auto? Das war doch
gar nicht kaputt“ - „Dann hat er mich angelogen“. Der Deutsche hatte Nerven.
Er hatte einer der höchsten Polizisten Antalyas betrogen. „Ist nicht so schlimm. Er hat sich ja auch meine Tochter angesehen,
die krank war. Dann denk ich halt, die
100 Mark waren sein Honorar“ meinte Nazim gutmütig.
2 Tage später bekam Roswitha einen Anruf aus Holland. Das Ehepaar war im Herbst
auf Roswithas Camping gewesen und hatte dann das Wohnmobil beim Zoll eingestellt, da sie
im Frühjahr wiederkommen wollten. Nachdem sie sich über alles Mögliche
unterhalten hatten, fragte der Mann ob es wirklich eine Überschwemmung in Antalya gegeben
hatte. „Ja das stimmt. Bei uns hier stand alles unter Wasser. Wer hat ihnen davon
erzählt?“ - „Der Doktor der bei ihnen wohnte hat uns angerufen. Er sagte, beim
Zoll wäre mein Caravan mit Wasser voll gelaufen. Er hätte ihn 2 volle Tage
geputzt.
Dafür soll ich ihm jetzt 2000 Dollar schicken. Das ist auch der eigentliche Grund meines Anrufes.
Stimmt denn das?“.
Das war ja der Hammer. War der Doktor denn übergeschnappt? „Hören sie? Am Zoll
gab es keine Überschwemmung.
Und selbst wenn, der Doktor wäre nie an ihren Wagen gekommen.
Er steht dort unter Zollverschluss! Da kann auch kein Herr Doktor einfach hineinspazieren und putzen.
Das ist eine ganz unverschämte Lüge. Wenn dieser Doktor noch einmal bei ihnen anruft sagen sie ihm, dass ihn ihn angezeigt hätten“ - „Und meinem Auto ist wirklich nicht passiert?“ - „Nein. Es steht noch so, wie sie es dort abgestellt haben“ -
„Jetzt
bin ich aber sehr froh, dass ich mit ihnen gesprochen habe. Ich wollte heute das
Geld überweisen“.
Nach dem Gespräch ging Roswitha zu Selçuk und Gül. „Du weißt selbst, dass kein
Hochwasser beim Zoll war. Ich werde mich heute nach diesem Wohnmobil
erkundigen. Mach dir aber keine Sorgen, es ist alles in Ordnung. Wäre so etwas
passiert, wüsste ich darüber Bescheid“ sagte Selçuk als Roswitha ihm von
dem Anruf der Holländer erzählt hatte. „Sind die
Putzfrauen in Deutschland wirklich so gut bezahlt? 2000 Dollar für 2 Tage
putzen?“ fragte Gül ungläubig. „Wie er auf so eine horrende Summe kommt, ist mir auch
unverständlich. Er muss völlig durchgedreht sein“, vermutete Roswitha. Sie bot
Gül eine Zigarette an,
doch sie lehnte ab. Obwohl Ramazan noch nicht begonnen hatte, fastete die Familie an diesem Tag.
Roswitha verließ die Beiden denn sie war immer noch nicht ganz damit fertig,
die Schäden von der Überschwemmung vollständig zu beseitigen.
Das Wetter hatte wieder umgeschlagen.
Der Himmel war schwarz und Roswitha überlegte, ob eine neue Sintflut bevor
stand.
Da kam Gül atemlos um die Ecke gerannt und trommelte mit den Fäusten gegen
Attilas Caravan. Roswitha dachte im ersten Moment, es wäre etwas Schreckliches
mit Selçuk
geschehen.
Vielleicht hatte er einen Herzinfarkt?
Doch dann kam auch schon Selçuk
mit dem Gesichtsausdruck eines
tollwütigen Hundes
um die Ecke gerannt,
Gül war vor ihm geflüchtet und suchte nun - da bei Attila niemand geöffnet hatte - Schutz bei Roswitha.
Sie stolperte kurz vor ihr und fiel vor auf die Erde.
Selçuk - der sich etwa 2 Meter von ihr entfernt befand - hob einen großen Stein vom Boden auf und schleuderte ihn mit voller Wucht gegen seine Frau.
Zum Glück traf er nicht sie, sondern nur Roswithas Anhänger, von wo der Stein mit einem lauten Knall abprallte.
Selçuk stürzte sich nun selbst wie ein wildes Tier auf Gül. Er schlug mit den Fäusten auf sie ein und trat sie mit den Füßen. Roswitha versuchte ihn festhalten - Tamer und Attila Bey kamen zu Hilfe - doch Selçuk tobte wie ein Wahnsinniger.
Seine Kinder - die alles mit ansahen - schrieen in panischer Angst um ihre Mutter.
Roswitha war entsetzt. Hatten sie alle denn nicht schon genug Probleme?
Tamer hielt immer noch Selçuk umklammert. Roswitha stellte sich zwischen Gül und ihn.
„Gül lauf weg - Schnell!“
sagte sie. Doch die Frau stand da wie angewurzelt und wartete auf die nächsten
Ohrfeigen. „Hau ab!“ schrie Roswitha
sie an. Endlich nahm sie ihre Füße in die Hand und rannte davon.
Selçuk rannte auch. Doch in die andere Richtung. Es war vorbei!
Roswitha lebte inzwischen ein paar Jahre unter Moslems. Sie kannte den Sinn des
Fastens. Gerade in dieser Zeit sollte jeder auf seine Familie mehr als sonst
Rücksicht nehmen und noch liebevoller mit seinen Mitmenschen umgehen. Doch was
Selçuk seiner Familie antat, dass war eine große Sünde.
Sollte dass ein Fastentag sein? Dass man den ganzen Tag kein Essen zu sich nahm, bedeutete nicht noch lange nicht, dass man fastete.
Das konnte auch ein Hund.Dazu brauchte man ihn nur festbinden und den ganzen Tag nichts zu fressen zu geben.
Hatte er dann
gefastet?
Roswitha war sehr wütend auf Selçuk und sagte ihm das auch ins Gesicht. Er
schämte sich.
Abends ging sie zu den Jungs ins Restaurant. An einem Orangenbaum, der mitten im
Restaurant wuchs, war ein schwarzer Hammel angebunden. „Wo kommt der denn her?“
fragte Roswitha perplex. Alle grinsten. „Den habe ich heute Abend auf dem Berg
gefunden“ antwortete Abbas. Roswitha musste lachen. „Gefunden? Wer den da wohl
verloren hat?“ „Roswitha Hanim, ich habe gerufen und geschaut, doch es war weit
und breit kein
Besitzer zu sehen“ erklärte Abbas treuherzig.
„Und? Was habt ihr jetzt mit ihm vor?“
„Schlachten!“ riefen alle.
Die Küche war immer noch nicht voll funktionsfähig. Tamer machte zwar das
Personalessen, doch das fiel sehr armselig aus.
Die Jungs hatten Hunger!
„OK, ich habe nichts gesehen“ - „Du bist natürlich zu unserem Festessen herzlich
eingeladen“ - „Ich danke euch Jungs - das ist lieb gemeint. Aber dass ist euere Beute und die dürft ihr auch
ganz alleine essen“.
Erst jetzt wurden die Rohre aus der Flussmündung entfernt. Dass der Platz nicht noch
einmal überschwemmt worden war,
war reine Glücksache.
Diesmal hatte es Alanya und Izmir getroffen. Die Städte wurden an manchen
Stellen so schlimm überflutet, dass große Autobusse bis zum Dach im Wasser
versanken. Zur gleichen Zeit schneite es in Istanbul.
Zu Weihnachten machte Roswitha René und sich selbst ein Geschenk. Sie kaufte
einen Digital Receiver.
Die waren neu auf dem Markt, und damit konnten 7 deutsche Sender empfangen werden.
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