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7. Kapitel
Der Wunsch ist ein Wille, der sich selbst nicht so ganz ernst nimmt
Sylvester war in diesem Jahr finanziell ein echtes Fiasko in dem die Auslagen die Einnahmen weit übertrafen.
Das war vorauszusehen denn der
Sylvesterabend fiel auf den ersten Fasten-Tag im Ramazan.
Da sich Roswitha aus verschiedenen Gründen nicht nur über Ali, sondern diesmal
auch über ihr Personal ärgern musste,
entließ sie dieses kurzerhand.
Nur Faruk, Abbas und Tamer behielt sie.
Den Winter über wurden nicht mehr Leute
benötigt und gerade im Ramazan waren die Geschäfte immer schon mehr als nur
schlecht.
Auch dieses Jahr fastete sie wieder mit.
Die Auslagen für Sylvester und die Personalkosten hatte Roswitha aus eigener
Tasche bezahlt, da die Restaurantkasse natürlich schon vor Sylvester leer war
und ihr Teilhaber lieber einen Jahreswechsel mit Picknick veranstaltet hätte,
als auch nur eine einzige Mark in die Feier zu investieren.
„Ali“, sagte sie deshalb zu ihm „du erzählst doch jedem ich wäre deine Frau“ - „Natürlich meine Schöne, dass bist du doch auch. Und René ist mein Kind.“ - „Ja gut - wenn das so ist... du weißt, in all den Jahren die ich hier bin, habe ich von dir noch nie einen Pfennig Geld gebraucht. Was ich benötigte habe ich immer selbst verdient, nicht wahr?“. Ihm wurde etwas unbehaglich.
Auf was wollte sie hinaus?
„Natürlich hast du dein Geld hier selbst verdient. Warum?“ - „Durch das Hochwasser und
die anderen unglückliche Umstände musste ich mein Privatvermögen ins Geschäft stecken.
Das ist dir ja bekannt. Jetzt im Ramazan habe ich keine Möglichkeit, dieses Geld
wieder heraus zu ziehen. Es ist praktisch bis zum Frühjahr - na sagen wir mal -
eingefroren.
Bis zum Şeker-Bayram wirst du also - wie ein Ehemann - für mich und für René sorgen müssen.
Es sind ja nur 4 Wochen“ tröstete sie
ihn.
Oh Schreck, dass war ein glatter Tiefschlag!
„Wie soll ich das machen? Ich habe kein Geld. Wenn ich welches hätte, dann würde ich es dir ja geben.
Doch ich habe nicht eine Lira“ jammerte er und wand sich wie ein Wurm.
Mit welchem Geld hatte
er dann 120 Stühle gekauft? Und 50 Tische? Völlig überflüssig. Die alten Stühle
waren wie neu geworden. Er hatte Geld von der Versicherung bekommen! Jetzt
reichte es!!!
„Wenn mein türkischer Ehemann nicht einmal 4 Wochen für mich sorgen kann, dann
wird er auch nicht mehr in meinem Bett schlafen können.“
Sie warf ihn raus. Diesmal endgültig "Und sage nie wieder, dass ich deine Frau bin!!!"
Alis Ausflüchte waren für Roswitha nur das Tüpfelchen auf dem i gewesen.
Diese Beziehung war schon lange keine Beziehung mehr.
Der Januar war Wettermäßig traumhaft. Roswitha lag täglich in der Sonne und war schon richtig braun geworden.
Ali hatte sich einen Vollbart wachsen lassen womit er aussah wie
Frankensteins
Ur-Urgroßvater.
Kurz bevor der Ramazan zu Ende ging schlug das Wetter um. Es regnete und war
kalt.
Morgens - es hatte eigentlich gar nicht einmal übermäßig geregnet - um
7 Uhr war
der Fluss schon bis zum Schwimmbad aus seinem Bett gekommen.
Roswitha nahm es zwar zur Kenntnis dachte jedoch nicht, dass es zu einer
Überflutung kommen würde.
Wie gesagt, es regnete nicht besonders stark. Als sie um 8 Uhr aus dem Caravan kam, hatte sich ein See bis vor ihre Tür gebildet.
Eilig wurde
alles Nötige zusammen gepackt, um ihren Caravan
diesmal in Sicherheit
bringen zu können. Fernseher, Stereoanlage, alles musste ins Bett gelegt werden
um die kurze Fahrt unbeschädigt überstehen zu können.
Das Wasser stieg nun immer rascher. Der Fluss trug die Wassermassen aus Alanya
und Manavgat mit sich, wo es in der Nacht Sintflutartige Regenfälle gegeben
hatte.
Auf der Terrasse mussten wieder Kühlschrank und Herd hochgestellt werden
Stromkabel ausgesteckt und die Stützen des Caravans hochgekurbelt werden. Faruk
und Abbas erledigten diese Arbeiten denn sie wussten: Es ging um Minuten sollte
der Wohnwagen nicht wieder überflutet werden.
Auch Ali kam dazu. Doch anstatt den Männern zur Hand zu gehen, schrie er sie
kreischend an: "Was macht ihr hier? Seid ihr verrückt geworden? Mein Restaurant
steht im Wasser. Die Teppiche und der Zement müssen ins Trockene gebracht
werden". Seine alten,
stinkenden Teppiche, die schon beim letzten Mal im Wasser geschwommen waren, hatten
seiner Auffassung nach höchste Priorität.
Ehe Roswitha richtig wusste wie ihr geschah, stand sie plötzlich ganz alleine im Regen. Das
Wasser ging ihr inzwischen schon über die Knöchel.
Sie machte geschwind noch
alles startklar und rannte dann wutentbrannt zum Restaurant.
Dort schrie sie mit Ali, dass die Wände wackelten. „Du bist mir ja in allen
Lebenslagen eine tolle Hilfe.
Nicht nur, dass du keinen Finger für mich rührst, du ziehst auch noch die Leute
ab die mir zur Seite stehen.“.
Um ihrem Zorn richtig Luft zumachen, schmiss sie einen Stuhl - knapp an Alis
Kopf vorbei - mitten ins Lokal
und rannte zurück zu ihrem Anhänger.
Keine Minute später waren Faruk, Tamer, Abbas und der neue, junge Rumäne an ihrer Seite und zogen gemeinsam den Caravan aus der Gefahrenzone. Wirklich in allerletzter Minute! Ein wenig Wasser war schon in das Innere gelaufen.
Doch die
paar Tropfen waren kein Problem.
Nach diesem Vorfall sprach sie nicht mehr mit Ali.
3 Tage regnete es weiter. Als dann das Wetter endlich besser wurde, ging das Wasser sehr
schnell wieder zurück.
Das Restaurant hatte diesmal nicht viel abbekommen. So schlimm wie das erste
Mal war es bei Weitem
nicht geworden.
Renes Tante war aus Deutschland gekommen. Mit ihr plante Roswitha in diesem Jahr nach Kappadokien
zu reisen.
In Zentralanatolien war dort vom 2. – 4. Jahrhundert die erste große Festung des
Christentums gewesen.
Roswitha wollte schon seit Jahren dort hin, doch immer war etwas dazwischen
gekommen.
Da ihr das Restaurant mittlerweile mehr oder weniger egal war, konnte sie auch gut für ein paar Tage weg.
Schon im letzten Sommer hatte sie weitaus mehr Zeit auf dem Meer, als auf dem Platz verbracht.
Das Einzige was sie noch interessierte, war die Abrechnung. Und das auch nur um ihr Geld aus der Kasse zu ziehen.
Doch im Moment war das
Geschäft noch nicht angelaufen.
Dann kam Faruk mit der Nachricht , dass der Freund in Artvin nun bereit wäre das
Gold an sie zu verkaufen.
Die langen Jahre auf dem Platz hatten sie mürbe und krank gemacht. Sie wollte wieder nach
Deutschland zurück und sah nun in dem Goldschatz die einzige und letzte Möglichkeit
zuhause wieder von vorne beginnen zu können.
Und ihre Wahrsager hatten Roswithas Verstand benebelt.
Anders konnte sie sich es später nicht erklären was dann geschah.
Sie fragte Faruk, ob er sich zutraute, dass Zeug von dem Mann allein, ohne
sie, zu holen. „Das ist kein Problem.
Er hat mich ja deswegen angerufen. Das ist vielleicht auch besser so. Sonst würde Ali noch Verdacht schöpfen“
Roswitha war sich sicher, dass da überhaupt nichts schief gehen konnte.
Der Schatz war schließlich der ihre.
So ließ sie jede Vorsicht außer Acht und gab Faruk das gesamte Geld das ihr noch
verblieben war - dass waren etliche Tausender - und
schickte ihn damit los.
Kappadokien konnte warten! Da fuhr sie später hin - wenn sie reich war.
Als sie dann Emine erzählte, dass Faruk mit einem Vermögen alleine nach Artvin
unterwegs sei, wäre diese beinahe in Ohnmacht gefallen. „Wie kannst
du so etwas machen? Selbst der anständigste Mensch wird bei so viel Geld
schwach“.
Aber Roswitha war zuversichtlich und glaubte an das Gute im Menschen.
Vielleicht
hatte sie von dem vielen Regen ja eine Gehirnwäsche bekommen?
Faruk wollte eigentlich spätestens nach 14 Tagen wieder zurück sein. Immer
wieder rief er an und erzählte,
dem Mann wäre etwas dazwischen gekommen. Er
würde sich erst in 10 Tagen mit ihm treffen können.
Roswitha wartete. Nach 10 Tagen gab es jedoch irgendein anderes Problem.
Roswitha war nun doch etwas beunruhigt.
Sie konnte den Verdacht nicht länger unterdrücken, dass ihr Geld mitsamt dem Schatz
futsch waren.
Ab März lief das Geschäft langsam wieder an. Das Wetter war traumhaft.
René fuhr mit seiner Tante nach Myra.
Das liegt bei Demre
und ist nur eine gute Autostunde von Antalya entfernt.
Der hl. St. Nikolaus war Türke - na schön, Türke konnte er nicht gut sein denn
die Türkei gab es im 4.Jahrhundert noch lange nicht - und in
Patara geboren. Später lebte er
als Bischof in Myra und war wegen seiner guten Taten im ganzen Land bekannt. Zu
der Zeit wurden junge Mädchen nicht selten reichen - oft alten - Männern versprochen. Die
Familien waren arm und ihr einziges Kapital war nicht selten einzig die Schönheit einer
Tochter.
Manche Mädchen waren über eine solche Zwangsheirat sehr unglücklich.
Ihre einzige Hoffnung in dieser Not war dann der brave Mann aus Myra.
Um diesen unglücklichen Mädchen - die häufig noch Kinder waren - zu helfen
legte dieser heimlich Goldstücke vor die Tür des Vaters.
Durch diesen unerwarteten Reichtum war die Familie dann in der Lage, die Tochter
im Hause zu behalten und ihr später einen besseren Ehemann suchen.
Daraus entstand der schöne Brauch des 5.und 6. Dezember, Geschenke vor die Tür
zu legen.
René kam mit strahlenden Augen aus Myra zurück. „Da steht eine kleine Kirche für den
Nikolaus.
Sie sagen dort, wenn man 3 Mal um diese Kirche herum läuft hat man
einen Wunsch frei. Der Nikolaus erfüllt ihn.
Läuft man 7-mal rum, hat man keine Sünden mehr“ - „Wie oft bist du
herumgelaufen?“ fragte Roswitha neugierig.
„3 Mal! Ich habe mir etwas gewünscht“ - „Darfst du mir sagen was?“ - „Ich weiß es nicht. Ich sage es aber lieber nicht,
sonst geht es vielleicht nicht in Erfüllung“.
Roswitha musste sich - wollte sie wieder zu Geld kommen - wohl oder übel wieder mehr um das Restaurant kümmern.
Denn nur dort hatte sie die Möglichkeit, etwas zu
verdienen.
Dann - eines Abends bestand abermals die Gefahr überschwemmt zu werden. Das 3. Mal in kurzer
Zeit.
Roswitha ließ, nachdem die letzten Gäste gegangen waren, im Restaurant alles so
hoch wie möglich stellen.
Auch ihren Caravan machte sie startklar für den möglicherweise notwendigen Umzug.
Der Fluss war an manchen Stellen schon leicht über die Ufer getreten.
Nach der ersten großen Überschwemmung hatte Roswitha 100 leere Säcke gekauft und
sie Ali
gegeben.
Er sollte sie mit Sand befüllen lassen damit man damit - bei Bedarf - die
schwächsten Stellen absichern hätte können.
Doch damals schien die Sonne und er fand es für
unnötig.
Wären sie jetzt da, könnte man mit ihnen das Wasser aufhalten, indem man einen
Damm baute.
Doch leider...
"Du kannst ruhig schlafen gehen. Ich behalte den Fluss im Auge.
Sollte es nötig sein,
werde ich dich wecken“ meinte Tamer worauf sich Roswitha beruhigt ins Bett legte
und auch sofort einschlief.
Morgens um 8 Uhr kam Ali „Bak sana ... Su geldi“ (Schau
mal... Das Wasser ist gekommen) sagte er ganz gemütlich.
„Na ja... Mehr als ein paar Zentimeter können es ja nicht sein, sonst hätte Tamer mich doch geweckt “ dachte Roswitha -
auch noch ganz gemütlich.
Ali, der die Tür bis dahin nur einen Spalt geöffnet hatte um mit ihr sprechen zu
können, öffnete diese und Roswitha sah die Katastrophe die sich in
der Nacht dort ereignet hatte.
Er stand mit hochgekrempelter Hose schon fast bis zu den Knien im
Wasser. Hätte Abbas das letzte Mal nicht eine Betonplatte unter ihren Caravan
zementiert, sie hätte beim aufstehen unweigerlich im Wasser gestanden.
„Wecke bitte die Jungs, damit sie mich hier wegziehen“ bat sie Ali nun doch
nervös geworden.
Er kämpfte sich tapfer durch die Fluten. Als er an Roswithas (Open Air) Küche
angekommen war, sagte er
plötzlich:
„Ohhh ... hier ist ja Strom im Wasser“. Roswitha fiel siedensheiß ein, dass dort noch die Kabelrolle am Boden und damit jetzt im Wasser stehen musste.
Am Abend hatte sie vergessen, diese hochzustellen. Das Kabel war noch immer mit dem Stromnetz verbunden.
„Schnell Ali - Stell die Rolle auf den Tisch!“ sagte sie und nahm an, er
würde vorher die Sicherungen auf Null schalten.
Ängstlich, mit einem Blick als habe sie ihn gerade zum Tode verurteilt, sah er Roswitha an.
Griff aber langsam mit einer Hand nach dem Kabel im Wasser und - fing zu zischen an wie eine Schlange.
Er bekam einen solch kräftigen Stromschlag, dass es ihm die Haare kerzengerade
aufstellte und ihn wie Einstein aussehen ließ. Obwohl er permanent vom Strom
durchflutet wurde ließ er die Kabelrolle keinen Augenblick los und stellte sie
nun schlotternd und mit eigenartigen Zischlauten brav auf dem Tisch ab.
Dann ging wortlos weg.
Diesmal hatten sie Glück. Das Wasser war am Nachmittag wieder in sein Flussbett
zurück gekehrt. Sogar
die Sonne schien.
Mit der Zeit bekamen alle auf dem Platz echte Hochwasser Routine.
Faruk war immer noch nicht wiedergekommen. Er hatte immer neue, märchenhafte
Ausreden.
Doch noch immer wollte Roswitha einfach nicht wahrhaben, dass ihr Geld weg war.
Außer mit ihrer Freundin Emine konnte sie auch mit niemandem darüber sprechen. Im Grunde wollte
sie überhaupt nicht mehr darüber sprechen. So dumm gewesen zu sein, wollte sie
sich am liebsten nicht
einmal vor sich selbst eingestehen.
Mitte Juni litt Antalya unter
einer Hitzewelle von fast 50 Grad im Schatten. Die Temperaturen lagen sogar nachts noch bei über 30 Grad.
Selbst auf dem Boot war es zu heiß. Nur noch in einer der Logen, mit kaltem Wasser an den Beinen aus dem Schlauch und mit Eiswürfeln in den Händen ließ es sich einigermaßen aushalten.
Durch die hohe Luftfeuchtigkeit war das Klima wie in den
Tropen.
Mimi, der das sehr zu schaffen machte, entschloss sich schon einen Monat früher
als geplant nach Deutschland
zurückzufliegen.
Die Hitze - die in Antalya den Asphalt schmelzen ließ - hielt noch weitere 4 Wochen an.
Im Frühjahr war neues Personal eingestellt worden. Unter Anderem auch ein Komi (Kellnerlehrling) ein Junge der, wie er erzählte, Probleme mit seiner Familie hatte. An manchen Abenden war er plötzlich spurlos verschwunden.
Wenn er dann wieder auftauchte, erzählte er die sonderbarsten Geschichten von Geistern,
die ihn verfolgen würden. Für sein unentschuldigtes Verschwinden
und auch für die wirren Geschichten bekam er manchmal Ohrfeigen von
Mehmet.
Eines Nachmittags wollte ein Kellner etwas 'Colonya‘
von Roswitha haben.
"Wofür brauchst du es denn" fragte sie und gab ihm eine Flasche mit „Kölnisch Wasser“.
„Unser Komi Adem ist umgefallen“, antwortete er und ging
zurück zum Restaurant. Roswitha zog sich schnell etwas über ihren Bikini. Auf
dem Weg zum Lokal kam Attila Bey von dort auf sie zu. Betrunken wie immer.
Er sagte "Wenn der Junge nicht sofort ins Krankenhaus gebracht wird, dann stirbt er"
Da musste ja etwas Schreckliches passiert sein, wenn der arme Junge um sein Leben rang!
Weshalb hatte der Garsong eben nichts davon gesagt? Roswitha lief schnell zu Restaurant und fand dort den armen Adem -
der von seinen Kollegen mit Kölnisch Wasser eingerieben wurde - am Boden liegend.
„Vor einer halben Stunde ist er einfach umgekippt“ erzählten die Kellner. "Ich fahre sofort mit ihm ins Krankenhaus" entschied sie. - Doch ihr Auto sprang nicht an. Der Anlasser hatte seit dem Hochwasser immer mal wieder Probleme.
„Ruft einen Krankenwagen“
befahl sie nun aufgeregt.
Die Notärzte meinten am Telefon, sie sollten dem Kranken ‚Colonya‘ unter die
Nase reiben und abwarten.
Sehr komisch. Der Junge war schon über eine halbe
Stunde ohnmächtig.
Roswitha ließ noch einmal einen Notarzt anrufen der dann kurz darauf auch beim
"Kaptans" eintraf.
Die Sanitäter legten den Jungen auf eine Trage, nachdem sie ihn mit einer Infusion und
Nackenstützen versorgt hatten.
Roswitha schickte einen anderen Jungen mit ihm ins Krankenhaus für den Fall, dass Adem dort etwas brauchen würde.
Er war immer noch nicht
wieder zu
sich gekommen.
„Setz dich du lieber ganz schnell hin“, sagte Emine zu Roswitha, „sonst müssen
wir für dich auch einen Krankenwagen bestellen“. Erst jetzt bemerkte Roswitha, dass
ihr wirklich schlecht war. Der Junge tat ihr so wahnsinnig leid.
Er war gerade
mal 15 Jahre alt. Und sie hatte einen Verdacht...
„Mehmet wie ist das passiert? Und erzähl mir nicht noch einmal, er wäre von selbst
umgekippt“ befragte sie nun ihren Kellner scharf nach der Ursache des
angeblichen Kreislaufproblems des Jungen. „Er war heute für die Bar eingeteilt“ rückte Mehmet nun mit der
Wahrheit heraus. „Unser Küchengehilfe wollte von ihm einen Rakı.
Du hast bei der letzten Versammlung aber ausdrücklich verboten, Alkohol an das
Personal auszugeben. Da bekamen die Beiden Streit. Der Spüler wollte sich dann
ganz frech einfach selbst bedienen und Adem versuchte ihn davon abzuhalten. So kam es
zu einem Handgemenge.
Das Übrige kennst du“.
Also doch wegen des Alkoholverbotes! Sie hatte das schon vermutet. Immer wieder erwischte Roswitha das
Küchenpersonal dabei, wie sie sich mit allen Tricks aus der Bar Alkohol
beschafften. Bei jeder passenden oder unpassenden Gelegenheit verbot sie es.
Aber dass jetzt sogar deswegen Leute brutal zusammen geschlagen wurden, dass ging
entschieden zu weit.
Außer sich vor Empörung entließ sie den Schläger auf der Stelle. Ohne ihm seinen
noch anstehenden Lohn auszuzahlen.
„Das wird ohnehin nicht für die Krankenhauskosten reichen. Und die mein Freund, wirst du komplett übernehmen.
Und jetzt verschwinde ganz schnell bevor mir die Hand ausrutscht“.
Roswitha bekam plötzlich schreckliches Heimweh. „Was habe ich all die Jahre hier
nur gesucht?“ fragte sie Emine.
Die zuckte nur mit den Schultern.
Der alte Attila hatte die Polizei verständigt. „Mord und Totschlag“ hatte er ins
Handy gelallt.
Ein Krankenwagen war von ihm nicht verständigt worden.
Adem konnte noch am selben Tag wieder entlassen werden. Er fing sofort wieder zu arbeiten an.
Ein paar Tage später kam er zu Roswitha um zu kündigen. „Ich kann dich gut verstehen mein Junge.
Doch du brauchst keine Angst zu haben, kein Mensch wird dir hier je wieder etwas tun“ - „Das ist nicht das Problem.
Ich will einfach nicht mehr länger mit den ganzen Jungs zusammen schlafen“.
Roswitha war etwas irritiert. Er schlief im Personalraum mit den anderen Komis zusammen und das schon seit Monaten.
Was war plötzlich mit ihm
los?
Erst jetzt fiel ihr auf, dass er geschminkt war. Außerdem hatte er ein
ausgeschnittenes T-Shirt an und da war der Ansatz eines Busens zu erkennen. Was war
denn jetzt los?
„Mein Name ist nicht Adem sondern Hadiçe“
klärte er
die sprachlose Roswitha auf.
Es dauerte eine Zeit bis sie begriff: Adem war ein Mädchen!
Seit Monaten schlief sie schon mit den Jungs zusammen in einem Zimmer und keiner
von ihnen hatte bemerkt, das Adem ein Mädchen war.
Da sie sich zu allem Unglück in Mehmet verliebt hatte, er aber nichts von ihr wissen wollte, ging sie.
Roswitha wurde immer deprimierter. Als Ali für ein paar Tage nach Istanbul fuhr, hatte sie einen schrecklichen Streit mit Tamer. Es ging - wie immer darum - dass die Gäste etwas zu essen bestellten und er keine Lust hatte zu arbeiten.
Die Kellner waren verzweifelt. Endlich war das Lokal wieder einmal voll und aus der Küche kam nichts.
Tamer und Roswitha schrieen sich fürchterlich an - was die Gäste natürlich auch mitbekamen. Am Ende forderte sie den rebellischen Koch auf, die Küche auf der Stelle zu verlassen. "Dann gib mir erst Mal meine 10 000 Mark Abfindung" brüllte er. Schließlich hätte er Anspruch darauf da er jahrelang für Ali geschuftet hatte. „Dann mach das gefälligst auch mit deinem Ali aus. Ich bin dir nichts schuldig! Solange ich hier bin, hast du nie gearbeitet und deinen Lohn dennoch pünktlich jeden Monat bekommen. Und jetzt raus aus meiner Küche“.
Noch vor kurzer Zeit regte sie sich über solche Streitereien nicht besonders auf. Doch
ihr Nervenkostüm war sehr dünn geworden. Sie zitterte am
ganzen Körper
Als Ali aus Istanbul zurückkam, arbeitete auch Tamer sofort wieder in der Küche.
„Er ist doch betrunken gewesen und hat es bestimmt nicht so gemeint“, war alles
was er zu diesem Thema sagte.
Auch das Warten auf Faruk zerrte furchtbar an den Nerven. Sie wollte einfach
nicht wahrhaben, dass ihr schönes Geld weg war.
Roswitha hatte schon gehört, das Nermin aus Österreich nach Antalya gekommen
war. Sie hatte sich eine Eigentumswohnung in der Stadt gekauft, doch beim „Kaptans“
hatte sie sich noch nicht sehen lassen.
Schon seit 2 Jahren versuchte sie, von Ali den Laden in der Altstadt zurück zu bekommen. Ohne
Erfolg.
Als Ali hörte, dass sie das Geschäft anderweitig vermieten wollte, eröffnete er schnell ein Lebensmittelgeschäft dort.
Als Geschäftsführer hatte er Selim, ihren alten Garsong eingestellt, den Roswitha seinerzeit entlassen hatte als er für Ali den Zuhälter gespielt hatte.
2 Jahre war Nermins Laden leer gestanden.
Erst nachdem der Vertrag abgelaufen war, hatte Ali sich dort ein Geschäft eingerichtet.
Mindestens 2 Mal jedes Jahr war Nermin nach Antalya gekommen. Immer in der
Hoffnung, Ali würde freiwillig
ihr Eigentum an sie zurückgeben.
Ali dachte nicht einmal im Traum daran. Das freundschaftliche Verhältnis der
Beiden wurde dadurch sehr getrübt.
Nermin bot ihm Geld für die freiwillige Räumung an. Er lachte sie nur aus.
„Ali Abi“, sagte Nermin einlenkend zu ihm, „dein Geschäft läuft doch überhaupt nicht. Du machst nur Verlust dort. Außerdem ist es so ungepflegt, dass sich schon die Nachbarn darüber beschweren“. Schreiend teilte Ali ihr mit, was diese Nachbarn ihn könnten. Er rechnete ihr vor, was ihm alleine die Einrichtung gekostet hatte. Dabei schlug er mindestens 200 Prozent auf.
„Ich werde dir die doppelte
Summe dafür bezahlen“ bot Nermin ihm an. Doch für dieses gut gemeinte Angebot
wurde sie von Ali nur beschimpft. Weinend
sagte Nermin zu Roswitha „Mein Mann erwartet das ich mit der Nachricht nach
Österreich zurück komme, dass der Laden endlich leer ist“. „Dann soll sich dein
Mann doch mit Ali herumstreiten“, war Roswithas Kommentar.
Auch diesmal musste Nermin zurückfliegen, ohne das die Sache erledigt worden wäre.
Roswitha hatte versucht, mit Ali über dieses Thema zu sprechen. „Ihr wart doch
so gute Freunde. Wegen einem Verlustgeschäft setzt du jetzt diese
Freundschaft aufs Spiel. Mich geht es ja nichts an, aber nimm das Geld von ihr und gib ihr den Laden zurück.
Er gehört ihr schließlich. Du wirst nicht darum herumkommen.
Nur das sie dir später so ein Angebot nicht mehr machen wird und euere
Freundschaft kaputt geht“ - „Was mischt du dich da ein? Das geht dich überhaupt
nichts an“, schrie er wie von Sinnen. „Das werden wir ja noch sehen, ob ich den
Laden hergeben muss. Das ist mein Geschäft! Halt du dich aus dieser Sache ja
raus“. „Du bist ein Idiot“, schrie Roswitha zurück und ließ ihn stehen.
Wie gesagt, 2 Jahre ging das inzwischen so. Und jetzt war Nermin wieder in
Antalya.
Bestimmt würde es auch diesmal wieder Streit mit Ali um den Laden
geben.
Abends kam dann Nermin ins Restaurant. Als sie sich begrüßt hatten, setzte sie
sich zu Roswitha und Emine an den Tisch.
„Ich habe mich gerade mit Tamer Abi unterhalten. Er meint, ich soll Alis Sachen einfach von einer Umzugs Firma aus dem Laden räumen und hierher bringen lassen. Was denkst denn du Roswitha?
Soll ich es denn so machen?“. „Ja wenn Tamer meint, du sollst so vorgehen, dann wird er schon Recht haben. Ich weiß nur, freiwillig zieht Ali da nie aus“ - „Gel... Dass sagst auch du. Ich habe ihm doch wirklich genug Zeit gelassen, oder was denkst du? Gern tue ich es ja nicht. Aber nachdem sein Geschäft dort ohnehin geschlossen ist, wäre jetzt doch eine gute Gelegenheit“ -
„Der Laden ist geschlossen? Das wusste ich gar nicht. Seit wann denn?“ - „Schon seit Wochen. Angeblich hat Selim an allen Ecken Schulden gemacht und ist dann mit der Kasse durchgebrannt“ - „Ja? wirklich?“ Natürlich hatte Roswitha davon gehört. Nur eine andere Version. Ali hatte überall Schulden gemacht und Selims Lohn monatelang nicht bezahlt. Der hatte sich dann eines Tages den Innhalt der Kasse geschnappt und war damit getürmt. „Und du meinst auch, dass ich den Laden einfach ausräumen lassen soll?“ - „Wenn du ihn wirklich zurück haben willst, bleibt dir wohl nichts anderes übrig“.
„Gut.
Gleich morgen früh bringe ich das hinter mich“ - „Wenn ich dir einen guten Rat
geben darf: Komm danach nicht sofort hierher. Ali wird toben“ - „Das hatte ich
nicht vor. Ich lasse dort ausräumen und am nächsten Tag fliege ich zurück nach
Österreich“.
Morgens um 10 Uhr kam ein Kleinlaster. „Wo sollen wir die Sachen hinstellen“,
fragten die Männer.
Roswitha zeigte ihnen eine Stelle und dort begannen sie,
Alis Ladeneinrichtung abzuladen.
Diese bestand aus rostigen Regalen, einem Kühlschrank mit ein paar Flaschen
Bier an denen schon der Schimmel hing.
Und eine uralte, rostige
Registrierkasse.
Sie hatten noch nicht richtig mit dem Abladen angefangen, da kam Ali die
Einfahrt herunter
gefahren.
Als er seine Sachen auf dem Lkw sah, bekam er einen Tobsuchtsanfall.
Roswitha dachte bis dahin, sie würde
Ali kennen. Doch so hatte sie ihn noch nie erlebt. Diesmal war er überhaupt
nicht feige.
Er schrie furchteinflößend mit den drei kräftigen Männern. "Die Sachen werden
sofort wieder aufgeladen und dahin zurück gebracht wo ihr sie abgeholt habt".
Als die Männer sich weigerten griff Ali wie King Kong in das Fenster des Lasters und schüttelte einen
von ihnen, dass ihm übel wurde.
Auf so etwas war keiner von ihnen gefasst. Sie hatten ja nur den Auftrag, die
Sachen beim „Kaptans“ abzuladen.
Dafür hatten sie 100 Mark von Nermin bekommen.
Das sie dort tätlich von einem Verrückten angegriffen wurden, war jedoch nicht im Preis inbegriffen.
Ali ging wie tobsüchtig immer wieder auf die Männer los. Tamer stand tatenlos daneben
und machte
keinen Versuch Ali zurück zuhalten. Und als dann die Männer zurückprügelten,
keinen Versuch diese davon abzuhalten.
Emine stellte sich dazwischen bevor das Ganze eskalieren konnte. Roswitha versuchte Ali fest zuhalten.
Die
Männer, die inzwischen aus dem Auto ausgestiegen waren, setzten sich wieder in
ihren Laster und fuhren mit Alis Einrichtung zurück nach Antalya.
Ali rannte tobend ins Restaurant und rief bei Nermin an. „Hure“ war noch einer
der harmlosesten Ausdrücke mit denen er sie beschimpfte. Er tobte wie ein
Wahnsinniger. Nicht nur Nermin, ihre ganze Familie, ihre Mutter und vor allem
Nermins Ehemann wurden von ihm auf das Schlimmste beleidigt.
Dann raste er mit seinem Mercedes die Einfahrt hinaus.
Etwa 1 Stunde später rief Nermin im Restaurant an: „Ist er da?“ fragte sie.
„Nein, er ist weggefahren“.
„Dann schicke ich jetzt seine Sachen noch einmal vorbei“ teilte sie ungewohnt entschlossen mit.
Diesmal kam Ali nicht dazu und die Männer konnten abladen.
Eine Stunde nachdem sie weg waren, kam er dann zurück. Als er seinen Ramsch auf dem
Platz stehen sah, bekam er erneut einen Tobsuchtsanfall. Diesmal entlud sich
seine Wut an Roswitha. „Das alles ist doch auf deinem Mist gewachsen“, schrie er
sie cholerisch an. „Wieso hast du dich in meine Angelegenheit gemischt? Das
werde ich dir heimzahlen“.
Er lief zum Restaurant und ließ die erst einmal sprachlose Roswitha stehen.
„Wie kommt er darauf, dass ich etwas damit zu tun
habe?“ fragte sie Emine.
Maßloser Zorn stieg in ihr auf. Wütend rannte sie ihm ins Restaurant hinterher, wo er nun
am Telefon hing und wieder Nermin beschimpfte. „Du Vollidiot“, schrie Roswitha
ihn rabiat an. „Was habe ich denn mit deiner Nermin zu schaffen? Du willst Streit mit
mir? Den kannst du gerne haben“. Sie nahm einen Stuhl und warf ihn nach ihm. Er
verfehlte Alis Kopf nur um Haaresbreite. Vor Schreck fiel ihm der Hörer aus der
Hand. „Wenn du wissen willst, auf wessen Mist die Idee gewachsen ist, dann frag
erst deinen guten Freund, bevor du dich mit mir anlegst“. Das ganze Personal
hatte sich geschlossen hinter sie gestellt.
Ali suchte erschrocken das Weite. Als Roswitha außer Sichtweite war, rief er die
Polizei an. Er wusste, Nermin wollte am nächsten Tag die Türkei verlassen. Nun
beschuldigte er sie des Diebstahls.
Angeblich waren in seiner alten Registrierkasse 100 000 Dollar gewesen und die hätte Nermin gestohlen.
„Diese dreckige Nutte wird die Türkei nicht verlassen.
Das garantiere ich. Die bringe ich hinter Gitter“ schrie er am Platz herum. Die
Restaurantgäste sahen ihm bestürzt hinterher. „Jetzt ist Ali Bey total
übergeschnappt“ sagte Emine erschüttert zu Roswitha.
„Komm, wir fahren zu Nermin“, sagte Roswitha zu ihr. Die saß tränen überströmt
in ihrer Wohnung.
„Ich dachte immer, Ali Bey wäre unser Freund“, schluchzte sie, „was der mich heute alles geheißen hat... nein, so eine Schande. Den zeige ich an. Jetzt behauptet er auch noch, ich hätte 100 000 Dollar gestohlen. Die lassen mich morgen bestimmt nicht ausreisen. Ich muss doch sofort in Innsbruck zu arbeiten anfangen. Aber ich werde diesen unverfrorenen Lügner anzeigen. Emine wirst du für mich als Zeuge aussagen? Du hast doch alles gesehen und weißt wie es war. In der Kasse war doch nicht eine einzige Lira“. „Ich habe keine Ahnung von dieser Kasse und deren Inhalt. Und gegen Ali Bey werde ich auch nicht aussagen. Ihr werdet euch später wieder versöhnen und ich bin dann die Dumme“ - „Wie kannst du nur glauben, dass ich jemals wieder im meinem Leben mit diesem Mann auch nur ein Wort sprechen werde? Nach allem was er mir heute angetan hat?
Ach, wenn doch nur
mein Mann jetzt hier wäre“.
Sie fing wieder hemmungslos zu weinen an. „Roswitha wirst du für mich Zeuge
machen? Ich bin doch kein Dieb. Du kennst mich doch“ - „Beruhige dich Nermin.
Niemand wird Ali die Geschichte mit den Dollars glauben. Dazu kennt man ihn hier
zu gut“ antwortete sie ausweichend. „Die Polizei hat schon bei mir angerufen.
Sie wollen eine Aussage zur Sache von mir“ schluchzte Nermin. „Dann geh hin und mache deine Aussage. Du hast
doch nichts zu befürchten“.
„300 Mark hat mich der Spaß gekostet. 100 Mark fürs hinfahren und 100 Mark
wieder zurück. Dann noch einmal 100 Mark.
Und jetzt werde ich auch noch als Dieb
beschuldigt. Ist das nicht ungerecht?“
Das Telefon klingelte. Es war Alis Mumie aus Istanbul. Nermin hatte schon
versucht sie zu erreichen und nun rief sie zurück. Nermin erzählte ihr
haarklein, was Ali sie alles geheißen hatte. „Allah... wird diesen Satan
dafür in die Hölle schicken“
„Und dann hat er noch behauptet, ich hätte ihm 100 000 Dollar aus seiner alten Kasse gestohlen“, schrie sie verzweifelt in den Apparat. „100 000 Dollar will er von dir haben? Davon soll er mir erst meinen Unterhalt bezahlen.
In der Hölle
soll er schmoren, dieser Lügner. Allah... soll ihn mit großem Unglück bestrafen“.
Roswitha und Emine verabschiedeten sich von Nermin.
Am nächsten Morgen fuhr Ali schon sehr früh weg. Sein Zorn hatte sich immer noch nicht gelegt.
Nie, in all den Jahren, hatte Roswitha ihn so wütend erlebt.
Er hatte allen erzählt, der kleine Laden wäre sein alleiniges Eigentum. Jetzt war es
natürlich eine furchtbare Schande, dass er öffentlich aus seinem Besitz hinaus
geworfen worden war. Außerdem hatte er dort sein geheimes Liebesnest
eingerichtet und was sollte er nun seine Freundinnen erzählen?
Als er, nach einer halben Stunde, wieder zum Camping zurückkam, hatte er eine
blutunterlaufene, dicke Nase. Er war zu den Männern der Umzugsfirma gefahren und hatte dort
weitergestänkert. Diesmal hatten die Männer nicht lange gefackelt und ihm auf
sein Riechorgan geboxt.
Dann kam die Polizei auf den Platz. Hätten sie Ali nicht schon Jahre gekannt, er
wäre wegen Verleumdung verhaftet worden.
So hielten sie ihm nur eine Standpauke. Nie wieder dürfe er jemanden als gemeinen Dieb beschuldigen.
Ali versprach es hoch und heilig und der Fall war erledigt. Nermin konnte abfliegen.
Ein paar Tage später kam Davut. Er hatte 10 Tage Urlaub und war sofort gekommen
Roswitha und René zu besuchen.
Noch bevor er nach Ankara zu seiner Familie ging.
Dass mit seiner Freundin etwas nicht stimmte, bemerkte er sofort. „Was ist denn mit Roswitha
los?“, wollte er von Emine wissen. Doch die sagte: „Nichts!“. Sie konnte ihm ja
nicht gut erzählen, dass Roswitha ihr gesamtes Geld für einen Schatz hergegeben
hatte, der wahrscheinlich gar nicht existierte.
Zusammen mit Davut gingen sie aufs Boot und verbrachten weitaus mehr Zeit dort
als auf dem Platz.
Dann wollte Emine wieder zurück nach Istanbul. „Serdar
vermisst mich und ich ihn auch. Aber nach
5 Monaten ist das ganz normal. Jetzt hast du ja Davut“.
Als sie abfuhr war Roswitha traurig. Sie liebte Emine wie eine Schwester.
Den ganzen Urlaub wich Davut nicht von Roswithas Seite. Er fragte sie nichts,
war einfach nur da.
Davut und Roswitha hatten sich wie früher schon, sehr viel zu erzählen.
Stundenlang saßen sie zusammen und unterhielten sich.
Davut sprach von seiner Bauchtänzerin und was ihn noch mehr beschäftigte, vom
Militär. Roswitha hatte selbst auch genug Gesprächsstoff. Im Moment
machte ihr das Abendprogramm Kopfzerbrechen. Bora war in letzter Zeit
immer unausstehlicher geworden. Eines Abends kam er ins Restaurant und weinte
herzzerreißend.
Seine kleine, behinderte Schwester war gestorben. Das er an
diesem Abend kein Programm machte, war für Roswitha selbstverständlich. Er
setzte sich an alle Tisch und erzählte weinend jedem Gast wie traurig er über
den Tot der Schwester war. Nach 2 Stunden war auch der letzte total deprimiert.
Pascha, der seinen Militärdienst beendet hatte und wieder beim „Kaptans“
arbeitete, wusste nicht mehr, ob er überhaupt noch Musik spielen sollte.
Bora erhob
sich schluchzend von einem Tisch und sprach anschließend mit Pascha. Dieser sah
ihn ungläubig an und nickte dann zögernd mit dem Kopf. Dann kündigte er an, dass
der Star des Restaurants in ein paar Minuten mit dem Programm beginnen würde.
„Will er tatsächlich auftreten?“ fragte Roswitha Pascha ungläubig. „Ich verstehe ihn
auch nicht. Doch er zieht seine Show durch“ - „Warum musste er dann erst allen
Gästen vom Tot seiner Schwester erzählen? Dachte er, dass hebt die Stimmung?“ -
„Frag mich nicht, ich begreife das ebenso wenig wie du“.
Bora betrat die Bühne, die Show begann. Er war - sobald er auf der Bühne stand -
genauso fröhlich wie immer.
Nur die Stimmung der Gäste wollte nicht so recht aufkommen. Erst als ein paar
Neuankömmlinge dazu kamen, die von Boras Trauer keine Ahnung hatten, wurde es etwas
lockerer.
Nach seinem Auftritt fing Bora wieder hemmungslos zu heulen an.
Er lieh sich von Roswitha 100 Dollar. Für die Beerdigung.
Danach wurden seine Eifersüchteleien unerträglich. An Deryas Programm ließ er
kein gutes Haar mehr.
Erst kam er eine Zeitlang sehr unregelmäßig und dann gar
nicht mehr.
Klammheimlich hatte er - nur 3 km vom "Kaptans" entfernt mit seinem Freund ein
eigenes Lokal eröffnet.
Nach wenigen Wochen musste dort wegen Besuchermangels
schließen. Bora war außerhalb des "Kaptans" nicht mehr gefragt. Doch auch das
Restaurant erreichte nie wieder die Besucherzahlen die es zu Boras Zeiten
verbuchen konnte.
Nun
wäre er liebend gerne wieder zum „Kaptans“ zurückgekommen. Doch Roswitha hatte kein
Interesse.
Derya arbeitete - nachdem Bora weg war - auch sehr disziplinlos. Sie kam nur,
wenn sie Lust hatte.
Roswitha war das Restaurant im Grunde völlig gleichgültig. Als Ali den Koch
Ibrahim entlassen hatte, musste sie wohl oder übel einsehen dass, so sehr sie
auch kämpfte, sich immer wieder Alis und Tamers System breit machen würde.
Nun hatte sie keine Lust und auch keine Nerven mehr, dass zu ändern. Außer der Abrechnung
kümmerte sie sich so gut wie nicht mehr. Und auch Ali war ihr völlig
gleichgültig geworden.
Obwohl sie schon seit Monaten getrennt lebten, hatte
Ali nun heftige Eifersuchts-Attacken und die ließ er Davit spüren.
Als Roswitha, René und Davut am Tisch
vor dem Caravan zusammen saßen, rief Ali den Jungen zu sich um etwas Wichtiges
mit ihm zu besprechen.
Als Davut zurück kam, war er etwas konsterniert. „Was
wollte lieb Ali denn von dir?“ wollte Roswitha wissen. „Ach - ihm passt es nicht,
dass ich mit dir auf deinem Boot bin und er meinte, die Leute könnten
sich dabei etwas Falsches denken“ - „Wir sind doch nie alleine dort. Außerdem
geht ihn das gar nichts an. Was sagst du denn dazu?“ - „Weißt du, ob die Leute reden,
oder was sie denken interessiert mich nicht. Wenn es dich nicht stört, mich
stört es bestimmt nicht“.
Also saßen sie auch weiterhin zusammen und redeten und redeten. Zwei Tage später
kam Ali wieder vorbei. „Ihr habt anscheinend ein Thema gefunden, das nie endet.
Soviel kann man sich doch nicht zu sagen haben“. „Oh doch" antwortete Roswitha.
"Ja über was redet ihr denn so ausgiebig? Kannst du mir das mal sagen?"
"Natürlich mein Prinz - Zum Beispiel darüber, dass
wir beide uns in eine Hure verliebt haben und beide damit auf die Nase gefallen
sind. Alleine dieses Thema beinhaltet Gesprächstoff für mehre Wochen“.
René der auch dabei saß, mischte sich ein.
„Davut kann sich ja in eine Hure verliebt haben, aber wer war denn deine Mama?“
Grinsend zeigte Roswitha auf Ali.
„Aber Mama - er kann doch keine Hure
sein ...höchstens ein Schwuler“ meinte er trocken.
Das er jetzt anfing zu eifern, war für Roswitha schwer verständlich. Sie lebten
doch gar nicht mehr zusammen.
Außerdem war er selbst keine Nacht zu Hause. Was
sollte das also?
Später spielte sie mit Davut im Restaurant Backgammon und da das Geschäft an
diesem Tag gut lief,
nahm sie 150 Dollar aus der Kasse und verbuchte sie mit dem, was das Restaurant ihr schuldete.
Ali kam an ihren Tisch und tobte wie ein Irrsinniger wegen der Dollars. Da
Roswitha überhaupt nicht auf sein Gekeife reagierte, dampfte er wieder ab. „Ich
verstehe nicht, warum er mit dir wegen der paar läppischen Dollars so einen Streit
vom Zaun bricht. Doch ihm ging es überhaupt nicht um das Geld - Der
hat nur Streit gesucht weil wir schon wieder beieinander sitzen“
stellte Davut fest. Ihm tat das alles furchtbar leid.
Er tat Roswitha auch sehr leid, denn am nächsten Tag musste er wieder zurück
nach Mersin.
Unvermittelt meinte er: „Von allem habe ich die Gespräche mit dir
am meisten vermisst“.
Davut sah in Roswithas Tasse. Eine glückliche Zukunft versprach der Kaffeesatz.
Na ja, wenigstens die Aussichten waren da auf eine schöne Zukunft. Wenn auch
die Gegenwart gar nicht danach aussah.
Keine Nachricht von Faruk oder dem Schatz. Roswitha hatte ihre rosarote Brille verloren Sie sah alles nur noch grau in grau.
Als Davut weg war, kam sich Roswitha gänzlich verlassen vor. Sie wurde
immer nervöser und war ständig müde und lustlos.
Stand sie morgens auf, war sie schon eine Stunde später wieder ganz schlapp.
Als sie ihre Freundin Sakine in Tekirova besuchte, zitterten ihre Hände so
stark, dass sie Mühe hatte sich eine Zigarette anzuzünden. Doch sie schenkte
dem keine besondere Beachtung. „Bestimmt vermisse ich einen Freund
oder muss
einfach mal wieder einmal raus hier“ dachte sie.
Sie nahm ihr letztes Geld und flog damit nach Istanbul zu Emine.
„Hast du abgenommen?“ fragte Emine als sie ihre Freundin wieder sah. „Ich weiß
nicht. Das glaube ich aber nicht“ antwortete Roswitha. „Wie geht es euch denn?“
-
„Ach, es ist immer das Gleiche bei uns“, antwortete Emine.
Zusammen fuhren sie am nächsten Tag in den großen Basar. Es regnete
fürchterlich. Der „ Kapalı Çarşı”
- Geschlossene
Stadt
-
wie
der Basar dort
genannt
wird,
ist überdacht und einer der
schönsten Märkte der Welt.
Auch in Istanbul waren die Geschäfte schlecht geworden. Kein großes Gedränge
mehr in den Gassen des Basars wie es Roswitha noch vor einem Jahr erlebt hatte. Die Verkäufer saßen deprimiert vor ihren
Geschäften und warteten auf Kundschaft.
Die täglichen Bombendrohungen der PKK waren der Grund dafür, dass es so ruhig
dort war. Man sah fast keine Touristen.
Und schon gar keine die etwas
eingekauft hatten.
Noch ein anderer Grund war, dass im Februar 1998 alle Spielkasinos der Türkei geschlossen worden waren.
Es gab bis dahin etwa 80 davon in fast allen 5 Sterne
Hotels. Besonders die Israelischen Touristen waren wegen des Glückspiels in die
Türkei gekommen. Auch sie blieben jetzt aus.
Erbakans Partei hatte die Kasinos schließen lassen, da im Islam jegliche Art von
Glücksspiel verboten ist.
Ein praktizierender Moslem würde niemals spielen.
Nicht einmal in der Nationallotterie.
Roswitha hatte immer sehr viel Spaß, wenn sie einkaufen ging. Aber in diesem Jahr machte nicht einmal das Freude.
Hatte sie all das schon zu lange gesehen
oder stimmte etwas nicht mit ihr?
Mit dem Dolmuş
zu
fahren ist in Istanbul nicht sehr bequem. Die kleinen Busse waren
dermaßen überfüllt, dass Roswitha Angst hatte, René würde zerquetscht werden von
den vielen Menschen.
Der Regen wurde immer schlimmer. Die Strassen sahen inzwischen aus wie die
Kanäle Venedigs.
Für die Fahrt vom Basar nachhause brauchten sie doppelt so lange wie normal.
„Ich bin wahrscheinlich das letzte Jahr hier und würde mir morgen gerne das Topkapı Museum anschauen.
Weißt du, wie wir da hinkommen Emine?“
fragte Roswitha als sie endlich in der Wohnung angekommen waren.
Emine hatte das Museum ein paar Jahre zuvor einmal besichtigt, doch wie man dort hinkam wusste sie nicht.
Serdar rief einen Freund an. „Er wird euch mit seinem Auto hinbringen“ sagte er
dann. Alle waren froh,
nicht wieder mit dem Dolmuş fahren zu müssen.
Der Freund kam pünktlich und holte die beiden Frauen und René ab. Dem
chaotischen Verkehr in
Istanbuls Innenstadt war dieser Mann nicht gewachsen. Er fuhr sehr langsam
und unsicher.
Als er an einer Ampel vorschriftsmäßig wartete, fuhr ihm ein ungeduldiger
Verkehrsteilnehmer den Außenspiegel ab.
Die beiden Frauen schimpften und wollten aussteigen, um von dem anderen
Fahrer einen neuen Spiegel zu fordern,
als Serdars Freund - als wäre nichts
passiert - einfach weiterfuhr.
„Aber Abi - warum fährst du denn jetzt weiter? Der Mann hat deinen Spiegel kaputt
gefahren und muss ihn ersetzen“
fragte ihn Emine verständnislos. Er zuckte nur mit den Schultern und
starrte krampfhaft auf die Straße.
Ein paar Kreuzungen weiter - wieder an einer Ampel - kam ein Dolmuş. Von
ihm wurde der rechte Außenspiegel abgefahren, der scheppernd auf den Asphalt fiel.
Mutig stieg jetzt der Abi doch aus seinem Wagen aus und ging forschen Schrittes zu dem Minibusfahrer.
Er zeigte schüchtern auf den verbeulten Spiegel und sagte: „Gnädiger Herr ... Mein
Spiegel“.
Der gnädige Herr drohte mit der Faust und schrie. „Aptal - Du stoppst den ganzen Verkehr.
Setz dich endlich in dein Auto und fahr weiter du Idiot“.
Zutiefst erschrocken rannte der Mann um sein Auto - setzte sich hinters Steuer
und fuhr mit Vollgas davon.
Emine, Roswitha und René lachten Tränen. Das war also das sprichwörtliche
Faustrecht:
Machte man eine Faust, hatte man Recht.
Der arme Fahrer verstand gar nicht, was da so lustig war. Er hatte soeben seine
beiden Spiegel verloren.
Nach ein paar Minuten hielt er den Wagen an und sagte „Das Museum ist hier!“ Mit dem Finger
zeigte er in eine Richtung. „Dort?“ fragte Roswitha noch einmal nach.
Jetzt zeigte er in die andere Richtung und meinte: „Sie können auch da hinein.
Ich muss euch leider hier herauslassen.
Direkt vor dem Topkapı gibt es zum
Halten keine Möglichkeit“.
Sie stiegen aus und gingen in die Richtung, in die der Mann zuerst gezeigt
hatte. Das Museum fanden sie jedoch nicht.
Auch nicht in der anderen Richtung.
Sie fragten ein paar Mal, doch das Museum schien noch weit entfernt zu sein. Da
sie nun schon vor der
„Hağia Sophia“ standen, besichtigten sie eben diese
Moschee.
Mosaiken aus Gold stellten die hl. Mutter Gottes und auch Jesus dar. In der
bewegten Geschichte Istanbuls war die
„Hağia Sophia“ einst eine Kirche. Sie soll sogar die erste christliche Kirche der Welt gewesen sein.
Aus dieser Zeit stammen die Bilder.
Der Koran verbietet ausdrücklich die Verehrung von Götzenbildern, Statuen und
anderen Gottheiten. Die Bibel verbietet es ebenso. Doch in keiner Moschee, im
Gegensatz zu unseren Kirchen, findet man normalerweise ein Bild.
Das Gebot: „Du sollst dir kein Bildnis machen“, wird Wort für Wort befolgt.
Einzig ein Bild der
hl. Kaaba ist erlaubt. Dem Ort in Mekka, von dem gesagt wird, dass es einmal das
Haus des Propheten Adams war.
Als sie die Cami
verließen, regnete es wieder in Strömen. Die Straßenbahnen und auch die Dolmuş
Busse waren hoffnungslos überfüllt. „Wir nehmen ein Taxi“ beschloss Roswitha.
Davon standen genügend freie herum. Als sie in das Erste einsteigen wollten,
wehrte der Fahrer ab. Er wäre besetzt und warte hier auf einen anderen Fahrgast.
Sie liefen zum nächsten. Auch dieser war besetzt und wartete dort nur auf seinen
Gast der jeden Augenblick kommen sollte.
Der nächste hatte zufällig gerade Pause.
Inzwischen waren sie klatschnass. Roswitha hatte Angst der Kleine würde sich erkälten. Sie machte die Tür des nächsten Taxis auf und sagte: „Los René - steig ein! - Du auch Emine“. Der Fahrer wollte abwehren doch Roswitha schob Emine einfach in das Auto und setzte sich dann selbst dazu.
„Mein lieber Freund, du wirst uns jetzt fahren. Und erzähl mir nicht, du würdest auf jemanden warten.
Mein Sohn wird krank und ich steige erst zu Hause wieder mit ihm aus diesem Taxi aus“. „Gnädige Frau, beruhigen sie sich“ sagte er grinsend. „Ich fahre sie ja. Sie müssten mir nur noch sagen wohin“.
Emine nannte ihm die
Adresse.
Die Istanbuler Taxichauffeure fahren bei solchen Wolkenbrüchen am liebsten gar
nicht. Sie haben Angst, ihre Autos könnten beschädigt werden, da die Straßen
sehr schnell überfluten.
Als Serdar nach Hause kam, erzählte Emine ihm lachend wie sein Freund an einem
Tag zwei seiner Autospiegel verloren hatte. „Und von Roswitha habe ich heute
gelernt, wie man auch bei Regen in Istanbul zu einem Taxi kommt“.
Die Schule
fing wieder an und Roswitha fuhr mit René zurück nach Antalya.
Am Camping wartete eine Überraschung auf sie. Helmut war gekommen. Mit noch zwei
anderen Caravans.
Ein Ehepaar kannte Roswitha. Sie waren im letzten Jahr schon einmal da gewesen und dann nach Israel weitergefahren.
Dieses Jahr sollte es
nach Syrien gehen.
Die zweite Überraschung erwartete Roswitha als sie zu ihrem Caravan ging.
Sämtliche elektrische und elektronischen Geräte waren durchgebrannt! Anstatt 220
Volt waren 400 Volt durch die Leitungen gekommen. Sie musste froh sein, dass der
Caravan nicht abgebrannt war.
Roswitha verlor fast ihre Hose. „Also - was die neuerdings für Stoffe haben
ist ein Skandal. Die werden von selbst immer weiter und weiter. Mit solchen
Hosen kann man sich nirgends hintrauen - man verliert sie ja auf der Straße“ sagte sie zu Helmut und kaufte sich eine
neue Hose.
Das sie es war, die täglich dünner wurde kam ihr gar nicht in den Sinn.
Das Zittern wurde auch nicht besser und ihre Fingernägel waren drauf und dran
sich vom Nagelbett zu lösen.
Doch Roswitha hatte keine Zeit und keine
Lust, sich darüber Gedanken zu machen.
Sie trauerte vergangenen Zeiten nach. Und sie wollte nicht wahrhaben, dass der Schatz
nun doch nicht kam. Das war Unmöglich! Es konnten sich doch nicht alle ihre Wahrsager so
geirrt haben.
Sie wartete! Obwohl sie eigentlich genau wusste, dass da nichts kommen würde.
Sie kam sich vor, als wäre sie in ein dunkles Loch gefallen und wartete darin,
dass endlich die Sonne wieder aufging.
Wie konnte sie jetzt nach Deutschland
zurück?
Inzwischen hatte sie schreckliches Heimweh. Die Geschäfte waren sehr schlecht
geworden. Überall in der Türkei.
Die PKK hatte erreicht, was sie erreichen
wollte.
Touristen kamen nur noch sehr wenige. Die Geschäftsleute die ihre Geschäfte hauptsächlich
mit Ausländer gemacht hatten, gingen Bankrott. Diese
Geschäftsleute waren jedoch die Gäste des „Kaptans“.
Wenn sie nichts mehr
verdienten, verdiente auch das "Kaptans" nichts.
Darauf zu warten dass sich die Lage bessern würde war sinnlos.
Früher, wenn Roswitha ein paar Tage vom Camping
weg war, vermisste sie ihn und freute sie sich immer sehr,
wieder zurückzukommen.
Jetzt bekam sie Magenschmerzen, wenn sie den Platz nur sah.
Zum Glück war Helmut da. Hätte sie ihm von ihren Sorgen erzählt, er hätte sofort versucht ihr irgendwie zu helfen,
dass wusste sie. Aber sie sagte kein Wort. Sie
hätte ihm dann ja auch erzählen müssen, wie blöd sie gewesen war.
Außerdem wollte sie nicht, dass er sich Sorgen um sie machte. Er hatte schon
einmal einen leichten Schlaganfall gehabt. Aufregungen waren Gift für ihn.
Zum ersten Mal seit sie in die Türkei gekommen war, tat sie gar nichts. Sie saß
wie gelähmt da und wartete auf ein Wunder,
dass sie aus ihrer aussichtslosen
Situation retten würde und war tieftraurig.
Eines Abends kam Kazım, Nermins Ehemann mit einem Freund ins Restaurant. „Oh“,
dachte Roswitha. „Jetzt wird Ali sich vor ihm für die schlimmen Ausdrücke
rechtfertigen müssen“.
Die ganzen Beleidigungen die er Nermin an den Kopf geworfen hatte, konnte ihr
Ehemann schließlich nicht auf sich beruhen lassen.
Insgeheim hatte sie sich schon gewundert, dass er nicht sofort nach dem Vorfall
bei Ali aufgetaucht war.
Er lebte wohl schon zu lange in Österreich. Dort sind die Menschen ja dafür
bekannt, dass alles ein klein bisschen länger dauert als woanders. Doch jetzt
war er ja da und Roswitha war gespannt, wie Ali sich aus der Affäre ziehen
wollte. Leicht würde es bestimmt nicht werden. Dass er Nermin als Diebin
angezeigt hatte, konnte er nicht abstreiten. Auch dass er sie als Hure
beschimpft hatte, hatten zu viele Leute gehört, als das Ali es hätte leugnen
können.
Die drei Männer setzten sich nach draußen in eine Loge. Roswitha hörte, wie sich
lautstark stritten und setzte sich ins Restaurant. Paschas Musik war so laut,
das keiner der anwesenden Gäste etwas von dem Streit der außerhalb des
Restaurants stattfand, etwas mitbekam.
Nach einer Stunde kam Kazıms Freund und setzte sich an einen Tisch und bestellte
Rakı. Roswitha kannte ihn schon seit 2 Jahren und setzte sich zu ihm. Sie war
neugierig zu erfahren, was sich bei Ali und Kasım ergeben hatte.
„So einen Mann wie diesen Kazım habe ich in meinem Leben bis jetzt noch nie
gesehen“.
„So sehr verteidigt er seine Frau?“ fragte sie beeindruckt.
Das hätte Roswitha nicht gedacht. Sie hatte Nermins Mann immer als Feigling
eingeschätzt.
„Roswitha, wenn jemand meine Frau so beleidigen würde, wie Ali Bey Nermin, ich
würde ihn auf der Stelle erschießen.
Und ich würde dafür keine Stunde ins Gefängnis müssen, weißt du das?“
„Ja und warum regst du dich jetzt so auf?“ „Als Kazım mich bat mit ihm hierher zu kommen, dachte ich er braucht jemanden der ihm zur Seite steht, wenn es mit Ali zu Handgreiflichkeiten kommt. Darum bin ich mitgekommen - verstehst du?
Erstens mag ich Nermin sehr gerne, und zweitens ist Ali viel kräftiger als Kazım“ - „Sie haben sich aber nicht geschlagen.
Das hätten mir meine Kellner sofort erzählt“.
„Was heißt denn hier geschlagen? Weißt du warum Kazım her kam? Dieser
Schlappschwanz hat Ali Geld angeboten! Ali war die Summe zu gering. Darum geht
der ganze Streit. Ich musste jetzt aufstehen, sonst hätte ich auf Beide
einprügeln müssen“.
„Einen Augenblick - Für was hat Kazım Ali Geld angeboten?“ Roswitha hatte ihn
wohl falsch verstanden.
„Frag mich nicht. Ich habe überhaupt nichts kapiert. Ich würde den Mann umbringen, der meine Frau so abgrundtief beleidigt! Kazım bezahlt dafür 3000 Mark. Verstehst du das? Ich jedenfalls verstehe gar nichts mehr“.
Zitternd vor
Zorn kippte er seinen Rakı hinunter.
Roswitha bestellte noch einen für ihn - und für sich auch. Das war ja in der Tat eine
ungewöhnliche Abrechnung.
„Schade dass ich das nicht schon früher wusste“, meinte sie, nachdem sie ihren
Rakı getrunken hatte, „ich hätte Nermin auf Deutsch und auf Türkisch
beschimpfen können. Schließlich hat Ali
sie nur auf Türkisch beleidigt. Zweisprachig ist teuerer“ scherzte sie. „Kann
schon sein. Roswitha entschuldige - ich finde das überhaupt nicht lustig! So ein
Arschloch von einem Mann ist mir in meinem ganzen Leben noch nicht begegnet. Das
kannst du mir glauben. Er ist eine Schande für alle anderen türkischen Männer.
Ich dachte bis vor 2 Stunden, wir wären Freunde. Ich hätte mich für ihn sogar
mit Ali Bey geprügelt.
Doch das wäre nur gerecht gewesen. Aber so ...Was soll
dass denn sein?“
„Reg dich nicht so auf. Es ist weder deine Frau noch ist es dein Geld. Wenn
Kasım Bey meint, er müsse das so regeln
dann wird er schon wissen warum“.
Sie zog das ganze ins lächerliche und der Freund beruhigte sich etwas.
Als Ali und Kasım das Lokal wie Freunde zusammen betraten, stand er auf und
verabschiedete sich.
Roswitha rief Emine an und erzählte ihr, was eben passiert war.
Sie musste ihr zweimal erklären, dass Kasım an Ali Geld bezahlt hatte und nicht
etwa umgekehrt. „So etwas habe ich in meinem ganzen Leben noch nicht gehört.
Mein Serdar hätte ihn - wenn er das zu mir gesagt hätte - bestimmt halb
totgeschlagen und von diesem Mann wird er dafür auch noch gut bezahlt dafür.
Also, dass verstehe wer will, ich nicht!
Geht es dir wieder besser? Oder zitterst du immer noch so schlimm“ - „Es geht schon wieder“, log Roswitha. „Hast du Nachricht von deinem Geld?“ - „Nein! Kannst du mir einmal in die Tasse schauen? Vielleicht sagt sie ja etwas darüber“. - „Könnte ich natürlich, doch das bringt nicht viel. Aber ich weiß etwas Besseres. Kurz bevor meine Mama gestorben ist hat sie mir etwas verraten. Ich kann wenn du es willst sehen, ob du in der Zukunft glücklich sein wirst oder unglücklich“ - „Und wie geht das?“ - „Ich muss, wenn mein Mann nicht zu Hause ist ein paar Gebete sprechen und vor dem einschlafen an dich denken.
Dann sehe ich dich im Traum. Das hat mit Wahrsagerei nichts zu tun. Was ich da sehe wird hundertprozentig eintreffen.
Doch man darf es nur ein
einziges Mal machen“ - „Oh, das wäre schön, wenn du das für mich tun würdest“
-
„Aber auch wenn ich etwas Schlechtes sehen sollte, muss ich es dir sagen“ - „Also
gut, ich sag dir dann Bescheid“.
Als Roswitha 2 Tage später wieder anrief, war ihre Freundin sehr fröhlich. „Ich
habe dich in einem sehr schönen, grünen Kleid gesehen. Du warst ganz schlank.
Grün bedeutet großes Glück.
An deiner Seite sah ich einen blonder Mann mit blauen Augen, der sehr verliebt
in dich war. Wenn ich diesen Mann auf der Strasse sehen würde, ich würde ihn
sofort wieder erkennen. So klar sah ich ihn. Auch René war sehr glücklich an
euerer Seite. Also - auch wenn dein Geld weg sein sollte, mach dir nicht zu viele Sorgen.
Am Ende wird für dich doch alles gut werden“.
Diese Aussichten waren ja schön ... doch den blonden
Mann brauchte sie nicht. Sie hatte die Nase voll von Idioten,
wie sie sie jedes Mal
fand. Ein Mann? Nein danke! Ihr reichte ihr kleiner Prinz.
Trotz der Aussicht, dass doch noch alles gut werden würde, kam Roswitha nicht
raus aus ihrer Depression.
Sie wurde immer trauriger. Das Schlimmste war, dass sie sich selbst nicht mehr
verstand.
Die meiste Zeit verbrachte sie vor ihrem Fernsehgerät. René schaute sie immer
nachdenklicher an. Was war mit seiner immer fröhlichen Mami passiert? Warum war
sie jetzt so traurig?
Wie sollte Roswitha dem Kleinen erklären was mit ihr los war, wenn sie es selbst
nicht wusste?
Ali ließ sich überhaupt nicht mehr blicken und Roswitha war sehr froh darüber. Er hätte
ihr auch nicht helfen können.
Ihr konnte niemand helfen. Das sie jetzt ohne
Pfennig Geld dasaß, war ganz alleine ihre eigene Schuld. „Das hast du gut
gemacht“, schimpfte sie ab und zu mit sich selbst.
Von Zeit zu Zeit fuhr sie in die Stadt und besuchte ihren Freund Ibo. Er hatte
jetzt mitten in Antalya ein Restaurant. Zuerst hatte er als Koch dort
angefangen, doch sein neuer Chef war von ihm so begeistert, dass er ihn nach
kurzer Zeit zum Teilhaber machte.
„Hoffentlich geht es dir mit ihm besser, als mir mit Ali“, meinte Roswitha. „Das
glaube ich schon! Mach dir darüber keine unnötigen Gedanken. Mein Partner mischt
sich in nichts ein und lässt mir freie Hand in allen Angelegenheiten“ antwortete
er. „Hoffentlich bleibt es auch so. Ich würde nie wieder im Leben mit einem
Teilhaber etwas anfangen. Und schon gar nicht hier in der Türkei. Auch mein
Freund, der Manav hat ein Geschäft mit seinem besten Freund angefangen. Am Ende
wurde er von ihm nur hintergangen und hat sein
Geld eingebüßt“ - „Bei mir ist das etwas anderes. Mein Ortak (Partner) ist froh,
sich nicht mehr selbst um den Laden hier kümmern zu müssen“ - „Das hat Ali
anfangs zu mir auch gesagt.
Du weißt ja, wie es dann gelaufen ist“.
„Aber Ali
ist ein sehr schwieriger Mensch. Mit ihm kommt niemand klar. Mein Partner und
ich kommen jedoch sehr gut miteinander aus“ - „Ali und ich zuerst auch. Aber ich
wünsche dir von ganzem Herzen, dass du mehr Glück hast als ich“.
Als sie ihn ein paar Wochen später besuchte, war Ibrahim schon nicht mehr so
zuversichtlich. Es gab unterschiedliche Meinungen in der Geschäftsführung.
„Weißt du, er ist Alkoholiker. Mit solchen Leuten kann man sich nur schwer
engagieren.
Entweder höre ich hier auf oder er überlässt das Lokal ganz mir. Aber zusammen geht es nicht. Er fängt schon die Gleichen Sachen an, wie Ali Bey. Komm reden wir von etwas anderem. Was darf ich dir zu Essen machen?
Seit ich nicht mehr bei dir arbeite bist du ja ganz dünn geworden“.
Rene war seit ein paar Tagen sehr nachdenklich. „Na Kleiner, was ist dir denn für eine Laus über die Leber gelaufen?
Magst du mit mir darüber sprechen?“
Er setzte sich auf ihren Schoß und sagte dann niedergeschlagen: „Ich glaube, den Nikolaus gibt es gar nicht“.
Wie kommst du jetzt auf so etwas? Natürlich gibt es ihn. Du warst doch selbst an dem Haus in dem er gewohnt hat“.
„Ja eben darum. Ich habe mir doch dort etwas gewünscht. Aber es geht nicht in Erfüllung“.
„Manchmal dauert es halt etwas länger, bis sich ein Wunsch erfüllt.
Besonders wenn sich viele Leute gleichzeitig vom hl. Nikolaus etwas wünschen. Dann muss man halt Geduld haben. Er erfüllt deinen Wunsch schon noch, mach dir keine Sorgen. Wie könnte der Nikolaus einem so süßen Kerl wie dir etwas abschlagen? Was hast du die denn eigentlich gewünscht?“.
„Dass du und mein Papa wieder miteinander sprechen sollt ... aber ihr redet ja nie mehr miteinander.
Bald gehen wir nach
Deutschland und ihr habt euch immer noch nicht versöhnt“. Er war traurig.
Roswitha hatte zwar damals gesagt: „In meinem ganzen Leben spreche ich nie
wieder mit ihm“ und hatte das zu der Zeit auch wirklich so gemeint.
Aber inzwischen waren Jahre vergangen. Und dass es für das Kind so schlimm war,
hatte sie nicht geahnt.
René hatte nie etwas zu ihr gesagt. Er war zum Nikolaus gefahren um sich dass zu wünschen.
Roswitha war erschüttert.
Natürlich musste sie unter diesen Umständen wieder mit Mecki sprechen. Sie
konnte doch nicht zulassen, dass ein kleiner Junge durch sie seinen Glauben an
den Nikolaus verliert. Sobald sich eine Gelegenheit bot, wollte sie das regeln
und wieder mit seinem Papa reden.
Als Roswitha in der Stadt zufällig Ibrahim traf war er gerade dabei, in seine
Heimat umzuziehen. „Du hattest Recht. Mit einem Teilhaber kann man nicht
arbeiten. Ich gehe mit meiner Familie wieder ans Schwarzmeer“. „Ich werde
nächstes Jahr auch nach Deutschland zurückgehen“ - „Das ist bestimmt das
Beste für dich. Ich wünsche dir alles Gute. Ich hoffe, wir sehen uns irgendwann einmal
wieder. Dann bist du hoffentlich glücklicher als jetzt“.
Das hoffte Roswitha auch.
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