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8. Kapitel


Wende Dein Gesicht der Sonne zu, dann fällt der Schatten hinter Dich



Das Jahr 1998 ging dem Ende zu und Roswitha war es noch immer nicht gelungen, aus ihrem seelischen Tief herauszukommen. Nun wehrte sich auch ihr Körper massiv dagegen.  Gleichgewichtsstörungen und Nerven dünn wie Seidenpapier waren die Folge.
20 kg hatte sie abgenommen.
Selbst merkte sie zu Beginn gar nicht, wie schlimm sie an Händen und Füßen zitterte. Erst als ihr Autofahren keinen Spaß mehr machte, weil sie nur noch mit Mühe ihre Beine auf den Pedalen ruhig halten konnte wurde ihr bewusst,

dass etwas mit ihr nicht mehr stimmte.
Sie bekam eine Thrombose ins Bein und noch vor wenigen Monaten hätte sie deswegen Panik bekommen,

jetzt rief sie nicht einmal ihren Freund den Doktor an.
Irgendwie war ihr alles völlig gleichgültig. Wenn sie später an diese Zeit zurück dachte wusste sie, dass sie damals an einer schwere Depression litt. Zu der Zeit hatte sie jedoch keine Ahnung, was da mit ihr passierte.

Eine Depression wäre allerdings das Letzte gewesen was sie vermutet hätte.

Wie sollte sie - die Lebenslust in Person - Depressionen bekommen? Unmöglich!!! 

Ali hatte sie schon lange aus ihrem Caravan verbannt. Zu Anfang kam er nachts noch oft und wollte wieder hereingelassen werden. Mit der Zeit wurden seine Versuche aber immer seltener.

Der letzte lag nun schon Monate zurück.
Roswitha war darüber erleichtert. Endlich hatte er begriffen, dass ihre private Beziehung zu Ende war.

Es war Winter und Ramazan. Wie schon die letzten Jahre fastete Roswitha mit.

Dieses Mal war es irgendwie anders als sonst. Jeder fastete in diesem Jahr mehr oder weniger alleine.
Die Gemeinsamkeit fehlte. Alles hatte sich verändert. Auch der Ramazan. Oder kam es nur ihr so vor?

Eines Abends kam Ali ganz aufgeregt vorbei und suchte René. „Komm schnell - ich habe einen Computer gekauft und du musst ihn anschließen.“
Roswitha dachte erst, sie hätte sich verhört.
Das Kind war erst 9 Jahre alt. Natürlich war er der intelligenteste Neunjährige der Welt, aber woher sollte er denn wissen,

wie man einen PC anschließt?
René ließ sich jedoch nicht zweimal bitten und ging sofort mit Ali zum Restaurant. Als Roswitha ein paar Minuten später ins Restaurant kam, hantierte Klein-René dort wie ein Fachmann an dem Gerät herum.

Ali und das Personal standen erwartungsvoll daneben.

Der Kleine hatte nun alle Kabel fertig installiert. Roswitha war ja so stolz auf ihr Söhnchen.

Dann kam der große Moment:  René drückte auf den Einschaltknopf.
Puff... machte es -  zischsch ... Und dann fing das Ding zu qualmen an wie ein kaputter Ofen.
Schnell zog Roswitha den Stecker aus der Dose und bugsierte den entsetzten René vom Gerät weg.

 Ali starrte erst fassungslos auf seinen schönen Computer - dann auf Roswitha,

die sich jetzt das Lachen nicht mehr verkneifen konnte.

„Wo hast du denn dass alte Ding gefunden?“ -  „Ev kur“ antwortete er kleinlaut.

Vom Trödler also! Da war ja klar, dass sie ihn dort wieder einmal übers Ohr gehauen und ihm Schrott verkauft hatten.

Ein loses Kabel im Gehäuse war die Ursache des Kurzschlusses.

Sie dachte in diesen Tagen oft an ihren Traum mit den zwei Sonnen, den sie in Deutschland eine Zeitlang fast jede Nacht geträumt hatte. Es ging darin die Welt unter und sie erlebte die Apokalypse ganz einsam denn die anderen Menschen dachten,

es handle sich um ein Naturwunder als plötzlich mitten in der Nacht die Sonne aufging und sich dann verdoppelte.

Hatte der Traum damals vielleicht ihren ganz persönlichen Untergang signalisiert?
Alleine? In der Türkei?
Den ganzen lieben langen Tag hing sie solchen trüben Gedanken nach und war todunglücklich.

 

Morgens legte sie sich beim Kaffe immer häufiger selbst die Karten. Aber die schienen auch verrückt geworden zu sein - 

sie sagten ihr eine neue Liebe voraus.

Nichts von ihrer Rückkehr nach Deutschland - nichts davon ob eventuell der Schatz wider aller Erwartungen doch noch den Weg zu ihr finden würde - nur einen Mann und eine sehr leidenschaftliche Liebe.

Das war nicht dass, was Roswitha interessierte! Enttäuscht legte sie die Karten in eine Schublade.

Diese Aussagen waren zu absurd. Wo sollte denn plötzlich eine neue Liebe herkommen und was sollte die ihr bringen?

Sie hatte ganz andere Sorgen.


Als dann Helmut -  ihr alter Freund - nach 5 Monaten wieder nach Hause fuhr, wurden die Depressionen noch schlimmer.

Zum ersten Mal seit sie in der Türkei lebte, beneidete sie jemanden - der nachhause fahren konnte.


Nichts - aber auch gar nichts interessierte sie noch auf dem Platz. Sie schrie nicht mehr mit Ali herum.

Es war sein Restaurant und sein Campingplatz. Wenn er Mist baute, dann war das sein Problem - nicht ihres.

Das Geschäft ging den Bach runter - sie sah emotionslos dabei zu.
Manchmal hatte sie das Gefühl, sie sollte einen Arzt aufsuchen. Dazu fehlte ihr erstens das Geld und zweitens glaubte sie nicht, dass ein Arzt ihr helfen konnte. Ein neues Leben gab es nun mal nicht auf Rezept.
Als dann die Fastenzeit zu ende war und das Zuckerfest (Şeker Bayram) gefeiert wurde, dachte sie wehmütig an die vergangenen Jahre zurück. Was hatte sie für schöne Feste erlebt. Jetzt war sie sehr einsam und sehr unglücklich.

 

Irgendwann im Februar klopfte eines Morgens Davut an ihrer Tür.
Er war von Mersin direkt nach Antalya gefahren nachdem er seine Entlassung vom Militär in der Tasche hatte.

"Ich wollte zuerst dich und René sehen bevor ich nach Ankara zu meiner Familie gehe".

René war überglücklich seinen Freund so unerwartet wieder zusehen und begrüßte ihn sehr herzlich.

  Davut und Roswitha tranken Kaffee zusammen und unterhielten sich dabei stundenlang.

Zwischen ihnen hatte die Trennung nichts geändert - sie verstanden sich so gut wie eh und je.

 
Nach einer Zeit fragte er plötzlich „Was ist mit dir passiert?“ -  „Wie meinst du das jetzt? Mit mir ist gar nichts“ - 

„ Warum weinst du dann?“ -  „Wer weint?“ -  „Du“ sagte er und stellte ihr einen Spiegel vor das Gesicht.
Da sah sie es selbst: Tränen kullerten über ihre Wangen, ohne das sie sich selbst dessen bewusst war.
Davut war sehr wütend geworden. Er sprang auf um Ali zu suchen.
„Er hat sich überhaupt nicht um dich gekümmert!“ schrie er zornig. „Den schlage ich zusammen“.
Roswitha brauchte ihre ganze Diplomatie um ihn davon abzuhalten.

„Es ist nicht seine Schuld“ sagte sie.

„Das habe ich ganz alleine mir selbst zu verdanken. Es hat ja niemand von mir verlangt, hier zu bleiben.“ 

 „Nein! Dass siehst du völlig falsch. Ali hätte bemerken müssen das es dir so schlecht geht und dich zu einen Arzt bringen. Warum hat er sich nicht um dich gekümmert?“ - "Weißt du Davut - wir sind schon lange nicht mehr zusammen.

Und ich bin sehr froh, dass er mich in Ruhe lässt und nicht denkt, er müsse mir helfen.

Was er auch nicht könnte - selbst wenn er es wollte. Ich will und ich brauche keine Hilfe von ihm - 

Außerdem fehlte mir ja nichts Ernsthaftes" - Sie schenkte Kaffe nach und fragte, wie es bei ihm denn so gewesen war.
Er erzählte und erzählte - dadurch beruhigte sich langsam wieder.

Sie gab ihm einen Bungalow.

Von diesem Tag an war er immer an ihrer Seite.
Morgens, wenn sie aufstand war er da und wartete bis sie die Tür öffnete.

Abends ging er erst, wenn sie ihren  Caravan von innen verriegelt hatte.

Sie spielten Backgammon zusammen und er saß auch brav neben ihr, wenn sie die Abrechnungen fürs Lokal machte.

Und sie sprachen sehr viel miteinander.
Dabei fragte er eines Tages: „Willst du dich denn nicht endlich wieder selbst um das Restaurant kümmern?“
 

Natürlich! Warum war sie da denn nicht alleine darauf gekommen. Jetzt ging die Saison los!

Genau der richtige Zeitpunkt also. Sie brauchte Geld und da kam ja welches.
Langsam erwachte ihr altes Ich wieder -  Und ihr Kampfgeist!
Nach einer Lagebesprechung mit dem Personal teilte sie Ali die neue Situation mit. Er war froh darüber.

Selbst hatte er sich ja nie viel um sein Geschäft gekümmert.

Jeden Tag ging Roswitha nun selbst auf den Bazar zum einkaufen. Natürlich kam Davut mit.
Eines Tages im April beschlossen die Beiden zusammen nach Manavgat zu einem Wahrsager zu fahren. Bülent,

Roswithas einstiger Chefgarsong und Mehmet, ein Exgarsong hatten in Alanya zusammen eine Disco eröffnet.

Die wollten sie vorher besuchen. René ging lieber zu seinem Papa.
Zuerst fuhren Roswitha und ihr ständiger Begleiter nach Alanya. Als sie ankamen war dort,

wo die beiden Freunde ihr Geschäft haben sollten, außer einem leer geräumten Laden gar nichts.

Ratlos schauten sie sich um. „Kale“(Burg) stand auf einem Wegweiser. „Warst du schon einmal oben?“ fragte Davut.

„Nein! - Du?“ -  „Ja schon öfter. Es gibt eine Stelle, wenn man von dort aus einen Stein wirft und er ins Meer fällt,

erfüllt sich ein Wunsch.“ 
Das wollte Roswitha probieren. Außerdem war sie nur noch ein paar Monate in der Türkei. Da musste sie wenigstens

einmal die berühmte Burg gesehen haben. Jetzt war die beste Gelegenheit dazu.  


An der besagten Stelle versuchte Davut sofort Steine dazu zubringen, im Meer zu landen. Sosehr er sich auch anstrengte,

es klappte nicht. Sie knallten immer wieder nur an die Felsen.
Roswitha nahm auch einen Stein und ließ ihn - einfach aus ihrer ausgestreckten Hand heraus - hinunterfallen.

Aus dieser Höhe konnte man sowieso nicht genau erkennen, wohin das Steinchen wirklich fiel.

Doch es sah so aus, als wäre es ins Meer geplumpst.
„Juhu, mein Wunsch erfüllt sich“ jubelte sie übermütig.
Nun war Davuts Ehrgeiz geweckt. Bis dahin hatten sie auf einer Art Plattform gestanden.
"Direkt von der Burgmauer funktionierte es möglicherweise besser" überlegte Davut.
Dazu mussten sie auf einen etwa 1m hohen, 20 cm breiten Vorsprung steigen.

Davut ging zuerst, Roswitha folgte ihm nach.
Er nahm nun den ersten Stein und warf. Leider prallte er wieder nur an die Felsen. Davut ging einen Schritt weiter nach links,

traf wieder nicht, noch einen Schritt und noch einen Stein und noch einen ... und noch einen.
Nach einer Weile hatte Roswitha genug. Klappte ja doch nicht.
Davuts Wunsch - was immer es auch war - musste eben unerfüllt bleiben.
Sie wollte von dem Mauerchen heruntersteigen und ... erstarrte.
Aus dem Mauerchen war eine ausgewachsene Burgmauer geworden und Roswitha befand sich nun etwa 3m über der sicheren Erde und stand - mit ihren Sandaletten -  auf einem äußerst schmalen Mauervorsprung.
Ängstlich umklammerte sie die Burgmauer mit beiden Armen - und erschrak dabei noch mehr.

Durch einen Schießschacht konnte sie sehen, dass es mindestens 300 m steil nach unten ging.

Ein Panorama, wie aus einem Flugzeugfenster.
 
„Hilfe!“ rief sie. „Hier geh ich keinen Schritt mehr weiter -  keinen Millimeter!

Davut bring mir eine Leiter!“
Sie sah so urkomisch aus wie sie da ängstlich an der Wand klebte, dass Davut einen Lachkrampf bekam.

„Lach nicht! Bringe mir lieber eine Leiter -  und ein Glas Wasser“. Der Schock hatte ihr die Kehle ausgetrocknet.
Er konnte so lange nicht mehr aufhören zu lachen - bis er Genickstarre davon bekam.
Zu allem Überfluss klingelte jetzt noch das Handy in Roswithas Tasche. Davut angelte sich das Telefon und nahm ab.

„Wo seid ihr denn? Wann kommt ihr endlich?“ wollten die Freunde wissen -  „Wahrscheinlich gar nicht,

da ich diesen Tag nicht überleben werde“ jammerte Roswitha der Davut das Telefon ans Ohr hielt.
Er schaffte es dann mit viel, viel Geduld sie doch sicher nach unten zu bringen.
Ohne Leiter - aber mit einem steifen Hals weswegen er seinen Kopf wie ein Roboter bewegen musste.

„Deine Schutzengel passen sehr gut auf dich auf. Mich haben sie sofort dafür bestraft, als ich dich auslachte.“
Jetzt - auf sicherem Boden - lachte Roswitha auch wieder.
Nach diesem Abenteuer schauten sie bei ihren Freunden vorbei, die ihre Disko nach Side verlegt hatten.

Als sie sich später auf dem Rückweg darüber unterhielten, waren beide überzeugt davon, dass die zwei Freunde sich mit ihrer Stranddisco nicht lange über Wasser halten könnten.

 

Nun suchten den legendären Wahrsager. Das Einzige was sie über ihn wussten war, dass er in oder bei Manavgat wohnen sollte. Davut fragte in dem Städtchen ein paar Leute um die genaue Adresse heraus zubekommen.

Schon der Zweite Mann den er auf der Straße ansprach konnte weiter helfen.

Nur -  der gesuchte Seher war kein Mann sondern eine Frau!

Ein männlicher Hellseher war dort gänzlich unbekannt und so nahmen sie an, dass diese Frau diejenige war,

der man bis weit über Antalya hinaus eine schier unglaubliche Hellsichtigkeit nachsagte.


Als sie zu dem besagten Haus kamen, standen sie dort vor verschlossener Tür.
Eine Nachbarin wusste jedoch, dass die Seherin bei ihrem Sohn zu Besuch war und gab ihnen dessen  Adresse.

Als sie endlich dort ankamen, hatten sie keine Lust mehr die Wahrsagerin zu konsultieren.

 "Ist ja alles doch nur Blödsinn und wer weiß, wie viel sie verlangt. Bestimmt nicht wenig - so prominent wie sie ist.

Komm, fahren wir nach Antalya zurück “ schlug Davut vor.

Roswitha war damit einverstanden.
Sie fuhren eine Tankstelle am Stadtrand an.
'Eigentlich wollte wir ja wegen Davut zu der Frau' überlegte Roswitha im Auto. Er hatte ihr schon mehrmals  erzählt,

dass ihm eine Hellseherin vor Jahren vorher gesagt hatte, er würde niemals heiraten weil ihn eine böse Frau dahingehend verhext haben sollte. So eine Profizeihung unverantwortlich!
Der Junge war gerade mal 33 Jahre alt. Er hatte noch viel Zeit eine Partnerin zu finden. Wenn sich aber in seinem Hinterkopf die Worte dieser unprofessionellen Wahrsagerin festfraßen, würde er womöglich am Ende wirklich keine Ehefrau finden.
Roswitha hatte am eigenen Leib erfahren, was solche Vorhersagen bewirken konnten. „Komm, wir fahren zurück“ entschied sie deshalb als das Auto voll getankt war. „So teuer wird sie schon nicht sein.

Wir können ja nach dem Preis fragen und wenn es uns zu teuer ist, dann handeln wie einfach mit ihr“.

 
Freundlich wurden sie kurze Zeit später in das Haus eingeladen. Mindestens 10 Leute saßen dort im Wohnzimmer.
Die Hellseherin - eine korpulente alte Dame mit dicken Tränensäcken unter den Augen - forderte Roswitha und Davut auf sich dazu zu setzen.
Auf einem winzigen Sofa - nebeneinander - warteten sie nun gespannt, ob sie Kaffe bekommen würden

oder die Frau mit Karten die Zukunft deutete. Doch nichts dergleichen geschah.
Stattdessen erklärte der Sohn dem verblüfften Paar, seine Mutter wäre ein Medium und bekäme ihre Eingebungen vom Großvater - welcher schon vor vielen Jahren von ihnen gegangen war.

Das versprach ja interessant zu werden.
Davut erkundigte sich nach dem Preis für diese Erleuchtungen. Die Frau winkte gelangweilt ab.
"Geld ist unwichtig!
Aber ... ich werde nicht für jeden einzelnen schauen, sondern für euch beide zusammen !"

„ Tamam“. Sie waren mit allem einverstanden und sehr gespannt, was jetzt da kam.

Wie sollte das denn funktionieren? Mussten sie zu zweit aus einer Tasse trinken?
 

Totenstille im Zimmer.

„Ich leg mich hin -  ich leg mich hin -  ich leg mich hin“ sagte die Frau monoton nun immer wieder.

 Roswitha sah Davut fragend an - auch er wusste nicht was das zu bedeuten hatte.
Immer wieder: “Ich leg mich hin - ich leg mich hin.“

Davut wurde ungeduldig. “Yat “ (Leg dich nieder!) befahl er genervt.

Als hätte die Frau nur auf dieses Kommando gewartet, sank sie plötzlich in sich zusammen und lag regungslos auf dem Boden.
„O Mist“ dachte Roswitha bestürzt „Jetzt ist ihr schlecht geworden“.
Keiner der Anwesenden eilte - Roswitha war darüber sehr irritiert - der armen Frau zu Hilfe sondern es sagte jemand:
"Jetzt können sie ihre Fragen stellen".
Fragen? Welche Fragen denn? Darauf war Roswitha gar nicht vorbereitet.
„Davut “ sie gab ihm einen leichten Stoß in die Seite “ frag du was!“ - „Nein du!“
Die Leute im Zimmer warteten ungeduldig.

 „Wie sieht meine Zukunft aus?“ fragte endlich Davut -  nur, um der peinlichen Situation ein Ende zu bereiten.
Die besinnungslose Frau antwortete mit einem unverständlichem Gemurmel. Roswitha verstand lediglich Bruchteile davon.

Davut starrte ebenfalls verständnislos auf die Alte.
Jetzt durfte Roswitha ihre Frage stellen.
Vor Ergreifung fiel ihr überhaupt nichts ein. Was sollte sie das zuckende Mütterchen denn fragen?

Sie stotterte etwas herum, und brachte dann doch "Wie wird mein Leben in Deutschland werden?" zustande.
Wieder sprach die Alte so schnell und undeutlich, dass Roswitha außer dem Wort Zoll fast nichts verstand.
Als sie noch eine Frage stellen durfte, lehnte sie dankend ab.
Vor so vielen wildfremden Zuhörern ihre Probleme ausbreiten? Wie kam sie denn dazu? 
Davut saß sprachlos neben ihr. Dass sollte die berühmte Seherin sein?
Da die Beiden so stillschweigend dasaßen, ergriff eine andere Frau die günstige Gelegenheit:
„Tante -  Tante ... werde ich jemals ein eigenes Haus besitzen?“ fragte sie. Auch ihr wurde mit Gemurmel geantwortet.
"Mein Kind du wirst dein Haus bekommen - allerdings erst in 3 Jahren".
Schlagartig fiel Roswitha wieder ein, weshalb sie eigentlich gekommen waren. “Davut frag sie, wann oder ob du heiraten wirst“ flüsterte sie ihm zu. Sogleich - bevor sich wieder jemand anderes einmischen konnte - stellte er diese Frage.

Die Antwort war auch dies Mal nur ein unverständliches Gestammel.

Kurz darauf kam die alte Dame wieder zu sich und erhob sich.
Roswitha wollte sich auch erheben. Sie hatte das starke Gefühl gleich zu ersticken, durfte sie nicht endlich laut loslachen.

Das war ja die totale Verarschung.
Da wendete die Wahrsagerin sich an Davut. Und jetzt konnte er verstehen was sie sagte.
"Büyük Nazar" begann sie. Er stünde unter dem Einfluss eines starken Zaubers der von einer Frau über ihn verhängt worden war. Das wäre auch der Grund dafür, dass in den letzten Jahren so vieles bei ihm schief gelaufen sei. Jetzt verliere der böse Fluch jedoch endlich seine Kraft und Davut würde sehr, sehr glücklich werden und mit Reichtum gesegnet sein

Nun sprach die Frau mit Roswitha. In Deutschland würde sie - nach anfänglichen Schwierigkeiten - ein überaus glückliches Leben erwarten. Bei der Ausreise aus der Türkei hatte sie kleinere Probleme mit der Polizei oder dem Zoll gesehen.

Was jedoch nichts Wichtiges sein würde und ihre Heimreise nicht verhindern könne. 
 

Davut hackte noch einmal nach: „Werde ich heiraten?“
Die Frau sah erst Roswitha dann Davut durchdringend an - um dann verheißungsvoll zu verkünden:
“Ja ... Ihr Beiden werdet bald heiraten und sehr glücklich miteinander werden“.

 
Dass hatten sie beide nicht erwartet!
Entsetzt fuchtelte Roswitha wild und abwehrend mit den Armen. „Nein - Nein“

 Was war das denn für ein Schwachsinn?
Davut zeigte mit dem Finger auf Roswitha - die dicht neben ihm saß -  und fragte ganz verstört: „Die da?“
Die Wahrsagerin wurde etwas sauer da ihren Offenbarungen offensichtlich angezweifelt wurden.

Das hatte sich noch keiner ihrer Kunden erdreist.

„Na ja, wenn nicht diese Deutsche, dann eben eine andere. Auf jeden Fall eine Ausländerin“ räumte sie ein.

Sie wurde wieder etwas freundlicher.
Davut müsste 70-mal bestimmte Suren aus dem Koran beten um den unheilvollen Zauber damit zu bannen.

Wenn er wollte, könne sie das für ihn tun. „Tamam“ sagte er. Damit war er 5 Millionen schuldig.
Die Wahrsagerei war unendgeldlich - Beten nicht!

Wieder im Auto amüsierten sich Roswitha und Davut noch lange über diese Profizeihungen.

Davut war ja selbst etwas esoterisch angehaucht,  doch so etwas hatte er noch nie erlebt.

 

Das Wetter war sehr schön. Roswitha wollte ihr Boot - das in der Marina abgestellt war - für den Sommer herrichten.

Als im Winter ein heftiger Sturm über die Lande wehte, zogen die Arbeiter dort das kleine Boot an Land.

Beim nächsten großen Wind war es dann unglücklicherweise auf ein anderes Boot gefallen und hatte ein etwa 20 cm großes Loch abbekommen.

Davut wollte es wieder in Ordnung bringen.

Ali kam neuerdings wieder öfter an Roswithas Caravan.
Sobald er sie mit Davut dort wusste, fand er einen fadenscheinigen Grund um dort Unfrieden zu stiften.
Durch den monatelangen  Stress, hatte Roswitha unter anderem leichten Haarausfall bekommen.

Von Emine bekam sie den Tipp: Eine Packung aus Olivenöl und Eigelb.

Mindestens einmal die Woche wurden die Haare damit behandelt. Und da sich Davut vorgenommen hatte,

mit Roswitha alles gemeinsam durchzustehen, wurden auch seine Haare eingeölt -
Mit Handtuch-Turban saßen sie dann beim Kaffe und warteten ein paar Stunden. So lange musste die Kur einwirken.
Nebenbei behandelte Roswitha Davuts immer noch steifen Nacken mit einer Sportlersalbe.
Als Ali des Wegs kam  musste er zweimal hinsehen - um zu glauben was er da sah:

 Davut saß mit einem Turban völlig entspannt auf seinem Stuhl und Roswitha massierte im Bikini voller Hingabe seinen nackten, muskulösen Oberkörper.

In flagranti hatte er sie erwischt! Und das am helllichten Tag mitten auf dem Campingplatz! 
 

Ali war blass geworden. Plötzlich stand er wie aus dem Boden gestampft zähnefletschend vor den Beiden!

Überrascht musste er dann jedoch registrieren, dass sich keiner von ihnen ertappt fühlte - und Roswitha unbeeindruckt von seinem Auftritt einfach weitermassierte als wäre es das Normalste der Welt.

Doch die Vertrautheit, die da zwischen den Zweien herrschte machte ihn rasend.
„ Komm einmal mit. Ich muss dir etwas zeigen“ sagte er bärbeißig zu Davut.
Der griff sich sein T-Shirt und folgte ihm. „Du kannst doch nicht ununterbrochen mit meiner Frau zusammenhängen.

Was willst du eigentlich von ihr?“ schimpfte er sofort, als sie sich weit genug von Roswitha entfernt hatten.
„Ich will gar nichts von ihr - Nur helfen! Du hast ja nicht einmal bemerkt, dass sie Hilfe braucht.

Warum bist du nicht mit ihr zu einem Doktor gegangen? Als du krank warst, hat sie dich damals sofort zu einem Arzt gebracht. Hast du das vergessen? Auch, dass sie die Rechnung dafür bezahlte?

Jetzt ist sie krank und - was tust du?“
„Das geht dich überhaupt nichts an“ brüllte Ali gereizt. „Das musst du schon mir überlassen. Sie ist meine Frau!“ - 

„Sie ist nicht deine Frau!“ wurde nun auch Davut laut - "Etwa deine?“ ärgerte sich Ali.
Sie schrieen sich so laut an, dass Roswitha erschrocken dazu lief. Sie kam gerade rechtzeitig um zu verhindern,

dass die heftige Diskussion in eine handfeste Prügelei ausartete. Beide waren so erregt, dass sie nur noch zuschlagen wollten.
Roswitha zerrte Davut zurück zum Caravan. Dieser Streit hatte sich völlig überraschend für sie entwickelt.

Was wollte Ali denn? Jetzt - nachdem sie getrennt waren -  den Othello spielen?

 

Davut war sehr aufgewühlt. Er hasste lautstarke Auseinandersetzungen. Seine Wut auf Ali war jedoch dem ungeachtet so stark, dass er am liebsten wild auf ihn eingeschlagen hätte. „Das wäre etwas grotesk  geworden. Du hast immer noch das Öl und das Handtuch auf deinem Kopf“.
„ Allah ...“ dass hatte er im Eifer des Gefechtes ganz vergessen. Sie stellten sich nun die Schlägerei bildlich vor.
Als Ali sich etwas später vorbei schlich, sah er die Beiden quitsch vergnügt und lauthals lachend nebeneinander sitzen.

Das irritierte ihn sehr. Was war so lustig? Wurde da etwa er, der große Ali Kaptan ausgelacht?


Davut und Roswitha fanden schnell ein anderes Thema. Er war wieder bei seinem derzeitigen

Lieblings- Gesprächsstoff: Militär!
Roswitha ließ ihn erzählen. Ihr war klar, dass er diese Zeit innerlich noch lange nicht verarbeitet hatte.
Vom Bund zum Koran und von da zum kaputten Boot in der Marina.

Bis spät in die Nacht ging ihnen der Gesprächsstoff nicht aus.  

Am nächsten Morgen - Davut war noch nicht da - kam Ali zu Roswitha. „Jetzt weiß ich alles! Ich habe Alles gehört“

begann er mit weinerlicher Stimme. Was wusste er? Roswitha hatte keine Ahnung, was er ihr damit sagen wollte.
„Die ganze Nacht habe ich mich gefühlt wie damals im Gefängnis. Doch jetzt habe ich Klarheit!“ regte er sich  auf.

Roswitha wurde neugierig. „Hat mein edeler Prinz heute Nacht etwa schlecht geträumt?“
“Nein! Ich habe überhaupt nicht geschlafen. Wie ein Tier habe ich die ganze Nacht unter deinem Caravan gelegen“.

Tränen des Selbstmitleids schossen ihm in die Augen. „ Aber alles habe ich mit angehört.
Alles!!!“ schrie er mit tränenerstickter Stimme.
Aha! Roswitha konnte sich nun wirklich nicht mehr an jedes Wort erinnern, dass sie mit Davut gesprochen hatte.

Hoffentlich hatten sie nicht zu sehr über Ali gelästert. Oder was meinte er sonst?
„Davut liebt dich!“ rückte er endlich mit seinem Wissen heraus.
Schon das Ali die ganze Nacht unter dem Caravan verbracht hatte, war für Roswitha zum Schreien komisch.

Sie konnte sich aber gerade noch beherrschen. Aber jetzt konnte sie das Lachen nicht mehr halten.
Ich liebe dich sagt man in der Türkei auch, wenn man sagen will, ich mag dich. Ali sollte das eigentlich wissen.

Schließlich war er ja selbst Türke. Es war gut möglich, dass Davut es am Vorabend zu Roswitha gesagt hatte.

Jedoch in einem völlig harmlosen Zusammenhang.
„Bist du jetzt ganz durchgeknallt? Davut ist 33 Jahre alt. Fängst du jetzt wieder damit an? Schämst du dich nicht?

Außerdem - mein Leben geht dich nichts mehr an. Hör endlich mit deinen blödsinnigen Verdächtigungen auf.

Du machst dich damit nur lächerlich“.
Ali ging mit hängenden Schultern. Wie konnte sie das nur alles so locker nehmen und darüber lachen?

"Diesen Davut bring ich um" nahm er sich vor.

 
René der mitbekommen hatte, dass Ali unter dem Caravan gelegen hatte schaute von da an täglich nach,

 ob er vielleicht wieder einmal da unten nächtigte. „Ali Baba bist du da?“ fragte er schelmisch und spritzte dann mit dem großen Gartenschlauch unter den Wagen.
Mit Vorliebe dann, wenn er genau wusste dass Ali gerade in der Nähe war und seine Aktivitäten mitbekam.

 

Am Wochenende wollte René wieder einmal zu seinem Vater. Roswitha und Davut setzten ihn dort ab um anschließend zum Boot zu fahren. Es konnte jetzt lackiert, und dann endlich ins Wasser gelassen werden.
Sie waren auf dem Weg zur Marina und Davut suchte nach den richtigen Worten - er wollte heute endlich etwas los werden.  

"Ich muss dir etwas sagen" meinte er zaghaft.
Sie dachte sich nichts, fand nur seine plötzliche Schüchternheit merkwürdig.
„Na los! Spuck's schon endlich aus. So schlimm kann es doch nicht sein“ ermunterte sie ihn burschikos.

 Er holte tief Luft und sagte dann:
„Ich habe mich ganz furchtbar in dich verliebt“ Er hatte leise gesprochen und Roswitha dachte erst, sie hätte ihn nicht richtig verstanden. Doch dann verschlug es ihr die Sprache. Alles hätte sie erwartet. Dass nicht!
Er sah sie nicht an, als er schnell weiter sprach: „Nicht erst seit ein paar Tagen, ich liebe dich schon lange. Ich weiß,

dass daraus nie etwas werden kann. Schließlich bist oder warst du mit Ali  zusammen

Ich will auch überhaupt nichts. Ich musste es nur endlich jemandem erzählen. Und mit wem außer dir sollte ich sonst darüber sprechen? “
Sie waren inzwischen bei dem Boot angekommen. Stiegen aus - starrten es geistesabwesend an und... fuhren wieder.
„Ja - und was soll jetzt werden?“ wollte Roswitha wissen.

„Ich habe keine Ahnung. Gar nichts... wahrscheinlich. Ich wollte nur, dass du es weißt.“
Sie waren inzwischen hinter Antalyas Flughafen und konnten sich beide nicht erinnern wie sie eigentlich da hingekommen waren.
„Davut es tut mir wirklich leid. Ich hätte nicht im Traum daran gedacht, dass du einmal so für mich fühlen könntest. Du weißt, ich bin dein Freund und ich würde dir gerne helfen. Bei diesem Problem weiß ich aber wirklich nicht wie“ - 

„Werde einfach wieder glücklich. Geh nach Deutschland zurück und werde glücklich. Das ist alles was ich will “ antwortete er.

Auf dem Rückweg waren Beide sehr schweigsam. 'Alis sechster Sinn scheint gut zu funktionieren wenn es um mich geht'

dachte Roswitha. Er hatte Davuts Gefühle geahnt. Sie nicht!
Davut sorgte sich um ihre Freundschaft. Hätte er doch lieber den Mund halten sollen? Würde Roswitha ihm jetzt aus dem Weg gehen? Und wie hatte sie das gemeint, dass sie ihm bei diesem Problem nicht helfen könnte? 
Sie versuchten so zu tun, als wäre alles wie vorher. Sie vermieden es Beide, dieses Thema noch einmal anzuschneiden.

 
Am Abend telefonierte Roswitha mit Emine. In letzter Zeit hatte sie nicht mehr so oft bei ihr angerufen,

um sie nicht auch noch mit ihrer miesen Laune anzustecken.
An diesem Abend jedoch war Roswitha sehr glücklich. Warum wusste sie selbst nicht genau. „Hast du wieder Geld“

fragte Emine sie sofort, als Roswitha fröhlich wie in alten Zeiten darauf los redete.

 „Nein, das Restaurant ist zwar wieder in meiner Hand. Doch die Geschäfte sind sehr schlecht. Und das andere Geld ist nie wieder aufgetaucht. Das ist futsch. Aber immer nur traurig sein bringt auch nichts“.

„Ist Davut noch da?“  -  „Ja, er repariert mein Boot“.

„Vertrau ihm nicht zu sehr. Er ist auch nur ein türkischer Mann und die wollen immer nur das Eine“.
 

Roswitha musste lächeln. Emine war auch früher schon ein wenig eifersüchtig auf Davut gewesen.

 Sie konnte ihn nicht besonders gut leiden. "Er redet zuviel" begründete sie das.
Außerdem hatte sie immer das Gefühl, Roswitha vor sexsüchtigen türkischen Männern retten zu müssen.

Damit hatte Roswitha keine Probleme. Sie konnte sehr gut selbst auf sich aufpassen. Hatte es sie doch ausschließlich mit Männern zu tun in ihrem Restaurant.

 

Die nächsten 2 Tage verbrachten Davut und Roswitha in der Marina bei dem Boot. Es war - bis auf ein paar Kleinigkeiten -

fast fertig.
Mit jedem Tag wurde es wärmer in Antalya. Es war Mitte April und sie freute sich schon darauf, endlich das Dingi ins Wasser lassen zu können.

Roswitha vermisste René ganz schrecklich. Es fehlte etwas am Camping, wenn er nicht da war.
Auf dem Weg zu René sagte Davut: „Du rauchst zu viel. Das ist nicht gut für dich. Vielleicht  kommt dein Zittern ja davon. Probier es mit weniger Zigaretten. Vielleicht geht es dir dann besser“.
„OK, wenn du auch mitmachst gerne. Ich rauche auch nicht mehr als du.“
Damit war er einverstanden und legte ein Pensum von maximal einem Päckchen täglich fest.
Ihr Gespräch kam auch auf Emine. “Sie sagte du willst auch nur das Eine, wie alle türkischen Männer“ sagte Roswitha

und dachte er würde das genauso so lustig finden wie sie.
Das war falsch gedacht! Er ärgerte sich fürchterlich darüber. „Wie kann sie so etwas von mir behaupten?

Woher will sie denn das so genau wissen. Von ihr habe ich bestimmt noch nie etwas gewollt. Unverschämtheit“.
Roswitha versuchte ihn wieder zu beruhigen in dem sie sagte "Wir wären nicht jahrelang so gut befreundet gewesen,

wenn ich wie sie denken würde".
Sie bereute jetzt sehr, dieses Thema überhaupt angeschnitten zu haben.
Inzwischen waren sie bei René angekommen. Roswitha nahm den Kleinen auf ihren Schoss um ihn richtig drücken zu können.

Es gab eine Menge Schmuse- Einheiten nachzuholen.

Davut saß mit gekränkter, todernster Mine am Steuer des  Kaprioles.
Er war in seiner Ehre als Mann - und auch als Türke tief gekränkt.
Als René einstieg, machte sie ihre Zigarette aus. Sie sah wie auch Davut die seine im Aschenbecher ausdrückte.
René erzählte von seinen Erlebnissen beim Papa. Von den vielen tollen Computern die in seinem Büro waren und von den schönen Ausflügen die er mit ihm gemacht hatte.

Er plapperte ununterbrochen und bemerkte gar nicht, dass sein Freund ungewöhnlich still war.
Roswitha sah aus den Augenwinkeln eine neue Zigarette in Davut Mund, die er anzünden wollte.
Ja? -  Hatten sie nicht eben ausgemacht weniger zu rauchen? Und jetzt wurde eine nach der anderen gequalmt?
Sie griff mit der linken Hand nach der - wie sie annahm - noch kalten Zigarette und zog sie aus seinem Mund.

In der nächsten Sekunde fühlte sie einen beißenden Schmerz an ihren Fingern.  

„Die brennt ja“ schrie sie entgeistert und ließ den glühenden Stängel abrupt fallen.
Hauptverkehr! Davut durfte nicht erschreckt oder gar verbrannt werden durch die heiße Glut. Das könnte einen Unfall verursachen. Roswitha suchte hektisch nach dieser glühenden, äußerst gefährlich gewordenen Zigarette.
Fand sie letztendlich auch  -  griff blitzschnell zu und warf sie aus dem Auto. 
"Gott sei Dank nichts passiert - nichts verbrannt" sagte sie aufatmend.
'Wie komme ich denn dazu, ihm einfach seine Zigarette aus dem Mund zu reißen?' dachte sie. Was für ein Teufel hatte sie denn da geritten? Wo war dieser dämliche Glimmstängel überhaupt gelandet?

Sie versuchte sich zu erinnern, wo sie ihn gefunden hatte ...
Auf Davuts Schenkel! -  Doch nicht etwa ...? 
Hatte sie im Eifer des Gefechts an Davuts bestem Stück herumgefummelt? Sie hatte! ... Wie peinlich!!!
Nun bekam sie einen völlig hysterischen Lachkrampf.
Sie lachte wie eine Hirnverbrannte und konnte sich nicht mehr beruhigen. Nach ein paar Minuten dachte sie, es sei vorbei.

 Als sie sich jedoch zu Davut drehte und sein immer noch todernstes, beleidigte Gesicht sah, begann sie erneut haltlos zu lachen. 
Als sie beim „Kaptans“ ankamen hatte sie sich immer noch nicht beruhigt.
Davut ging sofort zu seinem Bungalow. Das Ganze war zuviel für ihn gewesen.
Roswitha -  immer noch feixend - ging zum Restaurant um Essen für sie alle zu bestellen.

Das Personal wunderte sich über ihre gute Laune. So fröhlich hatten sie ihre Chefin ja lange nicht mehr gesehen.
Die musste jetzt an Emines Worte denken. Was würde sie wohl sagen, wenn sie wüsste, dass ihre deutsche Freundin harmlosen jungen, türkischen Männern während der Fahrt -  mitten in Antalya - zwischen die Beine griff?
Da mussten doch eindeutig die armen Türkenmänner vor Roswitha beschützt werden. Nicht umgekehrt!

Das Essen wurde serviert, doch Davut kam nicht.
Roswitha  fand ihn im Bungalow - Er lag in seinem Bett!
'Er hat wohl von meinem Gelächter einen Schock bekommen' dachte Roswitha. Oder hatte sie etwa zu fest zugegriffen?

Diese Vorstellung hätte fast wieder einen Lachkrampf bei ihr ausgelöst.
Davut stand sofort auf und kam mit ihr -  schweigend -  ins Lokal.
Nachdem sie wortlos gegessen hatten - Roswitha wurde immerzu von Lachanfällen durchgeschüttelt - fragte sie ihn:

“Davut, weißt du was ein Reflex ist?“ - „Ja, warum?“ -  „Als ich die Zigarette von deinem Schoß nahm... dass war ein Reflex“.
Er begriff immer noch nicht, was daran so furchtbar lustig sein sollte. „ Ich kann mich nicht erinnern, von wo genau ich sie weggenommen habe ... die blöde Zigarette“.
Jetzt hatte auch er begriffen und musste lächeln. „Du bist sehr schnell“ sagte er schmunzelnd.

„Ja; meine Reflexe sind unübertrefflich.“

Dieser Tag war der Beginn ihrer Genesung. Das Zittern war schlagartig weg und kam auch nicht mehr wieder.
Da hatte sie sich monatelang Sorgen gemacht, Rinderwahnsinn und Alzheimer befürchtet doch mit einem Mal herzhaftem Lachen war sie wie durch ein Wunder geheilt.

 

Das Wetter schien konstant zu bleiben. Roswitha verlegte das abendlich Programm nach draußen.

Jetzt war es höchste Zeit, sich nach einem neuen Solisten umzusehen. Sie beriet sich mit ihrem Pianisten Pascha.

„Wir brauchen jemanden der nicht teuer - aber dennoch gut ist. Wo arbeitet eigentlich dieser Junge, der im Spätsommer zusammen mit dem Sänger Serkan hier aufgetreten ist?“
Pascha wusste es nicht, wollte sich aber erkundigen.

Die Bauchtänzerin war kein Problem. Da hatten sie ihre Damla. Eine der Besten Künstlerinnen Antalyas.
Sie mochte Roswitha sehr und kam sofort zum "Kaptans" wenn sie von ihr angerufen wurde.
Pascha brachte in Erfahrung, dass Ilter - so hieß der junge Sänger - in einem Blumenladen als Verkäufer arbeitete.

Als Roswitha ihn dort aufsuchte, erschrak sie.
Er sah sehr schlecht aus und war mager geworden. Es schien ihm nicht sehr gut zu gehen.
Ilter freute sich Roswitha zu sehen. „Warum arbeitest du mit deinem Talent denn nicht als Sänger?" fragte sie. „Die Besitzer des Ladens sind Freunde und brauchten meine Hilfe. Außerdem gibt es im Winter nicht  viel zu tun für einen Sänger.

Du weißt ja selbst wie es ist“.
"Ich habe dich gesucht, weil wir bei uns einen Solisten brauchen. Wäre das nichts für dich?" Sofort nahm er das Angebot an. „Kann ich meinen Hund auch mit bringen?“ fragte er. Das war kein Problem. 
Sie einigten sich auf umgerechnet 20 DM täglich, Kost und Logis frei.
Ilter war ein sehr höflicher, hilfsbereiter junger Mann. Auch Davut fand ihn sehr sympathisch.
Als sie ihn 2 Tage später vor dem Blumengeschäft abholten, war auch Godzilla - ein gutmütiger Boxerhund - mit von der Partie.
Roswitha war erleichtert, das diesjährige Sommerprogramm schien gut zu werden.

Ilter richtete sich in einem kleinen Bungalow häuslich ein. Wobei - viel hatte er nicht auszupacken. In einer kleinen Sporttasche hatte sein gesamter Besitz Platz gefunden.
Davut schenkte ihm eine Short, da er bei der Hitze immer in seinen einzigen langen Hosen herumlief.

Damit war Davut zu seinem besten Freund geworden.

Pascha und Ilter arbeiteten sehr gut zusammen. Anfangs sang er hauptsächlich diese türkische, schwere Musik.

Roswitha wollte aber kein Lokal indem die Gäste zum weinen gebracht wurden.

Beim "Kaptans" sollten sie ihre Sorgen für ein paar Stunden vergessen und fröhlich sein.

Sie selbst hatte die letzten Monate zuviel geweint und jetzt sollten nur fröhliche Menschen um sie sein.
Sie sprach mit Ilter und er änderte das Repertoire. Es wurde ein sehr beschwingter Abend.
Es waren nur 4 Tische mit Gästen besetzt - aber die amüsierten sich großartig.

Ali, der sich die ganze Zeit weder um das Restaurant und schon gar nicht um das Abendprogramm gekümmert hatte,

gefiel das Programm überhaupt nicht und wollte lieber eine weibliche Solistin.
„Dieser Ipne, (Schwule) kann doch nichts“ sagte er. „Den Leuten gefällt es aber. Du siehst doch, dass wir jeden Abend mehr Gäste haben“ verteidigte Roswitha ihren Ilter. „Ja schon - aber ... Es könnte noch besser sein.

Ich kenne da eine Super-Sängerin, die werde ich engagieren“.
Es war immer das Selbe. Sobald er sah, Roswithas Organisation war erfolgreich, pfuschte er rein.
„Erstens ist Ilter sehr gut  und zweitens bekommst du für dass Geld niemanden anderen mit einer so guten Stimme“.
Sie ließ ihn einfach stehen als sie einen schrecklichen Zorn in sich aufsteigen fühlte.
So konnte man beim besten Willen kein Geschäft führen. Einer zog nach Hü, der andere nach Hot.
Ali war prinzipiell gegen alles was sie tat.
Anfangs hatte sie immer wieder versucht, mit ihm zu reden und sich mit ihm zu einigen. Zwecklos!

Lief das Geschäft, machte er alles mit seinen blödsinnigen Ideen wieder kaputt.

Schon 100-Mal hatte Roswitha das erlebt. Manchmal dachte sie - nicht Ali sei der Idiot - sondern sie selbst.

Wie sonst hatte sie dass jahrelang durchgehalten?

 

Davut musste für ein paar Tage nach Ankara. Seine Familie vermisste ihn. Sie waren sowieso nicht begeistert,

dass er in Antalya rumhing, anstatt sich eine vernünftige Arbeit zu suchen.
Als sie ihn am Busbahnhof abgesetzt hatte, fühlte sich Roswitha verlassen. Sie vermisste jetzt schon -

obwohl sein Bus noch gar nicht abgefahren war.
 

Mit René fuhr sie so oft es ging zum Boot um mit ihm zu schwimmen. Abends saß sie im Restaurant und wenn nicht viel los war, veranstaltete sie Personalabende und tanzte mit ihren Kellnern.  Sie war sehr glücklich und freute sich auf Davuts Rückkehr.

Sie verstand selbst nicht worüber sie eigentlich so ungemein glücklich war. Ihre Probleme waren noch immer die Gleichen.

Es hatte sich nichts geändert.
Aber sie fühlte sich einfach großartig. Ob das mit Davut zusammen hing?
Manchmal fragte sie sich, wie er wohl als Liebhaber wäre. "Bestimmt sehr zärtlich" dachte sie lächelnd.

 Über sich selbst erschrocken scheuchte sie dann solch Gedanken sofort wieder weg. „Ksch...ksch“.

Nach einer Woche kam er zurück. Davut strahlte über das ganze Gesicht als sie ihn vom Bus abholte.

Er liebte seine Heimatstadt Ankara nicht besonders und war froh wieder in Antalya zu sein.
An diesem Abend feierten sie ihr Wiedersehen. Davut trank sogar - ganz gegen seine Gewohnheit - Wodka mit Roswitha.
Vor Jahren - damals trank er Whiskey - wachte er eines Morgens mit der Schwester seiner großen Liebe im Bett auf.

Seit diesem Tage hatte er bis dahin nie wieder Alkohol angerührt.  

 

Am nächsten Nachmittag rief Emine an. Sie wollte zwei Tage später nach Antalya kommen. Roswitha freute sich auf ihre Freundin. Sie hatten sich ja so viel zu erzählen. Emine war ein sehr fröhlicher Mensch und sie würde sicher glücklich sein, Roswitha wieder so gut gelaunt vorzufinden.
Davuts Begeisterung hielt sich in Grenzen.

Roswitha und er fuhren zusammen mit dem Boot raus..

Das Meer war herrlich. Sie schwammen weite Strecken oder lagen einfach nur nebeneinander in der Sonne.
„Warum geht es eigentlich nicht mit uns Beiden?“ fragte Davut ganz unvermittelt.
„Na - du bist 13 Jahre jünger als ich mein Monchichi“ antwortete sie. „Das ist kein Grund! Was noch?“ 
„Es gibt noch viele Gründe. Einer davon ist, dass du ein sehr gläubiger Moslem bist und ich eine überzeugte Christin“ - 

„Aber du respektierst unseren Glauben -  ich den eueren. Du fastest,  hilfst den Armen und du lügst nicht.

Du wärst mit Sicherheit ein besserer Moslem als mancher Türke.

Willst du nicht zum Islam übertreten?“ -  „Willst du denn nicht lieber Christ werden?“
„Ich liebe dich! Und ich werde dich ewig lieben“ war seine Antwort.

 

Zurück im Restaurant wurde Roswitha gleich mit einer Neuigkeit überrascht.
Für den nächsten Tag sollte eine Hochzeitsfeier stattfinden. Ali hatte das Fest angenommen.
Etwa 150 Gäste sollten es werden. Ali hatte die Kasse geplündert und war sofort zum einkaufen gefahren.
Als er wiederkam fragte Roswitha wie viel Anzahlung er von den Brautleuten genommen hatte.

„Keine! Diese Leute kommen mit Sicherheit. Das sind ganz alte Freunde von mir. Was denkst du denn?

Ich kann da doch keine Kapora (Anzahlung) verlangen. Das wäre ja eine Schande“.


Roswitha war schon bei dem Wort Freunde zusammengezuckt. Alis so genannte Freunde hatten meist die Angewohnheit,

auf Kredit zu feiern.
Sie sah sich die Ausgaben-Liste an. Ali hatte für 150 Millionen eingekauft. Wenigstens stand dieser Betrag auf seiner Abrechnung und 100 Millionen schuldete die Restaurantkasse ihm noch.
Zur Krönung des Festes sollte auch seine Sängerin auftreten. Roswitha nahm sich fest vor sich über nichts aufzuregen.

Sie rief ihre Freundin - die Bauchtänzerin - an und bestellte sie auf  23 Uhr.

Ali wusste weder wann das Fest beginnen sollte, noch hatte er einen Mindestbetrag vereinbart, für den Fall, dass weniger Leute als ausgemacht kommen würden. Sollte das der Fall sein, würde diese Party eine totale Pleite werden.

Schon am Nachmittag des Festtages fing Ali an, mit dem Personal herum zu brüllen. Er machte die Jungs fürchterlich nervös.
Roswitha setzte sich selbst an die Kasse. Erstens, um die Angestellten mit ihrer Anwesenheit zu beruhigen und zweitens um zu verhindern, dass Ali sich wieder die gesamten Einnahmen unter den Nagel riss.
Sie wusste genau, die Saison war eröffnet und der Kampf um die Kasse auch.

 

Abends fing der Pianist um 21 Uhr mit dem Programm an. Ein paar Hochzeitgäste waren wirklich eingetroffen.

Die Hochzeit würde allem Anschein nach also tatsächlich statt finden.

Wenn Ali etwas organisierte konnte man da nie sicher sein ...
 

Um 22 Uhr waren es cirka 90 Personen. Pascha spielte von Anfang an nur lustige Musik, um die Leute aufzumuntern.

Trotzdem kam keine Stimmung auf. Lag vielleicht daran, dass das Brautpaar  noch nicht erschienen war. Sehr ungewöhnlich, auch in der Türkei.
Als die Bauchtänzerin um 22 Uhr kam, glänzten Braut und Bräutigam noch immer mit Abwesenheit.
Am Tisch neben Roswitha weinte eine ältere Frau herzzerreißend. Die Brautmutter!
Kurz vor 11 Uhr war es endlich soweit. Das Brautpaar kam!

Erleichtertes aufatmen bei den Gästen.

Sie hatten schon Angst gehabt, auf der Restaurant-Rechnung sitzen zu bleiben.
Die Braut war jung und unübersehbar schwanger, der Bräutigam viel älter und kahlköpfig.
Endlich konnte Damla - die Bauchtänzerin - mit ihrem Programm beginnen. Sie hatte hinterher noch einen Auftritt in

einem 5 Sterne- Hotel in Kemer.
Sie tanzte an den Tisch des Paares, stutzte - wirbelte noch mal schnell an Roswithas Tisch vorbei und fragte:
“Ist das der Bräutigam -  oder der Brautvater? “

„Der Bräutigam “ flüsterte Roswitha zurück.
Nach dem Bauchtanz bekam Alis Sängerin ihren Auftritt.
Das Mädchen wog höchstens 45 kg und hatte nicht die geringste Bühnenerfahrung. Roswitha gab ihr den Namen 
„Kürdan“ - was Zahnstocher hieß - und genauso steif stand sie auf der Bühne.
Sie deprimierte die  Leute mit ihren tieftraurigen Liedern. Der Einzige dem es gefiel, war Ali.

Paşa tat dann das einzig Mögliche, er sagte eine Pause an. Dann machte er mit seinem Programm - ohne Fräulein Zahnstocher - weiter.
Doch die Hochzeitsgesellschaft war nicht mehr aufzumuntern. An einigen Tischen wurde heftig diskutiert,

andere Gäste machten sich bedrückt auf die Heimfahrt - ein paar Frauen weinten.
Dass konnte einfach nicht nur mit dem verdorbenen Auftrittes der Sängerin zusammenhängen.
Roswitha schickte ihre Kellner aus um in Erfahrung zu bringen was es mit dieser merkwürdigen Hochzeit auf sich hatte.
Damla setzte sich, nachdem sie sich umgezogen hatte an Roswithas Tisch.

„Du musst unbedingt noch etwas essen bevor du gehst“ sagte sie zu dem Mädchen „Ali hat viel zu viel eingekauft,

da sind noch mindestens 50 Essen übrig“ -  „Nichts mehr da! “ kam wenig später die Rückmeldung aus der Küche.
Wie war dass denn möglich?

„Die sind überhaupt nicht verheiratet!“ sagte da Kellner Ahmet zu Roswitha. „Wer ist nicht verheiratet?“

„Unser Brautpaar!  Genauer gesagt - der Bräutigam ist noch verheiratet.

In Deutschland ... mit einer Anderen. Deshalb sind sie auch so spät gekommen. Sie haben überall einen Hodşa gesucht,

um wenigstens religiös getraut zu werden. Gefunden haben sie niemanden. Das heißt?

Sie sind nicht verheiratet!“
Das war es also! Deshalb weinte dir Brautmutter so hemmungslos. Es war eine „Imitations-Hochzeit“.
Die Gäste verabschiedeten sich ziemlich schnell, als diese Nachricht durchsickerte.

 
Ali verlangte von Roswitha einen Bungalow für das Brautpaar. „Mein lieber Freund... dieser nachgemachte Bräutigam soll erst einmal seine Schulden hier im Restaurant bezahlen, bevor er in einem Bungalow an Hochzeitsnacht denkt. Allem Anschein nach hat er die arme Braut und die Hochzeitsgesellschaft gelinkt. Apropos... Für wie viele Gäste hast du genau eingekauft?“
„Für 150“ - „Tamam -  90 Personen sind gekommen und die Küche sagt, es ist nicht ein einziges Essen davon übrig.

Wo also sind die fehlenden 60 Essen abgeblieben? Das kannst du gleich mal mit Tamer abklären“
In diesem Moment unterbrach ein furchtbares Gekreische die Diskussion.

Die Braut stritt sich mit dem Bräutigam auf dem Parkplatz vor dem Lokal. Es flogen - im wahrsten Sinne - die Fetzen.

"Ich verlasse dich auf der Stelle du ... du ... Betrüger" schrie die Braut.
"Du hast mich vor meiner Familie blamiert" schrie sie und schlug dem völlig perplexen Bräutigam links und rechts ins Gesicht. Erzürnt riss sie sich ihre Goldarmbänder vom Handgelenk und bombardierte ihn damit.

 Dann fiel sie in Ohnmacht.
Ganz Gentleman sammelte
Damat-Bey das Gold von der Erde auf. Nachdem er jedes Teilchen penibel wieder aufgehoben hatte kümmerte er sich anschließend um seine umgekippte, im Dreck liegende Braut.
Mühsam schleppte er die schwangere Frau zurück ins Lokal. Als sie endlich schlaff und schmutzig in sich zusammengesunken auf einem Stuhl saß, forderte er von Ali nochmals einen Bungalow-Schlüssel.

" Du siehst ja selbst - sie ist unpässlich".

Der wollte nun doch erst mit dem komischen Bräutigam abrechnen, da er sich inzwischen um seine horrenden Auslagen sorgte, die er ohne die Hochzeitsabrechnung nicht aus der Kasse würde ziehen können.
„Morgen!“ wurde er kurz abgefertigt. Ali meinte entschuldigend er müsse bedauerlicher Weise mit seiner deutschen Teilhaberin sofort heute Abend abrechnen.
 

Roswitha gesellte sich zu den Beiden. "Ali hat von ihnen keine Lira Anzahlung genommen - was ja sehr entgegenkommend von ihm war. Aber jetzt muss die Kasse abgerechnet und das Personal bezahlt werden"

Sie legte ihm die Rechnung auf den Tisch. "Wie sie sehen habe ich ihnen nicht mehr berechnet als ausgemacht -

obwohl 60 Gäste weniger gekommen sind"
Dem Mann stellten sich vor Schreck seine letzten 5 Haare auf als er sich die Summe ansah.
Ein anderer Herr - ein Onkel der bedauernswerten Braut -  legte 100 Millionen auf den Tisch.

„Den Rest erledigt der Bräutigam morgen früh“ sagte er mit einem vernichtenden Blick auf den Hochzeiter und ging.
Mit dem eben ergatterten Geld lief Roswitha zurück zur Kasse. Dicht gefolgt von Ali.
Er wollte Geld - und einen Zimmerschlüssel. „Nur wenn er den Bungalow sofort bezahlt“ sagte sie.
Ali griff in seine Hosen und beglich höchstpersönlich die Miete für das Brautpaar. Aus eigener Tasche!

Nicht ohne die wüstesten Flüche auszustoßen.

Roswitha zahlte das Personal aus. Wenigstens sie sollten nicht umsonst gearbeitet haben.
Ali kam zurück und schrie imperatorisch. „Niemand bekommt hier Geld. Das ist alles meines! Was seid ihr doch für Geier! Keiner von euch denkt an mich “.
„Liebling -  die Einnahmen reichen sowieso nicht hinten und nicht vorne. Außerdem war deine Sängerin auch nicht gerade geschenkt. Du kannst ja ihre Gage einbehalten.  Würdest du jetzt bitte in der Küche fragen,

wo denn die Lebensmittel abgeblieben sind, die du heute gekauft hast?“
Laut schimpfend und fürchterlich fluchend ergriff er die Flucht. Er verzichtet lieber auf sein Geld, bevor er Freund Tamer zur Rechenschaft für die verschwundenen Lebensmittel zog.

Roswitha erfuhr nie, ob die Küche das Zeug unterschlagen hatte, oder ob mit Ali gemeinsame Sache gemacht worden war.
Dass sie die ganze Familie des Koches, inzwischen hatte er noch einen Sohn bekommen, und seine zahlreichen Freunde unfreiwillig miternährte, wusste sie seit langem. Dass Ali das unterstützte - auch.

Aber solche immense Mengen............!?

Am nächsten Morgen kam Emine. Schon die Begrüßung war anders als sonst. „Ist unterwegs irgend etwas passiert?“

fragte Roswitha sie besorgt. „Nein“ sagte sie nur ungewöhnlich wortkarg.
'Die 12 Stunden Busfahrt sind wohl zuviel für sie gewesen' dachte Roswitha. Sie gab ihr einen Bungalow.

„Schlaf erst mal ein paar Stunden. Wir sehen uns später“.
„Was hat sie denn?“ wollte Davut wissen. So kannte er sie auch nicht. „Keine Ahnung! Vielleicht hat sie Probleme mit ihrem Serdar. Warten wir mal bis sie ausgeschlafen hat. Das erzählt sie mir schon noch“.

Aber auch nachdem sie sich ein paar Stunden hingelegt hatte, war sie sehr bedrückt und gab keine Antwort wenn Roswitha sie fragte, was denn mit ihr los sei.

'Sie scheint große Probleme zu haben' dachte Roswitha mitleidig. Aber so kannte sie ihre Freundin nicht! Normal sprachen sie über alles.
„Ist bestimmt meinetwegen“ meinte Davut. „Blödsinn! Sie kommt schon seit Jahren immer für ein paar Monate hierher und immer warst du auch hier. Was sollte sie jetzt plötzlich daran so deprimieren?“
Vielleicht dass ich 19 kg abgenommen habe und sie nicht, dachte Roswitha bei sich. Türken sind ja auf vieles neidisch.

Aber doch nicht ihre beste Freundin! Nein! Es musste etwas Anderes sein.
Als Roswitha später mit ihr am Fluss beim Essen saß, klagte er ihr sofort nach Begrüßung sein Leid.

Er - der Emine nie ausstehen konnte, tat jetzt er als wäre sie seine engste Vertraute.
„Sie hängt Tag und Nacht mit Davut zusammen“ beschwerte er sich sofort bei ihr. „Hörner setzt sie mir auf und um die Steuerschulden kümmert sie sich überhaupt nicht. Das Personal ist auch ein Scheiß!

Kein Service.“ 
„Wie kann ich dir denn Hörner aufsetzen mein Süßer? Dazu müsstest du zumindest mein Mann sein“ mischte sich Roswitha in sein Gejammer ein. „Hörner hast du jedoch zweifellos. Die sind aber nicht von mir, das sind Teufelshörner.

Und deine Steuerschulden mein Schatz - die habe ich jahrelang bezahlt. Das ist mit ein Grund, weshalb ich jetzt keine Mark in der Tasche habe. Ein anderer Grund ist dein guter Freund in der Küche. Obwohl ich ihn und seine Familie jahrelang durchgefüttert habe, kam noch nicht ein vernünftiges Essen aus dieser Küche.

Und wenn dir das übrige Personal nicht gefällt mein Prinz, warum hast du kein anderes eingestellt?

Du hattest monatelang Gelegenheit dazu. Soll ich dir mal etwas sagen? Scheiß sind hier nicht die Garsongs sondern ihre Chefs“.
Wütend stand sie vom Tisch auf und ging zum Caravan.
Nach einer Stunde hatte sie sich wieder beruhigt und schlenderte gemütlich zum Restaurant zurück.

 Emine und Ali saßen noch immer dort und unterhielten sich angeregt.. „Hayatım“ (mein Leben) sagte Roswitha süß zu Ali

„Wo bleibt denn das Geld von der Hochzeit? Ich würde gern diese Abrechnung fertig machen, aber mir fehlen die Einnahmen in der Kasse Bitanem (mein Einziger)“. 
Wenn sie so ruhig und freundlich mit ihm sprach, fürchtete Ali sie noch mehr als schreiend.

„Die sind heute Morgen zur Bank gefahren um das Geld zu holen. Sie bezahlen schon, mache dir keine Sorgen Tatlım

(meine Süße)“. „Ich mache mir doch keine Sorgen! Du solltest dir welche machen. Wenn sie nämlich nicht bezahlen, sind deine 100 Millionen weg. Aus der Kasse wirst du sie nicht bekommen. Es sind ja deine guten Freunde. Und du weißt ja - wenn sie nicht bezahlen - schuldet die Kasse auch mir Hundert Millionen“ sagte sie mit sanfter Stimme. „Wieso meine Freunde?“ schrie er.

„Ich kenne die überhaupt nicht!“
„Ach - Auf einmal? Komm Emine, wir gehen einkaufen nach Antalya“ sagte Roswitha zu ihrer Freundin.
Sie kam  zwar mit Roswitha zum Auto, wollte aber nicht  in die Stadt mitfahren. „Du bist doch immer mitgekommen, warum jetzt nicht?“ "Ich habe eine Erkältung und kann in deinem Auto nicht hinten sitzen. Da zieht es zu stark. Ich möchte vorne sitzen".
So kindisch hatte Roswitha ihre Emine noch nie erlebt. „OK! Dann setze ich mich nach hinten.

Kein Problem“

Doch Emine wollte vorne neben Roswitha sitzen ... ohne Davut.
„Emine - Er war da als es mir sehr schlecht ging. Warum sollte ich ihn jetzt stehen lassen wie einen alten Schirm?“ -

“ War ich nicht auch immer für dich da?“  „Ja, dass warst du. Und genau deshalb muss es doch möglich sein, mit meinen zwei besten Freunden in einem Auto nach Antalya fahren zu können.“
War es nicht! Sie kam nicht mit.

 

Davut tat das sehr leid. Wusste er doch, wie sehr Roswitha an Emine hing. „Ich kann ja hier bleiben. Dann kann sie mit dir allein fahren.“ -  „Nein! -  Ich schmeiße nicht einen guten Freund weg,  nur weil der andere gerade spinnt.“

Ihre Tränen zerrissen ihm das Herz. „Sie wird schon wieder normal. Sei nicht traurig.

Du weißt, dass du krank wirst davon.“
Er hatte ja  Recht. Trotzdem verstand sie es nicht. Was war nur in Emine gefahren?

Am Abend  saßen Ilter, Davut und Emine an Roswithas Tisch. Früher war Emine zu jedem Schabernack bereit und tanzte für ihr Leben gern. Jetzt saß sie mit Trauermine da und sprach kein einziges Wort.
Als Roswitha zur Kasse ging, fragte Ahmet sofort „Was ist denn mit Emine?“ Roswitha zuckte nur mit den Schultern.

Sie hoffte inständig Emine wollte nicht wie sonst, monatelang bleiben. Das würde ihre Freundschaft wohl endgültig zerstören.
Als sie an den Tisch zurück kam war die Freundin schon gegangen. Das war in all den Jahren auch noch nie vorgekommen. Gewöhnlich blieb sie, bis auch Roswitha schlafen ging.
Sie lief zu ihrem Bungalow. Emine saß im dunkeln alleine vor dem Häuschen.
„Geht es dir nicht gut?“ fragte Roswitha und setzte sich zu ihr. „Weißt  du eigentlich, dass Davut dich liebt?“ fragte Emine mit einem verächtlichen Unterton.

„Ja, dass hat er mir gesagt. Aber wo ist dein Problem? Damit muss er fertig werden -  nicht du!“

„ Er frisst dich ja buchstäblich mit seinen Augen auf. Da brauchst du dich nicht wundern, dass Ali Bey so eifersüchtig ist.

Das sieht doch ein Blinder! Und du - du tust alles, was er dir sagt“ -  „Ali kann mich mal, und das Davut in mich verliebt ist,

ist doch noch lange nichts Schlechtes.“ - "Mach dir nichts vor - du liebst ihn auch"
Langsam machte das Gespräch Roswitha nervös. Was wollte Emine eigentlich von ihr? Wäre es anders herum, Roswitha würde sich für Emine freuen. Niemals würde sie ihr solche Vorhaltungen machen.
„Er ist nicht der Mann den ich für dich in meinem Traum gesehen habe. Der war blond“ sagte sie und stampfte trotzig mit dem Fuß auf.

Roswitha kam immer mehr der Verdacht: Emine war eifersüchtig! Sie wusste nur nicht auf wen oder was?

Davut - der Roswitha gesucht hatte - setzte sich zu ihnen. „Du - Nimm du dich vor Ali Bey Acht!" sagte sie zu ihm mit hasserfüllter Stimme. "Er ist mit Recht sehr wütend auf dich“ zornig fuhr sie fort. „Am besten ihr Beiden setzt euch ständig Sonnenbrillen auf. Euere Blicke verraten mehr als gut für euch ist.“ 

"Emine - Es reicht jetzt! Überleg dir was du da sagst" Roswitha war nun auch wütend geworden.

 Sie ging zurück ins Restaurant und setzte sich an die Kasse. Ahmet brachte ihr unaufgefordert einen Wodka.

Er spürte wie aufgebracht sie war. Roswitha trank und dachte: “Hoffentlich reist sie bald wieder ab“.
Seit ihrer Ankunft machte Emine nichts anderes, als ihre gute Laune zu zerstören. Was bezweckte sie nur damit?

Auch am nächsten Tag gingen Roswitha und Davut ohne Emine einkaufen. Roswitha hatte sie nicht noch einmal gefragt,

ob sie mitkommen wollte.

 Roswitha bummelte - nachdem die Einkäufe fürs Restaurant getätigt waren - noch ein wenig über den Markt.

Davut wollte gehen.

Roswitha sah da noch ein schönes T-Shirt, dort wunderbare Gläser ... endlich machte ihr einkaufen wieder Spaß!
„Schau mal auf den Boden“ sagte Davut plötzlich gereizt zu ihr. „Schau doch einmal runter. Was siehst du?“
Sie wusste nicht was er meinte. Sie sah gar nichts. „Nichts ... Genau! Dass ist es: Null ... 0 Schatten!

Das heißt, wir spazieren hier in der Mittagssonne herum. Lass uns bitte endlich gehen! Ich bekomme noch einen Hitzschlag“ -  „Tamam Moruk (Alter), gehen wir“.
Am voll bepackten Auto angekommen konnte Davut die Wagenschlüssel nicht finden. Aufgeregt leerte er seine Taschen. Nichts! Sie liefen zu all den Händlern, bei denen sie eingekauft hatten. Es war nirgends ein Schlüssel liegen geblieben.

Roswitha kaufte im vorbeigehen für Davut eine Kappe gegen den drohenden Hitzekoller.
Als sie zurück zum Wagen kam saß Davut - vor ein paar Minuten noch wie aus dem Ei gepellt - total schmutzig, hinter dem Steuer. Der Motor lief jetzt. „Wo waren denn die Schlüssel?“ fragte sie ihn.

„ Hab sie nicht gefunden. Aber ich habe die Zündung kurz geschlossen. Komm fahren wir “ sagte er zufrieden.
„Wie hast du denn die Lenkradsperre geknackt?“ -  „Lenkradsperre?“ An die hatte er nicht gedacht. Roswitha setzte eilig die Kappe auf seinen Kopf.
Sie hatte noch einen Ersatzschlüssel im Caravan. Der musste von jemandem vorbei gebracht werden.
Sie setzten sich auf eine Mauer im Schatten und warteten. Davut brachte ihr Tee und sagte

„Nimm dich vor der Schlange acht!“ Roswitha sah fassungslos wie sich eine solche auf der Erde schlängelte.

Von da an saß sie auf der Mauer wie eine Statue und rührte sich nicht von der Stelle, bis Zafer den Schlüssel brachte.

Die Lebensmittel wurden in den VW Bus umgeladen. In der untersten Tüte fanden sie dann auch den gesuchten Schlüssel wieder.
„Was macht Emine?“ fragte Roswitha Zafer. „Seit ihr weggefahren seid, sitzt sie mit Ali Bey zusammen.

Die scheinen sich heuer sehr gut zu verstehen.“ Er fuhr zurück.
Davut ging mit Roswitha in ihre Lieblings-Konditorei. Jeder von ihnen bestellte gleich 2-mal Limonade.

„Du glaubst es nicht aber ich bin mir sicher, Emine hetzt Ali gegen mich auf.“ -  „Emine ist im Moment ein bisschen daneben. Aber so etwas würde sie nie tun. Sie ist immer noch meine Freundin“ -  „Du wirst schon sehen.“
Roswitha wollte darüber nicht weiter mit ihm diskutieren. Sie stand auf und ging in das Kaffee. Es gab dort immer super Obstbecher mit Pudding. René war ganz verrückt danach.
Sie wollte ihrem Schatz einen davon mitbringen. „Habt ihr keine Schwarzen mehr?“ fragte sie den Patron der Davuts Studienfreund war. Neuestens machten sie die Becher auch mit rosa Pudding. Diese liebte René jedoch überhaupt nicht.

„Heute leider nicht!“ bedauerte der Kaffeebesitzer.
Davut war inzwischen herein gekommen und stand neben Roswitha an der Verkaufstheke. „Nimm doch so einen Roten.

Der schmeckt sehr gut “ mischte er sich unvermittelt ein. „Nein! Ich will einen Schwarzen“ -  „Der Rote ist köstlich.“

 „Ich will ihn aber nicht!“ schrie sie ihn unbeherrscht an. „Als René ihn letztes Mal probiert hat, hätte er fast gekotzt.“

Zornig stürmte sie nach draußen.
Das auch der Patron des Kaffees den Streit um seine rot-schwarzen Obstbecher mitgehört hatte, war peinlich.

Wieder am Tisch, trank sie wütend die eiskalte Zitronen Limonade in sich hinein.
Jetzt war also auch Davut gegen sie! Sollte er doch das rosa Zeug essen, wenn es so gut war.

René schmeckte es jedenfalls nicht!
Davut setzte sich wortlos neben sie. Er kicherte leise. „Entschuldige -  aber du warst zu komisch“.

Erst jetzt wurde ihr bewusst, wie paradox das Ganze war.
Wegen eines Puddings!!! Zusammen lachten sie, bis ihnen die Bäuche wehtaten. Gut gelaunt fuhren sie nach Hause.
Das Brautpaar hatte nicht bezahlt, sondern war auf Nimmerwiedersehen verschwunden.
 

Roswitha sah nach Emine. Sie fragte sie nicht, was sie so lange mit Ali zu besprechen gehabt hatte.

Doch früher hätte es ihr die Freundin sofort und in sämtlichen Einzelheiten von selbst erzählt.
„Gehen wir nach dem Essen schwimmen“ fragte Roswitha nun. „Ich habe mit meinem Mann telefoniert und der möchte nicht, dass ich mit Davut auf dein Boot gehe!“ antwortete Emine.
Das war eine primitive Lüge. Roswitha kannte Serdar sehr gut. Niemals würde er ihr das verbieten. Schließlich kannte auch er Davut und wäre froh gewesen, dass die zwei Frauen nicht alleine auf dem Meer waren.

Sie suchte verzweifelt eine Möglichkeit, Roswitha und Davut auseinander zubringen. 

„Gut dann mache ich jetzt meine Büroarbeit“ sagte Roswitha.

Langsam verlor sie wirklich die Geduld mit ihr. Sie ging zum Caravan und wollte duschen.
Ali kam und setzte sich. „Davut schmeiße ich raus!“ drohte er an. „Ach ja? Warum denn? Weil er mein Freund ist?  Das ist zwar dein Platz hier, aber ich habe einen Pachtvertrag mit dir. Meine Freunde haben das gleiche Recht hier zu sein, wie die deinen. Doch wenn du meinst, dann tu was du nicht lassen kannst und  wirf ihn raus. Mich wirst du dann auch nur noch selten hier sehen“ -   „Warum lässt du mich nicht in dein Bett?“ fing er mit dem uralten Thema an. „Wenn du mich rein lässt, kann Davut hier bleiben“ -   „Mach doch was du willst. In mein Bett kommst du nie wieder“ -  „ Sei vorsichtig -  ich habe eine Pistole“

sagte er völlig zusammenhangslos.
„Ich bin vorsichtig -  Keine Sorge Bitanem. Auch ich habe eine Pistole! Meine ist aber gut in Schuss und nicht so verrostet wie die deine denn sie wird von mir täglich poliert und geölt.“
Wenn dieser Vollidiot glaubte er könne ihr drohen, hatte er sich getäuscht. Das hatten schon ganz Andere versucht.

Abends schlich Ali um die Kasse. Roswitha nahm das Geld für die Einkäufe die sie am Morgen getätigt hatte.

Den Rest gab sie dem Personal, die ihre Prozente - als Roswitha sich nicht um das Lokal kümmerte - von Ali wochenlang nicht ausbezahlt bekamen.
An ihrem Tisch saßen Davut und Emine schweigend nebeneinander. Roswitha setzte sich dazu.

Sie bestellte sich bei Pascha ihr derzeitiges Lieblingslied: „Binnaz" um die Stimmung ein bisschen  aufzulockern.
Doch Emines Trauermine war unzerstörbar. Auch als Ilter seinen Auftritt hatte und für sie ihren Song „Ankara Misket“ sang, änderte sich nichts daran. Sie war angeblich müde und ging schlafen.
Als sie weg war lästerten Davut und Roswitha über sie. Es war aber auch schlimm mit ihr.

Warum war sie überhaupt gekommen, wenn sie zu nichts Lust hatte? 
Roswitha sah das Ali an der Kasse war.
„Was wollte er?“ fragte sie Ahmet ein paar Minuten später. „Die 100 Millionen von dieser Hochzeit“ - 

 „Die bekommt er nicht! Schließlich haben wir durch seine Schuld Verlust gemacht. Außerdem decken heute die Einnahmen nicht einmal die Ausgaben. Die Kasse ist leer“ -  „Tamam“ - „Ahmet hast du vielleicht eine Ahnung was dieses Jahr mit Emine los ist? Ich kenne sie nicht wieder. Als wäre sie plötzlich ein ganz anderer Mensch geworden. Leider hat dieser überhaupt keine Ähnlichkeit mehr mit meiner besten Freundin“.
„Ja - ahnst du es wirklich nicht?“ - „Nein! Was? “ -  „Eifersucht!“ sagte er grinsend. „Auf wen denn? Davut?“ - „Nein!

Auf dich“ sagte er. „Ich bin doch nicht lesbisch“ antwortete Roswitha verblüfft über diese absurde Mutmaßung.
"Ja du nicht - aber vielleicht sie" Es wurde immer noch schöner. Jahrelang war sie mit Emine befreundet.

So etwas wäre ihr aufgefallen. Es schienen durch Emines Launen die wildesten Gerüchte unter dem Personal zu kursieren.

„Sie ist verheiratet Ahmet“ Er zuckte mit den Schultern und wollte dazu noch etwas sagen, als Pascha durch das Mikrofon brüllte:

“D A V U T  FEUER“.
Davut reagierte sofort und mit einigen Männern hantierte er an dem großen Schlauch vor dem Restaurant herum.

Dann rannten sie mit ihm zu Emines Bungalow. Nach ein paar Schocksekunden lief auch Roswitha dorthin.
Hoffentlich war Emine nichts passiert.
Aus dem Häuschen qualmte es fürchterlich. Emine - durch den Lärm aufgeschreckt - lief im Nachthemd draußen herum.
Gott sei Dank... sie war gesund! Davut löschte das Feuer. Er hatte sich schon Vorwürfe gemacht.

Er hätte nicht so lästern dürfen über sie. Wäre ihr bei dem Brand etwas geschehen, hätte er es sich sein ganzes Leben nicht verziehen. Man spricht nicht so über jemanden, der nicht dabei ist.
"Ich hatte schon geschlafen und von dem Brand überhaupt nichts bemerkt" sagte Emine den Tränen nahe..

"Wie konnte denn das passieren?" fragte Roswitha. "Das kann ich nicht sagen. Ich habe jedenfalls nicht mit Feuer hantiert.

Mit Sicherheit hat jemand eine brennende Zigarette durch das Fenster in mein Zimmer geworfen".
Das war ausgemachter Schwachsinn. Wer sollte so etwas tun? Außerdem war es unmöglich.

An den Fenstern waren Fliegengitter aus Draht. Da konnte niemand heimlich Zigaretten durchwerfen.

Im Fliegengitter war kein Loch. Auch kein klitzekleines!
Emine wollte dann nicht mehr länger bleiben. Am nächsten Morgen reiste sie beleidigt ab.

Auf dem "Kaptans" wurde ihr offensichtlich nach dem Leben getrachtet.


Als sie weg war atmete Roswitha erleichtert auf. Lange wäre es ohne Streit nicht mehr gegangen mit ihr.
„Du hast dich wieder aufgeregt. Sie mal deine Fingernägel an. Sie haben sich weiter abgelöst. Roswitha -

du musst das endlich einem Arzt zeigen“ -  „Davut ich will nicht zu einem Doktor. Das wird schon von selbst wieder vergehen“.

Er wusste, mit Reden kam er bei ihr in dieser Angelegenheit nicht weiter.

Sie konnte manchmal ganz schön stur sein.
Als sie zusammen einkaufen fuhren, parkte er den Wagen in der Innenstadt  "Gel" sagte er nur und reichte ihr seine Hand.

„Was machen wir denn hier?“ fragte Roswitha. „Ich habe mich erkundigt -  Hier praktiziert der beste Hautarzt in Antalya.

Da wirst du jetzt mit mir hineingehen“.
 

Ihr Protest nützte dieses Mal nichts. Er nahm sie bei der Hand und führte sie in die Praxis. Da er sie schon telefonisch angemeldet hatte, wurden sie sofort in das Sprechzimmer der Ärztin vorgelassen.
Sie sah sich die Fingernägel von Roswitha sehr genau an. „Hatten sie in letzter Zeit viel Stress?“ fragte sie dann. „Ja - aber das ist vorbei. Es geht mir wieder gut!“ -  „Haben sie plötzlich viel Gewicht verloren?“

„Ja -  ungefähr 20 Kg“ - „Durch den Stress und den Gewichtsverlust hat ihr Körper zu viel Vitamine und Mineralstoffe verloren. Wenn sie jetzt nicht gut aufpassen, werden sich ihre Fingernägel ganz ablösen und auch nicht mehr wieder kommen“.
Roswitha erschrak. Das wäre ja furchtbar. „Und was kann ich dagegen tun?“ -  "Ich schreibe ihnen jetzt ein paar Medikamente auf. Die müssen sie konsequent einnehmen. Nach 4 Wochen möchte ich sie dann noch einmal sehen.

Es ist aber unwahrscheinlich, dass sich ihre Nägel sich bis dahin schon regeneriert haben. Das wird eine langwierige Geschichte. Das Wichtigste ist jetzt im Moment, dass wir die Sache wenigstens zum Stillstand bringen. Lassen sie ihre Nägel völlig in Ruhe. Benützen sie für alle Arbeiten Handschuhe. Wenn sie sich dran halten, können sie ihre Nägel retten“.

Davut bezahlte 100 Mark für die Behandlung. Roswitha bedankte sich bei ihm. „Das Geld werde ich dir natürlich zurückzahlen Ich wusste nicht, dass es so tragisch ist“ -  „Ich will dein Geld nicht“ antwortete er beleidigt.

„Ich will, dass du endlich wieder gesund wirst“ -  „Ich danke dir mein Lebensretter“ sagte sie und küsste ihn freundschaftlich auf die Wange. 

Davut brachte - als sie wieder am Camping waren - den Bungalow Emines in Ordnung. Unter dem Fenster fand er eine angebrannte  Zigarette. Emine musste versucht haben, sie hinaus zuwerfen und hatte dabei nicht an das Gitter gedacht. So fiel die Zigarette auf den Boden und hatte die Plastikfolie - die gegen das Ungeziefer über das Holz gespannt war - entzündet.

 

Im Restaurant war Nachmittags nicht viel los.

Sie sah es schon an den wenigen, auf dem Parkplatz geparkten Autos. Alis Freund - ein Gemeinderat - war  wieder einmal gekommen. Roswitha konnte diesen schmierigen Typ nicht leiden.

Bei seinem letzten Besuch war er von den Kellnern mit einer Frau im Auto erwischt worden ...

Nackt auf dem Parkplatz!


Sie setzte sich an die Kasse und kontrollierte die Kassenbons. Es arbeitete nur ein Kellner: Safer.

Er war über irgendetwas sehr verärgert. Ununterbrochen brummelte er vor sich hin.

„Was ist denn heute mit dir? Wenn du weiter so ein unfreundliches Gesicht machst, laufen uns ja die Gäste davon“.

Halb im Scherz, halb im Ernst sagte Roswitha es zu ihm. Das sie böse mit ihm sein könnte, traf ihn sehr. „Ist doch aber wahr!“ schimpfte er. „Dieser Bayram Bey (Alis Freund)!

Was glaubt er denn, was das hier ist?“

Er war außer sich. 
„Was hat er denn so schreckliches getan?“ -  „Roswitha Hanım, sei mir nicht böse aber das geht wirklich nicht. Als ich ihm vor ein paar Minuten den bestellten Rakı in Loge 2 bringen wollte -  vernaschte er
auf unserem Tisch seine Freundin ... !“
Roswitha blieb der Mund offen stehen. Der Mann war ja noch schamloser als sie dachte. Und die Frau auch! Roswitha wusste, dass auch sie verheiratet war.
„Als ich mich bemerkbar machte“ berichtete Zafer entrüstet weiter „störte ihn das überhaupt nicht ...

 seelenruhig machte er weiter bis er fertig war - Und dann drehte er sich  zu mir um und sagte: Oğlum bana bir Peçete ver.

(Gib mir eine Servierte Sohn)

Die benötigte er zum abwischen. Ist das noch normal? Bin ich vielleicht ein Zuhälter?“

Roswitha fand keine tröstenden Worte für ihn. Als er sich schimpfend wieder an die Arbeit machte, störte sie ihn nicht mehr.
Kurz darauf fuhr das Auto weg. Der Herr Gemeindevorstand war gegangen. Bezahlt hatte er nichts.

Auch kein Trinkgeld für den armen Zafer. So waren sie eben -  Alis Freunde!

 

Roswitha entschloss sich Gül und Selçuk zu besuchen. Sie schlenderte zum Haus.
„Vielleicht schaut Gül in meinen Kaffeesatz“ dachte sie. Als Roswitha dort ankam, warf Selçuk gerade laut schimpfend mit dem Mittagsessen nach seiner Frau. Roswitha ging dazwischen. Sie war die Einzige, von der er sich einigermaßen  beruhigen ließ.

Er schrie noch einmal kräftig -  drehte sich um und ging.

„Vielen Dank“ heulte Gül. „Ich weiß nicht, was passiert wäre, wenn du nicht dazu gekommen wärst.“

Sie saß da - über und über mit Reis und Gemüse bedeckt -  und zitterte am ganzen Körper.

Roswitha beruhigte sie so gut es ging und suchte hinterher nach Selçuk.
Sie fand ihn wartend vor ihrem Caravan sitzend. „Tut mir leid Roswitha ... aber diese Gül. Sie macht mich wahnsinnig.

Dreimal habe ich ihr gesagt, sie soll den Sand vor der Haustüre wegkehren. Dreimal“

„Vielleicht wollte sie dir ja nur erst dein Essen fertig machen? Sag mal -  wie war das eigentlich als du sie kennen gelernt hast? Habt ihr euch da auch so oft gestritten?“ - „Nein ... Gül war seinerzeit eine sehr schöne und kluge Frau“ erinnerte er sich

und seine Gesichtzüge wurden plötzlich weich.
„Hast du sie damals geliebt?“ wollte sie von ihm wissen. „Was soll das heißen? Damals geliebt? Ich liebe sie heute noch genauso“ -  „Gut! Dann sag das nicht mir, sondern deiner Frau“.
Er war sehr nachdenklich geworden. „Ich danke dir“ sagte er höflich und ging nach Hause.
Am nächsten Morgen kam Gül schon sehr früh zu Roswitha. Sie umarmte und küsste sie immer wieder.

„Du musst ein Engel sein“ sagte sie. „Ich weiß nicht wie du es geschafft hast, aber zum ersten Mal in all den Jahren hat mein Mann zu mir gesagt: Ich liebe dich“. Vor Glück weinte sie. Roswitha war auch glücklich.
Worüber genau sie eigentlich so glücklich war, wusste sie immer noch nicht.
 

Nach dem das Restaurant geschlossen war, fuhr Roswitha noch mit dem Personal nach Antalya.

Auf eine schöne Kuttelsuppe hatten sie alle Appetit. Da sie mit 8 Mann in ihrem Murat keinen Platz hatten, nahmen sie den alten VW Bus. Wie immer fungierte Davut als Chauffeur.
An einer Kreuzung kurz vor ihrem bevorzugtem Suppenladen wurden sie von einem Polizisten angehalten. „Fahrzeugkontrolle“ sagte er streng. „Führerschein und Fahrzeugpapiere bitte“. Der Polizist unterhielt sich mit dem Küchengehilfen, der neben Davut auf dem Beifahrersitz saß. „Haben sie Alkohol getrunken?“ - „Nein“, sagte der Junge wahrheitsgemäß. Der Beamte sah zuerst die Wagenpapiere und dann den Führerschein an. „Das ist ja gar nicht ihr Führerschein!“ fuhr er den Küchenjungen an.

„Nein -  dass ist meiner!“ meldete sich nun Davut.

Der Beamte beachtete ihn gar nicht.
„Ja ... geben sie mir jetzt freundlicherweise ihren Führerschein?“ fragte er wieder den Küchenjungen.

„Ich habe keinen“ antwortete der schüchtern. „Warum fahren sie dann dieses Auto? Aussteigen!. Alle!“

„Aber ich sitze doch gar nicht am Steuer. Er fährt doch ...“ versuchte der Junge eingeschüchtert zu erklären und zeigte wieder auf Davut. „Haltet ihr mich für dumm? Aussteigen!“
„Aber Bruder Polizist - sehen sie doch, dieses Auto ist aus Zypern und rechts gesteuert. Er ist doch der Fahrer“ - 

Ungläubig schaute der Beamte ins Wageninnere ...Tatsächlich, die Lenkung befand sich links. Schallend fing der Beamte zu lachen an. „So etwas Komisches ist mir ja noch nie passiert...“
Er gab die Papiere wieder zurück. „Sie können weiterfahren. Einen schönen Abend noch“ wünschte er immer noch lachend.
 

Am Abend war von den Einnahmen nichts übrig geblieben. Es war Monatsanfang und viele Rechnungen mussten bezahlt werden. Roswitha hielt eine lange Einkaufsliste in den Händen und Benzin brauchte sie auch.
„Fahr zur Mobil, “ sagte Roswitha zu Davut. „Wir tanken da und zahlen es am Abend“. Sie bezahlte oft das Benzin aus der Kasse, dass ihre Angestellten auf Kredit bei der Mobil Tankstelle holten. Sie selbst hatte noch nie auf Pump getankt.
Davut sprach mit dem Geschäftsführer in der Tankstelle, Roswitha wartete im Auto. Er kam wieder und sagte:

“Du hast hier keinen Kredit!“ 
Sie stieg aus ihrem Murat und marschierte in das Büro. „Sind sie hier der Geschäftsführer?“ fragte sie den überraschten Mann der hinter der Kasse saß. „Ja“ -  „Dann waren sie es zu der meinem Freund eben gesagt hat, dass ich hier bei ihnen keinen Kredit habe? Wissen sie wer ich bin?“ -  „Ja, natürlich kenne ich sie. Aber...“ Roswitha ließ ihn nicht ausreden. „Dann ist ihnen sicher auch bekannt dass das Benzin, das meine Angestellten hier tagtäglich auf Kredit holen, aus meiner Kasse bezahlt wird? Was habt ihr hier für eine sonderbare Geschäftspolitik? Ich brauche dein Benzin nicht mein Freund! Aber von heute an bezahle nie wieder auch nur eine Lira aus meiner Kasse an euch. Dann kannst du sehen, woher du dein Geld in Zukunft bekommst.

Aber vielleicht zahlt Ali Bey dann ja die Schulden hier?“
Der Mann war völlig perplex. Dass man so mit ihm brüllte, hatte er noch nie erlebt. Schließlich war er doch Geschäftsführer. Noch immer zornig ging sie wieder zum Auto..
Der Tankwart der den Streit mit angehört hatte, freute sich: „Bravo Roswitha Hanım! Da haben sie Recht gehabt.

Endlich hat diesem arroganten Menschen mal jemand die Meinung gesagt“.
Plötzlich stand der Geschäftsführer neben der Autotür und jetzt wollte auch er brüllen
„Wie kommen sie dazu ...“ begann er zu schreien. Weiter kam er nicht denn Davut war mit einem Satz aus dem Kapriole gehechtet und  -  hatte er den Mann an seinem Hals gepackt bevor dieser wusste wie ihm geschah.
“Was glaubst du, wen du hier vor dir hast?“ brüllte er ihn an. „Du schreist nicht mit ihr. Du nicht!“

„Aber sie kam doch zu mir rein und hat geschrieen“ japste er. Verzweifelt rang er nach Luft.
„Polizei ... ich rufe die Polizei“ keuchte er. „Gute Idee“ sagte Roswitha heiter. „Davut lass ihn los.

Soll er doch die Polizei anrufen.“
Sie kannte beinahe jeden Polizisten in Antalya, mit dem Polizeipräsidenten und seiner Familie war sie sowieso gut befreundet.

Das würde lustig werden. Als Davut endlich den Hals des Mannes los ließ, wollte der gar nichts mehr.

Verwirrt und verängstigt verzog er sich in sein Büro.

Davut und Roswitha tankten bei der Konkurrenz.            

Sie hatte ihrem Personal schon oft verboten auf Kredit Benzin zu holen, doch immer wieder - beinahe täglich - mussten ein paar Millionen an die Mobil bezahlt werden. Immer war es der Koch, der Roswithas Verbot einfach ignorierte.

Das ärgerte sie schon lange. Aber so aggressiv wollte sie die Sache eigentlich nicht regeln.
„Davut - so können wir aber nicht weitermachen.“ Am Abend vorher hatten sie auch mit einem Gast einen Streit. Davut hatte ihm eine geknallt, weil er erst mit Gläsern um sich warf und dann auch noch die Rechnung nicht bezahlen wollte. „Wenn im Restaurant wieder mal Stress ist, misch dich du bitte nicht mehr ein. Es ist nicht dein Problem. Soll das Personal oder Ali sich darum kümmern. Du nicht! Und ich werde in Zukunft auch niemanden mehr anpöbeln. Versprochen.“ Er war einverstanden.
„Und noch etwas ... Ali ist ein Verrückter und daher unberechenbar. Wenn er wieder einmal alleine mit dir sprechen will, sage mir Bescheid. Irgendetwas führt er im Schilde, dass fühle ich“ - „Meinst du, ich kann mich selbst nicht wehren oder warum soll ich dich rufen?“ -  „Ich weiß, dass du mich nicht brauchst, aber bitte hol mich trotzdem. Versprochen?“ Er versprach es ihr.
Nach dem Basar kehrten sie wieder in dem kleinen Kaffe ein. Sie machten jetzt keine rosa Puddings mehr dort.

Es gab wieder die Leckeren - mit Schokolade.

Am Abend wurde Roswitha zum Telefon gerufen. Es war der Big Boss der Mobil Tankstelle. Roswitha kannte ihn, hatte ein paar Mal einen Rakı mit ihm getrunken. Nach den üblichen Höflichkeitsfloskeln entschuldigte er sich überschwänglich für den hässlichen Vorfall mit seinem Geschäftsführer.
Als Roswitha vor Jahren den Platz übernahm, hatte Ali auch bei ihm mehrere hundert Mark Schulden.

Sie hatte sie ihm damals zurückbezahlt. Dass hatte er nicht vergessen.
„Wie viel Kredit brauchen sie?“ fragte er. „Es geht nicht darum. Ich möchte nur, dass mein Personal ohne Geld auch kein Benzin bekommt. Bezahlen muss jedes Mal ich. Wie haben sie eigentlich davon erfahren?“

„Davut hat mich heute angerufen.

Sein Vater ist ein sehr guter Freund von mir.“

 

Mit dem Restaurant ging es wieder mal Berg auf. Jeden Abend kamen ein paar Gäste mehr. Auch dieser Abend war gut.

Ali hatte den ganzen Tag an der Campingplatz-Toilette gearbeitet und dort betoniert.
Gegen 22.30 Uhr betrat auch er das Restaurant. Seine kurze Hose war zerrissen, er selbst furchtbar schmutzig und in seinen Haaren hingen ein paar Beton-Glümpchen. Nachdem er mit seiner Arbeit fertig war, hatte er es nicht für nötig befunden sich zu duschen.
Ali brüllte schon los bevor er richtig angekommen war . Mit der flachen Hand schlug er auf die Kasse und brüllte

"Benim Parama verin". Er wollte Geld. Dann sah er sich im Restaurant um - seine Wahl fiel auf ein Pärchen das neben der Tanzfläche an einem Tisch saß.
„Guten Abend“ sagte er freundlich. „Ist alles in Ordnung? Sind sie zufrieden?“  Etwas irritiert was das den schmutzigen Arbeiter eigentlich anging, antwortete der Mann höflich. „Danke schön. Alles in bester Ordnung“ -  „Ich bin Ali Kaptan - der Besitzer des Platzes“ stellte er sich stolz vor.  -  „Sehr erfreut. Sie haben hier ein wirklich entzückendes Restaurant.“
Eigentlich wollte der Mann sich lieber ungestört mit seiner Freundin unterhalten, fragte aber aus reiner Höflichkeit ob Ali sich zu ihnen setzen wolle. Sofort ließ dieser sich auf einen freien Stuhl fallen.

„Wie gefällt ihnen das Programm?“ fragte er mit vollem Mund denn er hatte sich inzwischen den Fingern an der Obstplatte -

die auf dem Tisch stand - bedient. „Ausgezeichnet! Der Sänger hat eine außergewöhnliche Stimme. Wirklich sehr gut“.
„ Wäre eine Frau nicht besser?“ hakte Ali nach.

Der Mann beteuerte schon den zweiten Abend nur wegen Ilter hierher zu kommen.

„Und das Personal? Ist es nicht furchtbar, dass man heutzutage kein gutes Personal findet? Als ich auf meinem Schiff war,

den Service hätten sie sehen sollen ...“
Nun schüttete er ungefragt Rakı für sich selbst in ein Glas. „
Beyefendi  wir sind hier wirklich sehr zuvorkommend bedient worden und mit dem Service zufrieden“. „Ach … tatsächlich?“
Ali führte die Unterhaltung noch eine Weile fort und als der Gast sich nicht von der Unfähigkeit des Personals überzeugen ließ, fing Ali ausgiebig zu Gähnen an. Nach ein paar weiteren Minuten war er fest eingeschlafen und schnarchte. Sitzend und bei Leuten, die nun nicht recht wussten, wie sie sich verhalten sollten. Der Abend hatte so viel versprechend begonnen und jetzt hatten sie einen ungepflegten, schnarchenden Mann an ihrem Tisch. Das sollte der Patron sein?

Sie standen auf und tanzten.
Roswitha hatte das Ganze von Weitem beobachtet und schickte einen Ober der Ali ans Telefon rief. Bei dem Wort Telefon wurde er sofort hellwach. Er telefonierte für sein Leben gern. Ali nahm den Hörer und brüllte
„Efendim!  Efendim?“ -

„Ali es ist keiner dran. Ich habe dich rufen lassen“ sagte Roswitha.

 „Du  hast wieder einmal an einem Gästetisch geschlafen“ -   „Wer hat geschlafen? Ich??? Ha ha ha.

So etwas mache ich nicht“ -  „Ali bitte! Schon 1000 Mal hast du es getan. Das du damit unsere Kundschaft vertreibst ist dir ja egal. Ich bin aber nur noch ein paar Monate hier und würde schon etwas Geld brauchen. Also bitte -  wenn du dich schon an einen Tisch setzt, dann wasche dich bitte vorher.“ - „Was redest du denn? Hier ist die Türkei und nicht Deutschland.

Die Leute wollen den Patron an ihrem Tisch sehen.

Und was soll dass heißen, du bist nur noch ein paar Monate hier? Wo gehst du hin?“ -  „Ali, dass weißt du doch. Ich gehe nach Deutschland zurück". -  "Du gehst nirgends hin. Warum willst du denn gehen?" - "Ich habe jahrelang mit dir gestritten,

genützt hat es nichts. Es wäre schön, wenn wir wenigstens die letzte Zeit ohne Streit hinter uns brächten“.

„Du gehst nirgends hin, dass sage ich dir. Wenn du gehst, gehe ich auch und was soll dann mit den Steuerschulden werden?“ -  „Ich sage es dir jetzt zum letzten Mal: Es sind nicht meine Schulden!

Ich werde gleich Morgen eine Liste machen wie viel Geld ich an Steuern bezahlt habe, die lange vor meiner Zeit fällig waren.“ -  „Nichts wirst du! Gar nichts hast du bezahlt.“  Roswitha beendete das Gespräch.

 Die Gäste wurden schon aufmerksam, denn die Diskussion war recht lautstark geworden. Sie nahm sich fest vor, gleich am Morgen mit ihrer Aufstellung zu beginnen. Sie hatte selbst keine Ahnung wie hoch sich die Schulden des Restaurants an sie inzwischen angehäuft hatten. Viel Hoffnung, dass Ali dann begreifen würde oder vielmehr die Schulden akzeptieren würde,

hatte sie allerdings nicht. Rechnen war nie seine Stärke gewesen und wenn es zu seinem Nachteil war,

dann begriff er schon gleich überhaupt nichts.

Ali setzte sich jetzt neben die Eingangstür, legte seine nackten Beine hoch und schlief sofort weiter.
„Ali Bey möchte heute 50 Millionen aus der Kasse haben“ -  sagte Zafer zu Roswitha. Immer wenn Ali ein paar Gäste sah dachte er, die gesamten Einnahmen  wären Reingewinn. Dass auch das Personal und Bier, Cola, Steuern, Versicherungen, Strom und noch so einiges mehr bezahlt werden musste, pflegte er regelmäßig zu vergessen.

Roswitha zog ihre Auslagen und die Löhne für das Personal aus der Kasse.
Als die Musik zu ende war, erwachte Ali wieder. Er stürzte sich auf die Kasse. „Wo ist mein Geld?“ -  „Nach Abzug der heutigen Unkosten sind genau 2 300 000 Lire übrig. Davon muss ich morgen einkaufen. Die Liste der Küche und der Bar ist lang. Mindestens 50 Millionen “ -  „Ich habe dir gesagt, du sollst

50 Millionen für mich bereit halten“ schrie er Zafer an als hätte er Roswitha nicht gehört. „Und ich habe ihm gesagt,

er soll das Personal auszahlen“ schrie Roswitha zurück. Davut, der an Roswithas Tisch alles mit anhörte, wurde blass.

Solche Streitereien zwischen Ali und Roswitha, hatte er in all den Jahren oft erlebt. Er wusste aber, Roswitha war nie zuvor so nervös gewesen.
Sie stand nun auf und klopfte energisch auf den Kassentisch.

„So lange ich noch hier bin, bekommt mein Personal sein Geld. Und wenn du dich auf den Kopf stellst. Diese Kasse verwalte ich. Wenn du also Geld willst, komm zu mir. Aber brüll nicht mit unseren Kellnern herum“.  Sie war so laut geworden,

dass Ali eingeschüchtert aufstand und ging.
Gleich am nächsten Morgen begann sie ihre Unterlagen zu ordnen und zu rechnen. Davut half ihr dabei.

Sie war selbst erstaunt, wie viel die Kasse ihr schuldete. Fast 50 000 DM. Für etwa 10 000 DM hatte sie Alis Unterschrift.
Davut konnte gar nicht begreifen, dass sie nicht einmal für den Arzt Geld aus der Kasse Geld genommen hatte.

„Du musst wirklich sehr krank gewesen sein“, sagte er kopfschüttelnd. Er kannte sie als Kämpfernatur.

Davon schien nicht viel übrig geblieben zu sein.
„Ich hatte keine Lust, mich mit Ali um Pfennigbeträge streiten zu müssen. Das Geschäft war schlecht und viel Geld war niemals in der Kasse “ verteidigte sie ihre Passivität.

 

Gül und Selçuk kamen in dieser Zeit gut miteinander aus. Manchmal hörte sie den Mann zwar noch mit seiner Familie schreien, doch zu Handgreiflichkeiten war es seit dem letzten Vorfall nicht mehr gekommen.
Irgendwo verstand Roswitha, dass er fürchterlich nervös war. Die Verantwortung für seine drei Kinder und

seine Frau trug er alleine. Das Gehalt reichte nicht hinten und nicht vorne.
Als Beamter verdiente er ungefähr 500 DM im Monat. Und er war einer der wenigen, die unbestechlich waren. In Edirne war seine Wohnung noch im Rohbau. Für sie zahlte er schon seit etwa 10 Jahren Raten. Eigentlich sollte sie schon abstottert sein, aber die Kooperativ wurde und wurde nicht fertig mit dem Bau. Diese Methode war eigentlich eine gute Sache.

Doch meistens klappt es nicht so, wie es den Leuten versprochen wurde.
Zwischen 50 und 500 Menschen bauen zusammen ganze Wohnsiedlungen. Ein Viertel der gesamten Baukosten wird als Anzahlung bar entlohnt. Der Rest in monatlichen Raten. Nach 4-6 Jahren sollte die Schuld spätestens getilgt und die Wohnung bezugsfertig sein.

Doch Selçuk zahlte schon viel länger als ursprünglich vereinbart worden war. Und die Zahlungen nahmen kein Ende.
Immer wieder kamen Rechnungen mit zusätzlichen Forderungen.
Als Gül ihr väterliches Erbe wollte, um endlich die Schulden für die Wohnung begleichen zu können, wurde sie von ihrer Familie immer wieder vertröstet und am Ende wüst beschimpft. Geld bekam sie keines.
Roswitha überlegte, was diese Familie wohl machen würde, wenn sie auch noch Miete bezahlen müssten. Am Camping wohnten sie nämlich mietfrei. Das war aber in Ordnung, da Selçuk damals ihr Auto vor dem Zoll gerettet hatte.
 

Die Zeiten waren schlecht in der Türkei. Durch die Anschläge der PKK blieben die Touristen aus.
Es kamen wenig Devisen ins Land. Die Geschäftsleute verkauften nur noch einen Bruchteil von dem was sie früher umgesetzt hatten. Die Ladenmieten jedoch wurden ständig teuerer.
Fast täglich stiegen die Kosten für den Lebensunterhalt. Das machte sich auch im Restaurant bemerkbar.

Die Gäste gaben ihr Geld nicht mehr so leicht aus.
War es früher so eine Art Volkssport in der Türkei, Touristen mehr oder weniger zu bescheißen, wurde jetzt sogar der Bruder übers Ohr gehauen - wenn es nicht anders ging auch die eigene Mutter.


Eines späten abends klopfte Ali bei Roswitha und wollte hereingelassen werden. Sie hatte schon geschlafen und war ziemlich ungehalten über diese Störung.
Schimpfend öffnete sie die Tür um sie ihm auch gleich wieder vor der Nase zu zuschlagen.

Sie dachte, er hätte endlich begriffen, dass dieses Kapitel zu ende war und nur noch eine Geschäftsbeziehung zwischen ihnen bestand. Schließlich lief schon fast zwei Jahre nichts mehr zwischen ihnen. Doch er hatte überhaupt nichts verstanden.
Am nächsten Morgen kam er vorbei als sie und Davut Kaffe tranken. Jetzt wollte er keine Liebe mehr sondern Geld und ruck zuck hatten sie sich wieder in der Wolle.
Nachdem sie vom Einkaufen zurück waren, kam Davut kurz bei Roswitha vorbei. „Er will mit mir sprechen“ sagte er und ging in Richtung Restaurant. Sie zog sich schnell etwas über ihren Bikini und schlenderte, äußerlich ruhig, auch zum Lokal.

Sie wusste, Ali würde sich rächen für die Abfuhr in der Nacht. Als sie ankam hörte sie Widererwarten kein Geschrei.

Sie schlenderte sie am Fluss entlang.
Versteckt in der letzten Ecke fand sie die Beiden.
Als Ali Roswitha sah, wurde er fuchsteufelswild. „Hast du sie gerufen?“ schrie er Davut an. „Ist sie dein Bodyguard?“

„Ich bin sein gar nichts“ antwortete Roswitha ihm ganz ruhig. „Ich habe euch zufällig hier gesehen".  - 

 „Yok ya? Dauernd hängt ihr zwei doch zusammen. Das reicht mir jetzt. Davut du packst deine Sachen und gehst! Sogar bei den Rechnungen, die sie mir stellt bist du ihr behilflich? Musst du da auch noch gegen mich sein? Ich lasse mir doch auf meinem Platz keine Hörner aufsetzen von euch. Dass du in sie verliebt bist sieht doch ein Blinder. Sie hört doch nur noch auf dich.

Und du ... du frisst du sie ja regelrecht mit deinen Augen auf“.
Jetzt wurde auch Davut böse und brüllte Ali an. Beide sprangen auf und gingen aufeinander los.

Roswitha stellte sich zwischen sie. Sie hielt Davut fest und sagte: „Wenn er es so haben will - dann geh!

Viel ändern wird das für uns sowieso nicht“. Als die Beiden erneut heftig zu streiten begannen sagte Roswitha zu Davut:
„Es ist sinnlos mit ihm reden zu wollen. Pack deine Sachen! Ich fahre dich nach Antalya“
Er war kalkweiß geworden, tat aber was sie sagte. Roswitha ging wieder zurück zu Ali.

„Das hast du nicht umsonst getan mein Prinz. Meine Freunde waren dir hier schon immer ein Dorn im Auge. Mich siehst du hier nur noch, wenn ich mein Geld aus der Kasse ziehe.
Und ich warne dich -  frage mich in Zukunft nie wieder, wohin ich gehe oder woher ich komme. Das geht dich nämlich einen Scheiß an.

Und wenn du es noch einmal wagen solltest bei mir zu klopfen  mein Einziger -  dann nimm dich in acht!

Ich verpass dir eine Kugel in deinen Unterleib, dass dir die Lust ein für allemal vergeht". 

Ali war aschfahl geworden. Das war ihr durchaus zuzutrauen.
Sie ging zu ihrem Auto wo Davut schon auf sie wartete. Erst stellten sie seine Reisetasche in die Wohnung und gingen dann in ihr Stammkaffe. „Davut, sei nicht traurig. Ich komme jeden Morgen zum Kaffeetrinken zu dir. Wir können auch so alles zusammen unternehmen. Ist vielleicht besser so“.
Die Vorstellung, sie vielleicht nicht mehr so oft sehen zu können hatte ihn fast verrückt gemacht.

 
Auf dem Nachhauseweg zog Roswitha Bilanz: Sechs Jahre hatte sie keinen anderen Mann auch nur angesehen.

Warum eigentlich nicht? "Weil du ein Depp bist" gab sie sich selbst die Antwort.

Ihre Freundinnen musste sie permanent vor Ali in Schutz nehmen, da er es nicht ertrug, dass sie jemanden um sich hatte der ihr auch in Problemsituationen zur Seite stand.

Er selbst war dazu ja nie in der Lage gewesen.

Zeitweise wollte er ihr sogar das Essen, dass die Freundinnen im Restaurant verzehrte in Rechnung stellen.
Sie hingegen verhielt außer dem Koch und seiner Familie auch seine zahlreichen Familienangehörigen.

Und seine unsympathischen Freunde zahlten grundsätzlich nicht.

Nein! Dieser Mann hatte sein Recht schon vor langem verloren, sich in ihr Privatleben einzumischen.
Und dann hatte Ali bei dem letzten Streit ein paar Dinge zu Davut gesagt, die mit Sicherheit nicht aus seinem Wortschatz stammten.
Es waren exakt dieselben Worte, die auch Emine damals benutzt hatte.
Also hatte ihre "Freundin" ihn doch aufgewiegelt. Roswitha war sehr zornig. Auf Emine und auf Ali.

 

Sie setzte sie sich abends nun nicht mehr an ihrem Tisch im Restaurant, sondern demonstrativ an die Kasse.

Ali sollte keine Gelegenheit mehr haben, nur eine Lira aus der Kasse zu nehmen. Jetzt wollte sie wenigstens noch ein paar Mark von dem was Ali ihr schuldete. Ali lief ganz geknickt durch die Gegend. Das Roswitha die Kasse jetzt fest in die Hand nahm, passte ihm ganz und gar nicht. Am liebsten hätte er Davut sofort wieder zurückgepfiffen.

Sie stand nun allmorgendlich auf, machte Kaffe und fuhr mit ihrer Thermoskanne ohne Umweg direkt zu Davut.

Sie unterhielten sich stundenlang, jetzt sogar viel ungestörter als beim "Kaptans".
Sie  gingen auch weiterhin gemeinsam einkaufen. Nachdem sie Davut beim Boot ausgeladen hatte, brachte sie die Lebensmittel zum Restaurant, zog ihren Bikini an und fuhr zurück zum Boot.
Davut bemerkte, dass mit dem Motor irgendetwas nicht in Ordnung war und baute ihn aus. Er wurde ins Sanayı zur Reparatur gebracht.

Am darauf folgenden Tag setzte Roswitha Davut an einem einsamen sehr schönen Strand - das Boot war ja ein paar Tage nicht einsatzfähig - ein paar Kilometer vom „Kaptans“ entfernt ab. Sie selbst fuhr nach Hause, lud die Lebensmittel aus und fuhr wieder zu Davut.

Er hatte sich auf eine Bank gelegt, die dort für Picknickgäste aufgestellt worden war. Um diese Jahreszeit war aber kein Mensch dort. Roswitha legte sich deshalb mit ihrem Handtuch auf den dazugehörigen Tisch.

Sie gingen zusammen ins Meer. Das Wasser war herrlich. Nach dem sie eine halbe Stunde geschwommen waren legte sich Roswitha in die Sonne.
Da der Tisch schön breit war und Davuts Bank schmal, legte er sich nun neben Roswitha auf den Tisch.

Sie unterhielten sich bis Roswitha plötzlich schläfrig wurde. Es war wieder sehr spät geworden am Abend zuvor.

Plötzlich spürte sie zart und weich Davuts Lippen auf den ihren.
Da da sie diesen Kuss ohne Widerstand geschehen ließ, fiel der nächst wesentlich stürmischer aus.
Sie befreite sich aus seiner sanften Umarmung "Lass uns gehen“ bat sie ihn dann. Sie waren beide völlig durcheinander und Roswitha wollte in Ruhe nachdenken können. Davut packte ohne Widerspruch ihre Sachen zusammen.
Händchenhaltens fuhren sie zurück.
 

Wieder zuhause war so glücklich, dass nicht einmal Ali sie aufregen konnte. Der sah sie nur nachdenklich an.

Er hätte zu gerne gewusst, wo sie den ganzen Tag gewesen war denn das Stahlen, dass von ihr ausging war unübersehbar.

Er fragte nichts - das hatte sie ihm ja verboten

.

Roswitha begann zu überlegen. Sie hatte bis dahin alle möglichen Gründe gehabt, warum eine Beziehung mit Davut unmöglich war.
Davut hatte Tausend Gründe für eine Beziehung gehabt.
"Ali hätte ihn nicht hinauswerfen dürfen" dachte sie trotzig. "Das hat er nun davon!!!"

Er hatte ihren Widerstand herausgefordert.
„Und warum sollte es eigentlich nicht klappen?“ überlegte sie. „Jungfrau bin ich schon lange keine mehr.

In einer festen Beziehung ist weder er noch ich. Warum also keine Affäre?
Später bereue ich vielleicht, es nicht wenigstens versucht zu haben“.
Sie war sich aber klar darüber, dass es wirklich nur eine kurze Affäre sein konnte.
Ohne Zukunft. Er war 13 Jahre jünger und außerdem würde sie in ein paar Monaten nach Deutschland zurückkehren.
Aber diese paar Monate ... ! Sie schadete damit ja niemanden - im Gegenteil! Davut würde sehr glücklich sein ...

und sie selbst auch! 
Und mit dieser Entscheidung waren die Weichen gestellt für die glücklichste Zeit ihres Lebens. 


Am nächsten Tag kam sie wieder - wie schon die Tage davor - mit ihrer Thermoskanne Kaffee zu Davut.
Wie gewohnt gingen sie zusammen fürs Lokal einkaufen und fuhren dann, nachdem die Lebensmittel beim "Kaptans" abgeliefert waren, schwimmen. Diesmal nach Lara an einen wunderschöner Sandstrand der nahezu menschenleer war. Sie schwammen und alberten im azurblauen Meer. Erschöpft lagen sie hinterher nebeneinander im Sand. Und dann küssten sie sich
stundenlang und - sehr leidenschaftlich.
Zwei weitere Tage passierte außer den leidenschaftlichen Küssen nichts. Davut ließ keine Gelegenheit aus, sie zu
streicheln,

zu  küssen oder mit ihr Händchen zu halten. Für die Beiden gab es nicht Wichtigeres auf der Welt, als eine Möglichkeit zu finden für ein paar Minuten ungestört miteinander turteln zu können. 
Roswitha vergaß ihre Geldsorgen, den Schatz und die Probleme die sie mit Ali hatte.

Alles was sie sah und sehen wollte waren Davuts vor Glück strahlenden Augen. Die bedingungslose Liebe die sich darin widerspiegelte ließen Roswithas Knie weich werden.

Sie hatte sich wie ein Teenager rettungslos in ihn verliebt und konnte nicht einmal sagen,

wann das passiert war. Doch das war jetzt nicht mehr wichtig. Nichts war mehr wichtig - nur diese wunderbaren, warme Gefühle von welchen ihr Körper bis in die Haarspitzen durchflutet wurde.

 

Endlich konnten sie den Bootsmotor abholen. Die Reparatur war teuer und Roswitha schluckte als sie bezahlte.

Mit einem kaputten Motor würde sie das Boot jedoch nicht verkaufen können. Und das musste sie baldmöglichst.

Davut telefonierte mit einem alten Familienfreund, der ein Boot suchte. Er wollte Fotos haben.
Sie schickten sie sofort ab. Umgehend rief er an und wollte das Dingi auf der Stelle haben.

Einerseits war Roswitha froh, so schnell einen Käufer gefunden zu haben.
Andererseits war sie aber auch traurig, sich von ihrem heiß geliebten Bootchen trennen zu müssen.

Wenn es nach ihr gegangen wäre, hätte es liebend gerne noch jahrelang so weitergehen können wie im Moment.

Sie war so glücklich wie nie zuvor in ihrem Leben.
Wenn sie daran dachte, in ein paar Wochen nach Deutschland zurück zu kehren, wurde sie melancholisch.

Sie liebte die Türkei wie eh und je. Das Meer, die Palmen, die Menschen und - wie verrückt Davut.
Bleiben konnte sie aber nicht. Ali würde sich niemals ändern. Mit ihm als Geschäftspartner würde sie nie und nimmer Geld verdienen können und sie musste an die Zukunft Renés denken. In einem oder zwei Jahren würde ihm der Schulwechsel noch viel schwerer fallen.
Außerdem… was wäre gewesen, wenn nicht sie, sondern René krank geworden wäre?
Ohne Geld hätte sie nicht einmal Medizin für ihn bekommen.
Sie wusste, es war höchste Zeit zurückzugehen.


Davut baute den reparierten Motor wieder ein. Roswitha besuchte inzwischen ihren Freund - Kapitän eines großen Schiffes -

der Blaue Reisen mit Touristen machte. “Na, wie sieht es bei euch aus? Habt ihr schon Reservationen?“

„Dieses Jahr ist es noch schlechter als im Letzten“ antwortete er. „Unser Patron wird wahrscheinlich die Schiffe verkaufen müssen“ -  „Was macht denn deine deutsche Freundin? Kommt sie hierher?“

„Nachdem sie erfahren hatte, dass ich verheiratet bin und Kinder habe, wollte sie erst nicht. Ich habe ihr aber versprochen,

dass ich mich für sie scheiden lassen werde. Jetzt kommt sie aber doch in 5 Tagen. Sie will mit mir in Antalya ein Geschäft eröffnen“.
„Ja … lässt du dich denn wirklich von deiner Frau scheiden“ fragte Roswitha ungläubig. „Aber nein!

Warum sollte ich denn? Ich habe mir ein Papier besorgt -  auf türkisch und mit vielen Stempeln. Sieht richtig amtlich aus.

Das zeige ich ihr und sage, dass wäre mein Scheidungsurteil. Sie vertraut mir und wird es mir glauben.

Türkisch kann sie ja nicht. Wenn die Schiffe verkauft werden brauche ich eine neue Arbeit.

Sie wird mir das Geld für einen Laden geben. Sie glaubt ja, dass wir in Kürze heiraten werden“.
Wie leichtsinnig Liebe doch macht.

 

Im vergangenen Jahr hatte eine deutsche Rechtsanwältin einem jungen Türken ein Schiff mit 8 Kabinen gekauft.

Für 100 000 DM.

Ein Schiff, dass der junge Mann um etliches billiger bekommen hatte.
Der jugendliche Liebhaber erklärte ihr dann, man könnte es aus rechtlichen Gründen nicht auf ihren Namen zulassen.

Das sei zu kompliziert und vor allem sehr teuer.
Die Frau war damit einverstanden, dass das Schiff auf den jungen Freund zugelassen wurde. Ein einziges Mal sind sie zusammen raus gefahren. Dann musste die Frau zurück in ihre Kanzlei nach Deutschland.
Als sie nach ein paar Wochen wiederkam, durfte sie ihr eigenes Schiff nicht einmal mehr betreten.


Roswitha dachte kurz darüber nach, die Freundin ihres Kapitän Freundes zu warnen. Sie kannte sie und wusste, sie vertraute dem Mann grenzenlos. Sie würde glauben, Roswitha gönne ihr das Glück nicht, dass sie mit ihrem Freund gefunden hatte.

Also sagte Roswitha nichts!


Davut kam. Der Motor lief wieder wie eine Uhr. Sie tranken zusammen noch einen Tee bei dem Freund und fuhren dann mit dem Boot hinaus aufs Meer.

Das Wasser war glatt wie ein Spiegel und nachdem sie ein paar Proberunden mit dem reparierten Motor gedreht hatten,

machten sie das Dingi an einer Boje mitten im Meer fest.
Ganz weit draußen sahen sie ein großes Frachtschiff vorbeifahren. Ansonsten war kilometerweit keine Menschenseele.

Sie fühlten sich, wie auf einer einsamen, wunderschönen Insel. .
Zwischen seinen leidenschaftlichen Küssen murmelte Davut immer wieder: „Ich liebe dich. Du kannst dir nicht vorstellen wie sehr".

Seine Küsse wurden immer fordernder und Roswitha konnte nicht genug davon bekommen.
Das es dann sehr stürmisch wurde, lag nicht am Wetter.
Über eine Stunde liebten sie sich pausenlos. Als sie dann nackt nebeneinander lagen sagte Davut entschuldigend „Tut mir leid - aber weißt du, wir haben uns tagelang so heftig geküsst - Dadurch ist meine Short an einer bestimmten Stelle sehr eng geworden ... alles ist dort angeschwollen. Deshalb war es so kurz “
„Kurz?“ Roswitha hatte nicht die geringste Ahnung was er ihr damit sagen wollte.
„Dass mein Davut - mein sanfter Davut so ein Wilder Liebhaber sein kann, hätte ich im Traum nicht gedacht“ sagte Roswitha lachend. Auch er musste grinsen.
Lange lagen sie noch eng umschlungen da. „Kannst du nicht auf einen Knopf drücken und die Welt anhalten“ fragte Roswitha ihn.
Er küsste sie auf die Nase. „Leider kann ich das nicht! Doch wenn es so einen Knopf gäbe, würde ich ohne zu zögern die Erde zum Stillstand bringen und ewig mit dir auf diesem Boot bleiben“. 


Am Camping schrie Ali wie ein Verrückter mit dem Personal. Es waren etwa 3 Tische mit Gästen und ein Garson bediente sie. Ali baute mitten in das Gartenrestaurant eine Bar.
Roswitha hatte ihm schon oft gesagt, für seine Garten- und Maurerarbeiten solle er sich jemanden Anderen suchen und nicht die Kellner damit beauftragen. Diese waren ausschließlich für den Service zuständig.
Aber es half nichts. Immer wieder nahm er die Jungs - die ja stets ein gepflegtes Äußeres haben sollten - und zog sie zu Arbeiten heran, bei denen sie nach kurzer Zeit aussahen wie Bauarbeiter. Roswitha nahm sich vor noch einmal mit ihm zu sprechen.

Wenn schon die Küche nicht arbeitete musste wenigstens der Service super und das Personal sauber sein.
„Wo warst du?“ fragte Ali. „Das geht dich nichts an. Ich habe dir doch gesagt, dass du mich hier nur noch selten sehen wirst“ -  „Wo ist Davut? Ich hätte ein paar Arbeiten für ihn. Warum kommt er nicht mehr?“ Roswitha sah ihn entgeistert an

„Ja, hast du denn  vergessen -  Du hast ihn rausgeworfen!“

 'Total verwirrt der Mensch' dachte sie. „Er soll wieder herkommen - die Bungalows müssen gerichtet werden“ meinte Ali.
Roswitha kontrollierte die Kasse.
Wehmütig dachte sie an die Zeiten zurück, als das Restaurant im Durchschnitt 2000 DM Umsatz an Tag hatte.
Auch das hatte Ali kaputt gemacht, als er den Koch entließ und seinen Tamer wieder als Chefkoch in die Küche stellte. Zusammen schafften sie es, innerhalb von nur 14 Tagen die guten Gäste zu vertreiben.

Alles wofür Roswitha monatelang gekämpft hatte war in 2 Wochen zerstört worden.

 

Was soll’s? Vorbei! Aber jetzt musste das Beste daraus zu machen. Die Zeit verrann und Geld kam nur spärlich in ihre eigene Kasse.
Außerdem musste sie dieses Jahr unbedingt noch nach Kappadokien. Seit 5 Jahren schon wollte sie dahin und hatte nie die Zeit dafür gehabt. Wenn die Touristen davon sprachen, wie schön es dort war, wurde sie jedes Mal ganz neidisch.

Das wollte sie unbedingt noch sehen, bevor sie wieder nach Hause fuhr.

Jetzt bot sich eine gute Gelegenheit:
Bülent, der einstige Chefgarsong war auch mit seiner Disco gescheitert und arbeitete jetzt bei einem Reisebüro.

Ab und zu besuchte er Roswitha. Bei der Gelegenheit erfuhr sie von ihm, dass auch Kappadokien-Reisen zu seinem Programm gehörten.
Da die Saison gerade anfing und nicht viele Touristen buchten, war der Preis sehr niedrig.

Das erste Mal ging diese Tour in 2 Wochen. Roswitha reservierte sofort. 
Als sie vor ihrem Caravan saß, kam auch ihr langjähriger Nachbar Bari
ş.
„Wo ist denn Davut?“ fragte er. „In seiner Wohnung vermute ich“ antwortete Roswitha. "Warum?" -  „Ich habe mit Ali Bey gesprochen. Er will das er wieder hierher zurück kommt. Aber Roswitha - sei mir nicht böse wenn ich das jetzt sage - ihr hängt von früh bis Abend zusammen. Ihr solltet euch dann etwas zurückhalten“.
Sie wurde  sehr böse. Was ging das ihn an. „Und wie soll das aussehen? Kannst du mir das vielleicht auch sagen?

Wenn ich Davut hier sehe, dann grüße ich ihn nicht - oder wie stellt ihr euch das vor?

Bariş - Davut und ich sind schon seit viele Jahre befreundet. Er hat mir - und auch Ali sehr geholfen. 

Ich hatte damals von Steuer- und Versicherungsahngelegenheiten hier in der Türkei nicht die geringste Ahnung.

Und mein türkisch war auch sehr schlecht. Damals war Davut immer an meiner Seite!

Wir haben die unmöglichsten Probleme zusammen gelöst. Für Alis Geschäft! Allein hätte ich das niemals geschafft.
Warum sollte ich jetzt so tun, als kenne ich ihn nur flüchtig? Warum Theater spielen? Für wen? Er ist mein Freund und er bleibt mein Freund ... Ob es den Leuten hier passt oder nicht. Abgesehen davon fühlt er sich ganz wohl in seiner Wohnung.

Er muss nicht hierher zurückkommen um mich zu sehen. Ich bin ohnehin jeden Tag mit ihm zusammen.“
Überrascht von soviel Offenheit sagte er: „Du hast Recht Roswitha! Und du hast Mut. Mehr als manche Männer die ich kenne“.
 „Wann gehst du nach Deutschland zurück?“ wollte er nun wissen. „Das genaue Datum weiß ich noch nicht. Ich denke, irgendwann im September“ -  „Du weißt, ich habe dich immer gemocht und es tut mir leid, dass du gehst“ -  „Es gibt Gerüchte, dass du das Geschäft hier übernehmen willst. Ist da was Wahres dran?“ „Ich bin am überlegen -  ja. Es kommt darauf an wie ich mich mit Ali Am
ça (Onkel) einigen kann. Du kennst ihn ja, es wird nicht einfach werden“ -  „Dann wünsche ich dir mehr Glück hier als ich es gehabt habe und hoffe, dass du deinen Entschluss nicht eines Tages bereust“. Das meinte sie ehrlich.

 

Roswitha fuhr zu Davut um ihm die Neuigkeiten zu berichten. „Was meinst du denn? Soll ich wieder zurückkommen?

Einerseits habe ich überhaupt keine Lust darauf jeden Tag Ali über den Weg zulaufen. Andererseits könnte ich dich dann auch am Abend wieder sehen“ dabei nahm er sie in seine Arme und drückte sie fest an sich.
„Das musst du selbst wissen. Ich sage nichts dazu. Mach es, wie du es für richtig findest“. Die Situation war jetzt eine Andere. Jetzt hatten sie etwas zusammen. Für sie war es kein Problem. Aber der immer ehrliche Davut?

Ob er mit diesen Heimlichkeiten zurecht kommen würde?

Dass musste er allein entscheiden. "Ich vermisse dich so sehr wenn ich dich nicht sehen kann" sagte er.

"Am allerliebsten hätte ich dich jede Sekunde meines Lebens immer um mich"
" Du kannst dir ja überlegen, was du tun willst. Egal wie du dich entscheidest, mir ist alles recht. Was hältst du davon ein paar Tage Urlaub in Kappadokien zu machen? 4 Tage nur du, ich und René?". Er war von der Idee begeistert.

"Wenn ich das Restaurant alleine lasse, muss ich darauf gefasst sein das Ali wieder alles durcheinander bringen wird.

Vielleicht komme ich zurück und er hat zwischenzeitlich Ilter entlassen?" - "Dann werden wir ihn eben wieder zurück holen.

Du machst dir zu viele Sorgen. Dir tun ein paar Tage Urlaub bestimmt sehr gut.

Und ich kann dich dann 4 Nächte im Arm halten und neben dir einschlafen".

 

Als sie so hin und her überlegten klingelte Davuts Handy. Es war Bariş der sich mit Davut in der Stadt treffen wollte.

Roswitha fuhr zurück zum Platz.

Sie suchte Ali. „Können wir einmal normal miteinander sprechen?“ fragte sie ihn. Erfreut sagte er:

 „Natürlich Tatlım, wir sprechen doch immer normal miteinander“.

In einer freie Loge setzten sie sich zusammen an einen Tisch. „Schau Ali, ich bin jetzt nur noch kurze Zeit hier" begann sie das Gespräch. "Ohne Geld kann und will ich aber nicht zurück nach Deutschland. Wie du ja weißt, habe ich meine Abrechnung gemacht. Du schuldest mir ungefähr 50 000 DM und ...“
„Ja bist du jetzt verrückt geworden“ brüllte er. „Du brauchst nicht zu schreien, ich habe alles schwarz auf weiß“ sie wollte sich heute nicht von ihm provozieren lassen und sprach so mit ihm, als wäre er ein ganz normaler Geschäftspartner.

Sie zeigte ihm ihre Unterlagen. „Schau her -  Daran erinnerst du dich bestimmt.

Für 10 000 DM hast du mir hier unterschrieben ...“

Sie kam nicht dazu, weiter zu sprechen. Er fluchte so laut, dass das Personal angerannt kam, weil sie dachten es wäre Mord und Totschlag an ihrem Tisch.
„Von mir bekommst du gar nichts! Im Gegenteil - du gehst nicht eher bis auch die letzten Steuerschulden bezahlt worden sind. Das sage ich dir - vorher gehst du nirgends hin“.
„Schau -  ist das deine Unterschrift oder nicht? Hier ist eine Liste welche Steuern ich rückwirkend bezahlt habe. Schulden für die Zeit, in der ich noch in Deutschland war. Nachweißlich 3 volle Jahre! Wenn du willst, kannst du es gerne nachprüfen lassen.

Ich will von dir nur diese 10 000 DM die ich dir damals in bar gegeben habe. Das Andere schenke ich dir".

 

 „Das ist zwar meine Unterschrift und ich habe das Geld auch von dir bekommen aber du weißt, dass ich kein Geld habe“.

Sie wusste, keine Mark würde er freiwillig heraus rücken. Auch für diesen Fall  hatte sie einen fairen Vorschlag parat „OK, dann machen wir etwas anderes. Das Geschäft läuft langsam wieder an. Du wirst mir für die letzten Wochen das Restaurant überlassen. Ohne dich einzumischen! Du gehst weder einkaufen noch nimmst du Geld aus der Kasse - Wenn ich das Geld in dieser Zeit aus dem Geschäft ziehen kann, dann ist es gut. Wenn nicht - ist das mein Problem und du hast keine Schulden mehr bei mir“.
Ali war außer sich. Niemals würde er da zustimmen. Außer - Roswitha übernahm die Schulden.

„Nichts - gar nichts werde ich übernehmen. Nur das Personal zahle ich jeden Abend aus. Alles andere ist dein Problem“.
Mit Ali war im Guten nicht zu reden. Er blieb bei seinem „Nein!“.
„Dann tut es mir leid! Ich habe es gütlich versucht aber jetzt werde ich einen Rechtsanwalt einschalten.

Das kommt dich sehr teuer Ali. Das weißt du selbst besser als ich“. Sie war fest entschlossen, die Sache durchzuziehen.

Wenn er so stur war, war sie es auch. Sie hatte ihm ein faires Angebot gemacht.
Sie ließ ihn sitzen und ging zur Kasse. Dort nahm sämtlich Einnahmen heraus und verbuchte es als „Alte Schulden“.

Dann sah sie die Kassenbons durch.
Sie fand einen Kredit über etwa 200 DM. „Wer ist das?“ wollte sie wissen. „Ein Freund von Ali Bey. Er sagte, er bringt das Geld morgen“ -  „Gut, wenn er nicht bezahlt will ich morgen 200 Mark aus dieser Kasse haben. Ich habe lange genug für solche Freunde gearbeitet“.

 

Sie ging zu ihrem Caravan und machte Kaffee. Sie hatte die erst Tasse noch nicht getrunken, als Bariş und Davut zusammen ankamen. Ali hatte Bariş gebeten, Davut zurückzuholen. "Ok. Es ist deine Entscheidung" sagte sie. "Du ziehst aber nicht mehr in einen Bungalow sondern in das Zelt, dass meine Mutter hier gelassen hat. Sie braucht es nicht mehr".

Zusammen richteten sie es für Davut ein. Von der Diskussion mit Ali erzählte Roswitha ihm nichts.
Am Abend saßen sie endlich wieder zusammen am Tisch und schickten sich eine SMS nach der anderen über ihre Handys.

„Seni seviyorum“ (Ich liebe Dich), kam wohl 20 Mal.
 

Ali umschlich die Kasse. Er nahm Geld für irgendwelche Autoreparaturen. Roswitha kochte vor Zorn.

Wollte aber an diesem Abend nicht noch einen Streit mit ihm anfangen. Sie war zu glücklich Davut wieder am Platz zu haben. „Morgen gehe ich zu einem Rechtsanwalt“ dachte sie als sie in ihrem Bett lag.
Davut rief an. Sie schliefen keine 20 Meter auseinander und sprachen nun stundenlang am Telefon miteinander.
Am anderen Morgen fuhr Roswitha zu ihrem Freund dem Deniz Kommutan. Er wusste von ihren Problemen mit Ali.

Er fand den Vorschlag, das Restaurant für ein paar Wochen Roswitha zu überlassen akzeptabel.

Es war ihn unverständlich weshalb Ali nicht darauf eingegangen war.
„Ich suche einen guten Anwalt. Weißt du mir einen in Antalya?“ Er gab ihr eine Adresse, telefonierte auch gleich mit dem Mann und machte einen Termin aus. „Tu mir aber einen Gefallen und verrate Ali Bey nicht, dass du von mir den Tipp hast“.

Sie versprach es ihm.
Mit ihren Unterlagen machte sie sich auf den Weg.
Der Anwalt sah sich alles genau an und meinte: “Kein Problem, der gute Mann kommt nicht über eine Zahlung hinweg.

Wenn er sich weigert, lassen wir eine Hypothek auf seinen Platz machen“.
Wieder Zuhause telefonierte Roswitha mit Alis Bruder. Er war aus Deutschland gekommen und machte in Mersin Urlaub.

Ihn konnte Roswitha immer gut leiden. Er war sehr korrekt, dass wusste Roswitha.
"Wann kommt ihr denn nach Antalya?" fragte sie ihn. „Dieses Jahr wahrscheinlich gar nicht.

Warum fragst du? Hast du Probleme mit meinem Bruder?“
„Nur das Übliche - nichts Besonderes“. Sie wollte ihm und seiner Familie den Urlaub nicht verderben.

 

Sie fuhr mit ihrem Davut zum Meer. Dort liebten sich 4 Stunden sehr stürmisch.
Nun wurde ihr auch klar, warum er beim ersten Mal von „zu schnell“ gesprochen hatte.
3 bis 4 Stunden waren normal bei ihm.
„Du bist ja verrückt“, sagte Roswitha lachend zu ihm. „Warum? Magst du es nicht so lange?“ fragte er zärtlich und küsste sie. „Ist das denn nicht normal?“ „Ich glaube, ein bisschen ungewöhnlich ist es schon“.
„Ach? Darum haben mich die Freundinnen der Bauchtänzerin alle neugierig begutachtet. Sie muss es ihnen erzählt haben.

Zu mir hat sie aber nie etwas gesagt“.
Sein Handy klingelte. Es war seine Schwester sie erzählte ihm aufgeregt, dass sein Vater krank geworden war.

Er musste für ein paar Tage nach Ankara. Roswitha brachte ihn am Abend zum Busbahnhof.

 

Da es Wochenende war, brachte sie René seinem Papa. Sie hatte den Kleinen am liebsten bei sich doch diesmal kam es ihr gerade recht, wenn René nicht da war. So konnte sie ihren "Kassenkampf" beginnen, ohne dass sich ihr kleiner Liebling aufregen musste. Davut wurde auch nicht in den Streit hineingezogen.
Also: Auf in den Kampf!!!

Sie fuhr direkt zum Restaurant. „Hat der Freund von gestern das Geld vorbei gebracht?“ fragte sie Zafer. „Du kennst doch diese Freunde. Die bezahlen nie. Oder aber Ali Bey hat das Geld schon heimlich von ihnen kassiert“ gab er Auskunft  „Gut,

dann bekomme ich jetzt 200 DM“ sagte Roswitha. „Wie viel ist in der Kasse?“ - „Es reicht noch nicht. Aber wir haben gute Gäste. Warte, bis sie bezahlt haben“.
Roswitha ging zum Caravan. Sie hatte Zeit. Nach etwa einer Stunde ging sie wieder nach vorne.


Jetzt saß Ali bei der Kasse und neben ihm ein Bulle von einem Mann. Ein Freund Alis.
Roswitha beachtete die Beiden überhaupt nicht. „Was ist? Reicht das Geld jetzt?“ fragte sie Zafer.
Der nickte mit dem Kopf. „Was will sie für Geld?“ fragte Ali. Zafer zeigte ihm den Kreditbon.
„Schau - von diesem Kredi den einer deiner Freunde hier gelassen hat“.  Ali nahm das Papier und zerriss es. „Das ist alles was du hier bekommst!“ sagte er.
Er war mutig denn er hatte einen starken Mann neben sich!
Roswitha ging - ganz ruhig - an den Kassen-Schreibtisch, öffnete die Schublade und zerriss alle Kasseneingänge des Tages.

Die Parierschnippel ließ sie über Alis Kopf regnen.
Immer noch völlig ruhig ging sie zu ihrem Caravan. Dort holte sie die antike Sense, die Alis Mama ihr einmal geschenkt hatte.

Mit Hammer und Sichel bewaffnet ging sie zurück zum Restaurant.
Ali saß immer noch mit seinem Freund an der Kasse.
Roswitha stellte sich an die Kasse und tippte mit der Sensenaxt auf den Tisch. „Mein Geld!“ sagte sie nur. Zafer sah unsicher auf Ali. „Was sagst du Ali Bey... soll ich es ihr geben?“
In dem Moment schlug Roswitha mit der Sense auf den Kassentisch, dass die Fetzen flogen.

Das Holz sprang ab und in dem Tisch klaffte ein großes Loch.
„Was soll das heißen? Ich bin hier kein Bettler!“ schrie sie nun ganz und gar nicht mehr ruhig.
“ Aus m e i n e r Kasse nehme ich  m e i n Geld wann immer ich es will!!! Ich frage niemanden!“
Zafer war zu tote erschrocken. Blitzschnell streckte er ihr die gesamten Tageseinnahmen entgegen.
Jetzt kam Leben in Alis Freund. Er sprang von seinem Stuhl hoch und war im Begriff, sich auf Roswitha zu stürzen.

Die drehte sich -  immer noch bewaffnet mit Hammer und Sichel -  zu ihm. „Komm mir nicht zu nahe“, sagte sie scharf und ihre Augen blitzten so gefährlich, dass der Mann vor ihr zurück wich. "Ich warne dich mein Freund. Komm mir nicht zu nahe" - 

„Bitte“ sagte er eingeschüchtert „keinen Streit, dass macht mich nervös. Ich bin doch hier nur Gast.“
„Mein lieber Freund - sie sitzen hier an unserer Kasse! Wenn sie sich von unseren kleinen Meinungsverschiedenheiten gestört fühlen, dann setzen sie sich doch an einen Tisch. Wie das unsere anderen Gäste auch tun. Beruhige dich
Arkadaş

hier beim ‚Kaptan Restaurant’ wird die Kasse immer so geteilt.

Nicht wahr Ali’lein?“
Widerspruchslos drehte sich der Mann um und setzte sich an einen, von der Kasse weit entfernten Tisch.
Ali saß immer noch unbeweglich da. Er war kreidebleich geworden. Roswitha setzte sich ihm gegenüber. Nun sprach sie wieder ganz ruhig mit ihm. „Ich wollte ja mit dir reden Ali“ sagte sie zu ihm. „Aber mit dir kann man sich  nicht im Guten einigen.

Ich kann auch anders! Jetzt machen wir eben so weiter, wenn dir das besser gefällt. Du willst Krieg?

Den kannst du gerne bekommen. Dich mach ich fertig. Mit allen Mitteln.

Es ist mir jetzt auch gleichgültig ob es 50 000 DM oder 50 000 Türkische Lira sind. Savaş! (Krieg) Du hast ihn gewollt.

Jetzt Hayatım (mein Leben) kannst du ihn haben. Einer von uns beiden ist danach fertig und ich werde das nicht sein.

Das garantiere ich dir! Wenn du willst, kannst du diese Kriegserklärung auch schriftlich von mir haben“.
Dann stieg sie in ihr Auto und fuhr nach Antalya. Dort  tauschte sie ihre Lira in Mark um. Sie trank noch eine Limonade und telefonierte mit dem Restaurant. „Braucht ihr noch irgendetwas?“

"Nein! Im Moment nicht. Aber wir mussten Ali Bey ins Krankenhaus fahren!" - "Ach - was fehlt ihm denn?"
" Den hast du so erschreckt, dass er nachdem du weg warst ohnmächtig vom Stuhl gefallen ist. Aber mach dir keine Sorgen - er hat eine Spritze bekommen und jetzt schläft er".
 Sie machte sich keine Sorgen weil sie dieses Theater schon von früher kannte.

Nachdem er damals - bei dem Streit mit seinem Sohn - ins Krankenhaus gekommen war und sah, wie sehr Roswitha sich um ihn sorgte, hatte er diese Nummer schon ein paar Mal gebracht. Je mehr sie sich dann um ihn kümmerte, umso schlimmer wurde sein Zustand

"Diesmal nicht mein Liebling" sagte sie.
 Es dauerte nicht lange und Ali war wieder ganz der Alte.

 
„Zafer hast du dich eigentlich auch gefürchtet, als ich mit der Axt kam?“ „Ich würde lügen, wenn ich nein sagen würde“ - 

„Ich wollte doch nichts von dir! Ich weiß sehr gut wie schwer es das Personal hier hat zwischen Ali und mir“.
„Er ist eben ein Angsthase!“ mischte sich Ahmet lachend ein. „Du hast leicht reden. Du hast sie ja nicht gesehen. Ali Bey wäre fast gestorben vor Angst. Er musste eine Spritze bekommen und sein Bodyguard hat eingeschüchtert die Flucht ergriffen.

Ein Mann wie ein Bär! Nein -  gegen Roswitha Hanım ist selbst Rambo ein Feigling.“ 


Am nächsten Morgen kam Davut aus Ankara zurück. Als er im Restaurant anrief sagte er, dass er erst in der Nacht in Antalya ankommen würde. So hatten er Roswitha einen ganzen Tag für sich ohne das irgend jemand verdacht schöpfen würde.

In seiner Wohnung gab es keine Klima und und Roswitha verlor bestimmt noch 2 Kilo an diesem Tag.
Sie freuten sich wie die Kinder auf den Urlaub in  Kappadokien. Roswitha telefonierte noch einmal mit Bülent.

Er sollte ein Doppelzimmer für Roswitha und René und ein Einzelzimmer für Davut reservieren.
„Geht in Ordnung“ sagte er.

Auch an diesem Tag hatte Ali versucht die Kasse zu plündern. Die Jungs hielten aber eisern zu ihrer Chefin.

Sie gaben ihm nicht eine Lira. Obwohl sie wussten, Roswitha würde gehen und sie selbst dann mit Ali weiter arbeiten.

Viele Freunde waren ihr nicht geblieben, aber auf ihr Personal konnte sie sich verlassen.
Das Geschäft wurde von Tag zu Tag besser. Das Wetter war gut, wenn auch nicht so heiß wie in den vergangenen Jahren.

Gott sei Dank! Roswitha erinnerte sich an die Hitze vor zwei Jahren.

Beinahe 50 Grad im Schatten waren auch für das Restaurant schlecht.
Am Abend war Roswitha sehr ausgelassen und  steckte die ganze Belegschaft mit ihrer guten Laune an.

Ali kam kurz an ihren Tisch. „Jetzt geht es dir aber gut Güzelim“ (meine Schöne).
Er setzte sich neben sie und trank einen Rakı. Dabei legte er den Arm um sie.
Ali war niemals nachtragend. Sie hatte ihn erschreckt, dass er eine Spritze bekommen musste, doch er war deswegen nicht beleidigt mit ihr. Er war ihr eigentlich nie wirklich böse.

Sie alberte herum, prostete mit Ali - und sah zu Davut. Seine Augen funkelten wild vor Eifersucht.

Am liebsten hätte er Ali von Roswithas Seite weggezerrt. Sie lächelte ihn an und blinzelte ihm heimlich zu. Langsam entspannte er sich wieder. Es waren inzwischen nur noch ein paar Gäste da und so wurde der Abend zum Personalabend erklärt.

Nachdem auch die Kasse abgerechnet war, trank sie mit den Jungs zusammen Bier und Wodka. So blieb das Personal am Platz und war morgens ausgeschlafen. Wenn sie nach Antalya fuhren kamen sie erst sehr spät  -oder besser gesagt früh - zurück und waren nicht aus dem Bett zu bekommen.

Davut saß neben Ilter. Der streichelte schon den ganzen Abend über Davuts Schenkel und sagte:

„Ach -  ist das eine schöne Short. Was für ein anschmiegsamer Stoff“. Erst machte Davut den Spaß mit.
Später sagte er zu ihm "Bitte lass das. Ich bin doch nicht schwul"
„Aber
Bitanem -  ich bin doch auch nicht schwul“ antwortete Ilter mit honigsüßer Stimme und dachte, er sei witzig.

Und … streichelte Davut noch intensiver. Der sprang auf, ging auf die Toilette und setzte sich dann auf einen anderen Platz.
Roswitha wünschte sich das Lied „Bitanem“ (meine Einzige, mein Einziger) von Ilter. Es war Davuts und ihr Lieblingslied!
Sofort nahm er das Mikro und sang. Jedoch  nicht für Roswitha, sondern für Davut! Er stellte sich vor ihn und trällerte inbrünstig „Bitanem“.
Davut ergriff erneut die Flucht. Im Vorbeigehen flüsterte er Roswitha zu: „Wenn er nicht sofort damit aufhört,

knalle ich ihm eine“.
Ali schlief inzwischen mitten im Restaurant auf einem Stuhl. Er schnarchte beinahe so laut wie die Musik spielte.

Auf Roswithas Handy kam eine SMS: „Fahren wir mit den Fahrrädern an den Strand?“

Eine etwas ungewöhnliche Stunde für eine Radtour, es war inzwischen 3 Uhr morgens!

Doch Roswitha war einverstanden. Sie erklärte den Personalabend für beendet, schnappte sich ihr Rad um ihren Geliebten zu treffen.
Davut wartete schon auf sie. „Sag mal - Bist du etwa auf Ali eifersüchtig?“ fragte Roswitha.
Verlegen nickte er „Ich weiß auch nicht was mit mir los ist, aber wenn er dich anfasst, wird mir schlecht“.

Als sie sich küssten versank die Welt um sie. Eine Sternschnuppe fiel vom Himmel und sie hatten beide den selben Wunsch:

Für immer so ungestört zusammen sein zu können!


Am 26. Juni begannen die großen Ferien. Niemand war glücklicher darüber als René. Obwohl er ein ausgezeichneter Schüler war, mochte er die Schule noch immer nicht. Da konnte sich sein netter Lehrer noch so Mühe geben.
Beinahe täglich diskutierte er mit Roswitha und wollte „nur heute“ nicht zur Schule.
Na ja -  jetzt hatte er es für dieses Jahr geschafft. Die nächste Klasse würde er in Deutschland machen.
Auch er freute sich riesig auf Kappadokien. Auch dass seine Mami jetzt wieder so fröhlich war wie früher, machte ihn glücklich.
Endlich war es so weit: Am nächsten Tag sollte die Kappadokien Reise losgehen.

Das Personal wusste darüber Bescheid. Nur Ali wusste nichts. Es war besser so!

 Das Personal hatte dann  einen Tag mehr Ruhe vor ihm.

Morgens um 6 Uhr fuhr der Reisebus in Side ab. Sie mussten also um 4 Uhr aufstehen.
An diesem Abend ging Roswitha schon um 1 Uhr schlafen -  Sie hörte den Wecker trotzdem nicht.
Sie erwachte, weil sie ganz fürchterlich fror. Die Klimaanlage war falsch eingestellt.
Sie schaute auf die Uhr. Es war 7 Minuten nach 5!

"Eine Stunde brauchen wir nach Side" rechnete sie. Es könnte noch zu schaffen sein.
Schnell weckte sie René und Davut. Um viertel nach 5 ging die Fahrt los.
Nach etwa 20 Km, gleich hinter dem Flughafen, kochte das Kühlerwasser des Autos. „Wenn der Bus ohne uns losfährt, fahren wir hinterher und fangen ihn auf der Strecke ein“, überlegte Roswitha. Doch das kleine rote Kapriole hatte Fieber und Durst!

Sie mussten Wasser nachfüllen was Zeitverlust bedeutete.

Hecktisch ging die Fahrt weiter. Die Temperatur blieb nun konstant, doch um viertel vor 6 fing der kleine Murat zu klopfen an. Ein schrecklich lautes Geräusch.
 

„Ich denke, es ist das Getriebe“, mutmaßte Davut. „Roswitha - Wenn wir es heute nicht mehr schaffen, fahren wir halt nächste Woche“. Er wollte sie trösten denn er rechnete damit, dass der Wagen über kurz oder lang auf der Straße schlapp machen würde. „Wenn wir es heute nicht schaffen, sehe ich Kappadokien nie. Da bin ich mir ganz sicher.“
Bülent rief am Handy an "Wo bleibt ihr denn? Die ganze Reisegesellschaft wartet auf euch".

Geräuschvoll ging die Fahrt weiter. Kurz vor halb 7 kamen sie wider aller Erwartungen in Side an.
In einer Rechtskurve - kurz vor dem wartenden Bus - verlor das Auto plötzlich einen Deckel, der das Getriebe abgedeckt hatte. Mit ihm war auch das entsetzliche Geräusch verschwunden.
Die letzten Meter legten sie lautlos zurück. Das Auto fuhr wie ein Neuer.
Roswitha schickte ein Dankgebet zum Himmel. Sie war fest davon überzeugt, dass da oben jemand geholfen hatte.
Erst im  Autobus löste sich ihre Anspannung. René, obwohl früh aufgestanden, freute sich Bülent und Mehmet zu sehen.

Er durfte neben dem Fahrer sitzen. Fröhlich alberte mit den alten Freunden herum.

 

Die Reise ging zuerst nach Konya - die Heimat der tanzenden Derwische. Sie sind Mitglieder einer mystisch- islamischen Gruppe und wurden im 12. Jahrhundert von dem Poeten und Philosophen Mevlana Celaleddin Rumi ins Leben gerufen.
Die Derwische kreisen um ihre eigene Achse und symbolisieren damit das kreisen der Planeten um die Sonne.
Die rechte Hand zeigt gen Himmel, die linke zur Erde. Das soll daran erinnern, dass alles von Gott gegeben wurde,

was die Menschen auf Erden besitzen.

Konya ist eher eine Bauernstadt. Die meisten Frauen tragen Kopftücher dort. Als Roswitha auf dem Markt etwas kaufte, wunderte sie sich über die Preise. Es war wesentlich billiger als in Antalya. Hier gab es keine so genannten „Touristenpreise“. Man konnte zwar noch ein paar Lire handeln, aber nicht in dem Ausmaß, wie es in den Touristengebieten üblich war.
Sie besichtigten die Mevlana. Eine Moschee mit Museum. An diesem Ort werden alle Menschen herzlich willkommen geheißen. Egal welcher Hautfarbe, Nationalität oder Glaubens.


Nach einem Mittagessen ging die Fahrt weiter. Die Gegend glich immer mehr einer Mondlandschaft.

Am frühen Abend kamen sie in Kappadokien an. Eine der allerersten Hochburgen und Zufluchtsstätten für die frühesten Christen.
Sie besuchten die unterirdische Stadt
Derin kuyu. (Tiefer Brunnen)
Ähnlich wie in Italien sind das Katakomben.
9 Städte waren übereinander gebaut worden. Etwa 120 m geht es in die Tiefe aber die Luft  unten ist klar und sauber.

Kein bisschen stickig.
Es gibt Kirchen, Schulen und Wasser, von dem niemand weiß, wo es eigentlich hin fließt.
Davut und René waren schon ein Stück voraus gegangen.

Davut steckte sich eine Zigarette an -  was genau genommen verboten war.
Als die Reisegruppe sich näherte lief er schnell in einer Art Tunnel - um seinen Glimmstängel auszudrücken.
Genau vor diesem Stollen machte die Gruppe nun halt. Tülay, die Reiseleiterin erzählte, dass hier früher die Paare verheiratet wurden.
Davut war inzwischen wieder aus seinem Unterschlupf  herausgekommen und stand neben Roswitha. „Würdet ihr einmal zu mir kommen?“ fragte Tülay die Beiden.
Davut sollte nun von links, Roswitha von rechts durch den Tunnel gehen um nach altem Ritual  zu "heiraten".
„Ist doch nur ein Spaß“ meinte Tülay, als sie Roswithas ablehnendes Gesicht bemerkte. Warum sie unter der ganzen Truppe ausgerechnet sie und Davut ausgewählt hatte, begriff Roswitha nicht. Aber sie machte den Jux dann doch mit.

Sie von rechts - Davut von links suchten sie sich den Weg durch den dunklen Tunnel. Hinter Davut schob René an seinem Popo. Auch er wollte Roswitha ehelichen. Etwa in der Mitte trafen sie aufeinander, küssten sich kurz und zwängten sie sich aneinander vorbei. Auch René küsste stürmisch seine Mami und schon kamen  sie wieder aus dem Tunnel heraus.

Die Truppe klatschte und gratulierte.

„Jetzt sind wir verheiratet“, meinte René ernst. „Du, ich und Davut!“
Nach der Hochzeit fuhren sie weiter
nach Ürgıp zum Hotel .
Mit seinen runden Türmen und den gewölbten Decken sah es aus, wie ein kleines verzaubertes Schlösschen.

Das Hotel hatte ein sehr romantisches Ambiente und war somit genau das Richtige für stilvolle Flitterwochen.
Bei der Schlüsselverteilung gab es dann ein Problem: Für Roswitha und Davut war ein Doppelzimmer reserviert worden.
„Bülent, ich habe doch ausdrücklich zwei Zimmer bestellt. Bring das bitte wieder in Ordnung“.
Nach einer halben Stunde kam Tülay mit dem Zimmerschlüssel. „Es tut mir sehr leid, aber es ist kein Einzelzimmer frei.

Dafür bekommt ihr - wenn ihr damit einverstanden seid - die Suite. Ich dachte, ihr wärt ein Ehepaar“, entschuldigte sie sich.
Davut begutachtete die Suite. Ein wunderschönes Zimmer mit zwei getrennten Betten.

Durch eine Verbindungstür kam man in den nächsten Raum in dem einladend ein monströses Doppelbett stand!

Genau das Richtige für ein verliebtes Paar.
René und Roswitha zogen in das erste Zimmer mit den getrennten Betten, Davut bekam das Doppelbett.


Beim Abendessen unterhielt sich Roswitha mit Tülay. Sie hatte in Deutschland studiert aber auch ein paar Jahre in Kappadokien gelebt. Sie kannte die Gegend wie ihre Westentasche. „Morgen besuchen wir eine sehr, sehr alten Familie“

kündigte sie geheimnisvoll an.

“Wir müssen jedoch schon ziemlich früh los. Aber ich versprechen euch: Ihr werdet begeistert sein“.
René war von Tülay jetzt schon ganz begeistert. Verliebt schaute er sie an.
Nach dem Essen gingen sie auf ihr Zimmer. René war müde da er am Morgen ungewöhnlich früh aufgestanden war.

Roswitha legte sich mit ihm ins Bett.

Als der Kleine nach ein paar Minuten eingeschlafen war zog sie um ins Doppelbett zu Davut.
Die erste Nacht ihrer Flitterwochen ... sie waren so glücklich die ganze Nacht für sich ganz allein zu haben.
Zum schlafen kamen sie nicht. Viel zu schnell wurde es morgen und um 7 Uhr mussten sie aufstehen.

Kurz bevor der Wecker klingelte schlich sich Roswitha zurück in das Bett neben René der immer noch selig schlief..

 

Er erwachte frisch und munter. Voll Tatendrang lief er als erster zum Frühstücksraum und flirtete wie ein Wilder mit Tülay.

Um 8 Uhr ging es mit dem Bus los. Erst jetzt nahmen sie wahr, wie schön es dort war.
Steinkegel in den unterschiedlichsten Farben und Formen. Viele hatten eine so bizarre Form, dass man den Eindruck bekam,

sie hätten sich Hüte aufgesetzt.
Die Reisegruppe  machte bei der uralten „Familie“ halt. Drei schöne Kegel standen dicht nebeneinander: Mutter, Vater und Kind. Etwa 3 Millionen Jahre alt. Die Drei standen vor einem einzigartigen Tal.

Hinter ihnen befand sich eine unwirkliche, traumhafte Landschaft. Steinkegel, von den Türken liebevoll Feenkamine (Perıbacası) genannt, soweit das Auge reichte.

„Das sind ja Schlupfhäuser" meinte René begeistert.
„Ja mein Schatz, ich komme mir vor wie in einem Märchen“.
Roswitha hatte schon viele Fotos und auch Filme über Kappadokien gesehen, doch das war kein Vergleich mit der Wirklichkeit. Mit keiner noch so guten Camera konnte man diesen Zauber auf Zelluloid bannen.

Dass musste man schon mit den eigenen Augen gesehen haben.

Ein älteres Ehepaar mit einem Esel wurde auf der Straße von dem Reisebus überholt. Die Frau saß darauf, der Mann führte das Tier. Es war keine Touristen Attraktion. Hier lebten die Leute teilweise wirklich noch wie vor tausend Jahren.
Es gibt Steinkegel- Siedlungen die auch heute noch bewohnt sind. Süße Wohnungen waren in den weichen Tuffstein gehauen. Einige Aufnahmen des Filmes Star Wars waren in Kappadokien gedreht worden.
In einem dieser Kegel kehrten sie zum Teetrinken ein. Und immer wieder kamen sie zu Kirchen - die Zeitzeugen aus dem ersten Christentum sind.

Inzwischen war es Nachmittag geworden und der Bus fuhr zurück zum Hotel. Nach dem Abendessen wollten sie noch an einen besonderen Ort, um einen Sonnenuntergang zu beobachten.
Obwohl Davut und Roswitha in der Nacht nicht länger als eine Stunde geschlafen hatten, verspürten sie nicht die geringste Müdigkeit. Sie waren zu glücklich und die Umgebung war einfach zu schön um schläfrig werden zu können.

Nach dem sehr guten Essen saß man noch im Hotelgarten oder in der Lobby zusammen und wartete auf den Bus.
Handys funktionierten in Kappadokien nicht. Ein Umstand, der Roswitha besonders freute. In der Zwischenzeit hatte Ali natürlich mitbekommen, dass sie verreist war und hatte schon etliche Male versucht, sie zu erreichen.
Der Sonnenuntergang war tatsächlich überwältigend. Bevor die Sonne ganz verschwand, bot sie ein unvergessliches Schauspiel. Am Horizont waren Sonne, Mond und Sterne zu sehen. Gleichzeitig!
Die Steinkegel wechselnden nun die Farben, dass die Betrachter aus dem Staunen nicht mehr herauskamen.
Von grün zu gelb, von gelb zu weiß um dann, mit dem letzten Sonnenstrahl purpurrot zu werden.

Dann wurde es sehr schnell dunkel.
 Auch diese Nacht war an Schlafen nicht zu denken. Davut war unermüdlich. „Was heißt hier ausruhen? Das kann ich in meinem Zelt. Später! Jetzt will ich dich - und nicht schlafen “ meinte er übermütig.

Roswitha hatte keine Einwände.


Am nächsten Morgen ging es wieder um 7 Uhr mit dem Bus los. Sie wollten zu einem Kloster.
Es war wunderschön. Beinahe 2000 Jahre alt. Als die Christen verfolgt wurden, hatten sie hier ein sicheres Versteckt gefunden in dem sie ihren Glauben ungehindert ausüben konnten. Auch der Apostel Paulus soll dort schon gepredigt haben.
In den Kirchen waren die alten Gemälde teilweise noch sehr gut erhalten.
Leider hatten Besucher mit ihren Kritzeleien die Bilder verunstaltet und Roswitha fand das sehr schade.

Es war älteste Christengeschichte.
Sie wollte dort wenigstens eine Kerze anzünden und ein Gebet sprechen. Davut besorgte ihr eine schöne dicke Kerze.

Sie zündeten sie gemeinsam an, beteten und verließen dann die kleine Kirche.
Beim hinausgehen hörten sie wie ein Wachposten verwundert sagte: „Die haben eine Kerze angezündet“. Davut und Roswitha kümmerten sich nicht darum. Sie mussten zurück zur übrigen Gruppe. Die wartete schon. Der Bus wollte weiterfahren.
Als sie die Leute schon fast erreicht hatten, war der Wachposten plötzlich hinter ihnen. „Gnädige Frau, sie haben gerade dort oben eine Kerze angezündet. Warum?“ „Weil es eine Kirche ist. Darum“. Davut versuchte dem Mann zu erklären,

dass das in Kirchen so üblich ist. „Tut mir leid, aber es ist nicht gestattet. Sie müssen die Kerze wieder mitnehmen“.

„Wenn das so ist, dann machen sie die Kerze doch aus“, meinte Roswitha.
Er bestand darauf, dass sie es selbst machten. Anscheinend hatte er Angst die Kerze würde explodieren.
Davut lief die vielen Treppen noch einmal hoch und kam mit der Kerze wieder. Er war wütend auf den Wachposten.

„Wichtig ist doch nur, dass wir sie dort angezündet haben“, beruhigte ihn Roswitha. Sie verstand es aber auch nicht.

Es war allem Anschein nach dort noch nie eine Kerze geopfert worden.

Am letzten Tag besuchten sie eine Teppichfabrik. Dort sah René zum ersten Mal Seidenraupen bei ihrer Arbeit.

Dann ging es weiter in einen Onyx Betrieb.

 

Inzwischen war es Mittag geworden. Zum Essen fuhren sie an ein wunderschönes Restaurant. Als Roswitha aus dem Bus stieg, klingelte ihr Handy. Sie war erstaunt. Ihr Telefon hatte seit ihrer Ankunft kein Netz gefunden.
Es war Ali! "Wann kommst du wieder zurück?" wollte er traurig von ihr wissen. Roswitha gab ihm eine ausweichende Antwort. Daran wollte sie jetzt nicht erinnert werden. "Ist Davut bei dir?"

„Davut, Bülent und Mehmet“, antwortete sie ihm ehrlich.
Er musste die ganze Zeit angerufen haben, denn es gab in Kappadokien nur wenig Plätze an denen das Telefon funktionierte.
„Wie läuft das Geschäft?“ „Seit du weg bist - nicht mehr so gut. Wann kommst du?“ Roswitha legte sich nicht fest. „Wahrscheinlich übermorgen“ antwortete sie.
Nach dem Essen ging es zurück. Roswitha hatte die Türkei immer geliebt doch nachdem sie Kappadokien gesehen hatte, noch mehr. Es tat ihr leid, dass sie dieses herrliche Land so wenig bereist hatte. Sie war die ganze Zeit nur in Antalya geblieben -

Von ein paar Ausflügen nach Istanbul abgesehen. Dabei hätte es so viel gegeben, was sie noch sehen wollte.

Aber sie würde bestimmt wiederkommen.

 

Am Abend waren sie in Side. Davut wollte noch eine Nacht dort bleiben. „Erstens weiß ich nicht, was mit dem Auto ist.

Wir gehen morgen erst in eine Werkstatt, bevor wir losfahren - und zweitens habe ich dich noch eine ganze Nacht nur für mich.“
  

Der Mechaniker - den sie am nächsten Tag aufsuchten - fand an dem Auto nichts. „Warum wird er dann ständig heiß?“ wollte Davut wissen. „Keine Ahnung, ich kann nichts finden. Es wäre aber möglich, dass der verchromte Kühlergrill zu wenig Luft in den Motorraum lässt. Man müsste ein paar Lamellen heraus brechen. Sollte das nichts nützen, müssten sie den Zylinderkopf schleifen lassen“.
Roswitha fiel ein, dass dieses Problem erst aufgetreten war nachdem sie den Wagen lackieren hatte lassen. Damals hatte sie auch den neuen Kühlergrill gekauft. Der Mann könnte Recht haben!

„OK brechen sie die Lamellen heraus“ sagte sie. Nach etwa 10 Minuten war alles erledigt.

 

Um den Wagen auszuprobieren, führen sie nach Manavgat.
Tatsächlich hielt der Motor seine Temperatur konstant. Seit ein paar Monaten ging Roswitha regelmäßig zu ihrem Mechaniker in Antalya. Sie hatten dort den Kühler, die Wasserschläuche, die Zylinderkopfdichtung und alles Mögliche überprüft und trotzdem war das Problem geblieben.
Jetzt -  mit ein paar Lamellen weniger - war alles in Ordnung. Es fehlte zwar die Getriebeabdeckung, die sie verloren hatten,

aber ansonsten lief das kleine Auto wieder wie geschmiert.

Am anderen Morgen fuhren sie zurück nach Antalya.
 

Ali überfiel Roswitha gleich mit Telefon- und Stromrechnungen die bezahlt werden mussten.

„Ich muss erst die Abrechnung machen, um zu sehen wie viel Geld wir in der Kasse haben“ sagte sie zu ihm. Nachhause zu kommen empfand sie dieses Mal wie eine kalte Dusche.

 „Geld? In der Kasse ist kein Geld!“ - „Wie kommst du dann darauf, ich könne diese Rechnungen bezahlen? Ali lass mich erst die Kasse kontrollieren und dann sprechen wir weiter. Ich bin ja noch nicht mal richtig hier“ - 

„Wenn wir morgen nicht bezahlen wird der Strom und das Telefon gesperrt“ brüllte er.

„Du meinst wohl, ich soll das aus meiner Tasche bezahlen? Da hast du kein Glück! Falls du es noch nicht bemerkt haben solltest: ICH HABE KEIN GELD“ schrie sie zurück" -  „Wo soll es auch herkommen, wenn du immer alles durcheinander bringst“ -

„So? Du hast allso kein Geld? Mit was bist du dann nach Kappadokien gegangen? Du...“

Sie ließ ihn nicht weiter sprechen. „Verschwinde hier und zwar sofort. Lass mich in Ruhe! Du kannst wiederkommen und deine Schulden bei mir bezahlen. Ansonsten lass mich in Frieden“.
Erschrocken über ihren Wutausbruch suchte er fluchend das Weite.
Wenig später hörte sie, wie er mit dem Mercedes wegfuhr. Er hatte wohl befürchtet, sie käme wieder mit der Sense.

 

Es befand sich tatsächlich nicht eine Lira in der Kasse. Ali hatte horrende Summen zum Einkaufen verbucht. Auch mit diversen Mercedes Reparaturen sowie Unmengen Zement hatte er die Kasse geplündert. Wieder hatte er die Prozente für das Personal nicht ausbezahlt. Doch wenigstens hatte sonst nichts durcheinander gebracht.
Als sie später durch den Platz spazierte entdeckte sie alte Kühlschränke und anderen Schrott, den Ali während ihrer Abwesenheit angeschleppt hatte. Da waren also die Einnamen hin geflossen.
Sie nahm ihre Unkosten aus der Kasse und fuhr nach Antalya zum Friseur. Abend rief der Bekannte von Davut an. Er wollte am nächsten Tag das Boot abholen. „Davut er hat das Boot noch nicht einmal gesehen. Nur Fotos. Vielleicht gefällt es ihm ja gar nicht“ -  „Er kommt morgen extra aus Bodrum.

Mach dir keine Sorgen, er nimmt es schon“.
Roswitha ging wieder selbst einkaufen. Davuts Wohnung lag genau auf dem Weg. Jeden Tag verbrachten sie mindestens zwei bis drei Stunden in ihrem „Liebesnest“. Wehmütig erinnerten sie sich an ihre schönen Nächte in Kappadokien "Da hatte wir die Nächte für uns".
Abends schlief Davut in seinem Zelt und Roswitha im Caravan. Mindestens eine Stunde telefonierten sie, bevor sie einschliefen.
Ali traute sich nicht mehr an Roswithas Wohnwagen. Zu groß war seine Angst vor ihrer Pistole.

Roswitha besaß, außer ihrer Schreckschuss Waffe, keine. Doch Ali war nicht berechenbar. Man konnte nie wissen was er tat oder nicht tat. Er änderte seine Meinung beinahe stündlich!


Roswithas Nachbar Bari
ş war nach Ankara gefahren und hatte seine beiden Hunde am Platz zurückgelassen. Sie hatten die ganze Nacht durchgebellt. Es waren ein paar Caravans aus Frankreich gekommen und das Hundegebell war unzumutbar. Roswitha musste jetzt zur Marina - der Mann für das Boot war aus Bodrum gekommen - aber gleich danach wollte sie etwas dagegen unternehmen. Tamer würde die Hunde mit zu seinem Haus nehmen müssen.

Er hatte Bariş schließlich angeboten sich um die Tiere zu kümmern.

 

In der Marina besuchten Davut und Roswitha ihren Freund den Kaptan. Auf seinem Schiff warteten sie auf den potenziellen Käufer. Seine deutsche Freundin war auch wieder da.

Sie strahlte vor Glück - ihr geliebter Freund war endlich „geschieden“. Das nächste Mal wollte sie ihre Eltern mitbringen und ihren den Schwiegersohn vorstellen.
Roswitha sagte nichts. Außer, dass sie mit dem Liebespaar Streit bekommen würde - mit ihm weil sie ihn verraten wollte - und mit ihr, weil sie es nicht glauben würde, würde sie nichts ändern können.
Endlich kam Davuts Bekannter. Ihm gefiel das Boot auf Anhieb und er hätte es sofort bezahlt, doch sein Freund den er mitgebracht hatte, wollte erst eine Probefahrt machen.
 

Davut fuhr mit den Männern los. Roswitha wartete bei den Freunden auf ihn. Die Männer kamen zurück und Roswitha sah sofort an Davuts Gesichtsausdruck, dass etwas nicht so gelaufen war wie er es sich vorgestellt hatte. “Tamam" sagte er zu den beiden Männern "treffen wir uns in einer halben Stunde am „Kaptan Camping“. "Roswitha komm - wir gehen".


„Was ist denn los? Wenn er das Boot nicht haben will, brauchst du dich doch nicht so aufzuregen“.
„Er möchte schon, aber der Andere hat ihm abgeraten. Das ist sein Steuerberater und der will ihm  selbst ein Boot verkaufen.

Ist doch klar -  an deinem Dingi verdient er nichts“.
Sie fuhren zum Camping zurück. Die beiden Männer hatten etwas zu essen bestellt. "Bitte fang keinen Streit mit ihnen an, wenn sie das Boot nun doch nicht kaufen". Schließlich war er ein alter Freund seines Vaters.
„Wir werden jemanden Anderen finden. Ist doch nicht schlimm“.
Als sie sich zu den Männern setzten meinte der Familienfreund, dass Boot wäre für ihn zu groß.

Er könnte es nicht alleine aus dem Wasser ziehen. Über diese fadenscheinige Ausrede wurde Davut wütend. „Onkel ich habe dir die Fotos geschickt,  Maße und Gewichte aufgeschrieben und du hast nicht gewusst das es dir zu groß ist?“
Er hätte es sich eben überlegt, meinte der Onkel. Sie bezahlten ihr Essen und gingen.
 

Davut war zornig. Nach einer Weile nahm er sein Handy und rief den Onkel an. Mit zuckersüßer Stimme sagte er: 
„Onkelchen -  entschuldige ich wusste ja nicht, dass du ein leichtes Boot suchst.
Kauf dir doch ein Zodiak- Schlauchboot. Die sind gerade im Sonderangebot und außerdem leicht wie Federn“ -  „Ehrlich mein Junge? Wo bekomme ich denn so eines?“

„Überall Onkelchen. Wenn du es gleich diese Woche kaufst bekommst du noch eine aufblasbare, superleichte Sexpuppe gratis dazu“ -  „Wirklich? Wo sagtest du, gibt es das?“
Davut hängte grinsend ein. Seine Wut war verraucht.

Tamer kam vorbei. „Würdest du die Hunde von Baris bitte bei deinem Haus festbinden. Sie bellen die ganze Nacht. Kein Mensch kann schlafen und unsere Touristen wollen schon abreisen“.
Alles was dieser Mann macht, trägt nur dazu bei, dass Geschäft zu schädigen, dachte Roswitha. Ob er das mit Absicht machte?
Das Beste an ihrer Rückkehr nach Deutschland war, dass sie dann Tamer nicht mehr zu sehen brauchte. 
Ali kam. Am Popo fehlte ihm ein Stück seiner Hose. „Dieser blöde Hund. Jetzt hat er mich schon zum
3 Mal gebissen“ schimpfte er. „Das wird Baris mir aber bezahlen“.
„Welcher war es denn?“ fragte Roswitha neugierig. „Der Helle, dieser Idiot“. Der Belgische Schäferhund also.

Ihn fütterte Roswitha seit einiger Zeit, weil sie Mitleid mit dem armen Tier hatte.

Als Baris abgereist war, hatte es fürchterlich geregnet. Der Hund war sehr kurz an einer Stütze des Caravans angebunden und fürchtete sich vor dem vielen Wasser, das sich unter dem Caravan sammelte. Damals band ihn René los und Roswitha fütterte ihn mit Leckerbissen.
Sie ging zurück zum Caravan und hatte eine Idee. Dia war noch da. Tamer hatte ihn also nicht abgeholt.
Sie lief zu dem Hund und machte ihn von seiner kurzen Kette los. Das arme Tier sprang vor Freude an ihr hoch.
Zuerst wurde er gebadet. Dann bekam er rohe Eier, damit sein total verfilztes Fell wieder Glanz bekam. Danach ging sie mit dem Hund spazieren.
Keinen Meter wich das Tier von ihrer Seite. Dann spielte René mit ihm. Roswitha und Davut fuhren nach Antalya um für Dia ein Halsband und eine lange Kette zu kaufen. Er hatte im Moment eine Schnur um den Hals, die ihn beinahe erwürgte.

Kein Wunder, dass er ununterbrochen bellte.
Wieder zurück bekam Dia von Roswitha ein schönes Lederhalsband umgebunden. Mit einer langen Kette band sie ihn an ihrem Caravan fest. René schenkte ihm einen von seinen Tennisbällen.
Friedlich und zufrieden lag Dia nun vor Roswithas Tür als Ali kam. „Du hast aus der Kasse.......“

Jetzt sah er den Hund. Ali schnappte nach Luft und bei  Dia stellten sich die Nackenhaare hoch.
Beide knurrten. Einer aus Angst, der andere vor Hass. Ganz langsam entfernte sich Ali.
Im Rückwärtsgang!!!
Och, das war herrlich für Roswitha. Jetzt hatte sie wenigstens hier ihre Ruhe. Dia wurde zum Dank mit Wiener Würstchen gefüttert.
Davut der die Szene vom Zelt aus mit angesehen hatte, kam rüber und grinste. Jetzt begriff er endlich, warum Roswitha sich plötzlich so sehr um diesen Hund kümmerte.
Gemütlich tranken sie Kaffe zusammen. Ali lies sich nicht mehr blicken. Auch die Nachtruhe war wieder hergestellt.

Dia muckste sich nicht ein einziges Mal. Den alten Collie hatte Tamer zu sich genommen.

Am Morgen wartete Dia schon bis Roswitha oder René die Tür öffnete. Roswitha drehte mit ihm ein paar Runden über den Platz. Der Hund lief glücklich ein paar Meter vor ihr.
 

Plötzlich blieb er wie angewurzelt stehen und knurrte. Er hatte Ali entdeckt, der mitten auf dem Gehweg saß und sich an den Rosen zu schaffen machte.
Feindselig sah Dia Ali an. Der saß vor Schreck ganz steif, auf der Erde vor Dia. „Dia, komm hierher!“ Folgsam stellte er sich sofort neben Roswitha.
“Kümmerst du dich jetzt um diesen Köter“, meinte Ali ängstlich. „Pass auf, dass er dich nicht plötzlich anfällt“.

„Da habe ich keine Angst. Er frisst nur schuftige Geschäftspartner. Da ist er allerdings ganz wild drauf“.
Sie sprach ganz ruhig mit ihm. Schließlich wollte sie nicht, dass Dia ihn angriff.
Sobald der Hund Ali sah, stellten sich ihn seine Nackenhaare auf. Er konnte ihn nicht leiden.

Später als Roswitha ihn wieder angebunden hatte, kam Ali und warf dem Hund ein Stück Fleisch hin.

Er drehte den Kopf weg und fraß es nicht.

 

Einerseits war Roswitha ganz froh darüber, dass sie ihr Boot noch hatte. Es war immer noch sehr warm in Antalya. René war wieder einmal bei seinem Papa und Roswitha fuhr mit Davut hinaus aufs Meer.
 
„Wie war das doch schön in Kappadokien“ sagte Davut verliebt. „Die ganze Nacht konnte ich dich in meinen Armen halten.

Jetzt können wir nur am Telefon Bussi - Bussi machen.“ „Ja echt blöd.

Du kannst ja in meinen Caravan kommen“.
Roswitha sagte es im Scherz. Aber die Idee setzte sich in ihrer beiden  Köpfen fest.
„Eigentlich könnte ich das ja wirklich. Jetzt nach dem Dia bei dir angebunden ist, traut Ali sich überhaupt nicht mehr in deine Nähe“. „Ali kommt schon fast 2 Jahre nicht mehr. Was sollte er auch mitten in der Nacht schon von mir wollen?

Außer Geld will er doch nie etwas. Aber nachts lässt er mich in Ruhe“. „René ist auch nicht hier“. „Nein“ „Ja dann ...“

Gedacht, gemacht.
Als Roswitha nach dem Programm in ihr Bett stieg, lag Davut schon darin. Er war so heimlich hineingeschlichen, dass nicht einmal sie ihn bemerkt hatte. Es war zu schön, wieder einmal die ganze Nacht Arm in Arm zu schlafen. Dachten sie...

 

Nach zwei Stunden wurden sie durstig. Das Wasser war draußen im Eisschrank.
Roswitha stand auf und ging raus. Sie öffnete den Kühlschrank, nahm eine große Flasche Wasser, drehte sich um und erstarrte... vor ihr stand wie aus dem Boden gewachsen ...Ali!
„René nerde?“ fragte er. „Wo ist René?“ „Bei seinem Vater“. In Alis Kopf begannen sämtliche Alarmglocken zu läuten.
„Wieso hatte Dia nicht gebellt?“ überlegte Roswitha. Friedlich lag der Hund da und zum ersten Mal knurrte er nicht bei Alis Anblick.
Roswitha hatte Ali sehr laut geantwortet, Davut verstand den Hinweis und versteckte sich in dem winzigen Waschraum im Caravan.
Als Roswitha wieder hinein wollte, war Ali unmittelbar hinter ihr. Er sah das leere Bett, wollte jedoch auch hinein.

„Nein mein Freund, dass haben wir schon vor zwei Jahren beendet. RAUS HIER!“

Sie schlug ihm die Tür unhöflich direkt vor der Nase zu. Puh... Das war knapp.
Warum fürchtete er sich nicht mehr vor Dia?
Seine inneren Antennen funktionierten, wenn es um Roswitha ging, sehr gut. Nie kam er...

Warum gerade heute? Sie beobachtet ihn vom Fenster aus. Tamer war inzwischen auch gekommen.
Sie unterhielten sich nicht weit von ihrem Caravan entfernt.

Was zum Teufel machten sie zur nachtschlafenden Zeit da draußen?
Roswitha sah in den Waschraum. Darin schwitzte Davut mitleid erregend. Die Klimaanlage funktionierte wieder einmal nicht. „Hier nimm eine Zigarette, dass kühlt ab und beruhigt“. Roswitha brauchte auch eine.
Wenn sie Davut jetzt erwischten, würde sie eben jetzt schon nach Deutschland verkrümeln. Das wäre auch nicht das Schlimmste. Davut würde einfach nach Ankara gehen. Ali würde höchstens bei Davuts Familie anrufen und Beschimpfungen vom Feinsten ins Telefon brüllen.
Es gab Schlimmeres. Doch Ali war feige.
Sie sah wieder aus dem Fenster. Es war jetzt niemand mehr zu sehen.
„Komm raus, die Luft ist rein“. Sie machte ihm ein Bett auf dem Fußboden. Da war es nicht so heiß und man konnte ihn von außen nicht sehen.
Sie hatte zwar Rollos an ihren Fenstern, zog diese aber nie zu. Wenn sie es jetzt machen würde, würde Ali nur noch misstrauischer werden. Normalerweise schlief er um diese Zeit oder war in Antalya beim zocken. Bestimmt war er jetzt schon irgendwo eingeschlafen. Sie beobachtete vom Fenster aus den Platz. Menschenleer.
„Davut leg dich wieder in das Bett. Es ist niemand mehr da“. „Das ist doch schrecklich“, meinte er zerknirscht. „Jetzt sind wir richtig verheiratet und müssen uns immer noch verstecken“.
Er meinte den Hochzeitstunnel. Hatte das völlig ernst genommen.
Irgendwann schliefen sie eng umschlungen ein. Als Roswitha erwachte, war es hell. Das erste was sie erblickte war...

Alis Gesicht am Fenster unmittelbar über dem Bett!!!
Seine Nase war keinen halben Meter von Davuts Füssen entfernt. Zum Glück war der zugedeckt.

Aber hatte Ali ihn gesehen?
Roswitha setzte sich direkt vor Alis Gesicht ans Fenster. Auf die Beine von Davut.
Ali musste ihn gesehen haben! Wieso stand er aber dann immer noch wie versteinert an der Scheibe und starrte regungslos hinein? Ob er im Stehen eingeschlafen war?
 

Roswitha saß auf Davuts Beinen. Sie waren ihm bestimmt schon eingeschlafen. Endlich verschwand Ali.
Davut war hellwach. Er musste sich irgendwo verstecken. Aber wo?
In einem Caravan gab es weder ein Hinterausgang noch sonst viele Alternativen, einen ausgewachsenen Mann so unterzubringen, dass er nicht entdeckt werden konnte.
Davut saß in der Falle!
Roswitha überlegte fieberhaft. In einer Sitzkiste würde Davut ohne Zweifel ersticken bei dieser Hitze. Wenn er überhaupt da reinpassen sollte. Und im Waschraum würde Ali todsicher zuerst nachsehen.
„Davut du musst in den Schrank. Es ist unsere einzige Chance“. „Jetzt will mich meine Frau auch noch umbringen! Ich werde sterben in dem engen Schrank. Am besten, ich gehe hinaus und spreche mit ihm. Ali hat mich bestimmt gesehen.

So wie er mit seiner Nase am Fenster geklebt ist... er kann mich nicht  übersehen haben“.
„Wenn er dich gesehen hätte, hätte er etwas unternommen und wäre nicht wieder weggegangen.

Außerdem ist er als Detektiv nicht gerade begabt. Also komm jetzt, ab in den Schrank mit dir“.
Sie nahm die untere Abdeckung heraus und Davut zwängte sich nun in keinen Kleiderschrank.

An die Kleiderstange wurden dicht an dicht Kleider und Hosen aufgereiht. Dann betrachtete sie zufrieden das Ergebnis.

Davut war nicht mehr zu sehen.

 

Sie zog sich etwas über und ging optimistisch hinaus. Es dauerte keine Minute als Ali wie aus dem Boden geschossen

plötzlich vor ihr stand.
„Du hast noch meine Tasche im Caravan. Die brauche ich dringend. Da sind wichtige Unterlagen drin“, er hatte die ganze Nacht die Tür im Auge behalten und war sicher, dass niemand den Anhänger, von ihm ungesehen verlassen haben konnte.  

„Von dir ist überhaupt nichts mehr bei mir. Das weißt du sehr genau. Aber wenn du willst, schaue ich nach“. Er wollte natürlich.
Sie ging rein und Ali kam sofort hinter ihr her. Er öffnete, wie erwartet, sofort die Tür zum Waschraum. „Suchst du deine Tasche oder eventuell meinen Liebhaber?“ „Aber nein Güzelim. So etwas käme mir nie in den Sinn“. „Möchtest du nicht auch noch in den Kleiderschrank sehen? Liebhaber verstecken sich immerzu in Schränken“.
Demonstrativ öffnete sie die Schranktür einen Spalt. „Nein, nein! Ich wollte wirklich nur die Tasche. Aber ich glaube, sie ist doch in meinem Caravan“. Er schloss die Waschraumtür wieder und ging.
Ali zog frohgemut endlich ab. Wäre er noch etwas geblieben, hätte er den Stein gehört, der von Roswithas Herz fiel.
Sie schaute nach Davut. Total verkrampft steckte er noch immer in dem winzigen Schrank. „Tamam, du kannst jetzt rauskommen“. „Kann ich eben nicht. Meine Beine sind ganz und gar taub. Da läuft wahrscheinlich kein Tropfen Blut mehr durch“.
Der jugendliche Liebhaber musste wohl oder übel von ihr aus dem Schränkchen gezerrt werden.

Er war bleischwer und sie wurde von einem Lachkrampf nach dem anderen geschüttelt.

Was das Unternehmen nicht gerade vereinfachte.
Er fand das erst mal gar nicht lustig. Seine Beine trugen ihn tatsächlich nicht. Als seien sie aus Gummi, ging Davut immer wieder unfreiwillig in die Knie. Außerdem war er furchtbar verschwitzt. In dem Schrank war es noch viel schwüler, als vorher im Waschraum. Sein Kopf war knallrot. „Leg dich ein bisschen hin und entspann dich. Ich sehe nach ob die Luft rein ist.

Dann kannst du hinaus“.
Roswitha lief zum Restaurant. Das ganze Personal saß dort beim Frühstück. Auch Ali.
Sie ließ sich eine Flasche Wasser geben und ging dann zurück. „Schnell, du kannst jetzt raus“. Seine Beine funktionierten wieder einigermaßen. Er setzte sich sofort an Roswithas Kaffeetisch. Als sei nichts geschehen, wünschten sie sich fröhlich einen

„Guten Morgen“. „Er hat mich wirklich nicht gesehen. Wie ist das möglich?“ Roswitha wusste es auch nicht.

„Diese Woche werde ich ein Opfertier schlachten lassen“, sagten beide gleichzeitig.

Sie beschlossen nun, es zusammen zu kaufen und das Tier dem Waisenhaus zu spenden.
Es war einfach unglaublich. Warum hatte Ali die halbe Nacht in das Fenster gestarrt, um dann doch nichts zu erkennen? „Er hat genau auf meine Füße gesehen“, überlegte Davut. „Er kann sie unmöglich mit den deinen verwechselt haben“. „Er hat auch einmal mein Auto, das direkt vor ihm stand, nicht gesehen. Obwohl er es zu der Zeit fieberhaft suchte“. Sie erzählte Davut die Geschichte von damals.  „Dia… du bist ein Verräter“, sagte Roswitha dann zu dem Hund. Jetzt nach dem die Anspannung vorbei war, mussten Davut und Roswitha sehr lachen.
Das war ja wie in einem schlechten Film. „Ali ist wirklich ein gefühlloser Mensch. Wenn es jedoch um mich geht, dann funktioniert sein sechster Sinn. Nur... er weiß es gar nicht“. „Roswitha du redest Unsinn. So etwas gibt es nicht.

Wie soll denn das gehen?“
Davut wollte nichts davon hören, das es noch irgendeine Verbindung von Ali zu Roswitha geben sollte. Auch dann nicht, wenn es nur ein sechster Sinn war.


Davut kümmerte sich um die Bungalows. Campinggäste kamen nicht mehr sehr zahlreich.

In Bungalow 5 hatte Ali im vorigen Jahr eine Dusche und Toilette eingebaut. Seitdem hatte Roswitha dauernd Reklamationen. Entweder kam überhaupt kein Wasser oder es lief nicht ab. „Das bauen wir wieder um“, sagte sie zu dem Rumänen, der jetzt als „Gärtner“ arbeitete. „Ali Bey wird das nicht erlauben“, meinte er. „Ich spreche mit ihm“. Ohne diese dämliche Dusche konnte sie das Häuschen problemlos vermieten. Jetzt und so war es nur ein Ärgernis.
Selçuk kam zu Roswitha. „Ein Schulfreund von mir möchte mit seiner Familie dieses Jahr hier Urlaub machen. Im August. Welcher Bungalow wäre denn frei?“ Sie sagte Nummer 5 würde gerade bezugsfertig gemacht. „Hast du keinen auf der anderen Seite am Wasser?“ „Der mit den 2 Zimmern ist

Dauer- Vermietet und die Nummer 21 ist für eine Familie zu klein“.
Gemeinsam gingen sie zu Nummer 21. Er war klein und mehr Platz als für ein Doppelbett, gab es nicht.

Für eine Familie mit 3 Kindern unmöglich.
„Sie wollen auch noch Freunde mitbringen.“ „Dann gebe ich dir Nummer 15, der ist ohne Dusche und Nummer 16,

mit Dusche ist groß genug. Außerdem liegen sie nebeneinander und die Freunde könnten die Dusche gemeinsam benützen“.
Er wollte lieber Nummer 21. „Da fühlen sich deine Freunde aber nicht wohl. Glaube mir, er ist zu klein“.

Er wollte die Freunde noch einmal anrufen. Roswitha machte ihm einen echten Freundschafspreis. 

 

Ali saß auf einem Baum und schnitt ein paar Äste ab. „Ali die Toilette und die Dusche in Bungalow 5 lasse ich wieder entfernen. Letztes Jahr konnte ich ihn wegen deiner blöden Dusche überhaupt nicht vermieten“. „Unmöglich! Da mache ich neue Fliesen rein“.
„Die Fliesen sind aber nicht das Problem. Die Versetzgrube ist viel zu klein und der Wasseranschluss funktioniert nie.

Was soll da mit neuen Fliesen besser werden?“
„Du verstehst das nicht. Das mache ich schon.“ „Ja, das hast du letztes Jahr auch gesagt und ich konnte ihn die ganze Saison nicht vermieten. Viorell, der Rumäne wird das erledigen“.
Er gab keine Antwort. Ein Ast war ihm auf den Kopf gefallen. Außer ein paar Kratzern an seiner Nase war aber nichts passiert.
Bei ihrem Caravan saß Ayşe und wartete auf sie. Ayşe war ein angenehmer Mensch.

Solange sie nichts trank. Nicht so eine Klette wie Emine. „Hast du Stress mit Ali?“ „Nicht mehr als sonst auch.

Ihm ist gerade ein Ast auf seine Nase gefallen“ kicherte Roswitha.
 „Möchtest du mit heute mit uns aufs Boot?“ „Es ist lieb, dass du mich fragst. Aber wie du weißt, kann ich nicht schwimmen und habe Angst auf dem Boot. Ich lege mich lieber an den Strand. Da fühle ich mich wohler. Ich wollte doch eigentlich nächste Woche nach Istanbul zurück. Gut, dass du mich überredet hast noch hier zu bleiben. Jetzt kommen meine Tochter und mein Schwiegersohn nach Kaş. Ich werde zu ihnen fahren und dort für ein Paar Tage bleiben“.

„Schön für dich. Ich war noch nie in Kaş.

 

Vielleicht bringe ich dich hin“. „Das wäre schön. Meine Kinder würden sich freuen, dich wieder zusehen. Kannst du denn dein Geschäft alleine lassen?“ „Ach Ayşe, jahrelang bin ich nur hier gewesen, habe von meiner geliebten Türkei viel zu wenig gesehen. Was habe ich jetzt davon?“ „Ich habe es dir von Anfang an immer wieder gesagt. Du wolltest hier so wie in Deutschland arbeiten. Aber mit deiner Ehrlichkeit bist du nicht weiter gekommen. Nie hast du auf mich gehört“. „Lass gut sein, ich werde schon nicht untergehen“.
Ali kam. „Was ist das für ein Packet?“ „Das schicke ich mit der Post nach Hause. Im Flugzeug wird es zu teuer“.

„Wieso Flugzeug? Wo gehst du hin?“ „Nach Deutschland. Hast du das etwa vergessen?“

„Ha, ha, ha… du gehst nirgends hin. Wenn du weggehst zünde ich hier alles an und sterbe“.

„Wenn ich nicht gehe, sterbe ich. Dann schon lieber du, Bitanem“. „Du wirst nicht gehen, dafür liebst du diesen Platz viel zu sehr. In Deutschland wirst du sehr unglücklich sein und spätestens nach 2 Wochen wieder hierher zurückkommen“.

„Genau -  So wird es sein“.
Sie hatte keine Lust weiter mit ihm über dieses Thema zu sprechen. „Hast du es dir inzwischen überlegt. Wirst du mir das Restaurant für ein Paar Wochen überlassen um deine Schulden an mich zu bezahlen?“ „Ich habe keine Schulden bei dir. Schließlich warst du damals damit einverstanden, die Steuerschulden zu bezahlen“. „Natürlich, aber die für meine Zeit und nicht die deiner Familie, die sie jahrelang angesammelt haben“. „Von mir bekommst du nichts!“ „Na gut, unterhalten wir uns darüber über die Rechtsanwälte. Hast du einen eingeschaltet? Meine Unterlagen werden zurzeit geprüft und es sieht schlecht aus

für dich“. „Ich brauche keinen Rechtsanwalt. Du bekommst von mir nichts“.
Wieder schrieen sie sich an. Ayşe ergriff die Flucht bevor Roswitha erneut irgendwelche Gegenstände nach Ali werfen würde.
1995 hatte Roswitha etwa 6000 DM in die Kasse bezahlt. Das Geld vom Restaurant hatte damals für die vielen Schulden nicht gereicht. Roswitha hatte ihren Verdienst wieder hineingesteckt um endlich schuldenfrei zu sein. Ali hatte im gleichen Jahr etwa die gleiche Summe herausgezogen. Zement, Ziegelsteine, Autoreparaturen und solche Dinge hatte der damaliger Direktor verbucht. Roswitha hatte zu der Zeit überhaupt nicht auf solche Eintragungen geachtet. Für sie war es in erster Linie wichtig, das Restaurant hochzupäppeln und aus den roten Zahlen zu bekommen. „War ich blöd“, ärgerte sie sich,

als sie noch einmal in ihren Büchern rechnete.

 

Als sie am Abend ihre Kasse abrechnete waren 15 Millionen TL an Ali gegangen. Für das neue Schwimmbad das er baute.
Roswitha nahm für sich die gleiche Summe aus der Kasse. Sie ging in ein paar Wochen zurück nach Deutschland.

Warum sollte sie sein Schwimmbad finanzieren?
 
Es waren noch ein paar Tage bis zu Roswithas Geburtstag. Früher hatte sie sich immer sehr darauf gefreut.

Jetzt hätte sie ihn am liebsten verschoben. Um ein paar Jährchen.
Seit ihrem Ferhat einen Zahn bei so einer Party eingeschlagen wurde, hatte sie auch keine Geburtstagsfeier mehr veranstaltet. Dieses Jahr wollte sie jedoch eine Abschiedsparty.
Am 1. August, der auch ihr Geburtstag war.

 

Davut musste wieder für zwei Tage nach Ankara. Als Roswitha nach dem einkaufen sagte, er solle gleich sein Bus-Billet besorgen, hatte er keine rechte Lust dazu. Er würde viel lieber mit ihr weg fahren, meinte er.

„Vielleicht fahre ich ja erst morgen“.
Roswitha wäre auch gerne mit ihm ungestört gewesen. Sie schmiedeten einen Schlachtplan.
Alle am Camping wussten, dass er nach Ankara musste. Er brauchte sich nur verabschieden und mit seiner kleinen Reisetasche verschwinden. Roswitha würde ein, oder zwei Stunden später, von deutschen Freunden einen Anruf bekommen und sich dann auch verkrümeln. So war der Plan.
Ayşe saß bei Roswitha als Ali kam. Er würde einen ihrer Bungalows einem Freund für ein paar Monate vermieten,

teilte er ihr mit. An einen Alkoholiker. Bezahlen würde er natürlich keine müde Mark. Dass war sicher.
„Nein“, sagte sie. „Ich habe die Bungalows herrichten lassen um Geld zu verdienen. Nicht das sich deine Alkoholiker-Freunde umsonst hier einnisten“. „Das ist ein Freund von meinem Schiff“, schrie Ali.

„Gut dann quartiere ihn doch in deinem Haus ein“, schrie sie zurück. „Außerdem, warum ist die Dusche noch immer in Bungalow 5?“ 
Nicht einmal macht dieser Idiot etwas was Geld bringt, dachte Roswitha.
Zornig schnappte sie den Riesen-Vorschlaghammer, den Ali gerade unbedacht bei ihr abgestellt hatte,

und stürmte zu Bungalow 5 damit.

 

Sie konnte das schwere Ding kaum hochheben, doch in ihrer Wut entwickelte sie Bärenkräfte. Sie schlug wie eine Irre auf das Klosett dort ein. Zuerst kam Ayşe atemlos angelaufen, dicht hinter ihr Ali. “ Sie macht meine schöne Toilette kaputt“, schrie Ali und kam mit erhobener Hand auf Roswitha zu. So schnell konnte er dann gar nicht schauen, wie ihm sein Hemd von ihr vom Leib gerissen wurde. Ritsch, ratsch und es hing in drei Teilen an ihm herunter.

Von dem Geschrei aufmerksam geworden, kam auch Davut angelaufen. „Komm ich fahr dich jetzt zum Busbahnhof“, sagte sie außer Atem zu ihm und zu Ali: „Du wirst diesen Mist in Ordnung bringen, oder ich zünde deine Hütten hier noch an, bevor ich abfliege. Für diesen Bungalow kommen morgen Gäste aus Deutschland. Ich werde ihn vermieten.

Und zwar ohne deine blöde Dusche“.

Ali stand sprachlos da und konnte noch immer nicht fassen, was da eben mit seinem Hemd passiert war. Mit der Hand strich er immer wieder über die Stoff- Fetzen an seinem Bauch die lose an ihm herunter hingen, und überlegte, welcher Lappen zu welchen passte.
Roswitha nahm ihre Tasche und fuhr mit Davut los. Jetzt hatte sie einen Grund, die ganze Nacht nicht nach Hause zu kommen.
„Du sollst dich nicht so aufregen. Das ist nicht gut für dich“, meinte Davut. „ Solche Aufregungen machen mir nichts.

Nur als ich ganz traurig und still war, wurde ich krank. Außerdem macht es mir irgendwie Spaß, Ali auszutricksen“.
Sie fuhren nach Side. In das Hotel  „Paradiese“. Genau der richtige Name, wie Roswitha und Davut fanden.
Ihr Zimmer war wunderschön. Vom Balkon konnten sie auf das Meer sehen aber auch das Abendprogramm des Restaurants konnten sie von dort ungestört genießen. „Wenn wir zusammen irgendwo hingehen, bekommen wir immer das schönste, romantischste Zimmer. Ohne das wir etwas dazu tun. Das sind bestimmt unsere Engel, die das für uns engagieren“

 meinte Davut verliebt.
Sie saßen gerade an der Strand- Bar, als Ahmet am Handy anrief. Er hatte sich Sorgen um seine Chefin gemacht. Sie wäre mit guten Freunden zusammen beruhigte sie ihn. Ali hätte zusammen mit dem Rumänen die Toilette ausgebaut. Schön, jetzt konnten die Gäste ja kommen.
Das Hotel war fast leer. Auch die Neckermann Touristen trauten sich nicht mehr in die Türkei zu kommen. Roswitha verstand das nicht. Sie lebte hier und hatte von der PKK noch nie etwas gesehen. Es war nicht gefährlicher als in Deutschland oder in Italien. Die Reklame zu Hause musste ganz schlechte Propaganda sein.
Morgens um 10 Uhr fuhren sie zurück. Davut nach Ankara, Roswitha zum „Kaptan-Kamping“.
Sie kontrollierte B 5. Er war in Ordnung und sauber. Am Nachmittag kam die Familie aus Deutschland.

Sie war Türkin, ihr Mann Deutscher. Er hatte einen Sohn aus erster Ehe, sie eine Tochter.

Gemeinsam hatten sie einen kleinen Sohn von 2 Jahren.
Der Deutsche schob einen riesigen Bauch vor sich her. Sie war eine klatschsüchtige, dunkelhaarige Frau. Der Bungalow- Preis war zwar schon am Telefon vereinbart worden, doch die Frau wollte einen Preisnachlass, da sie 4 Wochen bleiben wollten.
„Einverstanden, aber ihr bezahlt an mich. Ali hat mit den Vermietungen nichts zu tun. Trotzdem versucht er immer wieder, Geld zu kassieren“. Sie nahm die deutschen Pässe und überlies die Familie sich selbst. Sie schaute bei Gül vorbei. Diesmal war Selçuk noch in der Arbeit und Gül konnte ungestört in ihren Kaffeesatz schauen. Roswitha ließ sich gerne von ihr Wahrsagen,

sie sah nur schöne Dinge.
„Ich sehe dich ganz glücklich mit einem neuen Mann. Du machst dir auch viel zu viel Sorgen über finanzielle Angelegenheiten.

Du wirst bald nach Deutschland zurückgehen, aber immer wieder in die Türkei zurückkommen.
Ich sehe aber auch hier und jetzt einem Mann, der dich sehr liebt und dich küsst“, sagte sie erstaunt.
Roswitha lenkte schnell von dem geheimnisvollen Mann ab. „Siehst du auch, wie ich in Deutschland leben werde?“ „Die erste Zeit wirst du es sicher nicht leicht haben, aber du schaffst es doch immer, dir wieder ein schönes Leben aufzubauen“.

Roswitha bedankte sich bei ihr und ging. 
Die Wahrsagerei war Hin und wieder besser als ein Besuch beim Psychiater.
Es konnte aber auch ganz schön den gesunden Menschenverstand benebeln, wenn man sich zu sehr hineinsteigerte.

Das konnte so weit gehen, dass ein Seelendoktor nötig wurde. Oder sehr viel Geld kosten. Dass hatte Roswitha schmerzlich am eigenen Leib erfahren müssen.
 

Sie hatte manchmal schon noch Angst, es in Deutschland nicht zu schaffen. Aber diese Angst war bei weitem nicht mehr so groß, wie noch vor ein paar Monaten. „Es gibt immer einen Weg“, dachte sie, „die Hauptsache ist der Kleine und ich bleiben gesund“.
Der liebe Gott würde ihr schon wieder helfen. Da war sie sicher.
So, wie sie damals das Gefühl hatte, der Sturm von Pamukkale hatte sie nach Antalya gefegt, glaubte sie jetzt, irgend eine unsichtbare Macht wollte sie wieder nach Deutschland zurückbringen.

Sie vertraute da felsenfest auf Gott.

Im Restaurant kamen nach und nach die Gäste. Auch alte Bekannte von Roswitha.
Ebru vom Finanzamt und ihr Mann Ahmet. Roswitha begrüßte die Zwei. „Ahmet hat am Wochenende Geburtstag und wir dachten, wir feiern das bei dir“. „Das ist lieb von euch. Für wie viel Leute soll ich reservieren?“

„Ungefähr 15 Personen, sollten es mehr werden, rufen wir dich an“.
Sie fragten nicht nach dem Preis und hatten auch keine besonderen Wünsche, was das Essen anbelangte.
Roswitha hatte für das Finanzamt schon immer Sonderpreise gemacht. Außerdem waren die Leute vom Fiskus stets eine besonders lustige Gruppe und steckten auch die anderen Gäste mit ihrer Fröhlichkeit an.
Als Ebru und Ahmet gegangen waren, gab Roswitha dem Personal Bescheid und sprach kurz mit der Küche über das Menü. „Viel verdienen werden wir nicht, also müssen wir die Auslagen so gering wie möglich halten“. Sie einigten sich darauf,

Fisch zu servieren. Davon hatten sie genug vorrätig.
Baris war aus Ankara gekommen. Er war erstaunt, Dia so strotzend vor Gesundheit an Roswithas Caravan zu sehen. „Der ist ja ein ganz anderer Hund geworden“, bemerkte er erstaunt. Er bedankte sich für die gute Pflege und nahm den Hund mit.
Sofort tauschte er die lange Kette wieder gegen die Kurze aus und band den armen Hund wie gehabt an seinen Caravan. Und wie gehabt bellte das Tier nächtelang.

 

Am Morgen trank Roswitha ihren Kaffee alleine. Davut kam erst nachts um 1 Uhr aus Ankara zurück. Sie vermisste ihn.
Etwa um 10 Uhr morgens kamen die Jungs mit einer Motorsäge. Sie sollten einen Baum fällen, der zu hoch geworden war.

Ali gab seine fachmännischen Anweisungen.
Ein Mann kletterte daraufhin ganz hinauf und band einen Strick um den Baumgipfel.
Die Motorsäge wurde angeschmissen, mit vereinten Kräften zogen etwa 6 Mann an dem Strick, damit der Baum in die gewünschte Richtung fiel. Es klappte unerwartet gut.
Ali wollte deshalb gleich noch einen Baum absägen.
Wieder wurde das Seil fachgerecht an den Baum gebunden. Aber jetzt funktionierte die Säge nicht mehr.

Als sie dann endlich wieder lief, musste wieder an dem Seil gezogen werden.
Der Baum rührte sich keinen Millimeter, konnte er schlecht, denn sie hatten ohne Kette gearbeitet.

Alle Männer machten sich nun an der Kette zu schaffen!
Es war inzwischen Mittag 13 Uhr. Roswitha amüsierte sich köstlich. „Jungs, in der gleichen Zeit fällen sie in Deutschland einen ganzen Wald“, rief sie ihnen lachend zu.
Das konnten sie nicht auf sich sitzen lassen. Die Säge lief endlich wieder. Eifrig sägten sie an dem Baum und zogen kräftig an dem Tau. Endlich…der Baum war gefällt... doch das Seil blieb unverändert stramm in ihren Händen.

Eigentlich sollte ja ein völlig anderer Baum gefällt werden. Der, an dem sich noch immer das Seil befand.


Roswitha fuhr Einkaufen. Dann besuchte sie Şirin im Militär-Kamp.
Nach 2 Stunden fuhr Roswitha zurück. Ali mauerte wieder an seiner Bar. Es staubte fürchterlich.

Die Gäste deckten ihr Essen und die Getränke mit Servierten ab.
Außerdem war die Lärmbelästigung unerträglich. Ali arbeitete unermüdlich  mit einem Winkelschleifer und schliff damit hingebungsvoll Steine. Es machte ihm zweifellos Spaß, dass alle Gäste auf ihn schauten. Er war ganz in seinem Element.
Anscheinend hatte er zugenommen, denn seine Short war am Hinterteil aufgeschlitzt. Roswitha traute ihren Augen nicht...

er trug keine Unterhosen!
Sobald er sich bückte, und er bückte sich oft und ausgiebig, war sein nacktes Hinterteil zu sehen.
„Ali kannst du bitte deine Hosen wechseln“, sagte Roswitha leise zu ihm. „Warum? Was ist mit meiner Hose?“ „Sie ist hinten aufgeplatzt und  du hast keinen Slip darunter an“. Er fand das lustig. „Macht nichts, mich kennt doch hier jeder“, sagte er kichernd und arbeitete ohne jeden Skrupel  weiter.

 

Etwa 10 Tische waren es an diesem Abend. Roswitha saß an der Kasse als Ali kam. „Für wie viel Geld hast du heute eingekauft?“ fragte er sie forsch. „72 Millionen. Warum?“


Er holte eine verknitterte Liste aus seiner Tasche und rechnete. „Wenn ich das Gleiche kaufe, zahle ich höchstens 40 Millionen“, sagte er dann. „Natürlich, weil du Waren kaufst, die schon am verfaulen sind. Komischerweise waren deine Auslagen,

als du einkaufen gegangen bist, aber nie unter den meinigen. Was willst du eigentlich?“

Die Sozialversicherung müsste bezahlt werden und niemand würde aus der Kasse Geld bekommen. Weder das Personal noch sonst jemand.
Nach dieser Mitteilung verzog er sich eilig in sein Gerümpel- Büro. Roswitha sah sich die Unkosten des heutigen Tages an.

20 Millionen waren für Alis Schwimmbad von ihm gefordert worden. Er hatte das Geld zwar noch nicht, wollte es an diesem Abend aber aus der Kasse haben. Deshalb also sollte das Personal kein Geld bekommen.
Roswitha ging zu ihm ins Büro. „Liebling“, sagte sie zu ihm. „Ich habe keine Schulden bei der Sozialversicherung. Als ich hier anfing, waren alle Telefone gesperrt. Ich habe 1800 DM bezahlt damit sie wieder geöffnet wurden. Vielleicht hast du es vergessen, ich nicht. Eine Woche später waren sie wieder gesperrt. Als ich nachfragte, was passiert war, teilte man mir mit die Sozialversicherung hätte alle Anschlüsse gepfändet. Als ich dann bei dieser Versicherung nachfragte, erfuhr ich damals, dass seit

3 Jahren keine Lira von euch bezahlt worden war. Erinnerst du dich jetzt? Ich habe 1995 hier angefangen. Die Versicherung habe ich für 1992,1993 und 1994 rückwirkend nachbezahlt. Wenn da jetzt Schulden sind, dann verrechne sie eben mit den Schulden von damals. Da bekomme ich sogar noch etwas heraus.

Das kannst du aber auch gerne in deinen Hintern stecken“, sagte sie großzügig.
„Du hast gar nichts bezahlt“, brüllte er. „Wer hat dann diese Schulden beglichen? Du etwa?“

Sie war sehr laut geworden. „Weiß ich nicht mehr. Wahrscheinlich mein Sohn Bedirhan“. „Dein Sohn hat von dir Geld bekommen, das ich dir gegeben habe und damit hat er nicht die Schulden deines Restaurants beglichen. Wer also hat bezahlt?“
Sie war ihm bedrohlich nahe gekommen und schrie ihn an, dass es ihn durchschauderte. „Ja du vielleicht... aber mir hast du nie Geld gegeben. Schrei doch nicht so, wir wollen uns im Guten trennen“.

„Ich trenne mich nicht im Guten von dir. Wir haben Krieg mein Schatz. Apropos Geld. Warum kontrollierst du mich und nicht deinen Tamer? Schau lieber in seiner Küche nach, wo das viele Zeug hingeht, dass du so billig einkaufst“.

Tamer war auch in der Nähe und spitzte neugierig die Ohren.

„Ja“, meinte Ali, „ich gebe alles in die Küche“.
„Was da rein geht interessiert mich nicht im Geringsten. Da kannst du es  genauso gut in die Mülltonne werfen. Mich interessiert nur, was davon an meine Gäste herauskommt. Und das ist soviel wie gar nichts. Also, mein Einziger, kontrolliere erst deinen Freund in der Küche und dann mich“.

Mit einem lauten Knall schlug sie beim verlassen des Raumes die Tür hinter sich zu.
Diesen Mann würde sie nie verstehen. Sie leerte die Kasse, rechnete aus, wie viel von den 2 Tischen die noch da waren, dazu kommen würde. Dann zahlte sie das Personal aus.

Bedauerlicher Weise war nun für Alis Schwimmbad nichts mehr übrig.
Um halb 1 Uhr setzte sie sich in ihr Auto und fuhr zum Busbahnhof. Sie hätte Davut am liebsten gleich auf der Strasse geküsst. Aber dass war unmöglich.
So fuhren sie schnell in seine Wohnung und holten das ausgiebig nach.

Als Roswitha am Morgen nach Hause kam, war Ali noch nicht da. Auch er hatte die Nacht in Antalya verbracht.
Roswitha fand einen Berg Restauranttischdecken vor ihrer Waschmaschine. Die mussten gewaschen werden.

Sie erledigte ihre Arbeit und rief René an. Er sollte endlich wieder nachhause kommen.

„Kann ich noch bis morgen bleiben? Ich wollte heute eine Safari- Tour machen“.
„OK, mein Liebling. Aber morgen kommst du. Ich vermisse dich nämlich ganz furchtbar“. „Mein Papa hat morgen ohnehin in Antalya zu tun und da kann er mich zum Camping fahren. Da musst du nicht extra nach Alanya kommen“.
Sie war einverstanden. Trotzdem mochte es nicht, wenn der Kleine so lange von ihr getrennt war. Da er aber das letzte Jahr in der Türkei war, verstand sie auch, dass er so viel Zeit wie möglich mit seinem Vater verbringen wollte. Schließlich wussten sie nicht, wann sie wieder einmal hierher kommen würden.
Davut kam jetzt auch mit seiner Reisetasche. So als käme er direkt aus Ankara.
Sie begrüßten sich und tranken zusammen Kaffee. „Was machen wir jetzt mit deinem Boot?“ fragte Davut. „Vielleicht nimmt es ja Bari
ş. Wenn er alles hier übernimmt, kann er es eventuell auch brauchen“. „Ich werde ihn fragen“, meinte Davut.
Sie hatte ja auch den kostenlosen Liegeplatz in der Marina.
Die Zeit wurde langsam knapp. Wenn das Boot nicht verkauft würde, benützte es am Ende Tamer um fischen damit zu gehen. Und das wollte Roswitha auf keinen Fall. Dann schlug sie es lieber eigenhändig zu Kleinholz.
Der Deutsche von B5 war vorbei gekommen. „Ali war gestern bei uns und wollte die Miete im Voraus kassieren“, sagte er.

„Wir haben ihm aber kein Geld gegeben. Schließlich sind unsere Pässe bei dir“.
Hatte Roswitha es doch geahnt. Wut kam in ihr hoch. Dieser alte Affe lies wirklich keine Gelegenheit unversucht.
Ilter, der sich mit der Familie angefreundet hatte kam, dazu. „Aus Deutschland sind gerade Verwandte von mir gekommen.

Sie möchten ein paar Tage hier bleiben. Hast du noch einen freien Bungalow?“
Sie gab Davut den Schlüssel. Er zeigte den jungen Männern ihr Quartier. Es waren Türken, am Bodensee aufgewachsen.

Auch 2 Zelte aus Holland kamen an diesem Tag.
 

Nur noch 2 Tage blieben bis zu Roswithas Geburtstag. „Was meint ihr? Sollen wir die Party heuer am Schwimmbad machen?“ Roswitha wollte mit ihrem Personal feiern und die waren von der Idee begeistert.
„Dann werden wir die Musikinstrumente und das Mikrofon an der Schwimmbad- Bar aufbauen. Da der Geburtstag an einem Donnerstag ist, werden, wenn wir Glück haben, nicht besonders viele Restaurant Gäste kommen. Ein Kellner wird dort genügen und wir können ungestört zusammen feiern“.
Sofort machten sie sich daran, die beiden Schwimmbecken zu reinigen. Denn, obwohl inzwischen ende Juli war, konnte bis dahin noch kein Wasser eingelassen werden. Alis Baustelle war nie fertig geworden.
Jetzt half das ganze Personal, den Bauschutt zu entfernen.
Am Abend kam Şirin mit Familie. Stolz zeigte ihnen Ali sein neuestes, inzwischen blitzblankes Werk. Langsam füllten sich schon die Becken mit Wasser.
Auch die Kommutan Familie lud Roswitha zu der Party ein, sagte aber, dass sie außer dem Personal keine anderen Gäste eingeladen hat. Das würde ihnen nichts ausmachen, doch Metin Bey hatte an dem Tag schon eine andere Verpflichtung.

Ein Essen mit mehreren U-Boot Kommandanten.

Şirins Schwester und die Kinder würden aber die Einladung gerne annehmen.

Die Familie aus B5 saßen mit den anderen zwei Jungs aus Deutschland im Restaurant. Sie waren von ihnen eingeladen. Für ihr eigenes Geld kam diese Familie nämlich nie in das Lokal.

Roswitha fuhr gleich am nächsten Morgen mit Davut zu ihrem Stammkaffe, um die Geburtstagstorte zu bestellen. Besorgt schaute sie zum Himmel. Es sah nach Regen aus.
Das war in all den Jahren noch nie vorgekommen, dass sie sich Sorgen machen musste, ob ihre Party am Geburtstag ins Wasser fällt. In diesem letzten Jahr war alles anders.

Zuhause lies Roswitha ein paar Tische um das Bad aufstellen. Sie wollte mit Ayşe Köfte und Kartoffelsalat zubereiten. Tamers Köfte schmeckten stets wie verkohltes Zeitungs- Papier.

Birsen, die Frau aus B5, kam. „Ich habe morgen Geburtstag. Wenn ihr Lust habt, kommt auch zum Kaffee und Kuchen“ musste Roswitha sie nun notgedrungen auch einladen, Sofort sagte diese zu.
„Roswitha, weißt du eigentlich, wie sehr auf diesem Platz getratscht wird?“ „O ja. Das ist mir bekannt. Ich habe mir aber schon vor Jahren abgewöhnt, darauf zu hören. Das ist „Dedikodu“, weiter nichts.

Hier in der Türkei ist das noch viel extremer als in Deutschland. Wir sind im Land der Märchenerzähler.

Du wirst das selbst wissen“. “Ja, schon… aber du weißt nicht was alles...“. „Es sind meistens ganz schauderhafte Verleumdungen, die, wenn man nichts darauf gibt, von selbst wieder verstummen. Also verschone mich damit. Mir reichen meine Probleme hier. Ich habe echt nicht die geringste Lust, mich auch noch wegen so einem Mist aufzuregen. Wenn Jemand etwas von mir will, dann soll er es mir persönlich sagen. Und wer es mir nicht ins Gesicht saget, kann sich mit meinem Arsch unterhalten“.
Sie hatte keinen Bock, sich den von Birsen  gesammelten Tratsch anzuhören. Da hätte sie ihr  sagen müssen, dass auch über Birsen, die wildesten Gerücht am Platz kursierten.
Das ging Roswitha  nichts an. Sie wollte davon nichts wissen. Früher hatte sie sich den Klatsch noch angehört. Bis ihr eines Tages jemand eine Story erzählte bei der Roswitha anfangs nur mit einem Ohr zugehört hatte. Doch die Geschichte war so außergewöhnlich, dass sie neugierig fragte w e r das alles denn getan haben sollte. „Ja - du!“
Es war nicht einmal ein Körnchen Wahrheit dieser Unterstellung. Von diesem Moment an wollte Roswitha dann nichts mehr wissen.

Es kamen neue Bungalowgäste. Verwandte von Garson Ahmet. Ein nettes Ehepaar ohne Kinder. Roswitha gab ihnen B 21.

Sie wollten ca. 1 Woche bleiben.


Der Mann war Manager bekannter Popsänger.
Inzwischen waren die Tischdecken trocken und Roswitha brachte sie zum Restaurant. „Selçuk war eben hier und hat mich angepöbelt“, erzählte ihr Ahmet. „Angeblich hast du den Bungalow 21 ihm zugesagt“.

„Ja… wir hatten uns doch dann auf B15 und 16 geeinigt. 21 wäre viel zu klein für eine Familie mit

3 Kindern“, antwortete Roswitha bestürzt.
Sie dachte wirklich, da Selçuk nach ihrem letzten Gespräch nichts mehr dazu gesagt hatte, sie hätten sich auf die größeren Hütten geeinigt. „Warum er aber jetzt dich dafür verantwortlich macht  verstehe ich nicht. Ich werde sofort mit ihm sprechen“.

Das war Roswitha echt peinlich. Sie ging zu Selçuk.
Beleidigt saß er vor seinem Haus. „Du, dass muss ich missverstanden haben. Ich dachte, wir hätten uns so geeinigt. Tut mir Leid“ entschuldigte sie sich bei ihm. „Ich habe meinen Freunden diesen Bungalow versprochen. Was soll ich jetzt machen?

Sie kommen morgen hier an.“

„Du brauchst dir deswegen keine Sorgen zu machen. Deine Freunde werden nur eine Nacht in diesen Bungalows logieren und wenn es ihnen wirklich wieder Erwarten nicht zusagen sollte, dann werde ich Ahmeds Verwandtschaft umquartieren.

Das sind ganz süße Menschen, mit denen werde ich schon einig. Das dass schief gelaufen ist, ist ganz alleine meine und nicht Ahmeds Schuld.“
Selçuk äußerte sich nicht dazu. Er war tief beleidigt.
Roswitha sprach noch mit Ahmet und seinen Bekannten. Im schlimmsten Fall mussten sie eben umziehen. Sie waren einverstanden.

Jetzt kam auch endlich René. Roswitha kam es vor, als wäre er in den paar Tagen gewachsen. So sehr hatte sie den kleinen Kerl vermisst. Er freute sich, wieder Zuhause zu sein.
Als am Abend Pascha mit dem Programm begann, sang René ein paar Lieder. Er hatte wirklich ein exzellentes Musikgehör und eine süße Stimme. Die Gäste klatschten begeistert. Roswitha war furchtbar stolz auf ihren Liebling.
Das schönste in ihrem Leben war dieses Kind. Sie schickte dem kleinen Star 3 Flaschen Sekt auf die Bühne und Ahmet ließ für ihn dort die Korken knallen.
Das würde Roswitha auch sehr vermissen in Deutschland.

Am 1. August stand das Telefon nicht mehr still. Die erste die anrief, war Roswithas Mama.  „Alle fragen mich, wann du zurückkommst. Weißt du das genaue Datum schon?“.
Dass es sie selbst am meisten interessierte, sagte sie nicht. Roswitha fand das lieb. Sie vermisste ihre Mama auch sehr. „Irgendwann im September. Genau kann ich es noch nicht sagen.

Ich schätze in 6 Wochen bin ich zuhause“.
Roswithas „kleiner“ Bruder wollte dreimal von ihr wissen, ob sie denn wirklich in Deutschland bleiben werde. Anscheinend glaubte er nicht so recht daran.
Sie war gerührt. Manchmal hatte sie schon geglaubt, in ihrer Heimat hätte man sie vergessen. Auch Onkelchen und Tante gratulierten. Sie bräuchte sich keine Sorgen wegen einer Wohnung machen. Die gäbe es in Deutschland inzwischen wie Sand am Meer.

Als erstes machte Roswitha Kaffee für alle. Dann gab sie noch Anweisungen für die Party am Abend. Ein paar Dinge mussten noch an den Pool gebracht werden. Sie verteilte Unmengen an Luftballons, die aufgeblasen werden mussten.

Auch die beiden netten Jungs, Ilters Verwandtschaft, halfen kräftig mit.
Das Wetter schien nun doch schön zu bleiben und der Party stand nichts im Wege. Die Einzigen, die sich nicht blicken ließen, waren Selçuk und seine Familie. Womöglich waren sie immer noch eingeschnappt, wegen der Bungalow- Geschichte.

Die von ihm erwarteten Freunde waren inzwischen angekommen.
Roswitha ging mit Davut einkaufen. René war glücklich, dass in den Schwimmbecken endlich Wasser war und wollte sofort dort schwimmen. Er freute sich riesig auf die Feier am Pool und half bei den Vorbereitungen fleißig mit.

Es war ja auch seine Abschiedsparty.
Das Restaurant lief am Tag nicht schlecht, abends war dann wie erwartet, nicht viel los.

 

Schon um 19 Uhr begann Pascha mit dem Programm am Schwimmbad. Die ersten Gäste die kamen,

war die Familie aus B5. Obwohl Roswitha sie nur zu Kaffee und Kuchen eingeladen hatte, warteten sie von allen am ungeduldigsten auf das Essen.

Der Abend wurde super. Jeder wurde in das eiskalte Wasser geworfen. Ohne Ausnahme.
Ilter tanzte singend um den Pool und die ganze Gesellschaft  hinter ihm her. Als dann auch Birsen ins Wasser geworfen wurde, bekam sie einen hysterischen Anfall. Sie schrie und heulte wie eine Geisteskranke.
Dadurch wurde die gute Stimmung aber nur ganz kurz gestört. Nach ein paar Minuten kümmerte sich keiner mehr um sie.

Sollte sie doch nach Hause gehen, wenn es ihr zu feucht zuging. Schließlich war es eine Poolparty.
Sie blieb. Es gab ja immer noch umsonst zu essen und zu trinken. Ihr dicker Ehemann hatte eine ganze Kiste Bier für sich selbst in Beschlag genommen. Seine  Kinder stopften sich mit Kuchen voll, als hätten sie schon seit einer Woche nichts zu essen bekommen.
Roswitha war alles andere als kleinlich, aber so etwas konnte sie nicht leiden. Ihre Freunde mussten sich beeilen um von dem Essen und dem Kuchen überhaupt etwas abzubekommen. Am liebsten hätte Birsen noch alles eingepackt und mitgenommen. Roswitha stellte sich selbst an das Büfett und verteilte eigenhändig an das Personal Köfte. So bekamen wenigstens alle etwas. Das letzte Stück Kuchen, Birsen schaute ganz gierig darauf, gab Roswitha Ali. Er verschlang es mit zwei Bissen. Birsen schluckte.
 „Das ist eine gute Idee hier zu feiern“, meinte er begeistert. “Das machen wir jetzt öfter“.
Morgens um 4 war die Party zu Ende.
„Roswitha Hanım, wir danken dir alle recht herzlich. Das war die schönste Geburtstags Feier die wir je mitgemacht haben“ sagte Ahmet zum Abschluss. „Wir werden dich und René nie vergessen“. Auch Pascha umarmte Roswitha. „Es ist sehr schade,

dass du wieder nach Deutschland zurückgehst. Du weißt doch, dass ich in den ersten Tagen immer wieder daran dachte,

hier aufzuhören. Aber heute kann ich dir etwas sagen: Die schönsten Jahre die ich als Pianist erlebt habe, die waren hier beim „Kaptans“ mit dir als Chefin“.
 

Als Roswitha am nächsten Tag erwachte, war alles schon wieder aufgeräumt. Sie saß beim Kaffee, als Ahmet kam. „Selçuks Freunde wollen Bungalow tauschen. Ich habe meinen Verwandten schon Bescheid gesagt. Sie ziehen sofort um“.
Roswitha ging zu den Leuten und bedankte sich für ihr Verständnis. Sie lud sie zu einem Abendessen ein, was sie gerne annahmen. Auch sie konnten sich nicht vorstellen wie 5 Leute in dem kleinen Bungalow wohnen wollten. Sie selbst waren mit dem Größeren sehr glücklich.
Selçuk kam ganz aufgeregt vorbei. „Habt ihr „Kanat“(Hähnchenflügel) in euerer Küche? Wir wollen grillen und haben keine Flügel“. „Ihr seid 12 Leute. Ich glaube nicht, dass unsere Küche so viel übrig hat“.
Sie war etwas befremdet. Erst gratulierte er ihr nicht zum Geburtstag und jetzt wollte er ihre Küche plündern? Außerdem wusste er schon mehrere Wochen, dass seine Freunde kommen würden.

Warum hatte er denn nicht selbst eingekauft?
Was in Selçuk vorging begriff Roswitha nicht. Sie dachte immer, er wäre ihr Freund. Aber was jetzt ablief, sah ganz und gar nicht nach Freundschaft aus.
Seit dem Theater mit Emine, war Roswitha beim Thema Freundschaft nicht mehr leicht zu enttäuschen. Aber verstehen konnte sie es trotzdem nicht. Je näher der Tag ihrer Abreise kam, umso weniger Freunde blieben ihr. Das hatte auch etwas Gutes.

Es machte ihr den Abschied leichter.
Selçuk war cholerisch in das Restaurant gerannt, hatte dort „Kanat, Kanat“ gebrüllt und als er keine bekam, beleidigt wieder nachhause gerannt.
Solche Mengen Hähnchenflügel kaufte Roswitha nie auf Vorrat. Je mehr sie kaufte, so mehr verschwand aus dieser Küche.

„Es wird wirklich Zeit, dass ich nach Deutschland komme“, dachte Roswitha, „hier werden alle verrückt“.


Roswitha musste einkaufen. Am Abend kam die Finanzamt Gruppe. Als alles erledigt war fuhren sie zu Davuts Wohnung.

 Niemand störte sie dort. Nicht einmal das Telefon.

Es gab nur sie beide auf der Welt.

 

Wieder zu Hause schrie Ali fürchterlich mit Ahmet. Es ging wieder einmal um Geld, dass er aus der Kasse haben und Ahmet ihm nicht geben wollte. „Ali jetzt ist es wirklich genug. Du wirst mir jetzt sofort ein Schriftstück unterschreiben und mir das Restaurant überlassen“.
Die Zeit wurde immer knapper, und Roswitha kam so nur sehr langsam zu Geld.
Es musste sich etwas ändern und zwar schnell. Ali lachte sie nur aus. Er wolle ja nicht, dass sie nach Deutschland ging.

Wenn sie Geld bräuchte, müsste sie eben hier bleiben. So einfach war das.

Die einzige und schnellste Lösung waren Bodyguards. Das war kein Problem für Roswitha. Davon kannte sie duzende.
Sofort telefonierte sie mit ihrem Freund Tarkan. „Kannst du heute mit deinen Mafia Freunden herkommen. Ich lade euch ein“. Er begriff sofort um was es Roswitha ging. „Für die Mafia ist es ein bisschen kurzfristig, aber ich komme mit meinen Boxern“.
Das war ja noch besser. In all den Jahren war Tarkan der Gemüsehändler, ihr immer ein guter Freund gewesen.

„Wie viel Männer willst du haben? Reichen dir 10?“ „Fürs erste wird es reichen“.
Roswithas Laune besserte sich schlagartig.

Ebru und Ahmet kamen gegen 19 Uhr. Es müsste noch ein Tisch dazu gestellt werden. Es waren nicht 15, sondern 22 Leute. Seltsamer Weise kannte Roswitha niemanden aus der Gruppe. Die waren nicht vom Finanzamt. Was eigentlich auch unwichtig war. Die Hauptsache war, sie amüsierten sich und verzehrten viel, damit Roswitha etwas verdiente.
Ali umschlich  die Kasse. Roswitha setzte sich zu der Gruppe und gratulierte Ahmet zum Geburtstag.
Gegen 22 Uhr kamen Tarkan mit 12 Männer wie Bären. Alle waren sie aktive Boxer.
Sie begrüßten Roswitha überschwänglich und taten als wären sie mit ihr schon Ewigkeiten bekannt.
Direkt angrenzend an die Kasse platzierte Roswitha diese Gruppe. Ali  kam immer wieder vorbei und schaute ängstlich auf die Männer. Was hatte Roswitha denn mit ihnen zu tun? Waren das etwa gefährliche Kurden?
Auch Tamer blickte furchtsam aus seiner Küche auf die Männer. Roswitha tanzte jetzt auch noch mit diesen Schlägern.

Was sie wohl vorhatte?
Nachdem Roswitha sich wieder an ihren Tisch setzte, gesellte sich Ebru mit tränennassen Augen zu ihr. „Ja Ebru, was ist denn passiert? Hast du ein Problem?“ „Ach Roswitha... ich habe gehört du hörst hier auf und gehst nach Deutschland... deswegen.

Du bist doch meine beste Freundin“. Roswitha war etwas konsterniert. So oft sahen sie sich doch gar nicht. Sie sagte ihr das auch. „Du bist mir aber wie eine Schwester“, meinte sie mit Tränen in den Augen.
Auch Ahmet, ihr Ehemann, kam dazu. Er war auch ganz furchtbar traurig. „Es tut mir ja so leid, dass du uns verlässt. Bevor du gehst, musst du unbedingt mit uns noch einen Tag auf dem Schiff meines Freundes verbringen. Wir laden dich und René ein“.

Er drückte René an sich, dass dem Kleinen die Luft wegblieb. „Wir brauchen dein Schiff nicht. Wir haben selbst viele Freunde mit Schiffen in der Setur-Marina. Außerdem ist mein Papa Direktor in einem Reisebüro. Da können wir Bootstouren machen, so viel wir wollen“. Er befreite sich aus Hasans Klammergriff und setzte sich an die Orgel neben Pascha.
„Sobald Roswitha in Deutschland ist“, sagte Ahmet nun zu seiner Frau, „schicke ich dich sofort zu ihr“. „Halt, halt! Ich muss zu Hause erst meine Angelegenheiten in Ordnung bringen“.
Was sollte sie denn mit Ebru in Deutschland? In Roswithas Kopf läuteten Alarmglocken. „Was sind denn das für Freunde an euerem Tisch?“ fragte Roswitha, um diesem Trauerspiel ein Ende zu machen.

Die Hälfte waren Hasans Arbeitskollegen aus der Bank. Die anderen kamen aus Ankara. Keiner war vom Finanzamt.
Ebru war immer noch tieftraurig. „Wann gehst du denn zurück?“ „Ende September wahrscheinlich“.

„Ach...wir dachten in zwei Tagen schon“.
Roswitha setzte sich wieder zu ihren Bodyguards. Ali kam nicht einmal mehr in die Nähe der Kasse.

Als das Programm zu ende war, erhob sich die Gruppe von Ebru.
Bezahlen war anscheinend kein Thema. Niemand fragte nach der Rechnung.
Roswitha sah wie ein Mann dem Gastgeber Ahmet Geld dafür geben wollte. Großzügig winkte er ab und sagte etwas von„Rosi“. Darauf gingen alle zu den Autos.
Roswitha schickte Zafer hinterher. Deshalb waren sie plötzlich so überaus traurig über Roswithas Heimreise.

Sie dachten wohl, wenn Roswitha in 2 Tagen abfliegt, erledigt sich damit auch die Restaurantrechnung.
Auch zu Zafer sagte Ahmet, er werde das mit „Rosi“ persönlich regeln. Roswitha wurde wütend. Sie konnte es noch nie leiden, wenn man sie Rosi nannte. Und überhaupt...

Was dachten die sich eigentlich? Roswitha würde für sie eine Gratis-Party veranstalten?
Die Rechnung war ohnehin nicht hoch. 500 DM für 22 Personen. Was war das schon? Ahmet arbeitete ja bei einer Bank.

Gleich am Montag würde Roswitha dort auftauchen. So nicht mein Freund!
„Hast du mit ihnen ein Problem?“ fragte Tarkan, der plötzlich neben Roswitha stand. „Nicht der Rede wert. Kann ich euch noch irgendetwas bringen lassen?“ „Nein Danke. Ali Bey habe ich den ganzen Abend nicht gesehen“, sagte er grinsend. „Wenn du uns wieder brauchst, ruf einfach an. Wir helfen dir immer gern“. Er ging zur Kasse und bezahlte die Rechnung. Obwohl er eingeladen war.

 

Als Roswitha am nächsten Morgen aufstand, war Alis Bruder aus Mersin angekommen.

„Was hat mein Bruder denn angestellt? Als du mich angerufen hast, habe ich an deiner Stimme gemerkt, dass etwas nicht in Ordnung ist. Leider konnte ich nicht früher aus Mersin weg. Also was ist los?“
Er fand den Vorschlag von Roswitha sehr fair und schnappte sich Ali, um mit ihm unter vier Augen zu sprechen.

Nach 2 Stunden hatte er Ali soweit. Er unterschrieb einen Vertrag, in dem das Restaurant für
6 Wochen allein für Roswitha arbeiten sollte. Nur die Prozente zahlte Roswitha an das Personal.

Alles andere war Alis Problem. Roswitha hatte erreicht was sie wollte. Mehr war von Ali sowieso nicht zu holen. 

Roswitha gab Zafer die Telefonnummer von Ebru. Als er sie am Sonntag anrief, war sie erschrak sie sich sehr. Am meisten darüber, dass sie ihre Rechnung bezahlen sollten. Hätten sie vorher gewusst, dass Roswitha erst im September nach Deutschland zurückgeht, hätten sie ihre Party später organisiert und dann einfach behauptet, sie wären Roswithas Gäste.

 

Der neue Vertrag lief bis 18. September. Sie telefonierte mit Renés Vater. Sie brauchte von ihm zwei Flugticket nach München. Für den 19. September. Überdies war das Visum für René längst abgelaufen. Das könnte ein Problem werden.

Vor einem Jahr noch wäre es nicht schlimm gewesen, doch die Visa- Bestimmungen hatten sich geändert.

Jetzt wurden für Übertretungen horrende Geldstrafen kassiert.

Roswitha machte sich aber keine allzu großen Sorgen darüber. Sie hatte viele gute Bekannte beim Zoll und Selçuk würde sich sicher auch wieder beruhigen und mit ihr und René zum Flughafen kommen.

René wollte wieder nach Alanya. Seine Tante war aus Deutschland gekommen und hatte vor, mit ihm etwas zu unternehmen.

Es war der 11. August. Das deutsche Fernsehen machte schon wochenlang Panik wegen der bevorstehenden Sonnenfinsternis. Roswitha wusste nicht, wie viel davon in Antalya zu sehen war, aber besonders interessierte sie sich ohnehin nicht dafür.

Sie schaltete trotzdem morgens ihr Fernsehgerät ein, um zu verfolgen, was sich da in Deutschland abspielte.                                  
Sie besorgte sich aus dem Werkstatt- Depot ein Schweißerschild, um auch in Antalya die Verdunkelung sehen zu können. Falls es überhaupt etwas zu sehen geben sollte.

Im türkischen Programm wurde darüber so gut wie nichts berichtet.                                                      
Nachmittags ging es los. Roswitha sah es zuerst im Fernseher. Sie war zutiefst erschrocken. Das war ja genau der Traum,

den sie jahrelang immer wieder gesehen hatte. Sie hatte immer gedacht, sie hätte von zwei Sonnen geträumt.

Aber es war eine Sonnenfinsternis!                                              
Als sich die Sonne verdunkelte und langsam wieder hinter dem Mond hervorkam, sah es so aus, als wären zwei Sonnen am Firmament.                                     
Genau wie in ihrem Traum!!!                                                  
Sie sah durch das Schweißerschild. Auch in Antalya verdunkelte sich die Sonne. Nicht ganz vollständig, doch es wurde bestimmt um 10 Grad kühler.                                                 

Das Restaurant lief gut. Wenn es weiter solche Umsätze machen würde, könnte Roswitha wenigstens so viel verdienen, das es für den Anfang in Deutschland reichen würde. Das Personal war glücklich, nicht mehr mit Ali um die Kasse streiten zu müssen und arbeitete so engagiert  wie schon lange nicht mehr. Die Arbeit machte ihnen richtig Spaß, besonders da es jetzt regelmäßig Geld gab, anstatt regelmäßig Geschrei.                                                          
Ali war sehr unglücklich. An seiner geliebten Kasse durfte er sich nun nicht mehr vergreifen. Ab und zu versuchte er ein paar Milliönchen, wenigstens für Benzin, zu ergattern. Da hatte er aber kein Glück.

Da jetzt das Geschäft super lief, packte in die Reue. „Niemals hätte ich da zustimmen sollen. Da siehst du, wie sehr ich dich liebe. Du hast doch von mir immer schon alles bekommen. Warum bleibst du nicht hier? Zusammen könnten wir doch viel Geld verdienen. Warum willst du jetzt plötzlich wieder nach Deutschland?“ „Du weißt sehr gut, dass mein Vertrag mit dir abgelaufen ist. Ich habe 5 Jahre versucht, mit dir zusammen dieses Geschäft aufzubauen. Was hat es mir gebracht? Du warst nicht mein Geschäftspartner, sondern mein Gegner. Was ich übrigens nie verstanden habe, schließlich hast du damit auch gegen dich gearbeitet. Ich hatte ursprünglich eigentlich vor, ein halbes Jahr hier und ein halbes Jahr in Deutschland zu leben. Dank deiner Mithilfe war das nicht durchführbar. In meiner Heimat pfuscht mir wenigstens niemand in meine Geschäfte. Vielleicht verdiene ich dort nicht viel. Aber dann brauche ich mich wenigstens nur über das Geschäft aufzuregen. Nicht auch noch über dich“.

„Ich habe dir doch nie etwas getan. Habe ich dich etwa geschlagen?“ „Das war das Einzige, was du  nicht getan hast.

Dann wäre dein schönes Restaurant hier mit dir zusammen in Flammen aufgegangen. Das hast du sehr genau gewusst.

Aber du bist mir bei allem was ich getan habe in den Rücken gefallen. Geschäftlich und privat. Jetzt ist es ja sowieso vorbei.
Ich bin dir nicht mehr böse. Ich werde in Deutschland wieder irgendwie auf die Beine kommen. Aber du? Von deinen Picknickgästen kannst du nicht leben und etwas anderes weißt du nicht. Dabei könntest du hier wirklich Geld verdienen.

Du hast einen wunderschönen Platz. Er hat nur einen Fehler“. „Was denn für einen Fehler?“

„Der Fehler bist du“.  „Du wirst schon sehen, was ich hier alles auf die Beine stelle.

Du wirst ja sowieso bald wieder hierher zurückkommen und wieder mit mir arbeiten“. „Ich wünsche dir wirklich, dass du es schaffst, aber ich komme bestimmt nicht mehr zum arbeiten hierher“. 

 

Roswitha fuhr mit Davut in die Stadt, zum Metzger. Sie bestellten das versprochene Opfertier. Auf dem nach Hause Weg machten sie, wie immer, bei Davuts Wohnung Halt und blieben ein paar Stunden dort.
Als sie abends beim Restaurant ankamen, freute sich das Personal ungewöhnlich heftig, Roswitha wieder zusehen.

Sie setzte sich an ihren Tisch und bestellte ein Mineralwasser.

Ahmet stellte unaufgefordert eine zweistöckige Obstpatte dazu. „Was ist denn hier los? Hat Ali wieder etwa angestellt?“.
„Aber nein, ausnahmsweise nicht. Wir freuen uns nur, dich zu sehen“. „Das ist ja sehr lieb, doch ihr könnt mich nicht täuschen. Willst du mir nicht sagen, was es ist?“. „Wir sind deine Geliebten. Weißt du das?“. „Aber natürlich. Und das ist auch in Ordnung“. „Wie? Du weißt es schon?“ fragte er verwundert. „Was soll ich denn wissen? Nun sage schon“. Er stellte einen Wodka vor sie.

„Wir alle, dass gesamte Personal, sind deine Geliebten“, sagte er noch einmal.

Roswitha konnte damit beim besten Willen nichts anfangen.
Sie kontrollierte die Kasse und war sehr zufrieden. Wenn das Geschäft so weiterlief, würde sie doch nicht ganz ohne Bares nach Deutschland heimkehren. Nachdem die Kasse abgerechnet und das Personal ausbezahlt war,

saßen alle noch mit Roswitha an ihrem Tisch.
„Also Kinder, was ist denn heute passiert? Euere Anspielungen vorhin habe ich nicht verstanden“.
Zafer brachte ihr noch einen Wodka. „Şerefe“, sie  prosteten Roswitha zu und Ahmet gab ihr Feuer bevor er sagte:
„Ilter erzählt hier überall herum, wir alle, ohne Ausnahme, würden mit dir schlafen“. „Oh …“

Roswitha war auf eine Schock -Nachricht gefasst gewesen, jetzt kam so ein ausgemachter Schwachsinn.
„Steht ihr allabendlich wartend bei mir Schlange oder machen wir es in einem Aufwasch?

Gruppensex vielleicht?“ fragte sie und amüsierte sich bei dieser Vorstellung. „Von wem habt ihr denn diese  tolle Neuigkeit?“ „Birsen hat es uns heute ganz aufgeregt erzählt“.
„Kinder seid mir nicht böse, doch ich glaube nie im Leben, dass Ilter so etwa über mich erzählt“.
Doch wer kam auf so eine absurde Idee? „Wenn wir das nur von Birsen allein gehört hätten, würden wir auch, wie du denken,

sie hätte gelogen. Aber die beiden Jungs aus Deutschland, Ilters eigene Verwandten, sagen auch, dass er es war der diese Böswillige Äußerungen machte“.
„Und warum sollte er so etwas verbreiten? Aus welchem Grund?“ „Das können wir dir auch nicht sagen.

Wenn du einverstanden bist, wecken wir ihn sofort auf und fragen ihn selbst.“ „Das hat keinen Sinn. Morgen früh werden wir alle zusammen rufen. Birsen, die beiden Jungs und Ilter. Da wird dann schon ans Licht kommen, wer was gesagt hat.

Mit wem soll ich schlafen?“ fragte sie noch einmal nach.  

„Mit dem gesamten Personal“. „Mit Tamer auch?“ „Ob er auch dabei ist, wissen wir nicht. Wahrscheinlich er auch. Alle hat es geheißen“.
Roswitha nahm das alles nicht so tragisch. Das würde sich bestimmt als Missverständnis herausstellen. So etwas konnte kein Mensch im Erst erzählen.
„Weiß Ali schon davon?“ „Wir haben es ihm nicht erzählt“. „Er soll morgen auch dabei sein. Sollte, was ich niemals glaube, Ilter für diesen Schwachsinn verantwortlich sein, muss er natürlich gehen. Sofort“.

Die Kellner hatten eine furchtbare Wut auf Ilter. Für sie war klar, dass er schuldig war. Hätten sie noch an diesem Abend mit ihm sprechen dürfen, der Arme hätte eine gehörige Tracht Prügel von ihnen bezogen.


„Roswitha kommst du? Alle warten schon auf dich“. Es war Ahmet, der sie am nächsten Morgen weckte. „Bin sofort bei euch. Ist Ilter schon da?“ „Ja, alle. Wir haben keinem nicht gesagt um was es geht.

Alle sind schon furchtbar gespannt. Auch Ali Bey“. „Ich bin in 5 Minuten da“.
Roswitha zog sich an und ging mit einer Tasse Kaffee in der Hand zum Restaurant. Birsen war mit ihrem Mann und den Kindern gekommen. Ali hatte keinen blassen Schimmer, warum diese Versammlung stattfand. Genau wie Ilter.

Er saß ganz verloren am ende des Tisches.    
Roswitha setzte sich und fragte ihn ohne Umschweife, warum er so üble Gerüchte über sie verbreitete und wie er denn auf so einen Blödsinn gekommen war. Völlig perplex stotterte er, dass er davon jetzt das erst Mal hören würde.
Bevor Roswitha noch ein weiteres Wort sagen konnte, mischte sich Birsen ein. Sie schrie fürchterlich mit dem bedauernswerten Ilter und gebrauchte Ausdrücke, die einer käuflichen Lebedame würdig gewesen wären. Und das in 2 Sprachen.
Auch ihr deutscher Ehemann schrie Ilter an. Er hätte alles genau gehört. Ilter hatte alles so gesagt, wie seine Frau es nun weitererzählt hatte. Roswitha fragte sich nur, wie diese Unterhaltung stattgefunden haben sollte. Ilter sprach nicht ein Wort deutsch und der Mann nicht türkisch. „Und hier ist alles Scheiße, alles totale Scheiße, dass hat er auch gesagt“ schrie der Deutsche aufgebracht.
Bei dem Wort Scheiße fing Birsen hysterisch zu heulen an. Ängstlich schauten die Kinder auf ihre schluchzende Mama.
Kreischend sprang diese nun auf versetzte dem völlig überraschten Ilter eine schallende Ohrfeige.

„Moment“, ging Roswitha dazwischen, „Birsen kannst du dich etwas zusammen nehmen?

Ilter... hast du das alles gesagt oder nicht?“
Traurig schüttelte er den Kopf. „Niemals würde ich solche gemeinen Lügen über dich erzählen.

Warum auch? Du warst immer wie eine Mutter zu mir“. „Aber Kenan hast du es auch erzählt“. Kenan, Ilters Verwandter schüttelte entsetzt den Kopf. Niemals hätte er von Ilter derartiges gehört. „Ja aber du wusstest davon. Das hast du gestern Abend zu den Jungs gesagt. Von wem denn nun?“
Er hätte es von Gül gehört denn Ilter hätte es angeblich auch Selçuk erzählt.
„Und unseren Gästen hast du es sicher auch erzählt? Ilter, von dir bin ich sehr enttäuscht. Das hätte ich von dir nicht gedacht“.
Jetzt schlug Ahmet zu. „Wie kannst du so etwas über unsere Roswitha sagen? Ich bringe dich um du Hurensohn“.
„Ilter deine Arbeit hier ist beendet. Du gehst noch heute“, sagte nun Ali, der bis dahin sprachlos der Unterhaltung gefolgt war,  

zu Ilter. Der nickte nur und stand auf, um seine paar Sachen zu packen.

 

Roswitha ging mit Ayşe und Davut zum Einkaufen nach Antalya. Je länger sie über die Versammlung am Morgen nachdachte,

so mehr zweifelte sie daran, dass Ilter dieses Geschwätz erfunden hatte.
„Ich glaube es einfach nicht“, sagte Roswitha zu Ayşe. „Irgendetwas ist da faul“.
Nicht ein Mensch den sie bis jetzt befragte, hatte diesen Schwachsinn aus Ilters Mund gehört.
Außer dieser Birsen. Doch ihr traute Roswitha überhaupt nicht. Auch wenn sie noch so brüllte.

Sie musste zu Gül. Wenn sie es von Ilter wusste, dann war seine Schuld bewiesen. Wenn nicht...
Gül und Selçuk waren mit Roswitha immer noch beleidigt, doch das war Roswitha jetzt egal.

Sie als Einzige, konnten Licht in dieses Durcheinander bringen.
Roswitha hatte Ilter seiner Zeit von seiner Arbeit weggeholt. Jetzt wurde er bei ihr, auf eine sehr unschöne Art, rausgeschmissen. Vielleicht war er ja doch unschuldig.

Das Opfertier wurde an diesem Tage zum Waisenhaus gebracht. Bei der Schlachtung blieb Davut dabei. Einmal um seine Gebete zu sprechen und zum Anderen, um sicher zu gehen, dass das Fleisch auch wirklich im Waisenhaus blieb. Er war da misstrauisch.

Wieder am Camping sprang Roswitha sofort aus dem Auto und ging schnurstracks zu Gül. Dort waren alle versammelt:

Birsen mit Mann und Kindern, Gül und Selçuk und Kenan mit Freund.

Das traf sich ja ausgezeichnet.
Ohne ein „Guten Tag“, stellte Roswitha sich vor Gül hin und fragte sie scharf: „Von wem hast du es gehört?“ Selçuk, der mit dem Rücken zu ihr saß, zog den Kopf ein. Er befürchtete, gleich einen Genickschlag von der aufgebrachten Roswitha zu bekommen. Gül brachte vor Schreck erst einmal keinen Ton heraus.
Roswitha fragte sie noch einmal: „Wer hat es dir erzählt?“ „Ich habe keine Ahnung, um was es eigentlich geht. Was soll ich denn gehört haben?“ „Das ich mit meinem gesamten Personal schlafe. Dass!“
„Davon habe ich bis zu diesem Augenblick noch nie etwas gehört. Ich schwöre es dir. Bei allem was mir heilig ist“ sagte Gül zitternd.
Roswitha sah Kenan an. „Du hast doch heute Früh behauptet, dass du es zuerst von Gül gehört hast“.

Er war jetzt total verunsichert.  „Ja, dass habe ich gesagt. Wenn ich aber jetzt darüber nachdenke...es ist hier an diesem Tisch geredet worden, dass stimmt. Wer es aber gesagt hat... Ich erinnere mich beim besten Willen nicht mehr daran“. 
 

„Ihr seit ja lustig. Erst setzt ihr fröhlich Gerüchte der übelsten Art über unschuldige Menschen in die Welt und dann wollt ihr euch an nichts mehr erinnern. So viel ich weiß, ist das eine sehr große Sünde für einen Moslem. Ich will jetzt sofort wissen,

wer diesen Mist hier erzählt hat“, schrie Roswitha so laut, dass alle zusammenzuckten.
Kleinlaut sagte Birsen: „Ich war es. Ich wollte es dir ja sagen, aber du wolltest doch kein Dedikodu“.

„Ach so. Dann gehst du also mit deinen schmutzigen Hirngespinsten überall hausieren und beschuldigst völlig unschuldigen Menschen.  Einer davon hat durch dich heute seine Existenz verloren. Deine einzige Entschuldigung ist nur:

Du wolltest es ja nicht hören.
Diesen verlogenen Mist wollte ich wirklich nicht hören und ich wusste auch warum. Oder findest du es gut,

 dass der arme Ilter jetzt gehen muss? Was hat er dir eigentlich getan?

Wenn dir dein Leben zu langweilig ist, dann suche dir eine andere Beschäftigung, als harmlose Menschen auszurichten.

Du könntest ja mal zur Abwechslung in euerem Koran lesen. Dann begreifst du vielleicht, was du angerichtet hast“.
Sie war immer zorniger geworden. Am liebsten hätte sie dieser Kuh eine geschmiert. Sie beherrschte sich, drehte sich auf dem Absatz um, und suchte Ilter.
Er war im Bungalow. „Roswitha glaube mir: Niemals habe ich jemals so etwas über dich erzählt. Was hätte ich denn für einen Grund? Es tut mir alles so leid“. „Mir tut es auch sehr leid. Ich weiß, dass du es nicht warst. Der ganze Dreck ist von Birsen ausgedacht und verbreitet worden. Warum und was sie damit erreichen wollte kann ich dir aber nicht erklären“. „Aber ich. Sie ist eifersüchtig. Auf meine Verwandten. Sie wollte, dass die sie mit ihrem BMW spazieren fahren. Die Jungs haben die ganze Familie von ihr öfter eingeladen und dann auch die Unkosten in den verschiedensten Restaurants und Kaffees übernommen. Sie dachten wohl, ich könnte ihnen da einen Strich durch ihre Rechnung machen, weil die Jungs ein paar Mal nur mit mir weg gefahren sind“. „Ilter, wenn du willst, dann bleibe hier. Soll doch diese Schlange Birsen abreisen“. „Danke. Doch ich möchte gehen. Außer dir und Davut habe ich hier nicht einen einzigen Freund. Das habe ich heute Morgen ganz deutlich gesehen. Ich werde nach Istanbul gehen“. „Du kannst jederzeit wiederkommen. Ich werde dich vermissen“. „Ich werde dich auch vermissen“.
Roswitha steckte ihm 100 Mark zu. Wahrscheinlich hatte er nicht einmal das Geld für den Bus. Woher auch?

 

Noch am gleichen Abend reiste auch die Familie Birsen ab. Mit dem gesamten Bettzeug aus B5 fuhren auch sie nach Istanbul. Nicht ein einziges der alten Leintüchern hatten sie zurückgelassen.
„Diese Diebin“, schimpfte Ali. „Die hat doch mindestens die Hälfte der Marine Soldaten hier vernascht. Hast du das gewusst? Sie ist eine Nutte. Die kommen mir hier nicht mehr herein. Und Solisten haben wir jetzt auch keinen mehr“ jammerte er.
Roswitha wusste genau, sollte die Familie nächstes Jahr wiederkommen, würden sie von Ali mit offenen Armen aufgenommen. Aber das war dann nicht mehr ihr Problem.

Am Abend vermisste Roswitha Ilter wirklich. Sie musste sich nach jemanden Anderen umsehen. Mitten in der Saison würde das gar nicht so einfach werden. Sie besprach sich mit Pascha. Er wollte sich umhören.
Davut war auch traurig das Ilter unter solchen Umständen gehen musste. Nur die Garsongs schienen erleichtert, nicht mehr mit Ilter arbeiten zu müssen. „Wir finden etwas Besseres. Mach dir keine Sorgen“, meinte Zafer. „Gut, dass über dich hat er nicht gesagt. Doch er hat über alles und über jeden getratscht und viele Lügen erzählt.
Hast du gewusst, dass seine angeblichen Verwandten ihn bis vor ein paar Tagen gar nicht kannten?“ „Wie? Kenan ist gar nicht mit Ilter verwandt?“ „Nein. Er hat die Jungs hier bei uns kennen gelernt“. „Ja und warum hat er sie als seine Familie ausgegeben? Er hatte überhaupt nichts davon“. „Er hat so viel gelogen... Keine Ahnung warum. Verrückt eben“. „Mir tut dieser ganze Vorfall wirklich leid.“.

„Denk nicht mehr daran. Wir finden etwas Besseres“, sagte er noch einmal. „Morgen gehe ich zur Bank um unser Geld vom dicken Ahmet zu kassieren. Kommst du mit?“ „Tamam“.


Zusammen fuhren sie am Vormittag in die Stadt. Bei der Bank fanden sie Ahmet im 2. Stockwerk.

Er saß hinter seinem Schalter.
„Bist du Zafer?“ fragte er. „Ja“. „Wie kommst du dazu, bei meiner Frau anzurufen? Roswitha warum hast du Ebru’s Telefonnummer einem fremden Mann gegeben?“

 

„Wieso fremder Mann? Er ist mein Kassierer und für die Finanzen verantwortlich. Wenn ein Gast seine Rechnung nicht bezahlt, muss Zafer dafür gerade stehen. Deine Nummer hatte ich ja nicht“. „Wie hoch ist denn die Rechnung?“ fragte er nun endlich. „500 DM, ihren Rabatt schon abgezogen“, antwortete Zafer und zeigte ihm, was alles verzehrt worden war.
Ahmet sah nur flüchtig auf das Papier. „Ahmet da es offensichtlich nicht dein eigener Geburtstag war, werden deine Freunde sich sicher an der Rechnung beteiligen“. „Geburtstag? Wieso Geburtstag?“

Das war also auch gelogen. Ahmet sah die Beiden nicht an. Verbissen blickte er auf seinen Schreibtisch. „Ich bezahle nächste Woche“ mit einem Ton, der nicht verhehlte, dass er beleidigt war. „Werden sie das Geld zum Restaurant bringen, oder soll ich es hier abholen“, fragte Zafer ihn. Nie wieder würde er das „Kaptan Restaurant“ betreten. Zafer sollte das Geld bei ihm hier in der Bank abholen.

Roswitha hatte wieder ein paar ‚Freunde‘ verloren. So schnell ging das. Wie konnte sie aber auch Geld von ihnen verlangen? Roswitha war über diesen Verlust überhaupt nicht traurig. Sie brauchte weder solche Gäste, noch solche Freunde.
Nachdem sie fürs Restaurant eingekauft hatten, fuhren sie zurück. Davut und Roswitha gingen schwimmen. “Ich habe mit Bariş gesprochen. Wenn du ihm mit dem Preis noch etwas entgegenkommst, dann nimmt er das Boot, sagt er“. „Mein geliebtes Boot ist nicht teuer, doch bevor Tamer damit herumfährt, verkaufe ich es Baris zu jedem Preis. Dafür muss er es aber bis zu meiner Abreise noch mir überlassen“. „Ich werde mit ihm verhandeln“.
Bari
ş hatte im Restaurant etwa 1000 Mark Schulden. Das kam daher, dass er seine Rechnungen immer monatlich bezahlte. Davut rief bei ihm in Ankara an und bat ihn, das Geld auf Roswithas Konto zu überweisen.

Das Geschäft lief ja jetzt auf sie und sie wollte verhindern, dass Ali sich dieses Geld unter den Nagel reißen konnte.
Bariş hatte dafür volles Verständnis und versprach, noch am gleichen Tag die Überweisung zu veranlassen.

 

Das Wetter war herrlich. Roswitha wurde wieder melancholisch bei dem Gedanken, bald ihr geliebtes Meer verlassen zu müssen. „Du wirst in Deutschland bestimmt glücklicher werden. Ich weiß, wie sehr du die Türkei liebst. Doch wenn du hier bleibst, macht dich deine geliebte Türkei kaputt. Du musst auch an René denken. Die Schulen in Deutschland sind besser für ihn, als unsere hier“.
Das wusste sie ja alles selbst. Der Abschied würde ihr dennoch sehr schwer fallen. „Wirst du mich in Deutschland besuchen?“ „Wenn ich ein Visum bekomme, sofort“. „Das Visum ist kein Problem. Sobald ich in Deutschland bin und eine Wohnung habe, werde ich dir eine Einladung schicken. Damit bekommst du dein Visum“.
Sie wusste zu dem Zeitpunkt nicht, wie schwer es geworden war, ohne festes Einkommen einen Türken nach Deutschland einzuladen.
Zusammen schwammen sie zum Marine Stützpunkt. Der Kommutan und Şirin wollten in
2 Tagen nach Deutschland zu Metins Bruder fliegen. Şirin freute sich wie ein Kind darauf, Deutschland kennen zulernen. Roswitha lud die Familie zum Abendessen ein.
„Komm du lieber zu uns. Wir machen ein Barbecue“. „Da komme ich natürlich gerne. Was soll ich mitbringen?

Unseren Pianisten vielleicht?“ „Nein“, sagte sie lachend, „euere Musik hören wir doch jeden Abend bis hierher. Aber Ali Bey ist herzlich eingeladen".

„Wir sind heute Abend bei Kommutan Metin zum Essen eingeladen. Sie fliegen übermorgen nach Deutschland“, sagte Roswitha zu Ali, als sie wieder zu Hause war. „Natürlich komme ich mit, Tatlım. Wann?“ „Um 20 Uhr. Vergiss es nicht wieder“.

„Habe ich schon jemals etwas vergessen? Du kannst doch die Uhr nach mir stellen“. Sie musste lachen. Er war unverbesserlich.
Sie ging zum Restaurant. Dort beschwerten sich gerade ein paar Gäste über das Essen. Die Köfte waren halb roh, die
Pirzola verkohlt und im Salat war eine Fliege entdeckt worden. Roswitha spendierte Rakı für die Leute.
„Gnädige Frau, das Lokal ist wirklich wunderschön. Aber ihren Koch sollten sie austauschen“ sagte der Mann freundlich.
Wenn Tamer seinen freien Tag hatte, war das Essen wesentlich besser. Dann kochten die Kellner.

Sie machten es besser und liebevoller als er. Roswitha regte sich nicht mehr großartig darüber auf.

Sollte Ali sich mit dem Problem herumplagen wenn sie nicht mehr da war. Ihm schmeckte Tamers Essen.

Doch ihm schmeckten ja auch Steine...
 

Als Ali um halb Acht noch nicht aus Antalya zurück war, machte sich Roswitha fertig und fuhr ohne ihn zu Şirin und Metin.
Der Direktor der Setur Marina und seine Frau waren schon da. Außerdem der neue Kommandant der Wasserschutzpolizei.

 

Es war schon nach 21 Uhr als Ali endlich mit Vollgas ankam. Wie üblich, hatte er die Einladung vergessen. Ahmet hatte ihn daran erinnert, als er endlich aus der Stadt kam.
Er setzte sich und bediente sich sofort an den herrlichen Vorspeisen. Şirin war eine ausgezeichnete Köchin. Mit vollem Mund mischte Ali sich in jede Unterhaltung ein.
„Roswitha, wenn wir jetzt auch für 3 Wochen in Deutschland sind, du kannst jeder Zeit hierher kommen“, sagte Metin zu ihr. „Die Wachposten wissen Bescheid. Ich habe deinen Namen in die Liste meiner persönlicher Gäste eingetragen, damit sie dir das Tor öffnen. Sollte es trotzdem, Wiedererwarten Probleme geben, dann wende dich an unseren neuen Kommutan“.
Es wurde ein sehr harmonischer Abend.
Um 23 Uhr fuhr Roswitha zurück zum Restaurant. Sofort war Davut an ihrer Seite. „Du kommst spät“, stellte er fest. „Liebling, wenn du zu deinen Freunden nach Antalya gehst, kommst du manchmal auch spät“. „Ich gehe aber nicht mit meiner alten Liebe zum Essen“. Ah ha, daher wehte der Wind. Er war eifersüchtig auf Ali. „Ja du hast Recht. Ich lege ein volles Geständnis ab:

Ali und ich sind sofort nach dem Essen über uns hergefallen. Gleich auf dem Tisch machten wir heißen Sex. Wir konnten uns nicht mehr länger beherrschen, und deshalb auch keine Rücksicht auf die Anderen nehmen“. 

Sie musste furchtbar lachen, als sie sich das bildlich vorstellte.
Davut trank vor Schreck ein Bier. Solche Späße vertrug er gar nicht. Roswitha fand ihn süß.

Ein paar Tage später fuhr Roswitha noch einmal zum dicken Ahmet. Er bezahlte 300 Mark. Den Rest würde er in einer Woche zahlen. Sie ärgerte sich. Das war eine Frechheit. Was bildete sich dieser Mann eigentlich ein?

Auch das Geld von Bariş war noch nicht auf ihrem Konto. Davut telefonierte mit ihm. Zuerst wand er sich, suchte nach Ausreden und rückte am Ende doch mit der Wahrheit heraus.
Ali hatte ihn angerufen. Er sagte, er dürfte das Geld auf keinen Fall an Roswitha schicken. Bariş sollte es in bar und persönlich an Ali bezahlen. Aber kein Wort durfte Roswitha von dieser Transaktion erfahren. Davut verschwieg es ihr natürlich nicht.

Sie war außer sich vor Wut, fuhr zurück und suchte Ali.

Mit ihm setzte sie sich in eine Loge am Fluss.
„Ali du hast mit mir einen Vertrag. Erinnerst du dich daran?“ „Aber natürlich. Was ist damit?“ „Darin steht, dass alle Einnahmen des Restaurants mir gehören. Du hast das unterschrieben“. „Ja das stimmt. Was ist nicht in Ordnung daran?“ „Das kann ich dir sagen. Du hast bei Bariş angerufen und wolltest von ihm 1000 Mark kassieren, die laut diesem Vertrag mir gehören. Warum?“ „Tatlım, wer sagt denn so etwas? Wer das behauptet ist ein niederträchtiger Lügner. Ich würde doch so etwas Gemeines nie tun“. Roswitha nahm ihr Handy und rief bei Bariş an. „Dann wirst du ihm jetzt sagen, er soll das Geld auf mein Konto überweisen“. „Natürlich Güzelim“. Zögernd nahm er das Telefon. „Du musst da etwas falsch verstanden haben“, sagte er zu Bariş. „Das Geld gehört selbstverständlich Roswitha, nicht mir. Du musst es natürlich auf ihr Konto überweisen“. Roswitha nahm den Apparat. „Ich werde es dir sofort zukommen lassen. Aber warum hast du Ali davon erzählt? Ich steh doch jetzt total blöd da“, weinte er plötzlich und wie ein kleiner Junge. „Sei mir nicht böse. Doch ich hatte keine andere Möglichkeit an mein Geld zu kommen“. Bariş konnte nicht mehr sprechen. Er schluchzte fürchterlich und brach das Gespräch ab. Roswitha war durcheinander. Was gab es denn da zu heulen? „Das hast du jetzt von deinen Intrigen. Der arme Mann weint wie ein kleines Kind. „Ali... lass deine Finger von der Kasse. Das nächste Mal bist du es, der weint“. „Ich habe doch nichts getan. Alles war ein Missverständnis. Er hat da etwas ganz falsch verstanden“. Roswitha kannte ihn zu gut um ihm zu glauben.

Am nächsten Tag waren die 1000 Mark auf ihrem Konto. Bariş rief bei Davut an und fragte, warum er ihn bei Roswitha verraten hatte. „Weil es falsch von Ali war. Sie braucht jetzt jede Mark und dieses Geld ist ihres“.
 

Zusammen gingen Roswitha und Davut einkaufen. René brauchte noch neue Hosen und Pullis. Auch Roswitha musste ihre Garderobe vervollständigen. Mit T-Shirt und Short würde sie in der Heimat nicht weit kommen. Zudem liebte sie einkaufen.

Textilien waren in der Türkei immer noch wesentlich billiger als in Deutschland.
Auch an diesem Abend war Roswitha wieder sehr gut aufgelegt. Personal Abend war angesagt.

 Mit ihrem Personal tanzte Roswitha bis in den frühen Morgen.

  

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