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9. Kapitel
Am Ende wird immer alles gut!
Und was nicht gut ist, ist
auch noch nicht zu ende
Roswitha wurde morgens um 8 Uhr durch ihr Fernsehgerät geweckt, dass sich nach einem nächtlichen Stromausfall selbstständig eingeschaltet hatte.
Noch im Halbschlaf suchte Roswitha nach der Fernbedienung um den Fernseher
wieder abzuschalten.
„Erdbeben“ hörte sie den Nachrichtensprecher sagen. Sie wollte sich schon wieder umdrehen
und weiterschlafen,
als mehrmals von „Istanbul“ die Rede war.
"Ein Erdbeben in Istanbul?" begann sie langsam zu registrieren. Der türkische Sender zeigte Sefaköy.
Emine wohnte dort!
Morgens um 3 Uhr hatte die Stadt etwa 60 lange Sekunden gebebt. Die Zerstörungen, die diese eine Minute
angerichtet hatte, trieb Roswitha die Tränen in die Augen als sie die Bilder sah.
Sie versuchte sie, Emine telefonisch zu erreichen. Unmöglich!
Weder
am Handy noch am Festnetz kam sie durch. Die Telefonleitungen Istanbuls waren
zusammen gebrochen. Roswitha
zog sich eilig an, schickte zahlreiche Stoßgebete zum Himmel und setzte sich von
ihren Caravan um abwechselnd Emines Handy- und dann wieder ihre Festnetznummer
anzurufen.
Selçuk, der zur Arbeit wollte, kam vorbei. „Hast du schon jemanden von deiner Familie in Istanbul erreicht?“ fragte sie ihn.
Er wusste nichts von dem Unglück.
Nachdem er - blass geworden - erfuhr, was in seiner Heimatstadt schreckliches
passiert war, nahm er Roswithas Telefon und
versuchte seine Familie zu erreichen.
Ayşe kam weinend um die Ecke. Sie wusste es schon. „Hoffentlich ist
meinem Sohn und seiner Familie nichts passiert.
Kann ich von deinem Telefon anrufen? Ich habe keine Telefonkarte“.
Natürlich konnte sie. Doch auch sie erreichte niemanden.
In Istanbul waren die Telefone dienstunfähig.
Ali hatte auch schon versucht seine Tochter anzurufen, doch auch
er bekam nur ein Besetztzeichen.
Die Ungewissheit war schrecklich.
Alle Fernsehsender berichteten über das Erdbeben und in einem wurde gesagt, dass auch in Ankara die Erde gebebt hatte.
Tote waren dort - nach ersten Informationen - nicht zu beklagen.
Roswitha weckte Davut und er erreichte seine Familie sofort. Sie waren mit einem gewaltigen Schrecken davongekommen.
Jetzt rief Roswitha René in Alanya an. Als sie seine Stimme hörte, war sie glücklich. Es ging ihm gut.
In Alanya hatten sie von dem Beben nichts gespürt. „Komm bitte zurück mein Schatz. Ich vermisse dich schrecklich“ sagte sie zu ihm. Doch er wollte noch ein paar Tage bei seinem Papa bleiben.
„Gut,
dann komme ich Morgen zu dir. Ich muss dich wenigstens kurz sehen“.
Wenig später bekam Ali einen Anruf aus Istanbul. Es war seine Tochter. Ihr und
ihrer Familie ging es gut. Von ihrer Mutter und ihren Geschwistern
hatte sie jedoch noch kein Lebenszeichen erhalten.
Im Fernsehen wurden schreckliche Bilder aus Istanbul übertragen. In blinder Verzweiflung schreiende Mütter, die ihre toten Kinder auf dem Arm trugen.
Kleine Kinder, die weinend
herumirrten oder
apathisch
neben ihren toten Eltern saßen.
Wo noch vor ein paar Stunden Häuser standen, waren jetzt meterhohe Schuttberge. Mehrstöckige Häuser waren einfach in sich
zusammengefallen wie Kartenhäuser.
Menschen - im Schlaf von dieser furchtbaren Katastrophe überrascht - waren unter
ihnen begraben.
Andere irrten in ihren Schlafanzügen herum oder scharrten mit bloßen Händen in den Trümmern. Verzweifelte Versuche Angehörige - die noch vor kurzem neben ihnen geschlafen hatten - zu finden.
In Izmit brannte es.
Jeder - mit dem Roswitha an diesem Tag sprach - hatte Verwandte oder Freunde in
Istanbul.
Ayşe sagte verzweifelt „Hoffentlich steht meine Wohnung noch. Bestimmt sind alle meine Fensterscheiben zerbrochen und mein Fernsehgerät ist heruntergefallen“ - „Ayşe beruhige dich doch. Das Wichtigste ist doch erstmal, dass es deinem Sohn und seiner Familie gut geht“ - „Ja natürlich. Aber mit meiner kleinen Rente kann ich mir keinen neuen Fernseher mehr leisten.
Er ist doch das Einzige,
was ich in
Istanbul habe“.
Roswitha wurde nachdenklich. Sie wusste, dass Ayşe im Monat nur umgerechnet etwa
270 Mark Rente bezog.
Da sie sehr sparsam war, kam sie damit aus. Aber für ein
neues Fernsehgerät oder Fensterscheiben würde es natürlich nicht reichen. Für
Extras war kein Geld da.
Zum ersten Mal in ihrem Leben, sorgte sich Roswitha um einen Fernseher. „Mach
dir darüber jetzt keine Gedanken.
Deiner Wohnung ist bestimmt nichts passiert.
Vom Stadtteil Fatih habe ich bis jetzt in den Nachrichten nichts gehört. Außerdem hast du doch den heiligen Brief von mir.
Er hat deine Wohnung gewiss beschützt. Im 2. Weltkrieg sind alle Häuser, die damals neben dem Haus meiner Oma standen,
von Bomben zerstört worden.
Ihr Haus war zwar damals auch von einer Bombe getroffen worden, doch die war,
wie durch ein Wunder, nicht explodiert.
Sie hatte diesen Brief unter ihrem Dach. Er hat deine Wohnung bestimmt auch beschützt“ - „Meinst du wirklich?“
Langsam wurde sie ruhiger. „Kann ich ganz kurz meine Freundin anrufen? Sie ist Griechin und wohnt in Istanbul“.
Sie rief dort an und kam wider Erwarten sofort durch.
„Hallo, ich bin es Ayşe. Geht es dir gut?“ schrie sie aufgeregt in den Hörer. „Ayşecim,
bist du endlich zurück aus Antalya? Komm mich doch gleich besuchen“ - „Nein,
nein. Ich rufe doch aus Antalya an. Ich wollte nur wissen, ob dir oder deiner
Tochter etwas geschehen ist. Geht es euch gut?“ - „Natürlich geht es uns gut. Was
ist denn los? Was soll uns denn passiert sein?“ - „Ja weißt du es denn nicht? In
Istanbul war ein furchtbares Erdbeben“ - „Was für ein Erdbeben? Davon weiß ich
nichts. Ich bin heute Nacht erst spät nach Hause gekommen. Ich war beim tanzen
und nicht nüchtern. Von einem Erdbeben habe ich nichts bemerkt. Wo soll das
gewesen sein?“ Ayşe klärte sie kurz auf und hängte ein. „Manyak! (Idiot)“ sagte
sie. „Sie war natürlich besoffen und hat überhaupt nichts mitbekommen. Sie
dachte in der Nacht wären überall auf ihrem Weg neue Baustellen entstanden. Na
ja, sie ist 75 Jahre alt. Ihre Tochter macht jedenfalls in Griechenland Urlaub.
Also ist auch sie gesund“.
Die alte Lady wohnte in einem sehr alten, großen Haus mit dicken Mauern. Das
hatte die Erschütterung unbeschadet überstanden.
Roswitha fielen plötzlich Şirins Kinder ein. Sie wusste, die Tochter war
vor ein paar Tagen zu den Großeltern
nach Istanbul gefahren. „Lieber Gott, lass die Kleine gesund sein“ betete sie
und fuhr zum Marine Camp. Die Soldaten dort waren sehr aufgeregt. Viele waren
aus Istanbul und hatten von ihren Familien dort keine Nachricht. Von der Tochter
ihres Kommandanten wussten sie nichts. Auch nicht, wo sich Şirins Schwester und
ihr Sohn aufhielten. Roswitha versuchte Metin an seinem Handy zu erreichen doch
das war ausgeschaltet. Zu Hause versuchte Roswitha wieder Emine anzurufen.
Und diesmal hatte sie Glück und erreichte sie auf ihrem Handy. „Mach dir keine
Sorgen. Es geht uns gut. Selbst unser Haus steht noch. Aber Roswitha - in der
Nacht hat es furchtbar gewackelt und das Allerschlimmste war dieses schreckliche
Geräusch. So etwas habe ich noch nie zuvor gehört. Wir sind auf die Straße
gelaufen und seitdem trauen wir uns nicht wieder in unsere Wohnung. Alle paar
Minuten bebt die Erde. Hoffentlich kommt nicht noch einmal so ein großes Beben.
Ich glaube, ich habe mein Gas in der Wohnung nicht abgedreht“. Roswitha war erleichtert,
dass es den Beiden soweit gut ging. Sie wollten, sobald ein Autobus nach Izmit
fuhr, dorthin um nach ihren Familien zusehen. Serdars Vater und seine Brüder
lebten dort.
Auch 2 Schwestern von Emine.
In Izmit war das Beben am stärksten gewesen. Serdar und Emine wussten nicht, ob
jemand aus ihren Familien überlebt hatte.
In Gölçü befand sich ein Marinestützpunkt der buchstäblich vom Meer verschlungen worden war. Viele der jungen Soldaten und ein General, der gerade dort zu Besuch war, waren gestorben.
Wen Roswitha auch traf an diesem Tag, jeder vermisste jemanden in Istanbul oder in Izmit.
Sie ging zum Restaurant. Ahmet kam ihr schon entgegen. „Ersin will heute noch
nach Istanbul fahren und seine Familie suchen. Sie wohnen in Yalova. Kannst du
mit ihm sprechen?“
Ersin war ein Komi und 17 Jahre alt. „Mein Junge, du kannst heute auf keinen Fall
fahren. Auf den Straßen nach Istanbul herrscht Chaos. Die Autos und Busse kommen
nicht mehr durch. Warte doch wenigstens bis morgen. Deiner Familie geht es
bestimmt gut. Sie werden sich große Sorgen machen, wenn sie hier anrufen und
erfahren, dass du mit dem Bus unterwegs bist“. Der Junge sah das letztendlich
ein.
Dass ihn seine Mutter anrufen könnte - der Gedanke beruhigte in etwas. „Aber wenn ich bis
morgen nichts von ihnen höre,
dann werde ich fahren“. Roswitha hatte furchtbares
Mitleid mit ihm. Im Fernseher ansehen zu müssen, wie sie die Toten aus den
Trümmern von Yalova bargen und nicht zu wissen, wo die eigene Familie war und ob
sie noch lebten...
“Deine Mutter ist bestimmt sehr froh, dich hier in Antalya und in Sicherheit zu
wissen“.
Roswitha rief mit Ayşe bei deren Tochter in Kaş an. Die hatte inzwischen eine Tante in Istanbul erreicht und erfahren,
dass Ayşes Sohn und seine zwei Kinder
am Leben waren.
Das Haus in dem sie wohnten, hatte zwar Risse bekommen, doch den Bewohnern war
nichts geschehen. Roswitha umarmte die Freundin stürmisch. „Siehst du, alles
wird gut. Du wirst sehen, auch in deiner Wohnung ist alles in Ordnung“ - „Inşallah!
Stell dir vor, ich wäre, so wie ich es eigentlich vorhatte, schon letzte Woche
nach Istanbul zurück gefahren. Ich hätte bestimmt vor Angst schon einen
Herzinfarkt bekommen. Ich bin so froh, dass du mich überredet hast noch eine
Weile hier zu bleiben“.
Nachdem sie ihren Sohn in Sicherheit wusste, sorgte sie sich wieder um ihr Fernsehgerät.
Es gab kein
anderes Thema als das Erdbeben. Roswitha starrte in den Fernseher
und hatte Mühe alles zu begreifen, was sie sah.
Das Beben erstreckte sich über 400 km. Wo noch Gestern ein großer Fluss gewesen
war, war jetzt nur noch sein trockene Flussbett zu sehen. Die Erde hatte das
Wasser regelrecht verschlungen.
Überall brannte es. Eine Ammoniak-Fabrik in Izmit drohte zu explodieren.
Und immer wieder wurden Bilder von verzweifelten Menschen gezeigt, die nicht
begreifen konnten was da in nur 60 Sekunden passiert war.
Dann fiel auch in Antalya der Strom aus. „Sie haben in ganz Istanbul
die Elektrik abgeschaltet“ versuchte sich Ali das zu erklären. „Wahrscheinlich erstreckt sich das bis
hierher“.
Das war sehr unwahrscheinlich. Aber in der Türkei war nichts unmöglich. Es wurde
Abend und das Restaurant blieb leer.
Nicht ein Gast war gekommen. Roswitha verstand, dass die Leute keine Lust hatten sich zu amüsieren. Hatte doch beinahe ein jeder Freunde, Bekannte oder Verwandte im Katastrophengebiet. Ob Ilter etwas passiert war?
Erdbeben! Es gab kein anderes Gesprächsthema an diesem Abend. "Es ist ja schon lange ein großes Erdbeben vorhergesagt worden. Doch dieses war es nicht. Es wird noch einmal eines kommen, bei dem ein Viertel der ganzen Türkei zerstört werden soll" erzählte ein Kellner. Wann das sein würde...? Kein Mensch wusste die Antwort.
„Das weiß nur Allah allein“ sagte er.
War Roswitha bis zu diesem Tag manchmal traurig und überlegte, vielleicht doch
noch ein Jahr länger in der Türkei bleiben zu wollen - jetzt war sie sicher das
einzig Richtige zu tun indem sie so schnell wie möglich nach Deutschland zurück
ging
Die türkische Regierung hatte bis dahin überhaupt nichts unternommen. Die
Bevölkerung war in diesen schweren Stunden völlig auf sich gestellt. Es
herrschte ein unvorstellbares Chaos.
.
In Istanbul saßen die armen Leuten auf den Straßen. Niemand traute sich zurück in die Häuser und Wohnungen. Auch nicht, wenn
diese unversehrt geblieben waren.
Die Angst vor einem neuen Beben war zu groß. Furchtbar war es für die unzähligen
Verletzten. Die Krankenhäuser,
die keine Erbeben-Schäden abbekommen hatten, waren
hoffnungslos überfüllt und so wurden die Menschen notdürftig auf den
Straßen versorgt indem man die lebenswichtigen Infusionen an Bäumen und Sträucher
befestigte.
Am darauf folgenden Tag wurden Hilfstruppen aus dem Ausland erwartet.
Aus
Deutschland wurden Rettungsmannschaften mit Hunden eingeflogen, um Verschüttete
zu finden.
Die deutschen Helfer standen stundenlang am Flughafen herum, bevor man sie
endlich um sie kümmerte und sie zu ihrem Einsatzort brachte. Ihre Arbeit wurde
dadurch noch erschwert, dass keine Dolmetscher zur Verfügung standen.
Über Radio und Fernseher suchte man Leute, die Deutsch und Türkisch sprachen.
Roswitha wunderte sich. Wenn sie in Istanbul zu Besuch war, hatte sie die
Erfahrung gemacht, dass gerade dort sehr viele Menschen lebten, die
ausgezeichnet Deutsch sprachen.
Roswitha schämte sich plötzlich. Monatelang war sie tieftraurig gewesen. Warum eigentlich? Des Geldes wegen?
René und sie waren doch zusammen und gesund! Für sie ging das Leben auch in Deutschland weiter. Mit Einschränkungen,
doch sie
würden weder hungern noch frieren müssen. Sollte einer von ihnen krank werden -
die deutschen Ärzte waren ausgezeichnet. Die Versorgung in den Krankenhäusern vorbildlich.
Ihre Depression kam Roswitha plötzlich wie eine Sünde vor. Sie schwor, sich nie
wieder so hängen zulassen.
Die Menschen in Istanbul - die hatten wirkliche Probleme.
Von einer Sekunde zur anderen hatten sie alles verloren. Ihre Kinder, ihre Mütter und Väter und ihr Hab und Gut.
Nichts war ihnen geblieben als dass,
was sie am Leibe trugen.
Roswitha entschloss sich, alles was sie nicht nach Deutschland mitnehmen
konnte, nach Istanbul zu schicken.
Immer wieder wurden Lebende aus den Trümmern geborgen.
Einer Frau - sie lag unter einem großen Kühlschlank in dem halb zerstörten
Haus - wurden an Ort
und Stelle die Beine amputiert. Die Gefahr, bei einem Versuch die Trümmer über
ihr zu beseitigen würde das gesamte Haus einstürzen lassen - war zu groß.
Ein Mann scharrte mit bloßen Händen in einem Trümmerhaufen nach seinem Kind. „Helft mir doch“ schrie er verzweifelt. „Ich habe 5 Kinder, 4 konnte ich retten doch mein Jüngster liegt noch da unten. Alleine schaffe ich es nicht. Helft mir!
Wo ist denn unsere gute Regierung? Warum tut sie denn nichts?
Mein
Kind ... helft mir mein Baby zu retten!“
Vor Verzweiflung verlor er fast den Verstand.
An einer anderen Stelle wurde ein kleines Mädchen lebend geborgen. Ihre Eltern
und Geschwister lagen noch in den Trümmern.
Ein Mann erzählte weinend, sie hätten sich gerade nach der Hochzeitsfeier ihrer
Tochter schlafen gelegt als das Beben begann. Die ganze Familie und ihre Gäste -
die aus der ganzen Türkei angereist waren - waren tot.
Auch das Brautpaar.
Viele Tausend Tote wurden in Kühllastern von Eis- und Lebensmittelfirmen transportiert.
Die Leichen aus betroffenen Bezirken in ein Eisstadion in Istanbul gebracht wo die Toten fotografiert und nummeriert wurden,
um die Suche nach vermissten Personen zu ermöglichen.
Ein Hotel mit dazu gehörigem Teegarten war komplett vom Meer verschlungen
worden.
Die Menschen lagen etwa 100m unter dem Meeresspiegel tot in ihren Betten. Es war alles sehr schnell gegangen.
"Ich habe das Feuer der Hölle mit meinen eigen Augen gesehen" berichtete ein
Fischer entgeistert der sich bei der Katastrophe mit seinem Boot auf hoher See
befand. "Das Meer hat sich aufgetan und ich konnte bis auf den glühenden Grund
sehen.
Kurze Zeit später schwammen gegarte Fische an der Oberfläche".
Roswitha dankte Gott, dass sie bei diesem fürchterlichen Erdbeben nicht mit René in Istanbul gewesen war.
Ersin kam freudestrahlend angelaufen. „Roswitha Hanım - Meiner Familie geht es gut, sie sind gesund. Meine Mutter hat eben angerufen. Wir wohnen in einem sehr alten Haus in Yalova. Beinahe alle Häuser unserer Nachbarn wurden zerstört,
doch unseres ist stehen geblieben. Mama war wirklich sehr froh, dass ich nicht versucht habe nach Istanbul zu fahren.
Sie lässt dich herzlich grüßen“. Roswitha freute sich sehr
mit ihm.
Es war wie ein Wunder - alle ihre Freunde und Bekannten hatten das Erdbeben
gesund überstanden.
Bis jetzt.
Wenn sie doch nur von Şirin eine Nachricht erhalten würde, dass auch deren
Kinder gesund waren.
Sie versuchte es noch einmal an Metins Handy. Sie erreichte auch diesmal niemanden.
Roswitha machte große Pakete für Istanbul. Alles was sie finden konnte, packte sie hinein. Kleidung, Wolldecken,
Kochtöpfe und Spielsachen von René, die sie
ursprünglich ins Waisenhaus bringen wollte.
Dauernd kamen Aufrufe im Fernseher und Radio, dass die Menschen in Istanbul auf
jede Hilfe angewiesen seien.
Am dringendsten würden Medikamente benötigt. Doch auch jede Art von Babynahrung oder Windeln.
Die Helfer mit der Hundestaffel arbeiteten Tag und Nacht um so viele Verschüttete wie nur möglich, lebend aus den Trümmern zu retten. Die Hoffnung noch Überlebende zu finden, wurde jedoch von Stunde zu Stunde geringer.
Am Nachmittag - Roswitha überlegte wie man den Menschen außer mit Paketen noch helfen konnte - kam Zafer und fragte: „Was machen wir jetzt mit dem Abendprogramm? Hast du schon einen neuen Solisten gefunden?“ - „Zafer ich glaube nicht,
dass wir im Moment einen neuen Solisten brauchen werden. Das
Restaurant wird jetzt sowieso nicht mehr laufen. Oder denkst du, dass die
nächste Zeit jemand an Feste feiern denkt?“
Als am Abend Pascha kam und mit der Musik beginnen wollte, stoppte ihn Roswitha.
„In Istanbul ist so viel Leid und Elend, Leute die noch immer lebend unter ihren
Häusern begraben
sind. Da fände ich es nicht richtig, wenn wir Musik machen würden als ginge uns
das hier nichts an. Außerdem sind nur 2 Tische mit Gästen hier. Ich denke sie
werden verstehen, dass wir unter diesen Umständen ein paar Tage kein
Musikprogramm haben werden. Und wenn es jemand nicht versteht, dann ist mir das
letztendlich auch egal“. „Ja und wie machen wir dann das mit meiner Gage?“
fragte Pascha - „Wie
du selbst siehst, haben wir keine Gäste. Wenn du aber darauf bestehst, werde ich
dir dein Geld ausbezahlen“. Er bestand darauf. Roswitha wusste ja,
dass er Geld
sehr liebte. Aber unter diesen Umständen ...?
Sie war von ihm sehr enttäuscht. Es waren schließlich seine Landsleute. Doch auf die
paar
Mark kam es ihr auch nicht mehr an. Ein paar Betrunkene beschwerten sich
darüber, dass sie nicht tanzen durften. Sie hatten anscheinend keine Bekannten
in Istanbul. „In meinem Lokal gibt es heute kein Programm“ sagte Roswitha
bestimmt. Die Gäste bezahlten ihre Rechnung und gingen.
Auch am 3. Tag wurden immer wieder Lebende aus den Trümmern geborgen.
Und noch immer wurden Dolmetscher im Katastrophengebiet gesucht. „Wenn sie
wirklich niemanden finden, dann fliege ich morgen nach Istanbul“ sagte Roswitha
zu Davut. „Ich kann zwar keine Verletzten versorgen, da ich kein Blut sehen
kann.
Aber ich kann dolmetschen.
Wenn ich dort so helfen kann, dann
gerne“. „Ich komme mit! Alleine gehst du da nicht hin“.
Sie verstanden beide nicht, warum sich niemand meldete. Möglicherweise hatten die
Menschen große Angst vor einem neuen Beben.
Die Helfer fanden immer wieder Verschüttete. Konnten aber nicht abschätzen, wie
schwer diese verletzt waren oder ob sich noch andere Verletzte dort befanden, da
sie die Sprache nicht verstanden.
Inzwischen wurde mit über 35 000 Toten gerechnet.
Das Handy von Roswitha klingelte. Es war Metin, der aus Deutschland anrief. „Alles in Ordnung“ sagte er.
„Unseren Kindern geht es gut. Wir kommen, sobald wir unsere Flüge umbuchen können zurück“.
Roswitha war sehr erleichtert. Sie hatte nicht gewusst, dass sich auch der Sohn und Şirins Schwester in Istanbul befanden.
Doch es ging ihnen allen gut und das war die Hauptsache.
Im Radio wurde nun eine Durchsage gemacht: Musikverbot für die gesamte Türkei.
Davut wollte Roswithas Pakete nach Istanbul abschicken. Er erkundigte
sich, doch niemand konnte konkret sagen, wie das Zeug nach Istanbul
transportiert werden sollte. Bei der Gemeinde sammelten sich ganze
Menschenscharen die alle etwas spenden wollten.
Im Radio hatte man gesagt, die Pakete könnten bei den Gemeinden abgegeben
werden, doch dort wusste nun niemand Bescheid. „Wir haben überhaupt keine
Transportmöglichkeiten. Bitte nehmen sie ihre Sachen wieder mit“ sagten sie
mit dieser Situation völlig überfordert.
Was war das nur für eine Organisation? In Istanbul warteten die Leute
verzweifelt auf Hilfe und in Antalya stapelten sich die Spenden Waggonweise.
Nur ... keiner war da um sie den armen Menschen zu bringen.
In Istanbul gab es in bestimmten Stadtteilen weder Brot noch Trinkwasser.
Dort wurde nun - von gewieften Geschäftemachern - der Liter Wasser zum Wucherpreis
von 2 Millionen, umgerechnet 10 Mark, verkauft. Wer das Geld nicht hatte, musste
durstig bleiben.
Brot wurde zwar vom Staat geliefert - Doch niemand kontrollierte wohin.
So stapelten sich in einer Ecke Istanbuls richtige Brotberge die dort verschimmelten, während
es in den anderen Vororten nicht eine Scheibe Brot gab.
Unorganisiert und disziplinlos war das Chaos vorprogrammiert. Es herrschte Faustrecht.
Am
anderen Tag hatten sich wenigstens endlich ein paar Dolmetscher gemeldet. Roswitha war
erleichtert.
Aus Istanbul war ein Mann gekommen mit dem Ali bei Roswitha vorbei kam.
Roswitha schenkte ihm eine Tasse Kaffee ein und er erzählte: „Ich lag mit meinen
zwei Söhnen im Bett als es anfing. Ich wusste nicht, was da passiert. Schnappte
instinktiv mein Kind und lief mit ihm nach draußen. Zuerst sah ich zum Himmel,
ob der Mond noch dort war, wo er hingehörte. Ich dachte zuerst, die Erde wäre
aus ihren Angeln gehoben worden. Als ich den Mond unverändert sah, wusste ich,
dass es sich um ein Erdbeben handeln musste.
Es wackelte nicht, wie ich immer dachte, hin und her. Nein…die Erde bewegte sich
rauf und runter.
Als klopfte der Teufel im Inneren und wollte herausgelassen werden. Und dann dieses furchtbare Geräusch - ein durchdringendes Pfeifen wie ich es noch niemals hörte - Und auch hoffentlich nie wieder hören werde. Ich stand schon eine Weile vor dem Haus, als mir mein zweiter Sohn einfiel, der noch immer im Bett lag... Ich hatte mein Kind vergessen!“ sagte er mit Tränen in den Augen und darüber noch immer fassungslos.
Es hatte heftig zu regnen begonnen in Istanbul und zu allem Unglück kam jetzt noch eine Überschwemmung hinzu.
In
eine Stadt, in der Millionen Menschen auf den Straßen leben mussten.
Zelte gab es nirgendwo zu kaufen. Kein Meter Zeltplane war aufzutreiben.
Aus diesem Grunde war der Mann nach Antalya gekommen. Er wollte versuchen,
wenigstens Stoff für ein paar Zelte zu bekommen. „Wann fährst du zurück?“ fragte
Roswitha ihn.
„Ich hoffe in zwei Tagen. Kommt darauf an, wann ich genügend Zeltstoff gefunden
habe.
Meine Familie wartet in Istanbul ohne ein Dach über dem Kopf. Und das geht
vielen anderen auch so“. „Siehst du das Zelt da drüben?“ - „Ja, was ist damit?“
-
„Kannst du es transportieren? Ich schenke es dir“.
Sofort wurde das Zelt von dem Mann begutachtet „Weißt du eigentlich wer er ist?“ fragte Ali, nachdem der Mann gegangen war. „Ein armes Erdbeben Opfer. Warum? Sollte ich ihn kennen?“ - „Das ist doch der Schreiner, mit dem du vor ein paar Wochen Streit hattest. Der, der sich immer an die Kasse setzte und dort sein Bier trank. Du hast ihm dass dann verboten. Erinnerst du dich jetzt?“ - "Ich kann mich zwar an den Vorfall erinnern - an diesen Mann jedoch nicht. Du weißt, ich habe kein gutes Personengedächtnis. Aber was spielt der dumme Streit jetzt noch für eine Rolle?"
Seine Familie saß in Istanbul auf der Straße und Roswitha hatte ein Zelt, dass sie nicht mehr brauchte.
Ali hatte ja gehofft, das 5 Mann Zelt würde in seinen Besitz übergehen, sobald
Roswitha in Deutschland wäre. Jetzt hatte sie es dem Schreiner geschenkt. Er
verstand das nicht.
Sie informierte Davut, der ja noch darin wohnte. Er sollte zusammen mit dem Mann das Zelt abbauen,
damit der später wusste, wie er es wieder aufbauen musste. Davut war sofort
einverstanden und zog in einen Bungalow um.
Am Abend lud Roswitha den Schreiner an ihren Tisch zum Abendessen ein. „Auch hier in Antalya sind die Zelte fast ausverkauft. Da bin ich jetzt um dein schönes großes Zelt doppelt froh. Allah wird es dir vergelten“.
Auch am 4. Tag wurden Überlebende in den Trümmern gefunden.
Da das Trinkwasser sehr teuer verkauft wurde, tranken viele Menschen das
schmutzige Wasser aus den Kanälen.
Es gab weder Toiletten noch Duschen - Seuchen
wurden befürchtet. Und noch immer kümmerte sich der türkischen Staat herzlich
wenig.
Aus allen Ländern der Erde kamen Geld- und Sachspenden. Nur die türkische
Regierung tat so gut wie nichts.
Im Fernseher wurde gezeigt, wie die Pakete, die gespendet worden waren, einfach
auf Istanbuls Straßen geworfen wurden.
Die Erdbeben Opfer trampelten darauf
herum. Da es immer noch regnete, wurden die Sachen schnell unbrauchbar.
Als der Schreiner kam, um das Zelt abzubauen, fragte Roswitha, ob er auch ihre
Pakete mitnehmen könnte. „Ich habe einen Kleinlaster gemietet, also für deine
Päckchen genug Platz“ - „Du kannst dir natürlich nehmen, was du willst. Die
übrigen Sachen gib bitte jemandem, der sie benötigt“ - „Meinen Nachbarn ist außer
was sie in dieser Nacht am Leibe trugen, nichts geblieben. Die werden sehr froh
an diesen Sachen sein. Eines kann ich dir versprechen: Nichts davon kommt in die
Mülltonne.
Im Gegenteil, es wird meinen Bekannten weiterhelfen“.
Auf dem Atatürk-Flughafen war ein deutsches Flugzeug mit Medikamenten gelandet. Die Container standen herum und wurden nicht zu den Krankenhäuser transportiert, wo sie dringend benötigt wurden. Menschenleben hingen davon ab.
Doch das schien
niemanden zu kümmern. Angeblich standen keine geeigneten Lastwagen zur
Verfügung.
In dieser Nacht gab es einen Erdbeben-Alarm in Antalya. Ein paar ganz abgefeimte Jugendliche fuhren mit ihrem Autos durch die Straßen, hupten und
brüllten: „Erdbeben!“
Die Leute - durch die schrecklichen Bilder im Fernsehen verängstigt - liefen aus ihren Wohnungen flüchtend auf die Straßen.
Die Jugendlichen räumten seelenruhig die unverschlossenen, verlassenen Wohnungen aus.
Auch noch am 7. Tag fand man Überlebende. Aber die Chancen weitere Menschen in den Trümmern zu finden,
waren sehr gering.
Das Leben ging weiter. Auch das Musikprogramm im Restaurant fand wieder statt. Es kamen auch Gäste - doch bei Weitem nicht mehr so zahlreich wie vor dem Beben.
Doch das normale Leben nahm langsam wieder seinen Lauf in Antalya.
Das eingenommene Geld des Restaurants deckte gerade einmal die Unkosten.
Roswitha war das egal.
Sie hatte keine Angst mehr ohne Geld in Deutschland neu anfangen zu müssen. Das
unvorstellbare Leid, dass sie in den letzten Tagen hautnah miterlebt hatte, ließen ihr
die eigenen Sorgen wie läppischen Kinderkram erscheinen. Was waren schon
Geldsorgen im Vergleich mit so einem Unglück?
An die Erdbebenopfer wurden jetzt vom Türkischen ‚Roten Halbmond‘ Zelte
vergeben.
Siedlungen mit den kleinen weißen Unterkünften entstanden. Die Menschen schlugen
sich die Nasen blutig um so ein rundes Zelt.
Am 10. Tag wurde noch ein 13jähriger Junge lebend aus den Trümmern gerettet.
Noch immer spielten sich tragische Szenen ab und noch immer war die Panik vor
einem erneutem Beben groß.
Diese Angst wurde von den Medien noch gewaltig
geschürt.
Täglich bebte es in Istanbul. Şirin
und Metin waren aus Deutschland zurückgekommen. „Ich verstehe dich nicht
Roswitha.
Deine Heimat ist so wunderschön, wie konntest du so lange hier in der Türkei leben?
Bei euch ist alles so ordentlich und sauber. Selbst die Straßen. Niemand braucht sich dort die Schuhe ausziehen beim betreten der Wohnung. Am liebsten würde ich auch dort leben. Die süßen kleinen Häuser in Lehr. An jedem Fenster Blumen. Als wir abends spazieren gingen, bin ich stehen geblieben, um in die Fenster sehen zu können. Ich wollte unbedingt sehen wie die Menschen dort leben. Hoffentlich hat mich keiner gesehen. Sie müssen ja sonst von mir gedacht haben, ich sei verrückt.
So begeistert wie ich war“.
Metin war befördert worden. In Antalya war er jetzt der höchste Mann der Marine.
Es war eine offizielle Feier dafür vorgesehen, die Metin aber wegen des
Erdbebens ablehnte. Roswitha schlug vor ein kleines, privates Fest zu
organisieren. Nur engster Freundeskreis im „Kaptan Restaurant“. Der Abend wurde
recht gemütlich.
Obgleich keiner von ihnen Lust hatte, zu tanzen.
Es war klar für Roswitha, in Deutschland würde sie diese Familie von allen am
meisten vermissen.
Metin war für sie wie ein Bruder und Şirin wie eine ganz liebe Schwester. Auch die Kinder der Beiden liebte Roswitha sehr.
Sie war glücklich, sie gesund und
munter wieder zusehen.
Bei deren Großeltern hatte das Beben keinen großen Schaden angerichtet. Auch
dieses Haus war ein stabiler Altbau.
Das Obst wurde serviert und die Küche hatte sich für Metins Feier etwas
Besonderes einfallen lassen:
Ein 5-stockiges, beleuchtetes Kunstwerk schön wie ein Stillleben.
Ali
ließ den Gästen keine Zeit, sich daran zu ergötzen - er wartete erst gar nicht
bis Ahmet das Obst fachgerecht
servierte.
Noch bevor Metin seinen Fotoapparat zücken konnte, griff Ali beherzt mit den
Händen in die Obstpyramide und pfefferte die Früchte auf die Teller der
hochrangigen Gäste.
Schnell war es vorbei mit der Kunst und innerhalb einer Minute sahen die
Obstplatten aus, als hätten auch sie ein Erdbeben mitgemacht.
Nebenbei stopfte Ali sich selbst die besten Stücke in den Mund. Die Gäste
verzogen keine Miene.
Auch nicht, als Ali ein zu großes Stück Melone in seinen Mund hatte und diese
über den Tisch spuckend, lautstark eine Anekdote erzählte.
Roswitha musste kichern. Wie konnte dieser Mann jemals behaupten, er wäre
Kapitän auf einem Passagierschiff gewesen?
Das Kapitänsdinner müsste dann ja auch in etwa so abgelaufen sein. Bestimmt hätten sich alle Passagiere darum gerissen,
an Kaptan Alis Tisch dinieren zu dürfen.
Ein unvergessliches Erlebnis wäre es zweifellos geworden.
Wieder war es Herbst geworden. Früher als in den Jahren davor. Am Tag war es
jetzt angenehm warm und die Nächte herrlich kühl.
Roswitha konnte ihre Tickets abholen. Nun stand es endgültig fest: Am 19. September ging es unwiderruflich
zurück nach Deutschland. Genau in 10 Tagen.
Das kleine Boot war an Bariş
verkauft worden. Sie bekam dafür nicht den Preis
den sie eigentlich wollte, konnte das Boot aber bis zum letzten Tag benützen, da
Bariş
in Ankara zu tun hatte.
Am 13. September ging die Schule wieder los. Das Restaurant würde jetzt noch
weniger bringen. In den meisten Familien gab es 4 oder 5 Kinder. Jedes Kind
brauchte zum Schulanfang Kleidung, neue Hefte und Bücher. Eine Menge Auslagen
für die Leute. Roswitha ärgerte sich, nicht schon viel früher mit dem Kriegsbeil
auf den Tisch gehauen zu haben. Damals hatte sie jedoch ihren Kampfgeist
verloren und war kraftlos herum gesessen. Jetzt war es zu spät. Es musste auch
so reichen.
Je näher Roswithas Abreisetag kam, so ängstlicher wurde Ali. Die Gewissheit -
schon bald mit dem ganzen Geschäft alleine dazustehen - versetzte ihn in Panik.
Kein Partner mehr auf den er alle Schuld und Schulden abwälzen konnte. Und wen
sollte er dann betrügen? Etwa sich selbst?
Er machte Roswitha die verlockendsten Angebote. „Du kannst hier weiter arbeiten. Wenn du etwas verdienst, dann bekomme ich von dir so viel Geld, wie du mir freiwillig geben willst. Wenn du nichts verdienen solltest, dann will ich nicht eine Lira von dir“. „Das hatten wir doch alles schon. Wohin hat es mich gebracht? Nein, ich gehe nach Deutschland zurück. Sei nicht traurig.
Du bist doch Çakal Ali (Ali der Schakal) und schaffst das auch alleine“. Irgendwie tat er ihr jetzt wieder leid.
Er
war eben so wie er war und würde sich auch niemals ändern.
„Kannst du dich an die Familie mit den 5 Kindern erinnern? Sie verbrachten ihre
Ferien hier“ fragte er das Thema wechselnd. „Ja, was ist mit ihnen?“ - „Keiner
von ihnen hat das Erdbeben überlebt“.
Serdar rief aus Izmir an. „Das Haus meines Vaters ist total zerstört worden. Er selbst hat einen Schock - doch sonst ist er in Ordnung. Ich habe versucht ein Zelt für ihn aufzutreiben ... Aussichtslos! Hast du nicht noch ein Zelt, dass du nicht mehr brauchst?“. „Tut mir leid ... Das Zelt meiner Mutter habe ich nach Yalova gegeben - du kannst aber Ali mal fragen.
Er hat ein ganzes Depot mit Zelten. Was davon noch brauchbar ist - dass kann ich dir aber nicht sagen. Wie geht es Emine?“ „Nicht so gut. Ihr Kreislauf macht mir Sorgen. Sie hatte in ihrer Familie ein paar Todesfälle. Du kannst dir nicht vorstellen, wie es hier aussieht. Ganz Izmir lebt auf den Straßen. Niemand traut sich in ein Haus zu gehen. Täglich bebt die Erde und die Menschen geraten Knall und Fall in Panik. Die Fabrik bei der ich arbeite ist beschädigt. Ob und wann ich wieder arbeiten kann, ist noch ungewiss“.
„Da hast du Glück, dass du dieses Jahr in Rente gehen kannst. Ist dein Rentenantrag denn noch immer nicht durch?“ - „Nein! Und so wie es aussieht, wird das auch so schnell nichts werden. Meine Abfindung werde ich auch vergessen können wenn die Fabrik kaputt ist. Es sieht nicht gut aus für uns“ - „Das tut mir sehr leid. An dich habe ich - als ich das Zelt verschenkte -
leider nicht gedacht“. „Egal, die Menschen in Yalova können es sicher auch gut gebrauchen“. Er verabschiedete sich und versuchte bei Ali sein Glück. Der dachte nicht daran, eines seiner vergammelten Zelte wegzugeben. Lieber ließ er sie von den Mäusen zerfressen.
Ayşe fuhr nach Istanbul zurück. Ihre Tochter und ihr Schwiegersohn waren
inzwischen auch nach Hause zurückgekehrt. Roswitha gab ihr 100 Dollar mit.
„Sollte wirklich dein Fernseher kaputt gegangen sein, dann kannst du dir damit
einen neuen kaufen. 50 Mark davon hat meine Mama dir geschickt“.
Sofort nachdem Ayşe in ihrer Wohnung angekommen war rief sie bei Roswitha an.
„Hier ist alles in Ordnung! Nur sehr staubig ist alles geworden. Jeden Tag bebt
die Erde. Ich werde - meinen Ausweis immer am Körper - in meinen Kleidern schlafen
müssen. Du kannst dir nicht vorstellen, wie es hier stinkt. Über ganz Istanbul
hängt dieser furchtbare Geruch ...
Soll ich nun das Geld jemandem anderen geben?“ - „Nein, behalte du es“ - „Du bist
meine allerbeste Freundin. Ich wünsche dir von ganzem Herzen alles Glück der
Welt“.
Roswitha fuhr mit Davut nach Antalya. Seit der Abreisetermin feststand war er sehr bedrückt.
Er versuchte es sich nicht anmerken zu lassen, hatte aber in der letzten Woche gut 2 Kilo abgenommen. „Ich werde nach Ankara zurückgehen und Arbeit suchen. Mach dir um mich keine Sorgen“ sagte er betont zuversichtlich. „Kümmere dich jetzt nur um René und um dich selbst - aber ich werde euch schrecklich vermissen“. Den letzten Satz sagte er so leise, dass sie ihn kaum verstand. Später vermieden sie es Beide, noch einmal von dem bevorstehenden Abschied zu sprechen.
Roswitha packte ihre restlichen Koffer - doch am liebsten hätte sie alles wieder
ausgepackt und wäre da geblieben wo sie war. Ihr war zum heulen - und doch
versuchte sie Optimismus auszustrahlen. Sie musste tapfer sein um René nicht zu
verunsichern. Das Kind war zwar froh, dass er noch ein paar zusätzliche
Ferientage hatte -
doch er wollte er seine geliebte Türkei gar nicht verlassen.
Roswitha verstand ihn nur zu gut. Er war ja dort aufgewachsen und musste alles was bis dahin sein Leben ausmachte - verlassen.
Die Sprache beherrschte er viel besser als seine eigentliche Muttersprache. „Schau, du hattest hier eine wunderschöne Kindheit“ sagte Roswitha zu ihm, „aber wir sind Deutsche. Unsere Heimat ist Deutschland. Du musst noch ein paar Jahre dort zur Schule. Das ist sehr wichtig für deine Zukunft“.
„Ich bin aber halb Türke und halb Deutscher - weil mein Papa doch Türke ist“ - „Nein mein Schatz - du bist ein Deutscher.
Aber du wirst sehen, unsere Heimat ist auch wunderschön. Genau das Richtige Land für so ein schlaues Kerlchen wie dich.
Was wir beide hier zusammen erlebt haben war wunderschön. Doch jetzt ist dieser Abschnitt zu ende. Auf uns wartet nun ein neues Abenteuer“ - „Na gut - und wenn es uns nicht gefällt, können wir ja wieder zurückkommen“ -
„Aber natürlich mein Liebling. In den Ferien machen wir natürlich immer in der Türkei Urlaub“ -
Der kleine Mann war ja so vernünftig - und trotzdem machte sich Roswitha Sorgen. Ober er sich in Deutschland gut einleben würde? Besonders die Schule machte ihr Kopfzerbrechen. Der Anfang würde schwer werden für René.
Es nützte alles nichts. Wenn sie dieses Jahr nicht zurückkehrten, würde es im nächsten noch schwieriger werden.
Roswitha sah auf ihre Koffer. Noch war nicht alles eingepackt und schon jetzt hatte sie mindestens
100 Kilo Übergepäck. Sie telefonierte mit Mecki. „Mach dir keine Gedanken über
die Kilos. An der Gepäckaufgabe wird ein guter Freund von mir sein. Der managt
das schon“.
Roswitha ging mit Davut und René zum Boot. Sie wollte die letzten Tage so
harmonisch wie möglich verbringen.
Davut und René alberten im Meer, Roswitha genoss die Sonne.
In Gedanken sah sie die letzten Jahre vor sich. Auch wenn sie jetzt nicht mehr besaß, als das was in ein paar Koffern Platz fand ...
Sie bereute nichts!
René war - als sie ankamen - ein völlig verstörter Schreihals. Nun war zu einem selbstbewussten,
glücklichen Menschen herangewachsen. Schon alleine dass war es wert gewesen.
Von ihrer Liebe zu Ali waren zwar nur Scherben übrig geblieben - doch sie hatte
eine neue, wundervolle Liebe gefunden die all die unschönen Dinge wieder wett
gemacht hatte. Sie
hatte so viel Schönes erlebt und - eine Menge gelernt. Über 6 Jahre hatte sie an einem
der schönsten Plätze der Welt gelebt und war von den Menschen voll akzeptiert
worden. Trotz unterschiedlicher Kultur und Religion. Das
sollte ihr erst einer nachmachen.
Irgendwann würde wieder ein anderes Abenteuer auf sie zukommen. Das wusste sie
sicher. Aber eine Ecke ihres Herzens würde für immer der Türkei und den Menschen
dort gehören.
Jetzt galt es erst einmal das Abenteuer Deutschland zu meistern. Auf in den
Kampf!
Die letzten Tage vergingen schnell.
Der 19. September war gekommen ... Abreisetag!
Von Davut hatte sich Roswitha schon am Abend vorher in seiner Wohnung
verabschiedet.
Am
Flughafen würde sie keine Gelegenheit mehr dazu haben.
Die 150 Kg Gepäck gingen ohne Schwierigkeiten über das Band. Das gesamte „Kaptans“
Personal war mit zum Flugplatz gekommen. Ali hatte schon in aller Frühe zu
weinen begonnen und schluchzte stundenlang wie ein kleiner Junge.
Sobald er etwas sagen wollte, kullerten dicke Tränen über sein Gesicht
An der Passkontrolle gab es - wie von der Wahrsagerin vorhergesagt - wegen des nicht vorhandenen Einreisestempels von René ein kleines Problem.
Nach 10 Minuten konnten er und Roswitha - dank eines netten
Polizeibeamten - zum Flugzeug.
Das Letzte was sie in der Türkei sahen, war der immer noch aufgelöste, tränenüberströmte Ali
und neben ihm ein tapferer, unendlich trauriger Davut.
Hand in Hand saßen Roswitha und René dann im Flugzeug. Noch einmal sahen sie von oben ihre geliebte Türkei.
„Das hier wird auch immer unsere Heimat bleiben. Wir
haben jetzt eben zwei“ sagte Roswitha zu René und drückte ihn an sich. Wie
heißt es so schön?
„Träume nicht dein Leben sondern lebe deinen Traum“. Sie hatten ihren Traum
gelebt"
- Am Ende wird immer alles gut! Und was noch nicht gut ist, dass ist auch noch nicht zu Ende -
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